Skip to main content

Full text of "Bilderakademie für die Jugend"

See other formats


——— Eye 














Presented to 


The Tibrarp 


L 


ot the 
University of Toronto 














cr. : 





Educal, i 


"Bilder: Mfademie 
für die Jugend. 


Abbildung und Befchreibung der vornehmſten 
Gegenſtaͤnde der iugendlichen Aufmerkfamfeit — 
aus der. biblifhen und Profangeſchichte, 
aus dem gemeinen Leben, dem Naturreiche 
und den Berufsgefchäften, aus der heidniſchen 
Götter und Alterthums - Lehre, aus den 
beiten Sammlungen guter Sabeln und moralt- 
ſcher Erzählungen — nebſt einem Auszuge 
aus Heren Baſedows Elementarwerke. — 





In vier und funfzig Kupfertafeln und zweyen Baͤnden 
Erklaͤrung herausgegeben von %. ©. Stoy, 
Prof. der Pädagogik in Nürnberg. 





Zweiter Band, 


* 
Pa te AR 
alt 
€ —* Kg’ 
Nürnberg 1784 4 u 
gedruckt mit Sixiſchen Schriften, und zu finden 
bei dem Verfaffer, pr. 2 Louisd'ors. 





Zufammenhang der Vorſtellungen. 


XXXI. Der ein und dreyßigſten Tafel. 


I, 


[687 


A: 


D 


on, 


Nebucadnezar; fein Feuerofen, fein Stolz, feine Be— 
firafung. Erfterer giebt Gelegenheit 


. vom glüenden Ochfen des Perillus , und 
. von der Glashütte zu reden. 
. Nebucadnezars Stolz giebt Anlaß zur Schilderung e% 


nes Stolzen, 


. zur Fabel von der Zufriedenheit der Dunfe, und 
‚zur Grjehlung vom Weifen und dem Narren. 


debucadnezar lauft mit den Thieren herum, tie iene 
verwilderte Menſchen, 


‚ menfhenähnliche Ihiere, Affen und dergl. ⸗ 
. Wald» und Feld⸗Goͤtter. 


XXXII. Der zwey und dreyßigſten Tafel. 
1, Daniel. Belfazer. Auf Daniels Schieffal bezieht fi 


aaO Su $. or ® 


‚ die Menagerie, 

. die Gefhichte Belifars 

. die Wirfung der Religion auf dem Throne, 
. die Naturgefchichte des Löwen, 

. der Bauer mit den Srüchten, 

. da5 Ampbhithester, und 

. die gerettete Unfhuld eines Minifters, 

. Belfaserd Gaſtmahl — der Sleifcher, 


l 


XXX, 


Zufammenhang 


XXXILIII. Der drey und dreyßiaften Tafel. 


I. 


a” Aa 2 wm B 


© 


Ahasverus und Eſther. Mardachai. Haman. 
Eſthers Tugend, Gluͤck und Klugheit geben Anlaß 


. bon der wahren und falſchen Schminte, 
som Aofenfefte zu Saleney, 


. von klugen und fleifigen Svauen, 
‚vom Flachſe, der vornehmlich 
. für den Weber und Schneider zugerichtet wird, 


. von den Göttinnen- ver «alten Griechen und Römer , 


und 


. von der Alugheit , die öfters vom Tode — 


zu reden. 


7. Hamans Schickſal — Berill und die Gluͤcks Goͤttin, 


XXXIV. Der vier und dreyßigſten Tafel. 


ut; 


D J aM >» DD 


I 


Hiobs Probe, Bothen, Gluͤck. Zu dieſer Gefehichte 
ſchicken ſich 


. die Abbildung einiger —— 
die Geſchichte des unglücklichen Calas, | 
. die Wirfungen der Sreude und der Trauriafeit, 


„die Gegenwart des Geiffes tenes abgebrannten Baus 
ern, 

die Erzehlung von den Grazien und Furien. (Hiobs 
Toͤchter waren die ſchoͤnſten im Lande — aber ſeine 
Frau und ſeine Freunde aͤngſteten ihn tie Furien.) 

Gutherzige Leichtglaubigkeit. — Ein Beweis, wie 
man oft durch eigne Schuld in allerley Unglück kommen 
Tann. 

‚Da Gott mit Hivb in einem Wetter redete, ſtellte er 
ihm unter andern feine Weisheit an den größten Thie— 
ven vor Augen — zu denfelben gehören der Klephant 

und 


6. 


der Dorftellungen. 


und das Naſenhorn. Die Zähne der erſtern bear: 
beiten 
der Drechsler und der Kammacher. 


XXXV: Der fünf und dreyßigſten Tafel. 


I, 


u DB 


— 


Chriſti Geburt. "Berfindigung derſelben der Maria 


— den Hirten. Auf iene wichtige Bigebenheit bezieht 
fi *8 ⏑⏑ ————— Tr 
„die Befchreibung des heiligen Hauſes zu Loretto, 
‚ein Eurer Auszug aus der roͤmiſchen Geſchichte, 


(unter Auguſto, dem erſten roͤmiſchen Kaiſer ward Chri⸗ 
ſtus gebohren.) 


. die Freude bey der Wiederkunft des Geliebten, 
. die Befchreibung der Sonne; (chriſtus, Die Sonne 


der Gerechtigkeit — der Aufgang aus der Höhe. )- 


». Der Sonne verfehiedenes Berhältnif gegen die Erde macht 


das Jahr — daher die Kintheilung der Zeit, umd 
der Aalender. 


. Der Mond und die Sonne, eine Fabel. 
. Die Sonne, nad) den Begriffen der Alten, 
. Der KErlöfte. 


XXXVI Der ſechs und dreyfigften Tafel. 


I, 


Ehriftus im Tempel. Die Weifen aus dem Mor 
genlande. Flucht nah Egypten. Die fihine Ju 
gend Ehrifti fol iunge Gemuͤther antreiben 


2. dem Tempel der Tugend entgegen zu gehen, - 
7. keine Schwierigkeiten fih davon abſchrecken zu laſſen, 


fondern 


dem Lehrer mit Fremden zu gehorchen, 


3. Chri⸗ 


Zufammenhang der Vorſtellungen. 


3, Chriſtus unter den iuͤdiſchen Lehrern — 
neuern iuͤdiſchen ee Den Argung aue der 
6. Chriſti Pfleghater — ein Zimmermann: 

9. Seine Eltern finden ihn wieder — wie iener Vater 
feinen Sohn. 

5. Weil in der vorigen Tafel die Sonne befchrieben wurde, 
fo fommt hier der Mond vor — Diefer und der von 
Shrifto befuchte Tempel, giebt dann Anlaß 

8. von der Diana, und ihrem Tempel zu Epheſus ;u 


s zu reden. 





Zuſammenhang 
der Vorſtellungen. 


XXXVII. Der ſieben und dreyßigſten Tafel: 


1. Die Taufe Chriſti — feine Verſuchung — Die 
Enthaupfung des Johannes. Erſtere giebt Anlaß von 
der Taufe 

2. der Ratbolifen und Griechen, 

4 der Reformirten und Lutberaner su reden; 

3. und überhaupt, die ebriftliche Gefebichte zu entwerfen. 

5. Das Waller, das zur Taufe gebraucht wird, bat auch vor 
das gemeine Leben, allerley Reichthuͤmer und Vortheile; 
man findet in vemfelben Perlen und Borallen; 

6. man führt es in Schöpf + Roͤhr⸗ und Sprinabruns 

nen, zum Nujzen und zum Dergnügen, wohin man will 
' 8. Der Bott des Waſſers, Neptun. 
9. Die Geheimniße, von welchen bey der Taufe Ehrifti 
Ä geredet wird, geben Gelegenheit von der Unmöglichkeit 
Gebeimniße zu faſſen, und 

7. von dem blinden Glauben mander Menfchen zu 

reden. 


XXXVIII. Der acht und dreygigften Tafel: 
or Erſte Rlafie der Wunderwerfe Chriſti; feine 
twunderbaren Curen, die er als Arzt verrichtet, führen 
sur Betrachtung 





4. einiger 


ne 


Zufammenhang 


4. einiger cbiruraifchen Operationen, 

5. des Auges und des Ohrs, 

6. des Arztes, 

8. des Aeſkulaps, 

9, der merfwiärdigen Handlungen eines blinden Srauen: 
zimmers. 

7. Hieher gehoͤrt auch die Fabel vom Apollo und der 
Minerva; ingleichen 

2. das Wunderbare der Elektricitat. 

3. Auf die römifihe, iuͤdiſche und chriftliche Gefhichte, 
fonımf hier, der Ordnung nad), ein Entwurf der ma. 
bomedaniiwen Geſchichte. 


XXXIX. Der neun und dreyfigften Tafel: 


* Zweyte Klaße der Wunderwerke Chriſti — 
Dieſe zeigen von Gottes Groͤße, welche man auch im 
Naturreiche, z. €. 

5. vermitteiſt des Mikroſcops, 

6. und mehrerer Werkzeuge und Verſuche der Erperimens 
tal Phyfik wahrnimmt. 

2. Chriſti Wunder — Etwas von den Wundern der 
Heiligen und 

8. von der Wunderſeule des Memnon. 

9. Chriſtus, ein Wohlthätr — der wohlthaͤtige 
Mann, 

7. Undankbarkeit gegen Wohlthaten. 

4. Chriffus , der wahre Meſſias — ein falfcher 
Meflias, 


heidniſche Geſchichte. 
3. heidniſche Geſchich KL. 


der. Dorftellungen. 


XL. Der viersigften Tafel: 


1. Jeſus und Nikodemus. Die Samariterin. Maria 


XLI. 


I. 


DB on @& » 


und Martha — Beyhyde geben Anlaß 


‚und 4. anftändige Srauenzimmer :Befchäftigungen; 


und des Hrilandes erwünfchter Beſuch, 


. einen unerwarteten woblthätigen Beſuch vorzu⸗ 


ſtellen. 


.Bey dem Bad der Reinigung, und dem Waſſer des 
Lebens , von welchen Ehrifius mit Nikodemo und mit der 


Samariterin ſpricht, laßt fi) etwas vom Gefundbrun: 
nen, von den Bädern, 


. vom Särber und Seifenfieder, und 
. bon den Baͤdern der Alten reden. 
.Nikodemus kann die Echren Jeſu nicht begreifen — er 


hält fie für dunkel — Phöbus und fein Sohn. 


chineſiſche Geſchichte. 


Der ein und vierzigſten Tafel: 


Chriſti Liebe zu den Kleinen — und der Kleinen 
Liebe 


.und 4. zu Kinderſpielen, 

zu den beiten Rinderfreunden, 

. und 6. zum Zucker- und Spielzeug. 

. Rinder müfjen folgen, fonft werden fie um 


gluͤcklich — 


Mythologiſche Fiktionen, nad Kinder-Begriffen 


tabellirt. 


9. Geſpraͤch eines frommen Vaters mit feinem 


Rinde, 
XL, 


— 


Zufammenhang der Porftellungen. 


XLI. Der zwey und vierzigften Tafel: 
1, Das Gleichniß vom Saamen — giebt Gelegenheit, 


etwas 

3. bon den Saamenförnern und Pflanzen, 

6. som Gartner, um 

3- von den babilonifhen Gärten zu reden. 

2. Der Saamen des goͤttlichen Wortes faͤllt meift auf ein 

ſchlechtes Land; 

‚ felten auf ein autes Land. 

7. Die Leute fehlafen und gehen muͤſſig, wenn fie arbeiten, 
und wachen follten — Die Fabel von der Grille und 
Ameife, 

8. von Epimenides , und den Giebenfhläfern — 

» Der Nachtwanderer. 


E >, 


So 








Zufammenhang 
der Borfellungen. 





XL. Der drey und vierzigſten Tafel: 


1. Das Gleichniß vom barmberzigen Samariter, gieht 
Gelegenheit 
3. von den Werfen der Barmherzigkeit, 
‚3. von der Barmherzigkeit der Sreymauser , 
4. von mitleidigen Rindern, 
5. von heilfamen Aräutern für Franke, 
$ von Hoſpitale, 
7. von der Vergeltung der Barmherzigkeit, 
8, von der Gaflfreybeit der Alten, und 
9, von einer edelmütbigen Handlung eines Barmhern⸗ 
gen zu reden, 


XLIV. Der vier und viersigften Tafel: 


1. Der verlohrne Sohn — 
a. Ungeratbene Söhne = 
3. Spizbuben — 

! + Unge 





4 


Zuſammenhang 
ungerathene Toͤchter — 


x, Wirbel, Strudel, Klippen — fo gefaͤhrlich mie 


6. 


dieſe, find der Jugend, Ausſchweifung, boͤſe Gefel; 
ſchaft, Wolluſt — 
Das Zuchthaus, das Tollhaus. 


7. Ueble Folgen der Zuͤgelloſigkeit. 


8. 
\ 
9: 


Bachus, Backbanalien. 
Trauriges Schiekfal eines Küderlichen. 


XLV. Der fünf und vierzigften Tafel: 


1. 


60 N. — — 


Das Gleichniß vom reichen und armen Manno. 
Zu demfelben ftimmen gleichfals alle übrige Vorſtellun⸗ 
gen, nehmlich 


. der Verfhwender, 

‚ das Ende des reihen Eröfus, 

‚der Geizige, 

. Steine, insbefondere Föftlihe Steine, 
‚die Münze, der Steinfchneider , 

‚ der Genüofame und Ungenfgfame , 
‚der veiche aber ungeſchickte Midas, 

. der Ducaten: Regen. 


XLVI. Der ſechs und vierzigften Tafel: 


L, 


Das Gleichniß von den zehn Tungfrawen , giebt 


Gelegenheit 
2. OR 


der Vorſlellungen. 


2; von fünf Tugenden , 

3. von berühmten Srauenzimmer der Vorwelt, und 

8. von den Veftalinnen zu reden. 

s. Das Hel in den Lampen ver Sungfrauen — Zurich— 
tung des Oels, 

4. der Kraͤmer — Die Meſſe — 

6. die Mitternachtfiunde — Ubren — 

7. die thörichten Jungfrauen verfäumten die Gelegenheit 
su ihrem Gläde, daher die Fabel — 

9. Befler machte es der Rönig auf ein Jahr: 


XLVII. Der fieben und viersigften Tafel: 


1, Das Abendmahl — Das Sußwafchen ; ienes gicht 
Gelegenheit 

e. und 4. vom Abendmahle der vornehmſten chriftichen 
Religions-Partheyen, 

3. don der hohen Meße der Katholicken, 

s. von Wein⸗ und Hopfen: Bau, 

6 vom Koch und Wirth, 

8. von den Gaſtmahlen der Alten, und 

9, von der theuren Geſundheit zu reden, 

7. Das Geheimniß des Abendmals und andrer Glaubens 
lehren giebt Anlap zur Fabel vom Afrikaner und der 


XLVII. 





Zufammenhang der Vorftellungen. 
XLVIT. Der adyt und vierzigften Tafel: 


1, Chriftus leidet und flirbt als Erlöfer der Menfchen, 


daher 
3. die Gefchichte des für fein Volk fterbenden Codrus und | 


Lurtius, 

7. der KErrettete, 

9. der Menfcherrettr Woltemade, ber zum Bellen an 
derer fein Leben läßt. 

8. Apollo toͤdtet die ppthiſche Schlange — 

s. Bey Jeſu Tode ereignete fih eine Finſterniß — Son- 
nen » und Monds: Sinfterniße. 

9. Das beilige Grab zu Serufalem — 

4. Die Rreuszüge — 

6, Reliquien — 


an EN (mer, 





Zufammenhang 
Der Vorſtellungen. 


XLIX. Der neun und vierzigſten Tafel: 


1. Die Ausgießung des heil. Seiſtes giebt Gele— 
genheit 

. von ben Früchten bes Geiſtes, der Gerechtigkeit 

dem Frieden zc. zu reden, ingleichen 

‚ von dem nicenifhen Concilio, 

. von der augsburgifcben Confeſſion, 

. von ben boben und niedern Schulen, 

. vom Apollo und den Wiufen, und 

von dem Hauptentzwecke aller Wiflenfchaften, bie 

Ehre Gottes zu befördern. 

7. Mancher Lehrer aber befolgt basienige nicht, mag er 
andern als gut anweißt — baher die Fabel von der 
Weofäule. 

5. Bey der Sendung des heil. Geiftes hörte man bag 
Braußen eines großen Windes — Daher hier etwas 
von ben Sturmwinden. : 


L. Der funfigften Tafel: 
1. Die Evanaeliften und Apoftel. 
3. Berühmte Lehrer und Gelehrte unter den Griechen 
und Römern, 
2 Mönde, 
4. Nonnen, | 
2. Prise: 


D 


DO oo AN» 


en ae ie aan ai 


Zufammenhang 


z. Priefter und Gottheiten der alten Deutfchen; 

7. Die Macht der Heberzeugung beym Lehrvortrage, in 
einer sabel; 

9. Eben biefelbe erläutert dur) eine Befehrungss 
gefchichte. 

5. Fromme Lehrer und Zuhoͤrer werben Bäume der Ges 
rechtigkeit genannt, daher hier zwölf der berühmieften 
Baͤume. 

6. Eine gute Lehre oͤffnet gleichſam die Pforten der Ers 
kentniß und des Lebens — der Schloſſer. (Ich 
will euch des Himmelreichs Schluͤſſel geben, ſagt 
Jeſus zu ſeinen Apoſteln —) 


LI. Der ein und funfzigſten Tafel: 


1. Die Steinigung des heil. Stephanus und andere 
Qualen der Märtyrer in ben erſten Zeiten bes Chris 
ſtenthums, neben Anlaß 

2. von der Toleranz, 

3. und 8. von einigen Miärtyrern aus der alten Ge, 
ſchichte und Fabellehre, 

4. dor der Inquiſition zu reden ; und den Unfinn bee 
Haßes der Wahrheit und der Verfolgung 

7. in einer Sabel, und 

9. in einer Erzeblung vor Augen zu flellen. 

5. Bey Gelegenheit des vielen Blut-Vergieſſens in ben 
erften Jahren der chriftlichen Kirche, fann vom Blute 
und deffen Umlaufe, 

6. und überboupt von ber Anatomie, gehandelt 


werben. 


LM. 


M. 


B.N In 2 


w 0 


der Dorftellungen. > 


Der zwey und funfjigfien Tafel: 
Das Ende der Welt; daßelbe fol 


. zur richtigen Erkentntß Gottes, 

. zu heiligen Betrachtungen, und 

. zum Auffuchen immer befjerer Welten ermuntern. 
. Tod und Zufunft führen zur Betrachtung ber Manch⸗ 


faltigkeit der Todtenkoͤpfe, 


. ber Raupen und ihrer Verwandlung, 
. de Himmels und der Hölle, nach) den ge 


der Alten, 


. des Zuftandes nach dem Tode, und 
, ber einzelen Gerichte Gottes über ganze Länder und 


Nationen, z. €, über Jerufalem sc. 





An 


An die Herren Buchbinder. 


Das die 54 Rupfertafeln in Einen Band zufammen gebun, 


den 


werben; und zwar fo, baß das Titelblatt zuerft, dann 


bag Debikationsblatt mit dem Portraite des Durchlauchtigen 
Kronprinzen von Schweden, und nach demfelben die üb- 


rigen, von Tab. I. big Tab. LII. fommen, brauche ich nicht 


su erinnern. Bey der Erklärung aber, welche zwey vollkom⸗ 
men gleihe Bände ausmacht, ift folgendes zu beobachten: 


1. Zum erftien Band gehöret 


Pau - 


un 


| 


‚ber Titel deffelben, 
‚bie Debifation, 


‚ die Vorrede, 
die Anmweifung zum nüslichen Gebrauch ber Bilderaka— 


demie, welche der zweyten Ausgabe Erklaͤrung 
vorgeheftet iſt, 


‚bie Probe von den verfchiedenen Combinationen aller, 


Vorſtellungen einer Tafel, welche man vor dem Texte 
der dritten Ausgabe Erklaͤrung finder, 


‚ der Zufammenhang ber Vorftellungen, vor der erften, 


zweyten, dritten, vierdten und fünften Ausgabe 
Erklärung. 


Die Erflärung felbft, oder der Tert von pag. r. big 


80. (Begreift alfo der erſte Band bie fünf erſten 
Ausgaben Erflärung. ) 


if, Zum zweyten Band gehoͤret 


I» 


der Titel deffelben , 


o, ber Zuſammenhang der Vorſtellungen vor der fechften, 


fiebenten, achten und lezten Ausgabe Erflärung. 


5. Die Erklärung diefer wier lezten Ausgaben , ober der 


A. 


Text von pag. 582. bie zu Ende. 
Die Regifter: 


— — — — 











‚Ein ur — 32 Tafel. 





AH 
Nebucadnezar. 


Er trauriges Beyſpiel der goͤttlichen Strafgerechtigkeit, 
die endlich über ein boͤſes Volk, das ſich gar nicht befe 
fern will, ausbrechen muß, giebt die Wegführung des iſrae⸗ 
Keifchen und iuͤdiſchen Boltes in die babylonifdhe Gefans 
genſchaft. 

Gott ſandte einen Propheten nach dem andern zu 
denſelben. Bald ließ er fie bitten und ermahnen von als 
ler Abgstterey und Gottloſigkeit abzulaffen — bald ernfilich 
warnen und Strafen drohen, wenn fie ſich nicht beſſern 
wollten — aud) bisweilen wirklich allerley Ungluͤck über 
fie kommen — aber alle Bitten, Warnungen und Drohungen 
waren bey ihnen fruchtlos. Darum ließ es Gott gefchehen, 
daß Salmanaffar , der König von Affyrien, den lezten ifs 
raelitifchen König Hoſea, nebſt den meiften feiner Untertha— 
nen gefangen nach Affyrien führte; wodurch dag ifraelitis 
ſche Reich, im Jahr der Welt 3282 zerfisret wurde, nachs 
dem es 254 Jahre gedauret hatte, 

Die Einwohner des Boͤnigreichs Juda bätten fich 
durch diefes Beyfpiel follen warnen und zur Befferung er» 
muntern laffen. ber fie achteten es nicht, und fragten 
nichts nach der Drohung Gottes: wofern ſie ſich nicht befe 
fern würden, follten fie aus ihrem Lande hinaus getrieben, 
und in fremde Länder, und unter ihre Feinde zerſtreuet 
werden. Daher trafen endlich auch die göttlichen Strafge— 
richte das Rönigreich Jude. Der lejte Koenig deſſelben, 

Nr Zedekic 


582 Ein und dreyßigſte Tafel. 


Zedekia, einer von den Nachkommen des frommen Koͤniges 
Hiſkias, der ohngefehr 100 Jahre nach demſelben den Thron 
beftiegy war ein gottloſer Mann. Vebucadnezar, ver 
Koͤnig von Babylon, machte ihn ſeiner Gewalt unterwuͤrfig, 
bekriegte ihn mit einem zahlreichen Heere7 und eroberte die 
Stade Jeruſalem, nach einer jmeyiährigen Belagerung. 
Der Tempel ward beraubt und verbrannt, die Stadt zer— 
ſtoͤrt, unfchuldige Kinder und alte ſchwache Leute mit dem 
Schwerdte getödtet. Der Koͤnig Zedefia-mußte erſt fehen, 
daß alle, feine Sinder vor feinen Augen niedergehauen wur⸗ 
den; Darauf wurden ihm feine Augen mit einem glücnden 
Eiſen blind gemacht — er wurde in Neften gelegt, und, ale 
ein Gefangener nach Babel geführt. Zugleich wurden bie 
‚meiften noch übrig gebliebenen Einwohner der Stadt und 
des Landes, wie das Vieh, nad) Babel getrieben. 

Auf: diefe ſchreckliche Art gieng auch das Königreich 
Juda zu Grunde; nachdem es, nach der Theilung 0682 Reichs 
387 Jahre, und 134 Jahre länger als das Königreich Iſrael 
gedauret hatte. 

Db nun gleich der gerechte und —5* Gott t bie Sin. 
den der. Iſraeliten dadurch ſtrafte, daß er ſie in eine harte 
Knechtſchaft kommen ließ; ſo hatte er doch dabey zugleich 
die allerweiſeſten und gnaͤdigſten Abſichten. Da nehmlich 
die Juden auf dieſe Art faſt unter alle Voͤller der Erden 
zerſtreuet wurden; fo kam eben dadurch die Erkentniß des 
wahren Gottes: zu allen Voͤlkern. Denn ſie erfannten in 
ihrem Elende, weiches , von der. legten Wegfuͤhrung an ger 
rechnet, fiebenzig Jahre vauerte, daß der Gott, dem ih> 
re Väter gediener, fie aber verlaffen „hatten, der allein 
wahre Gott und Schöpfer Himmels und ‚der Erde fen. 
Sie verabfcheueien aus diefem Grunde die Abgoͤtterey, um 
welcher willen fie gefieaft worden Maren, vın der Zeit an 
mehr, als alle andern Sünden. . Sie hielten. nun größten 

theils 


Nebucadnezar. 583 


theils veſte an dem Geſeze des Herrn, und ſuchten auch an 
vielen Drten andere Menfchen zur Erfentniß Gottes zu brins 
gen. Ja, eg zeichneten fich, wahrend diefer Gefangenfchaft, 
einige fromme und rechtfchaffene Sfraeliten durch ihre vors 
zügliche Gottesfurcht und Standhaftigfeit, zur Verwunde— 
rung der damals regierenden aflyrifchen, babylonifchen und 

perfifchen Könige, herrlich aus. | 
Schon unter dem Könige Nebucadnezar fam Daniel, 
einer der berübmteften Bropbeten, in Babylon zu folchem Anſe⸗ 
ben, daß die wahre Neligion durch diefen Mann einen ungemein 
großen Vortheil erhielt. Denn da der König einft ein 
Traumgefichte gehabt und wieder vergeifen hatte, und dieſen 
Traum niemand als Daniel finden und auslegen Fonnte ; 
fo erkannte Nebucadnezar, daß der Gott, den Daniel vers 
ehrte, der wahre Gott ſey. Diefe Erkentniß des Allerhöche 
fien wurde bey Nebucadnezar durd) ein zweytes Wunder noch 
größer. Es hatte nehmlid) diefer König ein großes Bild 
aufitelen lajjen, und befohlen, daß alle feine Unterthanen 
und Diener daffelbe anbeten füllen, Nun waren unter den 
Amtleuten Neducadnezars einige gelehrte Zuden, Sadrady 
Meſach und Abednego, die der König auf Daniels Bits 
ten, über verfchiedene Kandfchaften gefezt hatte. Diefe weis 
gerten fich das Bild anzubeten. Darüber ward der König 
bermajjen aufgebracht, daß er fie in einen großen, voll Feu⸗ 
er brennenden Dfen werfen ließ, und noch dazu fagte, ex 
wolle doch fehen, wer der Soft fey, der fie aus feiner Hand 
erretten koͤnne. Aber zum größten Erflaunen mußte diefer 
trozige König gerwahe werden, daß diefe Männer, nebfk 
noch einem, welcher ein Engel in menfchlicher Geftalt 
war, unverfehrt im glüenden Dfen herumgiengen, und Lob⸗ 
lieder anftimmeten, Er ließ fie alfo mwicder herausgehen — 
und man fand nicht dag Geringſte an ihnen verſengt, ia man 
konnte nicht einmal einen Brand am ihnen riechen (a). 
Nr Dieß 


14 


384 Ein und dreyßigſte Tafel. 


Die rührte den König dermaffen, daß er'zur Erfentniß des 
wahren Gottes Fam, und allenthalben die Anbetung deffel- 
ben gebot. 

Allein Nebucadnezar blieb nicht lange bey diefer gu; 
ten Sefinnung. Nachdem er die Stadt Babylon recht Ei. 
niglich ertweitert und mit den prächtigften Palaͤſten gezieret 
hatte, wandte fich fein, durch Reichthum und Wolluſt bee 
thörtes Herz von Gott ab. Er vergoͤtterte fich felbft, und 
fagte einft, da er auf der Foniglichen Burg gieng, vol 
-Stol : Das ift die große Stadt, die ich zum Föniglis 
chen Haufe, durch meine große Macht, zu Ehren meis 
ver HerrlichFeit erbauet babe (b). Aber kaum hatte er 
diefe Worte auggeredet, fo zeigte ihm eine Stimme vom 
Himmel an, daß ihm fein Königreich, und fein großer Glanz 
genommen werden — daß er vom Throne verſtoßen und lan» 
ge bey den Ihieren auf dem Felde bleiben folle. 


Diefe Drohung wurde auch fogleih an ihm erfüllet. 
Er verlohr feine Vernunft, wurde von feinen eigenen Uns 
terthanen verfioßen, lief unter freyem Himmel unter den 
Thieren herum, aß Gras, und verwilderte nach und nach 
dermaffen , daß er mehr einem Vieh, als einem Menfchen 
ähnlih war (c). Endlich aber gab ihm Gott feine Ver» 
nunft wieder — er erkannte alle feine Ihorheiten, ex be- 
reuete fie, bat um Gnade und Vergebung, preifefe und lo— 
bete Gott, und Fam wieder zu feinen Königreich, und zu 
noch größerer Herrlichkeit, als er vorher hatte, 

WARNTE 

Wie könnt’ ich mih, o Gott, der Güter. uͤberheben, 
Und meines Ihiwachen Lichts ? 
as ich beſitz', fi dein; Du fprichft ! fo bin ich Leben ? 


Du ſprichſt fo bin ich Nichte, 
Bon 








=, 


Nebucadnezar. 585 


Bon Dir kommt das Gedeyhn und iede gute Gabe 
Bon Div, Du hoͤchſtes Gut! 

Bemwahre mich, o Gott! son bem ich alles habe, 
Bor Stol; und Uebermuth! 


nn ALRTNLLERLÄEN 
2; 
Ganz verwilderte Menfchen. 


ir bilden uns alezeit nach denen, die um ung find, 
oder deren Sitten wir in Schriften gefchildert finden. Fine 
ber nehmen das DBetragen ihrer Wärterinnen, Gefpielen 
und Eltern an. — Schuͤler und Schülerinnen bilden fi 
nac) ihren Bräceptoren, Hofmeiftern und Öouvernanfinnen— 
Nomanen=fLefer und Keferinnen nach den Helden und Helditte 
nen ihrer Romane. — Dienftbothben nad) ihrer Herrfchaft, 
u. ſ. w. Aber Denfchen, die den Umgang mit andern Men— 
fehen entbehren müffen, gelangen nie zu dem Gebrauche ih— 
res Verftandes, fondern nehmen unter Schaafen, die Sit: 
ten der Schanfe, unter Gemſen und Eichhörnern, die Sit— 
ten der Gemfen und Eichhörner,, und unter Bären,bie Sit: 
ten der Bären an ; denn das Vermoͤgen nachzuahmen ift 
nicht nur Affen und andern Thieren, fondern auch dem 
Menfchen eigen. 

Diefe ausgemachte Wahrheit kann durch viele Benfpie- 
le unglücklicher Menfchen beffätiget merden , welche in ihrer 
Kindheit, aus der Geſellſchaft der Menfchen verlchren ges 
sangen, und in der Wildniß aufgewachien find. So fans 
den vor hundert Jahren die Jäger in Litthauen einen zehn⸗ 
iährigen Knaben, in einem Walde, unter den Bären (a), 
der wie ein Hund um fich biß, auf allen Vieren lief, nichts 
als Bären - Futter aß, und wie ein Bär die Leute mit feinen 

Rr3 Fire 


86 Ein und dreyßigſte Tafel, 


Fingernaͤgeln zerkrazte, als ſie ihn fon Bi n fand au⸗ 
dere, die in der größten Geſchwindigkeit die hoͤchſten 
Bäume Eletterten (c), wie Genmfen auf den Gipfeln der 
Berge herum fprangen, ‚wie das Dieh bloͤckten, ſich von ro— 
hem Fleiſche und Wurzeln nahrten, und wie Spürhunde ih» 
rem Raube nachliefen. 

Hieher gehören vornehmlich die Gefchichten eines Men- 
fhen aus Küttich, und einesl Mädchens aus Champagne. 
Der erſtere war im fünften Jahre feines Alters verlohren 
gegangen, und fechjehen Jahre hernach]erft wieder gefunden 
worden, ba er denn unterdeffen vornehmlich feinen Geruch 
bergefialt gefchärft hafte, daß er dadurch eßbare Wurzeln, 
die feine Nahrungsmictel waren, in der Erde aufzufuchen 
und zu unterfcheiden im Stande war. Das Madden aus 
Champagne hingegen war ohngefehr zehen Jahre alt, alg 
es in einem Dorfe Chalons in Gefangenfchaft gerieth. Es 
war ungemein beherzt, und wußte fich mit einer Keule fo 
geſchickt zu vertheidigen, daß ein großer Hund, welchen man 
108 ließ, um es veft zu halten, das Leben verlor. Sie er- 
hub über diefen Sieg ein fücchterliches Freuden - Gefchren , 
und tanzte einige Minuten auf ihrem erlegen Feinde herum 
kb). Auf den Bäumen Eletterte es faft wie ein Eichhorn her— 
um, indem es fi) an den Aeſten mit feinen Daumen beve- 
fligte, die Davon auch weit dicker waren, alg fie von Natur 
hätten feyn follen. Laufen konnte es mit erflaunlicher Ge: 
fhwindigfeit , ohne jedoch große Schritte zu machen. Eben 
fo verfland es auch die Kunft zu fchwinmen und unterzutau— 
chen, um Fifche und Froͤſche zu fangen, die es roh verzehrte, 
fehr volfommen. Um den Leib, welcher weiß ausfah, nach- - 
dem er abgewafchen war, hatte es ein Sell gebunden. Re— 
ben fonnte es anfänglich eben fo wenig, wie die vorigen : aber 
hernach lernte es die franzoͤſiſche Sprache, und gewoͤhnte fich 
mit Berluft feiner Gefundheit, an eine menfchliche Lebensart. 

F Dan 





Nebucadnezar. 587. 


Man fragte es fodann, wie es in die Wildniß gefommen, 
und was daalles mit ihr vorgefallen wäre : allein es mußte 
fich weiter auf nicht8 zu erinnern, als dag e8 noch eine Ge— 
fellfchafterin gehabt babe, mit welcher eg einft über ein 
breites Waffer geſchwommen fey, und diefe feine Geſellſchaf— 
terin habe e8 fur; vorher, ehe e8 gefangen worden, wegen 
des Beſizes eines Spielzeuges getödter. 

Als fie ihre Wildheit fo ziemlich abgelegt haffe, und 
. in den Örundfäzen der chriftlichen Neligion mar unterrichtet 
toorden, twurde fie gekauft, und befam den Namen le Blanr. 
Da fie einige Jahre darauf fih in Paris in fehr elenden 
Umftänden befand, fragte fie ein Neifender, wie fie denn in 
einem fo verlaffenen Zuftande leben koͤnnte? Sollte, gab 
fie zur Antwort, Gott mid darum von den wilden 
Thieren weggenommen, und mich zu einer Chriftinn 
gemacht baben, um mid) Junger fterben zu laflen ? 
Das ift nicht mögli — ich Fenne niemand als ihn; 
er ift mein Vater, und er wird ſchon für mich forgen! 








Ä 3. 
Der eherne Ochfe des Perillus. 


S).. Künftler ift mehr durch feine Graufamfeit, als 
Gefchicklichfeit befannt geworden. Er verfertigte nehmlich 
dem Phalaris, einem tyrannifchen Deren von Ugrigent, in 
Eicilien, einenebernen Ochſen, damit er darinn die feute, 
durch ein unter demfelben gemachtes Feuer , auf eine lang- 
fame Art ums Leben bringen koͤnnte. Diefer Dehfe war auf 
eine folche Art gemacht, daß, wenn Biefe unglückfeligen 
Leute in demfelben heulten und fihrieen, man die Stimme 
eines natürlichen Ochfen zu hoͤren glaubte. Phalaris bes 

Rr4 lohnte 


588 Ein und dreyßigſte Tafel. 


lohnte dieſe Arbeit des Kuͤnſtlers, der fuͤr die Erfindung eine 
große Summe Geldes verlangte, dadurch, daß er ihn zuerſt 
bey dieſem langſamen Feuer braten ließ. Allein bey einer 
Empoͤrung der Agrigentiner wider den Phalaris, mußte 
endlich dieſer Tyrann ſelbſt, zur Strafe fuͤr ſeine grauſame 
Regierung, in demſelben ſein Leben laſſen. 

Es wollen einige ſagen, die Agrigentiner haͤtten dieſen 
ehernen Ochſen ind Meer verſenket; aber andere Schrift⸗ 
ſteller behaupten mit mehrerer Gewißheit, daß er nach der 
Einnahme von Agrigent, von dem Eroberer deßelben, Imil⸗ 
Far, nebſt allen andern Koſtbarkeiten dieſer Stadt nach 
Karthago gebracht worden fey. Und Cicero berichtet, daß 
Publ Scipio in der dritten punifchen Kriege, und alfo einige 
Jahrhunderte darauf nach der Eroberung von Karthago, den 
Agrigentinern diefen ehernen Dehfen wieder zugeftellt habe; 
und zwar, wie Scipio felbft fagt, in ber Abficht, damit fie 
fich bey Betrachtung diefes Ochſen, der Graufamfeit ihrer 
eigenen Regenten, und der Gelindigkeit der römifchen Herr⸗ 
fchaft erinnern, und zugleich bedenfen möchten ‚ daß es den 
Einwohnern Siciliens weit zuträglicher wäre, den Römern 
gehorfam, als ihren eigenen Beherrfchern dienftbar zu feyn. 








4. 


Der Stolze. 
Elementarw Tab. XXVII, 4. 


ener Thor in der Halbchaiſe hat eine große Meinung von 
der Anmuth ſeiner Geſtalt und ſeiner Sitten, und von der 
Groͤße ſeines Verſtandes und ſeiner Geſchicklichkeit, weil es 
ihm ſeine einfaͤltige Mutter, welche eine Affenliebe zu ihm 
hatte, beſtaͤndig vorgeſagt, und einige Schmeichler es beſtaͤ⸗ 

tiget 


Nreburadnesar. 589 


tiget haben. Er glaubt bey feinem Fürften in hoher Gunſt 
zu fiehn, weil derfelbe, tie er fich ihm einmal zu Gnaden 
empfahl, antwortete : daß er gerne tugendhafte und ger 
fchicfte Männer in feine Dienfte nähme. Sein angeflammter 
Name ift David Lumpmann; und man fagt, ber Name 
habe daher feinen Urſprung, daß fein Eltervater, ein braver 
Mann, mit Lumpen gehandelt habe ; wodurch auch ber 
Reichthum feiner Familie erworben feyn fol. Weil er nun 
zum mindften ein Stadthalter zu werden hoffte, und weil er 
glaubte, diefer Sprung würde ihm leichter werden, wenn er 
Herr von Cumpenſchild hieße: fo gab er einen großen 
Theil feines Vermögens an bieienigen, die als Unterhändler 
und Hauptperfonen folche Namen verfchaffen Finnen. Von 
diefer Zeit an verachtete er alles, was nicht Herr von dieß 
oder von das hieß , und folglich nicht vom Adel war. 
Aber der erlangte Adel befriedigte ihn nicht; denn er hieß 
noch niht Baron oder Graf, war nod) nicht Stadthalter, 
und es fehlte ihm die Erlaubniß, ein Band von gemiffer 
Farbe, und einen geftichten Stern auf feinem Kleide zu tra- 
gen. Denn ob er auch gleich dafür Geld geboten hatte; 
fo hatte man ihm doch geantwortet : weil das Zeichen folcher 
Bänder noch fein Erbgut geworden wäre; fo wollte man es 
nicht verkaufen, fondern nur denienigen geben, von deren 
Verdienſten oder Nemtern e8 ein Zeichen ſeyn follte. Er fischte 
fich aber durch übermäßige Pracht fchadlos zu halten. Seht 
wie er fich in feiner Chaife bruͤſtet. Kaum zuckt er den Hut 
für diejenigen, welche, weil fie etwas von feinem Gelde 
verlangen, ihm fehr ehrerbietig grüffen. 

Du Thor, wenn du dag Anfehn eines mohlerzognen 
und vornehmen Mannes haben mwillft, warum fezeft du denn 
auf eine unanftändige Weife die Hand in die Seite? D, 
wuͤßteſt du zu deiner Beſſerung, wie iene dort im Fenſter, 
und dieſe, die neben deinem Wagen gehn, über deinen un- 

Rr5 ge 


590 Ein und dreyßigfte Tafel. 


gefchliffenen Stolz lachen? Warum mußt du eben bie beften 
Pferde in der Stadt halten? DBielleicht deswegen, daß man 
diefe wenigſtens bewundere, wenn man bich verachtet ? 
ag fol dir dein fehneller, wohlgebildeter und prächtig ge⸗ 
Hleideter Lauffer ? Du haft ia feine Verrichfungen, die einen 
Thnellen Bothen erfordern. Und warum foll denn ein ieder 
eine Minute vorher wiſſen, daß die fehenswürdigen Pfer 
oe des Heren von Lumpenfchild kommen ? gereicht eg bir zur 
Ehre, daß man die angenehme Gefalt und Stellung deines 
Laͤuffers mit der deinigen vergleiche? Was follen zwey 
müffige Bediente bey einem noch müffigern Heren? Warum 
muß dein fchöner Jagdhund allemal mit dir Gefellfchaft ma—⸗ 
chen? Man weiß ja, daß du Fein Pulver riechen mögeft, 
und akſo nicht auf die Jagd gehfl. Deine thörichte Begierde 
nach unverdientem und überflüßigem Anfehn wird dich genug 
firafen. Sie wird durch iede Sättigung hungriger werden, 
umd dich, wenn du dich nicht befferft, von der Tugend, von 
der Ehre ben den Vernünftigen, und von der Glückfeligfeit 
immer meiter entfernen. 


5 
Die Affen. 


N, Affen find vornehmlic deswegen merkwuͤrdig, weil 
fie unter allen vierfüßigen Thieren, in Anfehung der Auffer- 
lichen Bildung, die meifte Aehnlichkeit mit dem Menſchen 
haben. Sie haben an beyden Augenliedern Haare — ihre 
Hinter - und Vorder » Füße gleichen den Armen und Beinen 
der Menfchen — die Pfoten der vordern find der menfchlichen 
Hand Ähnlich, und fie thun damit eben die Berrichtungen — 
Die Zehen gleichen den Fingern einer Hand, auch if die 
mittelfte die längfte. 

Man 


Nebucadnezar. 591 


Man findet ſie nicht nur in Aſien und Afrika, ſondern 
auch in den heiſſen Ländern von Amerika. Die meiſten Urs 
ten berfelben wohnen zu hunderten und faufenden beyſam— 
men, legen gemeinfchaftlihe Magazine an, ftellen Schildwa⸗ 
chen aus, und beftrafen diejenigen , die fich einer Nachläßige 
feit fchuldig mahen. Ihre gemöhnlichfte Nahrung befteht 
in Obſt und andern Früchten, welche ſie wegen ihrer Ge- 
fchicflichfeit in Klettern , von den höchften Bäumen leicht 
herunter holen Eönnen. Die Weibchen der Affen bringen 
gemeiniglich nur ein Junges auf einmal zur Welt, welches 
fie eben fo, mie die Indianer ihre Kinder, auf dem Ruͤcken 
tragen, und mwenn fie es fäugen wollen, in bie Arme 
nehmen. 

Veberhaupt ſuchen fie alles das nachzumachen , mag 
die Menfchen vornehmen , und diefer Neigung zur Nachahs 
mung der menfchlichen Handlungen, bedienen ficy die Indi— 
aner, um fie zu fangen, mit vielem Vortheile. Sie ziehen 
3. E. unter den Bäumen , auf denen fie Affen bemerfen, 
ihre Stiefeln eininemal aus und an, gehen hierauf fort, 
und laffen Fleine Stiefeln , die befonders hierzu verfertiget, 
und inmwendig mit Leim beftrichen find, unter den Bäumen 
ftehen. Weil nun die Affen ihnen diefes nachthun (h), die 
Stiefeln aber nicht wieder von den Füßen bringen , auch 
barinnen nicht gut fortgehen Finnen , fo gerathen fie den 
Indianern leicht in die Hände. Einige fangen diefe Thiere 
auf folgende Art: Sie beftreichen nehmlich ihr Geficht, 
vor den Augen der Affen, mit Honig, und laffen beym 
Weggehen einen Topf mit Leim zurück, womit hernach die 
Affen ihr Geficht befchmieren , und dadurch geblendet mer- 
den. Durch flarke Getränfe Fann man diefe Thiere ebenfals 
fangen, wenn man einige damit angefüllte Gefäße in die 
Gegend fezt, wo fie ſich aufhalten, und fich ſtellt, als wenn 
man ſelbſt davon traͤnke. Denn fobald die Affen davon trin- 


® fen 


592 Ein uud dreyßigſte Tafel. 


Ten und beraufcht werden, fchlafen fi e ein, und laffen fich 
alsdenn leicht fangen. Man fielt auch öfters eine Slafhe 
mit, einem engen Halfe bin, und thut Mais / ‚oder türfifches 
Korn hinein, welches fie fehr lieben... Wenn fie num mit 
der Pfote hinein fommen, und Korn in diefelbe faffen, mit 
der zuſammen ygeballten Fauſt aber nicht wieder durch dem 
engen Hals herausfommen koͤnnen, fo find fie fo geizig 
auf ihren Raub, daß fie fich eher fangen, als den Raub 
los laffen (g)- 

Wenn ein Affe von einem Menfchen oder Thiere an- 
orsriffen wird, fo fommen ihm die andern, welthe diefeg 
fehen, zu Hülfe Ihre Waffen find Steine und abge 
brochene Zweige, in deren Ermangelung fie ſich auch ihrer 
Excremente bedienen, die fie ihren Feinden an den Kopf wer— 
fen. Sie befizen viele natürliche Gefchicklichfeit, und koͤn⸗ 
nen abgerichtet werden, den Bratſpieß umzudrehen, das 
Gefäße zu ſcheuern, auf dem Seilezu tanzen, und andere 
dergleichen Verrichtungen vorzunehmen. Sie lernen auch 
die menfchliche Sprache fehr bald verftehen, find aber nicht 
im Stande Wirter nachzufprechen, ob fie gleich eben fo gut, 
wie die Menfchen, alle Werkzeuge haben, welche zur Bil- 
dung der Töne näthig find. 

Veberhaupt find fie fehr Fünftlih und finnreich in al 
lem, was fie vornehmen. Empfindlih, wenn es ihnen 
wohl geht, und Angftlich in der Noth, geben fie ihre Lei- 
denfchaften zu aller Zeit durch ihr Stampfen mit den Füßen 
und Veränderung ber Gefihtszüge aufs nachdrüdlichfte zu 
erfermen. Sie feufzen, wehklagen, weinen, zifchen, la— 
chen, ie nachdem fie Entfezen, Zorn oder Berfpottung aus— 
druͤcken wollen. Sie wiffen fo lächerliche Stellungen anzu— 
nehmen, daß, bey deren Anblicfe der ſchwermuͤthigſte 
Menſch, fich des Lachens nicht würde enthalten Finnen. 


Anter fich felbft beobachten diefe Thiere eine gute Difciplim. 
Kommt 


Tr 


— 


Nebucadnezar. 393 


Kommt es darauf an, ein betraͤchtliches Melonenland zu 
verwuͤſten „ſo gehen fie in ſtarker Anzahl nach dem Garten. 
Hier ſtellen fie fih fo in eine Reihe, daß zwifchen zweyen nur 
ein mirtelmäfiger Zwiſchenraum bleibt. Mach Endigung dies - 
- fer Fugen Anſtalt, werfen fie fi die Melonen von Hand 
zu Hand. jeder won ihnen fängt die ihm zugenworfene Mes 
lone geſchickt, und mic aufferordentlicher Geſchwindigkeit 
auf. Die Linie, welche fie machen, endigt fich gemeiniglich 
auf einem Berge. Alle dieſe Anftalten gefchehen beym tiefe 
fen Stillſchweigen. 

Dan theilet das Affengeſchlecht gemeiniglich in drey 

Hauptgattungen ein, nemia) in eigentliche Affen, in Bas 
viane,. und Meerkazen. 
1. Zu den eigentlichen Affen, welche ungeſchwaͤnzt 
find, gehöret vornehmlich, als die größte und merkwuͤrdig⸗ 
ſte Art derſelben, der Orang Utang (a), welcher auch g 
im Deutfchen, den Kamen Waldmenfch führet, und im 
Dftindien gefunden wird, auch die meifte Aehnlichkeit mie 
dem Menfchen hat. Er geht blos auf den Hinterfüßen, wie 
die Menfchen, und bedienet fich der Vorderfüße nur zum ' 
Angreifen. Die größere Gattung derfelben wird Pongo 
und die Eleinere Jocko genannt. Sie find nicht boͤsartig 
und wild, und laffen fich leicht zahm machen und regieren; 
Sie jezen ſich, wenn fie nur ein wenig abgerichter ſind, 
tie die Menſchen zu Zifche, bedienen fich auf eine fehr ger 
ſchickte Art der Meier, Gabeln und Loͤffeln, effen und frins 
fen faft alles ohne Unterſchied, iedoch am liebſten Früchte 
und Milch. DerGibbon (b), welcher auch in einigen Kei: 
febefchreibungen unter dem Namen Fefe vorkommt, unter⸗ 
ſcheidet fich von dem Drang-Utang vornehmlich durd) bie 
auſſerordentliche Länge feiner, Arme, ift aber übrigeng, dem 
Geſicht nach, dem Menichen eben fo aͤhnlich als icner, 


2. Die - 


594 Ein und dreyßigſte Tafel. 


2, Die; Baviane oder kurzgeſchwaͤnzte Affen (Ce) ha- 
ben ein länglichtes Geſicht, gehen gemeiniglich auf vier 
Füßen, und find überaus wild und unverjchämt. Die vors 
nehmſten derfelben haben eine blaurothe Nafe, zwifchen er- 
babenen fchiefgefurchten, himmelblauen Sleden, große ro— 
the Schwielen am Hintern, und über den ganzen Leib 
wollichte dimfelgraue Haare. 
| 3. Die Meerkazen oder lang geſchwaͤnzten Affen ma» 
then die geößte Zahl aus, und find ſowohl an der Größe 
als an der Farbe von verfchiedener Art. Kinige find ſehr 
wild und unbändig, und fahren den Leuten nad) dem Öefichte; 
andere hingegen lajfen fich ohne große Mühe zahm machen, 
Die meiften bedienen fich ihres Jangen Schwanzes, wie einer 
Hand. Sie wickeln die Spize deffelben um die Aeſte der 
Bäume, und halten fich nicht nur damit an, wenn fie auf 
und nieder fleigen, oder wenn fie auf den Bäumen ſchlafen; 
fondern fie fchleudern ſich auch oͤfters vermittelft deſſelben, 
von einem Baume auf dem andern. Mird einer von ihnen 
verwundet, fo kommen die andern gleich herbey, befehen 
die Wunde, und halten fie fo lange zu, big fie fo viel Blaͤt— 
ter Elein gefaut haben , daß fie das Loch damit zuftopfen 
fönnen. Auf der Tafel find die merfwürdigften derſelben 
abgebildet, nehmlich : der Affe mit der Chinefermüse (c), 
Der Mone (d), und der Coaita (f). - 


| 6, 
- Die Glashütte, Zurichtung der Gläfer. 


DD. Glas ift ein harter durchfichtiger Körper, welcher 
aus Aſche ; SKıefelfteinen,;, Sand, und Salz, durch das 
- Teuer verfertiget wird. Dieß gefchieht in den fogenannten 
Glas⸗ 





Nebucadnezar. 5953 


SGlashuͤtten (A), welche aber nur in folchen Ländern anges 
legt werden dürfen, wo es Hol; im Ueberfluße giebt; weil 
ein einziger Dfen gemeiniglich ein halbes Jahr in einem fort, 
Tag und Nacht geheizet werden muß, und nicht eher der 
erforderlichen Grad der Hiße haf, als bis so Klafter in 
demſelben verbrannt find, Es find aber gemeiniglich drey⸗ 
erley Oefen in einer Glashuͤtte, welche ſelten uͤber ein 
halbes Jahr dauern, nach deſſen Verlauff ſie wieder friſch 
geſezt werden muͤſſen. In dem erſten, welcher auch Calci⸗ 
nirofen heiſſet, werden die zum Glasmachen gehoͤrigen 
Materialien (die Fritte) gebrannt und bereitet; in dem zwey⸗ 
ten, dem Schmelz + oder, Werkofen, werden dieſelben y 
oder das fogenannte ‚Gemenge des. Ölafes in großen Ties 
geln geſchmolzen; und in dem dritten , welcher der Kuͤhl⸗ 
ofen genannt wird, das verfertigte Glas eingefezet, daß eg 
nad und nach erfaltet, 
Es giebt eigentlich breyerley Arten Glas, grünes, 
weißes und Kryſtallglas; die Bearbeitung aber deſſelben 
in den Glashuͤtten kann nur im Sommer getrieben werden; 
und gefchieht auf folgende Weiſe: der Glasmacer hat 
eine eiſerne Röhre mit einem hölzernen Mund ſtuͤcke im 
der Hand, und ftößt dag Ende derſelben in den Ziegel, ‚big 
fich fo viel Glas daran feget ;. als er zu feinem Stücke nöthig — 
hat — dann zieht er es heraus, blaͤſet drein, daß es zu 
einer Blaſe wird, ſchwinget die pfeife mit der Glasblaſe 
in der Luft, und verwandelt hierdurch die runde Blaſe in 
einen laͤnglicht runden Koͤrper, und giebt ihm die Form mit 
der Glasſcheere. Wenn es erkalten will, hält er es in die 
Glut, und treiber diefes fo lange, bis das Glag feine Ge: 
Halt, die er ihm geben wollen, erlangt; und wenn er ihm 
die aus freyer Hand nich! geben Fann, braucht er dazu ei- 
‚ferne oder fieinerne Sormen. Wenn eg fo meit fertig iſt, 
wird es am Male abgezwickt, und in den Kuͤhlofen ge- 
” ſezt — 


596 Ein und dreyßigſte Tafel. 


ſezt — dann in das Magazin oder Glasfammer gebracht, 
und entweder zur Stelle verfauft, oder durch Glasträger 
in andern Drten, tveit und breit verhandelt. 

Auf folche Weife werden allerley Trinfgläfer, Rrüs 
ge, Becher, Slafchen, Recipienten, Rolben, Aetor⸗ 
ten , helme, Wettergläfer, Schaslen, Sprizen, He 
ber, SchröpfFöpfe, felbft die Fenſterſcheiben, Tafelglas 
and Spiegelglas verferfiget ; und die berihmtefte Glag- 
fabrif war in den vorigen Zeiten in der Fleinen Stadt 
Murano bey Venedig, woher das berühmte venetianis 
ſche Glas fam, welches von befonderer Koſtbarkeit war. 
Tun aber wird daßelbe in den böhmifchen, preußiſchen, 
heſſiſchen und fächfifchen Glashütten eben fo fchin ges 
macht, und von unfern deuffchen Ölasfchleifern weit inf 
Ticher gefchliffen. 

Mit allen Arten der Gläfer handelt der Glafer , ivele 
‘cher fi) aber vornehmlich mit Senftermachen befchäftiger. 
Er fchneidet nehmlic, die Glasfheiben, vermittelſt eines an 
einem Stifte bevefligten fpijigen Diamantes zu, faßt fie 
in Bley, welches vorher durch eine bejondere Maſchine, 
die das Streckwerk heiſſet, gezogen worden, und loͤthet 
ſolches mit Zinn zuſammen. Auf dieſe Art werden auch von 
ihm Katernen und dergleichen Hausrath nerfertiget. 

Dieienigen großen und Fleinen Glastafeln,, die zu 
Spiegeln gebraucht werden follen, werden auf den Spier 
gelfabriken entweder felbft gegoffen, oder wenigſtens, ver» 
'mittelft großer duch Wafferräder getriebener Mafchinen, 
geſchliffen und polirt, und mit ber Spiegelfolie durch 
Hülfe des Gueckſilbers belegt. 

Durh Glagfchneiden und Schleifen verfertigt der 
Brillenmacher dieienigen Gläfer, welche zur Vergroͤße— 
zung der Gegenflände, und zur Stärkung der Augen ges 
Braucht werden ; nehmlich die Glaͤſer zu Brillen, Seheroͤh⸗ 

ren, 


= 





Nebucadnezar. 597 


ven, Mikroſcopien, Zauberlaternen , Dunkelkam— 
mern — die DBrenngläfer, und die Serngläfer, deren 
einige erhäben (CoNver), andere vertieft (concav) ſeyn 
muͤſſen, und von welchen iene für Weirfichtige, diefe für 
Kurzſichtige dienlich find: Dazu muß er eine Maſchine har 
ben, welche die Schleifmühle genennet wird (B. b.). 
Su der Schleiffehüfjel werden die vorhin fchon rund ges 
fhnittenen Gläfer im Sande geſchliffen, auf hölzernen, 
mit Filz oder Leinwad bezogenen Kehren poliert, und her 
nad) auf verſchiedene Weiſe gefaͤſſet. 

Das Glasblaſen bey der Lampe (B. a.) geſchieht 
an einem Tiſche, unter welchem ein Blaſebalg liegt, den 
man mit dem Fuße tritt. Vermittelſt deſſelben und einer 
Lampe, und einem kleinen Blaſeroͤhrchen, verrichtet der 
GSlasblaſer alles im Kleinen, was auf der Glashuͤtte im 


Groſſen geſchieht. Sein Athem und eine Fleine Zange bil. 


den Rugein ,; tleine Fartefianiihe Teufelchen von Emal- 
ge, u. dergl. Er ſpinnt ſogar von dem zerbrechlicher 
Glaſe eine biegjame zitternde GBlasfeide,; Haare zu Glase 
perücken und Faͤden zu Federbuͤſchen. Seine Materialien 
find lange; dicke und dünne Roͤhrchen von meiffen Kris 
ſtallglaſe; ingleihen eine Menge dünner Emalgefiängchen 
von rother, grüner, gelber, fchwarzer Farbe, u ſ. w. 
Das Glas kann auch auf allerley Art blau, roth, 
Hrün, braun, von calcinieten Mineralien gefärbt , auch 
mit Dehl- Keim oder Gummi: Farben darauf gemablet, 
und die Bilder und Figuren durchs Feuer darein gebrannt 
‚werden. Es ift aber die, heut zu Tage befannte, Art auf 
„Glas zu mahlen und zu brennen nur ein Schatten von der 
"alten , aber leider verlohren gegangenem herrlichen Wiffen- 
Schaft, dergleichen Kunſtſtuͤcke zu verfertigen, von welchen 
man noch bin ımd wieder in den —— ſchoͤne Webers 


bleibſel findet. R 
S 8 Endlich 


»r,. 


. 


598 Ein und drevfigfte Tafel. 


Endlich giebt e8 auch noch Verier s und andere Slaͤ⸗ 
fer, womit allerley phyfif de Verſuche gemacht werden füne 
nen — Glastropfen, die, wenn man die Spize davon 
bricht, in einen feinen Staub zerplagen — bologneſiſche 
Flaͤſchen, welche fo dick und ftark find, daß man fie auf 
Holz; heftig ſchlagen kann, und doch zerfpringen, wenn 
man ein kleines fpiziges Stücdchen Kiefelftein bineinfallen 
läffet — und bergl. 


Re —— EEE 1 NZ REIT 
7. 
Die Zufriedenheit der Dunſe. 


N. Gang fpreitete die Flügel aus, und fchnatterte mit 


heiferm Halfe. Ich finge auch, Nachtigall, fagte fie. ' 


Die Dole fand eine Pfeife, fie blies darein, und brachte 
einige falſche Töne heraus. Ich kann flöten, Amfel, 
wie du, ſprach fie. Der Affe nahm dem Mahler fein Pas 
let, und fhmiß die Sarben mit den Pinfeln gegın eine 
Hand. Das find Wolken, fagte er, das ift fchlafriche 
Wetter; ich bin ein Wiabler. Kine Violin hieng an der 
Wand, er. nahm fie herunter, und firich mit dem Bogen 
über tie Saiten , die vermwirrte Tone von fi) gaben. 
Das ift Mufif, fagte er, ih bin ein Virtuos. Kin Kind 
wiegte fich auf einem hoͤlzernen Roße. Gehabt euch wohl, 
rief eg, ich reite von Kande.. 

Salmoneus ritt mit Roß und Wagen über eine eher⸗ 
ne Drücke daher, und fchrie ; ic) donnere. Stentor 
seimte und fprach : ich denfe. Bavius fchrieb Lieder und 
rief: ich Dichte! 





8. 


| 


Nebucadnezar. 599 


B, 
Die Wald- und Seid: Götter, 


J.; das Feld, die Viehzucht und die Wälder hatten; 
nach ben Erdichtungen der alten Griechen und Roͤmer, ih— 
re eigenen Gottheiten. Die vornehmften berfelben waren 
folgende: 

1. Det Dan (a) Er wurde als ein Gott der Schd« 
fer, Walser und Jaͤger, als ein Heerfuͤhrer der Nymphen, 
als ein Borfteher der Berge und der Ackersleute, und als 
ein Befchüzer der auf den Bergen herumfchweifenden Heer: 
Den verehret. Er wird halb alg ein Menfch, und halb als 
ein Ziegendock abgebildet — hat Hörner auf dem Kopfe, 
und einen Kranz von Fichten, einen Mund; der zu 
lachen fcheinet ; einen grogen Bart, Bocksfuͤße und einen 
Bocksſchwanz. Anſtatt des Kleides hat ex eine fledichte 
Bockshaut um. rn der einen Hand hält et oͤfters eine 
fiebenzöhrige Bfeife, Syrinx genannt, und in det andern’ 
einen oben krumm eingebogenen Stab: Bon biefer Pfeife 
oder Floͤte erzehlt die Fabel folgendes : Pan babe ſich 
einft in eine ſchoͤne Nymphe, Namens Spring verliebt = 
diefe aber babe ihm geflohen, und fich deswegen in ein 
Rohrgebuͤſche verwandeln laſſen. Aug dieſem Schilfeohre 
habe ſich Ban nachher feine Floͤte verfertiget. hm zu Eh⸗ 
ten wurden zu Ron iaͤhrlich im Februar Feſte gefeyert, 
welche Lupercalia genannt murben: 


E53 


SE 3. Sy 


600 Ein und dreyßigſte Tafel. 


2. Sylvanus (d). Derfelbe wurde für einen Gott der 
Wälder und der Hirten, und vor einen Vorfteher der Gren- 
zen gehalten, und beynahe eben wie Pan, ale ein alter 
Mann vorgeſtellt, welcher einen Kranz von filien und andere 
Blumen auf feinem Haupte hat. Er hat ein menfchliches 
Geſicht und Fiegenfüße — ift nicht gar zu groß, und halt 
in feiner Hand einen Cnpreßen » Zweig. Ihm wird nachge- 
ruͤhmt, daß er der erfte gemwefen , der die Pflanzung der 
Bäume eingefübhret hat. 

3. Die Satyren (b). Man verehrte fie als Feldgötter 
oder Seldteufel, damit fie den Heerden in den Wäldern 
nichts fchaden folten. Sie werden halb als Menfchen und 
halb als Boͤcke vorgefielt. Auf dem Kopfe haben fie. Hsr- 
ner — frumme Hände, und in denfelben mufifalifche Inſtru— 
mente, einen rauhen Leib und einen Fleinen Pferdeſchwanz 
und Ziegenfüße. Sie fcheinen meiftentheilg auf eine unan- 
ftändige Weife zu lachen und zu tanzen. In ihrem Alter 
wurden fie Silenen genannt, da fie hernacy den Bacchus 
auf feinen Zügen begleiteten. 

4. Die Saunen (ce). Ihnen wurden gleich ihrem Vater, 
den Saunus, alle ungewöhnlichen Stimmen und Gefichter 
zugefchrieben, die man sfters auf dem Felde, oder in Wäl- 
dern zu fehen und zu hören glaubte. Sie haben, wie die 
Satyren , Hörner auf dem Kopfe, und Ziegenfüße, über 
das aber auch einen Kranz von Fichten — und werden übri- 
gens wie nackende Menfchen abgebildet , nur daß fie Ziegen» 
ohren und einen Ziegenfchwanz haben. 

Aufferdem gehörten noch unter die Feld - und Garten: 
Gottheiten : Priapus, Ariftäus, Terminus, und Bonus: 
Eventus. 





9. 





Nebucadnezar 601 





— 9. 
Der Weiſe und der Narr. 


> 
©. Weifer fah mit innigem Vergnügen, 
Mit Ahnung von Unfterblichfeit 
Sein Lob durch faufend Städte fliegen : 
„Fuͤrwahr! ich bin der Phoͤnix unfrer Zeit; 
„Die Bormelt felbft ſah meines Gleichen felten; 
„Gewiß werd ih, und ich allein, den Solgewelten 
„Fuͤr einen Stern der erſten Größe gelten. 


So fprach der Philoſoph; doch, merf eg, nur für fich; 
Denn ſehr befcheiden war er aufferlic) , 
Er fchien fogar die Dunkelheit zu lieben, 
Verbat fich iedes Lob, und hieß es übertrieben. 


Einſt gieng er in ein Narrenhaus — 
Mas Fann ein Weifer bier erlangen? 
Was? Weisheit. Wartedoc den Markt nur aus, 
So wirft du fehn, daß er nicht Fehl gegangen. 


Der Narren einer ſtellt fich vor ihn hin; 
„Knie nieder! fängt er an, und lerne, wer ich bin: 
„Den groͤßten Weifen, den die Welt geſehen, 
„Siehſt du leibhaftig vor dir ftehen, 
„Ich bin der Phoͤnix, das Orakel meiner Zeit, 
„Die Vorwelt felbft fah meines Gleichen felten; 
„Auch fchieß ich fchon auf kuͤnft'ge Welten 
»Die Stralen der Unfterblichkeit. 

83 Der 


602 Ein und dreyßigſte Tafel: 


Der Weife, welcher nur mit halbem Munde lacht , 
Gedenkt an fich, und fen; : An biefem efeln Drt 
Sizt diefer Narr um das, was ic) faſt Wort für Wort 
In meinem Herzen oft gebacht. ’ 
Wie? hat von ums denn ieder einen Sparten 
Zu viel? Sch glaub es faft — Der ganze Unterfcheib 
Iſt diefer : Alles fagen Narren — | 
Die Weilen denkens nur — und heiffen drum gefcheiß., 





Zwey 








Swen — RT Tafel. 





1 0 
Daniel. 


Hi berühmte Prophet, der zur Zeit der babyloni⸗ 
fchen Gefangenfchaft lebte, und die Zierde feines 
Volkes, und ein Ermunterer zur Tugend unter Juden und 
Heiden war, führte fich fchon in feiner Jugend, als ein 
kluger und gutartiger Knabe allezeit wohl auf. Daburch 
machte er fich bey Gott und Menfchen, und jelöft am Hofe 
des Koͤniges Nebucadnezar fo beliebt, daß er an bemfelben 
unter die Edelfnaben aufgenommen wurbe. 

Er ließ fich durch die Neizungen zur Sünde, bie junge 
Leute an Höfen haben, nicht von der: Frömmigkeit und Zur 
gend abwenden. Er vertiefte ſich wicht fo weit in die Luſt⸗ 
barfeiten des Hoflebeng, daß er. daruͤber ein Mülliggänger 
und Wollüftling worden wäre Er mar arbeitfam, und 
befleißigte fi) , von der guten Erziehung , die er hatte, 
Nuzen zu ziehen. Er lebte fehe mäßig. und ordentlich mit 
den andern ifraelitifchen. Knaben, die nebft ihm erzogen wur⸗ 
den; und diefe gute Lebensart erhielt ihn gefund, umd machte 
ihn zur Exrlernung der Künfte und Wiffenfchaften viel tuͤch⸗ 
tiger, als wenn ex fich mit Speifen und Getränke überladen 
hätte, 

Seines Verſtandes, feiner großen Gefchicflichfeit und 
guten Aufführung wegen, fam Daniel bey dem Könige in 
Gnaden. An dem Hofe beßelben zeigte er fich nicht nur: ims 

Ss 4 mer 


604 Zwey und dreyßigſte Tafel, 


mer als ein einfichtsvolfer und gelehrter, fondern auch aks 
ein ſehr reblicher Mann. Er war cın Feind von aller Ver» 
flelung , Falſchheit und Schmeicheley , und ſagte dem Köni- 
ge iederzeit freymuthig die Wahrheit. Deswegen, und weil 
ihm die Gabe Träume und dunkle Ausfsrüche zu deuten von 
Gott gegeben war , gewannen ihm der König und feine 
Nachfolger ungemein lieb, 

Nah Nebucadnezars Tode trat Belfazer die Negies 
zung an, welcher gleichfals. die großen Gaben Daniels fen- 
nen lernte. Einſt gab diefer König allen feinen Fürften umd 
Gemaltigen ein herrlihes Mahl, wobey es über die Maren 
ausſchweifend und üppig jugieng. Alein, da fie im größten 
Zaumel der Freude und der Trunfenheit waren, zu welcher 
fie felbft die heiligen Gefäße misbrauchten, welche aus dem 
Tempel von Serufalem mit fortgeführer wurden, zeigte fich 
eine Menfchenhand, welche in dem Füniglichen Saale an die 
Wand einige Worte fchrieb (b), Der König erſchrack über 
diefe fürchierlihe Erfcheinung und lies alle Weife und Ge: 
lehrte feines Königreichs berufen, dieſe wunderbare Schrift 
auszulegen. Uber Feiner war im Stande dieß zu thun — 
bis endlich Danielberufen wurde. Derſelbe erkannte fogleich, 
was Gott mit diefen vier Worten , die an ber Wand ge- 
fchrieben ſtunden, fagen wollie; und zeigte dem Könige an, 
tie ihm hiemit von Gott angezeigt würde, daß er von ihm 
verworfen fen — daß fein Künigreich nicht länger beftehen, 
“ fondern unter die Wieder und Perfer zertheilt werden wuͤr⸗ 
"de. Und dieß gefchahe auch noch in derfelbigen Nacht, da 

Delfazer umgebracht, und fein Keich von dem medifchen 
Könige Darius eingenommen wurde, 

Und feiner von den bisher erwähnten Köhigen erkannte 
die Verdienſte Daniels mehr, als diefer, Darius, Da ders 
felbe ſchon jech;ig Jahre Alt war, mie er das babylonifche 
Königreich gewann, fo feite er, zur Erleichterung feiner 

; Regie: 








Daniel. 605 


Regierungsgeſchaͤfte, eine gewiſſe Anzahl Regenten uͤber ſein 
ganzes Land, die alle unter drey Oberaufſehern oder Für- 
fien ſtehen, und denfelben Nechenfchaft geben follten. Kir 
ner von diefen Fürften war Daniel, der gar bald foldhe 
Proben feiner Einficht und Nedlichkeit gab, daß ihn der 
König feinen Miträthen weit vorzog , und endlich damit 
‚umgieng, ihm alleine die ganze Neichövermaltung aufzu— 
ragen, | 
Aber — iemehr der König den Daniel hochſchaͤzte und 
liebte, defio mehr beneidefen ihn Die großen Herren am Ho— 
fe — und fie dachten auf Mittel ihn in bes Koͤniges Ungnade 
und ing Unglück zu bringen. In demienigen, was er zu 
verrichten hatte, konnten fie ihm Feines Verſehens befchuldi- 
gen, denn er that das Seinige immer mit aller Sorgfalt 
und Treue. Sie erfannen aber folgendes Mittel ihm zu 
ſtuͤrzen. 9 
Sie wußten es, daß Daniel den wahren Gott aufrich- 
tig verehrte, und fleißig betete. Nun verleiteten fie den 
König durch allerhand Schmeicheleyen und Lügen, den Be— 
fehl zu geben, daß innerhalb dreyßig Tagen niemand von 
einem Gott oder Menfchen etwas bitten folle, ohne von dem 
Könige ſelbſt. — Wer diefen Befehl übertreten würde, der 
folle in die Loͤwengrube geworfen werden, 
Daniel , ber ein eifriger Verehrer deg wahren Gottes 
war, konnte diefen Befehl nicht beobachten, fondern er Fnie- 
fe alle Tage dreymal vor Gott nieder, betete zu Gott, lobte 
ihn und dankte ihm, wie er eg immer gethan hatte, Seine 
Feinde meldeten e8, daß er den finiglichen Befehl übertre: 
ten — und er wurde in die Loͤwengrube geworfen (a). Der 
König ließ e8 ungern und gezwungen gefcheben. Ihn iam- 
merte bes Daniels, den er lieb hatte. Er fagte mitleidig 
zu ihm ; Dein Gott, dem du ohne Unterlaß dieneft, der 
“helfe dir iegt ! Er verfiegelte auch die Thuͤre zu dem Loͤwen— 
Ss5 graben 


60% Zwey und drenkigfte Tafel. 


graben mit feinem Petſchaft, damit niemand ihm etwas zu 
Leide thäte. 

Vor Bekimmerniß fonnte der König des Abends nicht 
effen, und bes Nachts nicht fchlafen, weil er wußte, was 
er an Daniel für einen Flugen und treuen Diener verloh. 
ven — und teil fein Gewiſſen ihm ſagte, mit welchen Un⸗ 
gecht er ihn, feinen weifeften und beften Freund , zum Tobe 
verurtheilet hatte. Gleich an dem früheften Morgen gieng 
er an den Löwengraben und rief mit wehmüthiger Stimme: 
Daniel, du Sinecht des lebendigen Gottes! Hat dich auch 
dein Gott, dem du ohne Unterlaß dieneft, von den grimmi— 
sen Löwen erretten fünnen ? Daniel antwortete : mein 
Herr König! Gott verleihe die langes Leben! Mein Gott 
bat feinen Engel gefandt, der den Löwen ben Nachen zuges 
halten bat, daß fie mir fein Leid gethban haben. Denn vor 
ihm bin ich unfchuldig, und auch wider dic, meinen Herrn 
und König, habe ich nichts Ungerechtes begangen. Der 
König ward hierauf fehr froh, da er Daniel nod) lebendig 
fand, und ließ ihn gleich wieder herausziehen. Die gottlos 
fen falfchen Leute aber, die den unfchuldigen Daniel ing 
Unglück brachten , und ihre Schadenfreude darüber hatten, 
ließ er num mit ihren Weibern und Kindern in die Grube 
werfen — und ehe fie auf den Boden famen, wurden fie 
ſchon von den Loͤwen ergriffen, und in Stücken zerriffen. 
Darius gab hierauf einen Befehl, daß jeder Fünftig den 
&stt Daniels verehren und fürchten folle. 

BANNER 
Yuf Chriſten, die ihr Gott vertraut, 
Laßt euch kein Drohn erſchrecken! 

Der Gott, der von dem Himmel fchaut, 

Mird und gewiß bedecken. 

Der Herr, Here Zebaoth 


alt über fein Gebot 
2 ‘ | Siebt 


Daniel. 607 


Giebt ung Bedult in Noth 
Und Kraft und Muth im Tod — 
Mas will uns denn erfchrechen? 


2. 
Die Menagerie, 


I. wird bey fürftlichen Luſthaͤuſſern und Gärten berienige 
Drt genannt, two allerley fremde und feltene Thiere ges 
halten und ernehret werden. Es befteht aber eine Mena 
gerie aus einem weitläuftigen Naume, der verfchiedene Ab» 
theilungen mit leeren Plaͤzen oder Hufen enthält, darinn bie 
fremden Thiere, Löwen, Leoparden, Tieger, Bären, 





Kameele, Ayänen, Baviane, Adler und vergl. aufbe- 


halten werden. Die Behältniße derfelben find, nach Art der 
Thiere, mit eifernen durchbrochenen Thuͤren ober Dratgit- 
tern verfehen, daß man diefelben dadurch, ohne Gefahr, 
befehen kann. Insgemein befindet fich auch in der Mitte 
des Hauptplazes ein Wafferbehälter , mit lebendigem, ſprin⸗ 
genden Waffer, vor dag Geflügel. Privat = Perfonen aber 
begnügen fich , zur Zierde ihrer angelegten Gärten, nur 
mit einem Theile der Menagerie, und. laffen nur für allerlen, 
Geflügel ein wohleingerichtetes Behaͤltniß anlegen. 

Die herrlichſten groſſen Menagerien, deren man 
faſt bey allen koͤniglichen und fürftlichen Luſtſchloͤſſern fin⸗ 
det, find in Deutichland : zu Berlin, Dresden, Salz. 
dahlen und Herrnhauſen — in Holland : zu Logs Hon- 
deslärdic, und in den Gärten zu Sorgvliet und &t. Ans 
nenland — in Sranfreich: zu BVerfailles, Mary, St, 
Coud und Chantiliy — zu Kom, bey ber Villa Borg. 
befe, Pamfili und be Medicis — zu Slorenz, hinter dem 

Neuen 


68 -  Zwen und dreyßigfte Tafel, 


neuen Palaft des Grosherjogg — in Dänemark, auf 
Friedrichsbur 9, uf, w, \ 

Auffer den Menagerien laffen große Herren bey ihren 
Luſthaͤuſſern aud) Thiergarten anlegen, welches meitläuf- 
tige, mit Gras, Holzung, Quellen und Zeichen verfehene 
und mit Wänden eingefchloßene Plaͤze find, darinn aller: 
ley Ichendiges Wild an Rehen, Hirſchen und Dannpirfchen 
eingefchloffen gehalten wird. Sie find gemeiniglich mit Al- 
leen und angenehmen Spaziergängen, mit Statuen, Fon 
tainen und Gafcaden verfehen. Es wirb auch ein Jagd—⸗ 
Haus mit unterfchiedenen Gemächern, theils vor die Jagd» 
bediente, welche die Aufficht über den Thiergarten haben, 
theils auch vor die Herrſchaft felbft bey denſelben ange 
bracht , und die Zimmer mit allferley Gemaͤhlden, die fich 
zur Jaͤgerey ſchicken, mit raren Geweyben und Gehörs 
nen der NHirfche gezieret, | 


3. 
Beliſar. 


DD. wandelbar die Gunft der Groſſen und das Glück bey 
Hofe fen — und wie leicht auch der Rechtſchaffene durch 
Liſt, Betrug und Verläumdung geflürt werden Fann,.er- 
hellet unter andern aus der Geſchichte und den Schickfalen 
"des berühmten Beliſars. 

Derfelde lebte im fechfien Jahrhunderte nach Chriſti 
Geburt, und war ein Eluger und trefflicher Feldherr bey 
der- Armee des Kaifers Juſtinian, und einer der größten 
Helden feiner Zeit. Er leiftete dem Sailer und feinem 
Reiche imausfprechlich große Dienfie — ſchlug die Perfer 


in mie Schlachten — -gieng , nachdem ihnen der Sriede 
be⸗ 





Daniel. eg 


bemwilliget worden, nad) Afrifa, überwand die Vandalen, 
nahm ihren König gefangen, unterwarf Afrika dem Kaifer, 
und zog mit den eroberten Schäzen zu Konſtantinopel, der das 
maligen Hauptſtadt de3 morgenlandifhen Kaiſerthums, im 
Triumphe ein. Hierauf fezte er feine Siege in Sicilien 
und Stalien fort, eroberte Nom, und bemaͤchtigte fich des. 
oſtgothiſchen Koͤniges Vitiges Er flillete manchen Auf— 
ruhr in der Hauptſtadt, und vertrieb, noch in ſeinem hohen 
Alter, die Hunnen, welche in Griechenland und Thrazien 
eingefallen waren. 

Aber der Dank fuͤr dieſe ſeine viele Treue und Tapfer⸗ 
keit war ſchlecht. Denn im Jahre 561 wurde eine gefaͤhr⸗ 
liche Verſchwoͤrung wider den Kaiſer entdeckt — und da die 
Haͤupter derſelben abgeſtraft wurden, ſo klagten ſie unter 
andern, aus Neid und Bosheit, auch den Beliſar an, 
daß er Wiſſenſchaft davon gehabt habe. Der Kaiſer, un— 
eingedenk der vielen treuen Dienſte dieſes ſchon beiahrten, 
ehrwuͤrdigen Feldherrn, und ohne die Wahrheit oder Un— 
wahrheit dieſer Anklage zu unterſuchen, ließ ihn ſogleich, 
mit ſeiner ganzen Familie ins Gefaͤngniß werfen. Einige 
Schriftſteller ſagen, es haͤtte ihm der Kaiſer beyde Augen 
blenden, oder ausſtechen, und alle fein Haab und Gut eins 
ziehen laffen, fo daß er feine übrigen Lebenötage, von einem 
armen Knaben geleitet, das Brod vor den Thüren füchen 
mußte, mit den Worten : gebt dem Belifar einen Heller, 
den die Tugend erhoben, der Neid aber geftürzet bat. 
Er fol dieſes Elend mit geößter Gedult, nnd ohne unr int 
geringften fich über den Kaiſer zu beſchweren, ertragen has 
ben — ber auch nach Verlauf einiger Zeit, fein Unrecht 
amd Belifars Unſchuld erfaunt,; und ihn wieder in die groͤf— 
ten Ehrenftellen eingefejt hätte. 

Diefer Kaifer Juſtinian machte fich auch dadurch be- 
ruͤhmt, daß er durch einen erfahrenen Rechtsgelehrten feiner 


Zeit, 


610 Zwey und dreybigfte Tafel. 


Zeit, ben Tribonianus, und einigen Gchülfen deſſelben, 
ein vollſtaͤndiges vömifches Geſezbuch ausfertigen ließ. 
Es befteht daffelbe aus folgenden vier Theilen: aus dem 
Loder, oder einer Sammlung der gültigen Faiferlichen Ge- 
fege — aus den Panderten, das heift, einem vollftändigen 
Lehrbegrif der roͤmiſchen Rechtsgelehrſamkeit — aus ben 
inftitutionen, meiche ein kurzes Handbuch eben biefer 
Mechte zum Gebrauch der Anfänger in denfelben vorftellen— 
und aug den Novellen, in welchen der Kaifer feine neue> 
ften Gefeze zufammen faßte. Diefes Geſezbuch wird Cor⸗ 
pus Juris genannt, und noch von allen fleifig fiubiert , 
die ſich mit der alten roͤmiſchen Nechtsgelehrfanfeit befannt 
machen wollen, von welcher noch ein großer Theil in vielen 
Ländern brauchbar iſt. | 
Eben diefer Kaifer machte fich auch durch ben beför, 
derten Uebergang des Seidenbaues aus Alien nad Eus 
ropa berühmt ; indem er durch einige Mönche, Eyer von 
Seidenwürmern zur Fortpflanzung derfelben, mit guten Ers 
folg , aus Indien fommen lief. uch legte er eine Menge 
vortreffliher Gebaude in feinen Städien an, vornehmlich 
die berrlichfie Kirche der Chriftenheit in den damaligen Zei: 
ten, die Kirche der beiligen Sopbia zu Konſtantinopel, 
bie aber iezt ein Bethaus, oder eine Moſchee der Türfen 
abgiebt. 
A; 
MWirfung der Neligion auf dem Throne: 
Elementarw. Tab. XLVIE 2. 
er König der Könige; ber Herr aller Herren = Gott; 
der allwiffende, allmaͤchtige und algütige Vater der Ihrits 


ichen — fowohl derer; die anf Thronen herrſchen, als de— 
“ee. 





Daniel. 611 


rer, die des Tages Laſt und Hitze ertragen. — Gott — 
wird euch vergelten, wie ihr handelt, ihr Monarchen 
und Fuͤrſten! Er bat eg euch, wenn auch goͤttliche Offen⸗ 
barungen fehlten, durch eure Vernunft ins Gewiſſen ſehr 
vernehmlich geſagt: Ich will vergelten, ſpricht der 
Herr! 

Eint leſe Guſta ph Adolph II, Guftapbs 
Sohn, Kronprinz der Schweden und vieler Deut 
ſchen, und ieder Erbe eines Throns oder Fürftenfiuhlg , 
mit. Wohlgefallen die Begebenheiten Agatbofr a⸗ 
9178, eines Monarchen in dem enffernien Aletbinien. 
Che er zum erfien mal mit Seyerlichfeit den väterlichen 
Thron beflieg, überdachte er alles Gute, mag er zu unter 
laſſen, und alles Bofe, was er zu thun, nach vielfälziger 
Erfahrung bey den Fürften, in Verfuchung gerathen koͤnn— 
fe. Er mar überzeugt von dem allerhöchflen Richteramte 
des Königes aller Koͤnige, und des Herrn aller Herreh, 
Aber, dachte er mit Zittern, werde ich mich jeiner auch 
oft und lebhaft gnug erinnern, wenn die Gejchäfte 
und Zerftreuung der Könige befiandig unmittelbar 
mit einander abwechjeln ? Diefe Surcht zu vermindern, 
Jieß er die heilfamen Worte : Ich will vergelten, fpricht 
der Herr! an die fichtbarften Stellen der Derter ſeines ges 
möhnlichen Aufenthalts fchreiben. Er las fie fehr oft, und 
allemal nach einer Stille einer Minute. Und menit er fie 
las, fo dachte er, und beugte fich tief zur Erden. Er lich 
fie auch auf feinen Thron fehreiben. And bey ieder Feher— 
lichkeit, da er denfelben beflieg, ertoͤnte in Harmonie mit 
Elingendem Spiele eine maiefiatifch erufihafte Stimme : 
Gott, der Herr aller Herten, wird ARönige richten, 
and ihnen vergelten. Bey biefen Worten beugte er jich 
tief, und beftieg den Thron, Eben daffelbe gefchah, wenn 
es von bemfelben wieder berunterikies. £ 

i Diefer 


\ 


612 3wey und drenfigfte Tafel. 


Dieſen eingeführten Throngebrauch ſollte, auf Anra— 
then einiger Unbedachtſamen, einer von Agathokrators Nach— 
folgern, Agathokrator der dritte, abſchaffen. Denn, 
fagten fie; dadurch wird’ das Volk zu lebhaft erinnert, daß 
auch Könige abhanglihe Menſchen find, und mit ihm einen 
Hemeinfchaftlihen Herrn und Nichter haben. Solchen 
Rathgebern ſagte der weiſe Monardı: Dieſe Gewohn— 
heit ift zwar nicht des Volks, ſondern der Konige 
wegen von meinen Vorjahren eingeführt und beybe 
balten ; dennoch fey es fern von mir zu glauben, 
dab das gemeinnüzige Verhaͤltniß des Volks und des 
Sürften dadurch fohlte gehindert, und nicht vielmehr 
befördert werden. Wenn das Volk meine Abhaͤng⸗ 
lichkeit von Gott, dem allerböchiten Richter, nicht 
mehr lebhaft denft: jo wird fowohl mein Jaus und 
Geſchlecht, als auch die größte Zabl meiner Unterthas 
nen, die Ueberzeugung von der göttlichen Gerechtig⸗ 
Feit bald verlieren. Und was babe ich Einziger auf 
dem Throne alsdann für Sicherheit gegen den un: 
bekannten Willen derer, die ihn nach mir befteigen; 
ich einziger Menſch gegen den unbekannten Willen 
vieler Taufenden, welche dem, der auf dem Throne 
fist, feine Beduͤrfniße und Sebler, ia, felbft feine ver 
Fannten Tugenden zur Kaft legen Fönnen? Der Koͤnig 
folgte alſo diefen Rathgebern nit, fondern behielt den 
gemeinnuͤzigen Throngebrauch, und gab überdem eine neue 
Kerordnung : Daß niemand im Lande zu einem Amte bey 
Hofe, oder zu irgend einer obrigkeitlihen Verwaltung be- 
fördert werden follte, der nicht vor dem Antritte feiner 
Bedienung das oͤffentliche Bekentniß ablegte : Ich glaͤu⸗ 
be von Herzen, und werde dieſen Glauben nach 
meinem Vermögen befördern, daß ein allmächtiger, 


allwiffender und allguͤtiger Boͤnig der Könige ſowohl 
uͤrſten 


Daniel. 613 


Sürften und Obrigkeiten, als Unterthanen mit Ge: 
rechtigfeit richten wird; iene, nachdem fie entweder 
gewifienhaft, oder wider das Gewiſſen geherrſcht; 
Diefe aber, nachdem fie entweder dem Gewiffen ges 
mäß gehorſam, oder wider daſſelbe ungehorſam ges 
wefen find. Der König felbft giaubte in der Religion 
zwar weit mehr als dieſes, aber mar nicht der Meinung, 
daß es die Sache der Fuͤrſten wäre, wegen anderer Reli—⸗ 
gionsfäze irgend einen Unterſchied unter ihren Unterthanen 
gu machen. 


ERAETLE 


5. 
Der Löwe, Die Lömweniaad. 


’ N. Löwe (A) ift das ſtaͤrkſte, verwegenſte und ſchreck⸗ 
lichfie Thier auf dem Erdboden, das ſowohl an dem maie— 
ftärifchen Anfehen, als an Großmuth und Stärfe feinem 
andern etivas nachgiebt.. Es hat einen großen Kopf, ein 
faft vierecfiges Geficht, und einen ſchlanken Körper, deſſen 
Zarbe auf dem Rücken rothfahl oder gelblih, am linters 
leibe aber mweißlich -ift. Der männliche Löwe tragt eine 
Mähne, nehmlich ein langes Haar, welches alle Vorder⸗ 
theile feines Leibes bedeckt, und mit dem Alter immer Länger 
wird. Die Loͤwin aber hat feine Mähne und überhaupt 
kuͤrzere Haare, iſt aber eben ſo grimmig, abſonderlich wenn 
ſie Junge hat. Die Laͤnge des groͤßten Loͤwen betraͤgt ohn⸗ 
gefehr acht oder neun Fuß, ohne den Schwanz zu rechnen, 
welcher faft vier Fuß lang, und am Ende mit einem Bus 
fchel langer Haare gezierer if. Die Stimme diefes Thiers 
befieht in einem fürchterlichen Brüllen, welches bisweilen, 
. fonderlich wenn der Löwe zornig iſt, ſo flarf wird, daß es 
| zt dem 





’ 


FRE 


614 Zwey und dreyßigſte Tafel. 


dem Srachen des Donmners nahe kommt. Faſt alle vier 
fügige Thiere zittern vor feinem Anblick, um fuchen ihm 
auszuweichen benn wenn er hungrig ift, geht er auf Thies 
re los, e ihm in den Weg Fommen , fogar auf dieienigen, 
die ihn an Groͤße weit übertreffen. Doch hat man biefeg 
bemerkt, daß, wenn er Menfchen und Thiere bey einander 
anfrifit, er allemal über die Thiere und niemals über bie 
Menſchen herfält, mofern er nicht von ihnen beleibiget 
wird. Er ift nicht fo tücifch und graufam, wie die Tieger. 
Er toͤdtet die Thiere nur, um fich zu fättigen, und niemals 
mehr, als er zu feiner Mahlzeit nöthig hat, Er verbindet 
mit feiner Etärfe und Unerfchrocdenheit viel Großmuth. 
Gr verachtet die Beleidigungen Kleiner Feinde, und ift 
dankbar gegen dieienigen, die ihm eine Wohlthat erzeigt 
haben. Wegen diefer edlen Eigenfohaften ift er von ben 
Poeten zum König unter den vierfüfligen Thieren gemacht 
worden. 

Er Iauret, wie ein Hund, im Gebüfche auf Leufez 


se 


anfehen, ob er aufgeräumt oder verdrüßlich ifl. Wenn er 
in dem Gebüfche füile liegt, und Feine Bewegungen mit 
dem Echwanze macht, fo fann man ohne Gefahr vor ihm 
vorüber gehen. So bald er aber mit einer Heftigkeit aufe 
fpringt, die Mähne fehüttelt, und den Schwanz einmal 
nach dem andern mit einem Geräufche auf den Ruͤcken ſclaͤgt, 
fo weiß man, daßer von Hunger oder von der Wuth aufe 
gebracht ift, umd man darf fich nur die gewiffe Rechnung ' 
ntachen , daß man in dem Lingemweide defielben eine Stelle 
befommt. Bor andern Thieren verfolgt er auch die Pfern 
de , und diefe muͤſſen gewiß ihre Kräfte anftrengen, wenn 
fie feinen Klauen entgehen wollen. Er tödtet einen Och⸗ 
fen mit einem Schlage, und trägt das, was der Hunger 
übrig gelaffen bat, in feine Hole mit fich fort und ver⸗ 

ſcharrt 


PR‘ 





Daniel. 615 


fchartt es. Die Fameele, das Nindvieh, und alle groffe 
Zhiere, an denen er eine gute Mahlzeit zu finden pflegt, 
find vor feinen Nachſtellen am wenigſten ſicher. Er vers 
ſchluckt auf einmal bien, fauft aber wenig. Er zerfleifche 
nur seinen Kaub, er zertaut ihn nur obenhin, und ſchlu—⸗ 
det, wie der Hund, ganze Stuͤcken hinab; ex ſpeyet fie, 
WER er gezwungen worden, ſehr ſtark zu laufen, mie der 
Hua, riechend wieder aus, und verfchluckt eg von neucm. 
Er ſcharret ſich ein Loch in die Erde, und lieget darinn, 
wie ein und, krumm zuſammengebogen. 

Das eigen liche Vaterland der Löwen find die afrifa- 
nijchen Wuͤſteneyen, und die heiffeften Gegenden von Afien, 
Sie werden auf mancherley Ari gefangen (B). Man iagt fie 
mit großen Hunden: doch muͤſſen aud) immer Leute zu Pfer- 
de dabey, und beydes, Pferde und Hunde abgerichtet ſeyn, 
weil alle Thiere vor dieſem ſchrecklichen Monarchen der 
Waldber zittern. So dicht feine Haut iſt, fo halt fie doch 
feinen Schuß noch Wurfſpieß aus, ob er gleich nicht von 
Einer Wunde pirbt, Oft fange man ihn, wie die Wolfe y 
in Fallraͤſen ober tiefen Gruden, die man oben ber duͤnne 
beicgi, und daſelbſt ein lebendiges Thier beveflige, Sa 
bald der Loͤwe gerangen iſt, wird er fanfımichig, und nimme 
man bie erſten Augenbüicke wahr, da er gang beſtuͤrzt und 
beichäme iſt; ſo kann man ihm eine Sefte anlagen, einen 
Maulkorb anyangen, und ihn, wo man will, berumführen. 
Ein andermal raubt man ihnen die Jungen, und wenn die 
Loͤwin den Jaͤgern nachfezt, fo werfen fie ihr ein Junges 
zu; fie kehret damit wieder zuruͤck, indeſſen eilen die Jaͤger 
mit den andern davon, und machen fie zahm. 


Tt 2 6. 


616 Zwey und dreybigfte Tafel. 
nz rn ——— 


6, 
Der Sleiicher. 


N. Gefchicflichfeit eines Sleifhers, der an einigen Or; 
ten Schlächter , Mezger oder Sleifhhauer genannt wird, 
beruhet vornehmlich auf zwey Dingen 5 nehmlich auf dem 
vortheilhaften KinFauf, und auf dem Ausbauen des lei: 
fches beym Verkaufe in dem Sleiſchſcharn oder Fleiſch— 
baufe. Er kauft das Schlachfoieh entweder von den Vieh» 
haͤndlern und andern Verkäufern, die Vieh zum Verkauf 
bringen; oder er fchieft feine Schlächterfnechte. auf das plat— 
te Land, oder in fufterreiche Gegenden und Länder, da 
man Vieh im Ueberfluſſe einhandeln kann. Von denienigen 
Laͤndern aber, in welchen ſonderlich gutes Schlachtvieh ge— 
zogen wird find vornehmlich Frießland, Holland, Juͤtland, 

Boͤhmen, Polen, Ungarn und Siebenbuͤrgen beruͤhmt. 
Beym Einkauf des Viehes muß ſich ieder Schlaͤchter 
durch die Uebung eine Fertigkeit erwerben zu beurtheilen, 
wie ſchwer ohngefehr ein Stuͤck Vieh wiegen mag, und ob 
es fleiſchig und fett iſt. Er muß alſo bey dem kleinen Vieh, 
das er aufheben kann, das Gewichte gleichſam in der Hand 
haben, und bey einem Pfunde treffen koͤnnen; das groͤſſere 
Vieh aber nach dem Gefuͤhle, oder dem Griffe beurtheilen, 
und auch da nicht uͤber 10 Pfund irren. Was das Schlach⸗ 
ten ſelbſt betrift, ſo wird der Ochſe (A. a) mit einem 
Schlaͤchterbeile vor den Kopf geſchlagen, dann mit einem 
groffen Schlachtmefier, dergleichen der Schlächter in feis 
nem Meſſergurte hat, in die Bruſt geftochen, daß die 
Herzadern getroffen werden; alsdenn auf einen ſtarken hoͤl— 
zernen Schragen gelegt, die Haut abgezogen, oder abge: 
ſchlachtet, 


Daniel. 617 


ſchlachtet/ an den Haͤngeſtock mit der Winde aufgezogen, 
der Wanft (d. i. der Magen und die geoffen Gedärme,) 
der Miefer (die Eleinen Gedärme, das Gekroͤſe) und 
das Gefihlinge (Leber , Lunge, Herz) herausgenommen, 
alles fauber gewafchen, und dann zum Verkauf ausgehauen. 
Bey den Juden ift das Schechten der Dchfen gewöhnlich. 
Sie werden gebunden zur Erde geworfen, und der Schech- 
ter, oder Roller fchneidet die Kehle mit drey Zügen derge— 
ftalt ab, daß der Schlund big auf die Knochen abgefchnitten 
it. Sf der Schlund nicht vollig zerfchnitten, fo nehmen 
die Suden nichts von dem gefchlachteten Dehfen ; fo wie 
auch nicht, wenn das Nez angewachfen ift, oder der Ochſe 
ihnen nur einigermaflen unrein fcheinet. Das Balb wird 
folgender Geſtalt gefchlachtet (b): Man bindet ihm die Fuͤſ— 
fe und legt es auf einen Schragen. Auf demfelben werden 
die Herzadern mit einem Meffer abgefiochen, da wo fie nad) 
dem Halfe gehen, dann wird ein Fleiner Haͤngeſtock in bie 
Heßen (Schenkel) eingefteckt, und das Kalb mit dieſem 
an einem Macken aufgehangen, und wie der Ochſe ausge— 
nommen. Beynahe eben fa mird auch der Hammel oder 
Schoͤps und das Kamm gefhhlachtet (ec). Das Schwein 
flicht der Schlächter gerade wie den Dehfen (d). Weil _ 
aber die Adern mit Fett verwachfen find, fo fliht er nad) 
dem Herzen, und laßt das Blut mit Gewalt aus den Adern 
drucken. Die Borſten werden entweder mit kochendem Waf- 
fer abgebrühet, oder mit brennenden Stroh geſengt, und 
mit einer eifernen Schabe und einem fiharfen Meſſer ab- 
gefchabet,, und abgefchoren, darauf wird dag Schwein ſelbſt 
aufgehangen, ausgenommen und ausgehauen ; woben noch 
zwey Neben-Verrichtungen vorfallen, nehmlich das Würft, 
ftopfen und das Einböckeln und Einfalzen des Fleifches. 
Was endlich das vortheilhafte Aushbauen und Ver: 
kauffen des Sleifches betrift, fo müffen fich die Schlachter 
Lg und 


518 Zwey und dreyhigſte Tafel. 


und ihre Frauen durch die Uebung eine Fertigkeit erwerben, 
nach dem Augenmaaße gerade ein fo großes und ſchweres 
Stück auf dem Haͤublocke, mit einem großen Schlachter: 
beile, abzubauen , al ieder Käuffer verlange. Denn — 
iſt ein ſolches Stück zu Elein abgehauen, fo geht der Käuffer 
weiter; ift e8 aber zu groß, fo thut fih der Schlächter 
feldft Schaden. Alle ausgehauenen Stüce aber von iedem 
Schlachtvieh haben ihre eigenen Benennungen. So ift z. €. 
1) am voͤrdern Viertbel eines Ochſen (B.a) der Bug 
pder die Schulter, mit der Maus und dem Knieſtuͤck, das 
Stück unter dem Bug mit der Vorbruſt und dem Bruflfern, 
der Schild mie dem Riebſtuͤck, das Zwergſtuͤck und bie 
Nachbruſt — 2) am bintern Viertbel eines Ochſen (b), 
die Schaale, der Kendbraten, die runde Wurzel, das Hüfts 
fiück, mit den Span » und Zwergwuͤſten und das Arfchflück 
mit feinen ausgekoͤrnten, beinigfen und voͤrdern Riemen — 
3) am vördern Ralbsvierthel (c), der Ruͤcken, bie 
Here , das Strätlein und die Bruft — 4) am bintern 
Balbeviertbel (d) der Schlegel und der Nierenbraten. 
Die Stücfe von einem Hammel oder Lamm haben eben diefe 
Benennungen, nur daß gemeiniglich die Schlegel derfeiben 
Beulen genannt werden. Bon dem Schweine werden die 
Schinken und Speckfeiten von vielen eingeböctelt oder 
eingefalzen und gerdäudert; und vom Blute und dem 
Gefchlinge allerley Würfte, frifche und geräucherte , Leber— 
wuͤrſte, Blutwürfte, Brat » und Bregen⸗(Hirn⸗) Wuͤrſte 
auch Saͤuſaͤcke und Tümpfel gemacht (B). 


Daniel. 619 
a — —— FINE PN 


7B 
Der perfifhe Bauer mit den Fruͤchten. 


ge 

In Erivan 

War einſt ein armer ſchlechter Mann. 

Sein ganz Vermoͤgen war ein kleiner Garten, 

Sein ganz Geſchaͤft ihn abzuwarten. 

In dieſem ſeinem Gaͤrtchen ſtand 

Ein Obſtbaum, weit umher bekannt. 

Die Frucht des Baumes war ſo ſchoͤn, 

So ſchmackhaft, und ſo groß dabey, 

Daß man dem Manne rieth, nach Iſpahan zu gehn, 

Und, da der Schach auf Früchte lecker fep, 

Ein Körbchen vol dahin zu fragen. 

„Was duͤnket Div ? Sch wette fall, 

„Du kriegſt, ich will nur menig fagen, 

„So ſchwer am Golde heimzutragen, 

„Als du an Früchten hingetragen haft —» 

„Je nun ! ich ſollt' es felber meynen — 

Er kauft ein feines Körbchen ein, 

Hack feine fchöne Frucht hinein, 

Nimmt freudig Abfchied von den Seinen, 

Und tritt den Weg nah Iſpahan 

Schon mit Entwürfen fchmwanger an; 

Macht mit dem Golde von dem SKaifer 

Sein Gaͤrtchen größer, baut fich neue Gartenhäuffer ; 

Kommt endlich, eh ers benft, nad) Iſpahan, 

Und meldes ſich beym Dbermarfchal an. — 

Man kennt den Hof; Wer bringt, dem, fiehn bie Thüren 
offen; 

Tt4 Mer 


620 Zwey und dreyßigſte Tafel. 


Mer holen will, kann lange hoffen — 
Der Maͤrſchall nimmt die Frucht, und Furze Zeit hernach 
Berichtet er dem Manne, daß der Schach) 
In eigener Perfon dag Obſt allein verzehret, 
Es fehr gelobt , und mehr begehret. 
Der arme Perfer zehlt auf ein gewiſſes Glück, 
Und fpannt nur auf den Augenblick 
Dem Saifer glimpflih zu berichten, 
Er fey der Bauer mit den Früchten. 
Er fielt fih in das Vorgemach, befchauf, 
Begafft die Hoͤflinge, die hier demuͤthig ſtehen, 
Und ſieht, in dem er gafft, ein kleines Zwerglein gehen, 
Krumm, bucklig, lahm, ſo mißgebaut, 
Daß fich mein guter armer Mann 
Des Lachens nicht enthalten kann. 
Zum Ungluͤck war dies Zwerglein der Miniſter, 
Ein Männchen ſchwarzer Galle voll, 
Bon Blicken fharf, von Stirne düfter. 
Er fieht fih um, erblickt den Fremden : „Biſt du toll, 
Dermeffener? „ Er winkt: Man pacet ihr 
Gar unfanft an, und fchleppt ihn nad) dem Kerker hin. 
Hier mag er fein Gefchenf erwarten. 
Er fluht dem Baum , er flucht dem Garten, 
Er flucht den Freunden , deren Rath 
Ihn in dies Ungemach geftürzet hat. 
Doch alles Fluchen Fann die Sachen 
Nicht ungefchehn, noch beſſer machen. 
- Ein Fahr flieht nach und nach bahin, 
(Ach! eine lange Zeit für ein fo Fumes Lachen. )) 
Und feine Seele denft an ihn. 
Yun Ffommt die Zeit der Früchte wieder. 
Man bringt dem Schach die fchönften dar. 


Er ruͤmpft die Nafe , legt fie nieder; ’ 
„Nein! 





Daniel. 621 


„Nein ! das ift Feine Frucht , wie das vergangne Jahr. 
»Was für ein herrlich Obſt das mar! 
„Wird wohl der Mann zuruͤcke kommen? 
„Hat man noch nichts von ihm vernommen? 
„Wo fam er ber, mo kam er hin? 
„Hat man ihn auch bezahle ? Erfragt mir ihn! 
Man forfcht, und man erfährt die Flägliche Gefchichte, 
Der Kaiſer lacht bey dem Berichte; 
„Gut ! bringt ihn her ! ich will ihn fehn 
„» Den armen Schelm ! Nun fols ihm beſſer gehn. 
He! guter Sreund ! ich weis, mie dirs ergangen — 
(Sp fpricht der Schady.) Es thut mir leid. 
Doc) kurz und gut, für Kerker, Obſt und Zeit 
Kannſt du nunmehr , was dir beliebt , verlangen. 
Ein Beil, verſezt der arme Mann, 
Erbits ich mir, und einen Alkoran. 
Der Faifer fängt zu lachen an, 
Und fpriht : Was nüzt dir Beil und Alkoran? 
„Das Beil, den DObftbaum umzuhaun; der Alkoran, 
„Den größten Eid darauf zu ſchwoͤren, 
»Daß ich und die mir zugehören 
» Zeitlebend nie nach Hofe wiederkehren. 


N ERNALTEER 


8. 
Das Amphitheater. 


Auſer dem Circus ( Tab. XXIII, 8.) hatten die Römer 
noc) zweyerley Arten öffentlicher Gebäude, in welchen fey⸗ 
erliche Spiele und Belufligungen des Volkes angeftellt wur⸗ 
den; nehmlich das Theater, und das Amphitheater. 
In ienem, welcher die Geſtalt eines halben Eirfels hatte, 

zt5 wur⸗ 


’ 


622 Zwey und dreyßtgſte Tafel. 


wurden gemeiniglich Die Schaufpiele gegeben; dieſes aber 
mar zu den berühmten gechterfpielen, und Thier + Gebese 
beftimmt. Das Ampbitheater hatte eine ovalsunde Ges 
ſtalt, und beſtund gleihfam aus zweyen zuſammengeſezten 
Theatern. Unten auf der Erde hatte es einen großen freyen 
Plaz, der mit Sand uͤberſtreuet war, damit von dem Blu⸗ 
te, fo darauf vergoffen wurde, der Boden nicht fchlüpfrig 
toerden möchte. Um diefen Pla; herum waren alierley Be— 
haͤltniße für die wilden Thiere, und für die Fechter. Ueber 
denſelben waren die Size der Zufchauer ; zuerft des Narbe, 
und anderer obrigfeitlihen Perfonen,, der Kaifer und der 
veftalifchen Jungfrauen; für welche Gegenden auch, zu 
mehrerer Sicherheit vor den wilden Thieren, Gitter gezogen 
waren. Ueber diefen- Famen 14 Reihen Size, auf denen 
nur die Ritter figen durften; dann die übrigen für die Zu« 
ſchauer, welche immer höher hinauf giengen, und in fo 
großer Menge waren, daß über 80000 Menfchen bequem 
ſizen konnten. Zwifchen diefen giengen von unten bis oben 
hinauf, Gänge, auf denen die Leute in die Höhe fliegen, 
und fi) von da feiiwärts in ihre Size begaben. Zu oberft 
gieng noch eine Galerie herum , welche allein bey 20000 
Menſchen fallen fonnte, und auf welchen vornehmlich die 
Srauen, und alle, bie in Trauerkleidern giengen, jufahen. 
Unter dem Gebäude waren Roͤhren, durch welche der Boden 
mit Waffer Fonnte angefüllet werden, wenn ein Geetrefjen 
follte vorgeftellt werden; auch waren hin und wieder Fleine 
Möhren oder Fontainen angebracht, durch weiche zur Er— 
feifchung der Zufchauer , wohlriehende Waſſer Fonnten aus⸗ 
gelaffen werden. Wenn die Sonne zu heiß ſchien, wurden 
über die Zufchauer Tücher gefpannt, melche anfangs von 
Segeltuch, bey überhand nehmender Pracht aber, von Seide 
uno Purpur gemacht Maren. 


Die 


Daniel. 623 


Die Sechter, welche auf diefem Schauplase ihre Leben - 
wagen follten, waren Gefangene, Miffethäter, und Knech— 
te; oft auch voruehmer Leute Söhne, welche fich bey dem 
Raifer und dem Volke beliebt machen wollten. Sie ließen 
nicht eher nach zu kämpfen, bis einer unter ihnen halb, 
oder ganz od zur Erde fiel; gefchahe dag erfie, fo durften 
die Zufchauer entfcheiden, ob ihm das Geben gefchenft, oder 
gar genommen werden follte, 

Die Tbiere, welche auf diefem Schauplage an einan—⸗ 
der gehezet wurden, waren bald zahme, bald wilde. Gie 
firitten entiveder mit ihres Gleichen, oder mit andern Thie- 
ren, oder mit Menfchen — dazu fich manche aus Kuhmbes 
gierde gebrauchen , oder mit einer Summe Geldes erfauffen 
liefen. Gemeiniglich aber wurden große Verbrecher, und 
zu den Zeiten der Chrifien » Verfolgungen, die Ehriften dazu 
verurtheilet mit den wilden Thieren zu Fampfen. Schade, 
daß e8 jemals folche Schaufpiele gab, deren man nie andere 
als mit Schauer , und zur Schande der Menfchheit gedens 
fen muß! 


9. 
Die entdeckte Unſchuld eines Miniftere, 


der fann fich in feinem Stande einen guten Namen, 
machen. Go gieng es auch mit einem geringen Viehhirten. 
Sein auf Ehrlichkeit und gefunde Begriffe gegrindetes 
Berhalten machten ihn in feinem Dorfe groß. Man fand 
feinen, der fich nicht gern auf fein Wort verließ — feine 
Meblichkeit gab Gelegenheit, daß flreitige Guter bey ihm, 
bis nach ausgemachter Sache, niedergeſezt wurden — fein 

gutes 


624 Zwey und dreyßigſte Tafel. 


gutes Gemüthe war allezeit bereit , Zwiſtigkeiten beyzule— 
gen — und feine gefunden Begriffe lehrten ihn gerechte Aug: 
fprüche, fo oft feine Dorfleute eine Entfcheidung verlangten. 

Wie ein klarer Himmel allmäblic) die ſchwarzen Wolfen 
vertreibt, und die Luft erheitert, fo verhält ſichs auch mit 
einem guten Namen. Er breitet fich in die Ferne aus, und 
wird allenthalben wohl aufgenonmen. Der König, welcher 
zu eben der Zeit das Land, beherrfchete, war ein milder und 
erleuchteter Herr ,„ der ohne Abfichten, den Verdienten 
Würden ertheilte. Er ließ den Hirten zu fich rufen, prüfte 
bald feine Ehrlichfeit, bald feinen Verſtand — und fo wie 
derfelbe zunahm, gab er ihm eine Ehrenftelle nach der andern, 
bis der Hirte, ohne Schmeicheley und Kunſtgriffe, gleichfam 
mit den Flüge ded Windes, die Zinnen des Tempels der 
Ehre erreichte, und zu ſolchem Anfehen gelangte, dag ohne 
feinen Nath nichts Wichtiges vorgenommen wurde, 

Kluge Näthe find einem Negenten eben dag , was der 
Eompaß dem Steuermann ifl. Folge man demfelben, fo 
geht alles wohl — und fo gieng ed auch bier. Der König 
war auffer Gefahr, denn er war geliebet — dag Volk fchlief 
ruhig , denn die Arbeitſamen haften ihr fägliches Auskom— 
men — die Unfchuld war unbefümmert, denn fie war des 
Schuzes verfihert — das Lafter zitterte allein, denn eg 
wurde verfolge ; und die Mißgunft wachete auf deffen 
Seite mit Unruhe; denn die Tugend wurde gekroͤnet. 

Unter fo allgemeiner Stille gefchahe es einft, daß ein 
betagter Mann, des Hirten alter Freund, von einer weiten 
Reiſe nach Haufe kam. Sein erfter Trieb führte ihn nach 
Hofe, um die Sonne, von welder fih eine fo fruchtbare 
Waͤrme über dag Land ausbreitete, zu verehrten. eine 
Verwunderung, da er den Hirten an der Seite des Koͤniges 
erhaben fahe, mar nicht geringe; und der Hirt, der bey 
geuem Schickfale, fein voriges unveränderliches Gemüthe 

behal⸗ 


Daniel. 625 


behalten hatte, freuete fich über des Freundes Ankunft. 
Als fich beyde gegen den Abend alleine beyfanmen fanden — 
fo glaubte der alte erfahrne Mann , es wäre Pflicht, den 
Liebling des Königes zu warnen — Freund, fprach er, dir 
bift auf dem fchlüpfrigen IBege der Ehre, und einem Blinden 
gleich, welcher, als er feinen verlohrnen Stab unter den 
Steinen und Straͤuchen fuchte , eine erflarrete Schlange 
fand, und aufnahm. Ein anderer fcharffichtigee Wanderer 
bat ihn, das waserin den Händen hielte, wegzuwerfen — 
allein der unglückjelige Dlinde verachtete den Nath, und 
glaubte eine fichere Stüze zu haben , bis ihn die erquickte 
Schlange endlich einen tödtlichen Stich verfeste — Du haff 
Derftand, fuhr der Erzehler fort, du Fanft felbft die Anwen— 
dung machen. 

Der Hirte wurde zwar etwas befümmert tiber diefe 
Sprache des Alten; weil er ſich aber nichts Boͤſes bewuſt 
war, fo fuhr er mit Treue und Muth fort fein Amt zu ver- 
twalten — und er würde darinn bis an feinen Tod unermuͤ— 
det geblieben feyn , wenn es nicht feinen liftigen Neidern 
endlich , nach vielen weit hergeholten Verſuchen geglücket 
hätte, beym Könige Argwohn zu erwecken. Ihr erfies Ans 
geben war, daß der Hirte vom erpreßten Gelde armer Leu—⸗ 
te, und vielleicht auch von Beflechungen der Neichen ſich ein 
rächfiges Haug erbauet hätte. Der König wollte in einer 
Sache, welche die Ehre eines redlichen Mannes angieng, 
einen- andern , als feinen eigenen Augen, Glauben 
eymeſſen. Er Fam alfo zu dem Hirten und befahe feine 

ohnung — fand aber, daß meber das Gebäude und 
die Auszierung deffelben feinen Stand übertraf, uoch die 
Koften fich höher beliefen, als die belohnende Enade feines 
Heren ihm dazır'gereichet hatte. Der Hirte wurde aljo auf 
das Neue gerühmt, daß er feine Stelle nicht verunehref 
haͤtte, und daß er den Handwerkern das, Brod zufommen 
laſſen, 















626 Zwey und dreyßigſte Tafel. 


laffen, welches fie billig von den Vermögenden des Rande 
erwarten muͤſſen. Die mißgunſtvollen Angeber wurden hers 
bey gerufen und. ihnen ihre Falſchheit vorgehalken. — Zur 
Entfchuldigung aber erdachten fie eine neue Unwahrheit. 
Gnaͤdigſter Herr ! fagten fie, der Hirte nimmt fic) wohl in 
acht, daß er vor aller Augen feinen Schaz zeige — aber bey 
feinem Bette fteht ein mit Gold und Edelſteinen gefuͤllter 
Kaften, der mehr an Gütern und Werth in fih haft, als 
alle andere Unterthanen im Reiche beſizen — Der Wahrheit 
liebende König begab fich aufs Neue zu feinem Diener — 
er fand den Karten und befahl, benfelden zu eröfnen ; ber 
Hirte entſchuldigte fich, und verficherte, es waͤre nichts das 
rinn zu finden, dag die Neugierde feines gnädigften Foͤniges 
reizen koͤnnte — ie mehr er fich aber weigerte, deſto mehr 
wurde feine Aufrichiigieit in Zweifel gezogen. Der Kaffe 
wurde aljo mit Gewalt aufgefchlagen — aber was fand der 
König und feine Schmeichler- Schaar in demfelben? Nichts 
anders als ein Hirtenfleid und einen abgeſchaͤlten Hirteh- 
fiab — dag ehemalige Gewand des treuen Miniſters, das 
er forgfältig verwahrte, um fich dann und wann bey Erbli- 
ckung deßelben, feiner niedrigen Herkunft zu erinnern. 
Und nım legte der Hirte, im Beyſeyn des erſtaunten 
Koͤniges und feiner Feinde, fein Fofidares Kleid ab und 
sog, indem er fich feines Freundes Fabel von dem Blinden 
und der Schlange dabey erinnerte, fine alte Hirtentracht 
an, wanderte nach feinem Geburtsorte, und ſchloß, ohne 
fich durc) des Koͤniges Bitten und Verheiffingen von ſei— 
nem gefaßten Schluße abbringen zu laffen, feine Tage in 
eben der Hütte, in welcher er die Welt zuerſt gefehen hatte, 





Drei 








Drey-und drenßigfte Tafel, 





1 + 
Eſther. 


Sr dem Tode des Koͤniges Darius folgte Cyrus 
(Tab. XIII, 3.) der in der heil. Schrift Kores heißt, 
weicher zuvor König in Derfien, und bes Darius Schiier 
geriohn und Erbe war. Er eroberte Babylon, faft ganz 
Afien, und mehrere Länder, und war gegen die hin und 
wieder zerfireuien Juden fehr gnaͤdig geſiunet. Denn er 
gab ihnen gleich im erfien jahre ſeiner Regierung den Ber 
fehl, daß fie in ihr Land wieder ziehen, die Stadt Jeruſa— 
lem und den Tempel wieder bauen, und daſelbſt den Sffents 
lichen Gottesdienjt wieder anfangen ſollten. Dies gejchahe 
ohngefehr fechsthalb hundert Jahre vor Ehrifti Geburt; es 
verzog fich aber der Zempelbau, wegen allerley Uneinigfeis 
ten unter den Juden, wohl funfjehn Jahre, bis der König 
Derius Hyſtaſpes den Befehl feines Vorfahren, des Cys 
zus erneuerte, und Anftalten machte, daß biefer Bau in 
wenigen Jahren vollendet wurde. Eben fo eifrig_betrieb 
einige Zeit hernach Ahasverus (welcher von einigen für 
ben Artaxerxes Kongimanus, von andern aber für den 
durch feine grojfen Armeen berühmten Keryes gehalten wird), 
die Wiedererbauung Jerujalems und die Herſtellung des 
Snttesdienfies. Unter diejem Ahasverus irug fich folgen. 
de merkwuͤrdige Gefchichte zu ; 

In der Hauptſtadt diefes perfifchen Koͤniges lebte da— 
mals ein verſtaͤndiger frommer Iſtaelite, Mardochai, wel. 
cher ſowohl feine Gottesfucht, als feine Treue gegen den 


König 


628 Drey und dreyßigſte Tafel. 


König auf verfchiedene Weife an den Tag legte. Sein 
gutes Herz bewieß er insbefondere dadurch, daß er fich einer 
armen vater» und mutterloſen Waife, der- Kfther vaͤterlich 
annahm, und fie an Kindesflatt auferzog und liebte. Diefe 
Jungfrau hafte nicht nur eine angenehme Bildung, fondern 
auch eine feine Seele, und richfete fich in allen nach den 
guten Lehren ihres Anverwandten. ie blieb bey ber 
Verehrung des einzigen wahren Gottes — lebte eingezo— 
gen — mar demäthig , befcheiden , ftille md arbeitſam — 
wofür fie der liebe Gott auch ausnehmend fegnete, und das 
Schickſal ihres Lebens fo wunderbar leitete , daß man die 
Erzehlung davon nicht ohne Nührung Fefen kann. 

Es begab fich nehmlich, daß Abasverus einft allen 
Sürften und Befehlshabern feines Reichs ein herrliches 
Gaſtmahl gab, mo er diefelben fieben Tage lang mit er- 
ſtaunlicher Pracht bewirthete. Zulezt wollte er, aus befon» 
derer Gnade, ihnen auc noch feine Gemahlin, die ſchoͤne 
Vaſthi zeigen, welche er jur dem Ende erfuchen ließ, daß fie 
in ihrem Finiglihen Schmucke zu ihm kommen, und feinen 
Unterthanen dag Vergnügen gönnen möchte, ihre Königin 
und Landesmutter zu fehen. Allein Vaſthi war eine übers. 
aus ſtolze und hochmuͤthige Königin, die ihre Unterthanen 
perachtete, und felbft nach dem Könige ihrem Gemahle nicht. 
viel fragte. Sie fhlug es alfo ab, und wollte nicht kom— 
men. Dieß brachte den König in einen gewaltigen Zorn — 
Er verfammelte feine Näthe, vernahm ihre Gebanfen über, 
diefe hoͤchſt fträfliche Verachtung, und befchloß die Königinn 
Vaſthi zu verfioßen, und fich eine beffere und mürdigere 
Gemahlin zu ſuchen. Diefer Befehl wurde fogleich vollzo— 
gen, und aus dem ganzen Königreiche die fchönften Jung» 
frauen in des Königes Schloß gebracht, damit er fih aus 
denfelben dieienige zu einer neuen Gemahlin auswählen moͤ⸗ 
ge, bie ihm die liebenswuͤrdigſte feyn wuͤrde. Bu 





Daniel, 0 ah 
Durch die Sorgfalt Mardachai gefchähe es nun, 
daß Eſther auch unter die Zahl diefer auserlefenen Frauen: 
zimmer begriffen wurde, — Man führte fie in den Valaft, 
und nachdem fie die gehörige Ausfchmückungszeit überftans 
den, vor den König; da denn ihre ſanftes Weſen, die An« 
much und Schoͤnheit ihrer Bildung, und der Derfiand ihe 
rer Neden, die Gnade und Fiebe des Monarchen dermaffen 
erweckte, daß er fie allen andern vorzög, Und ihr die der 
Vaſthi genommene Krone auf ihr Haupt feste (a) — So 
ward Eſther aus einer unbefannien, verachteten Waiſe, eine 
der größten Fuͤrſtinnen der Erde! Aber diefe große Veraͤn— 
derung veränderte ihre Herz nicht. — Sie blieb auch demuͤ⸗ 
£hig in ihrer koͤniglichen Höhe — Wie fie in ihrer Nies 
drigfeit Gott geliebet hatte, fo dachte fie auch in ihrem 
großen Gluͤcke mit unveränderter Ehrfurcht an ihn. In als 
len ihren Anliegen und Bekuͤmmernißen betete fie mit grofs 
fem Eifer und Vertrauen — und zeigte als Königinn gegen 
ihren Vormund Mardachai Dankbarkeit und Liebe, und 
gegen ihre Landsleute Zuneigung und Treue — ia es fund 
nicht lange an, fo wurde fie die Netterin ihrer Nation. 
Haman nehmlich, der Liebling des Koͤniges, ein ſtol⸗ 
zer, boshafter Miniſter, beſchloß ben Untergang des iuͤdi⸗ 
fen Volkes, Es verdroß ibn, daß Mardachai nicht 
auch die Kniee ons ihm beugte wenn er vor ihm vorüber 
gieng, wie es die Perſer thaten; daher wußte er den Befehl 
som Könige auszumwirfen, daß Mardachai an einen funfz 
zig Ellen hoben Baum gehängt, und alle Juden an einem 
gewiſſen Tage getsdtet werden follten. Allein Gott verei- 
telte diefe Anfchläge. Denn, da fich der König, in einer 
ſchlafloſen Nacht, die Begebenheiten unter feiner Regie⸗ 
rung, auch die vom Mardachai einſt entdeckte Verrätheren 
vorleſen ließ, und vernahm, daß biefer treue Iſraelite, dies 
ſer Entdeckung wegen noch keine Belohnung erhalten hatte, 
ur fragt 


630 Drey und dreykigfte Tafel. 


fragt er ben Hamann: was man dem Manne thun fol, den 
der König gerne ehren wollte ? Haman gab den Kath, 
man follie denfelben in präch igen Kleidern, int: der koͤnig⸗ 
lichen Krone, auf dem Leibpferde des Koͤniges in ter Stabt 
herum führen. - Denn er glaubte, daß der Koͤnig auf nies 
mand anders, als aufihn, mit diefer Frage zielen iiune. — 
Allein er betrog ſich ſehr, denn der Koͤnig ſagte ſogleich zu 
ihm: Eile, und thue alſo Mardachai dem JZuden. — 
Und Haman mußte gehorchen (b). Darauf warb er nebſt 
dem Könige, bey der Koͤniginn Eſther, die um alle feine 
moͤrderiſchen Anfchläge wußte, zur Tafel geladen. Als nım 
der König fehr aufgeraumt war, fo fügte er zur Eſther, 
fie follte fih von ihm eine recht große Gnade augbitten. = 
Eſther, die ſchon lange einen folchen günfiigen Augenblick 
zur Rettung ihres Volkes fehnlich erwartete, entdeckte hier 
auf dem Könige den ganzen ſchwarzen Anſchlag Hamans ge- 
gen Marbachei und ihr Volk, und bat: er möchte hoch, 
ba fie ſelbſt eine Juͤdin wäre, ihr Geſchlecht nicht ausrot— 
ten. — Diefe Erzehlung brachte den Koͤnig in einen gr, 
rechten Zorn, daß er fogleih fein Gebot gegen die Zuden 
mit nothwendiger Eile widerruffte, ben Urheber diefer bos— 
haften Anfchläge an eben den Galgen hängen ließ, den er 
fiir Mardachai aufrichtete (c) — ihn ſelbſt aber, diefen treuen 
Freunde des Koͤniges und der Koͤniginn, das Amt und bie 
Wuͤrde des geſtuͤrzten Hamans übergab, und fid) von der 
Zeit an gegen die Iſraeliten gefällig erzeigte, 

Wirklich fchickte diefer Ahbasverus, oder Arthefafte 
zwey gelehrte und weiſe Männer, den Eſra und den Yes 
hemia, mit vielen andern vornehmen Juden nach Serufas 
lem , um dag angefangene Werk zu beireiben, gute Anord« 
nungen in der neu erbauten Stadt zu machen, und hin und 
wieder Synagogen anzulegen. Dazu halfen auch bie 
Propheten, Zacharias, Haggai und Malachias — und 

von 


Daniel. 631 


von dieſer Zeit am haften die Juden einige Ruhe, und blie— 
ben tiber 200 Fahre fremden Konigen, bald dem Alerander, 
bald den egyptifchen, bald den forifchen Koͤnigen, unterthan. 
Nach Verlauf diefer Zeit, ohngefehr 150 Jahre vor 
Chrifti Geburt, kamen fie auf dag Neue in große Gefahr. ' 
Antiohus -Epipbanes , König von Syrien, batte einen 
folchen unausloͤſchachen Haß gegen die Sjuden , daß er ihr 
ganzes Land verheerie, Ne gu Tauſenden umbringen, und 
wenn fie fi) weigerten, den Gözenbildern zu räuchern, auf 
dag grauſamſte martern ließ. Don diefer Plage befrenete 
fie Gott durch) den tapfern Mattathias und feine Nachfol— 
ger, Die Maccabaͤer; durch einen Simon, Tobannes 
Hyrtkanus und mehrere vornehme Iſraeliten, welche zu. 
gleich Fuͤrſten und Hoheprieſter waren, ımd den Fein- 
deu ihres Volkes Einhalt thaten. Diefe ihre Regierung 
dauerte bis 50 Jahre vor Ehrifti Geburt, da fie unter vie 
Oberherrſchaͤft der Roͤmer famen, und lange Zeit von 
dem Ancipater und deſſen Sohne, Herodes, regieret 
wurden. Dieſer wurde ſogar vom Kaiſer Auguſtus zum 
Söng über dag ganze iuͤdiſche Land ernennet, ob er gleich 
feyr grauſam war, und feine nechfien Anverwandten, felbft 
feine Gemaͤhlin Marianne, und ihre Mutter Alexandra, 
hinrichten ließ. Bey dem allen aber wußte er ſich doch bey 
den Züden, feinen Unterthanen, ſehr beliebt zu machen, da 
er ihren Tempel prächtig ausbauefe, alles was an demfel- 
ben ſchadhaft war, verbefferte, und mit neuen Nebengebaͤu— 
den verjabe, 
— ER 


Sey unbewegt, wenn um dich her 
Sich Ungewitter ſammlen! 
Gott hilft, wenn Chriſten, freudenleer, 
Zu ihn um Snade ſtammeln. 


Vu Die 


632 Drey und dreyßigſte Tafel. 


Die Zeit der: Qual, 

Der Threnen Zahl 

zahlt er — Er wiegt bie Echmerjen , 
Und waͤl fie von den Herzen, 


* — 





— 
Die Schminke. 


S. werden alle dieienigen Mittel genannt, durch welche 
das Frauenzimmer die Schoͤnheit der Haut zu erhalten und 
zu erhoͤhen ſucht. Es beſteht aber die Schminke in aller— 
hand koͤſtlichen Waſſern, Tinkturen, Pomaden, Salben, 
Pulvern, Olitaͤten und andern Sachen, die aus herrlichen 
Spezereyen praͤpariret und zuſammengeſezt werden, und die 
Haut vor Schuppen, Blattern, Unſauberkeiten und Run— 
zeln verwahren ſollen. Man hat verſchiedene Gattungen 
derſelben, als: venetianiſches Waſſer, imperial Waſ—⸗ 
fer, Schminkwaſſer der Großherzogin von Slorenz, 
hollaͤndiſches Schminfwaffer , ſpaniſchen Anftrich, 
weifies Melonenwaſſer, fpanifche Schminklaͤppchen, 
rotben Schminkeſſig, Saflor: Lad, und deral, Das 
Schminken ift vornehmlich in Frankreich, Spanien und 
Rußland gebräuchlich — doch giebt es auch in Deirtfchland 
manches Frauenzimmer, das fiundenlang vor der Toilette 
und vor dem Spiegel fin, und das Angeſicht mit Materi- 
alien belegen kann, die die fchöne Farbe der Natur verder⸗ 
ben, und aus gemahlten Schönen mit der Zeit häßliche 
Matronen mac)en. 

Ein vernünftiges Frauenzimmer, das ihren Werth in 
edlern Vorzuͤgen ſucht, als ein übertünchtes Geficht iſt, 
wird zwar eine Schönheit, die ihr Gott gegeben hat, nicht 

ver⸗ 


— ⸗ —— — 


Daniel. 633 


verachten, aber fo viele Umſtaͤnde nicht brauchen um eine 
ſchoͤne Haut zu baben, oder zu behalien — es wird trach— 
ten den Geift immer fchöner zu machen, durch Tugend und 
Leſung guier Schriften — und durch folgende Negein, als 
durch die befte Schminke, ihre jugendliche Vollkommenheit 
und Schönheit zu erhalten wiffen. 

Man ſtehe des Morgens fein frühe, und im Sommer, 
two möglich mit dem Tage auf. Die Morgenlüfte erfrifchen 
dag Geblüt, und geben folglich tem Gefichte ein lebbafte> 
res und munferes Anſehen — und das Einathmen der Luft 
bey dem Aufgange der Sonne färbet die Kippen mit einer 
fo angenehmen Roͤthe, als die Nöthe der Morgendämmes 
rung ift. Ein langer Schlaf giebt den Geſichtszuͤgen ein 
mattes, blafjes und fchläfriges Anſehen. 

Wenn man aufgeflanden, nehme man zur Vorbereitung 
faltes Waffer, fo frifch e8 aus den Brunnen fommt, und 
mwafche fich damit die Hände und dag Geſicht. Warmes 
Waſſer macht mit der Zeit eine gelbe und rungeliche Haut. 

Pac) diefee Vorbereitung bite man fid) den Tag über 
vor allen Feidenfchaften, befonders dem Weide, weil berfeibe 
der Haut ein gelbes Anſehen giebt. Ale heftige Leidenſchaf— 
ten verfiellen das Geficht und drücken demfelben wiedrige 
Züge ein. Die Unmäßigfeit verdirbt die Taille des Leibes 
und verurfacht Finnen, die man hernach auch durch die be— 
rühmteften Waſſer nicht wird wegſchaffen koͤnnen. Statt 
der gewoͤhnlichen rothen Schmincke braucht man eine maͤßige 
Bewegung, welche eine ſo ſchoͤne Roͤthe auf den Wangen 
hervor bringen wird, die keine Kunſt nachahmen kann. 
Eine natuͤrliche Offenherzigkeit, ein immer heiteres und 
vergnuͤgtes Gemuͤthe, und eine ſanfte und gefaͤllige Den— 
kungsart, werden den Minen alle dieienigen Reize eindruͤ—⸗ 
cken, welche in der menſchlichen Geſellſchaft fo ſehr geſchaͤzt 
werden, und die man von der Kunſt vergebens zu erhalten 

Uu 3 ſucht. 


634 Drey und dreyßigſte Tafel. 


facht. Eine weiffe Hand iſt eine wahre Zierde einer fchönen 
Derfon. Allein Feine Hand ift weiffer, als Ddieienige , 
welche beftändig rein gehalten wird, beſonders wenn man 
fich dazu des frifchen Brunnenwaffers bedient. Freylich ift 
ſolches noch nicht allein hinlänglich ; die Hände muͤſſen daben 
in einer foridauerkden mäßigen Bewegung erhalten werben. 
Zu diefer Aſicht iſt dieienige, melche die Naͤhnadel, dad 
Epinnrad, oder der Strickbeutel gewähret, die bequemfte. 
Die Spielcharte ift dazu vollig untauglich. Unſere Groß- 
muͤtter haften bie fchenen weiſſen Hände, die wir noch auf 
ihren Gemählden bewundern , blog ihrem ee Fleiße 
zu verdanken. 

Verbindet man mit dieſem allen einen netten, unges 
jwungenen, und reinlichen Anzug, ein zur Gottesfurcht und 
Zugend geneigtes Her; — fo wird man einen Neiz haben, 
welcher dem Körper und der Seele bis in das hochſte Alter 
ein bluͤhendes, gefälliges und ſchoͤnes Anfehen giebt — eine 
Wirkung, welche von allen Schmincken vergebens erwartet 
wird, 


3. 
Das Roſenfeſt zu Salency. 


ER merkwuͤrdige und alte Feſt ift blos der Tugend 
gewidmet, und hat feit feiner Stiftung aufferordentlich vielen 
Ruzen geflifter, Man halt den heiligen Wredardus , Bi⸗ 
fchof zu Noyon in der franzsfifchen Provinz Isle de Trance 
der in dem fünften Jahrhunderte lebte 2 für den Stifter 
diefer Seyerlichkeit. Diefer Bifchof war Herr von Saleney, 
das eine halbe Meile von Noyon lieg, und hatte den Eins 
fall, daß er iährlich einem Maͤdchen diefes Dorfes, welche 
1% 








Daniel. | 635 


en größten Ruf einer unbefleckten Tugend hatte, 25 Livres 
und einen Kranz von Roſen verehrte. Es wird erzehlt, 
er babe ſelbſt dieſe ruhmwuͤrdige Belohnung einer feiner 
Schweflern gegeben , die mit allgemeinen Beyfall zum Nos 
fenmädchen erwehlt worden. In der Kapelle des heiligen 
Medardus ; die an dem einen Ende des Dorfes Salency 
fieht , fieht man noch iezt Über dem Altare ein Gemählde, 
weiches diefen Brälaten vorſtellet, ver in priefierlicher Klei— 
dung feiner Schweſter, die mit blofien Haaren vor ihm 
knieet, einen Kranz von Nofen aufſezet. Diefe Belohnung 
ermunterte bie Träschen von Salency, auf eine ausnehmen⸗ 
de rt, zur Tugend. Auſſer der Ehre, welche das Roſen— 
mädchen dadurch erhielt , Eonnte fie fi) in dem Jahre auf 
einen guten Braͤutigam gewiffe Hoffnung machen. 

- Der heilige Medardus wollte: dieſes unvermufheten 
Nuzens wegen die Stiftung verewigen, und ſezte dazu von 
feinen Gütern 12 Morgen Landes aus, deren Einkünfte zur 
Bezahlung der 25 Livres, und zur Beſtreitung der zufälligen 
Nebenunkoſten des Roſenfeſtes angewendet werden ſollten. 
Es wurde gleich anfangs bey dieſer Stiftung ausgemacht, 
daß nicht allein Dieienigen, welche diefe Belohnung erhalten, 
ein tugendhaftes Lehen geführt haben müffen, Sondern daß 
auch ihrem Water, Mutter, Brüdern, Schweſtern und 
Vorfahren bis ins vierte Glied, in auffteigender Linie, Fein 
Vorwurf gemacht werden koͤnne. Der Eleinfte Fleck, der 
geringfte Verdacht in ihrer Familie, twürde eine völlige 
‚Ausfchlieffung nach fich ziehen. 

Der Befijer von Salency hat iederzeit das ausfchlief 
fende Recht, das Nofenmäbchen unter drey Mädchen zu 
wehlen, die in dem Dorfe Salency gebohren find, und ihm 
einen Monat vorher vorgefteket worden. Wenn er eine 
gewehlt hat, fo muß er feine Wahl in dem Kicchfpiele von 
der Kanzel abkuͤndigen laſſen, damit ihre Nebenbuhlerinnen 

ua zeit 


636 Deren und dreyßigſte Tafel. 


Zeit haben, die Wahl zu unterſuchen, und ihre Einwen—⸗ 
dungen zu machen, wenn fie nicht mit der ſtreugſten Gerech— 
tigkeit uͤbereinſtimmet. Diefe Unterfuchung gefchieht mit der 
größten Unvartheylichfeit , und nur diefe Probe kann die 
Wahl des Guthsherrn beftätigen. 

Am achten Junius, dem Tefitage des heiligen Mies 
dardus, begiebt fi das Aofenmädcen um zwen Uhr des 
Nachmittags in weißer Kleidung, mit gefräufelten Haar, 
das in große Locken um ihre Schultern fallt, unter dem 
Schalte der Trommeln, Biolinen und Sackofeifen, nach dent 
Schlofe Saleny. Ihre Verwandten und zwoͤlf Mädchen 
bes Dorfs, auch in weißer Kleidung mit Gürteln von blauen 
Bändern, von eben fo viel Zünglingen des Dorfs geführet, 
machen ihre Begleitung aus. Der Herr des Dorfg , oder 
fein Bevollmächtigter empfängt fie perfönlihd. Sie macht 
ihm ein Fleineg Kompliment , und dankt ihm megen des 
Borzugs, den er ihr gegeben hat. Der Herr, oder fein 
Bevollmächtigter und Gerichtshalter , geben ihr alsdenn die 
Hand, und führen fie, von den Muficanten und einem zahl- 
zeichen Gefolge begleitet, in die Kirche, wo fie inder Mitte 
des Chors, auf einem Stuhle fniend, die Veſper höre. Nach, 
der Veſper geht die Geifklichkeit und das Volk in Proceffion 
nach ber Stapelle des heiligen Medardus. Hier weihet der 
Pfarrer den Kranz, ber auf dem Altare liegt. Diefer Kranz 
oder Hut iſt mit einem blauen Bande umwunden, und vorne 
mit einem filbernen Ninge gezieret, welche Augzterung von 
dem Könige Ludwig XIII ihren Urfprung bat. Nach ges 


fchehener Einweihung, wobey eine Nede gehalten wird, die . 


fich zur der Gelegenheit ſchickt, fezt der Geiftliche dem Nofen- 
mädchen , dag vor ihm niet, den Kranz auf, und giebt ihr 
zugleich die 25 Livres in Gegenwart des Herrn und feines 
Gerichtsbedienten. Der Here des Guthes, oder fein 
Perglimächtigter führer das gefränzte Nofenmädchen , mit 

dent 





Daniel. | 647 


dem ganzen Sefolge begleitet, wieder nach ber Pfarrfirche, 
wo man dag Te Deum und einen Sirchengefang auf den 
heiligen Medardus abfingt , wobey die tungen, Leute des 
Dorfd eine Salve von Muffeten » Feuer geben. Der 
Guthsherr, oder fein Bevollmächtigter führer darauf das 
Nofenmädchen aus der Kirche auf die große NHeerfiraße von 
Salency. Hier haben die Unterthanen fchon einen Tifch 
decken laffen, worauf ein Tafeltuch, 6 Servietten, 6 Teller, 
2 Meffer , x Salzfaß mit Sal, rother Wein in zween 
Keügen, > Glaͤſer, halb fo viel frifches Brunnenwaſſer, 
und zwey weile Brode, für einen Sol, ein halb hundert 
Ruͤſſe, und ein Kaͤſe von 3 Sols befindlih find. Mar 
giebt dem Nofenmädchen noch überdies, als zum Zeichen 
einer Huldigung , einen Pfeil, 2 Bale, und eine Horn⸗ 
pfeife, worauf einer von den Unterthanen dreymal pfeift, 
ehe er fie übergiebt. Diefe find ſchuldig, alles was her- 
beygebracht ift, aufs genauefte, bey Strafe von 16 Sols, 
zu beobachten. Hernach verfügt fih die ganze Gefellfchaft 
auf den Schloßhof unter einen arofen Baum , wo ber 
Here mit dem Nofenmädchen den Ball eröfnet. Diefer 
laͤndliche Ball endiget fi) mit dem Intergange der Sonne. 
Das Nofenmadchen bittet alle tungen Mädchen des Dorfg 
auf den folgenden Nachmittag zu fich, und. giebt ihnen einen: 
großen Schmauß, worauf alle Luftbarfeiten folgen, die bey 
folchen Fällen gewöhnlich find. 

Man follte nicht glauben, mie fehr diefe Stiftung die 
Einwohner von Salency zur Tugend und guten Sitten 
reist, Die Einwohner des Dorfs, welches obngefehr 148 
Feuerfiellen ausmacht, find fanftmüthig, ehrlich, mäßig und 
arbeitſam. Ihre Anzahl macht ohngefehr zoo aus. Man 
pfluͤgt dort nicht , ein ieder gräbt fein Stückchen Land um. 
Ein ieder lebt in edler ländlicher Einfalt mit feinem Schick; 
fale zufrieden, Man hat verfichert,, daß man Fein Beyſpiel 

Uns eines 


658 De und dreyßigſte Tafel. 


eines begangenen Verbrechens wüßte, auch nicht einmal 
eines groben Laflers , deſſen fich ein Einwohner won Sa: 
lency fchuldig gemacht hätte, Ein Fehltritt des weiblichen 
Gefchlechts wäre aber ganz was unerhoͤrtes, obgleich alle 
benachbarte Landsleute eben fo aros und lafterhaft, als an 
andern Orten find. 


4. 


Die fleißige und freundliche Hausfrau, 
Elementarw. Tab. LI. 2. 4. 


PL ehrwuͤrdig ift ienes fchöne , ehrbare, haushälteri- 
fche und fanftmithige Eheweib (a) ! Sie iſt in isrer Wehn- 
ſtube, nicht vor einem überflüffigen Nachttiſche, fondern 
in der Geſellſchaft ihrer theils Iefenden ,. theils arbeitenden 
Kinder, Sie felbft naht, und unferrichfet diefelben, Der 
iunge Mann, den ihr vor ihre fizen fehet, iſt ein Nachbar, 
der ſie in Abweſenheit ihres Mannes bat, mit ihm in das 
Schauſpiel zu fahren, welches ſie aber auf die beſcheidenſte 
Art abſchlug, indem ſie ſich auch vor der bloſſen Meinung 
einer zu großen Vertraulichkeit mit fremden Mannſen 
ſcheute. 
Dort (b) iſt fie im Geſpraͤche mit ihrem von der Reiſe 
Fonmenden Manne , der fie in dee Küche antraf, mo fie 
Anftalt zur Abendmapizeit machen wollte. Er batfe vor dem 
Stadtthore von feinem Labendiener eine verdrüßlihe Nach— 
richt erhalten , welche eg nöthig machte, fünf Durchreifende 
denfelben Abend zu beiirthen, weil fie ihm in ber erzehlten 
Sache dienen koͤnnten. Er war alfo beyfeinee Ankunft went- 
ger freundlich, als fonfl, gegen feine Sophronte, und am bald 


mit den Worten hervor : Mache gefhwind Anſtalt, 
ich 


Daniel. 639 
ih) habe fünf Gäfte gebeten, Sophronia, etwas nieders 
geſchlagen über Die ſcheinbare Saltfinnigfeit des Mannes, 
antivortete : es wird Faum moͤglich feyn, in fo Kurzer 
Zeit dein Verlangen zu erfüllen. Seine verdrüßliche 
Faune gab ihm die Worte en » Du madbft mir oft 
Schwierigfeiten, wo Feine find.. Hier lächelte Sophro— 
nia, (fo freundlich fie konnte,) und freichelte ihren Che» 
freund, in mwelcher Stellung fie hier gefehen wird; dabey 
fagte fie : Gieb dich nur zufrieden, mein Einziger, 
es fiel mie nicht alfobald ein, wie ichs machen Fönns 
te, nun weiß ib es ſchon; wir Weiber Fönnen uns 
nicht fo gut in unvermuthete Zufälle ficken, els 
die Maͤnner, und befonders, als du. Da enbigte fich 
diefe kleine Mißhelligkeit mit derſelben freimdlichfien Mine 
des Sophrons, welche Die Ehefreundinn gleich im erſten 
Augenblicke erwartet harte, Dies Baar lebt fehr glücklich, 
weil ein iedes von ihnen ve die Vorzüge feines Geſchlechts 
erworben hat. 


5 
Flachs md Hanf. Das Spinnen, 


HN, Flachs hat eine zarte Wurzel, aus welcher ein 
dünner, hoͤchſtens anderthalb Ellen hoher Stengel wacht, 
der lange ſchmale Blätter und eine blaue Blüthe hat, und 
endlich eine runde Samen - Sapfel mit breiten Körnern be— 
fomint, die man Keinfame nennet, Sobald diefe Kno— 
ten oder Ballen gelb werden, fa wird der Flachs gerams 
fet, dag iſt, mit dee Wurzel aus der Erde gezogen; dann 
geriefelt , wenn man nehmlich zwiſchen den eifernen Zaͤh— 

nen 


640 Drey und drengigfte Tafel. 


nen ber Kaufe die Knoten davon abfteeift ; dann im Waſ— 
ſer geroͤſtet, das ifl, in Bündel gebunden, und (um ben 
Baſt oder die Yülfen ‚der Stengel muͤrbe zu machen und 
von ihren Faſern zu Trennen) im Waſſer eine Zeit lang 
erweichet; ferner an ber Sonne, oder im Backofen gedörs 
vet, (A. a) mit hökernen Schlägeln geblsuet (b), 
auf der Breche gebrochen und endlich geſchwungen und 
gebechelt, (c) das iſt, von dem Werg over Heede auf 
der Hechel gefäubert, Die abgefireifien Samenknoten wer: 
den gebrofchen, oder in der, Sonne fo lange getrocknet, big 
fie aufplazen, und aller Same herausfällt. Derfelbe wird 
alsdenn, theils zur Fünfrigen Ausſaat, theils um daraug 
Beinöhl, und Keinfuchen, ein Sutter für das Vieh, zu 
preßen, gebraucht. Der Hanf ift viel länger und dicker 
als der Flachs, und wird zu grober Leinwad, infonderheit 
zu Pack- und Segeltüchern , zu Nezen — und von den 
Seilern zu Bindfaden, Schnuͤren, Straͤngen, Striden, 
Anferfeilen und andern Tauen gebraucht. 


Der Flachs wird an Reifen gelegt, und kommt alg- 
denn unter die Hand der Spinnerin (B). Diefe legt ihn 
an die Runfel (den Roöcken), und fpinnt an der Spins 
del (b), oder am Spinnrade (a) den Faden. Die Fd- 
den fommen an die Spuble und auf den Aafpel (d). 
Einiges gefponnenes und mehrfach zufammengedrchtes Garn 
oder Zwirn wird zum Nähen, Ausnaͤhen, Sticken, u. ſ. w. 
verbraucht ; einigeg zum Stricken der Strümpfe vermittelft 
der Stricknadeln ; einiges zum Klöppeln der Spijen auf 
dem Klöppelpulte — das meifte Garn aber wird zu Tüchern 
perwebt, wenn eg vorher, vermittelft des Spuhlrades 
auf Spuhlen und. auf Röhren vom Rohre gemwunden if, 
Die Keinwade, welche aus diefem Garne gewebt wer- 
den, find entweder grob, oder mittelmäßig, oder fein, 

oder 


Daniel. Gi 


oder fehr fein, wie z. €. die hollaͤndiſche, die ſchleſiſche; 
Batift, Rammertuch und Schleier. 

Auf den Wollrade (c) wird die Wolle gefponnen, 
Die Scheerwolle wird von lebendigen Schafen geſchoren, 
Die ſchlechtere Raufwolle aber von geflachteten abgerupft, 
iede Sorte von Schmuz gereinigt, getroknet, geflüct, ges 
fämmt, gefponnen, und in die Weberey geliefert. Die 
Baunwolle waͤchſt auf gemilfen Sträuchern und Bäumen 
in Kapfeln, welche zu der Zeit, da die Wolle reif ift, und 
abgelefen werden muß, auffpringen. 

Das Neſſeltuch wird aus den großen Brenneſſeln ge- 
macht, welche, tie der Hanf und Flache, lange Fäden 
geben. Sa, man bat fogar aus einer gemwiflen Sorte 
son Steinen, die man Asbeft, oder Amiant nennet, und 
welche fo weich und zähe find, dag man fie in lange Fäden 
zertheilen Fann, Leinwad gemacht, und zwar eine folche, 
bie im Feuer nicht verbrennt. Die alten Roͤmer haben bie 
Leichname ihrer Könige und anderer großen Herren darein 
gewickelt, und fodann verbrannt, um die Afche der Verſtor— 
benen vein zu befommen. 





NT m RER 
6, 
Der Weber, Der Schneider, 


Wen dag geſponnene Garn, in einer ſcharfen Aſchen— 
lauge abgeſotten worden, welches an manchen Orten, 
unter dem Namen der Garnſiederey ein eigenes Gewer- 
be iſt, fosfommt es unter die Hände der Weber (A), 
welche von mancherley Art find, und theils "gemeine, theilg 
zierliche und Fünftliche Arbeit verfertigen. Ein ietss Ge 

webe 


642 Drey und dreyßigſte Tafel. 


webe befteht aus Zettel und Kintraa : Zettel heilen die 


langen gedrehten Fäden, welche auf dem greffen Zettel 
haſpel und Zettelftuhle angezettsit, und ſodann auf dem 
Weberfishle, ober Webgeruͤſte aufgezogen werten, davon 
einige in die Höhe, einige herabwechfeln, zmwifchen deren lee» 
ten Raume ein anderer Faden, der EKintrag cder Eins 
ſchuß genennet, duch Hülfe des Weberſchuͤzens, gezo— 
gen wird. Dieß Werkzeug hat bie Geftalt eines Schiff: 
gens mit zweyen ſpizigen Enden, darinn die Spule laufft, 
auf welche der Faden zum Eintrag gewidelt if. Stuhl 
und Schiff find alfo die Hauptwerkzeuge aller Arten von 
Weber; vi erfieen aber findet man immer, ie nachdem es 
zu ieder Act der Zeuge erforbert wird, in Nebendingen ab» 
-geändert, Die vornehmſten Theile eines Weberfiubls 
find : Die Walse, oder der Bruftbaum, der Garn 
baum, der Streisbaum, der Zengbaum, die Dueers 
ftangen , die Ramme , die Lade ; dazu nech der Siz, 
der Tritt, der Anſchlag, der Spanner, bie Bürfte und 
der Theiler gehören. Die gewoͤhnlichſten Arten der We— 
ber find folgende. 

1, Der LKeineweber. Gr wirft aus Flache » und 
Hanffaden alle Arten von Leinwad. 

2. Der Lottunweber. Er verferfiget aus Garn von 
Baumwolle, Kottime und Bomaſine, auch mit darein ge- 
ak geinenfaden, Barchet, Schnurtuche u. dergl. 

Der Seidenweber. Er macht halb und ganz. feis 
dene nn Sene find mit Leinen oder Wolle vermifcht, 
diefe von Seiden allein. Sie find fehr verfinieden, indem 


immer neue erfinden werden. Stoff und Sammet erfors 


bern die. meifte Arbeit, und befonders find die geblümten 
Stoffe ein ſehr kuͤnſtliches Gewebe. Manche find auch mit 
Gold und Silberfäden durchwirfet und geben ein prächtiges 


Anſehen. Die Geide aber muß vor dem Gebrauche entf. 


weder 





Daniel. 643 


weder weiß gebleichet, oder gefaͤrbet werden, mich gezwir⸗ 
net ſeyn; welches in den Seidenmanufackuren, permittelfi 
großer an manchen Deten durch) Wafferräber getriebenen 
Maſchinen geſchichet. 

4. Der Tuchmacher oder Tuchweber. Er verar- 
beitet gefponnene Schafwolle, welche vorher gefchlagen, 
gewaſchen, gekaͤmmet und kartetſchet ſeyn muß, ehe fie zum 
Spinnen geſchickt iſt. Er macht die eigentlichen oder voll— 
kommenen Tücher, die allein aus Schafwoflengarn, ohne 
andern Zuſaz, gewebet werden, 

5. Die unvollkemmenen Tücher , oder tuchartigen 
Zeuge , wie Boy; Slanell umd vergl, werden von ben 
Zeugmachern verfertige, Wenn das Tuch gewebet tft; 
wird es auf der Walkmuͤhle, um es rauh und filzig zu 
machen , damit e8 beffern Halt befomme, gemalfer; fo» 
dann aber durch die Tuchſcheerer, die eine eigene Pro» 
feffion find, abgeſchoren und gepreßt. Kerner gehören hieker 

6. Die Topetenweber, von deren Arbeiten befon— 
ders die fogenanten Hauteliſſe und Baſſeliſſe merkwuͤrdig 
ſind, die nur zur Auszierung fuͤrſtlicher Palaͤſte, oder der 
Zimmer ausnehmend reicher Leute gebraucht werden, und 
den prächtigften Gemaͤhlden gleich kommen. 

*. Die Band : und Bortenwirker, Dofamentier, 

welche Bänder und Borten von Seiden, Baumwolle, 
Kameelhaaren und Leinenfüden verfertigen. 
8. Die Strumpfweber oder Strumpfwirfer, deren 
Arbeiten die Strümpfe von Seide oder Wolle find; und 
die alle dergleichen, iedoch immer zu verfchiedenen Gebrau⸗ 
che eingerichtete Stuͤhle und Werkzeuge fuͤhren. 

9. Dieſe Weber insgefamt, haben andere Handwerks— 
leute nöthig, die ihnen in die Hand arbeiten und zurichten, 
nehmlich die Blätterfezer. Diefe verfertigen aus gefpals 
tenen Rehn⸗ die in Rahmen geſezt werden, dieienigen 

Werk⸗ 


544 Drey und dreyßigſte Tafel. 


Werkzeuge, welche Blätter genennt werden, durch welche die 
Faden des Zettels laufen, und womit der Einfchuß veſt ge 
ſchlagen wird. 

Auch der Seiler bearbeitet geſponnenen Hanf, Werg; 
und felbft an einigen Orten gefpennene Baumwolle. Eelte- 
ner gebrauchen fie Haare und Baſt. Diefe Deaterien wer— 
den von ihnen ſortirt, oder ausgeleſen, geiponnen , und 
über das Rad, auf einem langen Pla; gezogen, fo daß 
Hiele gefponnene Faden in einen fich wickeln. Auf folche 
Weiſe werden Bindjaden, Strike, Seile und Taue verfer- 
figet. Aus den erſtern macht man Neze für die Zifcher und 
die Jäger, Mürfengarn für die Pferde, und dergl. Die 
ſtarken Taue aber werden bey den Schiffen, und überhaupts 
alle Arten von Seilen , vornehmlich zum binden gebraucht. 
Gurte von DBindfaden gewirkt, find gleichfals Arbeiten der 
Seiler, die gewiffermaffen zu den Kleidungsſtuͤcken und 
Hausrath gehören. 

Nenn die Zeuge gehörig zubereitet find, fo Fommen fie 
unter die Scheere , und merden zu Kleidungsftücken zuge 
fhnitten. Das Werarbeiten der Leinwad , ſowohl zu 
Hemden, als zu Betttuͤchern und dergl. ift meifteng das 
Geſchaͤfte fleißiger Hausmuͤtter, und ihrer Vaͤherinnen. 
Andere Tücher und Zeuge kommen unter die Hände der 
Schneider (B). Bon diefen werden fie, nach vorher ges 
nommenen Maaße, mit der Scheere zugefebnitten, und 
die Stücke mir Faden von Leinen oder Seide, durch Huͤlfe 
der Vaͤhnadel und des Singerbutes zuſammen genähet, 
bernach mit einem befondern Eifen, dem Bögeleifen, die 
Nathen gebögelt. Das Maaß befieht aus einigen doppelt 
zufanımen gelegien fchmalen Papierftreifen, in welches beym 
Ausmeffen, verfchiedene Einfchnitte gemacht werden. Nach 
Inleitung diefes Maaßes fchneider der Schneider, oder ein 
beiahrter verftändiger Gefele das Kleid zu; welches Zus 

ſchneiden 


Daniel. 645 


fchneiden, die größte Gefchicklichfeit des Schneiders erfor- 
dert. Dann machen die Öefellen durch benäben, fteppen, 
verbrämen, ftichen zc. dag Kleid fertig — Und dann iſt 
der Schneider zu loben: wenn er die Kleider alfo verferti⸗ 
get, daß ſie ſchicklich und bequem anliegen — wenn er 
neue Moden ausdenken, oder gut nachmachen kann — wenn 
er eine gründliche Wiſſenſchaft von allen Arten Zeuge und 
Tücher hat — wenn er ein gutes Augenmaaß hat — feine 
Elle wohl verfieht, und ehrlich ifl. Es giebt Wiannss 
und Stanuen: Schneider; und die Kleider die fie verfer— 
tigen, werden in Wlanns: und Weibs Rleider, in Ober 
Unter: Sommer : Winter: Nacht : Beife + Jagd :,gelds 
Trauer: tägliche: und Seyerfleider. eingetheilt. Jede 
Nation und faſt ieder Stand unter denſelben, unterſcheidet 
ſich durch den Schnitt und die Farbe der Kleidung; und 
vermittelſt der abwechſelnden Moden erſcheinen taͤglich neue 
Trachten. 


— —— —— —— 


Berill und die Gluͤcksgoͤttin. 


Sera! wollteft du der Menfchen wahres Gluͤck, 
So müßte dem gefchärften Blick 
Die Zukunft offen ſtehn. 
Sm Kummer würden wir alsdann auf nahe Freuden 
Mit hoffnungsvollem Muthe fehn, 
Und , eingedenf der Fünft’gen Leiden, 
Uns nie zu fehr im Glüde blahn. 

So ſprach Berill. Wohlan, ließ fich bie Göttin hoͤren, 
Ich mil Die deinen Wunfc gewähren; 

Ex Hier 


646 Dreh und dreyßigſte Tafel. 


Hier iſt mein Buch, und dieß 
Das Blatt, das Dein Geſchick enthaͤlt. Nimm hin, und lies. 
Ein Boͤnigreich wird einſt Berill erwerben, 
Und endlich auf der Folter ſterben. 
Berill erblaßt und ſchweigt. Nun will ich ſehn, Berill! 
Spricht ſie, wie gluͤcklich Dich die Nachricht machen werde. 
Mit ſtoiſcher Geberde 
Erwiedert er: Dieß iſts, was ich Dir zeigen will. 

Der Fuͤrſt laͤßt ihn nach Hofe kommen; 
Er wird in ſeinen Dienſt genommen, 
Wird ſchnell erhoben, wird der Liebling. Ihn erwehlt 
Der Herr zum Fuͤhrer ſeiner Heere, 
Und ihn zum Raͤcher feiner Ehre, 
Wenn irgend ein Vaſall in ſeiner Pflicht gefehlt. 

Du ſiehſt, Berill! Du naͤherſt Dich dem Throne. 
Allein Berill fieht nicht den Neiz der nahen Srone. 
Tieffinnig , traurig, ohne Troſt, 

Ringt er in feinem Glück die Hände, 
iind malet fich bald Ersfus Ende, 
Bald Guatimozins heißen oft. 

Ach, Göttin! ruft er aus: in Einem Stüd 
Hetrog ih mich. Die Kenntniß ferner Pein 
Vergaͤllt dag gegenwaͤrt'ge Gluͤck. 

Das Sute nur allein 
Sollt' uns bekannt, die Qual verborgen ſeyn. 
Wohl! hebt die Goͤttin an, auch dieß will ich dir 
ſchenken. 
Sogleich verliert Berill der Folter Angedenken. 
Nichts ſieht er mehr, als den verheißnen Thron. 
Zwar groß und mächtig iſt er ſchon; 
Allein dieß rührt ihn nicht. „Eilt, eilt, verhaßte Stun— 
den! 


Erwünſchter morgens komm! damit ih Koͤnig fen! 
Der 


Daniel. 647 


Der Morgen fommt, der Morgen geht vorbey. 

Der Tag in Luft vollbeacht , wird nicht empfunden. 

Wird ihm ein Jahr durch Ungedult — 

„O Boͤttin, hilf! Es ift richt länger auszuftehen! „ 
Dre Goͤttin fpricht: Und ift es meine Schuld, 

Daß Dich ein Gluͤck gequält, was Du vorher gefehen ? 

lern Du dauerfi mih. Sey ruhig, armer Thor! 

Sie macht ihn wiederum unwiſſend, wie zuvor, 


— ————— 








vr — 


| 8. 


Die vornehmften Göttinnen der Griechen 
und Homer, 


DH. merfwürdigften weiblichen Gottbeiten , welche die 
alten Griechen und Roͤmer, nach ihrem fabelhaften Keligie 
ons-Syſtem verehrten, waren folgende: 

1. Juno (a), die Öemahlin Jupiters, und die Git- 
tin des Reichthums, der Ehre, der Koͤnigreiche und des 
Ehefiandes. Sie wird abgebildet als eine Koͤniginn mit 
Krone und Zepter, mie fie entweder auf einen goldenen, 
Don zwey Pferden gezogenen Wagen fährt, oder auf einem 
Föniglichen Throne fizer, und neben fich einen Pfauen bat, 
Sie machte ihrem Gemahle, durch ihre Widerſpaͤngſtigkeit 
und Eiferfucht vielen Verdruß. 

2. Minerva oder Dallas (b), die Göttin der Weis— 
heit, des Krieges und der Fünfte, welche als eine gemaffnes 
te Sunafrau aus dem Sopfe des Supiters fprang, Gie 
wird als eine ſchoͤne Jungfrau abgebildet, bie einen Helm 
auf dem Haupte, um die Bruſt ein Yegis, ober ehernes 
Bruftichild, in der einen Hand einen Spieß, in der andern 

Rx2 einen 


648 Drey und dreyßigſte Tafel. 


einen Schild mit dem Medufa- Haupt, und neben ihr einen . 
Hahn, oder eine Nachteule Bat. 

3. Venus (c), die Östtin der Liebe, der Schönheit, 

der Anmuth und Freude, welche aus dem Schaume deg 

Neers entfiund. Sie hat ihren Sohn Cupido, mit Bo- 
gen und Pfeilen, auch die JZuldgöttinnen und andere Fleis 
ne Kiebesgötter zur Begleitung, und wird mit einem Ro— 
ferfrange auf dem Haupte, auf einen elfenbeinernen Wagen 
fizend abgebildet, welcher von Tauben, oder Schwänen, 
oder Sperlingen, auch dann und wann von Löwen gezogen 
wird. 

4. Diana (d), die Göttin der Jagd, der Berge und 
Wälder. Sie wird als ein großes Frauenzimmer, mit ge 
bundenen Haaren, aufgefchürzten Kleidern, Pfeil und Bogen 
in den Händen, und einen halben Mond auf dem Haupte ges 
bildet. Ihren Wagen zogen gemeiniglich zwey weile Hir— 
ſchen. 

5. Cybele (e), welche die Erde vorſtellen ſollte, wird 
als eine Frau, mit einer Mauer-Krone auf dem Haupte, 
undteine Trommel, oder einen Schlüßel in der Hand abge- 
bilder — auf einen Wagen, der von zwey Löwen gezogen 
wurde, 

6. Veſta (f), welche als eine Beſchuͤzerin der Häuf- 
fer verehret wurde. Sie wird bald als eine fizende Frau, 
mit einem Kranze gefrönet, und mit allerhand Blumen und 
liebfofenden Thieren umgeben, bald mit einer Fackel in der 
Hand, bald als ein Altar mit brennendem Feuer vorgeftellt. 
Zu ihrem Dienft waren die vefislifchen Jungfraͤuen 
(Tab, XLVI, 8.) beftellt. 

7. Aurors (g), die Östtin der Morgenröthe und die 
Mutter der Sterne, fährt auf einen goldnen Wagen, den 
bald zwey Pferde, bald vier, bald nur ein Pferd (der Pega— 
ſus) ziehen. Auf dem Kopfe bat fie einen Stern mit Strah⸗ 

Im 


ı Daniel. 219 


Ten, und in ber Tinfen Hand eine Fadel. Sie bat einen 
glänzenden Mund, rofenrothe Finger, und ein hellgelbes 
Gewand. 

8. Bellona (h), auch eine Goͤttin des Kriegs, welche 
den Wagen ihres Gemahls, des Mars, regieret. Sie wird 
mit gelben, mit Blut befprengten Haaren, und einer Peit 
fche in der Hand abgebildet. 

9. Hebe (i), die Göttin der Jugend, wurde anfangs, 
wegen ihrer Schönheit zur Mundfchenfin des Jupiters bes 
ſtellt; weil fie fi) aber einft fehr ungefchickt in ihrer Ver⸗ 
richtung bezeigfe, abgefezt — und endlich, da Herkules unter 
die Östter verfegt wurde, an denfelben verheirathet. Man 
ftellet fie vor mit Blumen befränget, mit einer golduen Trinfs 
Schale in der Hand, wie fie den Göttern Neetar einfchenfer. 
An ihre Stelle kam Ganymed. 


u —— EEE ENTE TEN 


9. 
Klugheit errettet vom Tode. 


in Tirann pflegte alle Fremde, die an feinen Hof ka— 
men, zur Tafel zu bitten. Unter andern Speifen ließ er 
ihnen dann einen gebratenen Fifch vorfezen , und alles fahe 
genau drauf, ob der Fremde die eine Seite des Fiſches 
aufzehrete, und ihn umwendete, um die andere auch zu eſ— 
fen. Gefchahe dieß, fo wurde er nach drey Tagen umge- 
bracht, und war ohne Rettung verlohren. Doc durfte 
er , fein Leben ausgenommen, alle Tage etwas von dem 
Tirannen bitten, das ihm nie abgefchlagen wurde. Diefer 
Verſuchung unterlagen viele, und alle fanden ihren Tod. 
Einft Fam an diefen Hof ein fremder Ritter mit feinem 
Sohne. Jedermann empfieng fie mit Achtung — fie wurs 
xx3 den 


650 Drey und dreyßigſte Tarel. 


den von des Tirannen Tafel geſpeißet und nen unter ans 
bern ein gebratener Fiſch vorgeſezt. Beyde beten die eine 
Seite ganz auf, und der Bater wendete ihn auf die atidere. 


Kaum fahen dieß die Hofbedienten,, die eben fo grarfam 


bachten, als ihr Herr , fo zeigten fie es an. Sogleich Fam 
der Befehl , den Alten gefangen zu nehmen, und zu ber 
gewoͤhnlichen Strafe zu verurtheilen. Der Sohn, voll 
Betruͤbniß über das unglückfelige Schicffal feines Waters , 
bat, ſtatt feiner fterben zu dürfen, Es wurde ihm gewährt 
— er ward gebunden, und fein Vater in Freyheit gefezt. 
Da er nun wußte , daß er. fid) die drey Tage vor feinem 
‚Tode dreyerle) Sachen ausbitten durfte, bat er fi am 
erften Tage bie ältefte Tochter des Tirannen zur Gemahlin 
aus — umd der Tirann , der an fein gegebenes Wort ges 
bunden war, geftund es ihm zu. Am zweyten Tage bat er 
um die Schäze des Tirannen. Auch diefe erhielt er, Er 
vertheilte fie dann unter die Hofbedienten, machte fich diefe 
geneigt und erwarb ſich ihre Sreundfchaft, Am dritten Tage 
verlangte er, man folle jedem die Yugen ausftechen laffen, 
der feinen Vater den Fiſch umwenden ſah. Nun wollte es 
feiner gefehen haben, und fo fehr der Tirann nachforfchete, 
fo fehr laͤugneten es alle. Die Tochter des Tirannen, 
die ihren Mann liebte, fagte nenn : Man fann den Sohn 
nicht umbringen, meil niemand feinem Vater den Zifch ums 
menden fah. Der Tirann bemunberte die Weisheit des 


Sünglings ; und da er ſah, daß feine Tochter ihm liebte, _ 
und daß er von allen Hofbedienten geehret wurde, ſezte er 


ihn zum Erben feiner Länder ein, bie er nach feines 
Schwiegervaterd Tod, auch ruhmvoll und weislich regierte, 


a 
Vier 


84 
Vier und dreyßigſte Tafel. 





I, 


Hiob. 


S chon vor Moſis Zeiten, lebte in Arabien Hiob, ein 
vornehmer, angefehener und reicher Mann. Er hatte 
große Heerden Vieh, Gold und Silber, und viele Kinder, 
Knechte und Maͤgde. 

Er war ein frommer Mann, der in ſeinem irdiſchen 
Gluͤck und Anſehen den lieben Gott nicht aus den Augen 
ſezte — der nicht ſtolz und unbarmherzig wurde, wie die 
Menſchen oft thun, wenn es ihnen wohl gehet. Er war 
ein treuer Vater ſeiner Kinder, der fuͤr ſie betete — der 
recht bekuͤmmert daruͤber war, wenn er befuͤrchtete, daß ſie 
geſuͤndiget hatten — der ſie ermahnete, Gott um Vergebung 
zu bitten und nach ſeinem Wohlgefallen zu leben. 

Damit es aber nicht das Auſehen haben moͤchte, als 
lebte Hiob nur darum fromm und tugendhaft, weil es ihm 
ſtets wohlgieng, und er Reichthum und gute Tage genug 
hatte, fo ließ es der liebe Gott geſchehen, daß allerley An— 
gluͤck uͤber ihn kam, und ſeine Umſtaͤnde ploͤzlich die elende— 
ſten wurden. Gott wollte zeigen, daß Hiob ein frommer 
Mann bleiben wuͤrde, wenn es ihm auch in der Welt übe 
gieng. 

Eines Tages, da feine Kinder eben ein Gaftmahl anges 
Kellt hatten , daben er felbft nicht zugegen war , befam er 
eine ſchlimme Bothfchaft über die andere (b). Zuerft hief 
as, die räuberifchen Araber hätten feine Kinder und Efel 

24 wegge⸗ 


652 Pier und dreyßiafte Tafel. 


mweggenommen, und die Hirten erfchlagen. — Bin anderer 
Bothe berichtete gleich darauf , feine Schaafheerden nebft 
den Hirten wären vom Blize getödtet und verbrannt wor— 
den — der dritte fam und fagte, die Chaldaer haften ihm 
alle feine Rameele geraubt, und die Hirten umgebracht — 
und, indem diefer noch redete, Fam der vierdte und brachte 
die ſchreckensvolle Nachricht, das Haug, worinn feine Kits 
der vergnügt beyfammen gewefen, fey von einem heftigen 
Sturme umgeſtuͤrzt, und habe fie alle zerfchmettert. 

Als ein Menſch, und als ein Vater, der feine Kinder 
zärtlich liebte, wurde er durch diefe hoͤchſt empfindlichen 
Bothſchaften in die heftigfte Betrübniß geſetzt. Als er fi 
aber aus derfelben wieder erholt, und fein Gemuͤthe beruhi- 
get hatte, ergab er fih in den Willen Gottes und fagte: 
Der Herr. hat es gegeben, der Herr hat es genommen! 


‚der Name des Herrn fey gelober! 


Nach diefen großen Wiverwartigkeiten befam Hiob an 
feinem Leibe folche Krankheiten, Schmerzen und abfcheuliche 
Dlagen, daß man fich Feinen elendern Menfchen denken kann, 
als er war (a). Dazu kam noch, daß es ihm in dieſem 
feinen unausfprechlichen Elende an mitleidigen Freunden fehl» 
te, die ihn aufrichtig tröffeten — daß fein eigenes Weib (a) 
ihn bereben wollte , das Vertrauen auf Gott, der ihm ia 
nicht hülfe, wegzumerfen, und feiner Noth, feinem elenden 
Leben felbft ein Ende zu machen. Seine nechfien Anver- 
wandten vermehrten noch dadurch feine Duaalen , daß fie 
ihm Schuld gaben, er habe bisher nur vor den Augen ber 
Menfchen fromm gefchienen, heimlich aber fey er ein böfer 
Mann geweſen; darum ſtrafe ihn Gott feiner Heucheley 
wegen num sffentlih. O wie muß ihn diefes gefranftg ba- 
ben, da er ſich feiner Verbrechen bewußt war ! Er geftand 
e8 gerne, daß der Menfch in den Augen Gottes niemals 
ohne Schuld und Fehler fen; aber ſtandhaft behauptete er, 

daß 


Hiob. 653 


daß der alliwiffende Gott feine Unſchuld kenne; und daß er 
feines bisher geführten Lebens wegen, ein gutes, freudiges 
Gemiffen habe. Er that vor ihnen herrliche Befenntnife, 
von feinem Glauben an die Größe, Gerechtigkeit, Allmacht 
und Weisheit Gottes. Er führte verfchiedene Reden, dar 
raus man lernen kann, wel ein wahrer Menfchenfreund 
er immer gewefen. Er konnte mit gutem Gewiffen von fich 
fagen : Von Tugend auf bin ich gegen ieden aut ges 
finnt gewefen , wie ein Pater gegen feine Rinder, 
Don meiner Rindbeit an babe ich gern den Nothlei— 
denden geholfen, und gedienet. Ich aß mein Eſſen 
nicht allein, ich ließ bungrige Waifen mit effen. Ich 
babe Feinem Dienftboten unrecht gethban. Ich babe 
Feinen gefchlagen und gequälet, weil ih mächtiger 
als er war. Nein ich fürdhtete Gott, und that nichts 
Böfes, um nicht feine Gnade zu verlieren. So beherzt 
Eonnte ſich Hiob auf feine Unſchuld berufen ! 

Unterdeffen war er doc) in feinem Leiden und in der 
Erdultung und Beurtheilung deffelben nicht ganz ohne Feh— 
ler. — Auch er fühlte die fo tief eingewurzelten Schwach— 
heiten der Menfchheit. — Da die Hize der Trübfalen zu— 
nahm, wurde er auf einige Augenblicke ungedultig. — Oft 
frat er in feinen Neden der Weisheit und Guͤte des Schs- 
pfers zu nahe, und behauptete, daß Gott willfürlich nach 
feiner bloffen Macht handele, und ſich gar nichts einreden 
laffe, wie etwa ein flolger König, der nach niemand fragt 
— oft gieng er auch in der Darfiellung feiner eignen Ge— 
rechtigfeit zu weit. 

Endlih , nachdem fein Leiden lange genug daurete, 
legte fich Gott ins Mittel. Erſt redete er maieftätifch aus 
einem Donnerwetter mit Hiob, und zeigte ihm, wie ſchwach 
feine Einfichten waͤren, und wie er billig von der Weisheit 
des Hschften edler hatte denken ſollen, als Daß er nur fa 

&FS nach 


Dh HE en 


654. Dir und dreyßiafte Tafel. 


nach Willführ, mit den Sterblichen handle. — Er follfe 
nur erft die Werfe der Natur recht betrachten, wie weife fie 
eingerichtet wären, und daraus die Weisheit Gottes recht 
Eennen lernen , fo werde er dann von ihren Wegen ımd 
Führungen mit den Menfchen nicht mehr fo blind urtheilen. 

Dann redete er mit Hiobs Freunden, und verwieß 
ihnen die ungereimten Vorwuͤrfe, die fie ihm gemacht; und 
daß fie die Ehre der Vorſehung nicht beffer retten zu koͤnnen 
geglaubt, als wenn fie fein Elend für eine Strafe gewiſſer 
"perborgener Sünden, die er müffe begangen haben , aus— 
gaben. Und um ihnen zu zeigen, daß fie noch lange nicht fo 
fromm und gut waren, al® diefer fein Freund, wollte er 
ihnen nicht eher ihren Fehler verzeihen , als bis Hiob für 
fie gebetet hätte; da er ihnen dann um Hiobs willen Gnade 
wiederfahren ließ, 

Jezt war es noch darum zu thun, dem Leuten zu zeigen, 
daß Hiob noch, wie vormals, wegen feiner Frömmigkeit bey 
Gott in Önaden fiche, und daß das, was ihm boͤſes wies 
derfahren, gar Fein Beweiß fey, daß Gott ihn verworfen 
oder Boͤſes am ihm. gefunden habe, Er machte ihn alſo ges 
find — gab ihm fein voriges Glück wieder — ia noch mehr 
alg er vorher hatte. — Er bekam nieder Kinder, und ers 
lebte von denfelden eine zahlreiche und begluͤckte Nachkom⸗ 
menfchaft — fo daß Fein glücfliherer Mann auf Erden als 
Hiob war (ec). 

So iſt es alfo auch an Hiob wahr worden , daß 
denen die Gott lieben, alle Dinge, auch bie fraurigften, 
sum Beften dienen, — Wer in der Trübfal Gedult 
und Vertrauen 3u Gott behält, der wird zulezt 
herrlich erretter , und mac) der Zuͤchtigung findet er 
Gnade 

BINLINLETE 


Saͤumt 


Saͤumt fie, meines Helferd Nechte 
Stets noch? Werden meiner Nächte, 
Meiner Leiden immer mehr? 

Immer nieinee Threnen mehr ? 

Nah’ ift meines Nelfers Rechte, 

Zieht fie gleich mein Auge nicht: 
Weiter hin im Thal dee Naͤchte 
St mein Netter und fein Licht. 

Ja — bort wird mir Gott begegnen, 
Dorf wird mich fein Antliz fegnen: 
Jezt, iezt iſt die Prüfungszeit; | 
Set fey, Seele! ſtark zum Streit! 


24 
Abbildung einiger Tugenden. 


Dr... Liebe, Hoffnung, Gedult und Standhaf 
tigkeit befördern des Menfchen Erleuchtung, Glück und 
Ruhe. An der Eeite diefer Gottesfräfte und Tugenden 
blickt der Fromme in die Bücher der himmliſchen Geheim— 
niffe — fühlt dag Glück des gefellfchaftlichen Lebens — 
freut fich der Zukunft — wird unempfindlich für gegenwaͤr— 
tige Schmerzen und unuͤberwindlich in der Wahrheit, im 
Öuten. 

Das Wefentlihe diefer Tugenden und ihren wahren 
Reiz gleihfam fichtbar zur machen, wagte die Einbildungs- 
fraft der Kuͤnſtler einige Abbildungen berfelden, Sie geben 
dem Glauben der Chriffen (a) bald ein Kreuz und einen 
Kelch, bald ein Evangeliumbuch in die Hand — aus dem« 
felben zu erforfchen die Wege des Glaubens, die helfe 
Bahn der erhabenften Erkenntniß und das Heil des Gehor— 

ſams. 





— 





656- Vier und dreyßigſte Tafel. 


ſams. Die Kiebe (b) ift mit Kindern umgeben — fie trägt 
dag eine auf dem Arme, nahe an ihrer Bruft; und führt 
das andere an der Hand, umd ihre Miene ift holdfelig. — 
Die Hoffnung (ec) flüget fih auf einen Anfer — und es 
Gebt die Augen gen Himmel, dem Vaterlande der Guten — 
sol Erwartung der Schäze, welche der unendlich Gute fei- 
nen Kindern zu geben verheiffen hat. — Sie geht gerade — 
voll Gewißheit und Zuverfiht. — Die Gedult (d) — 
von Laſten etwas gebeugt, fpricht fie dem Herzen Muth zu — 
und erinnert fich an der Seite des Lammes, , aller guten 
Eigenfchaften dieſes liebenstwürdigen Gefchöpfes — der 
Folgſamkeit, des ſtillen Wefens, der willigen Ertragung alles 
Widerwaͤrtigen. — Die Standbaftigfeit (e) An einer 
unbeweglichen Seule gelehnt , die fo menig als fie ſelbſt 
wanken kann, hält fie mit Entfchloffenheit und Heldenmuth 
ihre Nechte, mit dem Schwerdte, über eine fenrige Glut — 
und zittert, und klagt, und meicher nicht — und fingt; 


Miterben * haltet an, und feht 
Empor zum großen Lohne — 

Denn nur durch unſre Feinde geht 

Der Weg zu iener Krone. 

Ob taufend auch zur Nechten euch 

Zur. Linfen tanfend fänfen, 

So finft doch nicht! Wird uns fein Reich 
Der Kraft zum Streit gab, fchenfen, 
Wenn mir darinn erliegen ? 


ERITTR NE 


3 


Das traurige Schidfal des Calas. 


Da Mord des Calas, der zu Toulouſe, einer Haupt⸗ 
ſtadt in Kanauedoc, den 9. Merz 1762, durch den Arm der 
Gerechtigkeit verübet worden , iſt eine der fonderbarjten 
Degebenheiten, die bie Aufmerkfamfeit unfers Zeitalters und 
der Nachkommenſchaft verdienen. Man flieht aus derfelben, 
mit Zittern und Erflaunen, mie weit eg mit einem Unſchul⸗ 
digen kommen kann, wenn derfelbe den Händen des Jrr- 
thbums, der Leidenfchaft und des Fanatismus überliefert 
wird — wie unerhoͤrt und fürchterlih fih Menfchenherzen 
verhärten fönnen, wenn fie einmal taub gegen die Stimmen 
der Wahrheit und der Menfchenliebe find. 

Dean Ealas, acht und fechzig Jahre alt, trieb feit 
vierzig jahren die Handlung zu Toulsufe, und wurde von 
allen denen, die mit ihm gelebt haben, für einen guten 
Vater gehalten. Er war ein Proteſtante, fo wie feine Frau 
und Kinder, auffer einem, der jeine Religion abgeſchworen 
hatte, und dem der Vater einen Fleinen Gehalt gab. Er 
fhien fo weit entfernt von dem abgefchmaften Fanatiſmus 
zu feyn, der alle Bande der Gefellfchaft zerreißt, daß er 
feines Sohnes Louis Calas Religions » Aenderung billigte, 
wenn er von der Wahrheit feines neuen Glaubens wirflich 
überzeugt wäre; und daß er feit dreyßig Jahren eine fehr eif- 
zigfatholifche Magd duldete, die alle feine Kinder erzogen hatte, 

Einer der Söhne des Tean -Lalas , Mare Antoine, 
hatte fiudire: man hielt ihn für einen unruhigen, finftern 
und heftigen Menfchen, Da er ſich aber zur Handlung 
sicht ſchickte, und auch nicht als Advocat zugelaffen wurde, 
ib 





658 | Vier und dreyßigſte Tafel. 


ſo beſchloß er fein Leben zu endigen; gab dieß Vorhaben 
felbft einem feiner Freunde zu verfichen, und bevefiigte fich 
in feinem Entfchluße, indem er alles lag, was nur über den 
Selbſtmord gefchrieben war, 

Endlid) eines Tages, ba er fein Geld im Spiele ver- 
lohren hatte, wehlte er denfelben zu Ausführung feines 
Borhabens. Ein Freund von feiner Familie und ihm ſelbſt, 
Namens Asvaiffe, ein iunger Menſch von neunzehn Jah— 
ven, ber wegen feiner edlen und fanften Sitten bekannt 
war, Sohn eines berühmten Advocaten zu Touloufe, Fam 
denfelben Abend (den 12. October, 1761,) von Bourdeaux, 
und fpeifte von ohngefehr bey dem Calas. Der Vater, die 
Mutter, Marc Antoine, ihr altefier Sohn, Pierre, ihr 
zweyter Sohn, fpeiften zufammen. Nach dem Eijen gieng 
man in einen Fleinen Eaal; Marc Antoine verſchwand — 
endlich gieng der iunge Lavaiſſe fort. Als er, und Pierre Ca: 
las, der ihn begleitete, hinunter Famen, fanden fie unten, 
bey einer Niederlage, den Marc Antoine an einer Ihu- 
re hängen, und fein Kleid auf dem Tiſche liegen. Sein 
Hemde war nicht einmal in Unordnung, feine Haare fehr 
ordentlic), und an feinem Leibe fand man nicht die gering» 
fie Spur einee Wunde oder eines Schlageg. 

Man kann fi den Schmerz, bie Verzweiflung und 
das Gefihrey des Taterd und der Mutter und der ganzen 
Samilie über diefen unvermutheten Auftritt vorfielen. — 
Lavaiſſe und Pierre Calas, auffer ſich ſelbſt, liefen nad) 
MWundarzten und den Gerichten — und auf das Heulen und 
Wehklagen verfammelte fi) dag Volk von Touloufe um das. 
Haus. Das Volk ift aberglaubifch und höchft ungefiümm — 
es ficht feine Brüder, die nicht- von feiner Religion find , 
für Ungeheuer an — und eg währte nicht lange, fo fchrieen 
ſchwaͤrmeriſche Köpfe unter dem Volke, Jean Calas babe, 
feinen eignen Sohn Marc Antoine gebhangen, weil er den 

nechiien 


Hiob. 059 


nechften Morgen zur Eatholifchen Neligion übergehen wollte. 
Die Geſchrey Fam bald zu den Ohren der Richter — und 
Calas mit feiner Familie, die Fatholifhe Magd und Las 
vaiſſe wurden in Ketten und Banden gelegt. 

Inzwiſchen wurde der Selbſtmoͤrder, Marc Antoine 
alas, als ein Märtyrer, mit großer Bracht begraben. 
Das ganze Volk ſah ihn als einen Heiligen an — meil fie 
derauf bejiunden, feine Familie babe ihn aus Neligiong- 
Haß ermordet. — Einige rufften iin an — andere beteten 
auf feinem Gtabe — wieder andere forderten Wunder von 
ibm. — und nody andere erzehlten ſchon einige, die gefchee 
hen waren. 

Dieß alles zufammen genommen, machte unter dem 
Volke und den Nichtern eine große Gaͤhrung. Man be- 
fchleunigte die DVerurtheilung diefer Unglücklichen, wegen 
der Annäherung des befondern Feſtes, welches von ben Tou— 
loufern iährlich zum Andenken einer Niedermezelung vor 
4000 Hugenotten gefeyert wird. Das Fahr 1762. war die 
hunsertiährige Subelfeyger — und man glaubte, daß dag 
Schaffot, auf dem die Calas foliten ermordet werden, bie 
größte Zierde des Feſtes feyn würde. Denn lange beftund 
der größte Theil der Richter darauf, den Sean Calas, 
feinen Sohn und den Pavaiffe zum Nade, und die Frau deg 
Sean Calas zum Scheiterhaufen zu verdammen, 

Zwar fprachen einige von den Nichtern fehr lebhaft 
fuͤr das Beſte dieſer ungluͤcklichen Familie. — Es ſchien 
auch ganz unmoͤglich, daß Jean Calas, ein Greis von 
acht und ſechzig Jahren; der ſchon ſeit langer Zeit geſchwol⸗ 
lene und ſchwache Füße hatte, einen Sohn von acht und 
zwanzig Sahren, der überdieß mehr als gewöhnliche Leibeg- 
fräfte befaß, allein hätte follen erdroßeln und aufhängen 
fönnen. — Es war unumgänglich norhmwendig, daß ihm 
feine, Frau , fein Schr, Pierre Calas, CLavaiſſe und die‘ 
| Mage 


. 660 Bier und dreyßigſte Tafel. 


Magd bey der That müßten beygeftanden haben. Sie hat: 
ton einander an dem Abende vor -diefer unglücklichen Bege— 
benheit, auch nicht einen Augenblick verlaffen. Aber diefe 
Vorausfezung mar eben fo abgefchmadt, als iene. Wie 
würde eg eine eifrig Fatholifche Magd haben zulaffen Fön- 
nen, daß Hugenotten einen inngen Menfchen, den fie erzos 
gen hatte, zur Strafe für die Neigung zu der Religion bie: 
fer Magd, hätten ermorden dürfen ? Wie hätte eg dem La— 
vaiffe einfallen follen, ausdrüclid, von Bourdeaur zu kom— 
men, um feinen Freund zu erwuͤrgen, von deſſen vorgege— 
bener Befehrung er nichts wußte? Wie hätte eine zärtliche 
Mutter die Hände an ihren Sohn legen Finnen ? Wie 
hätten Alle Hände an ihren Sohn, Freund und Bruder les 
gen Finnen ? Wie hätten alle zufanmen einen iungen Mann, 
der fo ſtark, alg fie alle zufammen war, ohne einen langen 
und heftigen Kampf, ohne ein ſchreckliches Gefchrey, welches 
die ganze Nachbarfchaft herbey gerufen hätte, ohne wieder: 
holte Schläge, ohne Wunden, ohne zerriffene Kleider er» 
droſſeln fönnen ? 

Es fallt in die Augen, daß, wenn ein Mord hätte be— 
gangen werden können, alle Beklagte gleich fchuldig hätten 
feyn müffen, weil fie einander nicht einen Augenblick verlaf- 
fen hatten : es fällt in die Augen, daß fie es nicht waren— 
daß der Vatter allein es nicht feyn konnte — und doch 
ward zu Touloufe das Urtheil gefällt, den Vater auf dem 
Rade fterben zu laſſen, die Mutter und den Sohn zu ver 
bannen, die Töchter aber in ein Klofter zu fperren. 

Man ſtelle fih das Entfegen diefer Familie vor, da 
ihr dieß Aufferft übereilte und auf allen Seiten widerſprech— 
ende Urtheil befannt gemacht wurde. — Die Todesqualen, 
in iener ſchauervollen Stunde — in welcher der ehrwuͤrdige 
Mater aus dem Gefängniße zum Tode geführt wurde. — 
Das Händeringen des Sohnes und des Freundes — ber 

Toͤchter, 





Diobean mim 661 


Toͤchter, die Ohnmacht der Mutter — die Beklemmung 
ſo vieler Herzen — das Seufzen aller Rechtſchaffenen. — 
Seht ihn, auf der Tafel, wie ihm die Feſſeln abgenom⸗ 
men werden, um ſeine Gebeine dem Zerſchmetterer derſelten 
zu uͤbergeben. Seht, fuͤhlt ſeinen Abſchied — 

Gott ſtaͤrkte ihn, daß er mit maieſtaͤtiſcher Stands 
haftigkeit, die ee. ſchon vorher, auch unter den Qualen 
der Folter bewieß, zum. Tode gehen Eounte, Als er den 
ungluͤcklichen Wagen beſtieg, ſagte er zum Volke: Ich 
bin unſchuldig! Indem er vor ſeinem Quartiere vorbey⸗ 
gebracht wurde, gruͤßte er Jedermann, den er kannte. 
Ehe der Henker ſein Amt verrichtete, nahete ſich der Pater 
Bourges, umarmte und druͤckte ihn in ſeine Arme, und 
fagie : Mein lieber Bruder, Ihr habs noch einen Augene 
blick zu leben. Den dem Gott, den Ihr anbetet, auf 
den Ihr hoffe, und der für Euch geſtorben ift, beſchwoͤ⸗ 
re ich Euch), der Wahrheit die Ehre zu geben ! Ich has 
be fie gefagt, verſezte Lalss, und bob feine Augen gen 
Himmel. Hierauf warf er auf diefen Geifilichen einen 
Blick des Erſtaunens und der Zärtlichkeit ; Wie, fagte cry 
auch Sie Fönnen glauben, daß ein Vater jeinen Sobn 
babe umbringen Fönnen ? Hierauf erhob der Henter 
auf ihn fein fchredliches Eifen. Bey diefem Anblicke 
‚„fchauderte das ganze Volk; ieder Echläg, der den Calas 
traf, toͤnte im Grunde der Seelen wieder, und Threuen⸗ 
ſtroͤme ſtuͤrzten, wiewohl zu ſpaͤt, aus aller Augen. 

Der erſte Schlag entriß dem Leidenden einen ſehr 
maͤßigen Schrey: die andern erhielt er ohne die geringſte 
Klage. Als man ihn hierauf aufs Kad gelegt, beiste er 
aufs neue ju Gott, und flehte ihn alt) einen Richtern ſei⸗ 
nen Tod nicht zuzurechnen; erhob fich duch ſeine eignen 
Leiden zu den erhabenſten Tetrachtungen, und. rief dem Pa⸗ 
3 Bohrges die ruͤhrenden TU orte u; Ich Nerbe, un 

a ya» ſchul⸗ 


662 Vier und breyßigſte Tafel. 


fhuldig — Jeſus Ebriftus, die Unſchuld felbft, ſtarb 
nod einer grauiamern Totesftrafe — Gott ſtraft an 
mir die Sünde des Unglüdlichen, der ſich felbfi hin 
gerichter — er ſtraft ihn an jeinem Bruder und an 
meiner Stau — er ift gerecht, und ich bete ihn :n 
feinen Zuͤchtigungen an. — Aber der iunge Sremdlina, 
dem ich eine Ehre zu erzeigen glaubte ‚indem ich ihn 
Abends zu Tiſche bat; diefer gute Tüngling, der 
Soͤhn des Herrn Lavaiſſe, wie bat ibn die Vorfe 
bung mit in mein Ungluͤck verwideln können ? Su 
dem er noch redete, fiärzte fich der Kapitoul David, der 
vornehmſte unter den unerbittlihen Nichtern des Calas, 
zu dem Schaffot hin; und fchriee, um fein Werk zu troͤ— 
rien : Boͤſewicht, fieheft du den Scheiterhäufen, der bald 
deinen Leid zu Afche verbrennen fol ? Rebe die Wahrheit! 
Statt allee Antwort, kehrte Calas mit vieler Mühe feinen 
Kopf weg, und fah den Henker an: dieſer ſchlug, und 
ber Unſchuldige gab feinen Geiſt Auf. 

Nun wurde zwar auf das Nuffen diefer unglücklichen, 
verwaiſten Familie, und vieler mitleidigen Menfchenfreuns 
de, das durch ganz Frankreich; und bis zu den Thron des 
Koͤniges drang — und dürch forgfältige Unterfuchung bier 
ſes unerhoͤrten Proceffes, von den größten Gelehrten und 
Staatsmaͤnnern, Lalas und feine Familie, unfchuldig er- 
klaͤrt, und bewiefen, daß das Parlament zu Toulouſe unges 
techt und gemwältfam richtete. — Man fprady dag Anden, 
fen ded guten Calas von aller Schuld frey. — Man ers 
läubte dee Familie, ihre Gerechtfame meiter zu fuchen, 
Advocaten anzunehmen, und von den ZTouloufer Richtern, 
die Unkoſten, die Schadloshaltüng fanit den Intereſſen wie» 
der zu fordern. — Der König felbft ließ der Mutter und 
den Kindern fech®- und drevfig taufend Livres auszahlen , 
wovon die tugendhafte Magd, die in Vertheibigung ihrer 

Herr⸗ 


Hiob. 663 


Herrſchaft die Wahrheit ſtandhaft bezeuget hatte, drey 
tauſend Livres erhielt. — Die ganze Familie gewann das 
Mitleiden, die Liebe und Achtung von ganz Europa. — — 
Aber — wer gab derfelben den guien Vater wieder? eg 

wiſcht diefen Schandfieck aus der Gefhichte der Menſch⸗ 
beit ? 





SIIREITRSITE 





4. 
Freude und Traurigkeit. 
Elementarw. Tab. XXVII, . 2. 


Sreuse und Traurigkeit folgen im menfchlichen Leben 
gemeiniglich ftets auf einander: ie find heiljume After: 
‚ten, wenn ihnen bie Vernunft Maaß und Ziel vorſchreibt — 
aber graufame Feinde, wenn fie daßelbe überfihreiten. 
Seht (a) ein in den Hafen anfommendes Sciff. 
Der Mann; der dag Schnupfiuc wie eine Fahne wehen 
läßt, hatte mit feiner Frau die Abrede genommen, daß er 
es thun wollte, damit fie ihn, wenn fie bey feiner Ins 
kunft am Ufer wäre, deſto früher entdecken möchte Der 
Abſchied war traurig geweſen, denn fie liebten fich fehr. 
Nun aber hatte er gifchrieben, er wuͤrde bald zuruͤcke kom⸗ 
men. Dir Frau hoffte alfo ieden Tag; ihren gelichten Mann 
wieder zu fehen ; aber diefe Hoffnung blieb anfangs fein 
Affect; ſondern ihr Gemuͤth Fam einige Zeit nach der Durchs 
lefung des Briefes wieder in Rühe. Sobald fie aber hör 
te, es nähere fi dem Hafen ein Schiff; verſaͤumte ſie oft 
viele noͤthige Gefchäfte; und eilte mit Unruhe zum Hafen, 
ob fie gleich von ferne ſehen konnte ; das Schiff würde noch 
in einigen Stunden nicht landen: Oft mar fie vergeben 
| 9,3 und 


664 Pier und dreyßigſte Tafel. 


und allein. hingesangen ; test hatte fie ein. paar Fremde 
mitgenommen — fie fah dag Schnupftuch — ta ward aus 
Hofſnung Freude, eine Affectvolle Freude; denn fie ward 
dadnrch fo unvorſichtig, bag fie beynahe in das Waſſer ge⸗ 
fallen waͤre. 

Seht ihr (6) bie Leiche eines verfiorbenen Menſchen, 
innerhalb des Cabinets im Sarge liegen? Die zur Linken 
am Tiſche iſt die Witwe. Ihr ſeht an derſelben offenbare 
Zeichen einer bis zum Afſecte angewachſenen Traurigkeit. 
Dun denkt ſie nur, was fie verlohren; nicht, mas ſie be— 
halten hat. Nun glaubt ſie, daß ſie allezeit Witwe, und 
allezeit traurig bleiben werde; und kann ſich der vielfälti« 
gen Erfahrungen des Gegentheils nicht erinnern, oder ſie 
nicht lebhaft denken, nicht auf ſich ſelbſt anwenden. 
Nun glaubt fie, daß ihr in dem Reſte ihres Lebens lauter 
Hebel bevorſtehe. Eine Freundinn iſt gekommen fie zu troͤ⸗ 
ſten: eine verſtaͤndige Freundinn, der fie ſonſt zu glauben 
pflegte : aber. die Witwe iſt im Affecte; der Troſt kann ale 
fo anfangs nur wenig ausrichten. - Selbſt das Mitleiden 
dieſer Freundinn fcheint fchon Affect geworden zu feyn. 

Auch der dabey flehende Knabe iſt in einer affectvollen 
Furcht vor dem Hunde. Er kann ſich nicht beſinnen, daß 
ſolche Huͤndchen ihn nie gebiſſen haben. Er wuͤrde, ihm 
zu entgehn, vielleicht unvorſichtig gnug ſeyn, von einer 
Treppe herunter zu flürgen; weiches dad) ein weit groͤſſe⸗ 
ces Uebel ift, als der Hund ihn zufügen Fann.. Durch 
den Affect des Ekels und Abfcheues iſt der andere Knabe 
beunruhiget, ber auf dem Schooße feiner Waͤrterinn Arz⸗ 
ney nehmen fol. Er denkt an nichts, als an den bittern 
Geſchmack; nicht aber an den Schmerz; und Verdruff der 
Krankheit , der durch diefes bittere Huͤlfsmittel fol vers 
trieben werben. bi 

F Ss 





Hiob. 665 


So raubt dag Uebermaaß biefer und dhnlider Ge 
muͤthsbewegungen dem Verſtande, den innen, den 
Sitten und dem ganzen Leben der Drenfchen, Kraft, Wahrs 
heit, Neinigfeit und Dauer; indem Gemüthsruhe und Y7AF 
figfeit diefe Schäje des Gemuͤths ſammlen, vermehren und 
verwahren helfen. 


Te un ZEN NEST 


5, 
Der Elevhant. Das Nafenhorm, 


N. Elephant (A) ift dag größfe unter allen Landthie- 
sen. Er erreicht oft eine Höhe von ſechs, und eine Laͤn⸗ 
ge von fünf Ellen, und halt fih in den heiffen Gegenden 
von Alten und Africa auf. Er hat einen großen Kopf, 
lange und diefe Ohren, einen hängenden Bauch, gekeuͤmm⸗ 
ten Nücden , und dicke unfoͤrmliche Süße, welche über ei— 
nen Fuß did find. Das fonderdaifte an ihm find feine 
Stafe und feine Zähne. Seine Nafe ift fo dick imd Lang, 
daß fie die Erde berühret, und wird der Air genannt. 
Er iſt hohl wie eine Roͤhre, laͤſſet fi) biege: und bewes 
gen, ausſtrecken und wieder einziehen , und beizt eine füls 
che Stärke, daß ber Elephant mit beinfelben Baume aus— 
zeiffen und geoße Lafien von ber Erde aufheben Fann. Dies 
fe Nafe it für den Elephanten das müzlichfie Glied, weil 
es ihm nich: nur ſtatt der Hände und Arme, ſondern auch 
fintt des Halfes diene. Sein eigentliher Hals iſt ſo did 
und ſteif, daß er ihn nicht bewegen kann, daher er fein. 
Futter vermittelft feines Nüßels fuchen und zum Munde 
bringen muß. inter dem Nüßel, nicht weit von dee 
Bruſt, fie dag Maul, und über beisfelben in ber Kinn⸗ 

293 lade 


666 Vier und dreyßigſte Tafel. 


lade bat er, zwey lange große Hunds aͤhne, welche oft 
drey Ellen lang find, und im zu feiner Vertheidigung 
dienen, Die Elephanten haben eine fehr dicke runzeliche 
Haut, melde mehrentheils ſchwarz von Farbe ift, und 
von feiner Büchfenfugel durchdrungen werden kann. Ban 
. hat geglaubt, dag er in feinen Fuͤſſen Feine Gelenke habe; 
allein mau bat fich geirret. Er ift fo ſchnell, wenn er 
will, daß ihn Fein Pferd einholen Fann; ob er fich gleich 
nur felten fo fehr angreift, vermuthlich , weil ihm bey 
feinem großen Körper das Laufen zu befhmwerlich fällt. 


Es ift eine befontere Wohlya der "orchung, baf 
diefes ungeheure Gefehöpfe zu juiner Nahrunz Fein Zleiſch, 
fondern blos Gras und Blätter braucht, Haͤtte er Fleiſch 
nöthig, wie viele Thiere würden nicht erjorbert werden , 
feinen Wanft täglich zu füllen, zumal da die Ele; hanten in 
Afien und Africa in großen Heerden, die oft einige hun—⸗ 
dert ſtark find, herumziehen. Gras ift jeine vornehmſte 
Nahrung, und wenn er fein Gras hat, Blätter, S.ohr , 
Binfen und allerley Seldfruchte. Im Sale der Roth kann 
er auch acht bis zehn Tage Hunger leiden, Gin anderes 
Gluͤck für die Nachbarn der Elephanten iſt es, daß fie 
nicht wild oder graufam find, indem fie niemanden einigen 
Schaben thin, wenn man fie nicht vorher beieidiget, Die 
Mohren gehen daher ohne Sucht, durch ganze Heerben von 
Elephanten hindurch, ohne von Ihnen beſchaͤdiget zu wer⸗ 
den. Doc find fie ein wenig toͤlpiſch, und wenn ihnen 
die Mohren nicht ſorgfaͤltig aus dem Wege geben, ſo 
werden fie von ihnen zu Boden gefreten, fp wie wir etwa 
einen Käfer , oder eine Schnecke zu gertreten pflegen. Zu— 
teilen ftoßen die Elephanten auf ihrem Wege des Nachts 
auf die Doͤrfer der Mohren, welche aus Heinen elenden 
Hütten befiehen ; und alsdenn find fie fo ungeſchickt, bag 

fie 








Hiob. 667 


fie alle Hätten, die ihnen unter die Füße fommen, wie 
Schneckenhaͤuſſer niedertreten, oder umftoßen. 


Der Elephant erreicht gemeiniglich ein Alter von 150 
Jahren, und mit dem Alter nimmt auch ſeine Schoͤnheit 
zu. Die vorhin gedachten Hundszaͤhne liefern ung das 
ſchoͤne Elfenbein, und da der Elephant fie alle drey Jahre 
zu verlieren, und neue zu befommen pflegt, fo ift bieß 
die Urfüche, daß das Elfenbein bey ung nicht theuer ift. 


Der Elephant ift ven Natur il und verträglig. Cr 
beleidiget niemanden ; aber er will auch von niemanden ber 
leidiget feyn. Bringt man ihn in Wuth, fo ift.er ein 
fehr furchtbarer Feind. Wenn er einem Menſchen begeg- 
net, und diefer ihn nicht beleidiget, fo feget er feinen Weg 
fort, ohne fi) um ihn zu befümmern. Iſt er eben bey 
guter Laune, fo hebet er ihn zumeilen behutfam mit feinem 
Küfel auf, halt ihn einige Minuten lang in bie Höhe, 
und fezt ihn fäuberlicy wieder auf die Erde. 


So groß und ungeſchickt der Elephant if, fo gelehrig und 
fünftlich ift er, menn er iung gefangen, und zahm ge 
macht worden. Er hebt mit feinem Nüffel die kleinſten 
GSoldſtuͤcke von der Erde auf, pflücket Blumen und Kraͤu⸗ 
ter damit ab, und fuchet eine verlangte Blume unter einer 
anfehnlichen Menge aus — er löfet von Stricfen gemachte 
knoten auf, oͤffnet und verfchlieft die Thuͤren durch Um⸗ 
srehen der Schlüffel, und bewegt fogar durch Huͤlfe deffels 
ben ziemlich fchwere und große Körper. Er reißt damit 
mittelmäßige Bäume, nebft der ganzen Wurzel aus der 
Erde, und fchlägt dem größten Pferde die Beine entzwey. 


In Dflindien hat man eine Menge zabmer Elephan⸗ 
ten, wo man fie flatt der Pferde und Ochſen gebraucht. 
Die großen Herren in Dftindien halten fie zum Staate, 

Yy 4 und 


668 Vier und dreyßigſte Tafel. i 


amd wenn die Fuͤrſten fremden Gefandten Uydienz geben y 
fo fommen fie mebhrentheils auf einem gepusten Elephanten 
in den Zubienzfaal geritten, um fich ein deffo größeres 
Anſehen zu geben. kan braucht fie auch im Kriege , fo 
wie man bey ung bie Gavallerie braucht. Man fehnallet 
alsdann dem Elephanten große hölzerne Thuͤrne auf den 
Ruͤcken, welche ehedem wohl mit dreyfig Soldaten befezt 
wurden, die diefes TIhier fragen mußte. Oft braucht man 
die Elephanten auch flatt der Scharfrichter ; man gräbet 
alsdann den Verbrecher bis an die Schulter in die Erde, 
und der Elephant fchlägt ihm mit feinem Nüffel oder mit 
dem Fuße den Kopf hesimter. Kurz, man fann mit dem 
zahmen KElephanten "alles machen , und fie werben fo ge- 
ſchickt, daß fie auch mit ihrem Küffel ein Glas Wein aus: 
£rinfen lernen , ohne das Glas zu zerbrechen. 


Das Rhinoceros, oder Naſenhorn (B) bat feinen 
Namen von dem dichten, Fegelförmigen und etwas zurüc- 
gebogenen Horne, das ſich auf. deſſen Nafe befinder. 
Diefes Thier iſt nad) dem Elephanten, dem es auch faft 
an der Fänge, nur nicht in der Höhe gleich kommt, dag 
größte Landthier. Es hat eine Schnauze, die wie ber 

Ruͤſſel eines Schweins gefaltet, nur am Ende fpisiger if, 
fleine Augen, welche fehr nahe bey der Nafe liegen, lange, 
aufreht flehende Ohren, und eine fehr dicke, runzlige, 
faſt nackte Haut, welche dag Anſehen hat, ale ob fie übers 
Kreuz und in die Duere mit eitem Meffer geferbt märe. 
Die Farbe der Haut ift ſchmußig afchgrau oder fhwärzlich, 
doch unter den Salten roͤthlich. Der Schwanz iſt kurz und 
etwas haaricht. 

Main findet dieſes Thier ſowohl in Aſien, als auch in 
Africa. Das afrikanifche hat nur ein einziges Horn auf der 
Nafe, welches ohngefehr einen auch zwey Schuh lang ifl. 

Das 


Hiob. 669 


Das afiatifche Nafenhorn aber , welches fonft von dem 
efricanifchen faſt in nicht? unterfchieden ift, führt zwey 
Horner auf der Nafe, wovon das hinterfte Eleiner als das 
voͤrderſte iſt. Diefe TIhiere follen faft fünf und zwanzig 
Jahre zu ihrem Wachsthum noͤthig haben, und ihr Alter auf 
150. Jahre bringen. Shre Länge von der Spije der 
Schnauze bis an den Anfang des Schwanzes, , beträgt 
wenigſtens zwölf Schuh, und ihre Höhe fehs bis fieben 
Schub. Sie find zwar fehr wild, aber weder grimmig 
noch fleifchfreffend. Sie befchädigen die Menfchen nicht, 
wofern fie nicht von ihnen beleidiget werden. Geſchieht 
aber diefes, oder erblicken fie einen Menfchen in einem 
rothen Kleide, fo rennen fie mit voller Wuth auf ihn Iss, 
und fiogen alles zu Boden, was ihnen in ben Weg kommt. 
Henn fie ihren Gegner eingeholt haben, fo packen fie ihn 
gemeiniglich mit ihrem Horne bey der Mitte des Leibes an, 
und fchleudern ihn mit einer folchen Gewalt über den Kopf, 
daß er meiſtentheils durch die Heftigfeit des Falles getoͤdtet 
wird. Man Fann ihnen aber, ohngeachtet fie fehr ſchnell 
find, ohne viele Mühe entgehen, wenn man nehmlid), 
fobald fie fih bis auf einige Schritte genäahert haben, bes 
ſtaͤndig zur Seite ausweicht, weil fie ſich nicht anders, 
als mit großer Befchwerlichkeit menden Finnen. Mit 
Slintenfugeln, Wurffpießen und Säbeln richtet man nicht 
viel gegen fie aus. Ihre Haut iſt fo ftarf , daß die bley- 
einen Slintenfugeln davon abyprallen, und die eifernen nicht 
völlig durchdringen. Die einzigen Stellen, wo man fie 
durch Hülfe diefer Waffen gefährlich verwunden kann, find 
der Bauch, die Augen und die Gegend um die Ohren. 
Das Fleiſch diefer TIhiere wird von den Indianern für eine 
angenehme Speife, und das Horn, ingleichen, faft alle 
übrige Theile für ein Fräftiges Mittel wider Vergiftung 
und verfchiedene andere Krankheiten gehalten. Die Haut 
95 giebt 


6:0 Vier und dreykigfte Tafel. 


giebt dag befie und härtefte Leber, das man nur in der Welt 
fiiden kann. 

Auſſer dem Nafenhorne wird von den ältern Schrift, 
fiellern noch eines andern vierfüfligen Thieres gedacht, 
das nur ein einziges Horn und zwar nicht auf der Nafe, 
fordern auf ver Stirne führen fol. Allein den neuern 
Naturforichern iſis noch nicht geglückt ein ſolches vierfüßiges 
Einhorn ausfindig zu machen, daher deffen Mirftichkeit 
heut zu Tage mit Necht in Zmeifel gezogen wird. 


6, | | 
D Der Drechsler. Der Kammacher. 
F 


⸗as Elfenbein, oder die Elephantenzaͤhne werden ges 
woͤhnlich von den Drechslern und Kammachern bearbeitet. 

Der Drechsler oder Dreher (A) bedienet fich zur 
Bearbeitung des Eifenbeins , des Holzes , der Metalle, 
der Knochen, des Horns und anderer Materialien vors 
nehmlich der Drechfelbanf oder Drebbanf. Es gehöret 
zu berfelden : der Vordertheil, woran ber Hfeiler, die 
Pinne, der Reitſtock, bie Armſchiene und das Löcherhol; — 
die Wippe, oder fehlanfe elafiifche Stange, der Do 
ckenſtock, die Spindel, die Schnur, Ver Schraube 
ſtock, die Banf mit der Ruͤckenlehne. Er bevefliget, 
zwiſchen den beyden Docken cber Reitſtoͤcken einen ivale 
zenförmigen Körper, und ſchlingt um denfelben die Schnur, 
die unten an dem Sußtritte, und oben an dem Ende ber 
Mippe veft if. Schiebt er nun den Fußtritt, und zieht 
er zugleich die Schnur , und dag eine Ende der Wippe 
herunter, fo wird auch eben dadurch der ven ber Schnur 
umfchlungene Körper herumgebreht, an welchen er allerley 
ſcharfe 











Hivb. 671 


fcharfe Eifen , die mit Griffen verfehen find , anhält, 
und wovon er rund umher auf folche Weiſe Späne ab» 
fhabet. Einige dieſer Drechfeleifen ftecfen da an der 
Band , und heiffen der Meiſſel, die Aohre zum Aus 
böhlen , das Hohleifen zu erhabnen Nündungen , 049 
Bohreiſen zum Ausbohren, Das Schraubeneiſen, mit 
deſſen einem Ende man die äuffern Schraubengänge an einer 
Schraube , und mit deffen andern Ende man die Gange 
der innern Schraubenmutter, welche man um die äuffern 
Gänge drehen fann, herausdrechſelt. Mit dem Taſter— 
sirfel unterſucht man die beſtimmte Dicke der gedrechſelten 
Koͤrper. Die aus Hol; gebrechfelten Waaren werden mit 
Spänen, mit Schafthalm, und mit ber fcharfen Haut vom 
Rochenfiſch polirt, zumeilen mit etwas eindringenden Far 
ben gebeizt, oder nur mit fchwarzen Ningeln geziert, welche 
ter Drechsler nermittelft eines an ihnen beffig gericbenen 
Holzes herumzieht. Die Kunſtdrechsler fönnen nicht nur 
fraisförmige Ruͤndungen und Kugeln mächen, fondern auc) 
auf Sigurbänfen vielfeitige eyförmige Figuren und halb 
erhobene Bilder drechfeln. Die Waaren felbft ſowohl 
der gemeinen als der Kunſtdrechsler, find von fo unende 
licher Verſchiedenheit, daß fie nicht alle Eönnen beſtimmt 
werden. Die gewoͤhnlichſten find : Seulen, Geftelle, 
Füge, Spinnraͤder, Hafpel, Seuerfprien, Kugeln, Kegel, 
Stöcke, Nolen, Schrauben, Dofen, Nöhren, Knoͤpfe, 
Vuͤchſen u. dergl. 
Der Kammacher (B) macht aus Horn, Elfenbein 

und Schildfröten - Schaalen allerley Arten von Raͤmmen; 
vornehmlich Haar» Frunme» Chignon » Frifir- und Staub« 
fänme. Er zerfiücht nehmlich dag Horn oder den Elephan- 
tenzahn, nach ber Dide in Schrote oder Rlöze. Diefe 
Klöze werden alsdenn der Länge nach, in duͤnne Tafeln 
öber Platten zerfchnitten, biefelben an ber Zabnfeite ge 
ſchaͤrft, 


672 Dier und dreyßigſte Tafel. 


ſchaͤrft, und in die Bluppe gefpannt ; Dann fchneibet er 
auf beyden Seiten der Platte, mit dem Schneideeifen 
oder Kumpel die Zähne aus. Diefe Zähne werden als— 
denn mit einer Meſſerfeile gefpist, und endlich mit einem 
dandmeſſer gefcehabet und mit einem Filztuche glatt geries 
ben. Zu allen diefen Arbeiten braucht der Kammacher die 
Schrot⸗ und Ö©erter: Säge, den Schraubſtock und 
die Aluppen, das Behau- und Schabmeffer, die Be 
ſtoß⸗ Horn +» Pfropf: und Spisfeile, und die Silsgeige 
zum Poliren. 





nn GT TE 


— 
Der abgebrannte Bauer. 


Dr feindlichen Gefchick zum Truz 
Mach felbft das Unglüd Dir gu Nuz! 
Bey einen flarfen Winterfroft , 
ind bey geringer fchmaler Soft, 
Behalf ein armer Bauer fi 
Gar eiend, und gar iämmerlich. 
Dem ward von Bofewichtes Hand 
Sein Heines Häuschen ungebrannt. 
Er lief hinaus — Die helle Glut 
Rahm überhand. Der Nachbarn Muth 
Half ihm zwar treulich; doch zulezt 
Ward alles Loͤſchen ausgeſezt, 
Da bey ſtets wachſender Gefahr 
Das Haus nicht mehr zu retten war. 
Der Bauer ſah hierauf in Ruh 
Den ſchoͤnen hellen Flammen zu; 


ERSTER 


Treat 


Hiob. 673 


Trat näher, und hub lächen!d an: 
Kans ich nicht Isfhen , nun mohlen ! 
‚Sp will ich , ohne mich zu haͤrmen, 
Mih an dem Feuer doch noch marmen ! 


Rn En HLNNELGRÄL LER 


8. 


Die Grazien. Die Surien. 


Su dem Gefolge der Venus gehoͤren die Grazien (a); 
welche auch Huldgoͤttinnen und Charitinnen heiffen. Sie 
waren Jupiter Töchter, und Goͤttinnen der Wohlthaten, 
der Unnehmlichfeit und Dankbarkeit. Ohne fie war nicht 
anmuthig und gefällig — fie eribeilten den Menfchen die 
Sreundlichfeit, das- aufgeräumte Wefen, die Holdfeligfeit 
und Gefprächigfeit. Man hat in der neuern Dichtkunſt 
ihre Zahl auf drey eingefchrenft, ihnen auch griechiſche 
Namen gegeben, Aglaia, Thalia und Euphroſine, wel« 
he das Schöne, dag Mimtere und Lebhafte, das Erfreit 
ende bedeuten. Man bildet fie als nadende, ſchoͤne, 
wohlgewachſene, laͤchelnde Zungfrauen, die einander an⸗ 
faſſen, und ſingend tanzen.. 

Die goͤttliche Rache, und die Unruhe des boͤſen Ge— 
wiſſens ſuchten die Alten unter der Fabel von den Fu— 
rien (b) deutlich und fehreclih zu machen. Sie waren 
Kinder der Nacht und der Holle, Strafaöttinnen, wel⸗ 
che bieienigen nach Verdienſt peinigten, die etwas Boͤſes 
begangen, und ſich mit den Goͤttern nicht verſoͤhnt hatten. 
Die Götter brauchten fie auch, die Menſchen mit Krieg, 
mit der Peſt und andern Plagen heimzuſuchen — und eg 
fheint, daß ſolche dergeftalt unter fie vertheilt geweſen, 
dag Alecto den Kriegl, und Tiſiphone die anſteckenden 

Seuchen 





674 Dier und Dreyfigfte Tafel. 
\ 


Seuchen zu erregen und zu befordern hatte ; Megara 
aber gebraucht murbe, wenn iemand zum Tode follte ges 
bracht werden. Ihre eifernen Betten hatten fie im Eins 
gange der Hide fiehen ; fonft aber befanden fie fich ſelbſt 
in dem Tartarus, mo fie die Verdammten quälten , und 
unter andern bergeftalt mit ihren Schlangenpeitfchen auf 
fie zufchlugen, daß man es weit bören fonnte. Sie wa— 
ven daher auch alkezeit nüchtern , um Jupiters Befehle und 
Rache augenblicklich ausüben zu Fünnen. Cie werden ge 
bildet als fürchterlich ausjehende Weibsperfonen mir Schlan« 
gen um den Kopf, flatt der Haare — mit einer brennen- 
den Fackel in der einen Hand, und in der andein mit 
einer Peitſche von Schlangen. 


— RA ENELETELEER 


9. 
Gutherzige Leichtglaͤubigkeit. 


As durch eigenes Verſchulden, durch Unvorfichtigkeit, 
Einfall und Keichigiaubigfeit Fann der Menſch in manchers 
ley Unglück, Angſt und Elend gerathen. 

Ein thaldäifher Bauer führte eine Ziege nach der 
Stadt Bagdad, Er ritte auf einem Efel, und die Ziege 
folgte ihm mit einer Schelle an. ihrem Halſe. ch werde, 
fagte er ben fich ſelbſt, dieſes Thier für dreykig Silber⸗ 
ftüce verkaufen: Für dieß kann ich mir einen neuen Zur: 
ban und ein ſchoͤnes Kleid son Taffent Kaufen, das ich mit 
einem purpurnen Guͤrtel von Seide binden will. Dann 
werden die dungen Schönen mic) freundlich anlaͤcheln, und 
ich der huͤbſchſte Mann in der Moſchee feyn: 

Indem der Bauer im Geifte fein kuͤnftiges Gluͤck ſchon 


borher ſchmeckte, verabredeten ſich brey liſtige Diebe, ihn 
um 





Hiob. 675 


um ſeinen gegenwaͤrtigen Schaz zu bringen. Da er ſehr 
langſam ritte, fo band einer von ihnen der Ziege die Schel—⸗ 
le ab, beveftigte fie unvermerkt an den Schwanz des Eſels, 
und führte feinen Raub fort. Der Mann, der inner 
noch auf feinem Efel die Schelle hörte, fuhr ohne den 
geringften Verdacht feines erlittenen Verluſtes fort, jeir 
nem Gluͤcke nachzudenken. Da er indeflen ein Weilchen 
darnach feinen Kopf umdrehete, fah er mit Schmerz und 
Erfiaunen, daß das Thier fort war, welches einen geofs 
fen Theil feines Reichthums ausmachte. Er forjchte hiers 
auf bey iedem Neifenden, den er begegnete, mit der größten 
Yengftlichfeit, ob er nicht feine Ziege gefehen hätte? 

Der zweyte Dieb redete ihm an, und ſagte: Se ig, 
eben habe ich dort drüben im Selde einen Dann mit ber 
größten Eile eine Ziege vor fi her treiben fehen. Der 
Bauer flieg geſchwind ab, und bat den gefälligen Fremb⸗ 
ling, doch ein wenig feinen Efel zu halten, damit cr Zeit 
gewaͤnne, den Dieb einzuholen. Kr trar feinen Lauf an, 
und nachdem er vergebens die Gegend durchſtrichen, bie 
man ihm angemwiefen, Fam er müde und odemlos an den 
Ort zurüd, wo er ihn angetreten hatte: Hier fand er 
aber weder den Efel, noch den betrügerifchen Anzeiger, 
deſſen Fürforge er ihn andertrauet hatte, 

Da er nun ganz traurig vor ſich weg gieng, von 
Echaam, Unruhe und Verdruß niedergebeugt,; zog das Tau: 
te Klaggefchrey eines Mannes, der an einen Teiche faß, 
feine Aufmerffamteit auf fih. Er gieng von der Straße 
ab, um mit feinem weinenden Bruder zu weiten; erzehl⸗ 
te ihm fein eigen Ungluͤck, und fragte; was er für Urſache 
zu dem heftigen Schmerz habe, der ihn ganz jü — 
cken ſchien. Ach! ſagte der Mann, mit bem klaͤglich— 
Tone von bes Welt; als ich mich bier herſezte, üum zu 

trinken 


676 Vier und. deeyßigfe Tafel. 


trinken , ließ ich ein SKäftchen sol Diamanten in dag 
Waſſer fallen, dag ich dem Califen in Bagdad überbringen 
follte; und ganz gewiß wird es mir das Leben Folien , weil 
man den Argwohn haben mird, daß ich einen fo großen 
Schaz entwendet Habe. Warum foringe She denn nicht in 
den Teich, und ſucht dag Kaͤſtchen heraus zu bringen, ber: 
fezte der Bauer, voll Erſtaunen über die Dummheit feineg 
neuen Bekannten. Weil es tief ift, erwiederte der Mann, 
und ich weder tauchen noch fchwimmen fann. Aber wenn 


Ihr mir den Gefallen erweifen, und es ſtatt meiner über- 


nehnten wollt, fo will ich euch dreyßig Silberftücfe geben. 
Der Bauer übernahm den Auftrag mit Frohlocken, und ers 
goß feine Seele in Danffagungen an den heiligen Prophe— 
ten für diefe fo willfommene Hülfe, mährend daß er fein 
Dberkleid, Weltsund Pantoffel auszog. Aber in dem Aus 
genblick, da er in das Waffer fprang, das angezeigte Kart 
chen zu fichen, nahm der Mann (der einer von den drei 
Spijbuben war, die den Anfchlag gefaßt hatten, ihn zu bes 
fiehlen) feine Kleider, und brachte fie zu feinen Kameraden 
in Sicherheit. . 5 | 

So ward der unglücliche Chaldäer aus Unvorfichtig- 
feit, Einfalt und Leichigläubigfeit um feine ganze Feine Has 
be gebracht. Er eilte zuruͤck nad) feiner Hütte, und hatte 
nichts weiter übrig , feine Blöße zu bedecken, als einen zer⸗ 
lumpten Sittel, den er auf der Straße burgte. 


[7 
* 


Fuͤnf 





un und d örenfigte TAN 





I. 
Die Geburt Chriſti. 

A⸗ Zerodes der Große über das iuͤdiſche Volk Koͤnig 

war, wurde Chriſtus zu Bethlehem gebohren, 
Dieſe große, aller Welt heilſame Begebenheit trug fich zu 
um das Jahr von Erfehaffung der Welt 4000, — 1506 
Sabre nach dem Ausgange der Sinder Iſrael aus Egypten, 
und uber 500 Jahre nach der babylonifchen Gejangenfchaft: 
Schon Jahrtauſende vorher wurde diefe große wundervolle 
Erfcheinung, die fichtbare Erfchemung Gottes auf Erden — 
und fein Wandel als Menſch und Menfchen » Netter dert 
Voͤlkern, und insbefondere dem iuͤdiſchen Volke verheiffen. = 
Endlich gieng diefe große Verheiſſung in ihre Erfüllung. 

Ehe aber diefer erhabene Wohlthäter der Menschen 
im iuͤdiſchen Lande auftrat, wurde Johannes der Täufer 
und Vorläufer Ehrifti gebohren — der Morgenſtern, 
der der Sonne baldige Ankunft verkuͤndigte — Mit der 
Geburt beffelben befam fein Vater Zacharias die Sprache 
wieder, die er verlohr, da er dem Engel, ber ihm diefe 
Geburt feines Sohnes anzeigte, nicht glauben wollte. Ein 
halbes Fahr darauf erfchien der nehmliche Engel Gabriel 
der ſtillen, frommen Jungfrau Maͤria, von welcher der 
Sohn Gottes , der Meflins und Weltheilaud gebohren 
werden follte (b). Er fagie ihr, daß fie die gluͤcklichſte 


unter allen Weibsperfonen ſeyn, und auf eine uͤbernatuͤr⸗ 


liche Weiſe einen Sohn gebähren , und denfelben Jeſus, 
Bi Heilandy 





638 Fuͤnf und dreyßigſte Tafel. 


Heiland , nennen folltee Maria erflaunte über dieſe 
Nachricht, — erhub ven Herrn — freute fich ihres Jeſus — 
und ergab fich in allen dem göttlichen Willen. 

Diefe holdfelige und gebenedeyte hatte fich eben 
damals mit einem rechtichaffenen, froumen Manne verfsro- 
“chen, ber Joſeph hieß — ein geringer Handwerfsmanny 
ein Zimmermann, der aber doch, wie Wisria , feine Bere 
lobte, vom Könige David abſtammte. Auch ihm zeigfe der 
Engel diefe große Gnade Gottes. an, und er freuete fich mit 
Maria, daß Gott fie gewürdiget hatte, vie Mutier des 
göttlichen Meflias zu fenn. 

Beyde wohnten zu Nazareth, einer kleinen Stadt in 
Galiläe , welches eine große Landſchaft, in Palaͤſtina, 
dem gelobten Kande, war. Über der Heiland follte nicht 
bier, fondern zu Bethlehem gebohren werden. In dieſer 
Stadt, welche auch die Stadt David hieß, mußten eben 
damals, da die Zeit der Geburt Chrifti herbey Fam, Maria 
und Sofeph fich einftellen. Denn Auguſtus, damaliger 
roͤmiſcher Kaiſer, der zugleich die höchfte Obrigkeit über 
das iudifche Land war, befahl, daß ale Einwohner veffel« 
ben , ein ieder an dem Drte, wo feine Samilie herſtammte, 
follte aufgefchrieben, und ihre Anzahl, Vermoͤgen u. f. m. 
berechnet werden. Weil nun Joſeph und Maria von dem 
&efchlechte David waren, fo mußten fie nach Bethlehem 
reifen — da ward Jeſus gebohren ! 

Nach feiner Geburt wurde er, mie ein anders Find, 
in Windeln eingewunden, aber anftatt in eine Wiege, nur 
in eine Rrippe gelegt (a) Denn Maria und Joſeph 
mußten aus Mangel einer beſſern Herberge, (welche alle 
damals mit vielen Seuten befezt waren) mit einem Stafe 
oder einer Hirtenhoͤhle vorlieb nehmen. Sie waren am — . 
wären fie reich getwefen , fo wuͤrde man ihnen in der 
Herberge fchon Plaz gemacht haben, — Aber unfer Heiland 

ſollte 








Die Geburt Chriſti. 679 


ſollte von feine Geburt an big in den Tod arm ſeyn — 
uns zu lehrem, daß Reichthum uns Gott nicht angenehmer 
macht, und Daß auch der aͤrmſte Menfch Gott dem Herrn 
wohlgefaͤllt, wenn er fromm ift, und recht thut. 

Daher vernahmen auch die erfte Nachricht von diefer 
merkwürdigen Begebenheit nicht die Neichen und Vornehmen 
zu Bethlehem, fondern gecinge arme Hirten, die in iener 
Nacht ihre Heerden auf dem Felde huͤteten. Ploͤzlich ward 
es vom Himmel herab aufferordentlich heiter, und fie ſahen 
einen Engel Eo tes über innen Ichweben. (ce), Sie er: 
fchracfen — der Engl aber fprach ihnen Muth ein — fie 
ſollten fih freuen, der Heiland fey gebobren — fie Toll: 
ten nur hingegen nach Beiylehem — in der Krippe liegend 
werden fie ihn finden — den verheiffenen Konig und Troͤ— 
fier, — Zugleich ſtimmten ganze Echaaven von Engeln das 
Loblied an: Ehre fey Gott in der Höhe, Sriede auf 
fErden, und den Menſchen ein Wohlgefallen! 

Die Nieten eilien, ſich von der Wahrheit dieſer trsft- 
lichen Geſchichte zu überzeugen — fie famen nach Betkles 
hen, an den von den Engeln ihnen angezeigten Ort — 
fanden das Kind, den Meffias — und Joſeph und Maria 
bey demfelben (a) froh und lobfingend — und redeten vor 
diefer Gefchichte, und lobten und dankten Gott mit allen 
Frommen in Iſrael, daß er erfchienen ift der gerechte = 
der längfi erwartete Helfer! 

O ſey mit dankerfuͤllter Bruſt 

Geprieſen, großer Retter! 

Du! Erſter Bruder! Hoͤchſte Luſt! 

Herr ! Mittler! Heil! Vertretter! 

Unendlich mehr haft bu gethan, 

Als Menſchen Sinn ie faſſen kaun = 

Anbetung dir, und Liebe! 

333 Huf, 


680 Fünf und dreyßigſte Tafel. 


Hilf, Gottesktud! Here Jeſus Chrift 
Daß wir die Tugend lernen; 
Bon den, was uns Verderben ift, 
Uns ewiglich entfernen — » 
Daß wir von Furt, von Bosheit rein, 
Dir , Beſter! Befter ! aͤhnlich feyn 
An Weisheit, Kraft md Güte ! 








\ 2: | 
Das heiltge Haus zu Loretto. 


Sg ie italienifche Stadt Loretto, welche im päpftlichen 
Gebiete , nicht weit von dem adriatifchen Meere auf einen 
Hügel liegt , ift wegen des in der Domkirche dafelbft fie- 
henden heiligen Hauſes (la Cafa Santa), und der beruͤhm⸗ 
ten Wallfarth dahin, befonders merkwürdig. 

Dieß heilige, von Leimen erbaute, Eleine Haus ſoll 
eben das Zimmer feyn, in welchem die heilige Mutter 
Gottes gebohren , und von dem Engel Gabriel befücht 
wurde. Mean fagt, daß daffelbe im Sjahre 1291, durch einen 
Engel, von Nazareth nad) Dalmatien, und ohngefehr drey 
Jahre hernach, in diefe Gegend gebracht, auch dafelbft auf 
ein Feld gefezt worden ſey. Es befieht daffelbe aus einer 
einzigen, 40 Schuhe langen , und 20 Schuhe breiten, und 
eben fo hohen Kammer. Die Mauern find ohngefehr 2 
Schuhe dick, und von gemeinen Steinen unfoͤrmlich zufams 
mengefejt. Der Boden iſt nun mit rothen und weiſſen 
Marmor gepflaftert , und die Balfen, morauf das Dach 
ruhet, mit filbeenen Bleche überzogen. Die Dede ift mit 
himmelblauer Farbe gezieret, uno mit goldenen Sternen 
bemahlet. In der einen Wand fieht man noch das Fenſter, 

durch 








Die Geburt Chriſti. 681 


durch welches ‘der Engel Gabriel zus Maria Fam, da er 
ihr die Geburt Jeſu verfündigte. Anfangs war nur eine 
einzige Fleine Thür, durch weiche man hinein gehen founte; 
allein, wegen der häuffigen Pilgrime, wurde biefelbe ver- 
mauref, und drey neue gemacht. 

Ben dem erſten Eintritt in dieß heilige „aus erblickt 
man dag Bild der Mutter Gottes, welches obngefehr 
jwen Ellen hoc) ift, und von dem Evangeliften Lucas aus 
Cedernholz fol verfertiget worden feyn.- Auf ihrem linken 
Arme ruhet das Iefus: Rind, fo in der Linfen die Welt 
fugel Hält, und in der Kechten die Finger zum Gegen aufs 
hebt. Die Farbe diefes Bildes iſt filbern, wiewohl fie 
bereits durch den Dampf der vielen Fichter ziemlich verduns- 
felt ift, Des Bildes Haupt ift mit einer dreyfachen golde- 
nen, mis Diamanten beſezten Krone gezieret, und der übrige 
Theil auf das prächtigfte bekleidet. Vor dieſem Bilde hän« 
gen unzehliche goldene und filberne Lampen und Leuchter. 
Die Wände find mit goldenen Tafeln bevedet — und foll 
der Altar in diefer Kapelle von den Apofteln felbit mit eiges 
nen Händen verfertiget worden feyn , und auf demfelben 
Petrus die erfte Meſſe gelefen haben. 

Neberhaupt befindet fich dafelbft ein unglaublicher 
Schaz, der durch die Freygebigkeit der Pilgrime und hoher 
Potentaten nach und nach gefanımlet worden , und noch 
immer vermehret wird. Schon im Sabre 1400 wurde der: 
felbe auf 600000 Ducaten gefchäjt, indem‘ ganz goldene 
und filberne Statuen, goldene Gefäße, Ringe, Perlen und 
Kleidungen von unfchazbaren Werthe von Zeit zu Zeit zur 
Berherrlihung diefes Heiligthums gefliftet wurden. 

Nings herum ift dieſes heilige Haus mit Wänden von 
Marmor eingefaßt, zur ewigen Dauer deſſelben. Die meis 
ften Pilgeime kommen am Fefte der Geburt Maris dahin, 
um welche Zeit auch die berühmte Meffe zu Recanati ein- 

343 faͤllt, 





683 Zuͤnf und dreyßigfie Tafel. 


fallt, welche Stadt mit ber Stadt Loretto Einen Biſchoff 
bat. 

Auf der Tafel ſtehet man die vier Wände des heiligen 
Hauſes, nehmlid : die Mitternashtferte (a), die Mittag» 
feite (b), die Abendfeite (ce), die Morgenſeite (d ); Fer 
ner : das Marienbild (e); und das Fenfler (F), durch 
welches der Engel Gabriel zur Maria fan, 


3. 
Roͤmiſche Geſchichte. 


Mom wurde um das Jahr der Welt 3231 von Romulus 
und Remus (Tab. IV, 3), die von den Koͤnigen zu Alba 
in Stalien, wie diefe von den Troianern abflammfen, zuerſt 
angelegt; umd anfangs als ein fehr Fleines Neich, von eben 
ſo kleinen Königen beberrichet. Aomulus war der erfie — 
nach ihm kamen noch fechfe , unter denen Numa, und 
Terquin , der lezte umier diefen Königen, berühmt find. 
Sener, weil er den Nömern allerley gute Geſeze gab, und 
dabey verficherte , daß er dieſelbe von einer Goͤttin, mit 
melcher er fich oͤfters im Walde unterredete (a), erhalten 
habe. Diefer, nehmlich Targuin , wurde wegen feines 
Stolges, nom Throne geſtoſſen, und aus Nom vertrieben. 
Darauf erwehlten die Roͤmes, 244 Jahre nach Erbauung 
ihrer Stadt, Lonfules oder Burgermeiſter, on die 
Stelle der Könige. Es regierten allezeit zwey ein Jahr 
fang; aber in aufferordenilichen Fallen wehlten fie einen 
Dictator, welcher mehr Gewalt als die Bürgermeifter 
hatte, aber eben deßiwegen nur 6 Monathe fein Amt behab 
ten burfte, Statt ger Bürgermeifter regjerten hierauf einige 
"ahre hinter einundeg Tribunen mit Burgermeifterlicher 
Gewalt, 








- Die Geburt Ehrifi. 633 


Gewalt. Andere Dbrigfeitsperfonen hieſſen: Prätores, 
vder Stadtrichter, Cenfores, oder Sittenrichter, Aediles, 
oder Banmeifer, Guaͤſtores, oder Kriegszahlmeifter und 
Tribuni Plebis, oder Diertelgmeifter , welche die Vor— 
theile des gemeinen Bürgerffandes beforgen mußten. Als 
Rom 366 Jahre geftanden haette, wurde es von ben Senor 
nen, einer fremden Nation aus Gallien, oder dem iezigen 
Frankreich eingenommen und zerſtoͤrt. Camillus aber, ein 
Feldherr, den die Roͤmer Fur; zuvor verwiefen haften, 
fan mit einem benachbarten Volke feinem Baterlande zu 
Huͤlfe, und befteyete nicht allein feine Landsleute, die auf 
dem Bapitole oder Schloffe belagert wurden , fondern 
nischte auch, daß die Stadt aufs neue erbauet wurde, 
Sodann hat Kom mit den Cartbaginienfern, die in Africa 
waren, den dreyfachen Punifchen Krieg geführt, welcher 
wegen der Landfchaft Sicilien feinen Anfang nahm. In dies 
fem dreyfachen Kriege hat fich befonders Aannibal berühmt 
gemacht, und die Roͤmer fehr geängfliger. Lin Roͤmer 
eber, Duintus Fabius, that ihm durch vorfihtiges Zau⸗ 
dern Einhalt, und wurde deswegen der Zauderer- genens 
net. Neben ihm find noch. zwey Scipionen durch diefen 
Krieg bekannt worden, welche beyde den Zunahmen, der 
Afvicaner , erhielten ; der erſte, weil er den Krieg aus 
Italien nach Africa brachte, und der andere, weil er die 
Stadt Carthago zerftörte. Nachdem die Römer diefen Feind 
fih vom Halſe gejchaft hatten, fo führten fie nadı diefem 
viele glücfliche Kriege , und eroberten ein Land nach dem 
andern. 

Mie fie von den auswärtigen Feinden- nichts mehr zw 
befürchten hatten, und an Macht und Reichthum groß wurs 
den, fo erhuben fich unter ihnen felbft Bartheyen und in— 
nerliche Seiege. Die Dberhäupter derfelben waren etliche 
sornehme Herren , welche den Namen Triumviri annah⸗ 

* 334 Mei, 





634 Fünf und dreyßigſte Tafel. 


men, endlich aber uneins wurden, und ihr Vaterland durch 
Kriege zerfiörten. Die eriten Triumviri waren Sylla, 
dinna und Marius, Mmorunter der erfie die Oberhand 
behielt, doch aber den Staat bey feiner Freyheit ließ. Die 
zweyten waren, Lalar, Dompeius und Erafius. Der 
lezte wurde-in dem Kriege wider die Parther erfchlagen. 
Pompeius aber wurde von dem Caͤſar, in den Pharſali— 
fiben Seldern in Theffalien gefchlagen , und auf feiner 
Flucht nad) Eghpten auf dem Meere meuchelmoͤrderiſch von 
Egyptern ermordet. Worauf Caͤſar die Dberherrfchaft bes 
Fam und nicht wieder abgeben wollte, endlich aber auf dent 
Rathhauſe mit 23 Stichen ermordet wurde (b), wobey 
Brutus und Caſſius die vornehmften waren. Nach Cafarg 
Tode wurde das dritte Triumvirat von dem Octavius, 
Antonius und Kepidus errichtet ; worunter der leste bald 
auf die Seite gefchafft wurde; die erfien beyden aber bey 
Actium in Öriechenland eine Seeſchlacht lieferten. Das 
zinnen wurde Antonius gefchlagen, welcher fich zu der 
Königin Cleopatra in Egypten flächtefe. Er heirathete 
fie — und entleibte fich felbfl. Octavius aber eroberte 
Egypien, und nahm die Cleopafra gefangen, die fich durch 
Schlangen an der Bruſt dag Leben nahm, weil fie nicht im 
Triumphe von ihrem Ueberwinder nach Nom geführt wer— 
den wollte. Unter diefem Detaviug, der hernach Auguftus 
genennet wurde, und vornehmlich für den Stifter der 
zömifchen Monacchie angefeben werden mag , verlohr Nom 
gänzlich die Sreyheit, und befam Aaifer zu DOberherren. 
Etliche Jahrhunderte nach einander regierten die Kai— 
fer zu Rom. Aber Lonftentin der Große, der erffe 
chriſtliche Kaifer verlegte feinen Siz nach Konftantinopel , 
and ſchwaͤchte dadurch ſchon Pie Örenzen feines Reiches auf 
der Seite gegen Abend, daß bie fremden Nationen deſto 
Jeichier einfallen Fonnten,  Dtefes gefchahe im Anfange des 
vierten 


nu 


Die Geburt Chrifti. 685 


vierfen Jahrhunderts; ımd am Eande deſſelben theilte es 
Theodoſius der Große zwifchen feine Söhne, aljo, daß 
Arkadius das morgenlaͤndiſche oder griechiſche, und Ho⸗ 


norius dag abendlaͤndiſche oder roͤmiſche Kaiſerthum 


befam. Zu ienem gehoͤrten dag ganze vordere Aſien, Sy⸗ 
rien, Egypien, Lybien, Griechenland, und die über Gries 
henland und der Donau gelegene Länder. Dieſes Kaifer- 
thum blieb einige Jahrhunderte in guten Anſehen, ſchwaͤch— 
te fich aber immer mehr durch Empoͤrungen, Neligisusfpals 
fingen und andere inneriiche Unruhen, bey welchen auch 
die Einfälle der Hninen, Saracenen oder Araber, und der 
Türken, ihm großen Schaden zufuͤgten, welche leztere eg 
endlich, im Fahre 1459 ganz zu Grunde richteten. Zum 
adendländifchen Kaiſerthume gehsreten: ganz Stalin, Spas 
nien, Öallien, Britannien, Deuifchland und die africanis 
ſche Küfte gegen Abend zu. Allein die fchlechte Regierung 
der Kaiſer, febr ſchwacher Herren, von welhen Romus 
lus Momyllus Auguftus der lezte war ; und die Einfälle 7 
und Wanderungen der nordifchen, vornehmlich deuffchen 
Voͤlker, machten diefem Neiche gar bald ein Ende. 


Heberhaupt kann die Gefchichte der romifchen Kaifer in 
neun Perioden abgetheilt werden; Sie find 

1, Die Zeit der heidnifchen Raifer, von Fahre ber 
Welt 3973 bis zu dem Jahre Chriſti 306, Unter diefen Kais 
fern war Auguſtus der größte Eroberer, Nero der graus 
famfte Tirann, Traian aber der Defle, unter deffen vor« 
frefflicher und glücklicher Regierung dag roͤmiſche Neich den 
größten Umfang hatte. Er übergab, beym Antritt feiner 
Regierung, feinem Obermarſchall ein bloffes Schwerdt mit 
ben Worten; wenn ich gut regiere, fo gebrauche diefeg 
Schwerdt für mich, wenn ich aber böfe regiere, wieder 
mich (d). 
335 2, Die 





636 Fünf und dreyßigſte Tafel. 


2. Die Zeit der erſten chriſtlichen Kaiſer, von 306, 
bis 476. Unter denfelben ift Lonftantin der Große, der 
beruͤhmteſte. Er fol einft in einer Schlacht ein helles Kreuz 
mit den Worten, in diefem ſollſt du fiegen, gefeben has 
ben (ec), welches ihm in feinem Chriſtenthume noch mehr 
bevefligte. 

3. Die Zeit ber Barbaren, welche ſich der Länder bes 
esmifchen Reichs im Occident bemächtigten, von 476, big 
800. Diefe fogenannten barbarifchen Völker waren: Die 
Heruler, die Oſtgothen, die Longoberden. 

4. Die Zeit der carolingiſchen Reifer, von 800, big 
912; unter welchen Carl der Große zuerſt wieder ben Fais 
ferlihen Titel annahm, und nicht nur Stalin, ſondern 
auch Sranfreih, Spanien, Dentihland, Böhmen, und 
wiele andere Länder inne hatte, auch allenthalben dag Chri— 
ſtenthum und gute Ordnung einführte. 

5, Die Zeit der ſaͤchſiſchen und fränfifchen Raifer, 
won 912, bis 1138. Inter denfelben war, vor allen, „eins 
rich der Vogelfteller berühmt, welcher viele Staͤdte ane 
legte, und andere guie Einrichkungen in Deutfchland machte, 

6. Die Zeit der ſchwaͤbiſchen Raifer, und des grofe 
fen Interregnum oder Zwifihen- Reiche, von 1138, bie 
12735 zu welcher Zeit fich vornehmlich Friedrich der Roth⸗ 
bart merfwärdig machte, 

7. Die Zeit der Raifer aus verfchiedenen Häuffern, 
won 1273, big 1438. Rudolph, von Habsburg, einem 
Schloße in der Schweiz, war der erſte derielben, ber 
Stammpater der nachmaligen sfterreichifchen Kaifer, 

8. Die Zeit dee oͤſterreichiſchen Kaiſer, von 1438, 
Bis 1740; unter denen Carl der fünfte und 8er fechfte, 
Jerdinand der zweyte und der dritte, und Leopold der 


Sroße am merkwuͤrdigſten find. 
9. Die 


—— 


Die Geburt Chriſti. 687 


9. Die Seit der drey neueſten Raiſer, von 1740 bis 
auf gegenwaͤrtige Zeiten. Ihre Namen ſind im Himmel und 
in den Herzen ihrer Voͤlker ein Heiligthum — Carl der fies 
bente, Srancifeus, und feine Gemahlin, die unflerbliche 
Maris Therefia — und Joſeph der zweyte — ein 
Licht, zu erleudten die Volker — 





4. 


Empfindungen der Freundſchaft und der Liebe, | 
bey der Ankunft der Geliebten, 
Elementarwm. Tab, XVIU, 4. 


— Mann in Reiſekleidern kam von einer Reiſe nach 
Haufe, und zwar unvermuthet — Traurig und aͤrtlich war 
der Abfchied geweſen von jeiner geliebten Ehegattin, von 
ſeinem kleinen wohlgerathenen Sohne und von ſeiner ver— 
ehrungswuͤrdigen alten Mutter; aber deſto erfreulicher war 
bie Zuruͤckkunft. Der Knabe hatte den Vater zuerſt geſe⸗ 
hen, warf Steckenpferd und Peitſche an die Erde, und 
lief dem herzlichgeliebten Vater in die Arme. Geht, mit 
welchen Freuden die redliche Frau dem Manne entgegen 
eilt, und die Arme offen haͤlt, ihn zu empfangen. Die 
gebrechliche alte Mutter kann es nicht erwarten, bis der 
Sohn ſich naht. Sie ſtuͤzt ſich auf ihre Kruͤcke, um 
einen halben Schritt naͤher zu ſeyn. O Liebe, Liebe! 
Freundſchaft, Freundſchaft! Du biſt die edelſte Neigung, 
die vollkommenſte Gluͤckſeligkeit der Menſchen auf Erden! 
Aber, leider! es iſt auch zuweilen Feindſchaft unter den 
Menſchen. Der Mann, der ſich mit verdrießlichen Mie— 
nen auf ben Lehnſtuhl fit, ſcheint ein Feiad deſſen zu 

ſehn/ 





6. Sinfund dreyßigſte Tafel. 


fenn, der nah Haufe gefommen ift, und fi) darüber zu 
betrüben. Binder, haft Niemanden! Haß iſt euze eis 
gene Quaal, und zeist andere euch gleichfals zu haſſen. 
Hüter euch , Jemanden zu beleidigen, oder ihm Argwohn 


zu geben, daß ihr es gethan habt, oder thun wollt. 
Merkt ihre etwas Haß im euch gegen Andere, oder in An-⸗ 


dern gegen euch; fo reißt dag iunge Unkraut aus, damit es 
den guten Samen nicht erſticke, woraus eure Gläckfelig- 
feit wachfen wird. Schonet der Schwachen, weichet dem 
Starken ; feyd nicht argwoͤhniſch; vergebt gern den Feh— 
ler, welcher den Beleidiger gereut, — So wird der Haß 
und die gegenfeitige Teindfchaft, welche die Plage fo vieler 
Menfchen find, fern von euch bleiben ! 


Liebet Gott und feinen Sohn! Sreuet euch feiner 
Ankunft — Seiner Geburt — einer Lehren — Geis 
ner Liebe — fo werdet ihr fühlen, daß Menſchen eure 
Hrüder find — daß Mitfreude, NMitleiden, Dienfifer: 
tigPeit und iede Tugend ein Himmelreich ift. 








a 


5. 
Die Sonne, Die Tageszeiten. 


WRIRSIE 


„N, Sonne (A), iener große maieftätifche Weltkoͤrper, 
iene vortreffliche Feuerkugel, ift fchon feit ſechs faufend 
Sahren, der Mittelpunkt unfers Weltſyſtems — der Wohl- 
thäter des Erdbodens — die Duelle alles Lichts, aller 
Waͤrme, aller gefegneten Veränderungen durch alle Tas 
ges⸗ und Jahreszeiten — ber Uriprung unzehlicher Freu— 
den. — : 


Welche 


— — Willen "oe 


Die Geburt Chriſti. 689 


Welche Sinfterniß würde nicht auf dem Erdboden herr- 
fchen , wenn wir das Sonnenlicht entbehren müßten! Und 
wie unmwirthbar würde diefe Finfternig die Erde, und wie 
fraurig und unthaͤtig die meiſten lebendigen Gefchöpfe mas 
chen. Alle Thiere werden durch den Anblick dieſes Lichtes 
erfreuet, und die Menschen felbft fühlen, daß fich in ih— 
rem Herzen eine neue Duelle zur Luft öffnet, wenn fie den 
Strahl der Morgenfonne und das ei des BR Himmels 
empfinden. 


Es gefchahe nicht umfonft, daß fo viele abgoͤttiſche 
Voͤlker die Sonne anbeteten. Leuten, die feine höhere 
Weisheit erleuchtete, als die fie aus der Empfindung ber 
inne hatten, kann man es vergeben, daß fie die Vergöt- 
terung mit in ihre Danfbarfeit mifchten, wenn fie diefes 
maieftätifche Feuer alle Drorgen aus den Wellen des Mee- 
res herauffteigen fahen, ihre Gefiide und Wohnungen zu 
erleuchten, und Freude und Wolluſt in ihre Seelenzu er 
Sieffen. Hier Feimte dag frifche Gras — dort fenfte fi 
son fruchtbarer Laft der ſchwache Halm der fchweren Kom: 
ähre — dort färbten fich der Sonne gegen über die Fruͤch⸗ 
te der Gärten, und zeigten ihre fhönfte Seite; dort blühes 
ten die Blumen und grüneten die Wiefen. — Die Sonne 
zieht den Regen zuſammen, menn e8 nöthig ift — trock— 
net die Feuchtigkeit wieder aus, welche die Gewaͤchſe er: 
fäufen koͤnnte. Sie entzündet die Gewitterwolken, daß 
fie den flüßigen Dünger auf dag Land herabfchieffen mit 
fen, der deffen verlohrne Kräfte wieder erfest. — Sie ers 
quicket die ganze Natur — ingbefondere wenn fie im Früh: 
linge mit ihren ermwärmenden Strahlen wieder kommt — 
wie froh wird dann der Menfch nach tberfiandenen Win: 
ter ! Und wie leicht konnte nicht ein dankbarer Heide, der 
es für Fein Verbrechen hielt, fich Goͤtter zumachen, ein fo 

praͤch⸗ 





690 Fuͤnf und dreygiafte Tafel. 


prächtiges und mwohlthätiges Wefen, als die Sonne iſt, fei- 
ner Anbetung würdig halten ? 


ber was ift diefes für ein Weſen? Wie groß ift 
ed ? Mie weit iſt es von uns entfernt ? Und woraus bes 
fienet es ? 


Die Meßkuͤnſtler haben zuwerläffige Mittel, Körper‘ 
auszumeſſen, zu denen fie nicht kommen koͤnnen. Durch 
dieſelben haben fie gefunden, daß die Sonne beynahe neun—⸗ 
zehn Millionen Meilen von uns entfernet if. Eine ſchreck⸗ 
licye Weite, die ich kaum denfen und noch weniger begreifen 
laͤſſet! Eine Kugel, die aus einer Kanone gejchöffen 
wird, Fann in eier Minute beynahe zwey deutſche Heilen 
zurüce legen, welches auf eine Stunde 108, und in einem 
Sabre 946080 beutrche Dreilen betragt. Nehmen wir nun 
an, daß cine Kanonentugel in diefer Geſchwindigkeit ihren 
Lauf bis zur Sonne fortfegen Eönnfe, fo wurde fie beys 
nahe zwanzig Jahre brauchen, ehe fie in derfelben anlangen 
wuͤrde. 

Bey dieſer ungeheuren Entfernung wuͤrde uns die 
Sonne ſehr klein vorkommen, wenn fie nicht ein fo unbe— 
greiflich großer Körper wäre, Denn es iſt erwieſen, daß 
fie beynahe ein Millionenmal groͤßer iſt, als unſre Erde, 
Wir wiſſen ferner, daß ſie die Quelle alles Lichtes und alles 
Feuers iſt, welches die Erde und die übrigen Planeten 
erleuchtet und erwärmet. Wir mwilfen, daß die Materie, 
moraus fie gebildet iſt, nicht aus Inufee Ähnlichen Theilen 
beitchet, meil man öfters ſchwarze Flecken in berjelben 
wahrnimmt, davon einige verſchwinden, ehe fie noch ihre 
ganze Oberfläche durchlaufen haben. Wenn man diefe Zle— 
cken mit bloffen Augen betrachten will, darf man nur durch 
ein Stück Zenfterglag, welches man über einen Talgiichte 

mit 





Die. Geburt Chrifti. 691 


mit Ruß ſchwarz anlaufen laſſen, in die Sonne ſehen, 
weil man alsdann von ihrem ſtarken Lichte nicht geblendet 
wird. Wir wiſſen ferner, daß dieſes Licht, welches die 
Sonne über die Erde und alle andere Planeten verbreitet, 
eine unbrgreifiiche Gefc;mwindigfeit hat, indem es den unge⸗ 
heuren Raum zwifchen ung und der Sonne in acht Minuten 
und dreyzehn Secunden zuruͤckleget, fo daß ein Lichtſtrahl 
in ieder Secunde 38000 deuifche Meilen durchlaufen muß. 
Und ieder Etrahl, den die Sonne auf die Erbe- fchießt, 
and der fo einfach zu ſeyn ſcheint, iſt von fieben andern zus 
farımengefezt, davon der eine roth, der andere pomerangengelb, 
der dritte gelb, der vierdte grän, der fünfte blau, der fechfte 
puepurroth, und der fiebente violet ift, umd deren Vermi⸗ 
fhung dieſe verfchiedene Farben unfern Augen entziehen, 
Ueberdies ift uns befannt , daß fh die Sonne um ihre 
Achfe drehet , und zu diefer Bewegung um ihre Achfe 25 
Zage und 6 Stunden braucht ; und daß fie nicht vollig 
rund, fondern an ihren Polen etwas eingedrucft iſt, mie 
alle Himmelskoͤrper, welche fih um fich ſelbſt herum bes 
wegen. 


Dieß ift das vornehmſte, was wir von biefer maie— 
fötifchen Feuerkugel wiſſen. Über, wie vieles bleibt ung 
noch unbefannt ! Mir Finnen nicht einmal ihren Anblie 
ertragen, und ihre innere Beſchaffenheit ift ung gänzlich 
unerforfchlich. Iſt fie eine Kugel, die ganz aus Feuer bes 
fiebt ? Was ift das für ein Feuer und Licht, das fie von 
ſich ausgehen laͤſſet? Wie kann dieſe Kugel fo mächtig 
und in fo weiter Entfernung wirken, daß uns ihre Strah— 
len in einer Weite von neunzehn Millionen Meilen noch oft 
fo unerträglich fallen ? Wie kommt es, daß fie feit ſechs⸗ 
faufend Jahren der Natur Licht und Hize gegeben, und fi) 
dennoch nicht verzehret hat? If ſie blos darum da, die 

dunke⸗ 





692 Fünf und dreyßigſte Tafel, 


dunkelern Weltförper zu erleuchten und zu erwärmen) über 
wird fie auch von Gefchöpfen bewohnet, von Geſchoͤpfen 
höherer Art, deren Natur dem feurigen Wefen dieſes Köre 
pers gemäß ift ? Alle diefe umd  taufend "andere Fragen 
laffen ſich nur durch Muthmaffungen beantworten , big eg 
dem Schöpfer dieſes maieftätifchen Himmelstsrpers vielleicht 
einmal gefallen wird , und auch in diefem Stuͤcke höhere 
Einfihten und fiefere Kenntniffe zu verleihen. - 

Die Sonne macht den Tag, und ıhre Entfernung die 
Nacht. Man fagt, es iſt Morgen, twean die Sonne nach 
den Begriffen der Unwiſſenden, aufgebt, und eg iſt Abend, 
wenn fie untergebt. Allein ganz anderſt verhält ſich vie 
Sache. (Tab. 1,5.) Wenn wir ung an der Grenze der 
finftern und erleuchteten Halbfugel der Erde befinden, und 
ung fofort immer weiter gegen Morgen, unter der Sonne 
hin drehen, fo haben wir Morgen (B, a.) — und fingen? 

Sey mir, o heitrer Morgen, gegrüßt! Komm, feige 

hernieder 
Bon den vergüldeten Höhn in wieder ermunterte Thaler! 
Eich’ die Blume richtet ſich aufs; voll bligenden Perlen 
Lacht fie fchöner umher, von deinen Stralen geörnet: 
Und indem die Muſik deg belebten Waldes erwachet, 
Dog du von Jubelgeſchrey und iauchzenden Choͤren be— 
gruͤßet — 
Durch den unendlichen Raum des weiten ätherifchen 
Reiches. — 

Um die Yrittaaszeit (b) haben wir die Hälfte unfers 
erleuchteten Weges zurückgelegt. 

Der feurige Mittag — Ihm glüht fein männliches 


h Antliz; 
Faͤchelnde Winde ſchwaͤrmen um ihn, und kuͤhlen die 
Wangen, 


Welche Milde beſeelt und himmliſches Lächeln erbeitert. 
i Som 


Die Geburt Chriſti. 693 


Ihm ruht im wohlthaͤtigen Arm ein goldenes Fuͤllhorn, 
Voll von Fruͤchten. Es harrt die Natur auf ſeine Ge— 
ſchenke; 
Und er ſchuͤttet mit Milde ſie aus fuͤr alle Geſchoͤpfe — 
Wenn es endlich Abend wird (c), dann ſtehen wir 
ebermal zwifchen der dunklen und erlcucyieien Halbfuge‘, — 
Der Abend — Aus feinen biumichtin Haaren, 
Aus dem friihen Gewand verbreiten fich ſtaͤrkre Gerüche, 
Balfamduftender Thau fleigt von den dunkleren Wiefen 
Lieblich Fühlend empor; und wie eim ruhiges Eden 
Lächelt die ganze Natur in ihrer neuen Erfrifchung. 
Endlich wälzen mir uns wieder in den Schatten zu— 
zäde, welcher Nacht beiſſet (d), und uns nicht cher 
verläffet ; als bis ſich unfer Gefichtsfreis hinter der Erde 
herum gedrehet hat, und nun wieder aufs neue erleuchtet 
wird. — 
Melancholiſche Stille begleitet von ſchwaͤrzeren E chat; 
ten, 
Schwebet über ber Welt. Tiefſchweigend lieget der Hin el 
Di in Wolken gehüllt und feyerlich harret die Erde. 
Sie erfcheint die heilige Nacht. — — — 


Und — geheiligt fey dir, Gott! mein Tester Gebaufe, - 


Wenn einft Schlummer des Todes mein brechendes Auge 
verdunfelt, 

Menn mich umgiebt die Nacht des Grabes und der Ver. 
wefung. 

Halleluiah! denn bald erfcheiner ein fchinerer Morgen 

Halleluiah! dann werd ich dir Lob, Allerherrlichſter! fin 
gen — 

Dunkel ift dann nicht mehr! In allen Bezirfen des 
Himmels ; 

Wird ein ewiger Tag ben ewig ©eeligen leuchten, 


Aca 6. 





634 Fünf und dreyßigſte Tafel. 











6, 
Eintheilung der Zeit. Der Kalender, 


Sons zur ordentlichen Verrichtung unferer Gefchäfte, 
alg auch zur Bemerkung der unter den Menfchen vorfallen« 
den Begebenheiten , ift es hoͤchſt nuͤzlich und nothwendig, 
die Zeit genau umd richtig einzutbeilen. Diefes aber ges 
fehiehet nad) dem Kaufe der Sonne und des Miondes, 
und zwar in Tage, Wochen, Monathe und Jahre. 

Ein Tag ift die Seit, wenn die Sonne dem Anfehen 
nach, einmal um die Erde herum kommt. &o lange fie 
über dem Horizonte, das ift, fo lange es helleift, heiſſet eg 
Tag, und wenn fie darunter, oder wenn es dunfel iſt, 
Nacht; zufammen, der bürgerliche Tag. 

Diefer Tag wird in 24 Iheile oder Stunden, iede 
von biefen in 60 Miinuten, und eine Minute in Ce Secuns 
den eingetheilt. _ Die vier Tageszeiten find : Morgen, 
Mittag, Abend, Mitternacht. 

Zu Eintheilung der Tage in Stunden hat man 
Sonnen : Wafler : Sand und Aäder » Uhren. Die 
meiften Europäer fangen die Stunden um Mitternacht zu 
zählen an. Sie zählen zwoͤlfe bis Mittag, fedann fangen 
fie wiederum an, und ;ählen bis Mitternacht eben fo viel. 
Die Staliener zählen vom Untergang der Sonne bis wieder 
dahin 24 Stunden. Die Juden zählten, als fie noch dag 
gelobte Land bewohnten, gleichfais nach Sonnenuntergange. 
Ber) ihrem Aufgang zahlien fie zwoͤlfe, und fodann fiengen 
fie von neuem an. Die Türken fangen eine Viertelfiunde 
nach Sonnenuntergang an zw zählen; im übrigen faft wie 


die Juden. 
Eine 





Die Geburt Chrifti. 695 


Bine Woche ift eine Zeit vom fieben Tagen. Cie 
beiffen bey une : Sonntag, von der Sonne; Montag, 
vom Monde ; Dienftag, oder Tuysteg von Tuifco , dem 
ältefien Goͤzen ind Siammpafer der Deuifchen ; Mitwoch, 
weil er der mittelfte Tag in der Woche ift, hieß auch ſonſt 
Wodenstag von Den oder Wodan, einer mitrernätlis 
chen heidniſchen Gottheit; Donnerstag, oder Thorstag, 
von dem alten Donnergott, Thor, alſo genannt; Freytag, 
von der Goͤttin Freya oder Sriga; Sonnabend , oder 
Samstag, Sotentag, von dem alien deutschen oft 
Satar oder Krodo (f. von diefen deutjchen Gottheiten Tab; 
1,8.) Dan giebt dieſen Wochentagen auch die Zeichen der 
Planeten, nehmlich, ©, d; 7, 8%, 4 2, +. Cum) 
find Bilder der Sonne und des Mondes; 7 ift dag Zeichen 
des Mars und bedeutet einen runden Schild mit einem das 
runter bervorgehenden Spieße; 2 Ioll einen Heroldg - oder 
Mercurius » Stab vorfiechen ; A ift dag Zeichen des eins 
fchlagenden Donners, oder des Blizes als des Sinnbildes 
des Jupiters; 2 flellet einen runden Spiegel mit einen 
Handgriffe vor, ein befanntes Werkzeug der Venus; ende 
lich muß man fi bey dem Zeichen 5 den Senfenftiel des 
Saturns gedenfen. (Dieſe Zeichen der Wochentage bezies 
ben fih auf die lateinische Benennung derfelben : Dies 
Solis, Kung, Yiartis, Mercurii, Jovis, Veneris 
und Saturni ) 

Monaͤthe, teorein das Jahr getheilet wird , find 
zwoͤlfe. Sie beiffen nach lateinischer und deutfcher Benens 
nung, wie felgt, und haben beyſtehende Zahl der Tage: 
i) Sanuarius, Tenner oder Wintermonatb 31 Tage: 
2) Sebruartus oder Hornung von dem alten Worte Hor, 
oder Dreck, weil denn der Schnee ſchon fehmilzt, 28 oder 
29 Tage. 3) Martius oder Kenzmonsth , 31 Tage 
4) Aprilis oder Oſtermonath, 30 Tage. 5) Majus 

Aaa2 oder 





636 6 Fünf und dreyßigſte Tafel 


oder Wonnemonath, 31 Tage. 6) Tunius, ober 
Brachmonathe, wo brachliegende oder gleichjam rubende 
Aecker von neuem bearbeitet zu, werden pflegen, 30 Tage. 
7) Julius oder Heumonath, 31 Tage. 8) Auguſtus 
oder Erndtemonatb, 31 Tege. 9) September oder 
Serbfimonatb , 30 Tage. 10) October oder Weinmo: 
nath , 31 Tage. 11) November oder Windmonatb, 
30 Tage. 12) December oder Chriſtmonath, 31 Tage. 

Vermuthlich Hat der Lauf des Mondes um bie Erbe 
zu diefer Eintheilung Gelegenheit gegeben. Es haben auch 
die alten Voͤlker Mondenmonathe gehabt , welche von 
einem Neumonde zum andern etwas über 29 Tage enthal⸗ 
ten. Man hat hernach bei iedem Monathe einige Tage 
zugeſezt, um ſie mit dem Laufe der Sonne zu vergleichen. 

Ein Sabr iſt eine Zeit von 12 Monathen oder 363 
Sagen. Ein fogenannter Schaltiahr aber, meldet alle 
vier Jahre fait, bat 366 Tage. Die Urſache der Schalt— 
iahre ift diefe : Nach dem Laufe der Sonne hat ein uhr 
6 Stunden über 365 Tage. Diefe 6 Stunden machen in 
vier Jahren 24, und alfo einen Tag, welcher im Hornung 
Des vierten Jahres eingefchaltet wird. Ein Mondeniahr 
hat zwölf Miondenmonstbe Sie waren ehemals bey 
den Juden, umd find noch bey den Tuͤrken gebraͤuchlich. 
Die Jahrszeiten find : Srübling, Sommer , Herbſt, 
Winter. Eine Zeit von 100 Jahren heißt man ein Jahr: 
Hundert oter Sreulum. 

Eine Epocde, oder der Anfang einer Zeitrechrung , 
wird meiftens von einer fehr wichtigen Begebenheit herges 
nommen. Dergleichen find: die iüdifche Rechnung von 
Erſchaffung der Welt, welche, nad den Neuern, 3983. 
Jahre por Chriſti Geburt anfängt; und die chriftliche Rech— 
nung, welche von dieſer Zeit der Geburs Chriſti angeht, 

und 





Die Geburt Ehrifti. 697 


und bis iezt fortdauret. So find ;. E, die vornehmfien 
Epochen: Jahrszahlen in dieſem Sabre 1) feit der Ges 
burt Chrifti 1782; 2) feit der Erfchaffung 57315, 3) nach 
der Erbauımg Noms, 2535; 4) nach Erfindung der Buch— 
drucheren 3425 5) nach dee Uebergabe der Augfp. Con— 
feffion 252; 6) nach dem Weſtphaͤliſchen Sriedensfchluffe 
1345 7) nach der Wahl und Kroͤnung des römischen Sri 
fers Joſephs IL, zum römifchen Könige 18 Jahre. Die 
Öriechen zählen vom Anfange der Olympiſchen Spiele, 
die Roͤmer von Erbauung der Stadt Nom, die Türten 
von Mahomeds Flucht aus Mecca und Medina, welches 
fie die Hegyra nennen. A 

Die ſchriftliche Eintheilung eines ganzen Jahres nad) 
den Monathen, Wochen und Tagen, mit Anzeige der Feſt⸗ 
tage, Mondsveränderungen, Finſterniſſe und andern nüjlis 
chen Beobachiungen und Anmerfungen, nennet man einen 
Balender, oder einen Almaͤnach. Dan findet in. demfel« 
ben gemeiniglich auch die Veränderung des Wetters und 
andere aſtrologiſche Wahrfagereyen ; ingleichen allerlen His 
forien, Gefprache, fogenannte Banernregeln, Geſundheits⸗ 
regeln, Abgang und Ankunft der Poften, Jahrmaͤrkte, Meſ— 
fen, u. a. m. 

Unter den chriftlichen Nationen giebt es dreyerley 
Kalender; den Julianiſchen, den Gregorianifchen und 
den neuverbeflerten. Der Julianiſche ift von Julius 
Cäfar, dem berühmten Kriegs» und Staatsmanne, auf Ana 
geben des Sofigenes, eines gelehrten Sternfündigen, im 
Roͤmiſchen Neiche eingeführet worden. Nach diefem Bat 
ein gemeines Jahr 365, ein Schaltiahr 366 Tage. Er uff 
noch in Rußland gebräuhlid. Der Gregorianifhe Hat 
den Namen vom Pabſt Gregorius XIII, und den Sefuiien 
Clavius zum Urheber. Diefer merfte die Unrichtigkeit ber 

Anaz ° 


TEL 





698 Fünf und dreyßigſte Tafel. 


Sulianifchen Berechnung, die feit der Zeit, da fie angenoms 
men worden, fchon II Zage vom Laufe der Gone abges 
wichen war, welche daher bey Einfuͤhrung diefes Kalen— 
ders ausgelaffen werben mußten: Der Hauptunterſchied 
zwifchen dem Julianiſchen und Gregorianifchen Jahre ift 
alſo, daß diejes iezt, nachdem ſeit defjen erſter Berechnung 
abermals beynahe 200 Jahre, die einen ganzen Tag mehr 
betragen, verfloffen, volle 11 Tage früher anfängt alg 
das Juitanifche. Wenn diefes den erſten Jenner zehlt, 
hat ienes fchon den 12 dejfelben. Der andere Unterſchied 
ift diefer : Dreymal hinter einander fell das hunderte Jahr 
nad) dem Gregorianifihen ein gemeines ſeyn, das vierdte— 
mal aber iſt es nach eben diefem Kalender ein Schaltiahr, 
3. E. wenn die Sabre 1700, 1800, 1900 gemeine Jahre 
gemwefen , fo ift das Jahr 2000 ein Schaltiahr. Die Zeit 
des Dfierfeftes wird darınn nach dem Wronds;irkel beftim- 
met, welcher den Unterfchied von bem neuverbefjerten aus» 
macht, wo es, feit 1700 nach aſtronomiſchen Tabellen, be- 
rechnet wird, 

Sefte find Tage , welche zum Andenken befonderer goͤtt— 
licher Wohlthaten , bey den Chriften , auffer den Sonnta- 
gen, gefeyert werden. Sie find entweder bewegliche, 
und fallen nicht immer auf einerleyg Monathstage, oder 
unbeweglide, und werden an einem und eben demfelben 
Tage gejeyert.. Die beweglichen Selttage find folgende. 
1) Das Oſterfeſt. Es fäll: daſſelbe allezeit auf den ers 
ften Sonntag nach dem erſen Vollmonde des Frühlings, 
Die verfchiedene Berechnung des gregorianifchen und neus 
verbefferten Kalenders macht, daß es zumeilen von Katho⸗ 
Jifen und Broteftanien nicht zu gleicher Zeit gefeyert wird; 
2) das Himmelfartsfeſt, 40 Tage nad) Oſtern, jederzeit 
an einem Donnerfiase; 3) das Pfingſtfeſt, 50 Tage, das 
ik, ſieben Wochen nach Dflern; 4) das Feſt der beil, 

Dreyfali 


Die Geburt Chriſti. 639 


Dreyfaltigfeit, 8 Tage hernach. Dach dem Dfterfefte 
richten fich die folgenden und andere Feſte und Feyertage, 
die Benennungen einiger Sonntage in der Saften, die 
Charwoche ꝛc. wie auch bey den Katholifchen das Sronleichs 
namsfefl. Don den unbeweglichen Seft: und Seyerta: 
gen find folgende die wichtigften: 1) der Neujabrs: 
tag, den 1. Januar; 2) Epiphanid oder der Erfchei: 
nung Ebrifti, den 6 Januar; 3) Maris Reinigung oder 
© Lichtmeß , den.2 Febr. 4) Mariaͤ Verkündigung den 25 
Mer; 5) Das Felt Johannis des Täufers, den 24. 
Sun. 6) Mari& Heimſuchung, ben 2. Jul. 7)-das 
 Michaeliss oder Engel: Set, den 29. Sept. 8) das 
© Wweynachtsfeft, den 25. Dec. Vier Sonntage vorher geht 
‚ die Adventszeit, und mit derfelben das neue Rircheniche 
a 

Die Katholiſchen haben neben den angezeigten Feſten, 
noch viel mehrere Fefte und Feyertage. Wir merken dar— 
unter beſonders die vier iaͤhrliche Faſtenzeiten oder Qua⸗ 
tember. Bon diefen faht das erfte auf den Mitwoch nac) 
dem Sonntage Invocavit; das 3weyte auf den Mitwoch 
nach Pfingſten; das dritte ar uf den Mitwoch nach Kreuz- 
erhoͤhung, das vierdte auf den Mitwoch nach Lucia. 
Nach dieſen Quatembern richten ſich nicht nur an einigen 
Orten die Buß⸗Bet⸗und Saft: Tage, welche gemeiniglich 
den Sonntag hernach gefeyert werden, ſondern man richtet 
ſich auch darnach in Bezahlung der en , Schul: 
gelder, Arbeits- ımd Taglohne, 


Auf der Tafel fieht man (A) einen Tbeil des Ras 
lenders, die fieben erfien Tage des Monaths November 
1782; und zwar: a) die Monathstäge, b) die Wocentä- 
ge, c) die Namenstäge, d) Sonnen Nufgang, e) Son- 
nen=intergang, f) Aufgang des Mondes, g) lintergang 

Aaa 4 | bes 


— — 
— — 







—— — 


I, 


— — 
— — 


700 Fuͤnf und dreyfigfte Tafel. 


des Mondes, h) Stand des Mondes und der Sonne ge 
gen die übrigen Vlanrten. 

Unter dieſem Satenderchen find (B) die zwölf Mo—⸗ 
netbe, in fombolifhen Abbildungen nehmlich: a) Janus 
arius, b) Sebruarius, c) Martius, d) Aprilis, e) 
Marius, f) Tunius, g) Julius, h) Augufius, i) 
September, k) October, 1) November, m) Decem⸗ 
ber. 

Heilig fen der Monath November, und der erfte 
Tag deffelben iedem treuen Schweden — iedem Deuts 
feben, der nie vergißt, was Deutfchland der Krone Schiwes 
den, und ihren Guſtaphen zu dbanten hat. — Er fey ein 
Tag der erſten Größe unter den übrigen Tagen des Jahre& 
— diefer Geburtstag Guftaph Adolphs des zweyten, 
Durkblauctigen BRronprinzens von Schweden — 
geb. 1778. den ı. November! 


⏑ 


* 
Der Mond und die Sonne. 


D), Mond fprach einftend zu dee Sonne: 
Wie dünfet mich dein heiffer Schein 

So munderli und fremd zu feyn! 
Sıralft du auf Wachs, fo iſts zertonnen, 
Und flralft du auf den teichen Thon 

So wird er fprdd und hart davon — 
Die graue Leinwad Fanft du bleichen 

Daß fie den Schloffen zu vergleichen; 
Singegen wird Europens weiß Geficht 
Dem Neger gleih in deinem Licht — 

Roh 


Die Geburt Chriſti. 701 


Noch mehr — wie waͤſſerſt du die Menſchen und das Vichy 
Wenn ſie, oft unverlangt, gehaͤufte Schweiſſe ſchwizen; 
Und trinkeſt doch, mit gleicher leichter Muͤh, 

Das Waͤſſer oft aus Baͤchen und aus Pfuͤzen. 


Drum, Liebe, drum erfuh’ ich dich, 
Daß du, wo möglich, mir erkläreft, 
Warum du jo veranderlich 
Sn deinen Wirkungen verfähreft ? 


Sieh’ , ſprach die Sonne brauf, liegt wohl bie 

Schuld an mir? 

Liegt fie vielmehr nicht an den Dingen 

Sin welche meine Stralen bringen? 

Was kann mein lichier Schein dafür? 

Nach der Natur des Stofs fann. ich bald etwas bleichen, 

Dald etwas härten — bald, mas hart iſt, leicht 
erweichen. 


Die Büte Gotted iſt mit iedem Morgen neu, 
Und ihr Gefchäfte täglich einerly — 
Zu fegnen alles — Allen wohl;utbun, 
Die ftille, fromm und gus in ihrem Schatten ruhn, 
Iſt ihre Luſt — 
Sie nicht , dee Menfh allein, der felsft fein Ziel 
verruͤcket, 
Iſt Schuld, wenn fie ibn nicht, mie Tauſende, 
begluͤcket. 


TR EN 


Yaag 8 





.r 






702 Fünf und dreyßigſte Tafel. 


8. 


Die Sonne nach den Begriffen der Alten. 
Phaeton. 


G, haben zwar die meiften alten Bölfer den Apollo 
oder Phoͤbus anftaft der Sonne, und die Sonne anfkatt 
des Apollo verehret; allein es haben nicht nur die Poeten, 
fondern überhaupt die meiften Griechen und Roͤmer, der 
Sonne oder Helios, als einer von dem Apollo unterfchies 
denen Gottheit , ihre befondern Tempel und Opfer ge— 
weiber. 

Es wurde aber die Sonne unter der Geftalt eines 
Sünglings vorgeftellet, welcher mit Straelen gefrönet, und 
mit einem leichten Mantel bevecket war, Insgemein halt 
er Sadeln in der Hand. Dann und wann ſizet er auf 


einem Wagen, ber vonvier Pferden gezogen wird, melde 


Pyroeis, Eous, Aethon und Pblegon hiefien, goldene 
Zügel hatten und aus ihren Nafenlöchern das Licht blieſſen. 
Er bekam dieſen praͤchtigen Wagen und eine glaͤnzende 
Krone vom Jupiter, nachdem er demſelben in dem Streite 


wider die Titanen beygeſtanden hatte. In dieſem Wagen 


fuhr er taͤglich um die ganze Welt herum, und erleuchtete 


dieſelbe. Abends verkroch er ſich mit ſeinem Wagen unter 


das Meer und wuſch denſelben ab; oder er ſchlief in einem 
goldenen Bette, welches Vulkanus gemacht hatte — oder 
er ſchiffte in einem goldenen Becher gegen Morgen. 
Von Phaeton, dem Sohne des Phoͤbus oder der 
Sonne , dichteten die Alten folgende Fabel: Er und 
Epapbus, ein Sohn des Jupiters, gerieihen über ihre 
Herkunft in einen hizigen Streit. Phaeton gieng zum 
Phoͤbus 





Die Geburt Chrifti, 703 


Phoͤbus und beklagte ſich, daß man ihn nicht für feinen 
Sohn halten wollte; worüber die Sonne fo böfe ward, 
daß fie ihm beym Styx ſchwur, ex follte fi) etwas von ihr 
ausbitten. Diefer Schwur war bey den Göttern unver- 


| bruͤchlich — Und Phaeton war gleich mit einer unuͤberlegten 


Bitte bereit, und verlangte auf Einen Tag den Sonnen; 
wagen zu regieren. So ſehr der Vater ihm dieſes auch 
abzurathen ſuchte, ſo war der verwegene Juͤngling doch 
nicht davon abzubringen. Er unterrichtete ihn alſo ſo gut 
er konnte, ſagte ihm, wie er ſich verhalten, und was fuͤr 
Abwege er vermeiden ſollte. Die Morgenroͤthe brach an, 
und die Zeit der Abfahrt war da — Phaeton konnte den 


Augenblick kaum erwarten, und fuhr davon. 


Die Pferde merkten gar bald, daß ſie ihren rechten 


Fuͤhrer nicht hatten , und daß der Wagen zu leicht war. 


Sie folgten den Befehlen ihres Führer nicht, und fuhren 


„bald zu hoch, bald zu tief. Der furchtfame Phaeton wußte 
| nicht mehr, wie er fich helfen und die wilden Dferde bandi- 
gen follte. In der Höhe fiengen die Wolfen an zu brennen 


und in ber Tiefe verdorrete das Grad. Insbeſondere festen 


ihn die Geſtirne in Schrecken — und als er fi dem Scor⸗ 


pion mäherte, iagte ihm dieſes Ungeheur eine folche Furcht 
ein, daß er die Zügel fallen lieh. 

Sobald die Pferde dieſes merkten, Tiefen fie wild 
umher, und kamen der Erde fo nahe, daß ganze Berge und 
Völker verbrannten, und Städte zu Staub wurden. Alle 
Quellen bes Berges da verfiegren, und das ewige Eis der 
Scythen zerſchmolz. Phaeton fahe die ganze Erde unter 
ihm brennen , und Fonnte die Hize von dem aufſteigenden 
Dampfe nicht mehr vertragen. Damals ward der Nethiopier 
zuerſt ſchwarz — die größten Fluͤße vertrockneten — der Ril 
verfieckte feine Duelle — Pluto und Proferpina erfchracken, 
weil das Licht durch die aufgeborftene Erde zu ihnen hinab 

ſchien — 





104 Fünf und dreyßigſte Tafel. 


tiefſten Hoͤlen — und Neptun verfuchte es dreimal die. 
Hände aus dem Waſſer hervor zu firefen, mußte fie aber 
gefchtwind mirder zuruͤcke ziehen. 


gen. Sie Ela — dem Jupiter ihre Noth, daß ib Hals gang) | ki 
vertrocfnet wäre, und fie kaum mehr reden koͤnnte — ſie 
zeigte ihm ihre verſengten Haase, und bat um Crloͤſang 
von dieſer Quaal. Darauf verkroch fie ſich geſchwind mies | 
der in das Innerſte einer Hoͤle. Jupiter rief die andern ft 
Goͤtter, und den Phoͤbus felbft zu Zeugen, daß eine (heul 
nige Hülfe nöchig wäre, und fehleuberte den Phaeton | 
durch einen Blitz auf bie Erbe hinab. Er fiel mi dem im 
Stücden zerfhmetterten Wagen in der Gegend des Flußes 
Eridanus hinab, da ihm die heſperiſchen Nymphen ein 
Srabmal errichteten. 

Elymene, feine Mutter Fam zu demfeiben und bes 
weinte feine Gebeine. Seine Schweftern, die Heliaden, 
beflagten ihn vier Monathe, und verließen das Grab mes 
der Tag noch Nacht, bis fie in Pappelbäume, und ihre 
Threnen in Agtfleine verwandelt wurden. 

Zu dieſer Fabel hat vermuchlich ein großer Brand, 
oder eine große Dürre in Italien unter dem Könige Phaeton 
Gelegenheit gegeben — und fie ifE ungemein lebricich und 
warnend für flüchtige, unuͤberlegte Gemüther, tie wichtige 
Dinge ohne genugfamen Verſtand und hinlängliche Kräfte 
auszuführen gebenfen. 


Va 





Die Geburf Thrifti. 785 
EIER u EEE TE GENE GER, 
9. 
Der Erlöfete, 


—— Gefangener ſahe feinen Erretter vor ſich ſtehen — 
er hatte ihm ſchon alle Bande und Feſſeln abgeloͤſet, zeig— 
e ihm die offne Thuͤre, deren Schloß ſonſt niemand auf 
hun konnte. Stehe nun auf, ſagte er zu ihm, du Ge— 
ebter, und gehe frey und ledig hinaus; in dad vor dir ofe 
en fiehende Land, mo du richtige Bahn und Herbergen fin, 
en wirft — bis du an deinen Geburtäort, in deine liebe: 
Raterftadt heimkommeſt. 

D ia, fagte der Befangene! Ad, mie feyd ihr ein 
uter Herr ! Sch weiß, ihr habt feibft euer Leben daran 
ewagt, vd euch durch Finfternige, Dornen und Schwerd. 
er durchgedruagen, damit ihr mich fo auf freyem Füß ftel- 
n koͤnnet. Ich danke euch taufendmal dafür; ich fehe es, 
ie mir die Bande weggefallen find — ich ſehte die Thuͤre 
> weit'offen ; gewiß, das hätte niemand als ihr vermocht 
u Stanve zu bringen. 

Nun denn, fd gehe iezt freudig hinaus — 

Ach Herr, ich bin gewiß unausfprechlich froh darüber, 
aß ihr mir fo geholfen habt, ia ich will aufſtehen, und 
ald allmählich hinausgehen! 

Ey, du Geliebter! feze dich unverzüglich in Sicherheit; 
h werde nicht immer jo fihtbarlich bey dir feyn, dich auf. 
muntern und zu führen; und ich fage es dir vorher, die 
huͤre bleibt nicht allezeit offen — fie geht, du weißt nicht 
yann, plözlich wieder zu, und dann ewig nicht mehr auf — 
nb überdieß, bift du ia noch nicht daheim, wenn du dich 
hon aufmacheſt! D mache mir die Frsude, daß dir meine 
oskaufung auf das ehefle und vollkommenſte ju gute fomme, 


Ach 





7°6 Fünf und dreyßigſte Tafel. 


Ach Here, ich willi gewiß nicht lange verweilen — bag 
hoffe ich nicht, daß die Thüre fo bald zugehen werde; aber 
das glaube ich gewiß von Herzen, daß ihr mir fie aufge- 
than habet — es ift mir, alg ob ich ſchon drauffen wäre, 

ein Freund, o betrüge dich nicht! Es find fchon 
viele, in eben denfelben Umſtaͤnden wie du, unverſehens eins 
gefchloffen worden ; Hüte dich, daß dir das nicht auch bes 
gegne ! 

Kein, ich denke wenigſtens, mir weede es gemwißlich 
nicht fo gehen; aber fehet, mein Herr und Helfer, wie es 
eigentlich ift : Sch bin von meinen, Feſſeln an den Fuͤſſen 
wund und fchwach worden — ich merfe es fehon, ich werde 
fat nicht können bis dort zur Thüre hingehen; und dann , 
fo habe ich mich in der langen Zeit an das Eisen und Lie— 
gen bier gewoͤhnet — hingegen ahndet es mir fchon, bie 
frifche Luft drauffen moͤchte mir nur zu friſch, und die fe, 
bensmiftel möchten mir auch fremde ſeyn, und bis ich ihrer 
wieder gewohnt: bin, ein wenig bitter vorkommen. — Ich 
fürchte mich auch vor den Feuten, mit denen ich werde reif- 
fen follen — ich werde mich zu fehr vor ihnen fcheuen müfs 
fen, und ihren Schritten nicht nacheilen können. — 

Ey du armer Menfh, wie zaghaft und unbedachtfam 
rebeft du ! Ich will dir ia hinaushelfen. — Sje länger du 
da bleibeft, deſto mehr wirft du von deinen Kräften einbuͤſ— 
fen; du wirft nach und nach dein übriges gutes Blut und 
allen Kefi von Herzhaftigteit verlieren. Hier wird es nie 
mals befier mit dir. Hingegen wird dag fchöne Land braufe 
fen ein neuerfrifchtes Leben in deine Glieder und Adern, 
in deine ganze Seele gieffen; deine Keifegefährten werden 
die freundlichit an die Hand gehen; an mancher Stelie wirft 
du deine Heimat von weitem ſchon erbliden, vie du iezt 
halb vergeſſen haſt. Dieſer Anblick wire dic gleihfam 
fortziehen — umd ich bin dir gur dafur, fo mie ich Kraft 
gehabt 





| 


j 


Die Geburt Ehrifti. "07 


gehabt habe, dir diefen zivar weiten aber doch fchimpflichen 
und eckelhaften Kerker aufzuthun, und dir eine freudige 
Enilafung aus;umirfen; fo babe ich auch Anftalten gemacht, 
daß es bios auf dich anfommen fol, zu deinem beften Gluͤ⸗ 
cke in deine Vaterftadt zu gelangen. Über von bier muft 
du wegeilen, wenn eg dir auch anfangs Schmerzen verur- 
faht — dieß muß ſeyn — du haft ia auch eine für dich 
ziemlich lange Deife vor dir. 

Ach wie ſeyd ihr doc fo gütig ! Machet euch doch nicht 
fo viele Muͤhe mir mie — freylich muß ich mich wohl angeei- 
fen; freylich wird es ſich nach und nach ſchon geben. — 
ch wenn ich nur dieſer Aenderung fchon gewohnt wäre! 

Hier entfernte ſich der Erloͤſer — die Thüre ſtund aber 
doc) noch offen, und der Gefangene, aber ledig gefprschene, 
verwunderte ſich darüber , und befann fich oft und viel: 
ob er gerade iest feinen Weg antreten follte, oder ob fich eis 
ne andere Woche, eine andere Keifegefellfchaft , die er etwa 
durchs Fenfter koͤnnte fehen vorbeygehen, beifer dazu ſchi⸗ 
cken möchte. 


Sein Erlöfer ließ ihm täglich alles zukommen, was er 


zur voͤlligen Bereitſchaft auf die Reiſe vonnoͤthen hatte; er 
ließ ihm durch ſeine Diener und Freunde ſagen, er werde 
von einer Herberge zur andern dennoch immer bereit fin, 
den, was zu feiner voͤlligern Öefundheit und zur Erheiterung 
feines Gemürhes das dienftlichfte fen, aber iezo noch für 
ihn zu flarf wäre — Db er denn noc immer bey feinen 
Feſſeln fie, alg ob er fie bedauerte? 

Die abgeordneten Sreunde des Heren trafen ihn noch 
immer in feinem Gefängnige an. Bald weinte und winfelte 
er über feine Schmwachheit ; bald ſtund er auf und ſchwankte 
gegen die Thüre hin, und gieng denn wieder zurüde — 
bald fchlief er, bald fang er Lieder zum Lobe feines Befrey⸗ 
ers. Endlich pflegte er oft fo um feine Erledigung zu 

bitten 


708 Fuͤnf und dreyßigſte Tafel. 


bitten und zu flehen, als wenn ihm uw nichts daven be 
Fannt waͤre. 


Nach vieler angewendeter Mühe brachte einer das Ge— 
ſtaͤndniß aus ihm heraus, daß er fih wirriicd, einbildete, er 
brauchte die Neife felbft gar nicht zu ‘hun, ſondern dörfe 
nur, wenn die Thüre zugehen wolle, geſchwinde zu derfelben 
hinaugeilen; und dann werde er plözlich durch die Luft, in 
die glänzende Vaterſtadt verſezet werden. Die Thuͤre gieng 
ein paarmal nur halb zu, unigwenn er fichim Schrecken auf» 
raffte, und gegen dieſelbe hinhinken wollte, gieng fie wier 
der auf. — Da dachte er, mit dem ofjenbleiben der Thüre 
babe es wenigſtens Feine Gefahr. 

Und die Chüre ward zugeſchloſſen. — 


Möchten doch unfre Chriften dem Herrn, ber fie er 
£auft hat, beffer ale diefer Eiende entſprechen — Sich 
feiner Geburt, feiner Liebe nicht blos erfreuen — — 
Unnehmen, geborchen, nachgehen, durch ihn heilig, mit 
ihm feelig werden — Dann fieht e3 gut um deine Seelen. 
fregheit, Chriſt! um deine Heimreife gut — um bein Koͤ— 
nigeeich herrlich ! 





Sechs 








Sechs und dreyßigſte Tafel, 





I, 
Shrifti Jugend. 
J ) Geburt des Heilandes war anfangs im iäbifchen 


Lande nur wenig fronmen Leuten befannt. Aber 
bald kamen etliche Maͤnner aus Morgenland, dag ift, 
Arabien oder Perjien, nach Serufalem, und fragten nad 
dem neugebohrnen Könige der Juden. Diefe Männer was 
gen in ihrem Vaterlande ihrer Wiffnfchaft wegen berühmt, 
und harten ein aufferordentliches Geſtirn am Himmel ents 
becft, welches fie für einen Vorbothen großer Veraͤnde⸗ 
zungen hielten. Gott hatte es auch alfo geleitet, und ih» 
nen durch eine Offenbarung einige Winfe gegeben, daß 
durch diefes Zeichen die große Erfcheinung des Seeligmas 
chers auf Erden angezeigt wuͤrde. 

Eie machten fih alfe auf den Weg, Famen nach es 
zufalem der Hauptſtadt des iuͤdiſchen Landes; fragten das 
felbft nach dem neugebohrnen Könige, und mwunderten fich 
nicht wenig , wie fie gewahr wurden , daß niemand von 
diefer mwichiigen Begebenheit etwas miffen wollte. Endlich 
vernahmen fie von ben Gelehrten , daß ihre Meffias in 
Bethlehem follte gebahren werden. Sie fäumten fich alfo 
nicht dahin zu gehen, nachdem fie der Koͤnig Herodes, 
ber über dieje Nachricht erfchrack, verſtellter Weiſe bat, auf 
der Nückreife wieder zu ihm zu kommen, und ihm Nachricht 
zu geben, daß er auch kommen, und das neugebohrne 
Bob Koͤnigs⸗ 


710 Sechs und dreyßigſte Tafel. 


Königs » Kind anbeten’ koͤnnte. Im Herzen aber dachte ex 
ganz anders — er wollte es umbringen, weil er befürchtete, 
es möchte ihn diefes Kind um fein Königreich bringen. 


Die RR Reifen waren intzwifchen ſehr 
froh, da fie auf ihrer Neife nach Bethlehem, über dem 
Haufe, da das Kind Jefus war, das himmlifche Zeichen 
wieder fahen. Sie Fonnten alfo nicht wren — traten mit 
Freude und Ehrfurcht in diefe Hütte — und da fie dag Kinds 
Iein fanden , fielen fie vor ihm nieder, wie vor ihrem 
Könige, und befchenften es mit allem, was ihr Fand koſt— 
bares hatte, mit Gold, Weihrauch und Wiyrrben (b), 
wie fie ihre Könige zu befehenfen pflegten. Sie wußten num 
freylich nicht alles, was der Heiland an den Menfchen 
thun würde; fie glaubten aber doch, feine Geburt fey ein 
aufferordentliches Geſchenke des lieben Gottes, Erfeutniß 
der Wahrheit und gute Sitten unter den Menfchen zu 
befoͤrdern. Dafür ehrten fie ihn fo, daß fie fich feine Koſten, 
und feine Mühe reuen ließen. 


Nun wolten diefe Gelehrten wieder nach Serufalem, 
und dem Könige Herodes alles anzeigen, weil fie nichtg 
Boͤſes von ihm argroohnten. : Allein Gott befahl ihnen im 
Traume, auf einer andern Strafe wieder in ihr Land zu 
reifen — und fie gehorchien. \ 


Wirklich war Herodes ernftlich darauf bedacht, das 
- Kind Jeſum umzubringen. "Er gab den graufamen Befehl, 
alle zwey⸗bis dreyiaͤhrige Knaͤblein in Bethlehem und den 
umliegenden Drten umzubringen; und glaubte nun zuverlaͤſ⸗ 
fig, der neugebohrne König der Juden mürde durch dieſe 
Beranftaltung fein Leben verlieren. Aber der liebe Gott 
vereitelte diefe Abfichten Herodis— er gab dem Tofepb in 
einem Traume den Befehl, daß er das Kindlein und feine 
— su ſich nehmen und nach Egypten flichen ſollte 

denn 


Chrifti Jugend. 711 


denn Herodes wuͤrde trachten es umzubringen. Joſeph 
ſtund auf, und noch in derſelbigen Nacht begab er ſich mit 
dem Kinde und feiner Mutter auf die Flucht (c). 


Nach dem Tode des graufamen Herodes zogen Joſeph 
and Maria mit ihrem Jeſus-Kinde wieder nah Nazareth. 
Daſelbſt nahm Jeſus, zur größten Freude der Seinigen, zu 
an Alter, Weisbeit und Gnade bey Gott und den 
Menſchen — und feine Eltern beeiferten fi, als gute 
Beyfpiele der Tugend und des Fleißes ihrem Kinde vorzu⸗ 
keucjten. 


Sie reifeten alle Fahre auf das Dfterfeft nach Serufas 
lm — und da Jeſus zwölf Jahre alt war, nahmen fie 
ihn mit fich dahin. ‚Sie verrichteten dafeldft ihre gottes— 
Dienfilichen Gefchäfte, und reifeten mit ihrer Geſellſchaft wie= 
der heim. Seine Aufführung mar iederzeit fo beſchaffen, 
daß fie ihn wohl aus den Augen, und unter ihren Freunden 
faffen fonnten. Da er nun bey ihrer Heimreise nicht zuge— 
gen war, fo dachten fie, er wäre in der Gefellfchaft ihrer 
Begleiter, die vor ihnen oder nach ihnen von Serufalem abe 
giengen. Sie giengen auf ihrer Reife einen ganzen Tag 
fort, und fragten bey allen nach ihm, und erfragten nichts, 
Da fürchieten fie, daß ihm ein Unfall begegnet feyn moͤch— 
fe. Voll Kummer Fehrten fie nach Jeruſalem zurück, und 
fuchten ihn unter allen Bekannten, die fie da hatten. Und 
erfi nach drey Tagen fanden fie ihn in der Tempelfchule bey 
den Lehrern, denen er. begierig zuhoͤrte, und manche Fra⸗ 
‚gen auch an fie that (a). Er wollte alles, was zur Nelis 
gion gehörte, nicht blos obenhin wiffen; ımd fahe bald’, 
was einer Antwort fehlte, die ihm gegeben ward, Sjedere 
mann verwmunderte fih über feinen Verſtand, den er in Fra— 
gen und Antworten auiferte. 


bb. Der 


712 Sechs und dreykigfte Tafel. 


Der heiligen Maria mußte e8 große Freude machen, 
ihren Sohn wieder zu erblicfen, und ihn in Gefchäften zu 
finden, die ihm nach dem Urtheile aller Anweſenden fo viel 
Ehre machten, und die ihre große Hoffnung von ihm beftds 
tigten. Aber Maria mar eine zärtlihe Mutter. Ihr 
Mutterherz hatte diefe Tage über viel gelitten ; und fie war 
gar nicht gewohnt, dag ihr Sohn ihre Kummer! machte, 
Sie fonnte ſich alfo nicht enthalten , ſich deswegen gegen 
ihn zu beklagen. ie fagte ihm, wie er doch fo ohne ihr 
Vorwiſſen zurück bleiben wollen — er könnte doch ihr, feis 
ner Mutter, und dem Joſeph, der ihn mehr als einen leib— 
lichen Sohn liebte, bie Angft nicht haben verurfachen mols 
len, die fie'diefe Tage über ausgeftanden, da fie ihm als 
Ienthalben fuchten und nicht fanden ? Jeſus antwortete, fie . 
hätten doch denken follen, daß er an feinem andern Orte 
zurück geblieben wäre, als eben in dem Haufe feines 
Vaters — und da folhen Verrichtungen abzuwarten, die 
einft fein einziges Befchäfte feyn würden. Maria und os 
feph verfiunden nicht genug, mas Jeſus damit meynte. 
Sie waren es aber ſchon gewohnt, große und unerwartete 
Dinge an ihm zu ſehen und von ihm zu hoͤren. Sie gaben ſich 
zur Ruhe, und er kehrte mit ihnen nach Hauſe — und ſein 
Zunehmen an Erkentniß und Tugend war immer mehr und 
mehr offenbar — von Tag zu Tage war er allen, die ihn 
kannten, lieber. 

So war die Kindheit Jeſu, darinn er allen Kindern 
ein Exempel gegeben, daß ſie thun, wie er gethan hat: 
Er war in allen Dingen feinen Eltern gehorſam, ausge— 
nommen 100 es offenbar war, daß er viel befier als fie 
mußte, was dem Willen Gottes gemäß fey. Und ob er eg 
gleich befler wußte, fo verachtete er darum feine Eltern 


nicht. Und die Liebe feines Eltern und anderer Menfchen 
wollte 





Chrifti Jugend. 713 


wollte er nicht anders als durch Wohlverhalten , burch fein 
Zunehmen in Erfentniß und Tugend gewinnen. 


WINNIE 


Reich an ieder fchönen Gabe, 
Reich an Tugend und Verſtand, 
Jeſus! welch ein frommer Knabe 
Warſt du an des Vaters Hand! 
Marft du in der Mutter Hütte ! 
Marft du in der Lehrer Mitte ! 
Gott gehorfam in der Jugend, 
Warſt ein Vorbild ieder Tugend! 
Moͤchteſt, Jeſus! du allein 
Meine Luft, mein Vorbild ſeyn! 











2, 
Tempel der Tugend und Glüdfeligfeit. 


(ar | 
Tugend um Sottes Willen auszuuͤben, dieß muß ein 
Hauptzweck der wahren Religion ſeyn, welche man ohne 
Widerſpruch der geſunden Vernunft fuͤr goͤttlich erkennen 
kann. Dieſes und einige andere Lehren euch beſtaͤndig zu 
erinnern, ſtelle ich euch den gezeichneten Tempel der Tugend 
vor, mit der Inſchrift: Tugend um Gottes Willen. 
Der Weg hinauf iſt etwas muͤhſam und ſteil, beſon⸗ 
ders fuͤr Schwache; aber die Staͤrkern, welche die mit der 
Tugend verbundene und darauf folgende Gluͤckſeligkeit beſſer 
kennen, bieten ienen ihre huͤlfreichen Haͤnde. Es ſtellt 
aber dieſer Tempel nicht den ganzen Zuſtand eines Tugend⸗ 
haften vor, ſondern nur den Anfang deſſelben. Sobald 
dieſer Berg erſtiegen iſt, gebt man auf anmuthigen und 
Bbb 3 ebenen 


714 Sechs und dreyßigſte Tafel. 


ebenen Wegen von einem Tempel der Tugend, durch dafelbif 

genoffene Gluͤckſeligkeit geftärft, zum andern und beſſern 
fort. Iſt man in dag Reich der Tugend erſt weit gefommen, 

fo findet man immer mweniger Abwege von der rechten 

Dahn ; Abwege, die zwar von einigen gewehlt, aber meh— 

rentheils nicht lange fortgefeet werden, weil man hin und 

gvieder (auf demfelben) warnende Wegweiſer antrift, wel 

che den Irrenden zeigen, wie fie durch Fußſteige, bie et— 

was befchwerlich find , wieder auf den rechten Weg kom— 

men. 

Man Fann alfo die Tugend bey einigen Umſtaͤnden 
leicht, bey andern aber fehwer nennen. Schwer ift fie 
demienigen, welcher durch boͤſe Erempel, durch den Mangel 
guter Erziehung , durch vielen Umgang mit Lafterhaften, 
umd durch Lefung fhädlicher Bücher , Sich zu den Laſtern, 
und vornehmlich zum Zweifel an der Linfterblichfeit der 
Seele, und an der Vergeltung des Guten und des ofen, 
hat verleiten laffen , befonders wenn er in dieſer Verwoͤh— 
nung viele Jahre zurück gelegt hat. Leicht aber ift fie den 
Wohlerzogenen, welche an Gottes Vorfehung und Gered)- 
tigfeit nicht zweifeln, und in wohlangemandten Jahren der 
Jugend die erfte etwas befchwerliche Anhoͤhe erfiiegen ha- 
ben. Sie mag aber leicht oder ſchwer feyn, fo müffen wir 
tugendhaft werden, wenn wir es noch nicht find — und 
bernad) von einem Grade der Tugend zum andern fortfchreis 
ten. Denn ein lafterhafter Wandel fezt den Menfchen, 
auch fchon während des erften Lebens, in eine weit größere 
Schwierigkeit, als er, um fid) zu beffern, und fugendhaft 
zu werden, übernehmen dürfte. In der Tugend nehmlich 
ift Mebereinffimmung mit unfern wefentlichen DBegierden, 
mit den Wünfchen anderer Menfchen und mit den Geſezen 
der Obrigkeit. Eine tede einzelne Tugend ſtimmt gleichfalg 
mit iedee andern überein, und ift ein Huͤlfsmittel derfelben, 


ins 





Chriſti Fugend. — 


Hingegen ſtreitet ein Laſter mit dem andern, ohne es zu 
bezwingen — der Laſterhafte bedarf der beſchwerlichſten 
Kuͤnſte, ſich zu verſtellen — er iſt ſelten frey von der 
Furcht entdeckt zu werden; und wenn er einen Gott erkennt, 
von der martervollen Gewiſſensangſt, welche, wenn ſie 
gleich oft vertrieben wird, dennoch deſto oͤfter und maͤch— 
tiger wiederfehrt , ie gemwiffer ihm die Nähe des Todes 
wird. Folgt alfo der Stimme der Tugend , fie mag euch) 
auf angenehme oder befchwerliche Wege führen — Alsdann 
ift ihr Lohn, die wahre Gluͤckſeligkeit, euch nahe. 


3 
Juͤdiſche Geſchichte. 


— das iuͤdiſche Volk unter die Botmaͤßigkeit der 
Roͤmer Fam (Tab. XXXV, 1.), nahm ihre Gluͤckfeligkeit 
und Ruhe immer mehr ab. Die roͤmiſchen Landpfleger⸗ 
welche über fie gefest waren ; verführen’ endlich fo. graufark 
mit ihnen, daß fie fie) zulezi wider die Roͤmer empoͤrten; 
welche dann dieß unruhige Volk demuͤthigten, Jeruſalem 
zerſtoͤrten (Tab. LIE, 3.), und dem ifraelitifchen Reiche ein 
Ende machten, nachdem es als ein eigentliches Königreic) 
507 , und nachher, unter fremder Dberherrfchaft, noch 654 
Sabre geſtanden hatte. 
* So wurde alſo durch Gottes Hand, und durch die 
gerechten Gerichte, welche er uͤber das iuͤdiſche Volk ver— 
hieng, dem levitiſchen Gottesdienſte, mas die Opfer und 
andere Ceremonien betrift, ein Ende gemacht, und dieß 
Volk durch eine allgemeine Zerſtreuung in alle Welt ver— 
theilt. Sie haben nun Fein eigneg Land, Feine eigne Stadt, 
Bbb4 keine 


716 Sechs und dreyßigſte Tafel. 


keine eigne Regierung, kein Opfer, kein Geſchlechtsregiſter, 
keinen Prieſter mehr; und ſtehen doch noch immer in dem 
Mahne, ihr Mefias und König werde noch kommen, fie 
wieder in ihr kand führen, und ein herrliches Reich aufs 
richten. 

Sie unterſcheiden ſich von andern Voͤlkern, auſſer 
ihrer Bildung — zuvoͤrderſt durch ihre feyerliche Kleidung, 
die ſie in ihren Synagogen, oder beym Gebete, nach den 
Vorſchriften ihrer Lehrer beybehalten muͤſſen (a) Ueber 
den Kopf decken fie einen Schleyer, den fie Taled, over 
Talles nennen , an deffen vier Ecken die Zizis oder 
Schnuͤre bangen. Denn tragen fie ein über die Bruft, 
und hinten über die Schultern hinab hangendes Mäntelchen, 
YArba : Canpbos , welches gleichfals an den vier Ecken 
mit Franzen oder Zizis verjehen, unb ehedeffen fo lang 
geweſen, daß fie auf der Erden nachgefchleppt find. An 
ihrer Stien und auf dem linfen Arm tragen fie beym Gebete 
die Haupt + und Hand » Tepbilim oder. Denksettel, 
welche auf der Tafel (a) einzeln abgebildet find. Beyde 
werden vom fchmarzen Kalbleder gemacht ; doch mit dem 
Ynterfchiede , daß berienige, fo zur Stirn gehört, und 
recht zmwifchen beyden Augen am Ende der Hirnfchale zu 
figen kommt, aus vier Fächlein, der aber, fo für die Hand 
beftimmt ift, nur aus einem Fache befteht. In dieſen Fäch- 
kein bewahren fie allerley Sprüche aus der heiligen Schrift, 
in bebräifcher Sprache , auf Pergament gefchrieben. 


Unter den Büchern des alten Teftamentes verehren 
fie vorgiglich die fünf Bücher Moſis, welche fie Thora 
nennen, als ihr größies Heiligthum. Sie laffen diefelben, 
mit vielee Sorgfalt, mit großen hebraͤiſchen Buchftaben, 
auf Pergament abfchreiben; rollen diefe Thora auf zwey 
runden Hoͤlzern, welche gemeiniglich mit filbernen Bleche 

übers 





Chriſti Jugend. 21; 


bersogen find , zufammen Cb); verwahren es mit beſon⸗ 
dern Zierrathen und feidenen Teppichen, in einer befondern 
Lade, wobey fie fich die Bundeslade denfen — und verbin« 
den mit dem iedesmaligen Gebraud) diefer Sepher Thora, 
oder Gefez » Rolle viele Ceremonien. 

Derienige Drt, an telchem die Juden zum Gebet 
sufammen Eommen, das Gefez und die Propheten lefen und 
erklären hoͤren, und die Defchneidung famt andern Fire 
chengebräuchen verrichten, wird Synagoge, Juden-Schule 
genannt (c). Diefe ihre Tempel pflegten fie an den erha- 
beniten Gegenden eines Drtes aufzurichten , inwendig mit 
Gips oder Tafelwerk zu überziehen, und mit vielen Pulten 
zu verfehen, in welchen fie ihre Bücher und Talles verwah- 
ren. In der Mitte der Synagoge it der hölzerne Altar 
oder Kefe +» Stuhl, worauf fie das Gefegbuch legen, wenn 
daraus fol gelefen oder auch geprediget werden. — Auch) 
find in denfelben die Männer von den Weibern abgefondert, 
und viele Lampen und Hangleuchter in den beyden Abtheis 
lungen angebracht. 

Bey der Befuchung der Synagoge , des Morgens 
und Abends, und insbefondere am Montage und Donners 
flage, haben fie viele vorgefchriebene Ceremonien und Ges 
bete — welche fi) am Sonnabende, als ihrem Sabbathe 
und am Vorabende deſſelben, vor andern auszeichnen. 
An diefem ihren heiligen Tage Fommen fie dreymal in dem 
Tempel zufammen, bören daſelbſt aug der Thora vorlefen, 
ſprechen viele Pfalmen und Lobgefänge, und hüten ſich aud) 
in ihren Häuffern vor aller werftägigen Arbeit. 


Auffer dem Sabbathe haben fie noch viele Sefte und 
seyertage; z. E. ben erflen Tag eines ieden Monathes, 
welchen fie den Neumond nennen, das Dfterfeft , das 
Pfingfifeft, die Gedächtniß der Jerſtoͤrung Jerufalems, 

Dbbhs das 





718-° Sechs und dreyfigfte Tafel. 


das Neuiahr, das Verjöhnungsfeft, oder der foges 
nannte Aangetag , das Kaubhütten » Seft (d), da fie 
fi zur Erinnerung der Neife ihrer Voreltern durch die 
Wuͤſte, in Lauben von Zweigen aufhalten ; das Purims 
Seft, zum Andenken ihrer Erlsfung durch Mardachai und 
Efiher ; das Saftnacht oder Spielfeft, und dergl. Auffer 
dieſen Feften unterfcheiden fie fich noch durch viele Gebräu- 
che vor allen andern Voͤlkern und Neligionen, vornehmlich 
durch ihre Gewohnheiten beym Gebete und Gefange, by 
der Befchneidung und Auslöfung der Erſtgeburt; bey 
ihren Derbeiraibungen , Eheſcheidungen, Eiden und 
Gelübden, Allmoßen, Büffen, Rirdyenbanne, Se 
gräbnißen und Trauren — in Anfehung ihrer Haͤuſſer, 
Kuͤchengeſchirre, Tiſchordnung, Wafhungen, Sea 
nungen, Schechten, oder Schlachten, und dergl. 

Hey allen diefen Gebräuchen richten fie fich mit meift 
abergläubifcher Genauigkeit, nach den Vorfchriften des Tal: 
mud, welches auffer der Chora, ihr vornehmſtes Gefezbuch 
ift ; welches ihre Rechte, Gebräuche und Meinungen enthält, 
und das fie der Schrift gleich achten. Es wird in die 
Miſchnah, oder den Tert, und in die Gemara, oder 
die Auslegung eingetheilt. Die leztere ift voller abgefchmack- 
ten lächerlichen Mährchen und mwiderfprehenden Meinungen. 


Die Dberften ihrer Synagogen und Schulen, mel 


che die Macht haben zu lehren, und in Keligions Sachen 


das Necht zu fpreihen, werden Rabbinen genannt. In 
den alten Zeiten gefchahe diefes vom Sanhedrim, dem 
juͤdiſchen Nathe. 

Zu Chrifti Zeiten waren, auffer den Samaritanern, 
die Phariſaͤcr, Sadducaͤer und Eſſaͤer, dazu Auch die 
Schriftgelehrten und Herodianer gehörten, die vornehm— 


ften Secten unter den Juden. - Nach ber Aufhebung ihres 
gemei— 


— —— 


— y 


Chriſti Jugend. 719 


gemeinen Weſens, und nach ihrer iezigen Verfaſſung, theis 
len fie fich in Rabbaniten und Aarsiten. Jene verehren, 
auffer dem Geſeze, den Talmud, als die Haupfgrundlage 
ihres Lehrbegrifs und Gottesdienſtes — dieſe halten ſich 
blos an den Text. des Geſezes, und verwerfen ale Sazun⸗ 
gen und mündliche Meberlieferungen. 


Endlich unterfcheiden fih die Juden noch durch ihren 
Kalender von andern Völkern. Ihre zwoͤlf Monathe, deren 
Anfang fie iederzeit mit dem Neumond feyern, find : 
ı) Tifri, welcher in der Mitte unfers Septemberg fällt. 
Am erfien Tag diefes Monathes wird der Neuiahrstag, 
am zehnten das Verſoͤhnungsfeſt, und am funfzehnten 
das Laubhuͤttenfeſt feyerlich begangen. 2) Chesvan. 
3) Chaslev. 4) Teveth. 5) Schebat. 6) Adar, in 
welchem, am vierzehnten, das Purimfeſt faͤllt. 7) Ni— 
ſan; am vierzehnten Tage deſſelben faͤllt das Pafchafeft. 

8) Jiar. 9) Sivan; am ſechſten Tage fällt Pfingften. 
10) Thamus. 11) Ab; am neunten Tage fält dag Ges 
daͤchtniß der Zerftörung Jeruſalems. 12) EluL; 


So verfchieben übrigens die Lehre und die Gebräuche 
der Juden von den chriftlichen Gebräuchen find ; fo if eg 
doch nicht recht, daß noch immer ein alter National» Hag 
zwiſchen Chriften und Juden herrſcht. — Die Sfraeliten 
find nicht zu haſſen, fondern zu beflagen— und durch fie 
und ihre Schickfale wird die Wahrheit der göttlichen Offen. 
barung und das Altertum derſelben nicht wenig beftätiger. 


en 





720 Schs und dreykiafte Tafel. 





4. 


Unterricht aus den Buͤchern der Natur, der 


Sitten und der Religion. 
Elementarw. Tab. XLVIII, 2. 


U. der Tugend und Glückfeligkeit der Kinder willen, wird 
ihnen von den Eltern und Privatlehrern, oder in oͤffentli— 
chen Schulen, Unterricht gegeben. Die Laften deffelben 
find faft gänzlich auf Seiten der Lehrer und Eltern ; und 
ſowohl das Vergnügen, als der Vortheil für euch, lieben 
Kinder ! dem ungeachtet tragen die Eltern und Lehrer diefe 
Laſten fehr gerne, theils weil fie euch lieben, theils weil 
es eine von der Religion vorgefehriebene Hauptpflicht 
iſt, die Kinder zur Tugend und zur Öoftfeligkeit zu erzies 
ben. Darum wirb euch hier auf ber Tafel ein Lehrer, ein 
rechtfchaffener Binderfreund, vorgeftellt, welchem lern. 
begierige Schüler willig zuhören, wenn er ihnen Linterricht 
giebt, theils aus dem Buche der Natur und der Sit 
ten , tbeils aus dem Buche der Keligion. 

Den Unterricht aus dem Buche der Natur zu beför 
dern, hat er an die Wand gehängt verfchiedene Borftelluns 
gen von dem menfchlichen Körper, von Thieren, Pflanzen 
und Mineralien, deren Urfprung, DBefchaffenheiten, Wirs 
fungen und Nuzbarfeit er ihnen erklärt. Er zeigt ihnen 
die merfwirdigften Werfe und Werkzeuge der Kunft, und 
lehrt ihnen von ienen einige machen, und von diefen einige 
brauchen. Diefe Kinder hatten allefamt ohne den geringe 
fien Verdruß lefen lernen, und bie nöthigen Sprachen, 
durch den Gebrauch derfelben im Umgange und im Unter 


eicht. Sie lafen nicht öfter, als fie es felbft wünfchten; 
aber 





Chriſti Sugend. 721 


aber ſie wuͤnſchten es oͤfter als ihre Eltern und Lehrer Zeit 
hatten. Da ſtehn einige Knaben, die noch nicht ſchreiben 
konnten. Sie ſahn, daß ihre geuͤbtern Mitſchuͤler durch 
dieſes Mittel die Gedanken der Abweſenden verſtehn, ihre 
eigne Gedanken denſelben mittheilen, und die angenehmen 
Lehren, welche ſie gerne behalten wollten, zur kuͤnftigen 
Wiederholung ſich aufbewahren konnten. Alſo erſuchten 
fie ihren Lehrer um die Erlaubniß, geſchriebene Buchſta⸗ 
ben, Wörter und Zeichen nachzumachen. Diefe ward ih— 
nen iedesmal gegeben, wenn fie in ihren Sitten, und in 
ber vorgefchriebenen Handarbeit untadelhaft gewefen waren. 


Der Lehrer fagte ihnen , diefeg und ienes aus der 
Naturkunde müßten fie feinen Worten blog glauben ; denn 
ohne Meßkunſt, oder ohne Größenlehre Eönnten fie zur eig» 
nen Einficht davon nicht gelangen. Aber die lernbegieris 
gen Knaben wuͤnſchten eigne Einſicht. Da wurden fie zu 
gewiffen Zeiten anfangs in den Grundfäzen der Zahlenfunft 
oder Arithmetif, hernach aber auch in andern Theilen der 
Größenlehre unterrichtet. Zu diefem Zwecke dienen ber Zits 
el und Transporteur, den ihr auf dem Tifche liegen ſeht. 
Ihr feht dafelbft auch Landcharten, durch deren Hülfe ex fie 
die Befchaffenheit der Gegenden, und die Lage der Länder, 
Meere, Flüffe und Städte kennen lehrte. Bey diefer Gele 
genheit erzehlte er ihnen nach der Zeitordnung die wichtig. 
fien Veränderungen des menfchlichen Gefchlechtes und der 
Voͤlker; beſchrieb die verſchiedenen Regierungsarten, und 
verweilte ſich vornehmlich bey ſolchen Geſchichten, wodurch 
dieſe Kinder weiſer und kluͤger werden konnten. 

Die vornehmſten Regeln des Lebens ſammelte er in ein 
Buch, welches er das Buch der Sitten, oder die natuͤr⸗ 
liche Weisheit nannte. Uber, fagte er, die Kehren der 
Weisheit helfen euch wenig, wenn ihr fie nicht aus 

übt; 


722 Sechs und dreyßigſte Tafel. 


uͤbt; und der Vorſaz fie auszuiben wird euch nicht 
gelingen , wenn ihr nicht das Daſeyn und die Kigen 
fehaften Gottes, die Unfterblipfeit der Seelen und 
die Fünftige Vergeltung des Guten und des Böfen 
von Herzen glaubt , und täglid Daran denft — wenn 
ihr euch nicht genau nach allem richtet, was nadı der 
göttlichen Offenbarung von euch gefordert wird. Cr 
batte die Lehrfäze und Beweiſe davon in ein Buch getragen, 
welches er ihnen gab. Und alfo wurden die Schuler immer 
mehr mit den vortrefflichften Kentniffen bereichert. Sie 
lernten vernünftig urtheilen, und (fo wie ihre Kentniß an— 


wuchs) durch einen deutlichen, Furzen, mit ihrem Herzen . 


übereinftimmenden Vortrag, ihre Gedanken fohriftlich und 
mündlich ausdrücken. Dadurch wurden fie fähig, im männ- 
lichen Alter der menfchlichen Gefellfchaft nüzliche und ehren- 
sole Dienfie zu leiften. 








5. 
Der Mond. 


D. Mond (A) welcher ſich binnen 27 Tagen, 7 Stun: 
den, 43 Minufen, und 5 Secunden, um die Erde beivegef; 





IRDITTNIIER 


iſt vier und fechzigmal Fleiner, als die Erde; denn fein Diaz, 


meter beträgt Faum den vierten Theil von dem Erddiameter. 


Daß er ungaber fo geoß vorkommt, rührt von feiner gerin⸗ 


gen Entfernung her; denn fein größter Abſtand von der Erde 
beträgt nur 78 halbe Erddiameter, oder 67080 Meilen, 
nd fein Kleinfter 54 halbe Erddiameter oder 46440 Meilen. 
Senn er der Sonne gegen über fieht, Fünnen wir Die ganze 
erleuchtete Seite fehen, und haben alfo Vollmond; wern 
er. aber zwifchen die Erde und Sonne kommt, fo fehen wir 

nichts 


Chriſti Zugend. 725 


nichts von der erleuchteten Seite und haben daher Neu—⸗ 
mond, und wenn er um 90 Grade von der Sonne entfernt 
ift , welches im erften und lesten Viertbel gefchieht, ſo 
fehrt er ung nur die Hälfte von der erleuchteten Seite zu; | 
woraus man leicht einfehen kann, wie er bey feinen übrigen 
Stellungen gegen die Sonne erfcheinen muß, wenn man 
nur dieß erwaͤget, daß er eigentlich ein dunkler Körper ift, 
daß zwar immer die Hälfte feiner Oberfläche von der Sons 
ne erleuchtet wird, dag aber nicht immer biefe ganze Haͤlf⸗ 
te gegen die Erde zu gekehrt iſt. 


Schon mit bloßen Augen, aber noch beſſer durch ein 
Fernglas, erblickt man auf der Oberflaͤche des Mondes 
eine Menge Flecken, von denen einige veraͤnderlich, andere 
aber unveränderlich find. Betrachtet man den zunehmenden 
oder abnehmenden Mond durch ein Fermohr, fo fieht ders 
ienige Nand, wo das Licht zu-oder abnimmt, in den hellen 
Orten hoͤckericht, in den dunkeln aber gleich und eben aus, 
Die großen Flecken, welche man mit bloßen Augen ſehen 
kann, bleiben immer einerley ; bey den Fleinern aber , die 
auch blaffer find, und nur durch Serngläfer geſehen werden, - 
bemerkt man diefes befonders, daß fie von Tag zu Tag ihre‘ 
Figur, Große und Stelle andern, und fies der Sonne 
entgegen gefezt find. Aus diefen Erfahrungen haben wie 
Sternkuͤndiger gefchloffen, duß e3 im Monde Berge, Thaͤler 
und Seen geben müffe. Nehmlich die ganzen heilen Tfeile 
halt man für Berge , die dunkeln befiändigen Sieden Für 
Thäler oder Seen, und die veränderlihen bloͤſen Flecken 
für die Schatten der Berge. Man hat daher ordenili.he 
Mondcharten verfertiget (B), und ven Flecken beiondrre 
Namen gegeben. Die eine rüher von dem beruͤhmten Hepel 
ber, welcher fi) der Namen der vornehmſten Gebirge und 
Deere, die man auf der Erde antrift, zur Benennung ber 


— Mondes 


724 Sechs und dreyßigſte Tafel. 


Mondsflecken bedienet hat. Die andere hat Ricciolus ent 
worfen, welcher ftatt iener Benennungen, bie Namen be» 
ruͤhmter Sternfündiger gewehlt hat, melche ſich aber auf 
Diefen Heinen Abbildungen nicht haben ausdruͤcken laffen. 

Der Mond zeigt ung beftändig einerley Hälfte von 
feiner Oberfläche. Von der andern Hälfte kommt nur durch 
eine befondere Bewegung , melde fen Weanfen oder 
Schwanken genannt wird , ein fchmaler Streifen zum 
Vorſchein, welcher auf der Mondcharte (B) deutlich ange» 
zeig: if. Der Mond muß fich daher in eben der Zeit, in 
welcher er feine Bahn durchläuft, auch um feine Are be- 


“Wegen. 





6, 
Der Zimmermann, 


Dir Zimmermann muß das Bauholz wohl abzurichten, 
und aus bdemfelben entweder ganze Häuffer , oder einen 
Theil derfelben aufzuführen wiſſen. Ganze Häuffer werden 
entweder aus lauter Holz, von übereinander gelegten Bo⸗ 
len, welches man ein Schurzwerf nennet, oder allein mit 
Stielen, die in gewiſſer Weite von einander auf bie 
Schwellen gefezt und unter einander mit Niegeln und 
Bandern beveftiget , die ledigen Fächer aber hernach mit 
Reim oder Steinen gefüllet und ausgeflochten werben , 
aufgeführet, welches ein Sach» oder Riegel: Werk heiſſet. 
An aufgemauerten Gebäuden hat der Zimmermann allein die 
Balken zu firecfen , und das Dachwerf aufzufezen. 

Das Bauholz wird im Walde gefället , an einem 
geraumen Orte mit der Bindapt ausgefchlagen, mit dem 
Schlichtbeil geſchlichtet, mit der Ereusart gelochet, 

abge⸗ 


* 





Chrifti Augend. 728 


abgebunden , dag ift, die Stücke mit ihren Zapfen in die 
Sugen gerichtet, alsdenn der Bau gehoben. Wenn er 
völlig aufgefezt oder gerichtet ift, wird von dem Bauherrn 
den Fimmerleuten ein Hebmahl gegeben, oder wie es ans 
derswo heiffet, der Aranz (welchen einer von den Zimmer- 
geſellen mit befondern Ceremonien oben auf die Firft des 
Baues Heftecket) verſchenkt. Auſſer den fchon benannten 
. Werkzeugen braucht ein Zimmermann noch: Sägen, Weis 
feln, Klammern, ein Winfelmaaß, Maaßſtab, Meß⸗ 
ſchnur und Rötel, die nöthigen Zeichen zu machen. 

leberdieh hat der Zimmermann viele Arbeit bey Bruͤ⸗ 
cken, Dämmen, Müblen, welche von Hol; gemacht werden. 
Bey diefen werben die Pfähle, die in dem Waffer fliehen 
müffen, vermittelt der Ramme oder Hoye in den Bo» 
den getrieben. Er macht aud) viele Arbeit aus Brettern, die 
auf der Säge s oder Schneid - Mühle dazu gefchnitten werden, 
insbeſondere Fußboden, Wände und dergl. 


Te 
Das Kind und die Rofen. 


Sin Kind gieng voller Luft in feiner Eltern Garten, 
Da fah es, hoͤchſt vergnuͤgt, viel Roſenbuͤſche ſtehn, 
Diefelben waren ihm recht lieblich anzufehn — 
Das Kind war ganz entzückt, die Nofen abzuwarten. 

Es machte fich gefaft, noch näher hin zu gehn. 
Doch, als es näher Fam, und ihre Stacheln fah, & 
So rief eg furchtfam aus: Ach nun bleib ich nicht da! 
Weil es fich nicht entfchloß die Nofen abzubrechen , 

Und voller Bangigfeit in feinem Herzen fprach : 

Nun denk ich erft betrübt der Sache reiflich nach ; 
Die Rofen Fönnten mich wohl in die Finger ſtechen; 
Drum baltich mich nicht auf — find fie gleich noch fo ſchoͤn 

Ecc Die 





| 
| 
| 
| 





726 Sechs und dreyßigſte Tafel. 


Die Roſen riefen zwar: Laß dich doch nicht erſchrecken! 
Wir Finnen dir gewiß die größte Luft erwecken. 

Sieh' unfern Purpur an, wir dienen jum Geruch; 
Brich uns nur herzhaft ab, mach ploͤzlich den Verſuch. 

Kein, fprach das Kind, verzagt: Bleibt auf den Buͤſchen 

| fliegen; 
Vor euren Stacheln will mir alle Luſt vergehen. 
Ich ſeh' euc) zwar entzuckt mit meinen Augen an, 
Nur daß ich mit der Hand euch nicht ergreifen kann; 
Denn diefes will fih nicht vor meine Yugend ficken + 
Indeſſen follt ihr mich von ferne doch, erquicken. 

So ift oft mancher Chrift, wie diefes Kind, beftellf. 
Wenn ihm der Tugend» Weg gleich herzlich wohl gefällt z 
So will er dennoch nicht die Bahn der Tugend brechen — 
Er will fi) lange noch mit Fleiſch und Blut befprecdhen. 
Und trift er bier und da des Kreuzes Stacheln an, 

So fehrt er furchtfam um von feiner Wanderbahn 
Blog duch Ein Hinderniß laßt er fid) abwärts lenken, 
Und meinet doc), vergnugt ans Varadies zu denfen. 


ee Leu ZLODZLLGERE ER 


8: 
Der Dianen- Terapel zu Ephefus. 


pheſus, eine ehemals hoͤchſt berühmte Stadt in Klein- 
afien, hatte ihren Ruhm und ihre Aufnahme vornehmlich dem 
dafelbft erbauten prächtigen Disnen : Tempel zu danfen, 
Es wurde derfelbe anfangs, nad) dem gemeinften Vorgeben, 
Yon den Amazonen erbauet, hernach aber von den Ephefiern 
dergeftalt vesherrlichet, daß ex für eins der fieben Wuns 
Dderwerfe der Weit gehalten wurde (a). Er lag eigent- 
lich zwiſchen ber Stadt und dem Hafen, an einem ſumpfigten 
Orte, wohin man ihn mit Fleiß baͤuete, um ihn vor dem 
Erdbeben in Sicherheit zu ſezen. Um aber eine folche Laſt 
gragen zu koͤnnen, hatte der erſte und berühmteite — 
Gr 





Chriſti Jugend. 727 


Cherſiphon/ zerſtoßene Kohlen in den Grund geworfen, 
Schaafsfelle mit der Wolle darauf gelegt, und den Tempel 
darauf gebauet. Er war 425 Fuß lang, und 220 Fuß breit; 
und hatte von auffen, auf drey Seiten, zwey Neihen Seulen, 
auf der vierdten aber acht Meiben. Inwendig ruhete er auf 
127 Seulen, weldye 6o Zug hoc; waren, und von eben fo 
vielen Koͤnigen gefhenft wurden. Die Thore waren von 
Hole aus Cypern, welches immer neu bleibt, dag übrige 
Holzwerk von Cedern ; und die Treppen, worauf man auf die 
Höhe des Tempels flieg, von einem Stamme eines Wein⸗ 
ſtocks aus Cypern. 

Das uͤbrige Gebaͤude war von weiſſem Marmor, wel⸗ 
chen man zuerſt aus der Inſel Paros wollte bringen laſſen — 
aber zufaͤlliger Weiſe entdeckte ein Hirte, auf dem Gebiete 
der Epheſier, einen ganzen Felſen von weiſſen Marmor, als 
ein paar Boͤcke im Kampfe mit den Hoͤrnern ein Stuͤcke da— 
von abgeſtoſſen hatten. Wegen dieſer guten Bothſchaft wur⸗ 
de Pyxidor, fo hieß anfangs dieſer Hirte, nachher Kvan⸗ 
gelus genannt. Ob fie nun gleich ven Marmor in der Naͤ⸗ 
be hatten, fo brauchten fie dad) 220 Jahre zur Erbauung und 
Vollendung diefes Tempels, wozu ganz Kleinaſtent und viele 
Koͤnige und Staaten große Koften beygeiragen hatten Er 
wurde mit vielen herrlichen Statuen, Gemaͤhlden und Sel⸗ 
tenheiten gezieret, abfonderlic mit einer prächtigen Bild» 
feule der Diana von Eifenbein, nach einer beſondern Ab— 
bildung. Gewoͤhnlichermaſſen wird diefe Goͤttin der Jagd 
mit einem zumehmenden Mond auf dem Kopfe, mit Bogen 
und Preilen gebiiter. — Die epheſiniſche Diane aber (b) 
‚hatte auf dem Haupte eine Mauerkrone, überaus viele Bruͤ⸗ 
fe, und dazwifchen alleriey Köpfe und halbe Leiber von Nies 
fchen, Hunden und Ochſen. Jene waren ein Simbild der 
Fruchtbarkeit, und zeigten an, daß fie eine Ernährerin ber 
Menſchen und Ihie:re wäre; dieſe aber folten ſie als die 
Goͤttin der Jagd vorüellen, 

Kaum war dieſer ireffliche Tempel fertig, fo fleckte ihn 
Heroftratus, um fich in der Gefchichte berühmt zu machen, 

ecce | A. 3594; 


“ 





‚728 Sechs und dreyßigſte Tafel. 


A. 3594 , eben in ber Nacht, da Alexander ver Große gebohe 
ren wurde, in Brand. Er wurde hierauf zum zweytenmale, 
eben fo prachtig erbauet, und gaben die Weiber ihr Gefchmeis 
de willig dazu her. Alexander wollte die Koſten dazu alleine 
tragen, wenn fie ihm vergönnen wollten, feinen Namen mit 
in die Heberfihrift des Tempels zu fezen. Allein die Ephefier 
waren zu fiol; in diefe Gnade zu willigen — fie lehnten diefel- 
be unter dem Vorwande ab: daß es nicht wohl flehen wuͤr— 
de, wenn fich die Öötter unfer einander felbft Tempel wid: 
men wollten. 

Diefer zweyte Tempel fund noch, da der Apoſtel Dauı 
lus das Evangelium zu Epheſus predigte — aber mit der Aus— 
brettung des Chriftenthums ‚, nahm fein Ruhm immer mehr ab; 
bis er endlich unter den Kaifern Gallus und Valufianus, 
von den Scythen wieder verbrannt wurde, fo daß man iezt 
von demfelben nichts mehr, als noch einige Weberbleibfel, vom 

dauer-Gewoͤlbe und zerbrochenen Geulen fieht. 


nz EEE NL GT 


9. 
Das unverhofte Wiederſehen. 


&.. englifcher Kaufmann, mit Namen Edmund, reifete 
nac) Tunis. Ihn begleitete ein iunger Menſch von ungefehe 
14 Sahren, den er an Kindes Statt angenommen hatte, und 
- welcher Barl hieß. Sein Geburthsname war unbekannt, 
Keil nun diefer Juͤngling fehr mißbegierig war, fo gieng er 
überall herum, um Alles zu befehen ; und weil er ſchon 
Zeichnen. gelernet hatte, fo gieng er auch zuweilen aufg Land, 
um ſchoͤne Gegenden aufzunehmen — unterdeffen beforgte 
fein Pflegvater feine Handlungsgefchäfte, 

Einftmale, da Barl durch ein angenehmes Wäldchen 
ohnmeit dem Meere gieng, fahe er einen reis, der in tie 
fen Kummer verfenkt, neben einer Duelle ſaß. Seine Klei— 
ding zeigte, daß er einer von ben Ungluͤcklichen fen a 

ie 





Chriſti Jugend. 729 


hier, wie an einigen andern Orten, unter dem Namen der 
Sklaven, als Vieh verhandelt werden. Neben ihn lag ein 
Jängft verwelfter Blumenfranz, den der Kite von Zeit zu Zeit 
in die Hand nehm, ihn mit gefenktem Haupte traurig Ans 
blickte, und eine Threne darauf fallen ließ. Mitleivige Neus 
gier bewog den iungen Engländer, fi ihm zu nähern. — 
Er redete ihn freundlich an, ſezte ſich vertraulich an feiner 
Seite nieder, und fragte ihn um die Urſache feines Kum— 
mers. Der Alte feufzte, fahe dem tungen Fremdling meh- 
muͤthig ing Geficht und ſprach: Laß die meine Gefchichte 
nicht erzehlen, o Züngling! denn wenn bu ein Herz Saft, wie 
ich, und noch empfinden Fannft, was ich empfunden babe, 
fo wäre deinem feben auf lange Zeit alle Freude benommen. — 
Der Züngling, deſſen mitleidige Reubegierde hierdurch nur 
noch mehr gereizt wurde, drückte ihm die Hand, und bat ihn 
inftändigft, fich durch nichts abhalten zu laſſen, ihm fein 
Unglück zu erzehlen. 

Da hub der Alte an: So wiſſe dann, mitleidiger 
Süngling! daß diefer Eleine Hügel, an dem wir fijen, ven 
fierblichen Theil des treuſten, des beſten weiblichen Gefchspfe 
bedeckt, welches ich einft die Meinige nannte. Gie beglei. 
tete mich auf einer Seereiſe, weil ich ohne fie nicht leben 
Eonnte. Ein heftiger Sturm verfchlug ung an die afrikanifche 
Küfte, wo wir von Seeräubern überfallen und gefangen ge- 
nommen wurden. Unterdeſſen milderte der Himmel unfer 
Ungluͤck dadurch, daß wir nicht getrennt wurden; denn mein 


gutes Weib und ich, nebfi einem unmuͤndigen Sohne, der noch 


an ber Bruft feiner Mutter lag, wurden von einem und eben 
demfelben Heren gekauft. Man wieß ung zwar die befchwer- 
lichften Arbeiten an, und begegnete ung oft mit unmenfchli- 
cher Härte; aber doch ertrugen wir unfer Schickſal mit Gedult, 

weil unfre Liebe Troft und Linderung in alle unfre Leiden goß. 
Sp waren num fchon zwey Jahre verfloffen, da es Gott 
gefiel — Hier flürzte dem Greife ein Strom von Threnen aus 
den Augen. Er mußte einhalten. Bag foll ich dir fagen, gy- 
ser Juͤngling! fuhr er endlich fort. — Siehe dieſen Hügel, er 
Ccc 3 ſagt 





"30 Sechs und dreyßigſte Tafel, 


fagt dir Alles. — In ihm liegt die Zufriedenheit und das Glück 
meines ganzen Lebens vergraben. — Über noch war mir et 
was übrig geblieben, welches meine gebeugte Seele mit 
der Welt verband — Es mar dag theure Pfand unfter fie 
be, mein Eleiner Sohn, ber nun das dritte Jahr zurück gelegt 
hatte — Ein tröftender Engel für mein blutendes Herz — 
Wenn er fo unfchuldig und ruhig in meinen Armen lag, fo oft 
ich an diefer mir heiligen Stätte mich niederfete, um meinem 
Herzen durch Threnen Luft zu machen; wenn er mit feinen 
Heinen Händen mich fireichelte und mich bat, nicht fo zu wei- 
nen, und ich in feinem Gefichte dann die Züge feiner theuren 
Mutter erkannte, ihn mit Subrunft an meine Bruft druͤckte, 
und in ihm feine verflärte Mutter felbft zu umarıen meinte; 
o fo hätte ich eine einzige Minute diefer wehmuͤthigen Woluft 
nicht um den Beſitz der ganzen Welt vertaufgt. 

Einſt, da ich wie gewöhnlich, um diefe Zeit der Mittage- 
hize, wo man mir verflattet ein wenig auszuruhn, an biefer 
Stelle faß, und meiner Betruͤbniß nachhieng, beſchaͤftigte fid) 
mein kleiner Giebling Blumen zu pflücken, und einen Kranz 
davon zu winden, den er an diefem Strauche bier, über dem 
Grabe feiner lieben Mutter aufhängen wollte. In der Abs 
ficht noch mehr Blumen zu holen, ließ er mir ven Kranz, der 
beynahe fertig war, und lief vem Strande zu. — Ein ploͤzli— 
ches Gefchrey, worinn ich feine Stimme erfannte, wekte mich 
aus meiner Schwermuthb auf — Sc lief eilend nach dem 
Strande : und — o Gott! da mußte ich mein liebes Kind in 
den Händen unmenfchlicher Räuber fehen, die ſchon mit vollen 
Segeln davon eilten! Vergebens fiehte ich Erd' und Himmel, 
Gott und Menſchen um Huͤlfe an — vergebens ſtreckte ich 
meine zitternde Arme aus, und bat die Unmenſchen, mich 
wenigſtens mitzunehmen! Aber die Raͤuber waren ſchon zu 
entfernt, um mein Jammergeſchrey zu verſtehen, und mein 
Sohn, mein armer kleiner Sohn — 

Liegt hier an ihrem Buſen! — rief der iunge Englaͤnder 
aus, indem er ſich mit wuͤtender Empfindung in die Arme des 
Greiſes warf, Lange bielien beyde ſich ſprachlos umfchlungen, 
bis 





Ehrifti Jugend. 208 


bis ihre gewaltſamen Empfindungen fich endlich in reichliche 
Freudenthrenen ergoffen. Das väterliche Herz kam allen an« 
dern Beweifen zuvor, und überzeugte den glücklichen Alten, 
daß er von keinem Blendwerke getäufcht werde ; fondern dag 
er wirflich feinen geliebten verlohrnen Sohn wieder in feinen 
Armen halte, 
Nachdem beyde dag Vermögen zu reden wieder befom- 
nen hatten, erzehlte Rarl, daß er feiner Entführung, auch 
des Umſtandes, daß er damals eben Blumen gepflückt babe, 
da man ihn geraubt hatte, fich immer lebhaft bewußt geblie- 
ben wäre; daß er aber weder des Namens feines Vaters, 


noch des Landes, wo er als Kind mit ihm gelebt hatte, ſich 


iemals wieder habe erinnern Finnen. Die Seeraͤuber hätten 
ihn damals nah Amerika gebracht, und ihn einem fpanis 
fchen Sklavenhaͤndler verkauft. Von diefem fey er an einen 
englifchen Kaufmann verhandelt worden, der ihn bald, wie 
feinen Sohn, lieb gewonnen, ihn mit fih nach England 
gebracht, umd in Ermangelung eigener Kinder, ihn zum Erben 
feines ganzen Vermoͤgens eingeſezt habe. Und diefer fein 
Mohlthäter ſey iezt in Handlungsgefchäften nit ihm nad) 
Tunis gefonmen — Diefe Erzehlung wurde oft durch neue 
Umarmungen, und durch neue Ergiegungen des väterlichen 
und Findlichen Herzens unterbrochen. h 


Dann eilte der entzücdte Juͤngling feinen lieben Pfleg⸗ 


vater aufzuſuchen, um ihn zum Zeugen feines unverhoften 
Gluͤcks zu machen. Der Greis und Edmund hatten ſich 
kaum einander begrüßt, als ihre Blicke ſtarrend an einander 
Hängen blieben. Dein Name, lieber Greis? — fragte ber 
Kaufmann. Iſt Edmund, erwiederte ber Alte; und der 
Deinige? — ft der Name deines glücklichen Bruders 
ſchrie Edmund, und warf ſich fprachlog in die Arme des 
ganz betäubten Greiſes — der iunge Menſch blieb mit ſtarren 
Augen und mit offenem Munde, wie verfeinert, fliehen, 
ohne ein Wort hervorbringen zu koͤnnen. — Was ieder von 
ihnen in diefen Augenblichen einer ſtummen, uͤberſchwenglichen 
Empfindung fühlte, kann mit Worten nicht befchrieben werden, 


— Endlich 





732 Sechs und dreyßigſte Tafel. Chriſti Jugend. 


Endlich kam es zu Erlaͤuterungen; und da fand es ſich, 
daß der iuͤngere Edmund ſeinen Bruder fuͤr todt gehalten 
habe, weil er ſeit ſeiner Abreiſe von England nie wieder et— 
was von ihm habe erfahren koͤnnen, daß er ihn betrauret, 
und fein anſehnliches Vermögen in Befiz genommen habe. 
Er erzehlte ferner, daß der iunge Karl zur Zeit da er ihn 
kaufte, feine Mutterſprache verlernt gehabt habe, daf er da- 
ber nie habe auf den Gedanken kommen koͤnnen, daß er fein 
Neffe fen, weil er ihn für den Sohn irgend eines Spaniers 
gehalten habe. — 

Der iuͤngere Edmund eilte darauf zu dem Herrn feines 
Bruders, uud Faufte ifu los. Du bift frey mein theurer 
Bruder, rief er ihm zu, da er zurück kam — — und Mor: 
gen fahren wir nach England — 

Aber mit innigfier Wehmuth mußte er hoͤren, daß fein 
Bruder veft entjchloffen war, den kleinen Ueberreſt feines 
Lebens an dem Drte zuzubeingen, wo die Geliebte Hülle fei- 
ner Gattin begraben lag. Alles Zureden mar vergebens. 
Es wurde daher befchloffen, am diefer Stelle ein kleines 
Haus bauen zu laffen. 

„ Bart verlangte, bey feinem Vater zu bleiben, um fet- 
neg Alters in dieſem Hauschen zu pflegen. Der iuͤngere Eds 
mund. hingegen reifete nach England ab , verkaufte feine 
Handlung, und kehrte darauf zurück, um gleichfals bey fei- 
nem Bruder, fo lange er noch leben würde, zugegen zu 


feyn. 


Kan 





733 
ENTER a TRATEN ENTE 
Sieben und dreyßigſte Tafel, 





I, 
Die Taufe Chriſti. 


RUhngefehr um das ſechs und zwanzigſte Jahr nach 

Chriſti Geburt, trat Johannes am Jordan auf, 
und machte kund, dag der Heiland der Voͤlker nun bald 
erfheinen und. fein geiftliches oder himmliſches Neich aufs 
sichten werde. Er Eeidete fi nad) Art der alten. Bros 
pheten, bielt fih in der Wuͤſte auf, und lebte von gerine 
gen Speifen. Sein ganzer Wandel war fo ausnehmend 
heilig, und feine Reden fo nachdruͤcklich, daß ihn bag 
ganze iuͤdiſche Volk für einen großen Propheten hielt. Um 
eben die Gegend , bey welcher ehedem die Kinder Iſrael 
trechenes Fußes durch den Jordan in das Land Kanaan 
Siengen , fieng er fein wichtiges Gefhäfte, die Taufe, 
en. Dies folte nehmlid das Mittel ſeyn, wodurch die 
Gemuͤther der Juden zur willigen Yufnahme des Meſſias, 
der nun bald oͤffentlich erfcheinen follte, vorbereitet würven. 
Denn er Ichrte bieienigen, welche er taufte, daß fie 
rechtſchaffene Buße tbun, undan den glauben follen, 
ver nach ihm Fommen werde. 

Nachdem nun Zohannes fein Gefchäfte faft drey Jah⸗ 
te gefrichben , und eine große Menge Fünger oder Anhäne 
ger fich erworben, alle Ssfraeliten aber nad) der Ankunft 
des Heilandes der Menſchen besierig gemacht hatte; fo 
fam Jeſus, da er in dag dreykiafte Tahr gieng, aus 

Odd Galilaͤa 


el 


734 Sieben und dreyßigſte Tafel. 


Galilda zu dem Johannes am Jordan, und ließ fich ven 
ihm taufen. Dieſer verminderte ſich ſehr, daß Jeſus 
die Taufe von ihm begehrte. Daß andere , bie der Beſ— 
ferung nöthig hatten, die Bußtaufe von ihm begehrten, 
war dag, was er nach feinem Amte erwarten Fonnte; als 
lein mit Jeſu war es ganz ein auderd, weil er alle Pflich- 
ten eines frommen Iſraeliten vollfommen erfüllete. So» 
bannes fagfe ihm daher, wie er doc) die Bußtaufe von 
ihm verlangen fönnte — er, ber die Buße nicht bebürfe, 
und der fo viel froͤmmer wäre als er, der ihm taufen 
folte — er wäre nicht würdig ihn zu taufen — Aber 
Jeſus wollte getauft werden, wie alle Jünger des Sohans 
nes getauft wurden. Er war fo befcheiden, daß er ver 
den andern Siraeliten aus, nichts eignes haben wollte, 
um fo weniger, weil er iezt noch ‚nicht Sffentlih für den 
Meßias erfläret war. Und dann wollte er auch öffentlich 
zeigen, baß er die Taufe und Lehre des Johannes für gut 
und Gott gefällig halte. Er fagte daher dem Johannes, 
daß es wohl gethan wäre, daß er von ihn getauft würde — 
und Johannes widerfprach ihm nicht weiter. Jeſus flieg 
alfo in das Waffer hinein (denn alfo ward die Taufe das 
mals verrichtet), und ward vom Sjohannes getauft. Und 
da er herausſtieg, fo öffnete fi der Himmel — ber 
Geift des Herrn erfchien über Chrifto in Geftalt einer Taus 
be, und es erfchallte eine Stimme : Das ift mein lie 
ber Sohn, an dem ich Wohlgefallen babe (a). Dieß 
war das Zeichen, an welchem Sjohannes erkennen follte, 
welche Verfon der Meßias ſey — Daher zeugete er auch 
von der Zeit an von Jeſu, daß er der Sohn Gottes, der 
Heiland der Menfchen wäre, und wies feine eigene Juͤn⸗ 
ger zu ihm. Ueberhaupt machte Johannes unter den Füs 
den ungemein viel Aufſehen; weil es aber die Sünden 

des 





Die Taufe Chriſti. 735 


bes DVierfürften Herodes fehr ernftlich beftrafte, fo wurde 
er von diefem Herrn ing Gefängniß geworfen, und ende 
lich auf Bitten, feiner böfen Gemahlin enthauptet. (ec) 


Jeſus gieng fodann nad) feiner Taufe in die über dem 
Jordan gelegene große Wüfte, theils, fid) in der Stille zu 
feinem wichtigen Amte durch Faſten und Beten vorzubereis 
fen; theils aber auch, eine große Berfuchung vom Satan, 
dem Erbfeinde der Menfchen und ihrer Erlöfung, auszuhale 
ten. Derfelbe trat in Seftalt eines Menfchen zu Sefu (b), 
und muthete ihm allerloy Dinge zu, die der Hoheit feiner 
Derfon aͤuſſerſt unanfländig waren, und der Abficht feiner 
Sendung gerade mwiderfprachen. Er. verlangte nehmlid) 
von Jeſu, weil ihm nad) einem vierzigtägigen Faſten hun⸗ 
gerte, er follte feine Gottheit bemweifen, Wunder thun, 
und Steine in Brod verwandeln — oder fih von ber 
fürchterlichen Höhe des Tempels unbefchädiget herab fürs 
zen — oder, indem er ‚ihn auf einen hoben Berg führte, 
auf welchem eine weite Ausſicht in viele Länder war, er 
follte ihn anbeten, fo wolle er ihm alle diefe Länder fchena 
fen. — Diefer Vertwegenheit des Satans begegnete Jeſus 
mit Worten ber heiligen Schrift, und ſagte: es ſtehet ges 
fhrieben , der Menſch leber nicht vom Brode allein — 
Du ſollſt den Herrn deinen Gott nieht verſuchen — 
Du follft den Herrn deinen Gott anbeten und ihm 
allein dienen — er follte alfo feinen unverſchaͤmten Zus 
mufhungen ein Ende machen, und fich entfernen. Dieß 
geſchahe — der Betruͤger war zu Schanden gemacht — 
überwunden — verſtoßen — und Gottes heilige Engel 
traten zu Jeſu, und dieneten ihm. 


IEITRIR 


Dbd a Hilf 





‘ 


736 Sieben und dreykigfte Tafel. 


Hilf mir ieden Reiz der Sünden 
Jeſus Chriſtus, uͤberwinden! 
Will ich fallen, irre gehn, 
Laß auf dich, auf dich mich ſehn! 
Nicht des Reizes, nicht des Spottes 
Achten = Nur ber Worte GSottes. 
Mein Gemiffen bleibe rein, 
Und mein Herz wird Freude feyn. 


RT LET 0 


2 ME 
Die Taufe der Katholifen und der Griechen. 


N, Taufbandlung gefchieht in der römifhFatholifchen 
Rirbe (a) folgender maffen : Nachdem der Priefler fich 
vor Gott im Gebete gefammlet, die Hände gewafchen, bie 
Amts » Kleider angethan, und in diefem Anzuge, von feinen 
Zugegebenen begleitet, zur Kirchthüre gekommen iſt, wo 
man drauffen auf ihn martef ; fragt er die Taufzeugen, was 
für eisı Kind fie der Kirche zubringen, ob fie die Pathen 
feyn , ob fie in dem Eatholifchen und apoftelifchen Glauben 
zu leben und zu ferben gedenfen, und mag vor einen Na- 
men fie dem Kinde geben wollen ? Darnach thut er an fie 
eine Ermahnung zur Andacht, melde fie bey diefer Hand⸗ 
lung zu bezeigen haben. Er fährt fort, nennt das Kind 
mit feinem Namen, und fpricht, was begehrſt du von 
der Rirche? der Pathe antwortet : den Glauben. Der 
Prieſter fährt fort und fragt : was iſt des Glaubens 
Frucht? Antwort: das ewige Keben. Der Priefter : 
wenn du zum ewigen Leben gelangen willft, fo halte die 
Gebote Gottes: du follft den Herrn deinen Gott lies 

ben 


Die Taufe Ehrifli. 737 


ben von deinem ganzen Zerzen, u. f. w. barauf bläst 
er dem Kinde breymal ing Gefiht und fpricht zugleich : 
Sabre aus! aus diefem Rinde, du unreiner Geift, 
und mache dem heiligen Geifte Plaz ! Nach diefent 
macht ee mit dem Daumen der rechten Hand ein Kreuz auf 
des Kindes Stiene, und ein anders auf feine Bruft, und 
fagt ; empfahe das Zeichen des Kreuzes auf die Stir— 
ne und das Herz ıc. Er nimmt feine Müze ab, fpricht 
ein Furzes Gebet , legt die Hand auf bes Kindes Haupt, 
welches er fachte berührt, und betet zum andernmal. Als⸗ 
denn fegnet er das Salz, nimmt davon, und thut ein 
wenig in des Kindes Mund mit den Worten : empfabe 
das Salz der Weisheit. Kr betet zum brittenmale, bes 
deckt fich und beſchwoͤrt den Fürften der Finſterniß. Am 
Ende der Beſchwoͤrung macht er abermal ein Kreuz auf des 
Kindes Stirne , legt ihm die Hand auf und thus noch ein 
Gebet. 


Nach dieſem vierdten Gebete bedeckt ers mit dem Ein, 
de feines Rocks, zieht eg bey einem Zipfel der Windel, 
und führt es fo in die Kirche. Die Pathen gehen mit bins 
ein und fprechen , indem fie zum Taufſtein treten, mit 
dem Prieſter dag apoftolifche Glaubensbekentniß und dag 
Vaterunſer. Beym Zaufftein beſchwoͤrt der Priefter den 
Teufel noch einmal , und nimmt dann mit dem rechten Dau—⸗ 
men Speichel aus feinem Munde : damit beftreicht er tie 
Ohren und Nafenlöcher des Kindes und fpricht , indem er 
das rechte Ohr berührt , ein bebräifches Wort, welches 
heiſſet: werde aufgerban! mie ber_ Heilend zu ienen 
taubgebohrnen Stunmen ſagte. Hierauf wird dag Kind 
aufgewunden, menigftens bis unter die Schultern, da its 
deffen ber Priefter das heilige Dehl zurechte machet — ber 
Pathe nimmt das entbloͤßte Kind, und haͤlt es gerade über 

Doddz3 den 





138 Sieben und dreyßigſte Tafel. 


den Taufftein ; die Amme halte bey den Füßen, fo, baf 
das Kind gegen Niedergang gefehret iſt. Der Briefter fragt 
das Kind, ob es dem Teufel, feinen Werfen und feinem 
Weſen abfage, und der Parhe antwortet wie gewoͤhnlich. 
Der Priefter falbt das Kind ztoifchen den Schultern creuz⸗ 
weiſe und legt darauf den violetbraunen Nod ab, zieht eis 
nen weiffen an, fragt das Sind aufs neue wegen feines 
Slaubeng , morauf der Pathe fiatt feiner autiwortef. Der 
Schluß diefer langen Vorbereitung iſt, daß der Priefler 
dag zur Taufe geweihete Waſſer nimmt, dreymal Freuzmeis 
fe davon dem Kinde auf die Stirne geußt, und im Angief 
fen ſagt: Ib tanfe dich ꝛe. dabey er fich forgfaltig in 
acht nimmt, daß er bey iededmaliger Angießung einen der 
Namen der heil. Dreyeinigfeit ausiprede. Nach der Bes 
fprengung mit dem Waffer, falbt er das Kind kreuzweiſe auf 
dem Haupte, und thut ihm eine meiffe Leinwad auf das 
Haupt , melches das weiſſe Kleid bedeutet , deffen in heil, 
Schrift gedacht wird. In die Hand des indes, oder 
vielmehr des Pathen fteckt er eine brennende Wachskerze. 
Dieß find die Taufgebräuche,, welche der Prieſter mit eis 


ner Ermahnung endigt ; die er aber unterläßt, wenn dag 


Rind in Todesgefahr ift, mit Vorbehalt , diefelbe nach- 
zuholen, wenn es ſich mit demſelben wieder beſſert. Iſt 
aber die Todesgefahr ſo groß, daß zu beſorgen iſt, man 
moͤchte nicht den Prieſter erreichen, ſo wird das Kind von 
der Wehemutter getauft. 

Bey der Taufhandlung der Griechen, oder der Ruß 
fen (b) kommen viele merkwürdige Umſtaͤnde vor. Sobald 
das Kind zur Welt gebohren ift, beruft man einen Priefter, 
um eg zu reinigen ; welche Reinigung fich denn über alle 
Anweſende erſtrecket. In der Kirche ſteckt der Prieſter eis 
nige brennende Kerzen, die ihm die Gevattern darreichen, 

auf 


Die Taufe Chrifti. 739 


auf das Taufgefäffe: hernach räuchert er die Gevattern 
und weihet dus Waffer ; darauf geht er mit denſelben drey⸗ 
mal in Proceffion um den Taufbrunnen, und der Geiftliche 
der vorangeht , trägt dag Bildniß des heil. Johannes. 
Nach dem Befentniffe,, welches die Taufzeugen im Namen 
des Kindes hun, daß er dem Teufel, feinen Engeln und 
feinen Werfen abfage, folget die Beſchwoͤrung, welche 
auffer der Kirche verrichtet wird , damit der Teufel, wann 
er aus dem Leibe des Kindes ausfährt , bdiefelbe nicht ents 
heilige. Die Taufe felbft gefchieht durch eine dreyfache 
Eintauchung im Namen des dreyeinigen Gottes, Nach 
der Taufe legt der Priefter dem Kinde ein Körnchen Salz in 
Ben Mund , verrichtet die Salbung Freusmeife , zieht ihm 
ein weiſſes Hemd an , und fpricht: iezt bift du eben fo 
rein als diefes Jemd , und von den Slecken der Erb» 
fünde gereiniget. Endlich hänget man dem Finde, zum 
Zeugniß, daß es die Taufe empfangen babe, ein kleines 
Kreuz, von Gold, Silber ıc. um den Hals , welches 
es bis in dag Grab fragen muß. Die Gevattern bey der 
zuffifchen Taufe halten fih gegen die Zäuflinge fehr vers 
pflichtet, und betrachten biefelben , als leibliches Ges 
ſchwiſter. Auch heben die Pathen des erſtern Kindes als 
le folgenden Geſchwiſterte aus der Taufe, Das Rind 
befommt allezeit den Namen besienigen Heiligen, der om 
Tage ber Taufe im Kalender fieht , daher denn bald mie 
der Taufe geeilet ,„ bald diefelbe verfchoben wird, Bey 
ieder Taufhandlung wird ber Brunn, oder dag groffe Ges 
fäfe mit frifchem Waſſer angefüllet, weil fie glauben, daß 
felbft das Waffer durch die Erbſuͤnde des Kindes ſey verun⸗ 
zeiniget worden. 





u 


Odd4 





740 Sieben und dreyßigſte Tafel, 


2 
Chriſtliche Geſchichte. 


DT), fo wichtige und aller chriftlihen Jugend zu wiſſen 
unentbehrlihe, fchöne, Geſchichte der Chriften und ih⸗ 
ver Religion in einem kurzen und doch vollfiändigen und 
faßlihen Auszuge zu liefern, wird es gut feyn, diefelbe 
nach dreyen Abtheilungen zu entwerfen, und in der ers 
ſten die Geſchichte der chrifilichen Religion überhaupt, in 
ber 3weyten, die Gefchichte der größeen chriftlihen Reli— 
gions » Partheyen,, und in der dritten, die Öefchichte der 
kleinern chriftlichen Religiong - Partheyen abzuhandeln. 


1. Die Geſchichte der chriftliben Religion über, 
baupt fann in vier Perioden abgetheilt werden : 


1. Die erfte Periode geht von dem Anfange des 
neuen Teflamentes, oder von der Geburt Chriſti big auf 
des Kaifers Conffantin des Großen öffentliche Bekentniß 
zur chriſtlichen Religion; oder vom Jahre Chriſti ı big 
211, und begreift alfo zıı Jahre. In dieſer Periode wur 
de die chriftliche Religion von Ehrifto ſelbſt, feinen Apos 
ſteln und Tüngern und den erfien Rirchenlebrern oder 
Rirchenvätern ausgebreitet. Die Apoſtel, infonderheit 
Petrus und Paulus, zogen in verfihiedenen Ländern ums 
her und predigten das Evangelium, welches auch fogleich | 
son vielen Zaufenden , fonderli in Iudda, Syrien, 
Bleinafien, Griehenland,, Italien und Egypten ans 
genommen wurde. Zu Antiochien wurden die Jünger zuerſt 
mit den Namen Chriften benennet. Im zweyten Jahr⸗ 
hunderte breitete ſich die chriftliche Religion in Galler, 

Spanien, 





Die Taufe Chrifti. 741 


Spanien, Brittanien, einigen Gegenden in Deutfch 
land, Sarmatien ; im dritten aber auch in Arabien 
und Schottland aus — doch waren in allen diefen Ländern 
die Chriften nur hin und wieder zerſtreut, und Ichten un. 
ter beſtaͤndigen Verfolgungen ; wie fie denn insbefondere, 
unter den heibnifchen Kaifern, zehe harte und graufame 
Verfolgungen zu erdulten haften. Unter den Kirchenlehs 
rern machten ſich vornehmlich Clemens, Ignatius, Ter⸗ 
tullianus, Origenes und Gregorius berühmt. Sin dies 
fer Periode behielt die chriſtliche Kebre ihre urfpringliche 
Reinigkeit. Man wußte nod) nichts von prächtigen Tem⸗ 
peln und vielen Feſten, und die Kirchenzucht wurde gegen 
grobe Sünder mit aller Schärfe geführt. 


2. Die zweyte Periode geht von bem Befent 
niße Conſtantin des Großen bis auf die Trennung der 
Iateinifchen und grichifhen Kirche: oder von zıı, big 712, 
und begreift 401 Jahre. Nachdem fih Kaifer Conftantin 
Der Große zur chriftlichen Religion sffentlich bekannt hatte, 
fo wurde diefelbe die herrſchende Neligion im römifchen 
Reiche, obgleich nod) viele Heiden, fonderlich in den Doͤr⸗ 
fern waren. Auſſerhalb demfelben nahmen die Aethiopier, 
die Iberier , die Gothen, die Irlaͤnder, Britten 
und Sranfen, die Bayeın, Schwaben, Weltphalen, 
Diederländer und Schweizer den chriftlichen Glauben an. 
Es wurden Kirchen und ARlöfter gebaut, und der öffents 
liche Gottesdienſt barinnen gehalten, auch neue Sefte, und 
fichlihe Bedienungen verordnet ; Glocken und Orgeln 
geſtiftet, und zur Erhaltung und Vertheibigung der reinen 
Lehre einige Rivchenverfanimlungen gehalten, vornehms 
lich zu Klices,. Ronftantinopel, Epheſus und Chal— 
cedon. Die berühnitefien Lehrer in diefee Periode waren: 
Euſebius, Atchanaſius, Bafılius, Ambrofus, Chry 

Dbd5 ſoſto mus, 








72 Sieben und dreykigfie Tafel. 


foftomus , Hieronimus und Auauftinus. Auch zu 
diefer Zeit hatten die Ehriften viele Werfolgungen von dem 
Kaifer Tulianus , von den Urianern und Mahomeda— 
nern zu erdulten. 


3. Die dritte Periode geht von ber ' Trennung 
ber Tateinifchen und griechifchen Kirche , bis zu den Anfang 
der Trennung der roͤmiſchkatholiſchen und profeftantifchen 
Kirche , oder von 712, big 1517, und begreift 805 jahre. 
Die Trennung der lateinifchen oder occidentalifchen und 
sriechifehben oder orientalifhen Kirche entflund im Anfan- 
ge diefer Periode , nachdem die griechifhen Biſchoͤfe zu 
Konſtantinopel anfiengen über das vorzügliche Anfehen ber 
Biſchoͤfe zu Rom eiferfüchtig zu werden, auch die vielen 
Bilder aus den Kirchen fchaffeten und lehrten, daß ber 
heilige Geift nur vom Vater, und nicht vom Sohne aufs 
gehe. Die chriftliche Religion breitete fich intzwiſchen uns 
ter den Schfen, Dänen, Schweden, Böhmen, 
Maͤhren, Polen , Bulgariern und Sclavoniern, un⸗ 
ter den Mormännern : Nuffen, Ungaen, Pommern , 
Norwegern, Finländern, Nügern, Lieffändern, Preuffen, 
fithauern und Samogieten aus, Es wurden viele neue 
Bisthuͤmer gefliftet , verfchiebene neue Sefte, die Inqui⸗ 
fition , die Hoftien oder Oblaten beym heil. Abendmahle, 
und die Roſenkraͤnze eingeführt, auch verfchiebene Geſeze 
wider die Ehe der Driefter gemacht, neue Orden geftif- 
tet, und die Beiligen Kriege geführt. Die berühmtefien 
Kirchenserfammlungen waren : die Iateranifchen , lionnis 
fen, das coftnizer und basler — und bie berühmteflen 
Lehrer : Damaftenus , Anaſtaſius, Bernbardus, 
Thomas Aquinas, Duns Scotus, Taylerus und 
Thomas von Rempen. Die Chriften wurden von den 
Tuͤrken, ben heidniſchen Normaͤnnern, Dänen und 
i Menden, 


Die Taufe Chriſti. 743 


Menden, Slaven, Preuffen und Fitthauern ; und unter 
den Chriften, die Waldenfer , Wiklefiten und Hußiten 
fehr heftig verfolgt. 


4. Die vierdte Periode geht vom Anfange ber 
römifchFatbolifchen und proteftantifchen Kirche , big auf die 
gegenwaͤrtigen Zeiten. Zu diefer Trennung gab vornehms 
lic) die Gerfündigung gewiffer Indulgenzien , oder eines 
großen Ublaffes, welchen der Papſt allein verliche, und 
welchen Johann Tezel, ein Dominikaner Minh , in 
Sachſen verkuͤndigte, Anlaß. Gegen biefe Bredigten und ans 
dere Lehren ber Fatholifhen Kirche, lehrten Luther und 
mehrere Öelehrte — und es Fam endlich, nach vielen ges 
haltenen Reichstaͤgen, vormehmlid den zu Augsburg 
(Tab. XLIX, 4.), und nad) dem weſtphaͤliſchen Sries 
ven fo weit, daß fih bie profeflantifche Kirche von der 
römifchkatholifchen frennete. Dieß gefchahe vornehmlich 
von 1517, bis 1648, , Beyde Religionen bereiteten fich ins 
mer mehe aus, vornehmlich die Fatholiiche, in Indien, 
China, und Tapan, am Kupbrat und in Armenien — 
und die proteftantifche unter den Malabaren ; obgleich dies 
felbe vornehmlich in ben Niederlanden , in Franfreich und 
Salzburg, und durch das tridentinifche Concilium viele 
Widerwaͤrtigkeiten erfahren mußte. Diefe Periode pranget 
mit den frefflichfien Kebrern. In der roͤmiſchkatholiſchen 
Kirche machten fich vorzüglich berühmt : Caietanus, Bel 
Iarminus , Boſſuet, Senelon, Du Pin, A4uetius, 
le Long, Maſſillon ze. In der reformirten Kirche: 
Zwinglius, Calvinus, Spanbeim, Vitringe, Saw 
win, Lampe, Watts, Doddridge , Stapfer ꝛc. In 
der Lutherifchen Kiehe : Kutber , Melanchthon, Tu 
fius Jonas, EChemnitins, Arndt, Gerhard, Carpı 
300, Geier, Scriver, Spener, Sranfe, Buddeus, 

Micha⸗ 





744 Sieben und dbreyßigfte Tafel. 


Michaelis, Rambah, Teller, Mosheim, Baumgar 
ten, Jeruſalem, Suͤßmilch ꝛc. 


I. Was num die Geſchichte der groͤßern Religis 
ons : Partbeyen insbefondere_betrift,, fo Fann biefelbe 
nach) folgendem Plane am faßlichflen abgehandelt und bes 
balten werden: 

1. Die roͤmiſche Kirche. Die Glieder derfelben 
nehmen die geiftliche Dberherrfchaft und Gerichtsbarkeit des 
Dapftes , oder Bifchofs zu Nom an, und werden baher 
bald Dapiften, bald Ratholifhe, auch Lateiner ge- 
nannt. Bie ift nicht auf einmal entftanden , fünbern nad 
und nach , durch die ſtufenweiſe herangewachſene Gewalt 
und Herrlichkeit der römifchen Bifchäfe, und die von ihnen 
vorgenommene Einführung mancher Lehren und Gebräuche, 
aufgefommen. Die eigentliche Gründung derfelben gefchahe 
sornehmlich im fiebenten, achten und neunten Sjahrhunders 
te , da ber römifche Bifchof von den damaligen Saifern die 
böchfte Gerichtsbarkeit in der Kirche erhielt. Vom neumten 
Jahrhunderte an flieg fie zum hoͤchſten Anfehen, welches 
von Zeit su Zeit abfenderlich durch die großen Trennungen, 
bald verringert, bald wieder vergrößert wurde. Ihre Uns 
terfheidungs : Kehren betreffen : 1) die Untrüglichfeit 
und hoͤchſte Gerichtsbarkeit des Pabſtes, =) den unbeduns 
genen Geherfam gegen die Kirche und ihre Verordnungen, 
3) die Verdienflli_gfeit des Glaubens und der guten Wer- 
fe, 4) bie Zahl und Befchaffenheit der Sacramente, deren 
fie..fieben haben, nehmlich: die Taufe, die Firmung, 
Bas Abendmahl, die Buße, die geiftlihen Drden, den 
Eheftand und die legte Oehlung. 5) Die Nothwendigkeit 
der DOhrenbeichte , 6) die rechtmäßige Entziehung des 
Kelchs im Abendmahle, 7) die Verbindlichkeit menſchlicher 
Yuffäze von Faſten, Unterfhieb der Speiſen, Buß» Uebim- 

gen, 


Die Taufe Chriſti. 745 


sen, NHerfagung einiger Gebetsformeln , Verehrung ber 
Heiligen und ihrer Leberbleibfel und Abbildungen auch Walls 
farthen — 8) bas Fegfeuer, und bie moͤgliche Befreyung 
aus demjelben durch anderer Verdienſt und der Kirchen Ges 
walt. Der Papfi, welchen fie für den Stadthalter 
Ehrifti auf Erden, für den Nachfolger Petri, und dag 
fihtbare Oberhaupt der Rirche halten, hat feine Reſi⸗ 
den; feit etlich bumbdert Jahren in Rom, im lateraniſchen 
Pallaſt, bey der Engelsburg. Die Wabl eines Papſtes 
gefchieht duch die Rardinaͤle im Conclave, welches vies 
le Eleine Zellen im vatifanifchen Pallaſte find, und in mels 
chen fich die Kardindle einzeln verſchlieſſen. Sie gefihieht 
entweder durch Eingebung (Rompromiß), oder am mei« 
fien durch das Sfrutinium und Acces. Nach der Wahl 
wird er mit der Tiara , oder großen Müze mit drey gold- 
nen Kronen gekrönt, (a) und allgemein verehret. Auſſer 
dem Papſte umd feinen fiebenzig Kardinälen, giebt es in 
der römifchen Kirche noch : Erzbiſchoͤfe, Bifchöfe, Prä- 
Isten , Uebte, Domberren, Rapitularen, und uns 
zehlich vielerley Orden, Mönde und Nonnen (Tab. L, 
2.4.). Sie ift die herrſchende Kirche in Spanien und 
Dortugal , in einigen Landfchaften der Schweiz und in 
den Sfterreihifgen Niederlanden , in Italien, Frankreich, 
Nolen , Ungarn , ©iebenbürgen und einigen Ländern 
Deutfchlandes. 


3. Die griechiſche Kirche. Sie beſteht aus den 
Gemeinen, melde die Ausfprüche der fieben erfien allge 
meinen Kirchenverfammlungen annehmen, und mit Verwer⸗ 
fung der päpftlichen GerichtSbarkeit, unter den vier Patrir 
erden, zu Konflantinopel, Alerandrien, Antiochien und 
Serufalem , oder doch wenigftens in Gemeinfchaft mit den- 
felben ſtehen. Sie ift im eilften Sahrhunderte duch Mich— 

al 





746 Sieben und dreyßigſte Tafel. 


ael Cerulsrius völlig zu Stande gefommen , nachdem 
fhon im zweyten, der Streit wegen beftimmter Geyer des 
Diterfeftes, im fünften und fiebenten der Streit über den 
Vorzug des römifchen Bifchofes, und im achten die Bilder. 
ffürmerey , zu diefer Trennung Anlaß gegeben hat. Ihre 
Unterfheidungsiehren betreffen : 1) das Ausgehen bes 
heiligen Geiſtes vom Water alleine, 2) die Nothiwendig- 
feit des dreymaligen Untertauchens in der Taufe, 3) den 
nothivendigen Gebrauch des ungefäuerten Brodes im Abend» 
mahle , wie auch den Genuß deßelben von Kindern, 4) bie 
nothwendige Enthaltung vom Blut und Erftiten, 5) bie 
Derwerfung des Papſtes, 6) die Verehrung und Anruf— 
fung der Engel, Heiligen, Bilder und Reliquien, 7) bie 
fieben Sacramente: Die Taufe, bie Salbung nad der 
Taufe, die Communion, die Beichfe, die Ordination, bie 
Ehe, die lezte Salbung. 8) Die Strafe einiger Ausers 
mwehlten nach dem Tode, umd bie Fürbitte vor viefelben. 
Der Patriarch zu Ronftantinopel (b), welcher die Ober, 
ftelle unter den übrigen hat, mird von der ganzen Kleriſey 
gewehlt, doc ift dieſe Wahl fo lange ohne Nachdruck, big 
ihm der türfifche Kaifer nad) überreichtem Tribute, die Kon⸗ 
firmation ertheilet. Dieß gefchieht nicht nur vermittelft eis 
nes Briefes, fondern auch durch Verehrung eines weißen 
Dferdes, eines Patriarchen Stabs, einer ſchwarzen Kaps 
pe, und eines geblumten Unterrocfes. Auffer den tier 
Patriarchen, hat diefe Kirche zu Vorfiehern und Lehrern 
auch Mietropoliten, Weltefte, DiaFonen, Archiman— 


driten, Officialen und Popen, ingleichen viele Moͤnche 


und Kremiten. Sie ift bie herrſchende Kirche in Ruß» 
fand , hat aber auch im tuͤrkiſchen Neiche , in Polen, 
Ungarn , Siebenbürgen und im ungarifchen Syrien freye 
gottesdienftliche Uebung. 

3. Die 


Die Taufe Chrifls 747 


3. Die evangelifh : Iutherifche Rirche, Sie 
ift in der erſten Hälfte des fechzehnten Jahrhundertes durch 
den Dienft Martin Luthers und feiner Gehuͤlfen, vom 
Papſttume abgefondert worden, und bekennt fich zu den in 
ver heiligen Schrift gegründeten Lehrbegriff, wie derfelbe 
in den Yrormal: und fymbolifhen Büchern ſowohl, alg 
öffentlichen Bekentnißen befonderer Gegenden enthalten 
und vorgetragen if. Martin Luther (c) anfangs Aus 
guftiner Moͤnch, nachmals Doktor und Profeffor der Theo, 
logie zu Wittenberg, fieng 1517 an, wider die Sndulgen- 
jien zu predigen , ward darüber zu Rede gefest, und, da 
er fortfuhe feine Gründe zu vertheidigen, ia den Dann 
gethan, und in die Reichsacht erklärt. Es fanden fich aber 
Fürften , Gelehrte und Stande des deutfchen Reiches, die 
feiner Lehre Beyfall gaben und ihn unterſtuͤzten; big endlich 
er, und alle bie feiner Lehre beypflichteten, in einer 
Schrift, welche die augsburgijche Konfeſſion genennet wird, 
biefelbe Öffentlich behaupteten, und fo, nach und nach, eine 
eigene Neligions » Parthey ausmachten. Zu biefem Ges 
fhäfte half ihm vornehmlich Philipp Melanchthon (d), 
Profeffor zu Wittenberg, und Johannes der Beftändige 
Ehurfürft zu Sachfen. Diefe Proteftanten nahmen, nach 
ihren Unterfiheidungs: Lehren; nur zwey Sacramente 
on, die Taufe und das Übendmahl, welches leztere auch 
den Layen unter beyderley Geflalt, unter Brod und Wein, 
gegeben werden mußte. Berner behaupten fie, dag, um 
Vergebung der Sünden zu erlangen, nichts anders nöchig 
wäre, ald wahrer Glaube an Jeſum Chriſtum. Sie er. 
flären aber dieſen Glauben fo, daß er mit Buße, oder 
mit beftändiger Befferung der Seele entweder alfobald ver, 
fnüpft wäre, oder daß er fie fogleich wirken müßte, wenn 
er ein wahrer Ölaube ſeyn follte. Ueberhaupts nehmen fie 

feine 





748 Sieben und dreygigfte Tafel. 


feine von den Unterfcheidungslehren ber Fatholifchen Kirche 
an. Bie erkennen auch Fein fichtbareg Dberhaupt ber 
Kirche, fondern haben zu Vorftehern und Lehrern berfel- 
ben: Eonfifiorien, Superintendenten, Senioren, Aebte, 
Doftores, Prediger, Pfarrer ꝛc. Sie ift die berrfchen: 
de Kirche in Dänemark, Norwegen, Schweden, Preußen, in 
Liefland, Sjngermanland und dem ruſſiſchen Antheile an 
Sinnland; hat in Deutfhland, Siebenbürgen und Kurland 
gleiche Nechte mit den NömifchFatholifchen , und cUe Re— 
ligiong » Sreyheit in ben vereinigten Niederlanden, in Eng» 
land , im ruffifchen und türfifchen Reiche , ift aber in Un» 
garn und Polen ziemlich eingefchränft. 


4. Die evangelifh » reformirte Rirche. Sie 
iſt unter den neuern abendländifchen, von den lutherifchen 
unterfchiedenen Kirchen , die erfte und ſtaͤrkſte, welche fich 
im Anfange des ſechzehnten Jahrhundertes, bey der grofs 
fen Reformation, mit den Lutheranern vom Papſtume abs 
gefondert, denfelben auch am nechſten fommt, doch in vers 
fhiedenen Lehren, fonderlih vom Abendmahle und der 
Gnadenwahl von ihnen abgeht. Sie werden auch Zwing: 
Tianer, Calviniſten, Hugenotten und Presbyterianer 
genannt. Schon 1718 gieng bie Siechenverbefferung in 
der Schweig durch Ulrich Zwinglius (e) zu Zuͤrch, und 
Johann Decolompadius zu Bafelan. Nachdem aber zu 
Wittenberg durch Andreas Larlitadt ız21, in ber Lehre 
vom Abendmahle, und durch Abſchaffung mancher Kirchen - 
gebräuche einige Unruhe entflanden ; fo beflritien die 
fchmweizerifchen Lehrer 1524 einige von Luther behauptete 
Lehren , und blieben auf ber zu Marpurg 1529 gehaltenen 
Unterredung, verfchiedener Meinung. Endlich brachte 
Johann Calvinus (NM, nebft feinen Gehülfen, zu Genf 
und in der Schweiz, ſowohl den Lehrbegriff, als auch die 

Kirchen⸗ 


Die Taufe Chriſti. 749 


Kirchenverfaſſung derfelben, Gemeinen in mehrere Ordnung 
und genauere Einſchraͤnkung; welchem nachher die meiften 
Gemeinen, auch an andern Orten beygetretten find. Die 
Unterfcheidungsiehren biefer Kirche betreffen: 1) dag 
heil. Abentmabl, inden fie die wirkliche Öegenwvart deg 
Leibes und Blutes Eyriffi verwerfen, und eine bios geiff« 
lie Genießung dejfelden durch den’ Glauben zugeben ! 
2) die Gnade Gottes, Sowohl den Grund bderfelden im 
unbedungenen Rathſchluß Gottes uͤber der Menſchen Se 
ligkeit und Ve erdammniß, als auch der Urt ihrer unwider⸗ 
ſezlichen Wirkung; 3) die Kirchenverfaſſung und bie gottes— 
dienſtlichen Gebraͤuche, dabey fie auf eine gaͤnzliche Abs 
ſchaffung aller, aus dem Alterthume beybehaltenen Gewohn⸗ 
heiten, Bilder, Cruzifixe und dergl. dringen. Zu Vor— 
ſtehern und Lehrern haben fie gleichfals Conſiſtorien, Ael- 
teſte, Prediger und Diakonen. Sie iſt die herrſchen⸗ 
de Kirche in den vereinigten Niederlanden, in einem Theis 
le von der Schweiz und in Schertland ; hat in Deutfch« 
land und Siebenbürgen gleiche Rechte mit den Katholifen 
und futheranern, und in einigen Öegenten der Schweiz 
mit den Katholiken ; wird in England , Ungarn und Polen, 
Curland, Daͤnemark, Schweden und RNußland gedultet , 
hat auch in Preuſſen alle Religions-Freyheit, wird aber 
in Sranfreich "unterdrücfet. 


5. Die engländifche evangeliſche Kirche. Es 
theilet fi) dieſelbe in die bifchöfliche und presbyterianiſche 
Kirche. 


a: Die biſchoͤfliche Rirche iſt 1548 unter Beil 
Könige Eduard VI entſtanden, nachdem ſchon Heinrich 
VIE die Abſenderung vom Papſtume zu Stande gebracht 
und vornehmlich den Kehrbegriff der Neformirten angenoms 
men hatte. Sie wird dur; Behaͤuptung einer Nothwen— 

Eee bigfeit 


7x0 Sieben und dreyßigſte Tafel. 


bigfeit der bifchsflichen Kirchenverfofims und Annehmung F 
des Glaubensbefentnißes der 39 Art:Fel, mie auch der 
P-iturgie, oder des gemeinen Gebefbuches, von den uͤbri— 
gen Gemeinen unterfchieden. ie halten, nad ihren übs 
rigen Unterfiheidungslehren, den König vor das Obers 
haupt der Kirche, erheben das Anfehen der Kirdhenväter 
fehr hoch, und dulten, in Anfehung der wichtigſten Leh— 
ren fehr verfchiedene Meinungen. Ihre ZAlerifey wird in 
die bobe und niedere cingetheilt. Zu jener gehören bie 
Erzbiſchoͤfe, Biſchoͤfe und Praͤlaten; in diefen Orden 
aber die Prieſter und Diakonen. Die zwey Erzbiſchoͤfe 
zu Kanterbury und von Nork ſind die vornehmſten, und 
zugleich Primaten des Reichs. Sie herrſchet in Eng— 
land und Irland, und unter den Englaͤndern, welche 
ſich in den vereinigten Niederlanden, in Schweden und 
Nußland aufhalten ; haben auch dafelbft freye gottesdienftlie 
che Uebung; ia man laffet ihnen auch den flillen Got, 
tesdienft zu Bourdeaux und Livorno zu. 
b. Die Presbyterianer , welche auch ons 
Fonformiften und Puritaner genennet werben, haben fich 
durch Verwerfung der Biſchoͤfe, und behauptete allgemeis 
ne Gleichheit der gottesdienfilichen Lehrer, auch Gerichts, 
barfeit der Berfammlungen derfelben in Kirchenfachen, von 
den übrigen Genteinen abgefondert, fonft aber den Lehrs 
begriff der reformirten Kirche angenommen. Sie find in 
Schottland gleich bey der Reformation, in England aber 
nach und nach, unter den Königinnen Maria und Klifas 
betb eniftanden. 
Ill. Auffer diefen groffern Neligiong - Partheyen gab 
und giebt es in der, chrilichen Kirche noch Fleinere Pars 
tbeyen, Seften, Rezereyen und Anhänger PER 
dener Meinungen. Hieher gehören 





s. vor⸗ 


Die Taufe Chriſti. 751 


1. vormalige irrglaubige Partheyen des chriftlis 
‚Sen Alterthuns: Die Eroflifer, welche in dem goͤttli— 
chen Weſen eine manchfaltige Öartung von Geiſtes-Ausge— 
burten annahmen , welche fie die Fülle naunien ; Die 
Manichaͤer, die zwey hoͤchſte Grundweſen, ein gutes und 
ein böfes gläubien ; Die Arianer , welde den. Sohn 
umd den Geiſt Gottes für Gott» äßmliche Geſchoͤpfe bielien; 
Die Delegianer, welche das allgemeine natürlihe Verden 
ben der Menſchen Jeugneten. 

2. Die Gemeinen, Tie ech vor der Aefor: 
mation vom Papſtume abgeſondert baben, nehmlich: 
Die Wiklefiien, welche vornehmlich ın England, ſchon von 
1370 an, die Gewalt der Öeiftlichen und der Paͤpſte beſtrit— 
ten, und die heil. Schrift zum einigen Grund der Cats 
fcheidung der Glauberslehren annahnıen ; ein gleiches thaz 
ten auch die Waldenſer und die Außiten, welche fich 
vornehmlich uͤber der Vertheidigung dee Unſchuld des zu 
Rofinis 1415 verbrannten Johann Auß, als auch der 
wieder eingeführten Haltung des Abendmahls unter bey- 
derley Gefialt, vom Papjtume abfonderten. Die boͤhmi— 
fben Brüder haben fi) im 15 Jahrhunderte von den mit 
den Papiften mehrentheils versinigten Raligtinern Umelche 
den Kelch im Abendmahle gebrauchten, ihn auch zu ihreni 
Seldzeichen machten) abgefondert und einen reinern Lehrbe— 
geiff auch Gottesdienſt, gröftentheils nach waldenfifcher 
Verfaſſung, nebſt einer eigenen genauen Kirchenzucht ans 
genommen. ” 

3. Dieienigen Gemeinen , die ſich jur Zeig 
der Reformation, und narb derfelben durch eigene 
Meinungen befannt madten, vornehmlich: Die So 
cinianer, weiche Chriſtum blos für einen vergsiterten Mens 
fhen hielten , die Erbfünde gänzlich Idugneten, und zum 
Eerea Grund 


| 


752 Sieben und dreygigfte Tafel. 


Grumd ihrer vermeinten Religion, nur die Schriften des 
neuen Teflamentes annabmen ; Die Wiedertäufer, deren 
Haupt Thomas Münzer u Hunfier m Weſtphaten mar, 
welche vornehmlich die Nochwendigkeit der Wiedertaufe bes 
haupteten, wenn man cin DUued cyieı Gemeine werden wollte). 
wohin auch Mennoniſten geboren; Die Arminisner 
oder Remonfiranten, vie von der refermirten Kirche aus— 
gegangen find, und vornehmlich in Anfebung der natürlis 
chen Kräfte des Menſchen, der Verföhnung Chriſti, und 
anderer Grundlehren ehe unbeſtimmte und zrocifelhafte 
Lehren vortragen; Die Schwaͤrmer, Sanstifer und In 
fpirirten, unter welchen Mr Cuackers oder Tremulan- 
ten die berübmteften find, welche ein inneres Licht allen 
übrigen göttlichen Offendarungen vorziehen, auch in Ans 
fehung der Suͤnde und der Kicchenverfaſſung eigene Meis 
nungen haben, alle bejtellten Lehrer verwerfen, und jedem 
den Vortrag des göttlicyen Wortes erlauben , welcher ies 
derzeit mit vielen enthuſiaſtiſchen Bewegungen begleitet ift; 
Die Separstilten, Schwenkſelder und dergleichen, mel; 
che alles äufjire Worr uuo bie Sacramente verachten und 
vorgeben, daß die Kirche in einer fihtbaren Gemeinfchaft 
blos gläubiger Perfonen bejiehe — welches auch die Herrn—⸗ 
huter annehmen, welche Gemeine von einem Grafen von 
Zinzendorf gefliftet wurde, und vornehmlich den Gebrauch 
des Geſetzes verwirft, und den Glauben an Chriſtum in 
finnliche innerliche Empfindungen feget; Die Dietiften, wels 
ce mehr auf beſchauliche als gründliche Theologie halten, 
und, aus üdertriebener Scheinheiligfeit, oft die beften, uns 
fchuidigften Dinge, Reden und Handlungen, für Sünde 
halten. — — Mehrerer unzehlicher chriftlicher Gemeinen 
zu gefhmweigen. — — Auch der Religionsfpätter und 
Freygeiſter, die die heil. Schrift, und alle gründliche Got» 

tes⸗ 





Die Taufe Chrifti. 753 


teslehre enſweder aus Bosheit, oder aus Unmiffenheit vers 
werfen — der Arbeiten, welde die Mirflichfeit eines 
geitlihen Weſens befireiten — der Deiften, welche wohl 
eisen Sott, aber Eine nähere Offenbarung deffelden glau- 
ber — der Indifferentiften, welche die Grundlage der 
natürlichen Religion ri: binlängiih zur Beſtimmung und 
MWohlfart der Menfhen, aber alle Berfihiedenheit und Er 
weiterung derfelden durch frembe Zufäze, Für gleichgültig 
halten. — — 


4. 


Die Taufe der Reformirten und der 
Lutheraner. 


DM der Taufe der Reformirten (a), melche über 
baupt Feine Freunde von vielen ‘Ceremonien find, wird 
aus der Fiturgie die hiezu dienende Formul vorgelefen, und 
das Gebet verrichtet ; worauf der Kirchenticner tie Pathen 
einfältig befragt, ob fie fi im Kamen und anfiatt des 
Kindes zu demienigen verbinden, was diejes heilige Sa— 
crament von einem Ehriften erfordert. Nach : calpinis 
fchen Kirchendiſciplin fol fie nicht anders als oͤffentlich in 
der Kicche gefchehen. Doch findet dieß eine Ausnahme, 
wenn man unter den Unglaubigen, oder unter der Derfol 
gung lebt. Bey der Taufe der Erwachſenen aus Juden 
und Heiden, muß wie bey andern Chriſten Semeinen, gleich» 
fals das Bekenntniß vorgehen. 


Bey der Taufe der Autberaner‘b) hält der Seel. 
forger eine Erinnerungs» Nede und fpricht den KExorciſmum 
Gee 3 aus 


4 "Sieben und dreyßigſte Tafel. 


aus mit den Worten : Decke dieb fort, du unreiner 
Beift l und made den beiligen Geiſte Pla; ! Er 
macht hernach das Zeichen bes Kreuzes über das Kind, 
und fpriche s Nimm das Zeichen des Kreuzes anı 
Und indem er die Hand auf das Find legt, Ipricht er die 
Gebete, und wiederholet den Erorcifmum. Kurz vor der 
Zaufe werben die Pathen an des Kindes Statt befragt, ob 
fie dem Teufel und feinen Werfen abfagen, ob fie an ben 
dreyeinigen Gott glauben ꝛc. Die Änfprengung gefchieht zu 
dreyen malen; und wird alles mit Danffagung und Gebet 
und einer Ermahnung an die Taufpathen vollendet , welche 
zulezt dem Kinde dag Bathengeld geben, als ein Pfand 
ber Erfüllung ihrer Pflichten als Pathen. 


TI Sl mm —— 





5, 

Der Perlenfang. Die Korallen: Sifcheren. 
D ie Perlen werden in verſchiedenen Arten von Mits 
ſcheln gefunden, die theils zu den Auſtern, theils zu 
andern Muſcheln gehoͤren. Gemeiniglich hat eine Muſchel 
che als eine Perle, und zuweilen hat fie deren fo viel, 
8:5 das Thier daran fterben muß. Aber unter den vers 
SHiedenen Perlen, die in einer Mufchel gefunden werden, 
7 gemetniglich nur eine von befonderer Größe und Schoͤn⸗ 
hrit, die daher auch am meiſten geſchaͤzt wird. Die Per— 
len werden in allen Theilen des Leibes desienigen Thieres 
geſunden, welches die Muſchel bewohnet; in dem Kopfe, 
dem Magen, Eurg , in einem ieden fleiſchigen Theile deſſel— 
ben, 


* 


Die 


Die Taufe Ehrifti. 255 


Die Perlen find bey diefen Thieren eine Krankheit; 
ohngefehr fo eine Krankheit, als der Stein bey Menjchen 
und TIhieren if. Der Menſch, deſſen Eitelkeit auf die 
ſeltſamſten Dinge gerathen if, ift auch auf den Einfall 
gekommen, auf diefe Krankheit einen befondern Werth zu 
fegen , und fie zu feinem Schmucfe anzuwenden. 


Man findet die Mufheln, die diefer Krankheit unters 
mworfen find, in allen Theilen der Welt, ſelbſt in einigen 
Fluͤſſen Sadjfens. Die beſten Mufcheln diefer Art, dag 
iſt, die Eränfeften und gebrechlichffen finden fid) aber nur 
in den- Meeren um Afien , befonders in dem perfifchen 
Meerbufen; und die Berlen , die man daher erhält, wer— 
den orientalifche Derlen genernet, und am theuerften bes 
zahlt, weil fie größer, heller und ſchoͤner ſind, als andere, . 


f 


Da fih die Perlenmufcheln tief in dem Meere an bie 
Selfen unter dem Waffer vefte anhängen, und ihren Ort 
niemals verlaffen, fo iſt es eine mühfame und gefährliche 
Ürbeit, fie zu bekoumen. Man bat daher gewiſſe Leute, 
welhe Taucher genannt werden, und bie fih von Zus 
gend auf gewöhnen , eine Zeitlang, unter dem Waffer zu 
“ bleiben, ohne Athem zu holen; ia einige haben es fomeit 
gebracht, daß fie faft eine Halbe Viertelſtunde unter dem 
Waſſer bleiben Finnen. 


In dem perfianifchen Meerbufen fifchet man die Per- 
lenmufcheln nur zweymal im Jahre, nehmlich im Frühlins 
ge und Herbfie, weil die Krankheit alsdann am heftigſten 
unter den Mufcheln wuͤthet. Es Fommen viele hundert, 
ia oft einige taufend Fifcherfahne zufammen , in deren iden 
fich ein oder ziweg Taucher befinden. Die Kaͤhne merfen. 
an folchen Drten Anker, wo ſich Felfen unter dem Waſſer 
befinden, und wo das Waſſer noch fünf Klaftern tief if 

Eee 4 Als dann 


756 ‚Sieben und dreyßigſte Tafel. 


Alsdann bindet fi) der Taucher einen ſchweren Stein um 
ben Leib , und noch cinen an den Fuß, damit er befto 
geichiwinder auf den Grund komme, und von dem Waſſer 
nicht forigetrieben werde. Ex bindet ſich uͤberdieß ein ſtar— 
kes Seil um den Leib, deſſen anderes Ende an dem Kahne 
beveſtiget iſt, und mit welchem man ihn wieder heraus 
zieht, wenn er Athem holen will. In dieſer Verfaſſung 
laͤſſet er ſich auf den Grund hinunter, wo er ſich ſeine 
Zeit ſo gut als moͤglich zu Nuze zu machen ſucht. Er 
reißt alle Perlenmuſcheln, die er ſieht, (denn in dieſer 
Tiefe kann er unter dem Waſſer noch ganz bequem ſehen) 
herunter, und ſtecke fie in ein Nez, das er ſich um den Hals 
gebunden bat. Eobald fein Nez vol iſt, oder wen 
ihm der Athem fehlet, fo ihui er einen Ruck an bas Geil, 
hält fih mit beyden Händen an, und wird von denen, 
bie in dem Kahne find, ten Augenblick herauf gezogen. 
Oft bringet er fünfhimdert Muſcheln, oft aber kaum fünf 
jig mit (a). 

Das Waffer ift in dieſen Gegenden gemeiniglich fehr 
belle ; fonft wärde der Taucher nicht fehen kͤnnen, mag 
um ihn if. Wenn er aber einen Raubfiſch Fommen böret, 
fo macht er dag Maffer zumeilen trübe, damit der Fifch 
ihn nicht fehe. Allein demohngeachtet werden immer viele 
Taucher von den groffen Fiſchen gefreffen, und andere 
werden oft nur mit einem Arme, oder einem Beine herauf 
gezogen. Auch find manche fo begierig mehr Muſcheln zu 
befommen , als ihre Nachbarn, daß fie vor großer Begierde 
auch das Athemholen vergeffen, und unter dem Waſſer 
erſticken. 


Wenn ein Taucher mehr Muſcheln findet, als er auf 
einmal ſortbringen kann, ſo leget er ſie auf einen Hau— 
fen zuſammen, kommt herauf, Luft zu ſchoͤpfen, und taucht 

dann 


Die Taufe Ehrifti. 757 


dann wieder unfer , um feinen Schag zu holen, wenn ihm 
derſelbe nicht geſtohlen werden ;, denn bier giebt es auch 
Diebe unter dem Waller, Weil die Kähne fehr nahe bey 
einander fieyen, fo geichieht es oft, daß die Taucher un— 
ter dem Waſſer zufammen Fommen, und fich ſchlagen, wenn 
einer den andern feinen zujammen gelefenen Haufen Mus 
fiheln entwenden will. 

Man fiſchet die Perlenmuſcheln nur des Vormitages, 
und iſt dieſe Arbeit fo ſchwer, daß die Taucher des Tages 
nicht über fieden big achtmal untertaucdhen Finnen. Menn 
der Mitag beranrückt, fo fahren ale Kaͤhne an dag Ufer. 
Hier machen fie eine große Menge viereckiger Gruben, bie 
vier bis fünf Fuß tief find. Die Eide, tie fie aus den 
- Gruben graben, werfen jean ber Seite, in Geſtalt klei— 
ner Hug lauf. Auſſen an diefe Hügel legen fie Lie erbeu— 
teten Perlenmuſcheln, eine lieben der andern. Da dag 
Thier nur allein im Waffer zu leben gewohnt ift, fo. muß 
es bier auf die grauſamſte Art verſchmachten. Indem es 
ſticbt, öffnet fh auch die Echale, und bleibt offen, 
Wenn nun das Sleifch verfaulet iſt, fo fallt die Perle 
aus der Muschel, im die dabey befindliche Grube, aug 
welcher man fie hernach hoiet , und fie von dem Sande 
und andern Unreinigkeiten reiniget. Kan liefet fie aus, 
fortiret fie nach der Größe , undverfauft fie. 


Die Berlen haben den Vortheil, daß fie weder ges 
ſchliffen ncc) poliret werden dörfen. Sie haben allen ih. 
ren Glanz und ihre ganze Schönheit von Natur. Man 
hat weiter nichts noͤthig, als ein Loch durch;ubohren, 
wenn fie ein Loch haben follen. Die unäcten Perlen 
weisen in Europe von ben Schuppen des Weißfifches ges 
want, die faft eben den Glanz haben, als die natürlichen 
Ferien Dan biäfer erfi geſchmolzenes Glas in befondern 

Ceos For, 


758 Sieben und dreyßigſte Tafel. 


Formen zu fehe dünnen Perlen , läßt hernach eine Maffe, 
bie von den Schuppen des Weißfiſches zubereitet wird, 
hinein laufen, welche, wenn fie trocken geworden ift, durch 
bas Glas durchſcheinet. Endlich füllet man diefe ges 
machten Perlen mitt. weißem Wachſe aus. Der Eıfinder 
dieſer Kunſt hieß Janin. Was man aber im gemeinen 
geben Perlenminiter nennet, Fommt nicht von der Scha, 
le der Perlenmuſchel, fondern ven einer ganz andern Mus 
fhel her, die auch das Seeohr heiſſet. Sie har den 
Namen blos daher, weil. fie inwendig fo weiß und helle 
wie eine Perle ift, übrigens aber mit allerley Farben 
ſpielet. 

Die Korallen, deren es weiße und rothe giebt, 
wurden ehemals durchgaͤngig zu den Pflanzen gerechnet, und 
daher auch Steinpflanzen genannt. In den neuern Zei— 
ten aber zeigten einige anſehnliche Naturforſcher, daß dieſe 
Seekoͤrper, ohngeachtet ihres pflanzenartigen Anſehens, 
nichts anders, als die Wohnung gewiſſer kleiner Thierchen 
waͤren, und von den Thierchen ſelbſt gebauet muirden. 
Denn man hatte nach fleißig angeſtellten Beobachtungen 
wahrgenommen, daß die auf der aͤußerlichen Rinde der 
rothen Korallen befindlichen Warzen ſich in dem Waſſer von 
einander theilen, und gleichſam einen ſechseckigen oder acht» 
ecfigen Stern vorfeller, welcher nicht, wie man fonft 
glaubte , die Korallenbläthe, fondern ein lebendiges, 
fchleimigeg Thierchen, nehmlich ein fegenannter Polype 
ift; denn die Theilchen dieſer fogenannten Korallenblüchen 
ziehen fich nicht ne auf die geringfie Berührung mieder in 
die Smwifchenräume der Korallen zuruͤcke, fondern bewegen 
fi) auchy wie die Füße und Arme Tebendiger Tiere, und 
erſtarren in heiſſem Waffer, ohne ſich auffer deinfelben wies 
der einzuziehen. Doch iſt es unter den heutigen Naturfors 

ſchern 





Die Taufe Chrifti. 759 


fchern immer noch eine ſehr fireitige Sache, ob alle Kor: 
allen und fleinige Seegewaͤchſe durch Polnpen gebaut wers 
den, oder ob nicht wenigſtens einige Urren unter die Pflan- 
zen gehören, und nur bios von den Polypen zur Woh- 
nung aufyejucht werden. 

Sie wachfen häufig in dem mitfeländifchen Meere um 
Sardinien und Sicilien herum , ingleichen um Maiorka 
und an den Grenzen um Katalonien. Die Sifcherey der 
Korallen (b) gerchieht vom Aufange des Aprils bis zu 
Ende des Juli, und werden öfters 200 leichte Fahrzeuge 
dazu gebraucht, welche große Seegel fuͤhren, daß fie den 
Korfaren und fürkifchen Galeeren entwifchen Einen. Das 
mit nun die Sifcher die Korallen, welche unter hohen Fels 
fen und Aigen, in einer Tiefe von funfzehn bis hundert 
Klaftern, ım Deere wachen , hervor und herauf brin- 
gen mögen, fo fügen fie zwey Hölzer kreuzweiſe zuſam— 
men, und fen in die Mitte ein großes Stüf Bley, dag 
Hol; dadurch finfend zu machen , alsdenn binden fie ges 
wife Neze, oder nur Hanf und Flache daran, und lafe 
fen denfelben zottig eines Fingers lang, herunter hängen: 
das Kreuzholz aber binden fie mit zwen langen und flarfen 
Seilen an dag Vorder. und Hintertheil des Schiffes und 
fahren damit neben dem Felfen ber. Sobald der Hunf 
oder Flachs an einen Korallenzweig kommt, wickelt er ſich 
um denſelben, und ziehet ihn mit fort. Wenn denn dag 
Kreuzholz fol gepoben werden, muffen wohl 15 bis 2a 
Schiffe helfen , daß fie daffelbe mit den Korallen herauf 
‚ beingen , davon iedoch noch viele abbrechen, und wieder ind 
Meer fallen. 


6, 


160 Sieben und drenfigfte Tafel. 
6, 


Verfertigung der Schoͤpf⸗Roͤhr⸗ und 
er ringbrunnen. 
96 


Wa weder dad See⸗-noch das Flußwaſſer zum Trinken 
umd zur Zaͤrichrung Der Speiſen und des Getraͤnkes taug— 
lic) iſt, fo wid. das Quellwaſſer auf allecley Art 
und Weile, fowohi zu den Bebuͤrfnißen als zum Bergnüs 
gen der Menſchen benuzet. Es giebt daher Schoͤpf— 
brunnen , NRöbrbrunnen, Pumpen, Eifternen und 
Springbrunnen, welche ale ber Brunnen- oder Röh- 
renmeiſter verfertigek. 

Der Schöpforunnen (A. b.) wird ein oder mehr 
Slaftern tief ausgegraben, damit es ihm an frifchem Waſ—⸗ 
fer nicht fehlen me. Man ſchoͤpfet daraus dag Waſ— 
fer mir einem Eimer, der an cine lange Stange gehangen, 
und entweder aus freyer Hand, oder mit einem Sprengel 
eingejenft und ausg haben, oder an einem Geil oder Keks 
te, fo über ein Rad, oder um eine Rolle, Winde oder 
Ziehbaum gefchlagen, niedergelaſſen und aufgezogen wird. 
Diefe Brunnen mäffen, nachdem fir ausgegraben find, und 
Maffer genug haben, mit Feidesjieinen ohne Kalk, damit 
das Waſſer deffelben Geſchmaͤck nicht annehmen möge, aus— 
‚geführt werben. 

Durch eine Pumpe (e) wird dag Waffer in Nöhren, 
durch Auf- und Niederdrucden, das ift, durch Bewegung 
eines Kolben in einer Roͤhre und fogenaunten Stiefel in 
bie Höhe gehoben , ımd damit viel höher gebracht, abs 
fonderlih duch Drudwerfe, als durd) alle andere Ma— 
fhinen. Es gehoͤret dazu, auffer dem Pumpenfioce, 
ein Ausguß oder Kolbenroͤhre, ein Steckel oder Anſtock— 

fiel, 






— —— 


— — 


— 


— Va 


Die Taufe Ehrifli. 761 


- fiel , ein Zugftengel mit tum Rolben und Leder, cin 
Schlagthuͤrlein oder Ventil, damit man die Waſſer einige 
Lachder hoch aus einem heben kann. 


Die Röhrbrunnen (d) bekommen ihr Waſſer von ei 
ner davon entlegenen Quelle unter Der Frden duch Röhr 
ven, und geben ſolches verpendifular auf bie 
liegende REN gezapften Ständer oder andern Aufſaz wies 
ber von ſich. 


durch einen 


Wenn man Mangel am ſuͤſſen Waſſer bat, oder in 
den Veſtungen, grabt man an einem dazu bequemen Det 
in die Erde tiefe Gruben , welche man fuuber und rein 
ausmauren läffet, um barinn das Regen- und Schnee— 
Maffer , durch gewiffe dazu gemachte Köhren zu ſammlen, 
und zum Gebrauch aufzuheben ; und folche Waffergruden 
werden Ciſternen (c) genennet. Wenn man bergleichen 
Gruben in der Erde nicht tief anlegen kann, fo verbauet 
man diefelbe über der Erde mit einer guten Mauer, und 
decket fie zu , damit die Sonne nicht dazu kommen, und 
alfo das Waffer darinnen rein und frifch bleiben möge. 


Springbrunnen oder Sontsinen (a) find. dieicnigen 
Behältnige , darinnen das Waſſer von einer nahe oder 
weit davon gelegenen Höhe , durch Möhren, geführt, 
und dafelbft zum Springen gebracht wird, Es wird zu 
denfelben erforbert : ein ziemlich erhabener Ort, wo in 
einem Keffel, oder in einem Troge dag Waſſer geſammlet 
wird, fo gemeiniglih Der Waferfhaz heiffer ; die Aoh: 
ren, wodurd das Waſſer aus diefem in den Springbeuss 
nen geleitet wird ; der Auffag, daraus er fpriuget, und 
der Raum oder die Kinfaffung des Brunnes , welche auch 
Baſſin genannt wird. Der Aufſaz fowohl als dag Bas 
fin kann auf verfchiedene Art verändert , und dag hir; 


Gilde 


* 


762 Sieben und dreyßigſte Tafel. 


ausſpringende Waſſer in verſchiedene Figuren durch aller— 
ley angenehme Veränderungen gebraht werden, 


Zur Anlegung und Erhaltung diefer verfchiedenen Waſ— 
ferwerfe werden gemeiniglich , vornehmlich in großen Staͤd— 
ten, Brunnſtuben und Waſſerkuͤnſte angelegt. Die 
Brunnſtube iſt ein eingefangener geräumiger Ort, da eine 
oder mehr Adern einer Quelle, als in einem Gemache, zus 
fammengebracht werden, von denen fie ordentlich ausge: 
theilt werden und auslaufen. Die Wafferkunft iſt Cie 
Maſchine, welche gemeiniglih auf einem Ihurme , oder 
Berg , oder einem andern hohen Drie angelegt wird, 
um das Waffer fo tief fallen zu laffen, als es in dem 
Springbrunnen in die Höhe fleigen foll. 

Die prachtigften Waſſerwerke findet man in Finiglis 
chen oder fürftlichen Luſt-Gaͤrten, vornehmlich zu Verfaik 
les (B), einem Föniglich = franzoͤſiſchen Luſtſchloſſe, vier 
Stunden von Paris. Es ift daßelbe von König Ludwig 
dem vietzehnten ven 1661 bis 1678, vermittelft eines Aufs 
twandes von mehr als zwey Millionen Livres, zu einem 
der prächtigiten Lufifchleffer in der Welt erbauet worden. 
Die gröften Koften verurfachten die prächtigen und vorher 
noch nie gefehenen Wafferwerfe, zu welchen die Seine durch 
fünftlihe Maſchinen hat hergeleitet werden muͤſſen. Eini— 
ge von diefen fpringesden Luſtwaſſern, welche meifiens aus 
groffen Fupfernen Figuren, bis zu einer erflaunenden Hys 
he , fpriigen, find mit Gittern verfchloffen und werden 
nur bey großen Feyerlichkeiten losgelaſſen; die uͤbrigen 
ſpringen den Sommer hindurch beſtaͤndig. Auſſer dieſen 
unzehlich vielen und manchfaltigen Fontainen haben die Ge— 
baͤude des Schloßes und die Gaͤrten zu Verſailles alles, 


was die Augen entzuͤcken kann — Die ſchoͤnſten Auge 
ſichten und Begenden — die anmuthigiten Gänge von ho— 


ben 











Die Taufe Chrifti. 763 


ben Hecken, die in Figuren gefchnitten find, und beftändig 
unter der Öcheere gehalten werden — ganze Walder von 
Citroen » und Pomeranzen » Bäumen — taufendfache Ars 
ten von Örotten, die mit Mufcheln und Bergerz gezieret 
find — eine ungehliche Menge Bildfäulen von Erz, Mars 
mor und Alabaſter — alte Gefälle von allen Arten von 
Stein, in denen die Kunſt über ihre Schranken geſtiegen 
zu feyn fcheinet — eine Baufunft von ber edelſten Einfalt, 


aber, auch von mehr als Fönigliher Draht — der befte 
Marmor aus allen Gegenden — die ſchoͤnſte Mahlerey, 
Bildhauerey und Vergoldung. — Kurz, bier ſcheint ‚der 


Yusbund aller europaͤiſchen Herrlichkeiten zu feyn. — 


| 7 . | 
Die Wirfung des blinden Glaubens, 


> 

E.. Wandersmann reifete einft durch eine große Stadt, 
wo ihm auf feinem Wege zuerft ein fremder Bettler begegs 
nete, der ihn um ein Allmoſen anfprach, indem er fügte, 
er wäre der Religion wegen vertrieben, und bätte fein 
ganzes Vermögen dabey eingebüffet, Ich habe, ſagte er, 
lieber meine ganze Wohlfahrt verlieren, als den Glauben 
verlaſſen wollen, in welchem ich bin auferzogen worden. 
Der Wandersmann fieng darauf an, ihn zu examiniren, 
und fragte: Wie viel find Götter ? Darauf antwortete 
iener : Es find zwey Götter, nehmlich, dag alte und dag 
neue Teflament. Der Mann wollte darauf nichts weiter 
fragen, ſondern gieng fort, indem er fich darüber ver— 
tunderte : Wie ſich einer der Armuth und Landfluͤchtig— 

keit 


764 Sieben und dreyßigſte Tafel. 


keit aus Liebe zu einem Glauben unterwerfen koͤnnte, von 
welchem er doch nicht die geringſten Begrifſe haͤtte? 

Kurz darnach begegnete er einem andern, den man 
zum Galgen fuͤhrte, weil er aus Eifer feinen Bruder ci» 
mordete, welcher eine andere Neligion angenommen hatie, 
Diefen eifrigen Moͤrder eraminirte er auch, und unier Ai 
dein fragte er iyn: Wie viel find Sacramente ? Hierauf 
erhielt er zur Antwort : Es find deren drey, Dar: 7 
Sohn, und Heiliger Geiſt. Diefes verurſachte ihm eine 
noch größere Verwunderung, weil biefer leztere aus Eiſfer 
für eine Religion, die ihm unbekannt war, Leib und Lies 
le aufopferte. 

Seiner Ueberzeugung und feinem Glauben getreu biki- 
ben, und demfelben alles aufopfern, ift gut — aber gleich) 
gut und nothwendig ift : Glauben und Forſchen und im— 
mer mehr fernen mit einander vereinigen, und dabey Die 
zwey gefährlichen Klippen ber DBielwiffenpeit und der Un— 
wiſſenheit vermeiden. 


8: 
Neptun. 


U den Meergoͤttern, welche die alten Griechen und 
Roͤmer verehrten , behauptet Neptun die erjie tele, 
Er war ein Sohn des Saturns und der Rhea, und wur 
de von der Arno in Baͤotien auferzogeny nachdem feine 
Mutter »dem Saturn, der alle feine Kinder gleich nach 
ihrer Geburt twieder fraß, ein iunges Fuͤllen zu verſchlin⸗ 
gen gab. Weil er feinem Beuder, dem Jupiter, nad) des 

Satuens 


Die Taufe Ehrifti.. — 


Saturns Vertreibung aus dem Himmel, gegen die Tita— 
nen getreulich beyſtund, bekam er, in der Theilung der 
Welt, das Meer mit den darinn liegenden Inſeln, zu 
feinem Antheile. Seine Gemahlin war, die Ampbitrite, 
welche, als fie ihn durchaus nicht haben wollte, und daher 
beftandig vor ihm flohe, endlich von einem Deiphin 
beredet wurde, wofuͤr denn Neptun das Bild biefes Unter 
händlers mit unter die Sterne verfeste. Als er mit der 
Minerva in Streit gerieth , ob die Grade Athen von ihm 
oder von ihr den Namen baben follfe, und im Areopage 
der Ausſpruch geſchahe, daß, wer von Ihnen etwas vor 
zuͤglich Nüzliches erfinden würde, ſolche Ehre haben folk 
te, brachte er ein Pferd herfuͤr; verfpielte aber damit 
gegen den Oehlbaum der Minerva, und mußte baher Athen 
von berjelben benennen laffen. Da er fi mit andern 
Göttern gegen den Jupiter auflehnte, wurde er verur: 
theilet, mit dem Apollo, dem Laomedon die Mauern von 
Troia bauen zu helfen ; den er aber auch gar empfindlich 
bezahlte, als er ihm den beöungenen Lohn vorenthielt ; 
indem er nicht nur beffen Land mit Waſſer uͤberſchwemmete, 
fondern au ein graujames Seethier hervorbrachte — dem 
endlich auch Defione , des Laomedon Tochter vorgeworfen 
werden mußte — welche aber Herkules noch glücklich bes 
freyete. Er fol die Kunſt zu reiten und zu fehiffen chs 
funden haben ; und wird als eine nackende oder auch blau 
bekleidete Mannsperſon, mit ſchwarzen Haaren, blaueit 
Augen und einer Gabel mit drey Zaden in der Hard ges 
bildet — der auf einen Wagen, welder wie eine Mu— 
ſchel geſtaltet iſt, faͤhret, und vor ſolchem vier Bferde 
geſpannet hat, welche von hinten wie Fiſche, mit einem 
Schwanze geſtaltet waren. Die Tritonen, Nereiden, 
Naiaden, welche von oben wie Menſchen und unten wie 

Fff Fiſche 





266 Sieben und dreykigfte Tafel. 


Sifche ausſahen, und die Sirenen mit ihren Hoͤrnern 
begleiteten ihn. Er hatte. feine Tempel vornehmlich zu 
Kom, in Griechenland, auf dem taͤnariſchen Vorgebirge — 
und weil er alg der Stifter der Erdbeben und ber Stürme 
gefürchtet wurde, fo verehrten ihn vornehmlich die Schiff. 
leute, welche ihm entweder einen Anker over ein Segel 
tuch widmeten. 


ELLE —— 


| 9. 
Das Kind am Rheinftrome, 


En Knabe ſchoͤpfte, mit einem Loͤffel, Waſſer aus dem 
Mheinftrome , und goß es in ein klein Naͤpfchen. — 
Mas wilt du damit, fragte ihn ein worbeygehender Wan⸗ 
derer — Den ganzen Strom dahinein füllen, daß ich fein 
inneres Weſen und den Grund deffelben Fennen lerne — 
Einfältiges Kind , fagte der vernünftige Fremde — Doch 
— dir kann man biefen lächerlihen Einfall verzeihen! 
Henn aber der Menſch, in die engen Grenzen feines 
Verſtandes, alle das Unendliche im gettlihen Weſen — 
das Unerforfchlihe in den Gebeimnißen feiner Neligion 
faften will — welch ein Findifehes, vergebliches Beginnen ! 


2 


Acht 








Acht und drepfigne Tafel, 





I, 
Erſte Klaffe der Wunderwerke Chriſti. 


New Chriſtus iene große Verſuchung vom Satan 
ausgeſtanden, und den Sieg davon getragen hatte, 
Hieng er nad) Galilda zuruͤcke; trat als Lehrer von Gott 
gekommen oͤffentlich auf, und verkündigte allen Meufchen 
die große Veränderung , welche in Sachen der Neligion 
nun mit dem wenfchlichen Geſchlechte Vorgehen follte. Er 
firchte durch feine vortrefflicden Predigten, allen, bie ihn 
herten , einen richtigen Verſtand des göttlichen Geſezes 
beyzubringen — ihnen die Abfichten, in welcher er auf 
die Erde gefommen war, zu erklären — bie Hoheit feiner 
göttlihen Berfon ihnen zu zeigen, und alle Menſchen 
jur würdigen Anbetung Gottes, und zur Ausübung fche# 
ner Tirgenden zu ermuntern — frz, fie auf eine ehicklis 
che Emwigfeit vorzubereiten — auf eine Emigfeit, in mels 
he et endlich durch fein verdienftliches Leiden und Sterben 
einen Glaubigen veran gieng. Kine ſo ſchoͤne Predigt 
hielt er unfer andern einmal auf einem Berge (e), weil 
ihm fo viel Volk nachfolgte, und er gensthiget wer, zu 
ihrer Unterweiſung einen etwas erhabenen Drt aufzuſuchen. 
In dieſer trefflihen Bergpredigt redet er von großen 
Seligfeiten, deren bie Frommen, die geiftlih Armen und 
Demuͤthigen, die Sanftmuͤthigen, bie Betrübten y. die 
F ff: Barm⸗ 


768 Acht und dreypigfte Tafel. 


B aemherzigen , Ybie Reinen, die Friedfertigen , die Der- 
folgten, und alle, welche nach ber Gnade Gottes fich ſeh— 
nen, theilhaftig werden follen — erklärt ihnen ſeines Va— 
ters Gebote und ermuntert fie zum Gebet und zum Eins 
gang durch die.enge Pforte in dag ewige £eben. 


Alle diefe göttlichen Lehren zu befräftigen, und bie 
Maiefiät feiner Perfon und Sendung zu beweifen, that 
Jeſus auch viele und große Zeichen und Wunder, dag 
ift, foldye Thaten, welche fein Menfch zu verrichten im 
Siande ift, umd nicht nad) den gewöhnlichen Gefezen der 
Natur erfolgen. Die große enge derfelben , durch wels 
de er fih als einen Herrn über alles zeigte, kann in 
zwey Hauptklaffen geordnet werden. Zur erften gehsren 
ale Wunderfuren des Heilandes, durch welche er leib- 
lih und geiftlich Kranke gefind machte; und zur zweyten 
alle übrigen wunderbaren Begebenheiten, Verwands 
lungen und Veränderungen der Dinge, durch welce 
er alle Welt auf ihn aufmerkſam, und glaubig machen 
wollte. 


Auf der Tafel fieht man die vornehmſten Wunderfu: 
ven Jeſu Ehrifii , bey deffen Wandel auf Erden man fas 
gen Fonnte : Die Blinden fehben, die Lahmen geben, 
die Auffäzigen werden rein, die Tauben hören, die 
Todten fieben auf, und den Armen wird das Kvanı 
gelium geprediget ! Wenn Blinde auf der Straße ihn 
enziefen : Jeſu, du Sohn David, erbarme dich uns 
fer! fo durfte er nur ihre Augen anrühren , alfobald 
faben fie — fahen ihren Woltbäter vor ihnen ſtehen und 
hatten das nüzliehfte Werkzeug der Sinnen wieder in ihrer 
Gessalt (a). Wenn iener Lahme, der vom Echlagfluße 
fo übel zugerichtet war, daß er weder gehen noch fliehen 
fonnte, auf einem Tragbette zu Jeſu gebracht wurde, und 

der 





Erfte Klaffe der Wunderwerke Chrifli. 769 


der Kranke vol Glauben feine Augen zu ihm aufhub, fo 
fegnete Jeſus feinen Glauben und rief: Stebe auf, 
nimm dein Bette auf, und gebe beim — und alfo» 
build ſtund der Menfib auf, und gieng vor allen Leuten 
beim in fein Haug (b). Wenn ein Ausfäziger rief: 
Herr, jo du willt, kanſt du mich wobl reinigen! 
fd hieß ed: ich wills tbun , fey gereiniget ! — und 
ſogleich war nicht das Seringfte mehr von diefer efelhaften 
Krankheit zu fehen (ce). Wenn Taube und Stumme zu 
ihm gebracht wurden, fo berührte er ihre Ohren und Zun—⸗ 
ge, und fprach, mit gen Himmel gerichteten Augen, 
Zepbata ! das ift, oͤffne dich, Isfe dich Ohr und Zune 
gen; und augenblidlid hörten und. vedeten fie (d). 
Seine Gorttesfraft bewieß er vornehmlich durch Auferwer 
Kung der Todten, weiches ia fchlechterdings Feines 
Menſchen Sade if. Noc lag Jairi Tochter auf dem 
Bette, fchon erblaßt — und auf Jeſu Wort : Stehe 
suf! wird fie lebendig. Stehe auf, fügte er zu einem 
todten Sünglinge im Sarge — und er find auf, Schon 
lag Lazarus, Sefu Freund, vier Tage im Grabe, ſchon 
fieng fein Leichnam an in die Berwefung zu gehen — und 
diefer Fuͤrſt des Lebens, der da bat die Schlüffel der 
Hölle und des Todes, rief vor dem Grabe deffelben : 
Komm beraus! und ſogleich fam der Derftorbene hers- 
aus, noch mit feinen Öterbetüchern ummunden — kam, 
und lebte, und lobete Bott (f). Kamen Beſeſſene zu Jes 
ft, das iff, Leute, die durch den Einfluß böjer Geiſter faft 
von Sinnen famen, und öfters die heftigften Zuckungen 
und Erfchütterungen zeigten, jo befahl der Ueberwinder des 
Satans : der böje Öeift ſoll von ihnen weihen — und ies 
geſchahe (g). Am Teiche oder im Bade Bethesda, wo 
ſich flets eine Menge Kranke aufbielten, fabe er einen 
I f f 3 Elen⸗ 





770 Acht und dreyßigfte Tafel. 


Elenden, welcher fehon acht und breyfig Jahre lang gu aller 
Arbeit untächtig rar, und wegen der Menge anderer 
Kranken immer noch nicht zur bequemjten Zeit diefes Bad 
brauchen konnte. — Bol Mitleiden fagie er zu ibm; Ste 
be auf, nimm Sein Bette und gebe — und auf ber 
Stelle verliejfen in ale Schmerzen , und Stärke fam in 
feine Glieder (Ch). Zu einem’armen Manne, ber eine lah— 
me Sand hatte, melde er nicht mehr brauchen konnte, 
fagte er : Strecke deine Hand aus! und er firecfte fie 
aus, und fie ward augenblicklich fo geſund, wie die ans 
dere (i). Es fam ein Weib, das eine ſehr fchmerzhafte 
Krankheit hatte. Schon verwandte fie ihr ganzes Vermd, 
gen an die Aerzte, und Feiner hatte ihr heifen koͤnnen. — 
Sie denft, dieß Fann Jeſus thun — dringt unter dem vie— 
len Volke hinzu, fo nahe, dag fie ihn anrühren kann — 
und dag , denft fie, fey auch fchon genug; wenn fie ihn 
nur anrühre, fo werde ihr geholfen feyn. Und wirfs 
lich hatte fie faum den Saum feines Rleides berührt, fo 
empfand fie, daß die Siranfheit weg war (k). Sa, mag 
die meifte Aufmerffamkeit erwekte, Zefus konnte aud) in Abs 
wefenheit Kranke gefund macdıen. Der Sohn eines vor, 
nehmen Mannes murde toͤdtlich krank. — Sein betrübter 
Vater geht eine Tagreife weit zu Jeſu, und bittet ihn, 
er möchte mit ihm gehen, und fein Kind gefind machen. 
Die war aber nicht nöthig — Jeſus fprah : Gehe bin, 
dein Sohn ift gefund — und wirklich begegneten dem 
beimgehenden Vater feine Knechte, und bezeugten, daß 
fein Sohn wieder voͤllig geſund wäre ; und da er nach ber 
Stunde der Geneſung fragte, fo vernahm er, baß fie in 
eben der Stunde erfolgte , da eins fagte, dein Kind 
lebet! 





Erfte Klaffe der Wunderwerke Ehrifti, 774 


Sp wmaͤchtig, ſo wohlthaͤtig und freundlich wandelte 
Jeſus unter den Merfhen, feinen Brüdern, ale deu 
Arzt Iſraels — den Blenden zu predigen — Die zer— 
brochenen Herzen 3u verbinden — den Gefangenen 
Begnadigung zuzurufen — zu tröften alle Traurigen 
— zu predigen ein gnädiges Jahr des Herrn! 

WIRSITERRSIE 
Die größefte von deinen Freuden, 

Iſt bie Vertilgung unfeer Leiden! 

Ein Nelfer , wie fein Helfer ift, 

Biſt du, Erbarmer, Jeſus Chriſt! 

Muth ſprichſt du den Bedraͤngten zu — 

Der Kranken Troſt und Licht biſt du! 

D wohl dem, der zu Dir aufblidt, 

Wenn fihwere Laft ihn niederdruͤckt! 

Der deiner Macht und Freundlichkeit 

Sn ieder Neth und Dunfelpeit 

Sich ruhevsoll und herzlich freut! 


VIRZTERSITE EEE ZzEREMIENELERELGER 
2. | 
Die Eleftricität. 





5), Elektricitat iſt dieienige Erfcheinung verfchiedener 
Koͤrper, nad weicher fie, wenn fie gerieben werden , 
andere leichte Körper anziehen und zuruͤckſtoſſen, die 
Nerven erfpüttern und ein Kicht von fi) geben. Man 
theilet fie in die urfprüngliche und mitgetheilte Elek—⸗ 
tricität ein. Die urfprünglich? oder eigentliche iff dies 
ienige , welche durch Reiben erregt wird ; die mitgetheil— 
te oder fortgepflanzte aber dieienige, welche durch die 

3 rfA Vers 


ä 


772 Acht und dreyßigſte Tafel. 


Verbindung mit einem urſpruͤnglich elektriſchen entſteht: 
Die urſpruͤnglich elektriſchen Koͤrper find: Das Glas, 
Schwefel, Pech, Siegellack, Bernſtein, Haare der 
Thiere, blaue Seite und die Luft. Durch unelektriſche 
Koͤrper verſteht man ſolche, welche nicht durch Reihen, 
ſondern blos dadurch eleftrifirt werben Finnen, wenn man 
fie mit einem durch Reiben elektriſch gewachten Körper wer 
bindet ; 5. E. alle Metalle, dag Fleifeh ver Thiere , dag 
Waſſer und andere flüßige Körper, die zum Theil aug 
Waſſer befichen. Die eigentlihe Urfache der eleftrifchen 
Erfcheinuigen wird von einigen Naturlchreen dem reinen 
euer , welches durch das Meiben aus ben eleffrifchen 
Koͤrpern hervorgelracht und in Bewegung gefezt worden — 
von andern dem Aecher, und noch von andern einer bes 
fondern eleftrifchen Materie zugefchrieben. 


Die Hervorbringung oder Erregung ber Eleftricität 
gefchieht durch das Reiben, daher eine gläferne Roͤhre 
oder Stüf Bernſtein, oder Lack, ſo mit einem mwollenen 
Zuch gerieben morden, kleine Stuͤckchen Papier, über 
die man dieſe Körper halt, an fich ziehen ; und wenn dag 
Reiben einer gläfernen Röhre lange genug fortgefezt wird, 
fo bemerft man an derfelben im Dunfeln ein ſchwaches 
Licht. Eben dergleichen Licht fieht man, wenn man bie 
Haare einer Kaze oder eines Pferdes im Finfiern mit der 
Hand auf und nieder reibet. Es kann um dieſe Eleftrici, 
tät bequem hervor zu bringen, eine gläferne Kugel, ober 
nur ein großes Bierglas, fo gehoͤrig eingefaffet, und zwi⸗ 
ſchen zwey eiſerne Spizen geflellt worden, an einem leber- 
nen Kiffen oder nur an einer daran gehaltenen Fachen Hand, 
vermittelſt eines Nades , oder auf einer Drebbanf, oder 
auf andere Weiſe umgedrehet und gerieb.n werden. Eine 
ſolchel Maſchine wird eine Elektriſir⸗Maſchine genennet, 

welche 


in 





Erfte Klaffe der Wunderwerke Chrifti. 773 


telche zuerft von Otto von Guerife angegeben worden. 
Auf der Tafel fieht man eine ſolche Maſchine, oder eine 
auf einer Eleftrifie » Maſchine umgebrehte und mit der Hand 
geriebene Kugel, und einen aufgehängten eifernen Drath, 
davon dag eine Ende nahe an der Kugel iſt. Diefer Drath 
berühret einen Menfchen, der auf Harz ſtehet, und mit 
dem ausgefireckten Finger Weingeift anzuͤndet, der ihm 
in einem Löffel vorgehalten wird. Wenn diefer Menfch 
auf dem Pechfuchen feine Hand an die gläferne Kugel halt 
und von einem andern angerührt wird , fo entſteht zwi—⸗ 
fchen beyden ein praßelnder Funke. So fliehen auch aug 
ben fpizigen Ecken metallener Körper, wenn ihnen die Elek— 
tricität mitgetheilet wird, leuchtende Strahlen aus. Zur 
Elektrifir- Mafchine gehören alfo : feidene Schnüre, Ret— 
ten, Pechkuchen, gläferne Flaſchen oder Glastafeln. 


Die Mittheilung oder Fortpflanzung der Elektrici— 
tät geſchieht, wenn man einem eleftrifchen Körper andere, 
welche aber auf urfpränglich elefteifche Körper z. €. auf 
Glas, Pech oder blaue Seide geſtellt werden müffen, nahe 
bringt ; da denn in denfelben ebenfalls und oft eine noch 
viel flärkere Elektricicät bewirfet wird, als in den urs 
fprünglich elekirifchen Körpern. Dieß gefchiebt vornehm⸗ 
lid) durch den fogenannten Conduktor; wenn man nehm⸗ 
lid) einen metalleuen Stab oder Röhre an feidenen Schnuͤ—⸗ 
ren bergeftalt aufhaͤngt, daß dag eine Ende nicht weit 
von ber Kugel abſteht. Mit diefem Conduftor werden ald« 
denn dieienigen Körper verbunden , welche man elektrifis 
ten will. Iſoliren aber beißt, die zu eleftrifirenden Koͤr— 
per non denienigen Koͤrpern abfondern , welche der mitges 
theilien Eleftricität fähig find. 


Stfs. Die 





774 Acht und dreyßigſte Tafel. 


Die Verftärkung der Elektricitaͤt gefchieht, wenn 
man einen Drath eleftrißet , weicher in einer gläfernen mit 
Waſſer, Dueckfilber oder Seilftaub gefüllten Flaſche haͤn— 
get, oder in der Deffnung berfelden mit Lack beveſtiget 
worben , indem ein ſolcher Drath einen großen knallen— 
den Funken giebt, wenn man die Slafche mit der einen 
Hand anfaffet, und dem Drathe mit einem Finger der ans 
dern Hand nahe kommt. Man fann damit ben Schlag 
alſo verſtaͤtken, daß Thiere, gleich als durch einen Bliz 
geruͤhrt, augenblicklich todt hinfallen. 


Einige elektriſche Verſuche macht man auch mit dem 
Elektrophor, einem Inſtrumente, das aus einem Harz 
fuhen und aus einem Neif von fieif geleimten Pappdeckel 
beſteht, über welchem oben und unten dünnes, leineneg 
Tuch gefpannt ift, und durch welchen feidene Schnüre ge> 
ben. Die Verſuche felbft werden vornehmlich durch dag 
Auf, und Abheben und Berühren diefer Trommel gemacht. 


Der elektriſchen Verſuche und Kunftfiüce in des 
nen man es feit einigen Jahren ungemein weit gebracht 
hat, giebt es unzehliche. Hieher gehören 5. E. der leuch» 
tende Stegen, der elefterifhe Tanz, das Glockenfpiel , 
der ES pringbrunnen, leuchtende Eier, ber Leidenſche Vers 
ſuch, die eleftrifche Epinne , dee Eleine eleftrifche Jäger, 
der fünftliche Zitterfifeh, ber eleftrifhe Drade ꝛc. Man 
Fann durch die Eleftricität eine Zlafche alfo zurichten, daß 
man einen Stoß befommt, wenn man ben Stöpfel her— 
ausziehen will — machen, baß eine Derfon, tenn fie eis 
ne Thüre aufmachen will, einen Stoß befommt — daß 
viele Menfchen , die einander bey den Händen anfaffen, 
biefen Stoß empfinden — daß der eleftrifche Funke ein 
Loch durch ein Kartenblat ſchlaͤgt, oder ein Goldblaͤttchen 

ſchmelzt 





Erfte Klaffe ver Wunderwerke Chrifti. 775 


ſchmelzt — daß durch einen elektrifchen Stoß der Maft 
von einem Fleinen Schifihen , gleich als von einem Wet— 
terfchlage zerbrochen wird — daß ein Menſch an dem. Ko— 
pfe mit einen: ſelchen beilen Scheine umgeben wid, tie 
. man se Köpfe der Heiligen vorzuſtellen pflegt. — Man 
kann das Nordlicht und den Bü; nachahmen uno überhaupt 
unzehlich viel Wirfungen durch das “euer und die Kraft 
des eiefterifiben Sunfen bervorbringen — und doch ift 
die ganze Wifjenfchajt der Elektricitaͤt noch in ihrer Kind— 
heit. — 





EEE T ——— 
RT NL 


»# 
Mahomedanifche Geſchichte. 


D. Araber , welhe zum Theil auch Türfen ımd 
Yisbomsdaner genenner werden, ſtammen arojtentheilg 
von Iſmael, dem Sohne Abrabams her, der zu Mec— 
ca gewohnet haben , und auch daſelbſt begraben ſeyn ſoll. 
Died iſt auch die Urſache, warum die Araber dieye Stadt 
von ie her, und fihon lange vor den Zeiten Mahomeds 
für einen heiligen Det gehalten haben, weil Ifmael in 
ihren Augen ein großer Prophet fi. Den Tempel zu Mec⸗ 
ca hielten fie für ein von Übraham erbautes Haus, und 
der Brunnen an deffen Eingange fell noch eben der drums 
nen feyn, den der Engel der Hagar, des Simaels Mute 
ter zeigte. Wegen diefer Abftammung fand fich zu allen Zeis 
ten eine große Uebereinſtimmung zwiſchen den Juden und 
Arabern, forwohl in der Sprache , als auch in den Ge— 
braͤuchen, in dem Gottesdienſte, und in der Regierung. 
Die aͤlteſten Araber folgten berienigen Neligien , teiche 

Abraham 





75 . Abt und dreyßigſte Tafel. 


Abraham ſeinen Nachkommen einpraͤgete; allein mit der 
Zeit verlieſſen ſie ſolche, oder verſtellten ſolche vielmehr 
durch den Goͤzendienſt, der in dem alten Tempel Iſmaels 
zu Mecca getrieben wurde. 


In dieſem Zuſtande befanden fi) die Araber um bas 
Jahr 600 nad) Ehrifti Geburt, als einer ihrer Mitbürger 
denfelben gänzlich veränderte. Er hieß Muhamed oder 
Mohamed; ; welchen Namen die Griechen und andere Eus 
ropaͤer nachmals in Mahomed verwandelt heben. Seine 
Vaterſtadt war Mecca, im ſteinigen Arabien, der vor— 
nehmſte Handelsplaz der Araber. Er war aus dem an— 
fehnlichfien Stamme der Araber gebürfig, und gemwiffers 
maffen von fürftliher Herkunft, indem feined Vaters Bru- 
der das Oberhaupt feines Stammes, und alfo Befehlsha— 
ber von Mecca und deſſen Gebiete war. Hein ſein Va— 
ter, den er in der erfien Kindheit verlor, hinterließ ihm 
zum Erbe nichts mehr, als fünf Kameele und einen däthios 
pifchen Sflaven. Unterdeſſen hatte Mahomed Gaben , 
und erwarb fich bald Gefchicklichkeiten, welche ihm nüzlis 
cher waren, als ein reiches Erbtheil. Er war von einer 
fchönen Geflalt, und einem fehr einnehmenden Setragen. 
Seine natürliche Beredtfamfeit unterfchied fih ſchon in feis 
ner früheften Jugend von einer bloffen Geſchwaͤzigkeit, ins 
dem er von nichts ohne Kentniß und Ueberlegung ſprach. 
Auch wurde er durch die Aufrichtigkeit und Redlichkeit bes 
liebt, die fich in allen feinen Worten und Handlungen zeig» 
te. Seines Vaters Bruder ersog ihn zur HDandelfchaft, 
die er felbft frieb, und die bey feiner Nation auch den 
größten Familien nicht unanftändig gefchäzt wurde. Mitten 
unter diefen Befchäftigungen legte er auch Beweiſe feiner 
Tapferkeit in einem Fleinen Kriege zwifchen einigen arabis- 
(hen Stämmen ab. Endlich wurde er Oberaufſeher oder 

Factor 


Erfte Klaffe der IBunderwerfe Chrifti. 777 


Sector bey der Handlung einer reichen Kaufmannswitwe, 
und betrieb dieſelbe fo Klug und gluͤcklich, dag fie ihn 
beyrathete. Auf feinen häufigen Handlungsreifen, auch 
aufferhalb Arabien, hatte er mancherley Nationen, Län« 
der, Sitten, Religionen und Meinungen der Menſchen 
fennen gelernt. Diefe Einfichten und Erfahrungen fuchte 
er num zu nuzen, nachdem er noch vor feinem drenßigfien 
Sahre ein reicher Herr geworden war, und es in feiner 
Gewalt hatte, Fünftig ein ruhiges und bequemes Leben 
zu führen. Anſtatt fich diefem zu ergeben, entfchlof er fich 
vielmehr zu einer der Fühnften und fchwerften Unternehmun—⸗ 
gen, zur Kinführung einer neuen Neligion in Aras 
bien. Ein ernfihaftes Nachdenfen über den Zuftand der 
Religion in feinen Vaterlande erweckte diefen Entſchluß bey 
ihm ; feine feur!Ie Einbildungskraft und fein Ehrgeiz bes 
geifterte ihn zur Ausführung deſſelben, und im Vertrauen 
auf feine vielerley Fähigkeiten fieng er in einem Alter von 
ohngefehr vier und dreyßig Jahren an , bdenfelben ing 
Werk zu fegen. n 


Er behauptete alfo Sffentlih zu Mecca , daß er die 
Nelision der Patriarchen , befonders des Abraham und 
Sfmael, von dem die Araber abflammten, ia felbft die 
Neligion des Mofes und Chriſtus wieder in ihrer Keinigs 
Feit herftellen wolle, welche fie längft durch die Verfälfchs 
ungen der Heiden, Juden und Chriften verloren hätte. 
Er verfiherte dabey, daß ihn Gott felbft zum Verbeſſe— 
rer der Neligion auserfehen, und unter die Menfchen ges 
fandt habe. Daher war eg die erfie Lehre feiner Religion, 
und blieb auch immer die wornehmfte : Ks ift nur ein 
Gott, und Mahomed ift der Prophet Gottes. Er 
wollte nehmlich vor allen Dingen die Abgstterey ſtuͤrzen, 
und die Verehrung des einzigen mahren Gottes bafür herr» 

» ſchend 





778 Acht und dreyßigſte Tafel. 


fihend machen. Ohne zu leunnen, daß Moſes und ans 
bere iüdifche Lehrer, auc Chriftus ſelbſt, Propheten, 
oder auferordentliche göttliche Gefandten an die Menfchen 
zum Unterrichte derfelben gemwefen wären, behaupiere Mas 
homed vielmehr, er fey der größte Prophet Gorieg, ber 
die Neligion in den vollfommenften Zufiand fezen follen, 
in welchem fie ſich noch niemals befunden hätte. Als er 
diefe Lehren befannt machte, fund er anfänglid) , feine 
Familie ausgenommen , nur wenige anfehnlidhe Maͤnner, 
die ihn beyiraten. Zwar befam er bald mehrere Anhaͤn—⸗ 
ger in und auferhaldb Mecca ; allein die meiften und 
mächtigften von feinem Stamme miderfegten fich feiner Nes 
ligion. Er wurde alſo, nad) vielen Gefahren und Vers 
folgungen, genöthiget, feine Zuflucht nad) Jatſchreb eis 
ner mit Mecca in Neindfchaft lebenden Stadt, zu nehmen, 
die feirdem , ihm zu Ehren, die Stadt Bes Propheten 
(Medinat al Nabi) genannt wurde und iezt kürzer Wie 
dina (die Stadt) heißt. Weil nun bdiefe Flucht des 
Mahomed, im Jahr Chriſti 622, der Grund zu feiner nach« 
maligen Größe und Herrfchaft wurde, und aud) fonft mit 
gielen fonderbaren Umftänten begleitet geweſen feyn fell; 
fo haben die Araber und andere Nationen, welche feinen 
Glauben annahnıen , ihre Zeitrechnung von diefer Bege— 
benheit angefangen. Sie rechnen alfo ihre Jahre von 
der Hedſchra an, welches im Arabiſchen eine Flucht bes 
deutet , oder, wie die Europder es ausſprechen, ven 
der Hegira an; und find daher um 622 jahre weiter im 
ihrer Zeitrechnung zurüc ale die Ehriften, haben auch Fürs 
zere Jahre als dieſe. 


Mahomed verſtaͤrkte iezt feine Warthey immer Mehr, 
und fah fich im Stande feine Gegner mit Fleinen Haufen ans 
zugreifen. Im Anfange veräbte er nur Streifereyen und 

raͤuberiſche 





Erfte Ktaffe der Wunderwerke Ehrifti. 779 


räuberifche Anfälle; wach und nad aber, da ihm fein 
Gluͤck, und feine Geſchicklichkeit ein kleines Kriegsheer 
verſchafft hatten, breitete er ſeine Unternehmungen viel 
weiter aus. Er hatte nun tapfere Feldherren; und ei— 
nem derſelben übergab er feine Fahne, um unter derfels 
ben für feine Neligion zu fechten. Aber eine wahre Reli— 
gion , in welcher Sort die Menfchen unterrichten läßt, 
braucht nicht des Schwerdtes und DBlutvergießens , um 
ihre Herzen einzunchmen. Dur der Haß, die Derrichfücht 
und Nachbegierde des Mahomed gegen feine Feinde bedurf: 
ten eines fo gewaltfamen Mittels. Bald unterwarf er fich 
alfo verfchiedene arabifche Staͤmme, eroberte feine Waters 
fladt Mecca mit Sturm, fiel in benachbarte Länder ein, 
und machte fich ihren Negenten furchtbar ; endlicy aber bes 
zwang er ganz Arabien, nachdem er das Heidenthum 
überall darinnen zerflört , und feiner Religion die völlige 
Oberhand verfchafft hatte. So ftarb er im Jahre 632 
zu Medina, als Herr feines Vaterlandes, Stifter ei 
ner neuen Religion , und eines neuen Reichs. 


Was feine Religion und feine Kehrfäze betrift, fo 
machte er überhaupt von Gott, feinen Eigenfchaften und 
Werken einen ziemlich erhabenen und verehrungswäürdigen 
Begriff. Dabey ſchrieb er demfelben auch einen unver- 
änderlihen und unvermeiblichen Rathſchluß zu, durch wel— 
chen alles dergeftalt beſtimmt wäre, daß feine Bemuͤhung 
etwas dagegen ausrichten koͤnne. Weiter lehrte Maho— 
med auch einiges von den Dienern Gottes , oder Ensein, 
j. E. daß beren 70000 mwären, beten ieder 70000 Koͤpfe, 
und ieder Kopf 70000 Zungen hat, und iede Zunge Ge: 
70000 mal in ieder Minute lobet. — Er redete von den 
heiligen Büchern, die Gott an verfchiedene Menfchen vom 
Himmel berabgelafien habe, und darunter er von une“ 

bihlz. 


* 





780 Acht und dreyßigſte Tafel. 


biblifchen Büchern die Schrifien Mofis , die Yfalmen und 
die evangelifchen Lebensgefchichten Jeſu rechnete. Auch die 
Auferfiehung der Todten , ein Fünftiges allgemeines Ges 
richt über die Menfchen, nebft Belohnungen oder Etras 
fen , welche fie in der Emigfeit treffen würden, brachte 
Mahomed unter feine Glaubenslehren — Auf der andern 
Seite fehrieb er auch feinen Anhängern einiges vor, dag 
fie , zum Beweiß ihrer Frömmigkeit und Gottfeligkeit, beobs 
achten follten. Hauptſaͤchlich empfohl er ihnen ſehr haͤu⸗ 
figes und mit aller möglichen Andacht zu verrichtendes Ge, 
bet, nebft der Vorbereitung zu demfelben durh Wafchen 
und Faſten, williges und reichliches Almofen geben, Ents 
haltung vom Weintrinfen , deffen übermäßiger Genuß fo 
traurige Folgen hat, und welches daher fchon in Altern 
Sahrhunderten, von vielen Diorgenländern gänzlich unters 
laffen wurde; und einige andere Befehle oder Verbote, 
Allerdings drang er überhaupt auf ein fugendhaftes Leben. 
Unter den äufferlichen Gebräuchen aber , die er veft fezte, 
ift befonders die Wallfarth merfiwürdig , melde ieber 
Anhänger feiner Neligion, mwenigftens einmal in feinem Le- 
hen, nad Mecca, zu einem alten für felig geachteten 
Gebäude, to bereits Abraham Gott verehrt haben folle, 
anzuftellen verbunden ift (Tab. XV, 3.). Diefe Kelis 
gion, und befonders den Glauben an einen einzigen höch- 
fien Gott nannte Mahomed in feiner Landesfprache Io: 
Iam, dag beißt, glaubiges Vertrauen auf Gott; und da, 
von haben die Bekenner diefes Glaubens den arabifchen 
Samen Moslemin (Glaubige und Gortvertrauende) bes 
fommen. Der Name Muſelmaͤnner, den wir ihnen beyles 
gen, ift blos eine Verdrehung des angeführten Wortes, 
Sie haben auch ein arabifch gefchriebeneds Buch, aus 
welchem fie die zuverläßige Erfentniß ihrer Neligion ſchoͤ⸗ 

pfen, 


Erfte Klaffe der Wunderwerfe Chrifi. 788 
pfen , wie bie Chriffen aus der heiligen Schrift. Das 
ift der Koran, oder Al: Roran. Dieſes Wort bedeus 
tet im Arabifchen eine Sammlung ; und in der That fin—⸗ 
det man darinn die Keden und Predigten des Mahomed , 
welche er aus göttlicher Offenbarung und Eingebung wolls 
te gehalten habın , wie fie nach feinem Tode gefammelt 
worden find. Denn er gab vor, fo oft er einen Ans 
fall von der fallenden Sucht hatte, er geriethe in Entzuͤ⸗ 
Kung — Gott fuͤhrete ihn gen Himmel, damit er ihn feis 
nen Willen eroͤfnete. Er fol auch eine Taube abgerichter 
haben , daß fie ihm zum öftern nad) dem Ohr flog, und auf 
feiner Schulter ſizen blieb — bieß gab er-vor, wäre der 
‚heil. Geift, von dem er allerley Eingebung befäme; u. f. m. 

Die Mahonıedaner haben Tempel; welche in ihrer 
Sprache Moſcheen heißen. Da fie allen Schein der Abs 
goͤtterey auf das ernſtlichſte haſſen, fo dulten fie auch Feis 
ne Brider im denfelden , fondern man findet darinnen nur 
hin und wieder mit arabiſchen Buchſtaben geſchrieben,: 
Es ift nur ein Bott, und Wiabomed it fein Pros 
phet. In biefen Moſcheen muß ieber andaͤchtige Dias 
homedaner ale Tage fünfmal fein Gebet verrichten,  DBof 
iedem Gebete mälfen fie ſich forgfäliig mwafehen ; bey dent 
Gebete felöft machen fie Verbeugungen des Leibe , werfen 
| fich zur Erde, und kuͤſſen dieſelbe. Den Freytag feyern 
ſie als einen heiligen Tag; ſo wie die Juden den Sonn⸗ 
abend, und die Chriſten den Sonntag feyern. Die des 
lopnung der Gerechten nad) diefem Leben ſezen fie in lau— 
ter finnliche Bergnügungen, wovon fie taufend unpereimz 
te Thorheiten erzehlen. 

Auſſer dem reytage, ihrem Sabbalhe, haben fie 
auch vier heilige Monathe, und verſchiedene große Feſte⸗ 
J. E. das große Bairamfeſt, welches einige Gleichheit 
689 Haie 





J— Acht und dreyßigſte Tafel. 


mit dem neuen Jahre der Chriſten hat, woran ſie ſich al. 
len Luſtbarkeiten ergeben, und ſich vornehmlich nit Schau— 
keln auf oͤffentlicher Straße, und mit dem Gluͤcksrade be, 
fdäftigen. — Die Faſten im Ramadan, welche auf 
das firengfte beobachtet, auch mit Karnevals und anbern 
gufibarfeiten gefeyert wird — das Tulpenfefi , an mel- 
chem , weil die Türken der Tulpe vor allen andern Blu— 
men den Borzug geben , im Hofe des neuen Serails viele 
Gallerien und Bänfe mit Tulpenflafhen beſezt, und auf 
den hoͤchſten Baͤnken die Kanarien-Voͤgel des Großfultang 
in goldenen Kaͤfichen, und Ölasfugeln mit Liquers von 
allerley Farben angefült, zur Belufiigung des Volks aus. 
gefeßt werden. 


Das türfifhe Reich, zu welchem ein großer Theil 
von Europa , Aſien und Afrika gehsret , und weiches 
auch die ottomanifche Pforte genennet wird, weil Ort: 
tomann, um dag Jahr 1303 , den Grund zur türfifchen 
Monarchie gelegt hat, wird von Kaifern dufferft deſpo— 
tiſch regieret. Dieſelben werden auch Sultans, Groß: 
ſultaͤns genennet, deren Reſiden; zu Bonſtantinopel 


iſt, und Seraglio heiſſet. Sein erſter Miniſter wird 


Großvezier genennet, welcher nebſt noch andern Vezie, 
ren im Divan, das iſt, im Nathe ſizet. Ueber bie 
Bropinzen find Puffen gefejt. Der Mufti ift dad Haupt 


der tuͤrkiſchen Geiſtlichkeit, unter denen die Mollas,-' 


Einivs, Imans und Derviſche oder Mönde fleben. 


Auf der Tafel ift angezeigt: 1) Mahomed, Mie er 
feinem Feldherrn die heilige grüne Fahne übergiebt, wel— 
che noch als cin Heiligchum von den Türken aufbewahret 
und nur bey den größten Seperlichfeiten gezeigt wird (a). 
2) Der Großfulsan im Staatshabite , nebft einer Stan, 

darte 





— 


Erſte Klaſſe der Wunderwerke Chriſti. 783 


darte und einem Roßſchweife, melde von * Tuͤrken 
im Felde gebraucht werden (b). 3) Die große Moſchee, 
St. Sophia, zu Konftantinspel, die ehemelige p —— 
Haupfliche der Coriften , welche bequem 100000 en- 
ſchen faſſen kann , und taͤglich 10000 Gulden Einkuͤnfte 
haben ſoll (c). 4) Die Luſbarkeiten am greifen Bair⸗ 
amfeſte (d). 





4. 
Einige chirurgiſche Operationen. 


Per dag allmaͤchtige Wefen kann augenblicklich, ohne al- 
le Mittel und Werkzeuge , ale Krankheiten und Gebre— 
en der Menſchen heilen — Die Menſchen brauchen oft 
viele Mühe, Zeit, Mittel und Geſchicklichteit dauı — 
doch haben fie es ſoweit gebiacht, daß ſie oft auch aus 
der groͤßten Noth erreiten koͤnnen, weiches unter andern, 
aus den ſogenannten chirurgiſchen Operalionen erheliet. 
Auf der Tafel find viere vorgefielle:: 

. Das Staerfiecben (a). Inter die wichtigfien Au—⸗ 
Bee gehoͤret der ſhwarze und der graue Staar. 
Durch ienen verlieret man Las Geſicht, ohne dag man che 
nen Fehler in dem Auge ſireht. Er ak gemeiniguich 
durch eine er des Sehe-Nervens, oder feiner 
Sortfezung , Ber Nezbaut; und es ift mir ihe gemeiniglich 
eine a der Pupille verknuͤpft. Dieſe bleibt 
ſodann gegen das Licht unempfindliche, und zieht ſich nicht 
mehr, wie fie ſonſt zu thun pflegt, zuſammen. Der 
graue Saar iſt eine Verdunkelung de» Öefichtes, die duch 
bie veränderie Durchſichtigkeit der Kryſtalllinſe hervorge— 

Ögg2 bracht 


84 Acht und dreyßigſte Tafel: 


bracht wird. Wenn man nun biefen Staar ftiht, „der 
operirt, fo wird entweder die verdunfelte Kryſtalllinſe, 
durch die hineingebrachte Staarnadel in die aläferne Feuch— 
tigkeit des Auges hineingedruckt , oder gar durch eine, iR 
die Hornhaut gemachte Defnung, herausgezogen. 


a. Die Amputation, oder Abnebmung eines Glier 
des (b). Diefe wichtige Dperation beficht im Wegfchneis 
den cineg Gliedes oder Theiles des Körpers. Abſezen 
fagt man eigentlih, wenn man fich dabey einer Säge bes 
dienet. Nicht nur alle Glieder und deren Theile, fon« 
dern auch fleifchichte Theile z. E. die Bruſt ıc. koͤnnen ams 
Yutirt werden. Man bedienet fi) der Amputstion haupt 
‚ fachlich in den Fällen, mo Glieder mweggeriffen worden, 
der fehr zerfchmettert und zerquetfcht find, der Falte Brand 
fie befallen hat, oder der Krebs, Veinfraß se. bicfe 
Dperation erforder. Man fchneidet die Glieder, vor—⸗ 
nehmlic Arm oder Fuß, theils in den Gelenken, theils 
zwifchen den Gelenken ab. Mit den Sleiihlappen am- 
putiren nennet man die Art , bey der man einen Lappen 
Haut und Zleifch übrig läffet und damit den Stumpf bedecket. 


3. Das Trepaniren (c), wenn man die Knochen 
ganz, oder nur zum Theil durchbohrt. Man verrichtet 
diefe Operation vornesmlih an den Knochen der Hirnfcha« 
fe, menu folche eingedruckt, zerbrochen, und unter ide 
nen durch einen Stoß oder Sturz, Blut und Eiter befind« 
lich if. Das Inſtrument, mit dem man fie verrichtet, _ 
wird ein Trepan, fubtiler Bohrer genannt. 


4. Die Rettung der Erſtickten (d). Wenn erſtick⸗ 
te Perſonen, bie fich entweder aufhiengen , oder im Fro⸗ 
fie , oder im Wafler ihrem Tode fchon nahe waren, noch 
zu rechter Zeit, Huͤlfe finden „ fo können fie gleichfam wies 

‚ber 





Erfie Klaſſe der; Wunderwerke Chriſti. 785 


der in das Leben gebracht werden. Weiſe Obrigfeiten has 
ben dazır feit einigen Jahren die beſten Anſtalten getroffen — 
und ieder Menſch, der feinen ‚auf irgend eine Art veruns 
gluͤckten Bruder zu retten fucht , iſt nicht nur ehrlich, fon» 
dern. unter den Ehrlichen und Nechtfchaffenen der Erſte. 
Solche halb todte Körper werden an einen mäßig warmen 
Dre gebracht und flarf gerieben — man oͤfnet ihnen eine 
ber Hauptadern — bläfet ihnen DOdem in dem Mund, 
applieirt Toback⸗Klyſtire, fcharfe Spiritus und dergl. 
Man bat Beyfpiele von Unglüclichen , die beynabe eine 
halbe Stunde lang im Waſſer lagen , und als todt hers 
ausgezogen, und boch durch anhaltenden Fleiß noch gerets 
tet wurden. 


NS ———— — —— 


5. 
Das Auge. Das Ohr. 


— dem Auge verſteht man im weitlaͤuftigen Verſtan— 
de alle Theile, melche beyde Augenhoͤlen ausfüllen , im 
engen aber nur den Augapfel. Die Augen liegen in den 
Selen unter der hervorragenden Stirne beſchuͤzt. Die 
aͤuſſern Theile find die Augenbrsunen und Augenlieder 
it den Wimpern oder Haaren am Nande, welche zum 
Schuz vor Staub und Inſecten dienen. Wo die Augen— 
Keder zufammten floßen , find die Augenwinfel, und bins 
ver ienen iſt ein Fhlüpfriges Fett, damit fie fich deſto 
leichter bewegen Finnen. Im innern Winkel des Auges, 
gegen die Naſe, liegt eine röthliche Drüfe, und am ars 
bern Winkel eine andere, die man nicht ſieht. Sie 
ſcheinen einen Saft zur Beweglichkeit des Auges abzuſon⸗ 

6883 dern, 


786 Acht und dreyßigſte Tafel. - 


bern, und, zumal die leztere, die Duclle der Threnen 
zu ſeyn. Die Augenlieder werden inwendig mit der vor— 
dern Hälfte des Augapfels buſch ein zartes Haͤutchen vers 
bunden, Umier der hinter dieſer befindet fi) am Auge 
apfel das weiße Haͤutchen, dad alfe genennet wird, weil 
es Das Weiße des Auges «ausmachen fol. Auſſer dieſen 
zwey Haͤuſchen, gehoͤren zum eigentlichen Augapfel fül 
gende Iyeue : 1) Die Hautchen, wovon die erſte, die 
den ganzen Augapfel amgtebt, das Hornhautchen heiſſet. 
Sie iſt hinten am Sebenerven dick und undurchſichtig, 
wird aber vorwärts un einem Zufel dünne und durchſichtig, 
daher ver hintere Theil der dunfle , und der vordere ber 
helle genenzet wird. Die andere Zaut, das Adernbauk 
&ben befieyt aus vielen Geſaßen von braunroͤthlicher Sacbe 
‚und hängt mit der innern Seite des Hornhaͤutchens durch 
feine Gefaͤße überal zujanmen , bis an den Zirtelrand der 
durchſichtigen Hornhaut. Hier verändert fie ihre Farbe, 
machi einen veſten weißlichen Zirkel, und dann weichet fie, 
nach innen zu von der Hornhaut ab, zieht fich etwas zus 
ruͤcke und quer durch das Auge, fo daß ;wifchen diefer 
Membrane und der durchfichtigen Hornhaut en Raum 
bleidt, welcher die vordere Kammer des Auges beißt. 
Die quer vorgezogene Haͤutchen hal faſt in der Mitte, eis 
ne runde D.fnung, die id) verweitern Und verengern fann, 
und der Augenſtern Pupille) heißt ; da hingegen der 
von diefen Häuschen und dieſer Oefnung gemachte Rand oder 
breiclihe Umkreis , das vegenbogenförmige Haͤutchen 
genannt wird. E31 von verjchievener Sarbe, wid giebt 
daher die Benennung von blauen , fchwarzen Augen 26. 
Die hintere Flache diefes Haͤutchens ift ſchwarz und heißt 
die traubenförmige Haut. Die dritte Haut fo die nez— 
förmige heißt, iſt nichts anders, als das ausgebreitete 

Mark 


Erfte Klaffe der, Wunderwerke Ehrifti. 787 


Mark des Sehenervens , und zerflieft beym Unterfuchen, 
wie ein winner Schleim. Sie Überzicht die innere Fläche 
des Adernhaͤutchens, umd von ihr hängt die Kraft zu fer 
ben ab. Zum Augapfel gehören ferner =) dreyerley 
Feuchtigkeiten, nehmlich: Die gläferne Seuchtigfeit, 
welche einem gefchmolzenen Glafe ähnlich ficht , und den 
ganzen hintern Raum des Augapfels ausfüket, fo weit 
bie nezförmige Haut geht. Sie ift eigentlich ein helles 
durchſich iges Gewebe, welches in fehr feinen Cellen einen 
sallertariigen Safı enthält. An te: vordern Fläche die eg 
Körpers gegen die Pupilie zu, beme ket man eine Aushoͤh⸗ 
lung, welche die Fryitallene Linſe oder Seuchtigkeit, 
groͤßtentheils ausfuͤllet. Dieſe Einfe ift ein durchfichtiger 
euf beyden Flächen etwas erhabener Körper, der aus 
fHichtweife auf einander liegenden Blättchen beſteht, zwis 
ſchen denen ein dem Leim ähnliches feuchteg Werten befinds 
lich if. Die obgetachte vordere Kammer füllet endlich Die 
wäflerige Seuchtigfeit, welche wirklich fluͤſſig, Helle 
und durchfichtig if. Daß 3) auch Blut: und Puls Adırn 
im Auge find, iſt leicht zu erachten ; ferner 4) Nerven, 
deren fehr viele zum Auge gehen, und meiſtens zur Bewegung 
des Augapfels tienen. Don dem Sehenerven hängt, wie 
bereits erinnert worden, das Eıhen vornehmlich «ab. 
5) der Muſkeln, welche den Augapfel bewegen, find 
ſechs; wovon zwey, wegen ihrer Richtung, fibräge, 
und vier gerade heiffen. 


Auf der Tafel ficht man 1) das Auge von aufen 
(Aa); 2) das Auge, wie es an den Sehenerven hängt 
(b); 3) das Auge im Durdhfihnitte (ec); 4) Verbrei— 
‚tung ber Adern in dem ſchwarzbraunen Gewande des Augs 
apfels, melche allerlen artige- Bögen um den Stern her 
um bilder (d); 5) das Auge mit feinen Muſteln in feiner 

6994 beis 





788 Act und drepfigfte Tafel. 


| beinernen Hoͤle, bie hier der Länge nach mitfen vom ein- 
IN ander geſchnitten ift (e). 
| Das Ohr ifi derienige Theil des Hauptes, durch 
1 welchen die Empfindung des Gehoͤrs gefchieht. Es befteht 
ı aus äuffrrlichen und innerlichen Theilen. Der äufferliche 
N Hr die Ohrenmuſchel mit den daran unten berabhangenden 
y Ohrlaͤppchen. In der Mitte dee auſſern Ohrs, deſſen 
3 verſchiebene Erhabenheiten und Vertiefungen von den Zer—⸗ 
gliederern mit verſchiedenen Namen belegt werden, iſt der 
Eingang zu dem auſſern Gehoͤrgange. Dieſer iſt inwen⸗ 
dig mit einer ſehr feinen Haut bedeckt, und ſizen in ihm 
viele kleine Druͤſen, die einen bittern Saft abſondern, 
den man das Ohrenſchmalz nennet, und der theils die 
Trockenheit dieſer Haut verhindert, theils macht, daß 
feine Inſecten in das Ohr hineinkriecher. Nach hinten 
| zu wird diefer Gehörgang durch ein dünnes, trockenes und 
durchſichtiges Haͤutchen zugefchleffen , welches man die 
Trommel, oder beffer Trommelbäutchen nennet. Hin⸗ 
ger dieſem Häuchen iſt eine große Hoͤhle, welche man 
die Trommelböble nennet. In ſolcher liegen vier Fleine 
Knochen , die nach Ihrer Geſtalt, Der Hammer, Ams 
bas , Steigbügel und das runde Beinchen genennet 
werden. Der Stiel des Hammers ıft unten mit dem Troms 
melhäutchen verbunden , und sichet folches einwärts; oben 
trift er auf den Kopf des Amboßes, der einen langen und 
kurzen Fuß hat, davon der lange vermitteift des runden 
Beincheng mit dem Wirbel des Steigbügels verbunden ift. 
Diefe bedecket das eyrunde Loch, welches zu dem foge 
‚nanten Vorhof führer. In diefem oͤfnen fich die nach hins 
&en gelegenen bogenförmigen Roͤhren, deren drey find, 
Rach vorne zu aber ift eine Deinung der Schnecke befinde 
lich. Dieſe befleht aus zwey ſpiralgewundenen Gaͤngen, 
die 





Erfte Klaſſe der Wunderwerke Chriſti. 789 


die man Treppen neunet; die durch eine Scheidewand von 


einander abgefondert find, und fi) in der Spire der Schne— 
fe mit einander vereinigen. Die eine von diefen Trep— 
pen hat ihre Defnung wie gefagt, in dem Vorhof; bie 
andere aber durd) dag fogerannte runde Loch, dag unter 
bem eyrunden liegt, in die Trommelböble Aug diefer 
Trommelhoͤhle gehet ein, theild knoͤcherner, theils knorp⸗ 
licher Gang in den Mund, deſſen Oefnung hinten im 
Schlunde befindlich if. Man nennet ſolchen die euftachir 
ſche Trompete. Die Gehoͤrknochen haben verſchiedene 
Heine Muſkeln, die fie nahe und weniger gegen einander 
bringen, wodurch dag Trommelfell ftärfer gefpannt und 
wieder erfchlaffet wird. Der Vorhof, die bogenförmir 
ge Gänge unb die Schnecke werden zufamnien mit dem 
Namen des Labyrinths belegt, und find mit vielen feinen 
Dervenfaden verfchen. 


Auf der Tafel fiehet man : 1) ein Stücde des felft 
gen Theileg des Schlafbeines mit Sem Kabyrintbe, der 
Trommelhöble, dem Gehörgange, den beinernen Ge 
börbebeln, dem Trommelhaͤutchen und äuffern Oh⸗ 
ve — Lujtwellen , oder Schellibwingungen der Al 
mosphäre, bie in dem Gehoͤrgang hinein führen, und von 
dem Trommelhäutchen wieder zurückprallen (B.a). Denn 
der Schalf pflanzet fich in ber Luft durch verfchiedene ziftern. 
de, ſchwingende Bewegungen fort; 2) verfchiedene Bilder 
der einzelnen Gebörhöhlden (b); 3) Durdfchnitt der 
Gehörnerve (©); 4) der GBebörhebel, in feine einzelne: 
Theile zergliedert (d); 5) eben derjelbe, fo wie er in der 
Natur eigentlich an dem Trommelhaͤutchen wirklich hängt; 
(e) ©) 9er Labyrinth (f). 





68985 6. 


— — mm 








— — — 
— —— 


— 


— 









750 Abt und dreyigfie Tafel. 


6. 
Der Arzt 


De Medicin oder Arzneykunſt iſt die Wiſſenſchaft, 
die Geſundheit der Menſchen zu erhalten, und die verlohr⸗ 
ne nieder herzuffelen. Die einzelnen Wiffenfchaften, 
welche zur Mevicin gehsren, find : die Zergliederungsfunft 





“oder Anstomie — die Lehre von der Wirfung der Theile 


des menſchlichen Körpers, oder Phyfiologie — die Leh— 
se von der Erhaltung der Gefundheit, oder Diäterif — 
die Therapie, oder kehre von der Heilung der Franfhei- 
ten; und die Chirurgie, die fih mit der Kenntniß und 
Heilung der Aufferlichen Krankheiten befchäftiger. Dazu 
gehöret noch Die Materia medica, welche die Arzneymits 
wel und ihre Kraft kennen lehrt; die Botanif, oder Kent 
niß der Pflanzen und die Chymie, welche vornehmlich das 
zu dient, die Miſchung der Iheile der Körper zu erfennen. 

- Alle diefe midicinifche Wiſſenſchaften muß der Medi— 
cus oder der Arzt wohl gelernet haben, und immer mehr 
in denfelben forſchen, wenn er anderft eine Praxis bes 


‚ Tommen, und in verfeiden glücklich ſeyn will. Er muß 
dabey dir Niturlepre, tie Weltweißbeit und befonders die 


Logik und Seelenlehre vollfiommen verfichen, damit er un— 
trägliche Obſervationen und Schluͤſſe machen, und den Eine 
fluß der Seele in den Körper und in die Kranfpeiten richtig 
beurtbeilen Eann — muß, als ein Ehrift, das Leben der 
Menfchen hochſchaͤzen — Feinem die Zt des Heils verkürs 
zen — und ber empfindlichfte und mitleidigfte Menſchen— 
freund ſeyn — As ein rechtichaffener Bürger wird er ies 
des Mitglied des Staats hoch ſchaͤzen, und zur Erhaltung 

deſſel⸗ 


Erfte Slaffe der Wunderwerke Chriſti. 791 


deffelben fein möglichftes thun — und als ein wuͤrdiger 
Menſch fih gluͤcklich ſchaͤen, wenn durch feine Wachfants 
feit und durch feinen Fleiß die traurigen Trennungen der 
Öatten, der Eltern und Kinder und zärtlicher Freunde 
verhindert werden. 

Hier (A) fit ein folder liebenswürdiger Yeis 
land und Menſchenfreund, in feiner Studierſtube, vol 
Trieb immer tiefer einzudringen in die Geheimniffe der Nas 
tur — Er hat ein Rräuterbuch vor ſich — um fich herum 
eine ausgefuchte Bıbiio:hef von meift medicinifchen Schrif. 
ten — ein Merfchen - und andere Sfelete — im Weingeift 
aufbewahr:e Fleine Kinder, Mißgeburten, Vrenfchen» und 
Thies Theile — ein meitläufiiges Nerbarium, oder Frans 
terbuh, das er fich ſelbſt geſammlet hat. Hier CB) fizt 
er bey einem Patienten — fragt nach allen Umftänden 
der Brankbeit, fuͤhlt an den Puls, um biefelbe aus dem 
Gange des Blutes zu beurtheilen — fchreibt Recepte, 
und verordnet jolde Arzneymittel, durch melde bie 
Krankheit entweder gehoben, oder doch gemindert werden 
fan. 

Es ift daher nöthig und gut, wenn man fi die 
vornehmfien Fragen befannt macht, welche der Arzt gleich 
beym erfien Beſuche, an den Patienten ergehen laͤſſet — 
gut insbefondere fur dieienigen, zu denen der Arzt nicht 
ſelber kommen kann. Man fchreibe die Antworten auf alle 
diefe Fragen auf, und ſchicke fie dem Doktor zu, fo ift eg 
für denfelben beynahe fo gut, als wenn er den Kranken 
felbft vor ſich haͤtte — und er Fann fogleich die gehoͤrige 
Arzuey versrdnen. Folgende Fragen aber find die vor, 
nehmfien, wie ein ieder Kranker feinem Arzte muß beant. 
toorten koͤnnen: Wie alt ift der Rranfe? Iſt er bis 
ber vollfonmen gejund gewefen oder nicht? Wie ift 

bis: 





N 


792 Acht und dreykigfte Tafel. 


bisher feine Kebensart befchaffen gewefen, mäßig 
oder unmeßig? Wie lange ift er krank? Wie und 
womit Ber fich feine Krankheit angefangen? Ver: 
fpü:t er Sieber? ‚Wie gebt fein Puls? Iſt er noch 
bey Kräften, oder ift er ſchwach? Kiegt er den gans 
zen Tag im Bette oder nicht? Iſt es mit ihm den 
ganze: Tag einmal wie das andere Iſt er unruhig 
oder ſtille? Hat er Hize oder Sroft? In welchem 
Theile des Keibes empfindet. er Schmerzen? Hat er 
eine trofne Zunge ? Hat er viel Durft? Iſt ibm 
bitter im Munde? Iſt ihm bisweilen, als ob er fi 
brechen follte? Hat er Appetit zum Eſſen? Gebt 
er oft oder felten zu Stuhle? Laͤßt er viel oder 
wenig Urin, und wie ift er befhaffen? Hat er 
Schweiß? Wirft er viel Speihel aus? Kann er 
ſchlafen? Wird ihm das Athemholen nicht zu fehwer? 
Was bat er bisher gegefjen und getrunfen? Was 
für Arzeneyer bat er gebraudbt? Was haben fie ibm 
geholfen? Hat er dieje Aranfheit ſchon vorber eins 
mal gebabt oder nicht? 


Wohl übrigens dem Lande, dag fromme, kluge und 
erfahrne Aerzte hat, und hochſchaͤzet — und allen den Uns 
fällen ‚Brenzen fest, bie fo haufig durch Die herumziehen⸗ 
den und furirenden Marktſchreyer, Charlatans, Duack 
folder, Kaboranten, Urinſchauer und alten Weiber 
verurſachet werden. | 


WRITER 


Erſte Klaffe der Wunderwerke Chriſti. 495 


Apollo und Minerva. 


Gott der Aerzt' und der Poeten 
Und Pallas wurden einſt vom Himmel weggebannt — 
Die Urſach iſt noch unbekannt, 
Und ſcheint zu wiſſen nicht vonndihen, 

Als dieſes Paar die Welt beivat, 
Beriethen beyde fih, mas nun wohl anzufangen ? 
Apollo ſprach: Ich ſchaffe Nath, 
Mein Lebensoͤhl muß Brod erlangen. 
Minerva rief frohlockend aus: 
Auch meiner Kurft bedarf ein iedes Haus, 

Man waget den Verſuch, und baut im nechflen Orte 
Zwey große Bühnen eilends auf. 
Apollo hat, als Arzt, viel Derrliches zu Kauf, 
Und ruͤhmet was er hat, durch ausgeſuchte Worte. 
Sein Wundereligir, das alte Haut veriuͤngt, 
Den Achten TIheriac, die befien Augenfalben, 
Ein Dehl, das iede Krantheit zwingt, 
Und Apotheken gnug, zu ganzen und zu halben. 

Die Tochter Jupiter nahm Seelen in die Kur; 
Sie ſprach: Mein Gegengift wehrt Vorurtbeilen; 
Mein Weisheits- Balfam ift die Stärfung der Natur, 
Er kann den fchlimmfien Schaden heilen; 
Den Aberglaubens Krebs, der viele Dienfchen plagt, 
Die Ueppigfeit, tie Zehrung ganzer Neiche, 
Den Wurm des Widerſpruchs, der Haupt und Zunge nagt 
Den Neid, der ileinen Geifter Seuche — 
Die Mittel, die ich zubereite, 

Be: 





794 Acht und dreyßigſte Tafel. | 


Dertreiben ungefäumt ber Schwäger Lungenſucht, 
Und die Vergeſſenheit, des rohen Undanks Frucht — 
Die Taubheit und den Kropf, die Sranfheit großer Leute) 
Des Geizes Hölendurft, der Einfalt Eigenſinn 
Den tilg ich wunderſam; fo wahr ich Pallas bin! 
Auch nehm ich die Bezahlung nur 
Tach glücklich angefihlagner Kur. 

Apollo machte fleißig Kunden — 
Die arme Pallas batte Ruh. 
Nur ihm warf man das Schnupffuch zu. 
Er rieth den Kranken und Gefunden. 

Wo wird die Weisheit Kranke finden ? 
Ein ieder hält fih fchon für Flug, 
Beſcheiden, liebreich, fromm genug. 
Der Hochmuth hilfe ihm bald zu Gründen. — 


RE LADEN 


8 
Mefculap. 


N, man in ben älteften Zeiten die Krankheiten für etwas 
Uesernatürliches gehalten, und fie für eine Wirfung bes 
Zornes der Götter angefehen hatte; fo Fonnte es nicht an» 
ders feyn, als dag man auch bieienigen , die durch ihren 
Heobachtungsgeift und Scharffinn, ein Mittel, fie zu heben, 
entdeckt hatten, für Ödtter hielt, und die Kranken in die Tem 
pel brad;te — eine Gewohnheit, die noch in ſpaͤtern Zeiten 
ſich nicht verlohren hatte. Deſto weniger iſt alfo ſich zu 
verwundern, wenn Aeſculap, der Sohn bes Apollo, und der 
Nymphe Koronig, der die Kenniniß der bamalının Arzney⸗ 
kunde von feinem Vater geerbi hatte, und fie durch feinen eis 
genen Fleiß erweitert zu haben fcheint, goͤttliche Ehre erhielt, 

Diefer 





Erſte Klaſſe der Wunderwerke Chriſti. 795 


Dieſer Aeſculap ſell, als ein Kind, vom Merkur 
noch errettet wor en ſeyn, da ſeine Mutter, welche von 
der Diana erſchoſſen wurde, eben auf dem Scheiterhaufen 
derbrannt werden follte. Andere fagen, daß er auf ei- 
nen Hügel weggeſezt, von einer Ziege ernähret, und von 
einem Hunde bewachet worden, bis ihn ein Hirte gefun— 
den, und aus dem Ölanze feines Hauptes etwas Goͤttliches 
an ihm cifaunte. In der Folge übergab ihn fein Vater 
dem Unterrichte Chivons, des Kentauren, deſſen Hoͤle die 
damalige Schule des griechifihen Adels war; in welcher 
auch die, meiſten Helden des troianifchen Kriegs erzogen 
tourden. In diefer Schule lernte er vornehmlich die Arze 
neykunſt, in ber er fich hernach dermaffen hervorthat, 
daß er felbft für den Erfinder derfelben gehalten, und das 
ber nicht nur zu Epidaurus, als feinem Geburtsorte, 
fondern auch zu Rom und andern Diten götilich verehret 
wurde. Als er aber in feiner Kunft fo weit gieng, daß 
er auch die Todten wieder lebendig machen wollte, beklagte 
fih Pluto bey dem Sjupiter über ihn, daß er auf folge 
Weiſe feinem Reiche Abbruch teue — murde auch deswe— 
gen vom Jupiter durd) einen Bliz getödtel. Aber er fund 
wieder auf, und war von nun an unfterblid). 


Er wird als ein alter Dann mit einem großen 
Barte gemacht, der einen Lorbeerfrang auf feinem Haupte 
bat, meil dieſer Baum ein Frafiiges Mittel wider ver» 
fchiedene Krankheiten iſt. Anſtatt eines Stabs, den er 
fonfi in der Hand hat, bedienet er ſich auch einer knotigten 
Keule, um welche fi eine Shlange winder, die Schwie— 
rigfeit der Heilungsiunft anzıszeigen. Daher, und weil 
aus den Schlangen viele Huͤlfsmittel gegen Krankheiten in 
den alten Zeiten bereitet wurden, Ward ihm auch bie 
Schlange heilig. Sehe oft hat er zur Seite den Teles 

pho us 








796 Acht und dreyßigſte Tafel, 
phorus, als ein mit einem Mantel bedecktes Kind, wel⸗ 
cher ebenfals als ein Gott der Arzneykunſt verehret wurde. 


9. 


Merkwuͤrdige Handlungen eines blinden 
Frauenzimmers. 


— de Salignac, ein iunges Frauenzimmer 
von einem guten Haufe in Kaintonge verlohr ihre Geſicht, 
als ſie zwey Jahre alt war. Man hatte ihrer Mutter 
geraten, Taubenblut auf die Augen zu legen, damit fie 
in den Blattern, bie fie damals hatte, nicht Schaden 
nehmen möchten. Das Mittel aber fiimmte fo wenig zu 
der Abſicht, daß es fich vielmehr in die Augen einfraß. 
Unterdeßen Fann man fagen, dag die Natur, zur Erjezs 
zung Diefes traurigen Schadens, ihr Schönheit der Berfon, 
Sanftmuth Ber Seele, Lebhaftigkeit des Geiſtes, Schnel—⸗ 
ligkeit der Begriffe und viele andere Gaben verliehen hat, 
die das Ungluͤck ſicherlich etwas lindern Eönnen. 


Cie fpielt Nevertis, ohne Anleitung und öfters ges 
ſchwinder, als die andern von der Parthie. Erſt macht 
fie die beyden Haufen zurecht, Die ihr zur Theil worden, 
indem fie diefelben mit verfchiedenen Suchen, aber fo ums 
merklich zeichnet, daß man bey dem ſchaͤrfſten Anſchauen 
ihre Zeichen Faum unterfcheiben kann; fie ändert fie bey 
teder Parthie, und niemand verſteht fie als fe allen; Sie 
fondert die Folgen aus, und legt die Kakten fo, wie fie 
folgen misffen, mit eben der Genauigkeit, und fr mit eben 
fo vieler Leichtigkeit zurechte, als dieienigen gun Lemtelr, 

bie 


Erfte Klaffe der Wunderwerke Chrifti. 797 


die ihr Gefiche haben. Alles, mas fie fich von denen, 
die mit ihr fptelen , ausbittet, iſt: iede Karte zu nennen, 
die ausgefpielt wird; und dieſe behält fie fo genau, und 
fpielt fo fchön, daß man flets eine große Stärke in Vers 
bindung der Begriffe und ein ſtarkes Gedaͤchtniß bemerfer, 


Ein fehr wunderbarer Umftand iſt eg, daß dies Fraus 
enzimmer ſogar leſen und ſchreiben gelernet. Sie fuͤhrte ei— 
nen ordentlichen Briefwechfel mit ihrem Altern Bruder, der 
fi) Handelggefchäfte wegen zu Bourdeaux aufbielt, und 
e8 wurde ihn von ihrer Hand alles uberfchrieden, was feis 
ne Sachen angieng. Wenn man an Ile Ichreibt, fo wer 
ben die Buchſtaben nicht mit Dinte geſchrieben, ſondern 
eingeſtochen, und mit ihrem zarten Gefuͤhl unterſcheidet 
fie ieden Buchſtaben, indem fie deſſen Zügen mit dem Singer 
nachfolgt, und fo Wort für Wort ließt. Sie feloft, wenn 
fie fchreibt , bedient fich eines Pinſels, weil fie nicht wiß 
fen fann, mann ihre Feder trocken iſt. Ihr Führer auf 
bem Papier if ein Eleines Lineal, das fo breit ift als ihre 
Schrift: Wenn der Brief zu Ende iſt, fo macht fie ihn naß, 
wodurch die Züge ihres Pinfels veft werden, und nicht vers 
dunkelt oder leichtlich entfielt werden fünnen: Die Zeilen 
find fehr gerade; die Buchſtaben wohl geflaltet, und die 
Rechtſchreibung vollkommen richtig. Man gab ihre Ans 
fangs Buchſtaben, die in Karten oder Pappe geriffen mas 
ren, zu fühlen, und brachte fie dahin, daß fie ein A 
von einem B, und fo dag ganze AD € unterfcheiden 
nachgehend® aber ganze Worte buchſtabiren lerute; worauf 
fie anfieng, fo tie fie ſich der Geſtalt der Buchſtaben era 
innerte, folche felbit auf dem Papiere zu zeichnen, und 
endlich fie fo zu flellen , bie Worte und Ausdruͤcke daraus 
wurden; 


® 65 | Sie 








798 Acht und dreyßigſte Tafel. 


Sie hat die Either, und faft allein von ſelbſt, fo gut 
fielen gelernt, daß ihre Fleinen Geſellſchaften darnach tan- 
zen fünnen; um ihrem Gebächinige zu Hülfe zukommen, 
hat fie velbft ein Mittel erfunden, ihre Melodien in Papier 
zu jiechen. In der Folge lerute fie von einem ordentlichen 
Lehrmeiſter fpielen, ausgenommen, daß fie ihre Art, die 
Noten aufzufchreiben, beybehält, und um folche defto befs 
fer zu unterſcheiden, werden ihr die Notenzeilen weitlaͤuf⸗ 
figer gezogen. Sie lernte auch fingen, und die Werkzeuge 
ihrer Sinnen find fo fein, daß, wenn fie eine neue Mes 
lodie finsen hoͤrt, Ne im Stande iſt, die Noten zu nennen, 
und ſolche während bes Singens niedesfchreiben zu laffen. 


In figurirten Tänzen weiß fie ihre Sachen recht wohl 
gu machen, ud ein Menuet tanzt fie mit unnachahmlicher 
Leichtigkeit und Annehmlichkeit. Fuͤr die Frauonzimmerars 
beiten hat ſie eine Meiſterhand. Sie macht Geldbeutel 
von vielen Farben — ſie naͤhet und ſaͤumet vollkommen 
wohl, und weiß eben fo geſchickt mit Marli und Filet 
und aller Knoͤtchenarbeit umzugehen. Bey aller ihrer Ars 
beit faͤdelt fie fih die Nadeln, fo Elein fie auch find, felber 
ein — Cie bat eine Uhr an der Seite hängen, und ihr 
Gefühl läßt fie in Zahlung der Stunden und Minuten kei— 
nen Fehltritt thun. 


Kent 


Neun 


799 


Neun und drengigite Tafel, 





I, 


mente Klaffe der Wunderwerke Chriſti. 


D 0 den Wunderkuren lieg Jeſus Chriftug feine Gofs 
iesfraft, die alies wirken kann, noch durch viele 
andere berrlihe Wunderwerfe ſehen. Wenn er nuf 
feinen Mund aufihat zu predigen, fo wurden bie Herzen 
Vieler auf eine uͤbernatuͤrliche Art geruͤhret, daß fie ihr 
nicht mehr verliefen, fondern willig und freudig alles hint— 
anfesten und feine Befehle beobachteten. Einſt war die 
Menge feiner Zuhoͤrer fo groß, daß er in ein Schiff tres 
ten mußte, das eben in der Kühe war, um aus demjelben 
am Ufer mit ihnen zu reden (e). Auf iener Hochzeit zu 
Rang, bey der er ſich mit feiner Mutter und feinen Juͤn⸗ 
gern einfand, fehlte es zulezt am Weine. Sogleich ließ 
er durch die Diener Waſſer ſchoͤpfen, und ſehr große Ges 
faͤße damit füllen — und wie man auf ſeinen Befehl das 
von bey Tiſche Gebrauch machte, fiche, fo war es der befle 
Wein (a). Unter einer großen Menge Käufer und Vers 
Fauffer, die den Tempel zu Jeruſalem entheiligten , und im 
demſelben mit großem Laͤrmen einen Jahrmarkt hielten war 
fein Einziger, der ihm widerſtehen konnte, da er eine 
Geiſſel nahm, fie ſaͤmtlich aus dem Tempel tagte, und 
ihre Tiſche mit allem Gelde ummwarf (b). Zu irnen Mat—⸗ 
rhaͤus, ber anfangs ein Zolbedienter war, und ehe gute 
9662 Ein⸗ 


⸗ 





| 3600 Neun und dreyßigſte Tafel. 


Einihmehafte, durfte er nur ſagen: folge mir! fo. 
gleich rühltefderfelbe einen folchen Zug der Gotthett im fei. 
ner Seele, daß er alles verließ, und ihm machfolgte (e); 
weiche Kraft alle feine Jünger fühlten. Kinige unter 
denſelben waren Fiſcher. Einſt bemüheten fie ſich vie gan⸗ 
ze Nacht vergeblich, Fiſche zu fangen — ſobald aber 
Jeſus zu ihnen kam und befahl, fie ſollten es noch einmal 
verſuchen, 10 firngen fie augenblicklich eine ſolche Menge 
Suche, daß die Neze zerriffen , und kaum die Schiffe 
dieſelben faſſen Fonnten (d). Als allgewaltigen Herrn des 
Meers und aller Elemente bewieß er ſich bey ienem ſchreckli— 
chen Sturme, den ſeine Juͤnger auf dem Meere litten. 
Er ſchlief anfangs ganz ruhig dabey — endlich, da die 
Sünger den gewiffen Tod vor fi fahen, und ihn auf 
weckten, gebot er den Winden und Wellen, daß fie ru- 
hen ſollien, und augenblifiih war alles file (f). Als 
Herrn der Erde und allır Frucht derſelben zeigte er ſich, 
da er zweymal etliche taufend Menſchen, mit wenigen 
leinen Broden, an denen kaum Zehne fich fatt effen Fonts 
ten, dermaffen wunderbar fpeißte, daß fie nicht nur ge- 
ug hatten , ſondern noch uͤberdieß erliche große Körbe 
voll aufheben fonnien (g). Eben fo wunderbar war jein 
Gang auf dem Meere — Petrus lief ihm voll Freude, 
und geſtaͤrtt durch Gottes Wunderkraft, gleichfalg auf dem 
Waller enigegen — aber er ſank, da er fi) vor dem 
Winde entſezte, und wurde von Jeſu freundfchaftlich bey 
der Hand ergriffen, und mieber in das Schiff gebracht (h). 
Wie maieftärtich wunderbar war feine Verflärung auf 
dem Berge, da er ın Gegenwart feiner Jünger, und vom 
Moſes und Elias begiritet, fo helle und Flar, mit einem 
Sonnenglanze vor ihnen fund, daß die Jünger vor Ers 


fiaunen uud Klarheit ihn kaum anfehen Fonnten — unb 
ihnen 


Zweyte Klaffe der Wunderwerke Chrifti. 301 


ihnen fo wohl dabey war; daf fie beffändig mit ihm auf 
dieſem Berge bleiben wollten (i). Aber defio fchrecflicher 
für die ganze Natur ift Jeſu Zorn , Fluch und Eifer, — 
Sobald er ienen Seigenbaum , Ber feine Frucht frug, 
ſchalt — fo verdorrete er (k) — Sobald er ienen Kriegs— 
Fechten, die ihn binden wollten , zurief x, Ich bins, 
ven ihr ſuchet! ! fo erſchracken fie dergeftalt , daß fie zu 
Boden fielen (1). 

Durch) fo viele und noch unzehlig mehrere Wunder 
wollte fi) der Heiland der Menfchen den Suͤndern ſcheeck⸗ 
lid, den Frommen aber liebenswuͤrdig machen, «ls ein 
Sc;öpfer aller Hülfe, alles Ueberfluffes — aller Stärke, 
aker Erquickung, alles Troftes, aller lache aller 
zreude — O! wie triefen feine Fußſtapfen vom,seh 
ie ? Wie bat er die Leute fo lieb! 


D ! tie liebt du Herr, die Deinen! 

Zaͤrtlich, ewig liebft du fie! 

Tröfteft die, die troſtlos weinen, 
Nie verlaͤſſeſt du fie, nie! 

Sreudig darf ich vor dich treten, 
fiebreich fiehbeft du mih an. 
Maͤchtig bift du ſtets zu rerfen, 
Wo fein Menſch fonft retten kann. 
Jeſus Chriſtus, Duell des Kebeng ! 
Freundlich ift dein Angefiche ! 

Dir vertrau' ich nicht vergebens, 
Wer dir glaubet, ſtirbet nicht! 





Hbhh 3 — — 








— m — — 





802 Neun und dreyfigfle Tafel. 


a un —————————— 
2; 
Wunderwerke der Heiligen. 


M. erzehlt vieles von Wunderwerken, welche heilige 
Menſchen in den vorigen Zeiten ſollen verrichtet haben. 
Man ſagt, z. E. vom heil. Hilarius, der im vierdten 
Jahrhunderte lebte, und Bifchof von Poitiers in Frank—⸗ 
reich war, daß er einen Ort in Seleucien, der von Schlen: 
gen angefuͤllt und aufferft unfiger war, ducc fein Gebet 
wider rein gemacht (a), auch ein Kind, welches vor der 
Taufe geſtorben, wieder lebendig gemacht habe, 


Bon ber frommen Kaiſerin Runigunde, der Gemah— 
lin Kaiſers Heinrich des zweyten, weiche zu Anfange 
des eilften Jahrhundertes lebte, umd allezeit den Ruf eis 


ner großen Heiligkeit hatte, wird folgendes erzehlt: Alg 


fie einft bey ihrem Gemahle von gottloßen Fäfterzungen vers 
laͤumdet wurde, PU fie freymillig auf glüendem Eiſem 
gegangen ſeyn, und badurch ihre Unfchuld bewiefen has 
ben (b). In der Eafriftey der Domficche zu Merfeburg, 
will man noch den Mantel haben, melden fie umhatte, 
als fie diefe Feuerprobe ablegfe. Sie und ihr Gemahl lies 
gen zu Bamberg begraben. 


Srancifins de Paula, Etifter des Pauliner, Dr- 
dens, Icbie im funfzehnten Jahrhunderte , und war, wegen 
feiner aufferordentlichen Frömmigkeit, wegen feines firens 
gen beftändigen Faſtens und vieler Wunderwerfe fo berühmt 
und beliebt, daß die Könige von Franfreih, Spanien und 
Neapel feine Sreundfchaft ſuchten und ihn zu fich beriefen, 
Unter feinen Mirakeln ift dieß das befanntefle, daß er, fo 

oft 


Zweyte Klaffe der Wunderwerke Chrifli 803 


oft er wollte, auf dem Waffer geben , und Fniend auf 
demfelben fein Gebet verrichten Eonnte (c). 


Vom Marcellus, einem frommen Bifchoffe zu Paris, 
wird folgendes erzehlt ; Es fiarb eine vornefme Dame, 
die ihrem Manne treulog war — und täglich ſtellte fih ein 
abſcheulicher Drade auf ihrem Grabe ein und fing any 
an ihrem Körper zu nagen. Da nun bag Üoif über dieſe 
Begebenheit in großes Entfegen gerieth, und niemand fich 
mehr getraute in diefer Gegend zu wohnen , fo begab fich 
der heil. Marcellus, ohne Furcht, zum Grabe, gieng auf 
den Drachen log, warf ihn fein Kleid um den Hals, und 
führte dieß Ungeheuer, gleich) als im Triumphe, vor allem 
Belfe, mit fich herum (d). 

Ja, fie ift nicht zu befchreiben die Menge von Wıms 
dern oder Mirsfeln, die von mehr als taufend Heiligen 
owzehlt werden — Ob, und wie viele von denfelben wahr 
find, bleibt dem Nachdenken und der Brüfung eines ieden 
Bernünftigen überlaffen. 


—4 





— WESER 
er mm 





a, 
Heidnifche Gefchichte, 


D. Heidenthum befteht in einem Gottesdienfte, ber 
den wahren Eigenfchaften Gottes zumider läuft und uUnan— 
fändig ift, welcher die Abgötterey genennet wird, Dar— 
unter wird verfianden; 1) die allereigentlichhe Vielgoͤtte⸗ 
rev, weldhe in Berehrung mehrerer Grundweſen beſteht, 
und 2) die eigentliche Abgötterey, wodurch sem hoͤchſten 
Weſen Untergoͤtter bengefüget, und zufammen unie te 

Hhh4 baren 





1 


304 Neun und dreyßigſte Tafel. 


baren Zeichen verehret werden, welches den Gözendienft 
ausmacht. Beydes kann in dag ältere, und in dag new 
ere Heidenthum eingetheilet werben. 


. Zum älteren Geidentbume gehoͤret: bag magifche 
oder perfiiche, das zabiſche und phönicifche, das gries 
chiſche und römische, das euyptifche, dag mitternäht 
liche und abendlaͤndiſche. 


1. Die magiſche und perfifche Abgötterey hat 
in Perfien und den benachbarten Gegenden am meiften und 
laͤngſten überhand gensinmen, big fie durch den Goͤzen⸗ 
dienft ſowohl, als durch die chriftlihe und mahomedanifche 
Keligion verdränget, und auf die geringe Anzahl der noch 
sorhandenen Gauren oder Seuerverebrer eingefchrenft 
worden if. Sie haben nach den Lehren des Zendaveſta, 
das Geftirn, und vornehmlich die Sonne oder Mithra, 
als eine Wohnung Gottes verehret, das Feuer in eigenen 
Tempeln heilig gehalten, und eine Seelenwanderung anges 
Kommen. 

2. Der Zabier und Phönicier Abgötterey , ift 
der ältefte Goͤtzen- und Bilderdienft, der anfänglich ben den 
Ehaldäern , Babileniern und Arabern entftanden ; darauf 
aber auf eben die Weife wie die magiſche, verdrangt wor« 
den, big auf geringe Ueberbleibfel in Syrien und Arabien. 
Sie verfertigten dem Geſtirne und ihren Geiſtern und ans 
bern geiftigen Werfen Bilder, und verehrten fie unter den, 
felben , wodurch die Teraphim und Talismane verurfas 
chet worden. Ihre vornehmften Gottheiten waren : der 
Baal, die Baalta, der Azar, Nebo und Bad, Win 
loch, die Aftarte, der Dagon, Miplezeth, Thamuz, 
Kium und Remphan. Denfelben opferten fie, und er 
gaben ſich dabey ber Woabrfagerey. 

3. Der 


Zweyte Klaffe der Wunderwerke Chrifli. 805 


3. Der Griedyen und Römer Abgötterey. Die 
grie Hiſche ift anfänglich aus der phoͤniciſchen entflanden, 
dernach aber durch viele Zufäze der egyptifchen und mitter— 
naͤchtlichen, auch eigene Erfindungen, ſehr vermehret wor⸗ 
ben. Cie haben ı) zwölf größere Gottheiten: Ju—⸗ 
piier, Juno, Neptun, Ceres, Merfur, Bella, Vul— 
au, Apollo, Mars, Pallas, Venus und Diana; 2) 
geringere Gottheiten und geiflige Weſen, z. €. den 
Heolur, Atlas, Aeſculap, die Mufen ꝛc. 3) vergötterte 
Helden, z. E. den Perſeus, Herkules, Thefeug re. 4) 
Schuzengel und vorftehende Geifter angebetet. Die 
roͤmiſche ift aus der griechifchen entflanden, wurde aber 
darch verfchiedene Zufäze, fowohl der fibykinifchen Vuͤ⸗ 
ber, alg fremder Gebräuche und neuer Vergoͤtterungen 
erweitert. 

4. Die egyptiſche Abgäötterey ift durch die hiero⸗ 
glyphiſche Lehrart diefes Volks, durch die Borurtheile 
vom Einfluſſe der Sterne in die Geſchoͤpfe und von der 
Seelenwanderung ſehr vervielfaͤltiget, und bis zur unge⸗ 
reimteſten Verehrung lebendiger und lebloſer Dinge getrie— 
ben worden. Ihre vornehmſten Goͤtter waren: Oſirio, 
Ammon, Serapis, Apis, Iſis, Anubis nebſt dem 
Yül. (Tab. XIV, 8.) 

5. Die Abgötterey der deutfchen und mitters 
naͤchtlichen Völfer, iſt gleichfals aus der Verehrung des 
Geſtirns und anderer Theile der Koͤrperwelt fowohl, als 
alter Helden entfianden. Sie haben vornehmlich durch 
die Druiden, Barden und Aunen, angebetet: Die 
Sonne, den Mond, den Teut, den Othin, ven 
Thor, die Sreis, den Satar , die Hertha, die Kafter, 
den Niord und Herman, fonderlich in Wäldern auf Ber: 
gen und an Slälfen (Tab. L, 8.) 


2b55 u. 


D 


er — — 


Bene > ee ——— — 


Fre Zen nn, none nern ——— — 





⏑ —— — — 
a a 


06 Neun und dreyfigfte Tafel. 


IT Sum neuern Heidenthume gehoͤret (um daſſelbe 
kuͤrzlich und deutlich zu faffen und zu - überfchauen) : "ber 
noch uͤbliche europaͤiſche, aſiatiſche, afrikaniſche und 
amerikaniſche Goͤzendienſt. 


1I. Selbſt in Europa giebt es noch, in den 
aͤuſſerſten mitternaͤchtlichen Gegenden, heidniſche Voͤlker. 
Hieher gehoͤren viele Einwohner von Lappland und Zinn 
land. Sie verehrten ſonſt, als die hoͤchſte Gottheit, einen 
Jumala, welcher unter menſchlicher Geſtalt, mit einer 
Krone, auf einem Altare ſizend vorgeſtellet wurde (a). 
Der Goͤze war von Holz, und hatte eine Schale auf ben 
Knien, worein man das Opfer legte. Jezt verehren fie 
vornehmlich den Thoron, als Herrn ded Donners, und 
den Storiunfate, feinen Stadthalier. Sie opfern ihren 
Ghitern, und gebrauchen zu den Dienft derfelben und zu 
allerley zauberifchen Dlendwerk, die Zaubertrommel (e), 
an welcher fie allerley Figuren und Ringe anbringen, durch 
deren Berührung und Bewegung fie manche Dinge vor- 
herwiſſen und ausrichten wollen. 


2. Das afiatifche Heidenthum, oder die oftindis 
fche Abgötterey begreift drey Hauptarten des Ödzendien- 
fies in fi, nehmlich: die ältefte Abgötterey der ns 


dianer, den Gözendienft der Braͤmanen und die Abs 


götterey des Schekia. 


a. Die ältefie Abgötterey der Indianer ift 
vermufhlich aus der Sabier Irrthuͤmern entflanden , und 
fonderli) unter den Tatarn beybehalten worden. Sie 
verehrten durch die Lamas einige Götter, auch boͤſe Gei- 
ſter, unter unfoͤrmlichen Geſtalten. 


b, 


Zweyte Klaſſe der Wunderwerke Chriſti. 807 


b. Der Gözendienft der Bramanen iſt aus 
einer Mifchung diefer alten Abgoͤtterey mit egyptiſchen Lehr- 
fügen und Gebräuchen entſtanden. Ihre vornehmſten Goͤ— 
zen waren: Biven, Brama, Iſuren, Kingum und 
Wiſchru; deren Anhanger fh in Iſuren Verehrer, und 
in Wiſchtnupaddikarer theilen. Jene halten die Afche 
von Buhmiſt für heilig, und beftreichen fich damit ; diefe 
gebrauchen dazu rothe Erde. Insgeſamt glauben fie die 
Seelenwanderung, enthalten fich aller Toͤdtung und Ges 
niefung lebendiger Dinge, befleißigen ſich großer Neinig- 
feit und Bußübung, vornehmlich die Fakirs, und geben 
vor, ein altes Geſetzbuch Wedam zu baben. 


e. Die Abgötterey des Schefia bat fich in den 
meiſten morgenländijchen Grgenden, big in China und Sa- 
pan ausgeoreitet. Sie beten vornehmli den Amida 
an (b), durch Bonzen und Telspoinen; opfern fich off 
demjeiben ſelbſt auf, und richten fi) nad) einen gewiſſen 
Geſetzouch Fokekio. 


3. Zum afrikaniſchen Heidenthum gehoͤret, auſſer 
den Goͤzendienern in Kongo, Madagaſkar, und Mono⸗ 
motapa ;, vornehmlich die Religion der Asffern, oder der 
Hottentoten, Man hat lange geglaubt, daß fie gar Fein 
hoͤchſtes Wefen anbeten, aber num ift es befannt, daß fie 
vornehmlich dem Mond göttlihe Ehre erweifen. Wenn 
ee neu wird oder voll ift, tanzen fie, demfelben zu Ehren 
ganze Nächte hindurch, unter großem Gefihreye (c). 
Auch thun fie einer gewiffen Gattung Räfer gottesdienſt⸗ 
liche Ehre an, und halten viel auf Zauberwerke. 


4. Der amerikaniſche Goͤzendienſt, bey welchen 
die Priefter zugleich Aerzte und Gaufler find, ift bep 
einigen fehr granfam eingerichter gewefen. Sn Brafilien, 

; Mexiko 





828 Neun und dreygigfte Tafel. 


Mexiko und Deru war die Verfeffung bes Gdzendienftes 
mit wicht Menſchenopfern begleitet. Man bat unter 
ihnen thetls Die Sonne und andere natürliche Dinge, uns 
fer mancherley Gdzenbildern verehret, deren vornehmfteg 
Vizlipuzli (d) hieß; theild hat man nebft den höchften 
Weſen, einen boͤſen Gott, durch verfchiedene auch menfche 
liche Opfer verehret, fs ben lleberneindung diefer DVolfer 
von den Chriſten ausgerottet worden. Die Abgötterey der 
"roquefen, Huronen, Karsiben und Rannibalen des 
ſtehet ın Verehrung theils des hoͤchſten Weſens, theils des 
Geſtirns, fonderlich der Sonne , theils boͤſer Geifter und 
Untergstter. Die Verehrung dieſer Gegenflände wird 
mehrentheilg durch einige goftesdienftliche Handlungen, bey 
bürgerlihen und häuslichen Begebenheiten verrichtet, weil 
ihre Lebensart feinen feyerlichen Gottesdienſt verſtattet. 

Diefe heidniſchen Voͤlker zu befehren, werden fo- 
wohl von der Fatholifchen als evangeliihen Kirche, Priefter 
ausgefandt, welche deswegen Miflionairs genennet wer, 
den. Wie denn insbefondere vom Könige in Dänemark, 
feit 1706, viele Prediger , nicht ohne Nuzen, nad Trans 
quebar, auf die Küfte von Zoromandel in Afien gefchickt 
werden, um den beibnifchen Malabaren das Wort Got 
tes dafeldft zu verfündigen. 


nn ENTER 
4. 
Ein falfcher Meſſias der Zuden, 


Ri das iüdifche Volk Jeſum den wahren Meſſias 
verworfen hatte, und befländig in der Einbildung jtund, 
daß ein anderer Meffins Fommen würde, fo Famen von 

Zeit 


Zweyte Klaffe der Wunderwerke Chriſti. 309 


Zeit zu Zeit Betruͤger zu ihnen, bie ſich für den wahren 
Meſſias aufgaben. 


Shen im erften chriftlihen Jahrhunderte that fich 
Simon Magus hervor, und gab fich für die Kraft Got— 
tes aus, Das folgende brachte Barcochebas dureh 
feine Betrügereyen, über das iuͤdiſche Volk die abfcheulichfte 
Verfolgung, die ed iemals erlitten hat. Um bag Sahr 
434 ſtund ein falſcher Meſſias, mit Namen Moſe in ber 
Inſel Kansia auf. Er nannte fich den alten Öefesgeber 
der Juden, und gab vor, er wäre vom Himmel gekommen, 
die Juden auf diefer Inſel in Freyheit zu ſezen, und fie 
durch das Meer in das verheiffene Land zu führen. Die 
Suden in Kandia waren auc fo einfältig, daß fie ihm 
glaubten; und viele von ihnen flürzten fich ins Meer, und 
hofften , eg follte fi von einander theilen, und ihnen einen 
freyen Durchgang oͤfnen. Eine große Menge mußte er- 
faufen , die übrigen rettete man, fo gut man konnte. 


Auch die folgenden Jahrhunderte waren an dergleichen 
Betrügern fehr fruchtbar. Ein Julianus in Paläftina 
gab fi) vor einen großen Helden aus, und verficherte fei- 
sie Anhänger , er wollte fie mit gewafneter Hand von der 
Unterdrücdung der Chriſten befreyeu; wurde aber vom Kai— 
fer Juſtinian ergriffen, und zum Tode verurtheile, Ein 
Serenus in Spanien verſprach feinen Glaubensgenoffer 
fie nach Paläftina zu führen, wo er fein Reich aufrichten 
würde, murde aber noch bey Zeiten als ein Betrüger ents 
deckt. Ein David Al: Roi fol fogar durch einige Wun- 
bermwerfe eine große Menge Juden bintergangen haben. 
Man warf ihn ind Gefängniß, er entfam aber wieder — 


man feste ihm nach, er verichwand — man hörte feine 


Stimme, und fahe dach niemand — Man füchfe ihn mie 
eine 





ee re —————— 





* —— — Ba ——— — 


— = 





ES 1A mn 





—— 


ee — 


810 Neun und dreygisfte Tafel. 


einem Kriegsheere auf, und man traf ihn an dem lifer 
eines Flußes an, und-hörte ihn rufen, 0 Thor! fabe 
aber nichts weiter. Bald darauf wurde man ibn gewahr, 
wie er mit feinem Mantel das Walter des Fluſſes von cin 
ander theilte, und hindurch gieng. Endlich lockte ihn fein 
eigener Schwiegervater durch cine große Summe Geldeg 
heim , machte ihn frunfen, und Heß ihm ben Kopf vor 
die Füße legen. Durch ſolche und andere Betruͤgereyen 
hintergieng auch Jacob Ziegler A. 1559, und Zabatal⸗ 
Tzevi 1666, und noch unzehlich mehrere dag iuͤdiſche Bei, 
daB fihlechterbings nicht einfehen und glauben will, daß 
ihr Meſſias fon erfchienen iſt. 





— ——————— — RN NL 


5. 
Das Mikroſcop. 


U, die Wunder Gottes in der Fleinen Welt kennen 
zu lernen — in ben kleinſten Gefchöpfen, oder den klein— 
fien Theilen derfelben, in melde das Auge zu dringen 
nicht vermag, giebt es Vergröfierungsgläfer oder Mi— 
kroſcope, einfache und zuſammengeſezte. 


Die einfachen Mifrofcope (3.4.5.6. befichen nur 
aus einem einfachen ‚glafernen Kuͤchelchen, oder einen cons 
veren Gläschen. Damit man aber die Cache, bie man 


vergeöffert fehen will, ganz genau gegen das Elas ſtellen 


und dem Auge nach Oefallen naher ruͤcken kann, bat man 
verfchiedene Inſtrumente, Glaͤſer und Geſtelle dazu verfers 
figet. Zu denfelben gehoͤret das Sonnenmikroſcep. (2) 
Man laͤſſet auf daßelbe, vermittelſt eines kleinen Spies 

als, 





N E- RHEER 00 No. — OR 


— Zweyte Klaſſe der Wunderwerke Chriſti. 311 


geld, die Sonnenſtrahlen fallen, ba ſich dene das ver 
foichem gebrachte Dbiect, an der Wand einer verfinfterten 
Kammer , fehe gros praͤſentirt. 


Ein zuſammengeſeztes Mikroſcop beſteht aug zwey, 
drey oder vier convexen Glaͤſern, welche in Roͤhren zus 
fanmiengefe;t find. Das Vollfommenfte diefer Art hat man 
der Gefchicflichkeit eines vortrefjlichen englifhen Kuͤnſtlers, 
Georg Sterrop zu danfen. Es ift auf der Tafel (1) 
abgebildet, und bejteht aus folgenden Theilen ; a b .find 
drey Roͤhren von Meffing, in denen drey erhaben ges 
fehliffene Gläser find. Diefe Röhren genau gegen dag 
Dbiect zu fielen, iſt die vierefigte Stange (c d) mit 
ihrer Schraube (e f) vorhanden. Die Dbiecte genugfam 
zu erleuchten, dienet der Spiegel g, den man gegen den 
Himmel fielen und den Schein dipelben duch h aufs Dbs 
iect werfen Eann. Auf ſolche Art werden die burchfichkia 
gen Sachen erleuchtet. Für die undurchfichtigen iſt dag 
erbabene Glas (i) angebracht, das ebenfals nad) der Ark, 
wie der Spiegel g, bewegt werden kann. Um gewiſſe 
flüßige Körper zu betrachten, ift ein eingefaßtes Hohl—⸗ 
glas vorhanden, das in h gefieckt werden fann. Das 
Sufgeftelle (k ) ift alfo eingerichtet, daß die Röhren, die 
Obiectivglaͤſer, und alle dazu gehörige Inſtrumente bineins 
gelegt werden koͤnnen. 


Mit diefen Vergrößerungs: Gläfern fann man im. 
Reiche der Natur die herrlichſten Entdeefungen machen — 
Schönheit, Bollfommenheit, Drduung, Manchfaltigkeit 
und Weisheit in den Eleinften, oft unfichtbaren oder verächts 
lichen Geſchoͤpfen bemerfen, und den Schöpfer derfelben 
groß umd herrlich , aller Anbetung und Liebe würdig finden. 
Auf der Tafel find etliche vergleihen Vergröfferungen 

Rs ur 





912 Neun und dreykigfte Tafel. 


jur Augen: und Gemüths- Beluftigung angebracht, nehms 
lich: die fonft fo abfcheuliche, aber mit fchesen Augen, 
Fuͤhlhoͤrnern, Füfen und Blutgefäffen verfehere F..us 
(7) ; fie hat einen Stachel, und Fuͤſſe wie Krebsſcheeren — 
Der Floh (3), mit feinen ſechs Fuͤſſen, die an den dufs 
ferften Enden krumme Krallen heben , welche bay Kizelm 
auf der Haut verurfahen. Er hat ein rumdes hrligläns 
gended Auge , das aus unzehlich andern zufammengefezt 
ifi, einen Schnabel, Stachel und Fühlsörner. Er ſpringt 
wohl etliche hundertmal weiter, als er lang ift, ſcheint ine 
wendig hohl zu ſeyn, und fein ganzer Leib flieht aus, als 
wenn er mit einem Panzer von zwoͤlf breiten Schuppen übers 
zogen wäre — Die flinfende Wanze mit ihrem breiten 
Maule, Fuͤhlhoͤrnern, geperrlten Augen, und Eingemeide, 
(9) — Eine miilbe im Mieble, die fo ducchfihtig wie 
Glas ift, ſechs Füffe, ein helles Paar Augen und ein Fans 
gengebiß hat (10) — Die Kıyflallifirung des Rüchenfals 
zes (11), wenn das Fluͤßige von einem Salztropfen gänzlich 
vertrocnet ift, fo flieht man die berrlichfien Diaman'en, 
welche fein Künftler feiner fchneiden fann. — Ein Schüpp:; 
chen von einem Fifche, welches eine Hand mit ausgebreite— 
ten Fingern vorfielet (12) — Ein Tropfen Urin, mit 
feinen Punkten, Spigen und Vierecken. (13) — Das 
Menſchenhaar, mit feinen Wurzeln, Röhren und Safte 
fanälen (14) — Die Schlänglein im Eſſig (15) — 
Die Menſchenhaut mit ihren Schuppen und Schweißlds 
chern (16), deren es im menfchlichen Körper zwey taufend 
und fech;ehn Millionen giebt — Salztheilchen im Bur—⸗ 
gunder : Weine (17) — Der Muckenfluͤgel (18) mit 
feiner vegenbogenfarben zarten Haut, fpljigen Faden und 
Nerven — Ein Tropfen Blut (19), mit feinen bern 


und Küchelchen, deren iedes 25000 mal Eleiner als das 
kleinſte 


ee a a tm 


Zweyte Klaſſe der Wunderwerke Chriſti. 813 


flein?e Sandkorn iſt — Ein Bienenſtachel nebſt der Spize 
der feinſten Naͤhenadel (20), und ein Spinnengewebe 
mit einer aͤuſſerſt feinen Brabanter, Spize (21) vers 
glichen; den großen Unterſchied zwiſchen den Werken Got— 
tes und der Menſchen zu ſehen. Dieſe verlieren allezeit 
bey der Vergroͤßerung, wenn iene durchaus bey derſelben 
gewinnen — Abgeſprungene Stuͤckchen vom Feuerſteine 
und Feuerfunken vom Stahl, die ſich als geſchmolzene 
Stahl» und Silbertheilchen praͤſentiren (22). 


Ungehlich find die Beobachfungen, die Entdeckungen 
und Geiſtes- Freuden , die diefe und ähnliche mikroſcopi⸗ 
fhe Verſuche machen. Durch unermübdete VBervielfältie 
gung und aufmerkffame Wiederholung derfelben,, hat man 
fhon erftaunlihe Proden der Maht und Weisheit des 
Schöpfers entdeckt. Naturforfcher haben 3. €. gefunden: 
dag man bey dem Schmetterlinge 34650, und bey ber Flie— 
ge 16800 Augen zehlen kann — daß eine einzige Fliege 
in einem Sommer mehr ald zwey Millionen Stiegen bers 
vorbringen kann — daß der Faden einer Spinne aus et- 
lihen taufend fubtilen Faden zufammen gefezt iſt — daß 
ein kleines Meblftäubchen fih in fo viele Eleinere Stäubs 
hen zertheilen läffet, daß Feines Menſchen Leben binlänge 
lich feyn würde, fie zu zehlen, und wenn er auch tale 
fend Jahre alt werden könnte — daß fich das Holz, der 
Länge nach gefchnitten, als eine enge neben einander 
gelegten Faͤſerchen darſtellt, zwifchen welchen durchfichtige 
Kuͤchelchen erfheinen — daß der Schimmel auf einem Stüd 
Brod ein dicker Wald von Frucht » tragenden Bäumen if, 
an welchen man bie Zweige, die Blätter und bie Frucht 
deutlich unterſcheiden kann — daß die Thierchen int 
Pfefferwaſſer der taufende Millionentheil von einem Sand 

korne IE — daß die weiſſe Materie, welche fi) von ber 
rn SE Speiſe 





8 14 Neun und dreyßigſte Tafel. 


Speiſe an den Zaͤhnen veſt ſezet, viele kleine Thierchen 
enthält; und man hat gefunden, daß in einem Naume, 
ber jo groß it, als ein kleines Schießpulverforn, Millio- 
nen folder Thierchen fich aufhalten. 


Wie unerforfhlid find Gottes Werfe! Wie 
groß im Rleinften? Man denke fi nur die faft undenk— 
liche Feinbeit der Kichtfirablen — Wenn es möglich 
wäre, ein Menfchenhaar in fo viele Fäden zu zerfpalten , 
als Tropfen Waſſer im Meere ſind, und wenn man durch 
Papier ein Loch bohren koͤnnte, deſſen Durchmeſſer dem 
Diameter eines ſolchen Faͤdchens des geſpaltenen Haars an 
Groͤße gleich kaͤme; fo würde durch dieſe kleine Oefnung 
zwar ein undenklich feiner Theil des Lichts fallen koͤnnen, 
aber dieſer wuͤrde demohngeachtet immer noch lange nicht 
ber feinſte unter allen ſeyn, indem er ſich abermals in fei« 
ne einfachen Beſtandtheile auflöfen ober zertheilen läffet — 
dabey übertrift die Gejchwindigkeit der Lichtffrahlen 40000@ 
mal die Gefchwindigkeit einer Kanonkugel. 


Die Röfemilbe, die dem bloßen Auge als ein Fleiner 
beweglicher Punft, als ein unfsrmliches Dunftbläschen 
vorkommt, enthält die Kunft eines ganzen Weltgebäudes, 
wenn man fie mit einem guten Vergroͤßerungs⸗-Glaſe be- 
trachtet. In diefem Naume, welcher der Spize einer Nas 
del gleicht, lebt ein Thier mit acht wichtigen Füffen, defs 
fen Leib mit ungeheuren Stacheln verfehen if. In dies 
fem fiemen Näumchen find ale Mafchinen angebracht, wel 
che zur Bewegung des Leibes, der Füße, des Mundeg, 
zue Verdauung der Speifen, zum Umlaufe der Säfte, zu 
den Empfindungen, zum Sehen, und vielleiht zu allen 
fünf Sinnen nothwendig find. Wie klein müffen nicht als 
le diefe Mafchinen feyn, da das Thier felbft unfern Aus 

geu 


Zweyte Klaffe der Wunderwerfe Chrifti. 815 


gen beynahe unmerklic ift ? Nimmt man noch ein beffes 
re3 Vergrößerungsglag, und betrachtet einen einzigen Fuß 
dieſes Thieres , fo findef man daran Gelenfe, Klauen, 
Haare, fur; alles, mas zu einem wohlgemachten Fuße 
einer Käfemilbe gehoͤret. 


Dan hatte einmal ein ſolches Thierchen in ein Vers 
geößerungsglas eingefchloffen, und es lebte in demfelben 
fieben Monathe, ohne daß ihm iemand die geringfie Nabe 
rung gereicht hätte. Es hatte beftändig etwas zu ſchaf⸗ 
fen, und wenn man es cin wenig an die Sonne fejte, ſo 
machte e8 tauſend wunderliche Bewegungen. Endlich ftarb 


das Milbchen , und ſelbſt ihre Eleine Leiche gab einer neuen. 


Kreatur das Leben. Einen Tag nach ihrem tödlichen Hits 
tritfe verwandelte ficy ihre weiße Sarbe in eine rothe, 
Diefes Eleine Gerippe vertrocknete, wie der Balg eined 
Seidenwurmes, und nad) zwoͤlf Tagen fam daraus eine 


Ziege zum Vorfcheine , die eben fo groß war, als bie 


Milde, und nad) zehn Tagen wieder verfchied. 


Die Allmacht Gottes ift an Feinen Aaum ge 
bunden — Ein uns unfichtbarer Punkt iſt für fie eine 
Wuͤſteney, die fie mit Gefchöpfen erfüllet, welche die 
innerftien Winkel der Natur anfüllen — und wo fid) die 
Gottheit an Meifterftücken vergnügt, von welchen mir 
kaum mehr willen, als , daß fie vorhanden find. 


“ii 6. 


. 











816 Neun und dreyßigſte Tafel. 
LS ———— ——— I NN NH 7 — 


6. 
Etwas aus der Experimental⸗Phyſik. 


DT). Phyſik oder Naturlehre ift dieienige Wiffenfchaft, 
melche fich mit der Unterruchung der Körper befchäftiget. 
Eie wird in die eigentliche oder allgemeine Naturlehre, 
und in die Maturgeſchichte eingetpeilt. In iener wirb 
meiftentbeils nur von den allergemeinftien Eigenſchaften 
ber meteriellen Dinge, von den Weltgebäude, und von 
den einfahen Körpern gehandelt. Hingegen bie Natur— 
gefchichte begreift alfe übrigen Körper unter fih, die aug 
biefen einfachen zuſammen gefezt, und durch die Kunſt der 
Menfchen noch nicht verändert worden find. Diefe na— 
türlichen Körper oder Naturalien find von den Raturfors 
fchern unter drey Hauptabibeilungen, denen man den Nas 
men ber Naturreiche gegeben hat, gebracht worden. 


Dieienige Art die Phyſik zu lehren und zu fiudiren, ba 
man fich der Verſuche von einzelnen Dingen, ober der 
Erperimente bedient , um dadurch gewiße Lehrfäze zu bes 
weifen, wird die Erperimientalphyfif genennt — eine 
Wiſſenſchaft, die dem denfenden und die Gottheit auf ihren 
Gängen nachwandelnden Geifte unausſprechlich viele Nah— 
gung giebt , und himmlifche Freuden machet. Die Vers 
ſuche ſelbſt, die dieſe Wiſſenſchaft lehrer, laſſen fih in 
gemeine, die ein ieder ohne Zubereitung machen kann, 
und in kuͤnſtliche, wozu zum Theil, koſtbare Werkzeuge 
erfordert werden, abtheilen. Dahin gehoͤren, (um aus 
Vielen nur Etliche anſchauend zu machen) die Verſuche 
mit der Luftpumpe, mit ber torricellaniſchen Aöbre, 
dem 


— 


Die — 


Zweyte Klaffe der Wunderwerke Ehrifli. 817 


dem Magnete, dem Brennſpiegel, dem Sprachrobre, 
dem cartcjianifchen Teutelden, wid dergl. 


Die Luftpunpe (a), welches ein Sufteument iſt, 
durch deſſen Hilfe man den Körpern bie kurt goͤſtentheils 
benehmen kann, ruͤhret von einem magdeburgiſchen Bur⸗ 
germeiſter, Otto von Guerike her, welcher im Jahre 
1654, in Gegenwart des damals regierenden Kaiſers und 
anderer fürfilichen und anfehnlichen Berjonen febe merfs 
wuͤrdige Verſuche damit angeſtellet hat; in den folgenten 
Zeiten aber hat fie durch die vereinigen Bemühungen der 
Naturforſcher und Kuͤnſtler, nach und nach, fehr anfenuliche 
Merbefferungen erhalten. Die Einrichtung diefes fchäzbaren 
Inſtruments, wie man daßelbe iezt zu machen pflegt, iſt 
ohngefehr folgende : Man läßt einen hohlen Eylinder 
(i. K.) aus Meffing gießen, und inwendig fo gut als 
möglich poliren. Aug etlihen Scheiben von Hirfchleder, 
sder Büffelleder, die man vorher mit Baumsl oder ausge 
iaffenem Schweine» Fette tränfet, fezet man den Stempel 
zuſammen, der genau in den Cplinder paffen, und zwi⸗ 
ſchen zwey meffingen Platten gefaßt werden muß, Diefer 
Stempel wird an die eijerne Stange bevefliget, in wels 
er Zahne auggefchniiten find, damı man fi: , nenft dem 
Stempel, durch Hülfe des eifernen Rreuzes (1), mes 
durch ein Stirnrad bewegt wird, Das ın dieſe Zähne 
greift, leicht heraus und wieder zurück winden Fann. Am 
Ende des großen Cylinders loͤthet man eine Röhre any 
weiche (m m) mit einen Hahne verfehen wird, womit 
ſich die Luftpumpe nad) Belleben verfchliegen und aufmachen 

läffe.. Gegen das Ende ver Roͤhre wird der Teller (n) 
angebracht , aus deſſen Mitte ein Kanal in die Röhre ges 
bet. Auf dielen Teller werben die gläfernen Gloden (0). 
ober andere Gefäße gejezet, welche mar von Luft leer ma— 

LTR en 





818 Neun und dreyßigſte Tafel. 


chen will. Mit dieſer trefflichen Maſchine kann man, 
was die Eigenſchaften, und insbeſondere den Druck ber 


Luft berrift, die ſchoͤnſten Verſuche machen. Stellt man, 


j. E. ein Thier umter die Glocfe, und puupt die Luft aus 
derfelben, fo verliert es nah und nach alle Lebenstraft — 
ein angezündetes Licht verliſcht — eine zugebumdene Blaſe 
fhmwillt aufs aufferfte auf — 5a, märe es möglich, vers 
mittelſt dieſer Maſchine, alle Lust aus einem Menſchen zu 
pumpen, fo wurde ihn die Auffere Luft, von der er ſtets 
etliche taufend Zentner über Fi) fragen muß, augenblick 
lich zermalmen. — Werden zwey hohle meraliene Halb⸗ 
Fugeln, etwa von ciner Elle im Durchmeſſer, deren 
Rand genau auf einander paßt, als eine hohle Kugel zus 
fammengefejt , und wird dieje Kugel von Luft ausgeleeret, 
und die Defnung verſchleſſen; fo koͤnnen viele Pferde die 
Halbkugeln nicht aus einander ziehen (b). us dieſem 
Drucke der Luft laſſen ſich unzehlige Erfcheinungen und 
Maſchinen ertiäcen, z. E. alles Puisperwerf, die Wir⸗ 
fungen der Feuerſprizen, “und dergl. 


Die rorricelläniſche Röhre, oder das Barometer 
(e)-ift eine mit Queckilber gefühlte glaferne Roͤhre, wo⸗ 
durch fich der Druck der Luft beſtimmen laͤſſet. Den er 
ſtern Namen bat fr von Torricelli, emem geſchickten 
Mathemarifug zu Florenz, der fie 1643 erfand; und bem 
legten von der Schweren: Wieffung Weil man zum 
aus der Schwere oder Keichte der Luft die Witterung 
beurtbeilen fany, fo wird es aud) Wetterglas genennf. 
Iſt Das Steigen bes Queckſilbers ſehr merklich, fe pflegt 
gemeiniglich gute Witterung, auf das Sallen des Queckſil⸗ 
berg aber fogenannte fchlechte Witterung zu folgen, Res 


gen, Schnee oder Wind, Es wird diefe Röhre an ein 
Bret bevefliget, und oben mit einer Tabelle mit Abthei⸗ 


Jungen 


Zweyte Klaffe der ZBunderiwerte Ch:ifi 819 


ungen verfehen, in welcher das Steigen und Faller nach 
Graden beſtimmt wird. Die Wärme ımd Rälie der 
Luft zeigt das Thermometer (e) an; weiches gleichfals 
cine mit Dueckfilber oder gefärbten Weingeift gefällie und 
ganz zugefchmolzene Glasroͤhre iſ. Wird es warmer in 
‚ten Naume um baßelbe, fd dehnt fi) Bas Queckſilber oder 
der Spiritus aus, und ſteigt hinauf; wird es aber Fäl 
tee, fo falle er tiefere herunter. Der Aygrometer iſt 
eine an ein Holz beveftigte und um Rollen gefiplagene Darm— 
faite, mit einem kleinen Gewichte. Wird die Luft feuch— 
ter, fo fhiwillt die Saite an, und zieht dag Gemicht hoͤ—⸗ 
ber ; wird fie trockener, fo finft es tiefer. 


Der befannte Verfuch mit dem fogenannten cartefias 
niſchen Teufel (h), deffen fich die Markſchreyer bisweis 
len zu bedienen pflegen, um Säufer berbey zu locken, 
gründet fich ebenfals auf die Elafticität der £uft. Han 
laͤßt eine Eleine Figur aus Glas verfertigen , und giebt ihr 
‚gemeiniglich dietenige Geftalt , welche die Maler dem Teu- 
fel zu geben pflegen. Der Körper , welcher ohngefehr 
eine Länge von zwey Zollen hat, ift inwentig hohl, cin we— 
nig leichter al8 das Waſſer, und in der Dritte mit einer 
Defnung verfehen. Sell nun diefer cartefianifche Teufel 
feine Kunftftücke fehen laffen , fo fezt man ihn in ein lan 
ges cnlindrifcheg Glas, mwelhes mit Waſſer angefüft, und 
bernach mit einer Blaſe veſt zugebunden wird. Weil er 
leichter ald das Waffer ift, fo ſchwimmt er darinnen; 
man kann aber auch machen, daß er bald nicderfinken 
bald in die Höhe kommen muß, ohne daß man dag Glas 
wieder öffnet. Denn, will man baden, dag er nieder 
finfen fol, fo darf man nur auf die Blafe drücken, weil 
dadurch auch dag Waffer gedruͤckt und in die Oefnung des 
hohlen Leibes getrieben. wird, welches ihn fchwerer macht, 


RITA und 











— a ——— — 


— — 


— — 


$20 Neun und drenfigfte Bafel. 


und zum Sinfen bringe. DBerlangt man aber, baß er 
wieder in die Höhe kommen ſoli, fo muß man mit Dru- 
den nachlaffen , weil alsdenn das hineingetrettene Waffer 
von der in dem hohlen Leibe befindlichen und duch daſſel⸗ 
be zufammen gedruckten Luft , vermöge ihrer eusdehnenden 
Kraft, wieder berausgefrieben wird. Er verliert alfo, 
dieienige Laſt, melde ihn zu ſinken nöthigte, und wird 
wieder gefchickt in die Höhe zu fleigen. 


Das Sprachrohr (f), deſſen Erfinder ein Engläns 


der, Samuel Morland, feyn fol, ift eine aus Blech oder 
Pappe verrerigte Röhre, die oben enge zugeht, unten aber 
eine weite Defnung bat. Man giebt diefer Roͤhre auch 
noch veriihiedene andere Geſtalten, aber doch allemal eine 
folche, vermöge welcher die hineinfommenden feballenden 
Strahlen (10 nennet man eine Reihe von zitternden Luft— 
fl;eilchen ) bey der weiten Defnung perallel heraus gehen 
muͤſſen, und nicht rings herum fid ausbreiten. Durch 
diefe Einrichtung erhält man den Vortheil, daß der Schall 
die Worte, die man ganz fachte hineinredet, beynahe nieis 
lenweit ungefhwächt foripfianzen kann. 


Der Brennipiegel (g) ift ein heller , nach einer ges 
wiffen Nundung, von Glas, Metall und Hol; gemachter 
hohler Spiegel; welchen man gegen die Sonne ſtellet, 
darinnen fich die Sonnenfirahlen fammlen, zurücprallen , 
und wieder in einen gewiffen Punkt zufammen ſteßen, wel—⸗ 
her vor dem Spiegel iſt, und der Brennpunft bheiffet, 
weil die in diefen Punkt gebrachte Materien fich entzunden. 
Die Gewalt der Hite ift fo groß, daß nicht nur. Die hats 
teften Metalle gefchmolgen, fondern manche Dinge auch in 
Kalk und Glas verwandelt werden. Bey den Alten war 
der Brennipiegel des Archimedes .befannt, welcher bie 

feind » 


— —— 


u in a u 


Zweyte Klaſſe der Wunderwerke Chriſti. 821 


feindliche Flotte vor den Mauren der Stadt Syrakuſa da— 
mit angezuͤndet haben ſoll. Zu unſern Zeiten hat der Herr 
von Tſchirnhauſen die vollkommenſten Brennſpiegel ges 
macht, weiche erfiaunlihe Wirkungen gethan haben. 


Der Magnet ift cin fchwärzlicher, eifenbaltiger Stein, 
welcher dieſe beyden merkwuͤrdigen Eigenſchoͤften befizt, 
daß er Eiſen und eiſenhaltige Koͤrper an ſich zieht, und 
wenn man ihn auf ein Bretchen legt, das auf dem Waſ—⸗ 
fer schwimmt, oder ihn an eine Schnur aufhaängt, ſich 
immer mit einerley Seite gegen Mitternacht kehret. Wenn 
man daher eine ſtaͤhlerne Nadel mit einem Magneten bes 
ftreicher und fie auf eine Spize leget, auf welder fir ſich 
leicht umdrehen Fann ; fo wendet fich dieſelbe mit der einen 
Spize beftändig gegen Norden. Eine ſolche Nabel wird 
eine Magnetnadel, und mit ber gehörigen Einfafung ein 
Compas genennet, deffen ſich die Schiffer bedienen, um 
den Weg des Schiffes auf dem Meere zu wiffen. Wenn 
man den Magnet mit Eifenfeile beſtreut, fo hänge fich dies 
felbe vornehmlich an zwey Punkten, die einander entgegen 
gefezt find, ſehr ffark an. Diefe beyden Punkte pflegt 
man feine Pole zu nennen. Derienige Punkt, welcher ſich 
nach Mitternacht Fehret , heiſſet der Nordpol; der andes 
re, welcher nac Mittag gerichtet iff, der Suͤdpol; und 
die gerade Linie zwifchen diefen beyden Polen , die Are 
des Magneten. Man Fann die magnetifche Kraft Leicht 
und ſehr anfehnlich verſtaͤrken, wenn man die Seiten 
des Magnetes, wo fich die Pole befinden, abfchleift, 
und fie mit dünnen eifernen Platten belegt, an bie 
man gemeiniglich wuürfelförmige Süße zu machen yflegt. 
Diefe Fuͤſſe heiffen die Fünftlihen Pole, und das cifers 
ne Delege überhaupt die Armatur des Maͤgneten. 
Durch diefelbe laͤſſet fih ein Magnet in den Stand fezen, 

| Jiis daß 





Te — 


—— 


| 


822 Neun und dreyßigfte Tafel. 


- 


daß er ein Gesicht von vielen Pfunden fragen kann; zu— 
mal wenn man ihn fren hängen läßt, und dad Angehäng- 


te nach und nad) befiändig um etwas vermehrt. Man: 


kann auch an die Füße eine Menge Nähenadeln oder Zins 
gelchen dergeftalt eines an das andere hängen, daß fie 
sich endlich felbft fchließen und einen Creiß formiren (d). 


Auſſer dem Eiſen und Stahl ift bisher kein Körper für 


fähig gehalten worden , die mugnetifche Kraft anzunehmen. 
Allein Hr. D. Mesmer in Wienn , welcher dur Huͤlfe 
des Magneten -verfchiedene Krankheiten geheilet hat, vers 
ſichert in einem gedruckten Schreiben an einen ausiwättis 
gen Arzt, daB auch Papier, Wolle, Eeide, Leder, 
Glas, Waſſer, Holz, einige Metalle, und felbft die 
Menſchen magnetifc werden koͤnnen. So wie man Flas 
ſchen mit eleftrifhee Materie ladet, bat er \lafchen mit 
magretifcher Kraft geladen, und magnetiſche Schläge, nach) 
Art der eleftrifchen, angebracht. 


T 
Der Eber, und das Rehe. 





En Eber, der ſchon manches Jahr 
Im dicken Wald gemaͤſtet war, 
Pflag taͤglich unter einer Buchen 

Die Nuͤſſe fleißig aufzuſuchen. 

Hiezu kam einſt ein frommes Reh, 
Und ſprach: Kennſt du auch dieſe Früchte? 
Und hebſt du dankbar dein Gefichte 
Nach ihrem Baum auch in die Hoͤh, 


Zweyte Klaſſe der Wunderwerke Chriſti. 323 


Der dich ſo reichlich ſpeiſt und naͤhret, 
Und taͤglich dir die Koſt beſchehret? 

Was Baum? Was Frucht ließ ſich dag Schwein 

Mit aufgeworfnem Ruͤſſel hören ; 
Sch fomm hieher, um fait zu ſeyn, 
Nicht aber , mich erſt zu belchren , 
Wer mir die Früchte geben mag — 
Schon gnug, dag ich auf ieden Tag 
Hier meinen Tifch und Futter habe; 
Was get mich Baum umd Geber an, 
Wenn ich indeß nur Feucht und Gabe, 
Don ihm, mit Luft, genießen kann! 

Ah! daß die Fabel ehne Lehre, : 
Zum wenigſten nicht vor die Menfchen wäre — 
So grunzt zwar bier ein dummes Schwein, 
Und ift ihm gerne zu verzeihn: 

Doch follte dieſes fromme Reh 

Die Meiſten von den Menſchen fragen, 
Wenn ihre Tafel aufgetragen: 

Ob ſie ſodann auch in die Hoͤh 

An iyren milden Schoͤpfer daͤchten, 
Und ihm ein dankbar Dpfer brächten ; 
Was würden fie zur Antwort fagen ? 
Gott nähret ung im Ueberfluß; 

er aber denft , bey dem Genuß 
Der Gnadengaben , an den Geber ? 
Wie viele giebts dergleichen Eber, 

Die täglich von den Nuͤſſen effen, 

Und dach des Baums dabey vergeffen ? 





824 Neun und dreyßigſte Tafel. 
nz TOR U 


8: 
Memnons Bildſaͤule. 


Mennon, Thitons und der Aurora Sohn, war ein 
aͤthiopiſcher König, der ein groß Stuͤck von Aßen unter 
feine Botmaͤßigkeit brachte. Er iſt feinem Bruder, dem 
Priamus, bey Troia zu Hülfe gefommen, wurde aber in 
einem Zweyfampfe mit dem Achilles umgebracht. Auf dem 
Plaze, wo er umgekommen ift, fol ein Brunnen ent 
fp ungen ſeyn, aus weichem iährlick an deffen Todestage, 
fast des Wuffers , Blut hervorgequollen if. Als deffen 
entſeelter Koͤrper auf cinem Scheiterhaufen verbrannt wur— 
de, fd iii, auf Vorbitte feiner Buster bey dem Jüpiter, 
aus feiner Afche erſt Ein Vogel, hernach mehrere hervor 
gefingen, weiche ſich in zwey Haufen getheilet und auf 
das heftigſte wit einander giftritten, und mil ihrem Blu⸗ 
te, ihrem Urheber, dem Mermnon, einen Trauerbienft ers 
wieſen baden. Diefes. Traueripiel follen fie hernach iaͤhr⸗ 
lich auf feinem Grabe wi.derholer haben. 


In Abydus war fein Schloß , fein Labyrinth und 
insbefondere feine Bildſaͤule berühmt. Dieſelbe war bey 
Theben zu fehen , und ut geößtentheild noch iezt vorhan— 
den. Nach der Erzehlung der Alten war fie von fchwars 
zem Marmor, und wenn bie Sonne frühe aufgieng und 
fie befchten, fo gab fie einen anmuthigen und fröhlichen 
Klang von fi, nicht anderſt, als ob fie ſich über bie 
Morgenroͤthe freuete ; gieng ſie aber unter, ſo war ſolcher 
Klang ganz traurig, als ob fie ſich uber dieſen Untergang 
beirübte. Man gieng in der Erzehlung diefes Wunderbas 
gen foweit, daß man fie fogar reden und fingen , auch 

wohl 





Zweyte Slaffe dee Wunderwerke Chrifti. 825 


wohl Threnen vergieffen und das Echo ihrer Freuden und 
Klaglieder wiederholen, auch ein Drafel von fieben Verſen 
ausfprechen lich. Die Vernünftigiten jagen indeſſen nur 
fo viel, daß fie bey dem Aufgange der Sonne einen hellen 
Klang von fih gäbe, den man wit dem Ton einer Saite 
vergleichen fünnte, die auf der Laute oder der Leyer zer— 
fpringt. Diefee Klang wurde meiftentheild um die erfte 
Stunde des Taged, zumeilen etwas früher oder etwas ſpaͤ—⸗ 
ter gehöre. An manchem Tage hörte man ihn nicht, an 
einen andern wohl zwey bis dreymal. 


Eigentlich find es zwey Koloffen , die aus einen fons 
derbaren Steine von der Art eines fehr harten Granites ges 
bauen worden , deſſen Farbe etwas ing Roͤthliche doc) 
mehr Dunkle fiel. Sie wenden dag Geficht meift gegen Süs 
den. Einer ift aus Einem Steine gehauen, der andere aber 
aus fünf Steinen zufammen gefezt. Der erfie fiellet einen 
fizenden Menfchen vor, der feine beyden Hande auf den 
Knien liegen und zum Hauptſchmucke hinten eine Art eines 
Palnıendblattes hat. Don feiner Größe zu urtheilen, fo iſt 
fein Fuß, von der Sohle bis an das Knie ohngefehr neun. 
zehn Fuß hoch. An ieder Seite deffelben find zwey Bild» 
fäulen, und die drikte in Menfchengröße, zwifchen beyden 
Schenfeln halb erhaben ausgehauen. Einer von dieſen 
Koloffen fol durch ein Erdbeben zerfolfen fenn; oder Cam. 
byſes ließ ihn zerfchlagen, meil er Betrügereyen dabey 
argwohnete. Die obere Hälfte blieb liegen, die untere 
aber fiehen, welche noch big in das vierdte Jahrhundert 
den vorgegebenen Laut hören ließ. Man muthmaſſet aber, 


baß derfelbe vor der Zerffümmelung deutlicher gemefen iſt; 


und halt die fieben Verſe oder Worte, die fie full ausges 
forocyen haben , für vie fieben Lautbuchftaben, womit die 
egyptiſchen Priefter, als mit einem Lobgefange, die Östter zu 
ie ver 


——— 


826 Neun amd dreyßigfte Tafel. 


verehren pflegten. Unterdeſſen zweifelte man fchon in, ben 
lien Zeiten an den Wundern diefer Bildfäule, und hielt dies 
ſelben für ein mechaniſches Kunſtſtuͤck — und die Bildfäule | 
felbft für ein Sinnbild der Frühlings» Sonne. 





9. 
Der wohlthätige Mann, 


LITER | 


4 
DEM Verona in Italien war vor einigen Jahren, bie 
Etſch, ein großer Strom, ;ugefroren. Ein plözlich cinfals 
lendes Thauwerter aber brach das Eis, und machte den 
Strom auf einmal anfchwellen. Die Gewalt des Grum»:is 
ſes riß eine der Brücken an beyden Ufern ein, und nur der 
mittelfte Bogen bderfelben that noch einigen Widerftand, 
Huf demfelben rubete ein Fleines Häuschen, in welchem ſich 
der Zöllner mit feiner ganzen Familie befand. Natürlich 
fiengen diefe Ungluͤcklichen iämmerlich an zu fchreyen, mels 
ches Geſchrey wohl viele Menfchen herbey zog, aber feinen 
einzigen der es wagen wollte, ihnen zu Huͤlfe zu fommen — 
Es fanf ein Stuͤck diefes lezten Bogens nach dem andern 
bin, und man erwartete mit iedem Augenblicke den gänzlie 
chen Einſturz deffelben. 

Ploͤzlich fprengte unter die Menge ber mitleidigen Zus 
fchauer ein edler Graf (Spolverini) und hielt einen Beu- 
tel mit Gelde empor , den er demienigen zu geben verfprach, 
der den unglücklichen Zöllner mit feiner Familie retten würs 
de. Aber es fand ſich Feiner, denn die Febensgefahr, die 
damit verbunden war, fchien Allen zu groß und zu fehreck 
lich zu feyn. 


Endlich 








Zweyte Klaſſe der Wunderwerke Chrifli. 827 


Endlich drängete fih durch den Haufen ein armer Land— 
mann, dem wohl niemand fo viel Edelmuth zugetrauet hät 
te. Derfelbe forang in einen Kahn und ruderte, ber Ge— 
walt des Eifes und bee Wellen ohngeachtet, hin zu dem ein— 
ffürzenden Bogen. Die fchon von Todegangft ergriffene Gas 
milie des Zoͤllners ließ ſich eiligft an einem Seile herab in 
feinen Kahn, und glücklich brachte er fie ang Ufer. Und 
Faum waren fie gelandet, fo flürzte der Bogen mit dem 
Häuschen ein — und bie Luft erfholl vom Frolocen der 
Zuſchauer. 


Nun bot der Graf dem edelmuͤthigen Erretter die vers 
heiffene Belohnung dar — aber wie fehr erflaunte er und 
icder Zuſchauer, da diefer Faltblütig zuruͤcke trat, und fich 
weigerte ben Beutel anzunehmen. Fuͤr Geld, ſprach er, 
babe ich mein Keben nicht gewagt. — Hier ift eine 
unglüclidhe Samilie, die iezt ihr Hab und Gut ver 
lohren bat — ihr geben Sie, was Sie für mich be 
ftiimmt hatten. Mit diefen Worten fehrte er fi) um, 
und verlohr fih unter der Menge — und fein Name iff 
nicht befannt worden — aber im Himmel ſteht er ange 
fchrieben. 





Vierzigſte 





Vierzigſte Tafel. 





I. 


Jeſus und Nikodemus. Die Samariterin. 
Maria ımd Martha. 


We die Sonne ihre fruchtbaren und erquickenden 
Strahlen nicht nur uͤber den ganzen Erdkreis, ſon— 
dern auch über die kleinſten Pflanzen ausbreitet; fo er— 
leuchtete Jefuß, die Sonne der Gerechtigkeit , alle Mens 
fhen — gieng ihnen nad, und fuchte auch das Heil 
Einzelne. Es war ihm nicht genug, öfters vor einer 
großen Menge zu predigen — nich: genug, leiblich Kranke zu 
heilen — er liebte auch den Umgang mit einzelnen Menſchen, 
und war in demfelben, uns zum Vorbilde, ungemein 
leu ſelig und lehrreich Er ſahe es gerne, wenn man zu 


ihm kam — beſuchte dieienigen, die ihn vorzüglich liebten, 


uno fireuete allenihalben den Samen wahrer Frömmigkeit 
in die Herzen feiner Freunde. 


Einft fam Nifodemus , ein Mitglied des hoben 
Raths zu Jeruſalem, zu Jeſu. Er hatte viele und grofs 
fe Dinge von ihm und feinen Wundern gehoͤret — aber 
meil ihn die Dienfchenfurcht abhielt, oͤffentlich ein Schüler 
dieies großen Lehrers, der von vielen angefeindet wurde, 
zu feyn, fo Fam er bey der Nacht zu Jeſu Ca). - Er ger 
fiano dem Heilande aufrihtig, daß man in Serufalem in. 
nerlich überzeugt wäre, Gott müßte, ihn zum Lehrer auf 

die 


- r 
Te 


Sefus und Nikodemus. Die Samariterinse. g29 


die Welt geſandt haben, weil er fonft unmöglich fo viele 
Wunder verrichten Fönnte. Cr glaubte e8 ebenfals: allein, 
er hatte nicht Muth genug fi) Öffentlich taufen zu laſſen, 
und fich vor feinen Jünger zu befennen. Der Heiland fahe 
ihn mit Mitleiven an, und erklärte ihm aufrichtig und 
deutlich den ganzen Nath Gottes von der Seligfeit der 
Menſchen. Er bezeugte ihm, daß iedes Menſchen Seele 
müßte ganz und gar verändert, geheiliget und durch dem 
Seift Gottes gleihfam neu gebohren werden, wenn ders 
felbe in dag Reich Gottes kommen wollte. Denn dag 
menfchliche Herz liebte und fürchte eigentlich, nach der Era 
fahrung eines ieden, nichts ale irdifhe Dinge — alle 
Begierden, Neigungen und Gedanfen feyen bife, bag 
heift , nicht vollkommen der göttlichen Vorfchrift und der 
menjchlihen Befimmung gemaͤs. Denn alfo ein 
Menfch den allerheiligften Gott gefallen ſollte, fo müßte 
der heilige Geift die verdorbene Seele von aller Unkeuſch⸗ 
beit, von allem Stolz, Daß, Zorn, Neid, Geis und 
feindfeligen Sinn gegen Gott und feine Gebote reinie 
gen, biefelbe zu einem Tempel Gottes wieder einwei— 
ben, und das geifiliche Leben in derfelben hervorbringen. 
Wer fi) nun son dem Geifte Gottes ganz verändern lieffe, 
und mer an den Sohn Östtes glauben würde, der follte 
nicht, mie bie Gottlofen ewig verlohren gehen, ſondern 
das ewige Leben haben. Denn eben darum hätte Gott 
feinen einzigen:Sohn in die Welt gefandt, daß alle und iede 
Menfchen durch ihn wieder felig würden. 


Ein andermal fazte ſich Jeſus, da er durh Samas 
rien reifete , an einem Brimnen , ganz abgemattet nieder. 
Indem fam eine Samariterin, um aus dem Brunnen 
Waſſer zu fchöpfen (db) Nun mar allezeit der Haß ber 
Juden gegen die Samariter , die doch auch Juden waren, 

SEE aber 











830 Dierzigfte Tafel. 


aber im einigen Lehrfäzen von ihnen abgiengen, fo groß, 
daß fie nicht einmal mit ihnen reden wollten. Es mußte 


ſich alfo dag famaritifche Weib nicht wenig wundern , ba 


Jeſus freundfchaftlich mit ihre rebete, und fie bat, ihm 
einen Trunf Waffer zu reichen. Weil er nun gerne von 


- natürlichen Gegenſtänden eine Anwendung auf geiftliche 


himmliſche Wahrheiten machte; fo fagte er dem Weibe: 
daf bey ihm ein Waffer, eine Duelle wäre, die den Geift 
reinigen , erquicken, flärfen könne — feine füße Lehre, 
fein herrliches Evangelium von der Vergebung der Sünden 
und vom ewigen Leben — baf er der verheiffene Welthei- 
land fey, und gerne ale Menichen glüclich und felig ma— 
chen möchte. Das Weib mard göttlich gerührt bey diefer 
Uinterredung — und eilere in die Stadt, und mad)fe eg 
allen Leuten befannt, daß fie den Meſſias fehen und fpres 
chen koͤnnten. Froh über diefe Botſchaft Famen viele 
Samariter zu Jeſu umd glaubten an ihn. Seine Jünger 
aber, denen dieſes Betragen Jeſu gegen andere Neligiong + 
Verwandte befremdete, befamen durch dieß Verhalten ihres 
Herrn und Meifters ein fehönes Beyfpiel der Dultung 
und des freundlichen Weſens gegen alle, die anders denken, 
als fie. 


Eben fo liebvol und erbaulich war der Beſuch Jeſu, 
mit dem er die Maria und Martha, die Schweftern des 
P.azarus beehrte, den er aus dem Örabe wieder lebendig 
bervorfommen ließ. Wiaria fezte fi) bey dem Heilande 
nieder , und hörte ihm mit der größten Aufmerkſamkeit zu — 


indem ſich Martha alle Muͤhe in der Kuͤche gab, eine ſo 


hohe und geliebte Perſon mit Anſtand zu. bewirthen (e). 
Da es ihr nun feltfam vorfam , daß ihre Schweſter fie 
ganz alleine arbeiten ließ, fo befchwehrte fie fich darüber 
bey dem geliebten Gaſte. Allein Jeſus fagte zu ihr: 

Martha, 


Jeſus und Nifodemus. Die Samariterine. 83x 


Martha, Martha, du bat viele Sorge uno Muͤhe — 
Eines aber ift notb! — Mich fennen, hören, lieben, 
anbeten, mir gehorchen — bey mir bleiben — Maria bat 
das gute Theil erweblet, das fol nicht von ihr ger 
nommen werden! 

LI 7 N 7 1 


Suche Wahrheit, Licht und Leben! 
Mer da bat, dem wird gegeben. 
Eile , Jeſu Chriſti Lehren 
Stil und redlich anzuhoͤren. 

Laß dich früh in deinen Pflichten 
Billig von ihm unterrichten! 

Er giebt Ruhe, Kraft und Licht — 
Was die Welt auch immer fpricht, 
Schäme du dich Seiner nicht ! 


RI TE MN ELLE 
2, 
Anſtaͤndige Srauenzimmer + Befchäftigungen, 


Nr Töchter von einer guten Erziehung giebt eg mancherley, 
ihnen anftändige, rühmliche und 'nuͤzliche Befchäftigungen; 
z. €. die Keftüre, das Naͤhen, das Alöppeln, das 
Stricken, und bergl, - 


Hier (a) fist eine Sreundin der Keftüre, und hat 
einen ihrer Lieblings⸗Schriftſteller vor fih. Sie weiß zwar 
fehe wohl, daß fie, um ihre übrigen Berufsgefchäfte 
nicht zu verfäumen, nur wenige Zeit auf das Kefen guter 
Bücher wenden darf — aber deſto größer ift ihre Begierde, 
aus ben beten geiftlichen, hiſtoriſchen und wizigen Schriften 

Stfs ſich 








332 Vierzigſte Tafel. 


fi allerley Kentniße zu -fammlen — befto forgfältiger 
ift fie in glücklicher Anwendung ieder leeren Viertelfiunde — 
und flug in der Auswahl weniger, aber vorzüglic guter 
Schriften. Sie prahlt aber nicht mit ihrer Belefenheit — 
fie ift fo mweit davon entfernt, mit derfelben in allen Ge 
feufchaften Lärm zu machen, daß fie vielmehr mit allen 
Vernuͤnftigen behauptet, es ſey nichts lächerlicher alg eine 
belefene Pedantinn — nichts unleidlicher, als ein foges 
nanntes gelehrtes Srauenzinmer. — 


Naͤhen (b) nennt man dieienige weibliche Werrichs 
tung, da das Frauenzimmer, theils zur Veftigfeit, theils 
auc zur Schönheit und Zierde, vermittelt ber Naͤhenadel, 
gemeiniglich an der Naͤhrame oder dem Vahkiſſen, auf 
verfchiedene , und ojt ſehr Fünftliche Weiſe, mit einem 
Saden, allerley Zeug, als Leinwad, Kattun, Kannevaß, 
Meffel » oder Kammerfuc und dergl. bald faumen, bald 


fchlechtweg beftechen, umfchlingen, durchziehen, auszäcen, 


hohlnaͤdeln, fieppen, Sinspfchen oder Knoͤtchen auffezen, 
Marjeillen: Nath machen ; bald aber, nad) Art der Mahler, 
allerhand Figuren, Blumen, Gänge, Zeuge, u. f£ w. mit 
Hlarem meißen Zwirn , oder auch mit bunten Fäden zu 
entwerfen gefchiekt if. Sticken ober Stickerey ift eine 
Kunſt, mit Gold, Silber oder Beide, allerhand Blumen, 
Figuren, Laubwerf oder andere Nangagen , auf feidene, 
mwollene und leinene Zeuge erhaben zu nähen, und felbige 
damit zu belegen. 


Rleppeln oder Fnüppeln (Ce) heißt : Spizen, 
Kanten, Zaͤckchen oder Schnüre, von Gold, Silber, Seide, 
Zwirn, Meftelgarn, und bergl. nad) einem vorgeriffenen 
Mufter, auf dem Aleppelfiffen, durch Fortſtreckung und 
Umſchlingung der dazu gehörigen Stecknadeln, vermöge 

der 


Jeſus und Nikodemus. Die Samariterin ec. 833 


der an den Faden herabhängenden Bleppel, Finftlih in 
einander flechten und zuſammen fezen. 

Stricken (d) nennet man dag Geſchaͤfte, Strümpfe, 

Handfchuhe, Kamiſoͤler, Müzen, ia ganze Nachthabite und 
Kleider von Seide, Wolle, Baumwolle, Zwirn oder Garn, 
vermöge der dazu gehörigen Stricknadeln, dergeftalt aus 
Einem Faden kuͤnſtlich in einander zu fchlagen , daß iedes | 
Stück die gehörige Form befommt.. Zu unſern Zeiten if 
befonders das feine Tez » oder Silet » Stricken eine ſehr 
gewöhnliche und beliebte Befchäftigung des Frauenzimmerg; 
und werden aus Silet oder Nezchen von feinem Zwirne, 
vermittelft einer eigentlich dazu gemachten Silet » oder ges 
meinen Strict » Kradel nicht nur Manſchetten für Frauen» 
zimmer, und Mannsperfonen , fondern auch Haubenflügel, 
Haubenneze, ia fogar Halstücher, Mantillen zur Sommers 
fracht, und Ueberzuͤge zu Nöcden und ganzen Kleidern 
geſtrikt. 
Dieſe und aͤhnliche Beſchaͤftigungen, dazu vornehmlich 
die Wißenſchaft in Rochen und Bachen gehoͤret, find den 
wohlerzogenen Toͤchtern weit anſtaͤndiger, als wenn ſie 
zuſammenkommen zu ſpielen — oder ihre manchmal leeren 
Köpfe mit faden Nichtsreden noch mehr auszuleeren, oder 
als Recenſentinnen der Witterung, der Moden, des 
Puzes und der Handlungen anderer ſich zu zeigen. 


— ————— 





— 


3 
Chineſſche Geſchichte. 


— iſt — der groͤßten und ſchoͤnſten Weltreiche, 


velches faſt den ganzen oͤſtlichen Theil von Aſien einnimmt, 
Kkk3 und 





2 


834 Vierzigſte Tafel. 


und gleichwohl vor feine Einwohner nicht geräumig gemig 
if. Denn China ift volfreicher als gun; Europa , und 
man fchäzt die Menge der Einwohner auf 150 Millionen. 
Es giebt Dörfer und Flecken in dieſem Lande, die nicht 
weniger als eine Million Einwohner aufweifen können, 
und es find derfelben unzehlidy viele. Gegen die Eimfälle 
der Tatarn ift es mit einer großen , 250 beuffche Meilen 
langen, acht Klafter dicken und zehn Klafter hohen Mauer 
gefichert , welche noch heutiges Tages im dauerhaften 
Stande if. Es ift ein fruchtbares und gefegnetes Fand, 
und insbefondere reich an Seide, woraus die fchönften 
Zeuge gemacht werden. Es ift Feiner Hand breit Land 
darinnen, fo nicht angebaut oder bewohnt wäre — und die 
Einwohner find Flug, höflich, arbeitfam , und lieben die 
Gelehrfamfeit , Künfte und Wiffenfchaften. Das ganze 
Sand wird feit Jahrtauſenden von Raifern (ec) beherrfchet, 
und foll der erfte Kaifer und Stifter dieſes Reichs, nicht 
lange nad) Noah gelebt und Sobi geheiffen haben, Er ift 
auch umter dem Namen Quantecong befannt, und wird, 
nebft feinem Keibdiener Lincheou alfo vorgeftellet , wie er 
auf der Tafel (a) abgebildet iſt. Nach viefem kamen die 
Hoangeti, und unzehliche Kaifer und Fürften in etlich 
breyfig fogenannten Dynaftien ; unfer denen die Dynaflie 
ber Tfiing, einer aufländifchen Familte, von 1644 an, big 
auf ben heutigen Tag den Thron befisf, 


an Asficht auf die Neligion findet man in diefem 
mweitläuftigen Neiche drey Hauptſekten. Die erfte ift die 
Religion der Gelehrten, die fih auf die alten Fanonifchen 
Bücher der Chineſer, z. E. den Chu king, und auf die 
kehre deg Confucius gründet. Die zweyte iſt die Sekte 
der Schüler des Laokium, die ein gewirrtes Gewebe 
von allerhand Ausſchweifungen und Gottloſigkeiten iſt. 
Die 


Jeſus und Nifodemus. Die Samariterigac. 835 


Die dritte ift die Sefte der Goͤzendiener, die einen gewiſſen 
Goͤzen, mit Namen So oder Sohe anbeten. Die erſte ven 
diefen Sekten macht die Religion zu einen Mittel, fich zu 
ben höchften Staatsbedicnungen empor zu ſchwingen; die 
beyden andern herrſchen unter dem geringen Pöbel und mas 
chen eigentlich die Volfsreligion der Chinefer aus, 


. Die alten Chinefer machten zum erften Gegenftand ihrer 
Verehrung ein hoͤchſtes Weſen, einen unumjchränften 
Herren und Urheber allee Dinge, den fie unter dem Namen 
Chang ti, d. i. höchfter Kaifer, oder auch Tien anbeteten. 
Sie verehrten auch eine Art Geifter, die dem höchften 
Weſen unterworfen wären, und unter deren Aufficht die 
Städte, Flüffe, Berge und dergleichen finden. Lookiun 
(b. 3.), ein weifer Gefezlehrer, ber ohngefehr ſechſthalb 
hundert Jahre vor Chrifti Geburt lebte, ermeiterte diefe 
Lehre, und ie mehr neue. Geifter in dag Neich eingefübrt 
wurden, in einen deflo tiefen Grund des Aberglaubeng 
und der Abgstterey fielen die Chinefer. Abſonderlich dieje— 
nigen, bie fi zur Sekte des Fo oder Soe (b. 2.) befennen. 
Don diefem Goͤzen erzehlen fie, unter andern, daß er adıt 
taufendimal gebohren worden — daß er durch die Leider 
verfihiedener Thiere gewandert fey, und dag er fich bald in 
Geſtaͤlt eines Drachen, bald eines Affen, lephanten und 
bergl. fehen laffe. Daher werden auch dergleichen Thiere 
wirklich von ihnen oͤffentlich verehret und angebetet, 


Diefem reißenden Strome der Abgötteren und des 
Aberglaubens widerfezte fich ihr größter Lehrer, Confucius, 
oder, mie ihn die Chinefer fchreiben, Bong: Su: tfe (b.r.). 
Er lebte 500 Jahre vor Chriſti Geburt, und fund eben in 
einer anfehnlichen Staatebetirnung, da er als ein gelehrter, 
Kuger und frommer Mann, ducch eine Reformation, dem 

erg Ver⸗ 








836 Vierzigſte Tafel. 


Derfalle feines Vaterlandes aufhelfen wollte. Nach langen 
vergeblichen Bemühungen und vielen Verfolgungen, wurde 
er enblich fo groß, daß er für den vornehnifien Lehrer deg 
Meich8 angefehen wurde. Beine ganze Lehre gieng dahin: 
dag der menfchlichen Nafur ihr erfter Glanz und ihre erffe 
Schönheit wieder beygelegt werden follte, die fie zuerft vom 
Himmel empfangen hatte, und die, durd) bie Finſterniß ber 
Untiffenheit , und durch die anftecfende Seuche ber Laſter 
gar fehr wäre verderbt worden. Zu bem Ende lehrte er 
bey aller Gelogenheit : man follte dem böchften Heren deg 
Himmels gehorchen, ihn ehren, ihn fürchten, den Nächten 


fieben als fih feloft — die böfen Neigungen befiegen, und 


die verderbten Leidenfchaften der Vernunft unterwerfen. 
Da er mit feiner Lehre und mit feinem Leben einerley pres 
diste, fo fand er allgemeinen Beyfal, und wurde nad 
feinem Tode vergöttert. Ihm zu Ehren hat man faft in 
allen Städten große Säle errichtet, in welchen fih die 
Noandarinen und Dornehnften des Volkes au gewiſſen 
Tagen im Jahre zu verfanmlen pflegen. an befingt 
an bdenfelben fein Lob , und bringt ibm eine Art vom 
Opfer dar. 


Nach dem Confucius kamen von Zeif zu Zeit neue 
Lehrer, Bie den Lehrbegriff der Chinefer bald verbefferten, 
bald verfehlimmerten — Und noch halten ſich einige blog an 
ben Grumdtert ihrer alten Fanonifchen Bücher, andere an 
die Auslegungen derfelben ; die meiften aber fezen fich aus 
allen den verſchiedenen Seften ein eigenes Keligiong - Sy» 
ſtem zuſammen — denken immer neite Arten des Nberglau- 
bens und der Abgoͤtterey aus, welche, weil ihr National» 
ftolz groß ift, das Befehrungs.Befchäfte unter ihnen ſchwehr 
und beynahe unmöglich macht. 


Ihre 


Jeſus und Nikodemus. Die Samariterinze. 837 


Ihre vornehmften Tempel find auf Hügel gebaut 
und werden Pagoden (Tab. XVII, 3.) genennet. In 
denfelben verehren fie, auffer dem So, auch den Kim und 
Quey, einen guten und böfen Geift — Tanquanı, der den 
- Degen giebt — Teiquam, der der Geburt, dem Ackerbaue 
und dem Kriege vorfieht — Tſuiquam, den Waſſergott — 
Quonin, die Goͤttin des Hausweſens — Chan: Fo, bie 
Göttin der Gelehrten — Ninifo, den Ödzen der Woluft — 
Hoaguam, ber Gemalt über die Augen bat — Pu356, 
auf einer Lotosblume, welches die Iſis der Ehinefer iſt — 
Busnnie, Neoma, Yuiumfinzc.ıc. Den Gottesdienſt 
verſehen meifiens die Bonzen, auffer welchen fie aud) viele 
Ordensgeiſtliche, Mönche und Einfiedler haben. Unter ih— 
ren Selten ift das Katernenfeft dag sornehmfie. Am 
demfelben, welches auf den funfzehnfen Tag des erfien 
Monathes fällt, merben Laternen von allerley Werth 
ausgefezt. Einige fonımen auf 2000 Thaler; und eg giebt 
darunter ſolche, die 25 bis 30 Schuhe im Durchſchnitte 
haben. Sie ſchreiben den Urſprung dieſes Feſtes dem Su 
chen der ertrunkenen Tochter eines Mandarinen zu. 


Unter allen nüzlichen Kentnißen ift der Ackerbau in 
China in dem größten Anſehen. Um daßelbe zu erhoͤhen, 
gehet der Kaifer felbft alle Jahre einmal mit großer Pracht 
auf das Feld. Die Prinzen feines Haufes, die Prafidenten 
ber fünf hohen Tribunale, und eine große Menge von 
Mandarinen begleiten ihn. Sobald der Kaifer auf dem 
Felde angefommen ift , fo ftellet fih an beyden Seiten die 
Leibwache, an der dritten die Mandarinen und. an einer 
vierdten eine große Menge Ackerleute. Hierauf tritt der 
Kaiſer allein hervor, fällt vor allen Anmwefenden auf die 
Knie, und berühret mit feiner Stirn neunmal die Erde, 
feine tiefite —— gegen den Tien, den Gott des 

Keks Himmels 








838 Vierzigſte Tafel. 


Himmels zu bezeugen — verrichtet auch mit lauter Stine 
ein Gebet, woͤrinn er den Himmel um den Segen über ihn 
und fein ganzes Land, und aber feiner Unterthanen Arbeit 
anflehet, und opfert darauf als oberfler Priefter der oberfien 
Gotiheit einen Ochſen. Während vem aber, daß man dag 
Sleifh des Ihieres zerlegt, und zum Dpfer bereitet, wird 
ein Plug und ein paar prächtig angefpannte Ochſen herge— 
bracht. Alfobald legt der Kaifer den Faijerlihen Schmuck 
ab, und pflüget felbft mehrere Furchen durch dag ganze 
Seld herunter, alsdenn übergiedt er den Pflug den vors 
nehmften Mandarinen, von welchen einer nad) dem andern 
pfluͤgt, bis alle vom Dberfien bis zum Niedrigften Hand 
angelegt baden. Worauf der Kaifer dann feibft Geld und 
Kleivungsfiücke unter die gegenwärtigen Acferleute austhei- 
let, welche in Gegenwart deſſelben das Stücfe Land vollends 
umpflügen. Kine gleihe Ceremonie wird bey der Sägzeit 
beobachtet; und ber Kaifer in China ift dieienige Perfon in 
den ganzen Lande, melde alle Jahre die erfie Zurche zieht, 
und den erfien Saamen ausſtreut. Iſt diefe heilige Gere, 
monie vorbeg , fo muͤſſen in allen Provinzen die Vicefönige 
ein Öleiches thun. 


Endlich, fo ift Fein Volk in der Welt, welches in 
feinem Umgange mehr unnuͤze Komplimente und Gebräud)e 
beobachtet, als die Chinefen. Sie haben ein befondereg 
Gefezbuch , darınn alles , was man bey Befuchen, bey 
Geſchenken, die fih gute Freunde machen , und bey Gafte- 
renen zu beobachten hat, auch fogar die Art, wie einer 
ben andern gruͤſſen fol, vorgefchrieben ift. 


In diefen Buche ift verordnet, wie man fich ſowohl 
gegen Vornehmere, als gegen feines Öleihen baͤcken fol, 


Es follen über 3000 Regeln darin enthalten feyn, umd er 
iſt 


Jeſus und Nikodemus. Die Samariterinsce. 839 


ift ein eigenes Gericht eingeſezt, welches über die Beobach» 
tung dieſer Gefeze hält. Unter dem Grüßen iſt dieſes 
feltfam :_ Wenn iemand einem Befanten, nach einer lans 
gen Abmwefenheit begegnet, fo knien beyde vor einander 
nieder, neigen ſich zur Erde, ſtehn wieder auf, und wies 
derholen dieſes zwey bis dreymal. Wenn ſich zwey kayſer⸗ 
liche Bediente zu Pferde begegnen, ſo muß der geringere 
abſteigen, um den Vornehmern mit einer tiefen Verbeugung 
zu gruͤßen. Wer iemanden beſucht, meldet ſich bey der 
Thuͤre durch einen geſchriebenen Zettel, darinn fein Name 
ſteht. Den iedem Beſuche beſchenkt einer dem andern, 
und dieſes Beſchenken ift mit unzehlichen Ceremonien ver—⸗ 
bunden. Der, welcher den Beſuch abſtattet, überreicht, 
nach den erften Höflichfeitöbegengungen , einen Zettel, ber 
ein Verzeichniß der Sachen enthält, welche er zum Gefchenf 
anbietet. Wenn der Befuch zu Ende ift, fo wird der 
Zettel durchgefehen, und das, mas man von ben Gefchen, 
fen behalten will , angemerft. In dieſem Falle wird ein 
Dankfagungs » Schreiben zuruͤckgeſchickt. Bisweilen fihickt 
ber, welcher ein Geſchenk machen will, einen Zettel, das 
rauf ein Verzeichnis von vielerley Sachen fleht. Der, 
bem das Gefchenf angeboten wird, zeichnet fi die Dinge 
an, melde er annehmen will, und ſchickt den Zettel fo 
wieder zuruͤcke. Alsdenn merden erft die angejirichene 
Sachen eingekauft und überreicht. 

Die Negeln, welhe man zu beobachten hat, mens 
man einen Brief an iemanden fchreibt, find fehr manchfaltig. 
Papier, Schrift, Schreibart, Zufammenmickelung deg 
Driefeg, Fur; ieder Umſtand muß fich nach dem Range def 
fen richten, an den man fchreibt — Die EChinefer find alfo 
unftreitig unter allen Völkern des Erdbodens, bie größefien 
Komplimentenmacher (d). 





4 





849 Vierzigſte Tafel. 
nz ne CU ENDE 


A. 


Andere Srauenzimmer - Belchäftigungen; 
vornehml. Die Waͤſche. 


N: eine Mädchen bier fpinnt mit einer Spindel, wie 
eg fcheint, Flachsgarn. Eine andere fpinnt vermiftelfi des 
Spinnrades, vermuthlih Wolle, oder macht Zwirn aus 
zweyfachen Öarnfäden. Diefer Spinnerinn zur Seiten fizt 
eine Naͤtherinn, welhe einen Saum zu nahen fcheinf. 
Es wird aber genähet, theils um aus neuer Leinwad 
Hemde, Dberhemde, Schürzen, Betttücher, Ueberzeuge der 
Kiffen, Serviettenzc. zu machen; theild das alte £einenzeug, 
befonders vor ber Waͤſche, auszubeflern, zu flifen, oder 
zu fiopfen. Zwey Mädchen flehn ſehr vergnügt bey dem 
MWafıhfaffe auf dem bölzernen Dreyfuffe, mit aufgefiuzten 
Handarmeln. Sie haben das Leinenzeug erft mit Seife 
befchmiert ; denn Seife und Lauge macht das Waffer fchär- 
fer, den Schmuz aufzulöfen, welcher hernach herausgetries 
ben wird, und mit dem Waffer abläuft. Um dag Eeifen- 
waffer mit dem Reſte des anflebenden Schmuzes ganz von 
dem Zeuge weg zu fchaffen,, wird die Waͤſche hernach ges 
foült. Aber ohne Bleiche würde fie doch nicht recht weiß 
werden. Daher wird, wenn es nicht Winter iſt, die ges 
mwafchne Wäfche auf die Bleiche gelegt, und wenn es fehr 
heiß und trocen Vetter ift, unterfüjiedenemal angefeuchtet, 
damit die Ausdünffung, melche von der Sonne und dem 
Winde befördert wird, allen unmerklichen Schmuz wit ſich 
fortnehme. Nach dem Bleichen wird dag Zeug wieder ges 
ſpuͤlt, und alsdenn zum Trocnen auf Sciien aufgehängt, 
und 


Jeſus und Nikodemus. Die Samariterinec. 341 


und gegen den Wind mit Nadeln oder Fleinen Kneipen beves 
ſtiget, wie bier auffer ber Thüre, im arten gefcieht. 
Alsdann wird e3 geglättet, wenn es großes und grobes 
Zeug ift, auf Walzen, weiche unter einer Laft hin und 
bergerollt werden. Das ganze Werkzeug dazu heißt eine 
Zeugrolle, auch wohl eine NTangel. Alsdann wird eg 
zuſammgelegt und verwahrt. Aber feine Wäfche wuͤrde 
dadurc zu fehr abgerieben werben; dieſe wird alſo anges 
feuchtet, und alsdann mit einem heiffen Platteiſen ge 
plättet, und in die gehörige Falten gebracht. Mit Päts 
ten befihäftiget fich hier auch eine Perſon, welche den Roſt 
zum Plätteifen vor fih, und den Zeugforb neben ſich fliehen 
hat, und welche die Hausmutter zu feyn fcheinet, 





WARSTTRITE EEE HAND 


5 
Geſundbrunnen und Baͤder. 


Sy Waſſer reiniget, erquicfet und ernaͤhret nicht nur 
die Menſchen, es hat aud) einen medieinifchen Nuzen; vor⸗ 
nehmlich Die Gefundbrunnen, und alle die mineraliſchen 
Woafjer, die eniweber zum Trinken oder zum Baden, zu 
gewijfen Zeiten und Abfichten gebraucht werden, 


Die Gefund + ober Sauerbrunnen find Iebendige, 
ſchoͤne, Elare und helle, aus der Erde hervorſpringende, 
mineralifche Waffer, welche von unterfchieblichem Geſchma⸗ 
de, doch insgefamt fäuerlic) find, und von einem fcharfen, 
unterirdiſchen Sale, welches der Geſundheit ſehr dienlich 
ift, zubereitet werden. Nach dem Unterfchied der Metalle 

und Erdfäfte, davon die Wafler ihre Tugend annehmen, 


find- 





342 Vierzigſte Tafel. 


find fie nicht nur im Geſchmacke, fondern auch in der Stärke 
und befondern Wirfungen unterfchieden. Sie dienen vors 
nehmlich wider die Verflopfungen, in allen hypochondrifchen 
und fcorbutifhen Befchwerben , Hauptweh , Wahnmwiz, 
Schmindel und fchmwehre Noth, Gelb - Waflers und Schwind⸗ 
fucht, Stein und dergl. Die berühmteften Sauerbrunnen 
find : der zu Eger in Böhmen; zu Pyrmont, im Wald» 
ecifchen , mofelbft eine mineralifche Fontaine über zwanzig 
Schuhe hoch fpringt , auch die fchönften Brunnengebäude, 
Alleen und Promenaden anzutreffen find; zu Schwalbad 
in Heffen, woſelbſt fechzehn Brunnen, unter welchen der 
fogenannte Weinbrunnen der vorzüglichfte ift; zu Spaa in 
Luͤttig, welcher wegen feiner Güte, der vielen und vornehs 
men Brunnengäfte und prächtigen Gebäude und Promenaden, 
der beruͤhmteſte iſt; zu Sedliz in Böhmen, welcher eigente 
lich ein bitterer Purgierbrunnen ift, aus welchem aud) ein 
Purgierſalz gefotten wird; zu Gelters im Trierifhen, 
weicher daher auch Selterwaffer heißt. Anfangs wurde 
diefer Brunnen für zmey Gulden und dreyßig Kreuzer vers 
pachtet, bald hernach für fünf Gulden. Vor zwanzig Jah⸗ 
ren gab man 14000 Öulden Pachtgeld. Nun aber wird 
alles von der kurfuͤrſtlichen Kammer felbft verwaltet, und die 
Einnahme wird auf 80000 Gulden angefchlagen. Diefe, 
und die übrigen Sauerwaffer, werden in RArügen an alle 
Orde verfandt ; Doc) finden ſich auch in ben Sommermo- 
nathen, bey den Gefundbrunnen felbft viele Brunnengäfte 
ein (A), die dad Waffer aus der Duelle trinfen; ſich dabey 
in angenehmen Gefellfchaften ruhig und heiter unterhalten, 
und durch eine mäßige Bewegung bie gufe Wirkung biefer 
Kur zu befördern ſuchen. 


Die Gefundbäder (B) find Waffer, bie von Natur 


warn und mineralifch find, und wenn fie zum Baden ges 
braucht 


&* 





Jeſus und Nikodemus. Die Sımariterinze 843 


braucht werden , vielerlen Leibesſchwachheiten abhelfen koͤn— 
nen. Sie werden warme Bäder genannt, weil fie nicht 
nur in der That warn find, fondern auch eine erwärmende 
Kraft haben. Etliche derfelben find felzicht, etliche ſalpe— 
tricht u. fe mw. Einige beftehen aus einem, andere aug 
mehren Minern, darnach fie auch ihre Wirkung thun. Die 
mertialifhen eröfnen und zertheilen, die antimonialis 
ſchen purgieren, sie alaunifcben troefnen und Fonfiringiren, 
die falperrichten fühlen und wehren wegen ihres Purgierens 
den Grimmen des Leibes — Die berühmteften warmen 
Baͤder find : das zu Carlsbad in Böhmen, weiches 1370 
zur Zeit Carls des vierdten erfunden worden, daher eg den 
Namen führt; deſſen Moffer mit heftigem Geraͤuſche fieds 
heis aus der Erde Mannes flarf, hervoranillt, und ſowohl 
zum Zrinfen als Baden gebraucht, auch ſtark beſucht wird; 
dag zu Töpliz in Boͤhmen; das Schlangenbad in Helfen, 
welches in einem tiefen Thale liegt , und mit prächtigen 
Gebäuden und Alleen verfehen ift; das Embſerbad in der 
Wetterau; bie Bäder zu Wisbaden bey Maynz; bie be— 
rühmten Bäder zu Aachen in Juͤlichiſchen; bie fehweiseris 
fben Bäder, vornehmlich zu Baden. Man badet ents 
weder ben ganzen Körper bis an den Hals , in der Bad 
weanne, welches ein ganzes Bad heißt; oder nur big an 
den Dberleib , welches ein balbes Bad genennet wird; 
oder man gebraucht ein Sußbad, da man nur die Beine ins 
Waſſer fezet. 


Meberhaupt ift die Gewohnheit zu baden fo alt, 
als die Menfchen felbft ; indem der natürliche Trieb die 
Menfchen zu Abwafchung der Unreinigfeiten antreibt. Wann 
Öffentliche Bäder zu erbauen angefangen worden , kann man 
fo genau nicht fagen. Das tüdifche Volk hatte von Gott 
felöft den Befehl, daß fich bieienigen,, fo unrein waren, 

baden 


57 


RER nn 


844 WVierzigſte Tafel 


baden mußten — und die Römer und Griechen haben fo« 
wohl zu ihrer Gefundheit , als zu ihrem Vergnügen viele 
prächtige, oͤffentliche und Privatbäder erbauet. Auch grüns 
den die Türken noch iezt einen großen Theil ihrer Religion 
und Heiligkeit auf das Baden und Neinigen. des Leibes — 
Und noch findet man in allen mwohlbefiellten Städten Sffents 
liche Badftuben ‚, barinn bie dazu beftellten Bader, bie 
Badgäfte mit Baden, Schwizen und Schroͤpfen zu bedie- 
nen pflegen. Unter allen aber ift das Baden in friſchem 
Ruß » Bad) » oder Duellwaffer dag gefundefie, das alle 
Glieder ftärkt, und den ganzen Leib rein, gefund und daus- 
erhaft erhält. 


6, 
Der Faͤrber. Der Seifenfieder. 


De Faͤrbekunſt lehret die faͤrbenden Theile verſchiedener 
Subſtanzen, welche ſie enthalten, herausziehen, ſelbige 
auf die Zeuge oder Materien, welche gefaͤrbt werden ſollen, 
bringen, und machen, daß ſie auf die dauerhafteſte Art, 
die nur moͤglich iſt, ſich an ſelbige anhaͤngen. Der Alaun 
iſt eines von den vorzuͤglichſten Mitteln, wodurch viele 
Farben veſtgeſezt werben fönnen. Allein weder der Alaun, 
nod) irgend ein anders Salz, fo fiatt deſſen als ein beis 
zendes Mittel gebraucht wird , hat die Eigenfchaft, allen 
Sarben einerley Grad der DBeftigfeit zu geben. Es giebt 
deren viele, welche durch diefe beigenden Mittel nur in fo 
weit verwahret werden, im mie meit es möglich iff, daß 
fie nicht mehr von dem Wafler angenommen werden ; da fie 
aber 


Sefns und Nikodemus Die Samariterinzc. 945 


aber nur allzumenig den Farbeproben, und der bloffen Wirs 
Fung der £uft eine gewiffe Zeitlang twiderfichen. Diefe 
lezten Farben heiffen das Falſche⸗, Unaͤchte- oder Schledhts 
färben , um es von dem dauerhaftern zu amterfcheiden, 
welches allen diefen Proben widerficht, und dag Aechte⸗ 
oder Schönfärben beiffel. Es giebt daher Schwarz 
Särber, Schönfärber und Seidenfärber. 


Es wird aber von einem veriiändigen Särber (A) 
erfordert , daß ſich feine Wiſſenſchaft vornehmlich dabım 
erfirecfe, wie er alle Farben auf Seide, Mole und Leinen 
fhön und befländig zu bringen, und von bergleichen ans 
derswo gefärbten Waaren ein gutes Urtheil zu fällen, allen 
Sarbfägen ben beſten Grund zu legen, die fünf einfache 
Sarben, welche die Faͤrber die erſten oder die Hauptfarben 
heiffen, nehmlich: blau, roth, geld, braun und ſchwarz 
aufs beſte zu verfertigen, die Zeuge und Tuͤcher, damit 
ſie die Farben deſto leichter von den faͤrbenden Draterialier 
annehmen, wohl zu bereiten wife — Daß er die aus dieſen 
fuͤnf Hauptfarben entſtehende Mittelfarben proportionirlich 
zu vermiſchen, und andere dergleichen Handgriffe mehr 
vollkommen wiſſe — und mit dem noͤthigen Handwerkszeug: 
Farbkeſſeln, Butten, Schragen, Pleuel, Rollen, 
Hacken, Wand, Alaun, Lauge, Waffer, und mit vielen 
und mancherley Sarben verſehen fey. 


Die Sarben felbft entfliehen von der unterſchiedenen 
Natur und Beſchaffenheit der Lichtſtrahlen, welche durch die 
Refraktion und Reflexion ſeparirt werden. Die Farben, 
deren ſich dieienigen Kuͤnſtler, die mit Farben umgehen, 
zu bedienen pflegen, werden in Mahler- und Särbers 
Sarben eingetheilt; ferner in einfache, erſte oder Haupt⸗ 
farben, weil die andern alle von ihnen herkommen, um 

gl m 


J 





846 Vierzigſte Tafel. 


in vermifchte Farben, welche aus zwey Hauptfarben 
zuſammengeſezt find , und eine bitte Farbe ausmachen, 
3. €. die Roſenfarbe, Violenfarbe, bie afchgraue , bie 
graue Karbe, welche lestere aus himmeiblau und gelb bes 
ſteyt. — Herner werben fie eingei;eilt in Waffer » und 
tesekene » oder Dehl - und Üujchel » Farben , geriebene 
und-ungerichene, Geiden » feinen » und Welifarben : umd 
diefe. wieder in hohe, belle oder dunfele, farfe oder bleiche, 
feine oder grobe, friſche oder verfchloffene, natürliche oder 
gefünftelte, Eoft- oder Stein» und Mineralfarben. Ihre 
Namen find : Weiß, Roth, Gelb, Grün, Blau, Braun, 
Schwarz, Dofenfarbe, Bittig, Meer » und Grasgrün, 
Baille, Siabel, Drange, Aurora, Gold. Bley» Defer» 


Rauſch-⸗ und Echwefelgelb , Bleumourant, Turchino, 


Indigo, Bergblau, Scmalte, Laſur, oder Ultramarin, 
Scharlach, Ponceau, Zinnober, — — Mennige, 
Drachenblut, Kugellak, rothe engliiche Erde, Rothſtein, Brauns 
roth, Kochenille, Fernambuk oder rothe Braſilie, Gummi 
Guttaͤ, Auripigment, Schuͤttgelb, Safrangelb von unreifen 
Kreuzbeeren, gelb Hol, Schmack, Gruͤnſpan, Saftgruͤn, 
Cramoiſin, Paſtel, Silber , over Perlenfarbe, Umbra, 
Braunholz, gemahlnes Gold und Suber, Lackmuß, Kuͤhn⸗ 
ruß, gebranntes Elfenbein, indianiſche Dinte, Schiefer und 
Bleyweiß, weiſſe Kreide, Bolus, u. ſ. w. 


Die Seife, welche dazu dienet, den Schmuz aus den 
Kleidern und vom Leibe abzuwaſchen, iſt eine von Unſchlitt 
oder andern Fette, und ſcharfer aus Aſche oder lebendigem 
Kalk gezogenen Lauge, durch genugſames Sieden bereiteter 
zuſammen geronnener Teig. Dieſe genannten Materien 
werden unter einander gemenget, und in einem großen ein—⸗ 
gemanerten Reffel gefotten, darauf aber in Sormen ges 
wen , getrocknet und in Heine Stücke zerſchnitten. Dieß 

geſchieht 


Jeſus und Nikodemus Die Samariterinie. 847 


gefchieht entweder durch den Seifenfieder (B), oder durch 
eine fleißige Hausmutter. Die gemeine Seife iſt zweyerley, 
weiß und ſchwarz. Jene wird von Unfchlitt , diefe in 
Spanien und Stalien von Oehle, in Holland und ander 
nordlichen Diten aber von Thran gemacht. jene ift veſt 
und hart, und läffet fich in Stücde formen; diefe ift fchmies 
sig wie Butter. Die venetianifche und fpanifche Seife iſt 
die feinfte. Zum Bartpuzen und Wafchen der Hande und 
des Angefichtes, werden befondere Arten woblriechender 
Seifen zugerichtet, die theils in Kugeln formiert, theilg 
weich in Töpfen erhalten werden ; dergleichen fonderlich zu 
Florenz, Rom und Neapel zu befommen find. 








—— 


Tr 
Phoͤbus und fein Sohn. 


9), Mond trat zwifchen Sonn und Erde, 
Sein Schatten deckte Hoͤh und Grund, 
Und auf die Trift, wo bey der Heerde 
Ein Hirt und Sohn des Phobus fund. 
Der Hirte rief voll Furcht und Zagenz 
Mein Dater dus verlierft den Schein — 
Wie kann der heitern Gottheit Wagen 
Des Fichtes Duell, und Dunfel feyn? 
Du irrſt, fprach Phoͤbus, deine Hürden 
Eind blog der Det, der dunkel ift — 
Du fuchft mir Fehler aufzubürden, 
Womit du- felbft umnebelt bift. 
LANENLTR 


glla Zwiſchen 


—— 0—0 








2 Bierzigfte Tafel. 


Zwiſchen Gott und unfern Sinnen 
Steht die Menfchheit mitten innen — 
Und verbirgt vor uns fein ficht; 
Wir find dunkel, und Gott nicht. 


ne  —— CE 


8. 


Die Baͤder der Alten. 


Da Baͤder der Griechen bey den Gymnaſien beſtunden 
aus ſieben abgeſonderten Theilen. Erſtlich kan das kalte 
Bad; darnach das Elaͤotheſium, oder der Ort, wo 
man ſich mit Oehle reiben und ſalben ließ; drittens das 
Frigidarium, mo man ſich abkuͤhlete; vierdtens das 
Propnigneum, oder Praͤfurnium, oder das Zimmer vor 
der Feuerkammer (Hypocauſtum); fuͤnftens die Schwizſtube; 
ſechſtens das Laconicum oder die Trockenſtube; ſiebentens 
das warme Bad. Was die Bäder auſſer den Gymnaſien 
betrift, fo waren bdiefelben meiltentheils zwiefach und ges 
doppelt angelegt ; ein Theil für die Diannsperfonen, ber 
andere für die Weibsperfonen. Diefe beyden warmen 
Bäder flieffen fehr nahe an einander, damit fie ein Dfen 
heizen Fonnte. In der Mitte derfelben war ein großes 
Waſſerbecken, dahin dag Waffer in verichiedenen Röhren 
geleitet wurde, und man flieg auf einigen Staffeln im 
dafelbige hinunter. Dieß große Wafferbefen war mit 
einem Geländer umgeben , binter dem fidy ein bedeckter 
Gang befand , der, dieweil man fi) darinn aufhalten, 
auf das Bad warten und alfo noch mäfjig feyn Fonnte, die 
Schola genennet wurde. Diefe Bäder waren gewoͤlbt, 


a1 * 





Sefus und Nikodemus. Die Samariterin ze 849 


und empfiengen das Licht von oben Ber, durch eine Art 
son Kuppel. Die beyden Badfluben , das Laconicum 
und Tepidarium, maren bier mit einander verbinden. 
Sie hatten eine zirfeleunde Form, damit ſich der Dunſt 
von allen Seiten gleich frarf ausbreiten Eonnte. In der 
Mitte, wo bie Oefnung fuͤr das einfallende Licht gelaffen 
wurde , bieng gemeiniglich ein Schild von Erst, welchen 
man hinaufziehen und wieder herunterlaffen Fonnte, um den 
heiffen Dunft für das Schwizen entweder zu verffärfen; 
oder zu mindern. Der Fußboden dieſer Badſtube war 
hohl, damit er die Hize der Feuerkammer, deito beffer ans 
nehmen konnte. Diefe Feuerkammer oder Hipocauflum 
heizte nicht nur die. beyden Babıluben ,„ fondern auch dag 
fogenannte Vaſarium, worinnen ſich die Milliaria, oder 
die großen kupfernen Gefaͤſſe befanden, aus denen das 
heiſſe, das laulichte und kalte Waſſer, nicht nur fuͤr dieſe 
Milliaria ſelbſt durch Heber, ſondern auch fuͤr die Baͤder 
durch Noͤhren vertheilt werden konnte. 


Bey den Roͤmern find beydes die oͤffentlichen und 
beſondern Baͤder ſpaͤt eingefuͤhrt worden; entweder weil 
dieſes Volk erſt ſpaͤt auf die uͤppige Weichlichkeit verfiel, 
oder weil es ſehr viele Muͤhe koſtete, das Waſſer in die 
Stadtquartire und in bie Haͤuſſer zu leiten. Erſt als ſich 
die Waſſerleitungen vermehrten, d. i. eine geraume Zeit 
nach dem 4aıften Jahre bee Stadt, bauete man hier und 
da einige Düber un® Thermas; fo wurden nehmlich die 
Herrenbäder genennet , zum linterfchtese der oͤffentlichen 
gemeinen Bader, melche Baͤlneaͤ hieſſen. Zu ihrer Ver— 
vielfältigung und Allgemeinheit trugen die Aerzte, weiche 
verſchiedene Krankheiten durch Bäder heileten, vieles bey, 
Aber erſt unter dem Auguft und den nachfolgenden Kaifern 
erhielten fie zueift die Pracht, die wie noch iezt mit 


— Erſtau⸗ 





te ee —— 


850 Vierigſte Tafel. 


Erſtaunen in ihren Truͤmmern bewundern. Einige roͤmiſche 
Schriftſteller vergleichen dieſe von den Kaiſern erbauete 
Baͤder, wegen ihres ungeheuren Umfanges, mit Provinzen — 
und man wird dag Uebertriebene dieſes Ausdrucks weniger 
empfinden, wenn man bedenkt, daß dieſe Gebaͤude in ihrem 
ungeheuren Bezirke, auſſer einer erſtaunlichen Anzahl von 
Zimmern und Saͤlen, ganze lange Gallerien und Hallen, in 
denen ſich die Athleten übten, ganze große Teiche von flieſ— 
fendem Waffer, ganze Terraffen, Garten und Walder eins 
gefchloffen haben, 


Die Einrichtung der roͤmiſchen Bäder mar ohngefehr 
die nehmliche, wie bey den Griechen, &emeiniglich fand 
man bdarinnen einen Teich, der an der Norbfeite lag. 
In denifelben Fonnte man fich nicht allein baden, fonbern 
er mar auch groß genug zum Schwimmen. Yuc) die Bäder 
der Privatleute haften zuweilen folche Teihe, Der Bad 
bau in den Thermis lag gemeiniglic) gegen die Mittags, 
fonne , und hatte eine fehr breite Hauprfeite, worinn fich 
die Seuerfammer in ber Mitte befand ; darneben waren zur 
echten und Linken, auf beiden Seiten, vier gleichfoͤrmige 
Zimmer , die Gemeinfhaft mit einander hatten. Diefe 
Theile des Baues wurden vorzugemweife mit dem allgemeinen 
Namen der Badzimmer belegt, und beflunden aus ber 
Baͤdſtube, aus dem warmen und Falten Bade, und aus 
der Schwisftube. _ Der Saal des warmen Babes war 
noch einmal fo groß, als ein ieder anderer in den übrigen 
Badzimmern, weil ſich da die größte Menge des Volkes 
einfand. Das Apodyterium, wo man die Kleider ablegte, 
hat in den Thermis des Diocletians eine fchr prächtige 
Bauart gehabt. Es war ein großer achtecfigter Saal von 
länglichter Figur, worinn die beyden Hauptfeiten ſich nad) 
einem halben Zirfel bildeten, und das Gewölbe war von 

etlis - 


Jeſus und Nifcdemus. DieSamariterin: . 851 


etlichen Reihen Saͤulen von aufferortentliher Hoͤhe gefra- 
gen, Dieſe verfehwenderifihe Bracht fand man nicht blog 
in Öffentlichen Bädern ; auch vie Privatgebaͤude kicfer Urt 
waren nicht jelten damit verfchen, und bis zum Ueberfluße 
mit Spiegelglag, mit Marmor 1:0 mit dem fofibarften 
Metalle ausgeſchmuͤckt. 


(BEREEEDET EIETEEN ER TSUT TEE TREE DEEDTZEERUSTN 


0. 
Der unerwartete wohlthätise Beſuch. 


I London Ichte einſt die Witwe eines‘ rechtfchaffenen 
Mannes, der fie durch feinen Tod, nebſt zwe ey Toͤchtern 
und einem Knaben, in dag grißie Elend verſezet hatte. 
Denn bey feinem Leben begleitete er ein Amt, das ihn mit 
feiner Familie gemaͤchlich naͤhrte; bey dem er aber nicht 
nur nichts zurücklegen fonnte, ſondern wobey er auch dag 
Feine Vermögen , das ihm feine Frau zugebracht hatte, 
bey manchen  zugeftoffenen Ungluͤcksfaͤllen, bafte aufzehren 
müffen. Ein reicher, aber fer hariherziger Bruder hätte 
fie demfelben durch eine Kleinigkeit entreiffen Finnen — er 
verfchloß aber feine Thüre und fein Herz vor ihr, und fie 
durfte fich ihm nicht nahern , wenn fie fich nicht den haͤr— 
teften Begegnungen ausfezen wollte. Zum Glüde hatte fie 
ihre Kinder zur Frömmigkeit und zum Fleiß erzogen. Cie 
und ihre beyden Töchter arbeiteten alfo Tag um) Nacht, 
und erhielten fi ehrlich, obgleich unter Hunger und 
Kummer. e 


— 


Eines Morgens kam ein Mann von ohngefehr funfzig 
Jahren, ſchlecht doch reinlich gekleidet, an ihre Thuͤre, 
—— der 


852 Vierzigſte Tafel. 


ber fie zu ſprechen verlangte. Sie noͤthigte ihm, in ihr 
Heines finſteres Stuͤbchen, und fragte nach feinem Anbrins 
gen. Er fagte : Sie werde ihn zwar nicht kennen — 
ob fie ſich aber nicht eine Verwandien, Namens Werner, 
zu erinnern wüßte, x vor 25 Jahren nach Weftindien ge- 
gangen ? Lie beishete dieß. Nun fuhe er fort: Sie 
ſehen diefen Ungluͤcklichen vor fi — Ihr Vater mar meis 
ner Mutter einziger Pruder. Auf meiner Nücfreife hieher 
verlohr ic) dag Wenige, was ich 25 Juhre lang mühfam 


‚erworben hatte, das aber zureichend gemwefen wäre, mich 


lebenslang zu erhalten. Das Echiff, auf dem ich mar, 
fiel einem frangsfifchen Kaper in die Hande, der mir alles 
bis auf die Kleider nabın, mih an der fpanifchen Kuͤſte 
ausſezte, ımd von da aus bab ich mich bis hieher durchge— 
betteit,, und hoffe nun von meinen übrig gebliebenen Pers 
wandten einigen Beyſtand. Die Witwe, bie fich erinnerte 
feinen Ramen öfters gehoͤret zu haben, zweifelte nicht an 
der Wahrheit feiner Geſchichte; aber, feste fie hinzu, fo 
fehe ich mich freue, fie feteder zu fehen, fo ſchmerzt eg 
mich doch in der Seele, ie in fo fraurigen Umfländen zu 
wien, ohne dag Vermoͤgen zu baben, Ihnen ſo kraͤftig 
beyzuſtehen, als ich wohl wünfchte. Indeſſen laffen Sie 
uns mit einander fruͤhſtuͤcken — Sie ließ Kaffee machen, 
und einige Zioiebacf holen. Wahrend befjelben fragte fie 
ibn, wie er fie in diefem elenden Winfel, mo fie vor aller 
Welt ımbefannt lebe, habe ausfragen koͤnnen? Er erzehlte 
ihr hierauf, daß er ihren Bruder, der durch feinen Neich- 
thum befennt genug ſey, ausgeforſcht habe. Diefer, 
fezte ex hinzu, begegnete mir ſehr hart, ſchalt mich einen 
Betrüger, einen Beitelferl, und wollte mich dutch feine 
Hedienten zum Haufe hinauswerfen laffen. ch bat mir 
endlich nur fo viel aus, mir die Wohnung feiner Schmwefter 

anzu⸗ 


Jeſus und Nikodemus. Die Samariterinac. 853 


anzuzeigen. — Verdruͤßlich gab er mir zur Antwort: Er 
wife viel, in welchem Winfel fie fäfe — fie babe einen 
lüderlichen Mann geheyrathet, der ihr nichts als Kinder 
und Elend hinterlaffen, und fich dadurch feiner Wohlthaten 
unwuͤrdig gemadıt habe. Seine Frau ſagte mir endlich 
Shren Namen und Ihre vorige Wohnung, und fo habe ich 
mich nach vieler Mübe hieher gefragt — Ach, fürchte in- 
defion, daß die Nachticht von ihrer Armuth nicht ganz uns 
gegründet fey — Er mollte weiter reden, ober die arme 
Witwe geftund fogleih, daß er die Wahrheit gefagt habe, 
daß fie aber ohne ihre und ihres Mannes Berfchulden arm 
fey. Sch bin indeffen, fuhr fie fort, gottlob nicht fo 
arm, daß ich nicht noch ein Weniges durd) nieine Spar» 
ſamkeit folte erübrigen koͤnnen. Wollen Sie ein Fleineg 
Etübchen in der Nachbarſchaft miethen, und mit mir fo 
lange verlieb nehmen , bis Eie etwas Beſſers für ſich 
ausgerichtet haben, fo follen Sie mir willkommen feyn, 
und id) will es fchon möglich zu machen ſuchen, dag ich 
das erfie bezahlen fanın — Vielleicht find Sie etwas wes 
niges an dem Drte fchuldig, wo Sie die beyden Nächte, 
die Sie bier find, gefchlafen haben — bier langte fie 
ihr Feines Giübergeld heraus, welches ohngefehr zwanzig 
Grofchen betragen mochte, und fezte hinzu : Wenn dieß 
nicht zureichen follte, fo fagen fie es frey, ich habe noch 
ein Fleines Goldſtuͤck, dag meiner Tochter gehoͤret. — — 


Salt, free ee — Gott! gütiger Gott! ! 
vergieb mirs — vergeben ie mir , daß ic) ein folcheg 
Herz wie das Ihrige ift, auf die Probe gefest babe — 
aber reichlich , reichlich fol es Ihnen belohnt werden. 
Die Witwe war über diefen neuen Auftritt fo gerührt, 
daB ihr bie Thränen über die Wangen rollten — 

£lls Ach, 





854 Vierzigſte Tafel. 


Ah, daß ich doch auch Meinen koͤnnte, fagte fie; 
aber es iſt mie unmoͤglich: Doch — Die mäffen auch 
die lezten Threnen feyn , die Sie iemals zu vergiefen 
Urſache haben moͤgen, fagte der Fremd, und zog zus 
gleich eine Brieftafche heraus , und gab ihr einen Wech, 
fel auf 2000 Pfund Sterling , ohngefehr 12000 Thaler, 
an die Bank in England, in die Hände — Vergeben 
Eie, faute ee, daß ich Sie hintergangen habe. Es 
ift aber aus gufer Abficht gefcheben. — Sch wollte den 
würdigen Verwandten von dem Unwuͤrdigen, dag gute 
Herz von dem fehlschten unterfcheiden lernen. Sch bin 
nicht der arme Perlaffene , für den ich mic, ausgab, 
fondern vielleicht einer der reichften Privatleute im ganzen 
Königreiche. — Was ich ihnen iezt gegeben habe, 
ift blog ein kleines Handgeld gemefen. Ich merde fie 
nebft ihren Kindern reichlic) verforgen. : Tags darauf 
fam er, und holte fie in einem mehr als fürfilichen 
Magen ab, den er ihe fogleich ſchenkte — und führte 
ſte in eines der prächtigft meublirten Haͤuſſer, in deſſen 
Befiz er fie mit allem Zubehör ebenfals feste, 


Da er enblich ftarb , vermachte er der Witwe fein 
ganzes ungeheures Vermögen. As fie fi im Befize 
deffelben fahe , bat fie Gott täglich , daß er ihr Muth 
und DVerftand geben möchte, ihr Glück mit Danfbarkeit 
und Demuth zu ertragen , daſſelbe zu feiner Ehre, und 
nicht zu ihrer Eitelfeit anzuwenden , die Armen zu uns 
terfiigen , und eine gute Haushälterinn der ihr verlies 
benen Gaben zu feyn. Und Gott gab ihr Verſtand und 
Gnade , im Befize irdifcher Neichthämer , auch ein an 
Tugend und Nechtfchaffenheit reihes Herz allenthalben 
zu zeigen — Sie vergab ihrem Bruder mit Freuden, 

feine 


Jeſus und Nikodemus. Die Samariterinzc. 855 


feine Abfichten mochten feyn welche fie wollten. And 
alg er , theils durch WVerfchwendung , theils durch Un— 
glücksfälle fehr herunter Fam, vergalt fie nicht Boͤſes 
mit Boͤſem, fondern unterflüzte ihn auf das Fräftigfte — 
Ihre Kinder erzog fie zur Tugend und Glückfeligkeit — 
über alle edle Arme und Elende breitete fie ihre wohl— 
thätigen Hande aus, umd erndtete noch ſpaͤt die feligften 
Früchte der MWohlthatigfeit und des guten Herzens ein, 
wodurch fie fo viele glücklich gemacht hatte. 





En 





Ein und vierzigſte Tafel, 





I, 
Ehrifti Liebe zu den Kleinen. 


& Ye SreundlichFeit und Keutfeligkeit Jeſu Chriſti 
erfbien allen Menſchen — fie ofjenbarte fich 
insbefondere in feinem Umgange mit den Kleinen. Wenn 
fromme Eltern ihre Kinder zu Jeſu brachten, mit der Bitte, 
daß er fie fegnen wolle; fo hatte er eine herzliche Freude 
daran. Er nahm fie auf feinen Schoss , umarmte fie, 
legte die Hände auf fie, und gab ihnen feinen himmlifchen 
Segen. Und wenn feine Sänger unwillig darüber wurden, 
daß fih Eltern und Kinder zu ihrem Heren und Meifter 
drangen, ſo vermwieß er ihnen dieß Bezeigen mit Diefen 
Worten: Laſſet die Rinder zu mir Fommen, und 
webret ihnen nicht — fie haben wegen ibrer Unſchuld 
Das nechſte Hecht zu mir und meinen Reihe — und 
wenn ihr nicht den Rindern aͤhnlich werdet in der 
Unfhuld, Ruhe und Beugfamfeit , fo koͤnnet ihr 
nimmermehr in mein Jimmelreih Fommen. — 


Ueberhaupt bediente ſich Chriſtus, der nach feiner 
gewohnten Herablaffung mehr durd) Handlimgen, als durch 
Horte redete, oͤfters der Kinder, feine Jünger zu demüs 
thigen und ihnen gute Lehren zu geben. Wenn fie nach 
vornehmen Ehrenftellen in feinem Reiche trachteten, dag 
fie fich lange als ein hewpliches irdiſches Neich vorflellten — 

| wenn 


Chriſti Liebe zu den Kleinen. 857 


wenn fie ihn in dieſer Erwartung fragten, wer wohl von 
ihnen der groͤßeſte in demſelben ſeyn werde? ſo ſtellte er 
ein kleines Kind in ihre Mitte, und ſagte: Sehet dieſes 
Kind da ! Noch weiß es nichts vom Unterſchiede des Ran— 
ges oder Anfehend. Hat e8 feine natürlichen Bebürfniffe 
befriediget , fo find ihm Golb und Eilber, Pracht und 
Ueberfluß vSllig gleichgültig. — Wenn ihe num fo in den 
Zuſtand eines einfältigen fchuldlofen Kindes zurückkehrer, 
fo feyd ihr die größten und wuͤrdigſten unter meinen 
Nachfolgern. 


In den niedrigſten Umſtaͤnden, wenn ein Menſch 
rein und unſchuldig, wenn er gelaſſen und folgſam, wie 
ein Kind iſt, ſo iſt er vor Gott groͤßer, als die groͤßten der 
Erde. — Ihr duͤrfet, fuhr der weiſe Erloͤſer fort, euch 
ſeyn laſſen, ihr nehmet mich auf, wenn ihr einen ſolchen 
aufnehmet. Der Welt mag er noch fo klein und gering« 
fchäzig vorkommen, euch fen er theuer und ehrwuͤrdig! 
Was ihr für ihn thut, das will ich vergelten, als wenn ihe 
es für mich gethan hättet; und was ihr wider ihn thut, das 
ift eben fo viel, als hättet ihr es unmittelbar wider mich 
ſelbſt gethan. Wehe demienigen, welcher ihn aͤrgert! 
Beſſer waͤre es ihm, daß er in die Tiefe des Meers ver— 
ſenkt wuͤrde! 


So viel gelten die Kleinen, die Niedrigen, die 
Demuͤthigen bey Jeſu. Herzlich ſollte ſich die Jugend 
freuen, von ihrem Chriſto ſo vorzuͤglich geliebt zu werden — 
Kindlich ihn wieder lieben, alles Gute ihm zu Liebe thun, 
alles Boͤſe ihm zu Liebe haſſen, ihn bald und gerne gehor— 
hen, anzuffen, vertrauen lernen — dieß Jugend laß deine 
Weisheit, dieß laß deine Freude feyn. 


VRIRSITERTLREL 
Nicht 





858 Ein und vierzigfte Tafel. 


Nicht erfi, mann des Alters Sorgen 
Dich zerfireun; 
Jugend, nein! 
Schon am frühen Morgen, 
Sn der Blüthe deines Lebens 
Dien ihm gern! 
Und dem Herrn 
Dienft du nicht vergeben. 
Gluͤck, Gefundheit , langes Leben, 
Wird dafür 
Willig dir 
Gott, dein Schöpfer , geben. 
Weisheit nur fen bein Begehren, 
Dann Mmwird er 
Dir ſchon mehr, 
Wenn dirs nmuͤzt, gewähren. 


LI ——— missen —— EZ FE 





2. 
Kinderſpiele. 


SS, muß man unfchuldige Rinderfreuden gönnen. 
Sowohl ihr Gemüthe als ihr Körper braucht Hebung, Erwe— 
ckung und feitung , zur Gelenkfiamfeit , zum Aufmerfen, 
und zur erlaubten Munterkeit. Dazu find die gewöhnlichen, 
ſchon binlanglich befannten Rinderfpiele ungemein fchicks 
lich — und, wenn fie unter einer guten Aufficht vernünfs 
tiger Eltern und Lehrer vorgenommen, und weislich dirigiert 
werden, fehr bequem, fie bald mit ben beften Lebensregeln 
befannt zu machen, 

Hier 


Ehrifti Liebe zu den Kleinen. 359 


Hier (a) fpielen Sungfern Regel Dabey ſollten 
fie freylich nicht fo gepust ſeyn, und feine fo lange Schleppe 
baben. Der Knabe da bey den Kegeln ifi ver Auffezer, 
Er fcheint ſich zu wundern, daß auch Jungfern diefes Spiel 
machen, denn ſehr gewöhnlich iſt esnicht. Aber dag Spiel - 
iſt gefund und befördert die Gefchiclichkeit der Glieder, 
Der Auffezer fpielt nicht , fondern arbeitet ; er verdient 
alfo eine Belohnung dafür — Seht in der Mitte drey 
bewafnete Rnaben, den Trommtelfchläger, den Örenavier 
und den Pfeiffer. Die Kinder vergnügen fi) im Spielen dag 
nachzumachen, was fie an Ermwachfenen fehen, wenn fie 
auch nicht wiffen, warum biefes oder ienes zu gefchehen 
pflegt. Seht wie diefer mit einem Bogen, der aud) eine 
Armbruft heißt, nach dem Vogel zielt. Er will denfel 
ben durch den Pfeil tödten, welchen bie zurück gefpannte 
und hernach losgelaſſene Saite wegſchnellt. 


Hier, im zweyten Quartiere (b) wird luſtig 
gefahren, geritten und geſchaukelt. Seht, fo muͤſſen 
die Altern Kinder die ungern vergnügen, wie dieß Mädchen 
ikren Bruder , den fie führt, und zuruͤcke ſieht, ob er 
Schaden nehme. Aber eben darum muß auch dag iüngere 
Gefchwifter dem aͤltern folsfem ſeyn. Der auf dem 
Steekenpferde kommt meiter alg ter andere auf dem 
Schauckelpferde. In der Schaufel aber ſollen Kinder 
einander nicht ſchwingen. Sie verfichen es nicht fo zw 
machen, daß fein Schade gefchehe. Auf dem driffen 
Quartiere (c) wird getanzt und gefprungen , von Kna— 
ber und Mädchen, die fih einander anfaffen. Dieſe 
unverfländige Sungfer da fpringe zu hoch, melches fich für 
Mädchen nicht ſchickt. Es iſt ihr vermuthlich gefagt, aber 
die Unbedachtfame denkt nicht daran. ı 


Glaubet 





360 Ein und viersigfte Tafel. 


Glaubet nicht, daß die Finder da im vierdten Quar⸗ 
tiere (d), auf dem Tabourett , Thee oder Kaffee haben. 
Es ift alleg nur Spielzeug. Über fie verderben doch viels 
leicht das Tobourert mir Waſſer — alödarn folgt auf Spiel, 
Verdruß. Einige fpielen da mit Puppen. Das iſt gut, 
wenn ſie ſich gewoͤhnen, mit den Puppen und mit ihrem 
Anzuge eben ſo umzugehen, als ſie ſehen, daß die Waͤrte— 
rinnen mit den kleinen Kindern thun. So werden ſie bald 
geſchickt kleine Knnder, ohne ihre Gefahr, zu warten, fie 
anzufleiden, fie zu vergnügen — und alsdann können fie den 
Müttern und Muhmen helfen, wenn diefe etwa Feine Zeit 


haben bey den Fleinen Kindern zu bleiben. 





——— — EELAN ÄLTER 


3 | 
Silhouetten der berühmteften Pädagogen. 


Es merke ſich die Jugend bey Zeiten die ehrwuͤrdigen 
damen und Verdienſte derienigen Gelehrten und Kinder— 
freunde, welche zu unfern Zeiten Licht über das Bildungs, 
Geſchaͤfte aller die wohl erzonen werben folen, ausges 
breitet , und zu ihrem Wadsthume in alerley Erkenntniß 
und Freude fo vieled beygetragen haben — Sie jeyen und 
bleiben heilig in ollen Herzen und Denfmälern der gegen« 
waͤrtigen und der zukünftigen Zeit — Die Namen: 
wiiller, Braun, Were, Bajevow, Feder, Seiler, 
Lampe, Fedderſen — 

Herr Johann Peter Miller (2), Doftor und 
Profeſſor der Theologie zu Göttingen, iſt zu Leipheim bey 
Ulm 1725 gebohren. Als Schulreitor zu Helmſtaͤdt hat er 

ich 


Chriſti Liebe zu den Kleinen. 361 


ſich 1749, und als Rektor des Gymnaſiums zu Halle 1756, 
um die Jugend ſehr verdient gemacht. Seit 1766 iſt er 
oͤffentlicher Lehrer zu Goͤttingen; und er hat, nach ſeinem 
liebensw uͤrdigen Eifer für das Wohl der Kinder, vieles ges 
ſchrieben, das auch Eltern zur häuslichen Erziehung nüzlich 
if. Seine Schriften, die hieher gehören, find folgende: 
Hiſtoriſchmoraliſche Schilderungen zur Bildung eines 
edlen Herzens in der Tugend — Erbauliche Erzehs 
lungen der vornebmfien biblifhyen Geſchichte — 
Chreſtomatia Iatina — Grundfäze einer weifen und 
chriftlihen Erziehungskunſt — Religionsbuh — 
Gedanfen über die befte Art der Ratechifationen — 
Ausführliher Abriß ver Naturkentniß, und ſowohl 
der natürlichen als geoffenbarten Religion, wie auch 

der Philoſophie für die Jugend — 


Herr Heinrich Braun (b), Doftor der Theologie 

und General» Direktor der Bayerifhen Schulen, ift 1733 
zu Burghaufen in Bayern gebohren. Auch diefer vortrefe 
lihe Mann hat durch) feine paͤdagogiſchen Schriften viel 
Gutes geftifte. Er bemühet fich feit 1761 feiner vater⸗ 
ländifchen Jugend, vornehmlich in den Anfangsgründen 
ber deutſchen und lateinifchen Sprache, den deutlichften und 
faßlichften Unterricht zu geben. Er fchrieb: Eine Götters 
lehre — eine Sprach: und Redefunft — ein LKefes 
büdlein für Rinder — Anfengsgründe zur Isteinis 
{hen Sprache — und entwarf den Plan zum Prediger 
Inſtitut, das zu München errichtet worden, in welchem die 
Studierenden in öffentlichen Reden geübt werden und Präs 
mien erhalten — Er gab auch fchon foldhe Ausarbeitungen 
iunger Leute heraus, unter dem Titel : Tugendfrüchte — 
Und Bayern Eönnte durch Ihn und mehrere erleuchtete treffe 
Rmm liche 

















802 Ein und viersigfte Tafel. 


liche Männer, die es hat, in Wiffenfchaften und Kuͤnſten 
unendlich vieles gewinnen, 


Herr Cbriftion Selig Weifje, (ec) ift su Altenburg 
1726 gebohren, und Kurſaͤchſiſcher Kreigs Steuer» Einnchmer 
zu Leipzig. Als Cohn eines verdienten Schuldireftorg , 
erbte dieſer Kiebenswürdige einen wirffamen Eifer, für 
lehrreiches Bergnügen der Kinder zu arbeiten; wozu fein 
geläuterter Öefchmad, und feine gefaligere Schreibart ihn 
vor andern To fähig machten Er ſchrieb: Kieder für 
Rinder — das Keipziger Wocenblett— Abtbuch 
für Rinder — den ZRinderfreund — und fein Name 
bleibe im Himmel: und auf Erden mit unfterblichen Nuhme 
big zur großen ewigen Ernte feiner Vaterliebe, ange 
fchrieben * 


Herr Johann Bernhard Baſedow (d) zu Ham 
burg 1724 gebohren , feit 1753 Eönigl. Dänifcher Profeffor 
zu Soroe, feit 1761 zu Altona, feit 1771 zu Deffau, wo 
er 1774 dag erfte Pbilantropinum,, oder eine menfchens, 
freundiiche Schule eröfnete. Er war der erffe, der durch 
feine vielerley- Schriften für das Beſte der Erziehung. vor— 
nehmlich durch fein KElementarwerf , die Herzen der 
Großen] mit Wärme für die michtigfte Angelegenheit des 
Menjchheit , für ihre Erziehung und Erleuchtung , era 
füllete. 


herr Johann Georg Heinrich Feder (e); zu 
Schoͤrnweißach im Daireuthifchen 1740 gebohren, iſt ſeit 
1768 Profeſſor der Philoſophie zu Göftingen. Diefer lies 
benswürdige Sinderfreund fchrieb nur ein einziges , aber 
defto wichtigereg Werk für Erzieher, nehmlich; den neuen 
Aemil, oder, von der Erziehung nah) bewährten 


Grundfäzen, Als Chriſt fuchte er bie veftere Grundſaͤze 
E su 


Chriſti Liebe zu den Kleinen. 863 


zu beftätigen, als dieienigen waren , welche ber Philoſoph 
Rouſſeau in feinem Emile angenommen hatte. Da aus 
übende Weisheit der Hauptgegenfland feiner Forfchuns 
gen ift, fo "nd alle feine übrigen Schriften gleichfale 
unentbehrliche Handbücher derer; welche Nathgeber anderer 
Menfchen werden wollen. 


Here Georg Sriedrih Seiler (), iff zu Kreuffen 
bey Bayreuth, 1733 gebohren, und feit 1770 Profeffor der 
Goftesgelahrtheit zu Erlangen , auch nachmals geheimer 
Kirchenrath, und wirkiicher erſter Nath im Konfiftorium zu 
Bayreuth. Seine für die Jugend hoͤchſt vortheilhafte 
Schriften find: Geſchichte der geoffenbarten Religion — 
Religion der Unmündigen — biftorifcher Ratedhifs 
mus — Lehrgebaude der evangeliichen Glaubens s 
und Sittenlehre — über die Unterweifung der Jugend 
im Chriſtenthume — ein Plan zur Einrichtung deuts 
fiber Stadt ; und Kandfehulen. Aud) feine gemeins 
nüzigen Betrachtungen ber neueften Schriften, welche 
Religion, Sitten, und Befferung des menfchlichen Geſchlechts 
betreffen , und die Sortfesung derfelben, enthalten immer 
viel Lehrreiches über den großen Gegenſtand der Erzies 
bung. 

herr Joachim Heinrib Campe (8), zit Deerſen 
der Deitersheim im Braunfchweigifchen 1746 gebohren, 
wurde 4776 hochfuͤrſtl. Anhalt » Deflauifcher Educationg- 
kath, und Curator des Philanthroping , und feit 1778 
Direktor einer neuen Privat » Erziehungsanftalt zu Hams 
burg. Er fchrieb : verfchiedene Abhandlungen in dem 
pbilanthropinifchen Archive, und in den paͤdagogiſchen 
Unterbaltungen — Sittenbüchlein für Rinder aus 
- gejitteten Ständen — neue Wietbode, Rinder auf eine 
Mm 2 neue 





864 Ein und vierzigſte Tafel. 


neue Weife Iefen zu lehren — Fleine Rinderbibliothek — 
Robinfon der jüngere — Fleine Seeleniehre für Bin 
der — Die Entdeefung von Amerika — 


Herr Johann Jakob Friedrich Sedderfen Ch), 
zu Schleswig 1736 gebohren, war zuerſt Prediger und 
Pagenlehrer am Hofe des Herzogs zu Holftein, Sonderburg ; 
Bann Seelforger der Lutheraner in Beknburg, Ballenfkärt 
und Harzgerode; darauf Prediger an der Hauptkirche 
St. Johannis zu Magdeburg, und num Domprediger zu 
Braunſchweig und Beichtvater der herzoglichen Herrichaften. 
Auch diefer wuͤrdige Geiftliche ſucht die gettliche Religion 
den iungen Herzen einzuflöffen, vornehmlich durch folgende 
Schriften : Das Leben Jeſu für Rinder — Lehrreiche 
Erzehlungen aus der biblifhen Geſchichte, mit Erin 
Herungen für Rinder — Beyſpiele der Weisheit und 
Tugend aus der Geſchichte — Den ber Kefebibel für 
Rinder, die Hr. D. Seiler beforgt, hat er dag Gefchäfte 
übernommen, die erbaulichen Anwendungen und Gebete für 
die kleinere Klaffe der Bibellefer ausjuarbeiten. 


— 


4. 
Kinderſpiele. 


A, dem erften Felde ficht man ein Befuchzimmer ; denn 
diefe Mädchen fpielen Beſuch. Die vörderfie von dem dreyen 
fieet die Hausfrau vor , welche ihre Fremden mit freunds 
lihen Pienen und Gebärden annimmt. Die beyden, 
welche bey ihre ftehen , find fehon früher gefommen. Die 
eine Fremde mit dem großen Sacher hat eine Halbſchuͤrze vory 

einen 


Chrifti Siebe zu den Kleinen. 865 


einen Sultan auf dem Kopfe, Perlen um ben Hals, und 
ein. frifirteg Kleid an, mit einer furchtbaren Schleppe. 
Die zweyte fcheint eine Saloppe um zu haben. Ih glaube 
die Beſuchenden haben gefagt : Liebſte Sreundin, wir 
Fommen mit großem Vergnügen dich zu beſuchen. 
Die Hausfrau feheint mitten in der Antwort zu ſeyn: 
CLiebſte Freundinn, dein angenehmer Beſuch verſpricht 
mir viel Vergnuͤgen. Sie muͤſſen die gewoͤhnlichen 
Kniebeugungen gegen einander ſchon gemacht haben. Es 
ſcheint mir aber die gute Hausfrau ſollte ihr Zimmer noch 
etwas ordentlicher gemacht haben, ehe fie Beſuch arıger 
nommen haͤtte. Die Stühle ſtehen nicht in Drduung, und 
ihrer find nicht genug; auch weiß ich nicht, was dee 
Schemel mitten in der Stube fol. Wenn er noch bey dent 
fehr hoben Stuhle fünde ! der Koffeeriich iſt gededt — 
Er ſtehen darauf Leuchter mit Lichtern, Schäden und 
Kannen — 


Auf dem zweyten Felde zeigt fih ein angenehmer 
Garten. Einige Kınder fpielen Blinde Kuh. Wäre ed 
nicht beffer Blinder Mann oder Blinde: Sram zu fagen? 
Das Spiel ift fehr angenehm. Die Augen find der Blin— 
den-Frau verbunden ; und fie ift nicht aufrichtig wenn Ne 
(eben kann, und es nicht fagt. Man muß ſogar im 
Scherz aufrichtig feyn, wenn das Vergnügen deſſelben 
dadurch befördert wird. Seht, wie diefe Blinde » Frau 
geneckt und gesupft wird. Faßt fie iemanden, fo muß ver 
ſich die Augen verbinden laſſen. In diefem Spiele wäre 
es unrecht , wenn man dem, ber den Blinden vorſteilt, 
einen Verdruß machen wollte. Merken kann man ihn, aber 
feiner Perfon und Rleider muß man fe&bonen. Er 
Fann ohne Dies leicht fallen. Weder im Scherze noch im 
Ernſte muß man dem Blinden einen Anſtoß ſezen. 

Wirm 3 Zeibf 





866 Ein und vierzigſte Tafel. 


Selbft aus diefem fcherzhaften Spiele kann man fehlieffen , 
wie viel Gutes einem Blinden fehle, 


Das dritte Feld ftelt eine Gegend auf dem Lande vor. 
ir ſehen ein halb Duzend Knaben. Ein ieder hat fein 
eignes Spiel oder Vergnügen. Der eine läuft mit feinem 
Drachen von Papier an einem Gaben. Der Wind, oder 
die bewegte Luft hält denfelden in der Hehe, Der Schweif 
macht durch feine Schwere, daß er nicht herumtaumelt, 
fondern in derfelben fage erhalten wird, Mer einen fols 
hen Drachen haben will, muß ihn felbft machen lernen, 
Denn es it ein Vergnügen, ficb frin Spielzeug felbft 
zu verfertigen. Wenigſtens muß ein Knabe jelbit Hand 
anlegen, wenn er auch des Raths und der Hülfe anderer 
bedarf. Wie eifrig peisfchet der eine Knabe feinen Aräufel, 
daß er ſich immer herumdrehe und nicht umfalle. Er muß 
dag eine Bein von fich ſtrecken, und das andere beugen, 
fonft würde er mit der Peitfche nicht hinreichen. Der 
Kleine da, der die Füße zu einmwärts ſezt, vergnugt fid an 
einem Brummfräufel. Die obere Kugel ift hohl, und 
hat ein och. Wer Fann nun errstben, warum er in 
dem fehnellen Herumdrehen fo brumme? So lange er 
fich bewegt, muß man in dag Loch nicht mit dem Finger 
Sreifen, fonft kann man Schaden nehmen. Der Knabe 
bat den hölzernen: Schlüffel und den Bindfaden in der Hand, 
wodurch der Kräufel in eine ſolche Bewegung gefezt werden 
kann, daß er fich beftändig dabep umdrehe. Die beyden, 
die eine fehr gebogene Stellung haben, fpielen mit Schnell 
Fugeln von Ihon ober Alabafier. Es fommt darauf an, 
wer ing Loch treffe, oder die Kugel des andern hineinfteße, 
oder fie wenigfteng berühre. Wie fliegt das Haar dem klei— 
nen muntern Knaben, ber hinter dem Reifen berläuft, den 
er mit dem Stocke treibt, daß er wie ein Rad umlaufen muß. 

| Auf 


Chrifti Liebe zu den Kleinen. 867 


Auf dem vierdten Felde fieht man zwey Mädchen und 
zwey Knaben Ball fpielen , und den Sederball ſchlagen, 
in ciner Gartenſtube, welche hoch genug dazu ſeyn muß, 
Zwey werfen fic den Ball zu, fo daß er immer aufgefangen 
werde. Fährt er gegen den Fußboden, oder an die Wand, 
fo prallt er zurüde. Denn duch den Anſtoß wird bie 
Figur eingedrückt, und wenn das gefchehen iſt, ſo dehnt 
fie ſich mit Deftigkeit wieder aus , welches nicht geſchehen 
fann, als wenn der Körper zurücd prallt, ‘ Diefe Kraft, 
mit welcher er feine Figur wieder zurück befomme , heißt 
Schnellkraft oder Sederfraft:, ben darum, weil der 
Ball diefe Kraft bat, kann man mancherley Spiel mit ihm 
vornehmen, wenn man Ihr an die Wand oder auf den 
Boden wirft. Man faun auch mit zweyen, dreyen over 
mehrern Ballen fpielen, daß einer nad) dem andern in bie 
Hand falle, und wieder in die Höhe geworfen werde, fo 
- daß dennoch feiner an die Erde fomıme, Zwey fpielen Fe— 
derball mit Raketen, deren Neze fehr gefpannt find und eine 
Schnellfraft haben; daher ber leichte Federball durch einen 
ſchwachen Schlag fo hoch fliegt. Man fann zwar auch allein 
fpielen und den gefchlagenen Federball immer auffangen. 
Es fönnen ſich aber auch zwey, drey und mehr Perfonen 
zu diefem Spiel vereinigen, die fich den Federball zufchlagen, 
daß er niemald an die Erde falle. Dieß Spiel ift eine 
vortreflihe Uebung des Rörpers für Alte und Junge, 
Vormals ergoͤzte man fi) oft damit, aber iest verderben 
fi viele durch Stilfisen bey Karten und Würfeln, 
bey dem Dambrste, und bey dem Schachfpiele die 


Gefundbeit. 


imma 27 





868 Ein und vierzigfte Tafel. 


— —— 


5. 
Das Zuckerrohr. Die Zuckerſiederey. 


Zuckerrohr (A. a.) waͤchſt am haͤufigſten in Bra⸗ 
ſilien und den umliegenden Inſeln; man hat es aber auch 
in großer Menge in Oſtindien, und auf einigen afrikaniſchen 
Inſeln. Es iſt ein hohes Schilf, das aber ſehr ſaftreich 
iſt. Jedoch hat man in Oſtindien eine Art davon, die wie 
eine Baumflaude waͤchſt, und woran man natürlichen Zucker 
findet, den die Sonne aus dem ausgeſchwizten Safte ſelbſt 
auf der Rinde des Gewächfes gekocht hat. Diefe Staude 
heißt Bambu oder Mambu. 


Die Bereitung des Zucers ift nicht Fünftlich aber 
muͤhſam. Man fehneidet die Kohrhalme, wenn fie zeitig 
find; ab, reiniget fie von den Fleinen Blättern , legt fie 
in Bündeln zufammen, und quetichet auf einer befondern 
Zucfermüble (A. b.) den Saft aus. Diefen fammlet man 
in einen großen fleinernen Krug oder Bottich, aus welchen 
er durch Ninnen in die Zucferfiederey (B) geleitet wird, 
roofelbft man ihn auch fogleich verſiedet, weil er fonft in 
furzer Zeit gähret und verfauret. Waͤhrend dem Kochen 
wird die Unreinigkeit abgefchäumet, und um dag Schäumen 
zu befördern, thut man etwas Lauge hinzu. Man wies 
derholt das Sieden einigemal , und wenn ber Saft bie 
gehoͤrige Dichtigfeit erlangt hat, fezt man ihn in frifchen 
Keffeln zum Ubfühlen hin. Wann er laulicht geworden, 
gießt mun ihn in eigene Sormen , worinn er gerinnet, 
und die noͤthige Förnigte falzartige Trockenheit erhält. Aus 
diefen Formen kommen die fogenannten Zuckerbäte. Es 

würde 


Cheifti Liebe zu den Kleinen. 869 


wuͤrde aber der Zucfer niemals trocken werden, wenn man 
nicht dem Safte währendem Sieden Kalk zuſezte. Diefer 
alfo bereitete Zuefer ift doch noch fehr ſchmierigt und unrein. 
Deswegen wird er entweder in Amerika, oder in Europa 
raffinirt oder geläutert. Daher rührt die Eintheilung in 
rohen und raffinirten Zucker. Die vielen andern Namen, 
womit man die verfchiedenen Sorten des Zuckers bezeichnet, 
z. E. Lanarienzuder , Sarin « oder Thomaszucker, 
Kochzucker, Meliszuckerze. find theils von den Drien 
hergenonmen wo das Nohr wacht, theild von der Feine 
oder dem linterfchiede der Sorten. Das Raffiniren bes 
ſteht in der Auflöfung des Zucers in Kalkwaſſer, welchen 
man mit Eyweiß oder Blut, unter befiändigen Sieden und 
Umrühren fchäumen , und feine Unreinigfeiten noch mehr 
von ſich ffoßen laffe. Den Zuckerkant macht man aug 
dem beften gereinigten Zucker , den man im Wajfer ſiedet, 
big er did wird. Diefen diefen warmen Saft thut man in 
ein thoͤnernes Geſchirr, und läßt ihn am die darinn ges 
bängten hölzernen Staͤbe oder Zwirnfaͤden Fandiren oder in 
Kriftallen anſchießen. Syrup ift der flüfige oder fchmies 
rigte oder fetfe Theil, welcher vom Zucker, wenn derfelbe 
aus dem Zucferfafte gekocht oder geläutert wird, übrig 
bleibt , und ſich duch Kochen zu Feiner mehrern und dich» 
tern Konſiſtenz hat wollen bringen laffen. Er ift braun 
oder ſchwarz. Der Kandisfyrup aber, oder weiße Syrup 
ift dag dicke Ueberbleibfel bey Verfertigung des Zuckerfantg, 


Mmms | 6, 





870 Ein und vierzigſte Tafel. 
6. 
Der Konditor oder Zuckerbaͤcker. 
Der Docken- oder Puppenmacher. 








9. Zucker kann allerley angenehmes und zierliches Ges 
backenes und Konfekt zugerichtet, und in demfelben Früchte, 
Wurzeln und dergl. eingemacht werden. Dich alles ges 
ſchieht durch den BRonditor oder Zuckerbäder (a), 
Seine Beſchaͤftigung theilet fh in die Stadt- und Hofarbeit 
ad, Unter der Hofarbeit find alle Verzierungen der Tafel 
begriffen, vornehmlich beym Defert, und bie Tragant: 
arbeit, die mit Poußiren und Modelliren der Bildhauer 
viele Verwandtfchaft bat. Zur Stadtarbeit gehöret; 
1) die fogenannte feine franzöfiibe Baͤckerey, die fich 
über alles, was aus Zucker, mit einigen Zufäzen gebacken 
wird erfirecfet, dahin z. E. Mandelſpaͤne, Mandelſchalen, 


Zimmetberge, Zitronen » und Pomeranzen-Schalen, Mas 


karonen und alles andere Ronfekt oder Ronfituren gehören; 
2) die fogenannte Schwengfeffel- Arbeit, oder die Kunſt / 
gewiſſe Früchte, 4 E. Mandeln , Piltaeien, Koriander, 
Kubeben, Zimmetſtangen mit weiffen Zucker zu überziehen; 
3) die gebrannte Arbeit oder Grillade, womit es beys 
nahe eben die Bewandtnig als mit der Schwengfeffel « 
Arbeit hat; zu welcher Arbeit die gebrannten Mandeln, 
Drangeblüthe und alle Arten von Samenförnern , als: 
Kümmel, Anis und dergl. gehören; 4) die Fandirte 
Arbeit, wenn durch die Wärme der Zucker gensihiget wird ; 
in Körnern und Stoͤcken anzufhießen. Zu biefer Arbeit 


gehören : Dragees, Früchte von allerley Art, lombardifche 
Nußferne, 


Chriſti Liche zu den Kleinen. 871 


Nußferne , von Aepfeln verfertigte Züge, Feilchenblumen, 
und dergl, 5) Die Zuckerpuppen » Arbeit , welche aus 
geläutertem, und ſtark zur Probe gefochten Zucker verfertis 
get, in Formen gegoffen, und mit Farben ausgemahlt 
werden ; 6) die eingemacdhte Arbeit, oder die naffen 
Konfituren, wenn nehmlich allerley Früchte, in geläuterten 
und einigemal aufgefochten Zucker erhalten werden; 7) 
die gefrorne Arbeit. Sie entfteht aus Obſtſaͤften, die im 
Eife gefrieren, Die verfüßten Säfte werden in eine Biss 
büchfe gebracht, die mit einem Deckel verfehen iſt, und 
in einem mit Eife angefüllten Seffel gefezt werden. Die 
Kälte des Eifes wird durch zugemiſchtes Salz verftärkt, 
Aufferdem braucht der Zucferbäcer zu feinen Arbeiten; den 
Moͤrſer, ‚eine eiferne Nöhre, die einem Bratofen gleicher, 
eiferne Platten, Keffeln, dag Tablirholz, Loͤffeln, einen 
Mindofen, allerley Formen, Schränfe und dergl, Hieher 
gehöret auch noch die Auchenbederey , auf welche fich 
auch die Köche und Koͤchinnen, und iedeg mohlerzogene 
Srauenzimmer verftehen, nehmlich die Kunft alle Arten 
von Kuchen und Torten, Biscuit und dergl. zu vers 
fertigen. . 


Duppenwerf , Dockenwerk oder Spielfacben, 
nennt man überhaupt ales Epielwerf, woran die Kinder 
ihre Luft und Freude haben, und womit fie fich die Zeit 
zu verfreiben pflegen. Die Materie, woraus dieſe Spiel. 
und Docken-Waaren beftehen, ift entweder Eilber, und 
dann werden fie von dem Gold , oder Silber „ Arbeiter 
verfertiget ; oder Zinn und Bley, Kupfer, Eifen oder 
Stein; oder fie ift auch Holz, diefe werden von den ges 
meinen Bildfchnizern und Drechglern gemacht; oder Alabafter 
und Marmor, und dann find fie eine Arbeit der Alabafterer, 
Andere werden von Wachs poußiret, mie auch aus 


Kraft. 





872 Ein und bierzigfte Tafel 


Kraftmehl oder gegoßnem Zucker formiret, welches von den 
Zuckerbaͤckern geſchieht, die -allerley Figuren und Thiere, 
der Natur gemäß, zu verfertigen und abzubilden wiffen, 
auch diefelben öfters mit Felle, oder mit Federn auszupuzen 
pflegen. Derienigen Docken zu gefchweigen , die nad) 
icder Fandesart , mit allerhand Zeugen, mit Sammet, 
Seibde und Wolle bekleidet, ia gar nach den neueften Mo- 
den des Frauenzimmers augftaffıret, hier und dba zum Mos 
dell verfchickt werden ; tie aud) der foflbaren und Fünftlis 
chen Docken , die oft durch ein werfiefteg Uhrwerk, allerley 
Bewegungen machen. Man macht auch allerhand Docens 
und Puppenwerf von Pappenzeuge , welches von auffen 
bemahlet , und mit einem Firniße beftrichen wird. Ja es 
iſt Faft Fein Handmwerf, das nit von den Sachen, die es 
groß zu machen gewohnt it, oͤfters, im Kleinen, Modelle 
und Puppenwerke verfertiget. Daher findet man zumeilen 
ganze Puppenbäuffer, mo alles, was bey einer Haus, 
haltung theils zur Pracht und zZierde , theils zur Nothmwen- 
digkeit dienlich ift, ganz zart und fauber im Modell nach» 
gemacht, und iedes Siüc an feinen Drt in den Gemächern, 
Zimmern und dahin gehsrigen Schränfen und Behaͤltniſſen 
auf dag gefchicktefte eingetheilt und angebracht if. Wegen 
Verfertigung folher und anderer faft unzehliger , artiger, 
fünftliher , und zum Theil wohlerfundener Spiel » und 
Puppen » Sachen find vor allen andern die Parifer , bie 
Nürnberger und Augfpurger fehr berühmt, melche auch faft 
die ganze Welt damit verforgen. 


Man fann aus folckem , der jugend vorgelegtem, 
Buppen » und Spielwerk öfters ihr Gemüth kennen lernen, 
und aus ihrer Wahl beurtheilen, wozu fie geneigt find, 
ob fie weibifche , Eindifche oder ernfthafte, ihrem Stande 
anfländige Dinge lieben ; wie fie fid) damit aufführen und 

da 


Chrifti Liebe zu den Kleinen. 873 


fie verwahren, ob fie diefelben recht anzumenden und zu 
gebrauchen wiſſen — ob dem kleinen Frauenzimmer die 
Puppenkuͤchen angenehm, und ob fie Liebe zur Fünftigen 
Haushaltung daben blicken laffen ; ob fie fchon die Haus. 
gefchäfte aus Begierde nachzuahmen fuchen, und fich das 
durch zu allerley Guten anführen lafien. Eine Fluge Mut. 
ter kann die Begierde ihrer Kinder, mit Puppen zu fpielen, 
fehr gut nüzen, ihnen eine Menge beutlicher Begriffe von 
ben Sachen beyzubringen, womit fie künftig umgehen follen. 
Dergleichen Puppenwerk und Spielfachen pflegen die Kinder 
insgemein zur heil. Chriſt-Beſcherung, Marting + Zeit, zu 
Namens » oder Geburts „ Tagen als ein Gefchenf zu bes 
fommen. 


N m IT 


T 


Kinder müffen folgen, fonft werden fie 
unglücklich, 


&. alter Löwe, welcher nicht mehr fort konnte, und von 
einem iungen Löwen ımterhalten werben mußte, gab dem. 
felben die Lehre, daß er niemals mit einem Menfchen fech. 
ten follte, teil diefer flärfer alg alle Thiere wäre. Der 
iunge Löwe empfand feine Stärfe, verachtete feines Vaters 
Lehre, und gieng aus, um doch einen Menfchen zu feben, 
Er fand zuerft zwey Ochſen bey einander, welche über ein 
Joch zufammen gebunden waren. Der Löwe fragte fie, 
ſeyd ihr Menihen? Dein, fprachen fie , fondern ein 
Menſch bat uns zufanımen gebunden. Er gieng weiter ’ 
und fand-einen muntern wohl befihlagenen Hengft , welcher 
einen Sattel auf dem Rücken und einen Baum im Maule 


hatte, 





874 Ein und viersigfte Tafel. 


hatte, und an einen Baunı gebunden war, Auch zu dieſem 
fprach der Löwe : bift du ein Menfh? Nein, antiwortete 
er, ein Menjch hat mich gebunden. Er fam weiter, und 
fand einen Bauern vor einem Walde Holz hauen. Diefen 
fragte er: Dift du ein Menih? Ja, antwortete der 
Bauer : Wolan denn, fo rüfte dich, erwiederte der Loͤwe, 
wir wollen mit einander Fämpfen. Der Bauer fprach zu 
ihm : Guter Gefelle ! hilf mie zuvor das Holz zerfpalten, 
fo will ich dir deinen Willen darnach erfüllen. Der Bauer 
fhlug mit der Art in den Baum und machte eine Spalte, 
und lehrete den Löwen, mie er mit feinen Klauen den Baum 
von einander reiffen follte, Nachdem der Löwe die Klauen 
in die Spalte gefteckt hatte , zog der Bauer feine Art bers 
aus, und der. Baum begab fich wieder zufanimen, wodurch 
der Löwe gefangen ward, Als fic) diefer in der Todesges 
fahr erblicfte, und den Bauer nach Hülfe eilen fahe, zog er 
die Süffe mit Gewalt heraus, fo daß bie Klauen in dem 
Holze ftecken blieben, entlief dem Bauer mit großer Marter, 
zeigte feinem Vater bie blutigen Füffe und fagte : Water ! 
hätte ich deinem Nathe gefolget, fo wäre es mir nicht alfo 
ergangen — ich have mit Schaden erfahren, daß es wahe 
ift, was du gefagt haft. 





RR LTD 


8 
Etwas überhaupt aus der Lehre won den 
mythologifchen Sietionen und 
Verwandlungen. 


Au⸗ Voͤlker hatten zu allen Zeiten einen großen Hang zum 
Wunderbaren. Nach demſelben war es ihnen denn auch 
ganz 


Chriſti Liebe zu den Kleinen. 875 


gung natürlich, lieb und auffallend, wenn fie allerley wun— 
derbare Verwandlungen der Menfchen und TIhiere oder an: 
derer Gefchspfe glauben durften. War bier eine Duelle 
entftanden , zeigte fi) ein Stein von befonderer Form, 
ließ ein vorher unbekanntes Thier fich fehen, fo waren dieß, 
nach der Meinung der Leichtgläubigen, Menfchen, die fo 
fehr geweint hatten, fo frozig und übermüthig, fo wild und 
graufam geweſen waren, daß fie von den Göttern in folche 
Geftalten vertwandelt wurden. An dergleihen Hiftörchen 
hatte ingbefondere der einfältige Theil der alten Griechen 
und Römer ein großes Wohlgefallen; und man findet unter 
ihren mythologiſchen Fictionen eine Menge dergleichen 
Verwandlungen , von denen insbefondere Ovid ein gan⸗ 
ges Buch gefchrieben hat. Man kann wohl viele derfelben 
alg lehrreiche Allegorien anfehen , aber im Grunde find 
fie doch nichts anders , als Volfsglaube ber alten Gries 
chen und Roͤmer. 


Der Fabeln, welche diefe Märchen von Verwand⸗ 
lungen enthalten , find ungehlich viele, Man kann fie 
zufammenhängend lehren, oder auch auf folgende, gleichſam 
fpielende und zur Wiederholung bequeme Weife, leicht faß 
fen ; Da nebmlih in allen Reichen der Natur, unter 
den vierfüßigen Thieren ;, Vögeln, Snfecten , Bäumen; 
Blumen, Bergen und Slüffen viele Gegenftände vorkommen, 
die fich durch dergleichen mythologiſche Fictionen berühmt 
machten , fo Elafjificire man biefelbe kuͤrzlich alfo; 


i. Verwandlungen in vierfüßige Thiere, In 
Löwen wurden Atalanta und Hipomenes verwandelt; 
-weil fie den. Tempel der Cybele entheiligten , nach welcher 
Verwandlung fie den Wagen diefer Goͤttin ziehen mußten — 
In einen Stier Achelaus , da er mis dem Herfuled 

ſtritte — 


376 Ein und vierzisfte Tafel. 


firitte — In eine Kuh die Fo, melde Jupiter zu 
nerführen fürchte — In einen Hirſch Akteon, weil er 
fich gelüften ließ, die Göttin Diana im Bade zu belaufchen — 
Sin eine Barin die Kaliffo , weil fih Zupiter mit ihr 
auf eine unerlaubte Weife bekannt machte — In einen 
wolf, £yfaon , weil er fih mit Menfchenopfern vers 
fündigte — — 


2. Derwandlungen in Vögel. In einen Adler 
wurde Dädalion verwandelt, da er fich aus Betrübniß über, 
den Tod feiner Tochter von Parnaffe herabfiürztee — In 
einen Storch Antigone, weil fie fich wegen ihres ſchoͤnen 
langen Haares der uno gleich fchäztee — Sn einen 
Schwan Cygnus, da er fih aus Verdruß in einen 
See flürzte — In ein Rebhun Perdir, nachdem ihm 
fein Lehrmeifter Dadalus von dem Schloße zu Athen herab« 
ſtuͤrzte — In Elftern , die neun Töchter des Könige 
Hierug, nachdem fie aus Stolz den neun Mufen gleich 
gehalten feyn wollten — Sin eine Nachteule die Nyftis 
mene, weil fie fi an ihrem Vater verfündigte — In eine 
Nachtigall Philomele, welche das graufame Verfah— 
ren ihres Gemahls gegen fie, nachdem er ihr die Zunge 
ausfchnitte, in ein Tuch webte, und daßelbe ihrer Schwes 
fer der Profne zuſchickte — und Profne wurde deswegen, 
weil fie diefe Geſchichte allenthalben ausbreitete, in eine 
Schwalbe verwandelt — In Kispögel, Ceyr und 
Alcyone, welche fih im Leben liebten, aber durch einen 
Schiffbruch von einander getrennet wurden — — | 


3. Verwandlungen in andere Thiere. In 
Schlangen murden Kadmus und Nermione , ober 
Harmonia verwandelt, nachdem fie lange in der Welt 
herum irrten — In eine Kidere, Abas oder Stellio, 

ba 


Chrifti Liebe zu den Kleinen. 877 


da er der Göttin Ceres fpottete — Sin Froͤſche iene 
Bauern, welche die Latona auf ihrer Flucht nicht aus eis 
nem See wollten trinfen lafen — In eine Spinne 
die Arachne, nachdem fie aus Stolz ihre Lehrmeifterinn im 
Wirken, die Göttin Palas, übertreffen wollte, 


4. Verwandlungen in Bäume und Blumen, 
Sn eine Eiche und Kinde wurden in ihrem Alter Philemon 
und Baueis verwandelt , nachden fie vom Jupiter, ber 
fie einft befüchte, ihrer Gefäkigfeit und Eintracht wegen 
gefegnet wurden — In einen Korbeerbaum Daphne, 
indem fie vom Apollo verfolgt wurde — in einen Cys 
preſſenbaum Cypariſſus, da er fi) aus Verdruß über 
einen geliebten zahmen Hirſchen, ben er unverfeheng ers 
ſchoß, das Leben nehmen wollte — Sin ein Schilf 
Spring, weil fie der garflige Pan an allen Drten verfolgte — 
Sn eine Hyacinthe Hiacynthus , nachdem er durch 
eine Wurficyeibe getödfet wurde — Sn. eine Nareiſſe 
Narciſſus, nachdem er feine Schönheit in einem Bache 
erblickte, und darüber fehr fEol; wurde — In eine Ane—⸗ 
mone Adonis, nachdem ihn auf der Sagd ein wildes 
Schmweint ddtee — In eine Sonnenblume, Cipthie, 
nachdem fie etliche Tage unverrückt nach dem Himmel und 
der Sonne fahe — in eine Weihrauchſtaude die feufge 
thee, als fie ihr Vater lebendig begraben lief — — 


5. VDerwandlungen in andere Gegenftände der 
Natur, 3. E. in einen Berg Atlas, der Anführer 
iener Niefen, die den Himmel beftüenten. Er mußte 
dafür zur Strafe, ale der größte Berg, den ganzen 
Himmel tragen — Sin einen Sels die Scylla, meil fie den 
Glaukus liebte , welchen die Zauberin Circe heirathen woll⸗ 
te — An eine Duelle Arethuſa, nachdem fie von dem 


Rn Alpheng 


878 Ein und vierziofte Tafel, 


Alpheus verfolgt wurde — In einen Fluß Acheron, weil 
er das Tageslicht nicht vertragen konnte, und deswegen 
binab in die Hölle flieg — In einen Wieerfirudel Cha. 
rybdis, wegen ihrer aufferordentliden Gefraͤßigkeit u. ſ. m. 


u —⏑—⏑ —— 


9. 


Geſpraͤch eines frommen Vaters mit feinem 
Kinde, 


En frommer Vater hielt es fuͤr ſeine Pflicht, bey ſeinem Kin⸗ 
de den erſten Grund zur wahren Gottesfurcht ſelbſt zu legen. 
Er nahm in diefer Abficht ieden Augenblick zu Hülfe, der ihm 
von den Gefchäften, und von den nöthigen Erholungen 
übrig blieb, um den Geift feines Kindes aufzullären, und 
daßelbe zu einem mwohlgefitteten und tugendhaften Ehriften 
zu bilden. 


Es liegt mir nichts ſo fehr am Herzen, ſprach er einft, 
als daß du ein glücklicher Dienfch werden mögefl. Aber 
ohne Religion, mein Kind, ift niemand wahrhaftig glüclich. 
Kenn er auch noch fo viele Güter befäffe, oder von einem 
noch fo hohen Stand in der Welt wäre;. fo ift er doch nie 
gang ruhig im Herzen, und noch weniger getroft im Tode, 
ohne Religion. Rind. Was ift denn nun das, Religion? 
Vater. Das ıft die Arc umd Weile, wie wir Menfchen 
Gott dienen. Du meift doch, daß ein Gott fey. R. Sa, 
ic) habe es fchon oft gehört. Aber wer ift denn der Gott, 
den wir dienen folen? V. Davon wirft du zwar noch 
nicht alleg, was uns Menfchen zu erkennen nöthig iſt, 
aber doch fo viel lernen und begreifen Eönnen , daß du 

dadurch 


Ehrifti Liebe zu den Kleinen. 879 


dadurch. fromm und fugendhaft werdeſt. Was mennft dus 
denn wohl; iſt diefes Haus, oder diefer Tiſch von fich 
felbft entfianden? R. Nein ! Diefe Dinge find von ie— 
mand gemacht worden. V. Wo fommen denn die Bäume 
auf dem Felde, die Früchte, dag Gras und das Getraide 
ber? R. Aus der Erde. V. Und diefe ganze Erde, die 
nichts Lebendiges ift, muß diefe nicht auch von jemand ges 
macht feyn? BR. Ohne Zweifel. V. Du haft recht, 
mein Kind ! denn wie Finnte eine Cache, die Fein Leber 
bat, fich felbfi heroorbringen. Aber fo muß fie doch ies 
mand gemacht haben? K. Ja wohl. V. Und diefen, 
der die Erde, und alles, was du font am Himmel fichft, 
hervorgebracht hat, diefen nennen wir Gott, unfern lieber 
Schöpfer und Verforger. Haft bu nicht auch fchon viel 
Gutes auf Erden genoffen ? BR. Ja recht viel Gutes an 
Speife und Trank... V. Bon wenn haft du nun bieß alles 
empfangen? BR. Bon Gott, der bie Erde, und was 
drinnen iſt, gefchaffen hat. V. Liebſt bu denn deine El« 
tern nicht, oder die, welche dir Gutes thun? R. Ja, 
ich liebe fie. O®. D mein Kind ! Wie folltefi du Gott 
nicht zärtlich lieb haben , der dir fo viele Wohlthaten erzeigt, 
dir manchen frölichen Tag, viele gute Speifen und Getränfe 
- gegeben hat ? Komm, laß uns ihn anbeten : Gütiger 
Gott ! ich danfe dir, daß du mir fo reichlich Eſſen 
und Trinken und fo viele fröliche Tage geichentt Haft. 
ch will gerne tbun, was dir gefällt. Mache du nur 
felbft mich fromm, und dir recht zu danken gefchiskt! 


üB 


Rnnz Zwey 


330 
ERRTEN a — 
Zwey und vierzigfte Tafel, 


I. 


Die Sleichnige: vom Saamen, vom Warzen 
und Unfraut, 


1: feine Lehren allen Menfchen recht faßlich und anges 
nehm zu machen und vorzutragen , prebigte Jeſus die 
wichtigsten Wahrheiten durch Gleichniße — das iſt, er 
erzehlte feinen Züngern und Zuhoͤrern alerley lehrreiche 
Geigichten , auch Fabeln und felbft erfundene Parabeln, 
daß fie aus denfelben mit leichter Mühe felbft die nöthigften 
Lehren ziehen Fonnten. 


Dom Worte Gottes, und deffen theils guter, theils 
fhlechter Anmendung , gab er unter andern folgendes 
Gleihnig : Kin Scemann beiaete feinen Ader (a). 
Ein Theil des Saamens fiel auf den Weg, und die Vögel 
frafjen denfelben. Ein anderer fiel auf fieinigten Boden; 
diefer gieng wohl aljobald auf, aber weil nicht viel gute 
Erde da war, fo Eonnte es nicht recht einwurzeln; und 
als die Sonne auf dag ſchwache Hälmchen ſchien, ward eg 
bald welk und verdorrete. Auch fiel etwas von dem Saamen 
unier Dornhecken und Unkraut, und weil das Unkraut und 
die Dornhecken mit oufwuchfen,, erſtickten fie den Saamen, 
daß er Feine Frucht gab. Ein anderer Theil aber fiel auf gut 
Land, umd gab fo viel Frucht, daß die einen Koͤrner ſich 
drepßig, andere fechzig, andere gar hundertfaͤltig vermehrten. 

Allein 


Die Steichnige vom Saamen, vom Waisenze. 88? 


Allein die Juͤnger fonnten nicht gleich felbft die Lehre 
aus dieſer Erzehlung ziehen; fie fragten Jefum, was eg 
bedeute, und berfelbe erklärte eg ihnen alfo: Der Saamer, 
von dem ich rede, iſt der Unterricht, den ich den Menſchen 
gebe. Der betretne Weg, worauf ein Theil des Saas 
mens fällt, fellc die vor , melde die guten Lehren un 
Ermahnungen der Prediger, der Eltern und der Lehrer 
anhören , aber gar nicht davon gerührt werden, und dens 
felben gar nicht foigen. Da nimmt die erfte Verführung, 
das erfte böfe Exempel, der erfte böfe Gedanfe dieß Gute 
fogleich wieder weg. Das feinichte Erdreich, auf welches 
ein andrer Theil des Saamens fallt, bedeutet diejenigen, 
die meine Lehren hören, und fie obenhin annehmen, aber 
fie feine tiefe Wurzel bey fich faſſen laffen; fie find gar zw 
ſchwach und unbefländig — infonderheit, wenn fie beym 
Bekentniße oder bey der Ausübung dieſer Lehren etmag 
Unangenehmes ausfiehen muͤſſen, fo iſt alfobald der gute 
Vorſaz hin. Der Saamen, der unter die Dornen fällt, 
und von bdenfelben erſtickt wird, ift ein Bild derienigen, 
denen meine Lehren wohlgefallen, und die recht tugendhaft 
werden könnten, wenn nur die Fiebe zum Geld und zu aller 
len Koftbarfeiten, oder die eiteln und ausgelaſſenen Luſtbar— 
feiten — oder auch die plagenden Sorgen nicht alles bey 
ihren verhinderten. Der Saamen endlich, der in den guten 
Boden fällt, zeiget die an, bie ein gutes folgfames Herz 
haben, und alle guten Kehren, Ermahnungen und Beftras 
fungen ihrer Fehler, mit Liebe und Dank annehmen , oft 
daran denfen , und fich immer mehr befireben, gute und 
gottgefällige Menfchen zu werden. 


Auch Folgende Erzehlung und Lehre des Heilandes gab 
feinen Jüngern zu vielem Nachdenken Anlaße: Ein Haus, 
vater ließ feinen Acker mit dem beften Weisen beſaͤen. 


Fun 3 Dieß. 





882 Zwey und vierzigfie Tafel. 


Dieß merkte fein Feind. In einer Nacht, da ber Hefiser deg 
Ackers mit feinen Leuten ruhig ſchlief, geht er ihm auf den 
Acker, fäet Unkraut unter den Waizen, und macht fich da- 
von (b). Sezt kommt der Waizen zum Vorfchein, aber zu 
gleicher Zeit auch dag Unfrauf. Die Knechte fehen eg, und 
fagen es ihrem Heren. Haft du ung, fragen fie, etwa 
nicht guten Saamen gegeben? Oder wie kommt eg, daß 
Unkraut hervorfommt? Der Herr jagte ihnen, e8 habe am 
Saamen nicht gefehlt; ein feindfeligeer Menfch müffe das 
gethan haben. Jezt riethen ihm bie Knechte, den Acker 
fiusern, und das Unkraut, che es aufwüchfe, ausieten 
zu laffen (Ce). Nein, ſprach der Herr, es iſt zu dichte mit 
den Waizen vermifcht, ale daß ihr eg iezt, ohne dem Waizen 
zu fchaden, ausjeten koͤnntet. Laffet beyde vollends big zur 
Erndte neben einander aufwachten. Wenn ich dann die 
Echnitter auf diefen Acker ſchicke, fo will ich fie heiffen, 
erfi daß Unkraut beyfeits thun und zufemmen binden — bag 
iſt zum Doͤrren und Einheizen gut — den Waizen aber müffen 
fie mir forgfältig auf die Tenne bringen, und auffchätten, 


Die Fünger fragten, was dieſe Erzehlung zu bedeuten 
haͤtte; und Jeſus erklärte fie ihnen : Der Kandmenn, 
fprach er, der feinen Acer mit gutem Saamen befäste, 
bin ich. Der Acker bedeutet die Well. Der Saamen find 
die Menfhen, Der gute Saamen find bie, die fich zu 
meinem Reiche ſchicken, weil fie gut und rechtichaffen finv. 
Das Unkraut find die, welche der Satan zu Werkzeugen 
braucht, Boͤſes in der Welt zu flifien. Wie der Hausvater 
guten Samen ausftreut, fo find auch die, Die ich in mein 
Keich oder unter meine Junger aufnehme, auf. Aber es 
wird der Macht der Bosheit gelingen, viel Boͤſes einzufüh- 
ven. Wie num berfelbe Herr nicht rathſam fand , dag 
Unkraut alfobald auszureuten, fo werde auch ich nicht gleich 

\ die 


Die Hleichniße vom Saamen, vom Waizenꝛc. 883 


bie böfen Menfchen von den Guten abfondern. Sch laſſe 
fie noch unter einander leben. Die Guten müßten oft mit 
barımter leiden, wenn bie Boͤſen allemal mit Gewalt weg» 
genommen würden. An der großen Erndte aber werde id) 
meine Diener und Boten herumfenden, die denn mit einmal 
alle Verführer und Lafterhafte von den Nechtfchaffenen abs 
fondern werden. Jene werden dann als Unfraut ing Feuer 
geworfen, mo fie die größte Dual leivenimüffen. Aber die, 
welche Gutes lehren und Gutes thun, merden leuchten wie 
Sonnen in bem Reiche ihres und meines Vaters — 
Trost des Richters nur , ihr Frechen ! 

Enblih firaft er doch Verbrechen — 

Sein wird er die Seinen nennen ; 

Boͤſe von den Guten trennen — 

Wird das Lafter laut verſchmaͤhn, 

Und zum Necht, zur Tugend fichn. 


2, 


Schlechte Andacht beym öffentlichen 
Gottesdienſte. 


©, fchändlich verfennen und verfhwenden viele, in ber 
Öffentlihen Gemeine, die ſchoͤnſten Stunden ihres Lebens — 
die golduen Stunden der Effentlichen Belehrung und Ermuns 
terung — Nur wenige merken auf den Vortrag des, durch 
den Glanz der göttlihen Wahrheiten gerührten, Redners. 
Er giebt fich ale Mühe diefelben in ihrem Lichte den lichtbe— 
duͤrftigen Geiffesfräften feiner Zuhoͤrer vorzuhalten — er 
bittet — er warnt — er troͤſtet — er mahlt das Blick der 

| Nun 4 Tugend 





834 Zwey und vierzigfte Tafel. 


Tugend und bes ewigen Lebens mit Farben aus dem dritten 
Himmel ab — und doch — nur wenige ſinds, die ihn faſſen, 
ihn lieben, ihm Beyfall geben. 


Hier fcheinen wohl einige aufzumerfen — fie thun es 
aber nur darum, die Nedefunft, die Einfleidung und Wahl 
der Materien, die Stimme, die Öeberden und den ganzen 
Karakter deg Redners zu beurtheilen — mit andern zu ver- 
gleihen — ihn entweder enthufiaftifch zu loben, oder tadelnd 
zu nermerfen. Dort — viele, denen diefer Vortrag gar nichtg 
anzugehen fcheint — Sie fchlafen fo fanft, fo ruhig als 
in der Mitternacht » Stunde — ie unterreben fich mit 
andern über neue Begebenheiten — ftatt ihres Herzens ſcheint 
ein Zeitungsblatt in ihrer Bruft zu liegen — Sie ſehen ſich 
allenthalben un, nad) Befannten, nach dem Puze und dem 
Detragen anderer — gerade als wenn fie von den Kirchen: 
vorftehern zu Auffehern in den Verfammlungen beftellt waͤ— 
sen — Die ganze Stellung und Lege anderer verräth ihre 
Gfeichgültigfeit gegen alles, was num geprediget wird, und 
die Nuhe ihres eingefchläferten Gewiſſens. Hier — bes 
Phariſaͤers Schwefter — Mit heuchlerifchen Haͤndeaufheben 
und Augenverdrehen, hebt fie fi) aug den vier übrigen auf- 
der zweyten Bank fo andähtelnd Heraus, daß man ihre 
anfieht, fie will als bie andächtigfie in der Verfammlung 
weit über den Lehrer — ia über die Sterne erhaben 
werben,“ Dort, an ber Säule — ein erfigebohrner Sohn 
der Zerfireuung — dent Leibe nad) ſteht und lehnt er da, 
aber feine Seele ift im Planbuche — Er entwirft fich bie 
Heihe feiner Gefchäfte auf alle Fommenden Mochentage — 
er wehlt, verwirft, befchlicht, ordnet — eben als wenn dieß 
bie dazu beftimmte, bequemfte Stunde wäre, Er fegnet fich 
mit der Selbfiberuhigung ; dem Gottesdienſte dennoch beys 
gewohnt zu haben, wenn gleich fein Derz bald vor feinem 

Pulte, 


Die Sleichniße vom Saamen, vom Waizenec. 885 


Multe, bald beym Golde — in der Küche — im Keller — auf 
dem Felde — am Spieltifche war — 


Weg mit ſolchen die Menfchheit entehrendben Bildern — 
und hin zu den Guten — dem Pfade der Vernünftigen, der 
Frommen nad — die gerne hören, und leınen — 
und felig find! 


——— 


3. 
Die ſchwebenden Garten zu Babilon. 


N im Sabre der Welt 1950, regierte in der herr, 
lihen Stadt Babilon bie prachtliebende Koͤniginn Semira: 
mis, welche fich überhaupt durch die Verſchoͤnerung diefer 
Reſidenzſtadt der affyrifchen Könige, insbefondere aber durch 
die auſſerordentlich feltfamen fhwebenden Gärten berühmt 
machte, welche mit unter bie ſieben Wunderwerfe der Welt 
gezehlet wurden. 


E8 waren aber biefelben auf einer 22 Schuhe dicken 
Mauer angeleat, deren Zange, als eines richtigen Vier . 
eckes, auf ieder Geite 400 Schuhe betrug. Eigentlich 
machten fie vier Gärten aus, melde fid) in eben fo vielan 
ber Höhe immer machfenden Terrafien erhuben, darunter 
die oberfte der Höhe ber Stadtmauer gleich Fam. Man 
fonnte von einer zu der andern auf fehr bequemen Stufen 
gelangen. Dag innere Gebäude ruhete auf ffarfen von dicken 
Pfeilern unterftüten Gewoͤlben, deren eines über dem ans 
dern aufgeführet war, nachdem nehmlich biefe Erderhoͤhun— 
gen fliegen. In denfelben waren prächtige Zimmer ange⸗ 
bracht, worinnen man einen kuͤhlen, und wegen der freyen 

Nnns Aus 





886 Zwey und viersigfte Tafel. 


Ausficht über die Stadt, ergoͤzenden Aufenthalt fand. Da 
aber eine icde Terraffe Blumen , Geſtraͤuche und Bäume 
beherbergen follte; fo mußten fie ale mit Erde beſchuͤttet 
erden. Zu dem Ende wurden die Gewoͤlbe erſtlich mit 
flachen Steinen beleget ; auf diefe folgte eine Lage von 
Schilfrohr mit Harz wohl vermenget, ferner eine doppelte 
Reihe von Gips gemauerter Backfteine und endlich bedeckten 
dieß allesı vicfe bleyerne Platten. Auf dieſe Grundlage 
wurde die Erde fo häufig geſchuͤttet, daß in derfelden Bäume 
vor zo Schuhen in der Höhe, ihre Nahrung finden konn— 
ten. Zu deren Wäfferung, wie auch zus Unterhaltung vieler 
Springbrunnen, war auf der oberfien Terraffe ein Waffers 
yehAliiß, wohin das Waſſer aus den Eupheat durch Bump- 
werf getrieben, und von dannen weiter von einem Garten 
zum andern geführer wurde. 

Eben fo berühmt waren auch die Mauern zu Babi— 
Ion, melde 200 Schuhe hoch und 50 Schuhe breit waren; 
alſo, daß etliche Wägen neben einander, auf denfelben, 
um die in Duadrate prächfig erbauete, und mit 100 Thoren 
versehene Stadt, herumfahren Fonnten. 


ee a un, ARZT 


4. 
Wahre Andacht beym oͤffentlichen 
Gottesdienſte. 


Mn fiegt bier eine Gemeine, in dem enffernfen Alethi— 
nien, die Pflichten des Öffentlihen Gottesdienftes auf 
eine vernünftige, fruchtbare Weife ausüben. Diefer Vers 
fanmlungs» Saal ift an iedem Tage einige Stimden offen, 
unter der Aufficht eines Kuͤſters, welcher einen Kleinen 

Vorrath 





Die Sleihniße vom Saamen, vom Waizenꝛc. 887 


Vorrath von Büchern hat, wovon er das eine oder andere 
auf Verlangen zum Gebrauch giebt. Es Eommen nehmlic) 
täglich Einige, welche diefen von ihren Geſchaͤften entferns 
ten Drt der Stille erwehlen, um ihr Leben und ihre Vorſaͤze 
zu prüfen, ober zu beten, und beydes durch Leſung einiger 
Buͤcher zu befördern. An gewiffen Feftragen aber find dir 
fentlihe Verfammfungen, melde nicht über eine Stunde 
dauern. Denn bie Mitglieder der Gemeine find von Jugend 
auf in der Sittenlehre und Neligion fo gut unterrichtet, 
dag in den VBerfammlungen der Erwachfenen Fein weitläuftiger 
Unterricht , und Feine flundenlange Predigten noͤthig ſind. 
Wenn die Gemeine verfammler ift, fo fagt ber Lehrer: 
„eilig ift unfer Gott ! — Yeilig ift unfer Gott! — 
Heilig ift unfer Gott ! — Bey ieder Wiederholung diefer 
orte von der Gemeine, muficirt dag Chor der Sänger 
oder der Mufifanten dem Inhalte derfelben gemäß. Als— 
dann antworten einige Ausgefsnderte im Namen der ganzen 
Gemeine: Wir wollen vor Gott wandeln, Gutes 
tbun, auch unfern Seinden. Diefes wird dreymal mit 
Zwifchenmufif wiederholt. Alsdann liest der Kehrer etwas 
vor, bald aus dem heiligen Archive, bald aus dem Lehrbuche 
ber Gemeine. Zwifhen den Abfäzen werden einige dazu bes 
ſtimmte öffentliche Gebete mit einigen abgefungenen Strophen 
eines Befanges angefangen und geendiger. Ihr feht aber in 
der gezeichneten Verfammlung, dag während des Gebetes 
Einige ſizen, Einige fiehen, und Einige fnien. Diefer Frey» 
heit bediente fi) anfangs die Gemeine. Man erzehlt aber, 
daß fie hernach eine Gleichförmigfeit der Stellung eingeführt 
habe, bey gemiffen Handlungen zu flehen, bey einigen zu 
fnien, und bey andern zu fisen. Denn, wenn in Efentlichen 
Verfammlungen das Verhalten nicht gleichfsemig iſt, fo 
Fönnen Einige die Aufmerffamfeit auf fich ziehen und den 

Zweck 





828 Zwey und vierzigfte Tafel. 


Zweck der Andacht verhindern. Der Gottegdienft wird be. 
ſchloßen, wie er angefangen war. Die Werte aber haben 
folgende Bedeutung : Wendelt vor Gott, das ift, bebenft 
in allen euren Handlungen, daß fie nur dann gut find und 
Wonne ſchaffen, wenn fie mit Gottes Gefezen übereinftims 
men — daß er allwiffend iſt, und richtet — Thut wohl, 
auch Seinden, d. i. ſeyd auf eine gemeinnüzige Art dienfts 
fertig duch Rath, durch Hülfe und durch Freygebigfeit ges 
gen dieienigen, die es bedärfen und euch vorzuͤglich Gelegen« 
heit dazu geben. Schlieffet eure Beleidiger oder Feinde 
sicht aus, fondern vergelter zum gemeinfchaftlichen Beſten, 


e 


Boͤſes mit Gutem! — 
zT —— GN 


5. 


Die Saamenkoͤrner. Die inwendigen 
Theile der Pflanzen. Die Blaͤtter. 


M an kann aus der Betrachtung einer Erbſe, oder Bohne, 


oder eines Melonen Kürbs » oder Citrullen-Kerns (20), 
fish einen Begriff von allen Saamentörnern machen (A). 
Es ift überall einerley Strufiur, mit weniger Veraͤnderung. 
Nenn man bie däuffere Haut von einer Bohne oder einen 
andern Saanıforn abgefcheelet, fo bleiben gemeintglich zwey 
Stücke in der Hand liegen, die fih von einander thcilen, 
und man die beyden Kappen (22) nennet. Diele find 
nichts anders , als ein mehlichtes Weſen, welches nach 
feiner Vermiſchung mit dem Nahrungsfafte oder Exb— 
mark, zu einem milchaͤhnlichen Safte wird, melcher dem 
Pränzlein oder Zeime feine Nahrung giebt. Diefer fleckt 
zu oberſt zwifchen den Lappen, wie etwa ein Nagel. Er 

befteht 


Die Öfeichnige vom Saamen, vom Ißaizenze. 889 


beſteht aus einem Stamme, umd deffen Ötiele, aus welchen 
hernach die Wurzel wird. Der Stamm oder Körper bes 
Keims fteckt zum Theil inwendig im Saamkorn. Der Stiel 
oder die Feine Wurzel iſt dieienige Spize, die allezeit am 
erften aus der Schaale bervorficht. Diefer Stiel ift mit 
zweyen Bändern an die Kappen beveffiget, oder vielmehe mit 
zweyen Roͤhren, aus welchen eine enge Heiner Aeſtlein 
fi in-beyde Lappen ausbreitet und aus felbigen den zum 
Unterhalt des Pflaͤnzleins nöthigen Saft fäugel. Der Stamm 
oder Körper des Yflänzleins ift in zwey Blätchen gewickelt, 
die ihn auf allen Seiten einhüllen, und wie in einer Schach— 
tel, oder zmwifchen zwey Schaalen eingefchloffen halten. 
Diefe beyden Blätter fommen am erften aus dem Saamfern 
und aus der Erde zum VBorfchein (23. 24.). Sie bahnen den 
Reg für den Stanım des Pflänzleins, und verwahren feis 
nen zarten Körper vor allen fchadlichen Anftoffen anderer 
Körper; vieleicht haben fie auch noch mehrern Nusen. 
Weil, bey fehr vielen Pflanzen, diefe beyden Blaͤtter von 
den andern Blättern ganz unterfchieden find, und am erſten 
aus dem Saamen hervorwachfen , damit fie die Pflanze in 
ihrem erften Auffchieffen bedecken, fo nennet man fie Herz⸗ 
blötter. Bey vielen Pflanzen treiben die Lappen ſelbſt aus 
ber Erde hervor, und thun eben das, was die Herzblätter 
bey andern thın. Wenn fih das Wirzelein von dem Safte 
der Lappen genähret hat, fo findet es an der Schale, oder 
dem Häutchen des Saamkorns, eine Eleine Deffnung, die 
fidy für feine Kleine Spize fchicfet, und die man durch das 
DVergrößerungs » Ola bey dem allerhärteften Steinfernen 
eben fo wohl wahrnimmt, als an den Hülfen ber Saamen. 
Durch diefe Deffnung Feimet dag Wiirzelein hervor, und 
treibet viele Fäden in die Erde, fo man Wurzelhaare oder 
Wurzeläfte nennet (21). Jedweder Wurzelaft ift ein Roͤhr⸗ 

fein, 


‘ 





899 Zwey und viersigfte Tafel. 


lein, wodurch der Erdfaft in dag Wuͤrzelein geleitet wird, 
von da er fich in den Stamm des Pflänzleing ſelbſt ergieffer, 
und ihn zum Sproffen bringet. Findet diefer ein veſtes und 
hartes Erdreich, ſo wendet er fid) davon ab (17. 18. 19.), 
meil er nicht durchſtechen kann; ia er verdirbt zuweilen, 
wenn er nirgend einen Ausgang findet. Trift er aber auf 
lockeres und weiches Erdreich, dergleichen in einem bearbei— 
teten Felde meiſtentheils iſt; ſo kommt er ohne Hinderniß 
zum Vorſchein. Wenn die Lappen allen ihren Saft zur 
dahrung des tungen Pflaͤnzleins hergegeben haben, fo vers 
trocknen fie gaͤnzlich. Eben fo geht es auch mit den Herz⸗ 
blättlein, welche durch ihre Dunftlöcher aug der Luft, folche 
geiftige Feuchtigkeiten , als den Pflanzen dienlich find, an 
fich ziehen ; wenn fie ihre Dienfte gethan haben, fo ver. 
welken fie — Die iunge Pflanze fauget fodann durch ihre 
Wurzel, und die an felbiger hangenden Wurzelhaare oder 
Aefte, einen Fräftigern und häufigern Nahrungsfaft aug der 
Erde, als fie anfänglic) aus dem Saamkorn erhalten Fin. 
nen; wird alfo immer flärfer, und fängt an, ihre verfchies 
denen Theile aus einander zu breiten, bie vorher in einander 
gerollet und verftecket waren. 


Die Saamengehäufe, ober Kapfeln und Fächer, 
in denen fich der Saame befindet, find von verfchiedener 
Geftalt und Befchaffendeit. Bald ift derjelbe in einer leder 
artigen Schaale, mie die Eichel (16), bald in einer harten 
Schaale, wie die Nüffe und Mandeln; bey einigen befommt 
die Saamenkapfel Löcher, bey andern Haͤckchen, wie die 
Kletten, vermittelft welcher er ih an Thiere anhängt, 
und zur Fortpflanzung weggefchleppt wird. Einige Arten 
diefer Gehäufe find auf der Tafel, N. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 
31, 32. 33. 34. abgezeichnef. 

Eben 


Die Steichniße vom Suamen, von Waisenze, 891 


Eben fo wunderbar ift der Bau der Kflanzen, 
insbefondere der inwendigen Theile derfelben CB). Die 
Wurzeln, welche bey einigen Fuollige, bey andern ſchuppig 

‚oder fpindelfsrmig ſind, dienen flatt eines Mundes, den in 
der Erde liegenden Naͤhrſaft durd) die Kleinen Faferchen an 
fich zu ziehen, und weiter dem Stengel dienlich zu verferiigen. 
Die Rinde, welche die Wurzel, Stengel und Aeſte zu aͤuſ— 
ferft umgiebt, wird wieder abgetheilt in ein dünnes Hauts 
chen, und feine innere Subſtanz. Das Äufferfie Haͤutchen 
(39, a.) wird aus vielen an und neben einander liegenden 
Heinen Bläschen formirt. Daß innerfte Wefen der Rinden 
(39, b.) befteht : 1) aus vielen hölzernen hohlen Roͤhrchen 

(37), durch welche ein dünner Saft in die Höhe geführt 
wird; 2) aus Heinen Bläschen oder Saͤckchen (39, ec), 
welche voll diefes Saftes find; 3) aus befondern Nahrungs» 
gefäßen , die den Nahrımgsfaft zuführen. Die bolzige, 
vefte, innere Subftanz des Stammes oder Stengels wird 
wieder zufammengefejt : 1) aus hölernen, boblen, buͤſchel— 
weiſe beyfanımen ſtehenden, und in Geftalt eines Nezeg 
verwickelten Zafern (35. 36.) oder Zivergfafern (38); 
2) aus fleinen Saͤckchen oder Bläschen, die zwifchen diefen 
Zafern liegen (40, 8-8: 8); 3) aus befondern Waffergefäffen 
(40, i. i.), und dann 4) aus ſubtilen Luftroͤhrchen, melche 
nichts als Luft in ih haben, mie die lungen » und Lufts 
röhren der Thiere, und die unvermeidlihe Nothwendigkeit 
diefes Elements zur Erhaltung bes Lebens der Gewaͤchſe, 
zur Genuͤge darthun. Endlich find in dem innerſten Mark 
des Saamens, der Länge nach, lauter kleine rothe Blaͤs— 
chen oder hohle Küchelchen zu fehen, welche die Meinung 
beftärken : daß, gleichiwie in den Thieren fich verſchiedene 
affer » Blut» und Luftadergefäße finden, alfo auch in den 
Pflanzen dergleichen wahrzunehmen feyn. 


Auch 





892 Zwey und vierzigſte Tafel. 


Auch an der Bauart und manchfaltigen Geftalt der 
Slätter offenbaret fich viele ABeisheit Gottes. Man fieht mit 
Vergnügen den wunderbaren Bau eines Blattgerippes, 
das man fich felbft machen Fann, wenn man im Sommer ein 
Blatt etwa zwey Wochen in einem Waffer ganz untergetaucht 
biegen läßt. Dann verzehrt ſich das Fleifch des Blattes, 
und die verfchiedenen Nibben, bern, Nerven, und bag 
ganze Gewebe zeigt fich, an ieder Blatt» Sorte anderg, in 
bewundernswuͤrdiger Ordnung und Manchfaltigkeit. Bey 
einigen Pflanzen find die Blätter glatt, bey andern mollig, 
haarig, flachlich oder warzig. Bey ieder Pflanzenart ift die 
Figur und Größe der Blätter anders. Einige find pfriemens 
foͤrmig (A. 1.), andere langettenförmig (2), nierenfsrmig 
(3), herzfoͤrmig (4), kreisfoͤrmig (5), ausgefchweift (6), 
geferbt (7), fägeförmig (8), gejähnt (9), pfeilfoͤrmig 
(10), lappig (11), fcheideförmig (12), fingerförmig (13), 
drey gedrittet (14), zweyfach gefiedert (15) u. f. w. 





6, 
Der Gärtner. 
an 


er Gärtner (A) iſt ein Künftler, welcher den Gar— 
tenbau wohl verſtehet, in vielerley Arten der Gärten, 


nehmlich in dem Luft» Küchen» Baum » und mebicinifchen 


Garten wohl erfahren ift , und einen Garten theild von 
Neuem gut anzulegen, theild einen bereits angelegten in 
gutem Stande zu erhalten weiß. Es wird aufferdem von 
demfelben gefordert : daß er den Grund und Boden feines 
Gartens wohl Fenne, die mancherley Arten der Winde recht 
zu unterfcheiden amd die Witterung wohl zu beurstheilen und 

zu 


& 


Die Steichniße vom Saamen, vom Waigenze. 893 


zu nuͤzen wiſſe — daß er nad) berfelben feine Gartenarbeiten: 
graben, düngen, fäen, pflanzen (c) verfezen , begieſſen (b)y 
pfropfen (a), oculiren, abfäugen , befchneiden , Früchte 
abnehmen, Saamen einfammlen und dergleichen, wohl atte 
fielen und verrichten koͤnne — daß er ſowohl die natürliche 
Zuneigung , als die natürliche Feindfhaft der Gewaͤchſe, 
ihre Veränderung, Ziebung und Fortpflanzung, wohl vers 
ſtehe — daß er von den vielerley Arten und Sorten der 
Blumen gute Kundfchaft habe, die raren und fremden Ges 
waͤchſe in guten Stand erhalte, foiche gegen den Herbfi, 
daß fie nicht erfrieren, in bag Gewaͤchshaus bringe, und im 
Minter mit nöthiger Feuerung verforge — daß er frifche 
iunge Bäume nachziehe und ſtets auf deren Vermehrung, 
und Anfchaffung vieler und mancherlen ihm noch mangelnder 
Sorten bedacht ſey — baß er bie in gewiſſe Figuren gezo⸗ 
gene Bäume, auch Hecken und Spaliere zierlich befcneide, 
und gehörig unter der Scheere (d), ingleichen die Allen, 
Sand - und Wafen » Öänge und Rabatten reinlid, auch 
überhaupt den ganzen Garten fchön und in guter Drdnung 
halte — daß er fih auf die Geometrie, Architektur und 
Zeichenfunft verftege, damit er felbft etwas inventiren, und 
feiner Zeichnung nach abftecken koͤnne; oder wo er an ander 
Drten etwas felteneg gefehen, ſolches abzuzeichnen oder or⸗ 
dentlich in Grund zu legen und aufs Papier zu bringen wife — 
daß er gereifet fen, und fonderlid) die ausländiichen Gemäche 
fe, ihre Pflanzen, ihren Saamen, ihre Anlage und Wars 
tung wohl verfiehe ; und überhaupt ein im Pflangenreiche 
mwohlerfahrner Naturfündiger fey — 


Pfropfen (a), welches auch impfen und pelzen 
genennet wird , heiffet beym Gartenbau dieienige Arbeit, 
dadurch ein milder und unfruchtbarer Stamm, vermittelft 
eines darauf gefezten , non einem fruchtbaren Baume ges 

209 broche⸗ 


894 Zwey und viersigfte Tafel. 


brochenen Zweiges oder fogenannten Pfropfreifes verbeffert 
wird. Das Ablaktiren oder Abfäugen der Bäume fommt 
mit dem Pfropfen mehrentheilg überein, nur daß im Ablak— 
firen der Zweig, melcher aufgefest wird, noch an dem le— 
bendigen Etamme fijet. Okuliren oder Aeugeln ift die 
Bereinigung des verfchiedenen Holzes von zweyerley Baus 
men durch Kinfezung eines gefunden frifchen Auges von 
einem guten Baume in den Einſchnitt eincs andern. 


Die vornehmſten Garteninftrumente oder Werks 
zeuge find; eine Baumſcheere, cin Raupeiſen, ein Pfropfs 
mejjer, eiferne und hölzerne Rechen, Spaten; Grebeifen 
oder Grabjeheite, eine Grabfchaufel, eine Gartenhaue, ein 
Spateiien, eine Mifigabel, eine Dandfäge, Baſt, Pinfen, 
MWeidenbänder und vergl. Auch muß der Gärtner ein wohl 
eingerichtetes Gewächshaus und Mifibeete haben, auch 
die Drangerie wohl zu warten wiſſen. Das Gewäds; 
sder Glaͤshaus (B. a.), in welches im Winter die fremden 
Gewaͤchſe, welche die Kälte nid;t vertragen Finnen, ge 
bracht werden, muß gegen Mittag alſo gebaut feyn, daß 
es gegen der NMorbfeite eine zugemachte Wand oder Mauer, 
gegen Mittag. aber lauter Fenſter hat, die man bey gulem 
Wetter ersfnen kann, um frifche Luft hinein zu laſſen. 
Es hat einen Dfen, und wird daher auch Die Winterung 
genannt. Miſtbeete (B. b.) find ablange, wit Holz ober 
Steinen ausgefütterte, und mit Pferdemiſt und gutem Erd- 
reiche angefüllte Gruben, worinn allerley zarte Pflanzen, 
Hlumen und ausländifhe Gewächfe im Fruͤhlinge zeitig 
aufgebracht werden Fönnen. Orangerie (B.c.c.) beiffet 
der von Kitronen, Pomeranzen, und allerley andern außs 
laͤndiſchen Bäumen ımd Gcewächfen bey einem Garten vors 
handene Vorrath, melcher feiner Herkunft nad), ein wärs 
meres Land, als das unfrige iſt, erfordert, dabey aber 

dems 





Die Dleichniße vom Saamen, vom Waizenec. 895 
demfelben eine große Zierde giebt, mit vielen Fleiß und 
Koſten unterhalten, und im Winter unter das Gewaͤchshaus 
gebracht wird. 


N u GET 


Ts 
Die Grilfe und die Ameiſe. 


Ehr⸗ faule Grille ſang 

Einen ganzen Sommer lang, 

Und war immer ohne Gorgen 

Für den andern Morgen. A 
Weil der Summer Nahrung bat, 

Wurde fie auch täglich fatt; 

Aber als der Winter fan, 

Der der Flur das Leben nahm, 
Und nun alles oͤde fland 
Und Fein Wuͤrmchen fih mehr fand, 
Schlenderte fie endlich bin 

Zu ber Fleinen Nachbarinn, 

Zu der Amis — Ach ich bin, 

Sa fo hungrig, gieb mie doch, 

Ein Elein wenig nur zu leben. 
Deine Sammer hat ia noch 

So viel Vorrath, und ih mill 
Alles ehrlich wieder geben 

Mit den Zinfen, im April — — — 
Schweſterchen, antwortet ihre 

Die Ameife, fage mir 


Doch nur erfi, wie brachteſt de 
D008 Deine 





896 Zwey und vierzigfte Tafel, 


Deine Zeit im Sommer zu, 

Gage mir, mas thateft bu? 

Was ich that? du weiſt es mohl! 
Sich , die Freundinn von poll, 
Sang beftändig — Haft du mich 
Nicht gehoͤrt? Und konnte ich, 
Schmeiterchen, was Beſſers thun? 
Grillchen, nein — Doch tanze nun! 





nn EEE ARINIAN LER 


8. 
Epimenides. 


nl war aus Knofjus in Kreta gebürtis. In 
feiner Jugend wurde ec von feinem Water aufs Feld ges 
fchickt, das Vie) zu hüten. Eines Tages verirrte er fich 
bey Auffuchung eines verlohrnen Schafeg, und Fam in eine 
Höle, woſelbſt er von einem Schlafe überfallen wurde, 
der funfzig Jahre hinter einander fortwaͤhrete. Als er 
wieder aufmwachte, fo fuhr er fort fein Schaf zu ſuchen, 
wunderte ſich aber fehr, daß er alles fo verändert auf dem 
Seide antraf. Er gieng alfo nah Haufe — Doch bier 
fragte ihn fein tüngfter Bruder, der intzwifchen alt worden 
war, was er wollte. Endlich erkannte ihn derfelbe und 
erfuhr feine Gefchichre, welche ſich bald nach Griechenland 
ausbreitete. Man hielt ihn für einen Liebling ber Götter, 
und 309 ihn wie ein Diafel zu Rathe. Die Athenienfer 
holten ihn auch bey einer mütenden Peſt, daß er ihre 
Stadt ausfshnen und reinigen ſollte. Er that folches, 
und nahm ſchwarze und weiſſe Schafe, die er aufdas Feld 
trieb. Hier ließ er fie binlaufen, wohin fie wollten; und 

befahl 








\ 


Die Sleichniße vom Samen, vom Waizenꝛc. 897 


befahl denen, die ihnen nachfolgten, an iebem Dite, 
wo fie file liegen werden, dem nechſten Gotte Eines zu 
opfern — worauf die Peſt aufhoͤrte. Daher fol es ges 
fommen fenn, daß man an verfchiedenen Drten um Athen 
herum , Altäre ohne Namen eines Gottes angetroffen hat. 
Zue Belshnung wollten ihm die Ahenienfer eine große 
Geldſumme fchenfen — er nahm aber nidits an, als einen 
Oehlzweig. Er farb in einem Alter von 299 Jahren, 
und wurde in eben fo viel Tagen alt, als er Jahre ges 
ſchlafen hatte. 


Hieher gehsret auch die Fabel von den fogenannten 
Siebenfchläfern. Diefelben waren fieben Trabanten von 
der Leibivache des Kaiſers Decius, der 250 jahre nad) 
Chriſti Geburt renierte, und die Chriſten grausam verfolgte, 
Er ließ einen Goͤzentempel zu Epheſus bauen, und bey 
Lebensſtrafe befehlen, darin zu opfern. Die fieben Tra- 
banten, welches angefehene Perfonen und Ehriften waren, 
machten ihr ganzes Bermögen zu Gelde, theilten es unter 
die Armen aus, entflohen, und verjteckten fich in einer 
Steinfluft auf dern Berge Celion. Sobald folches befannt 
mwirde, ließ man fie darinnen vermanern. ie verfielen 
aber in einen fiefen Schlaf, und erwachten nicht eber, 
als nach 200 Fahren, zur Zeit Kaifers Theodofius des 
zweyten, der im fünften Jahrhunderte regierte. Man 
glaubt aber, dieſe Fabel fen daher entfianden, daß dieſe 
fieben Leute, (deren Namen man fogar aufbehalten hat), 
weil fie Ehriften waren, vom Decius zufammen hingerichtet 
und begraben, und als man ihre Öebeine unter bem Theor 
doſius wieder gefunden, als Martyrer unter die Zahl der 
Heiligen aufgenommen wurden. 





9002 9, 


898 Zwey und vierzigſte Tafel. 
— TER 





en 


9. £ 
Der Nachtwanderer, 


—JD oder Nachtwaͤnderer nennt man bieienis 
gen Keute , die des Nachts aus dem Bette fteigen, und im 
Sclafe ihre gewoͤhnliche oder auch wohl ungewohnte Arbeit 
verrichten — die an bie gefährlichfien Oerter, iedoch mit 
großer Behutſamkeit fteigen, und nicht eher in Lebensgefahr 
gerathen, als wenn man ihnen zu der Zeit, da fie fih an 
gefährlichen Orten befinden, zurufft, und fie aus dem 
Schlafe erwecken will. Die Urſache diefes Detragens if 
theils in den dicken und fcharfen Lebensfäften folder Perſo— 
nen, tbeild in ihrer gewohnten beftändigen Unruhe zu fuchen ; 
mozu noch der flarde Eindruck kommt, den fih dergleichen 
Leute von ihren taͤglichen Seſchaͤften machen. 

Mar muß erſtaunen, wenn man die Handlungen mans 
cher Nachtwanderer beobachtet. Nicht nur, daß fie, ohne 
eg zu wiſſen, im Schlafe aufftehen, ſich ordentlich ankleiben, 
vernünftig reden, fingen, Tuba fchnupfen, alles an feinen 
Dit ftellen — man fann auch manche kneipen, fiechen, 
ſtoßen, ihnen die Augenlieder von einander reiffen , eine 
Piſtole vor dem Gefichre wegſchießen — ein brennendes 
Licht auf einen Augenblick unter die Nafe halten — fie wifs 
fen von Allem nihts — Man hat Beobachtungen von Leu— 
ten , bie in ihren Phanfafien Sprachen redeten, die fie nies 
mals gelernt haben — Ein Schüler ſtund im Schlafe auf, 
verfertigte fein Erercitium, und legte fich wieder gu Bette, 
ohne am andern Morgen etwas davon zu wiffen — Ein 
iunger Menfch legte fich auf die Dichtfunft, konnte aber einft 


mit einem Gedichte nicht Fertig werden. Die folgende Nacht 
fteht 





Die Gleichniße vom Saamen, vom Aßaizenzc. 899 


ſteht er vom Bette auf, fchließt fein Pult auf, fchreibt, 
und liegt oft laut ber, mas er gefchrieben hat. Endlich 
lacht er vor Freude über den Fortgang feiner Arbeit, legt 
das Gefchriebene wieder bey Seite und begiebt fich zu Bette. 
Als er frühe erwachte, weiß er von Allem nichts, mas er 
des Nachts gethan hatte. Er will fein Gedicht gar vollen» 
den , und erfiaunte, daß es fehon fertig, daß eg mit feiner 
eignen Hand gefchrieben ift — Ein gewiſſer iunger Edel 
mann flieg des Nachts aus dem Bette, nahm fein Hemd 
unter den Arm, flieg zum Fenſter hinaus, ergrief ein vor 
dem Fenfter hangendes Seil, woran er bis zum Gibel des 
Haufes hinanklettert, dafelbft ein Neft iunger Vögel auss 


nimmt, fie in fein Hemde wickelt; wieder zurüffommt, fein 


Hemd unter das Bett legt, und ausfchläft. Er erzehlte des 
Morgens daß ihm geträumet, er habe ein Neft ausgenoms 
men, und fand mit Erſtaunen die iungen TIhiere wirklich in 
feinem Hemde — Bon einem andern wird erzehlt, daß er 
mit dem Degen an der Seite im Schlafe über einen Fluß 
gefhmwommen und demienigen ums Leben gebracht habe, 
den er zu ermorden ſich wachend vorgenomnien haffe, und 
daß er nachher wieder durch denfelben Strom nach, Haufe 
zurück gefchwonmen fey — Ein franzsfifcher Edelmann 
pflegte alle Nacht im Schlafe aufzuftehen, und mit feinem - 
Selfen zu baizen. Er entfchuldigte ſich deswegen, im Bors 
aus, des Abends in einem Gaſthofe bey einem Fuhrmann, 
der mit ihm in eben dem Zimmer fchlafen follte. Der Fuhrs 
mann war fo boshaft, feine Kur zu verfuchen, und fagfe 
ihm, daß er ebenfald des Nachts aufzufiehen pflege, und 
feine Pferde antriebe, wenn er meinte, daß fie in einem Loche 
fiachen. In der Nacht fleht der Edelmann im Hemde auf, 
fpricht feinem Falken zu, thut, als würfe er ihn von der Kauf, 
und fchrept, was er faun : Aapafa! Hapaſa! Hapaſa! 

D094 Der 


900 Zwey und vierzigſte Tafel. 


Der Fuhrmann, der dieſes Spiels uͤberdruͤſſig wurde, ſteht 
endlich auch auf, ergreift ſeine Peitſche, und thut, als 
fpräche er den Pferden eifrig zu: Harri, ju, ju, Alter, 
Brauner, obo, obüf, nun dran, bar , weiß von der 
„and, ſtreck dich, daß dir Gott belfe, knall! knall! 
und was dergleichen Fuhrmanns Sprüche mehr find, wobey 
er den Edelmann mit der Peitſche geißelte, daß er nach 
Gott hätte fchreyen mögen. Hierdurch ward der Edelmann 
auf Febenglang von feiner Thorheit befreyet, und diefeg ift 
dag Mittel, wodurd) man fchon oft Nachtmanderer kurirt 
bat. L 





4 





Drey und vierzigfte Tafel. 


I 
Das Gleichniß vom barmherzigen Samariter. 


er Menfchen , wer fie immer feyn mögen, und ment 
fie auch anders benfen als wir, müffen wir nich! mur 
Gutes gönnen und wuͤnſchen, ſondern auch, fo viel in 
unfern Rräften ſteht, Gutes thun. Dieß ift der Wille 
unfers göttlichen Lehrers Jeſu Chrifti ; und in diefer Ads 


ſicht erzehlte er einmal folgende Geſchichte: 


Es reifete ein Mann von Terufalem, ber Haupfs 
ſtadt des iübifchen Landes, in eine Stadt, die Jericho hieß. 
Auf einer einfamen Straße ward er von Mördern liderfal- 
len, die ihn nafend auszogen, erbärmlich fchlugen, und 
halb todt an der Straffe liegen liefen. Bon ungefehr 
gieng ein iuͤdiſcher Prieſter diefelbe Strafe; der erblickte 
den armen vermundeten Mann, ber fo ſchwach war, daß 
er ihn nicht einmal um Huͤlfe anfleben fonnte. Aber der 
iämmerliche Anblick diefes Menſchen ruͤhrte ihn nicht, — 
Er gieng vorüber, ohne fich um den Elenven zu betuͤmmern. 
Ein Gleidyes that ein anderer iuͤdiſcher Mann, der biefe 
Straße gieng, er ließ den Verwundeten liegen, ohne dag 
Geringfte zu feiner Erquicfung beyzutragen. 

Demohngeachtet fand der Elende doch noch einen Hel⸗ 
fer. Denn eg ift gewiß, daß, fo groß auch bey vielen Mens: 
fohen die. Unbarmperzigfeit feyn mag, es doch immer auch 

Ppp noch 


vor . Drey und viersigfte Tafel, , 


noch menfchliche und mitleidige Herzen giebt, die bey der 
Noth anderer nicht gleichgultig feyn koͤnnen. Ein fo mits 
leidiger Dann war ein Samariter , ber iezt auch vorbey» 
reifete. Es ift betannty daß Samariter und Juden nicht 
beyfammen wohnten, und fehr feindfeiig gegen einander 
Helinnet waren. Sie gingen in ihrem Haſſe gemeiniglich 
fo weit, daß Feiner dem andern einen Biffen Brod gegeben 
oder abgenommen hätte. Sie flohen, in fie verabicheus 
tes einander, und man hätte glauben follen, daß, ba 
die miorichen Geifilichen den DVermwundeten, der ein Jude 
war, fo Hulflos liegen gelaffen, der Samariter nun uns 
febibar ein Bleiches thun würde. Allein diefer Fremdling 
dachie ganz anders, Er erblicte den Elenden, der ein 
Menſch war — Das war ıhm genug fein Mitleiden rege 
zu machen. Es iſt ein Menfch, muß er bey fich felbft ges 
dacht baden, und ich bin auch ein Menfh — wenn ich fo 
elenb .und verlaffen wäre, wie froh wäre ich, wenn mir 
ien and zu Hülfe tüme . Er gieng zu dem Elenden hin, 
nicht nus um einige Augenblicke bey ihm zu verweilen, nicht 
nur um über fein Elend zu weinen; fondern er behandelte 
jene Wunden mit aufferfter Sorgfalt, wuſch fie mit Weine 
aud, goß darauf Del hinein, und verband fie. Er vers 
wallte ſich alfo lange bey dem Elenden. Er fürchtete fich 
rucht, daß etwa die Näuber noch in der Naͤhe feyn, und 
ibn felbft angreifen möchten — Denn warum fid) fürchten 
au einen Drte , wo Bott ift, und mo man Gutes thut? 


Yun war der halb todte Mann überall verbunden, 
und es war nocd einige Hoffnung da, daß ser fich vielleicht 
erholen moͤchte. Der Scmariter, der fehon jo viel an 
19 3 geihan Hatte, blieb hiebey noch nicht ſtehen — er ließ 
ihn Sicht liegen — Er bot allen feinen Kräften auf, um 
ihn Som Boden aufzuheben, und auf fein Thier zu ſezen. 








Das Gleichniß vom barmherzigen Samariter 903 


Er gieng neben ihm her, hielt ihn, daß er nicht ſank, und 
führte ihn in die Herberge, wo er ibn in ein Bette legen 
und verpflegen ließ. Kinen Tag blieb ee noch bey ihm; 
feste dann feine Neife fort, zahlte aber den Wirth erji vor 
ihn aus, und fagte zu ihm: Pflege feiner, ſorge für ion, 
ih will alle Unfoften auf nich nehmen ; ich werde bald 
wieder zurücke fommen. — Co liebreih war biefer Sama— 
£iter gefinnet. So liebreih fey auch du, ſchon in deiner 
Jugend, wenn du elende Menfchen ſiehſt! Gen mitleidia, 
Thue was du thun Fanft, ine Elend zu erleichtern, und du 
wirft deinen himmliſchen Freund Jeſu Chriſto fo lieb ſeyn, 
als dieſer von ihm geruͤhmte barmherzige Samariter. 
Einen Armen ſchmachten ſehen; 

Kalt vor ihm voruͤber gehen; 

Ihm nicht ſchnell zu Huͤlfe eilen, 

Nicht mit ihm fein Leiden theilen, 

Das ift Unbarmherzigfeit ! 

Eid) zu feinem Sammer neigen ; 

Sic als Bruder ihm erzeigeny 

Saͤufte Threnen laſſen flieffen, 

Oel in offne Wunden gieſſen; 

Dieſes iſt Barmherzigkeit! 


— ——— ——————— 





2. 
Werke der Barmherzigkeit. 


— Mitleiden, Barmherzigkeit, Gefaͤlligkett, find ber 
ſchoͤnſte Schmuck frommer Seelen. — In dem Herzen des 
Barmherzigen verloͤſchen nie die himmliſchen Gebote bes 

Pppoa ewigen 


904 Drey und vierzigfte Tafel. 


ewigen Erbarmers : Brich den Kungrigen dein Brod! 
Dürfier ihn, fo tränfe ihn! Die fo im Elende find, 
fübre ins „aus! Mache die Kranfen sefund ! Er— 
rette die, fo man tödten will, und entzeuch Sich nicht 
von Venen, dieman würgen will! Tröfter, tröfter 
mein Volf ! Geber, fo wird euch gegeben ! Seyd 
bermberzig, wie auch euer Vater barmperzig ift! 


Der Bormberzige nimmt mit Begierde, mit Dank 
und Freude iede Gelegenheit wahr, die ihn durch Aus. 
übung reiner brüderlicher Liebe, dem hoͤchſten Vater immer 
ähnlicher machen kann, und ihm Gottes Freuden erndten 
läffet. Er fpeifet und tränfet die Hungrigen und bie 
Durſtigen (a.b.) — Er erquifet auf mancherley Art ben 
Arbeiter, den Mühfeligen, den Armen. — Er nimmt un. 
ter fein Dach die Muͤden, die Guten, den Sremdling ger 
xe auf (ce) — Er Pleidet von feinem Ueberfluffe die Vers 
achteten, die Nothleideuden (d) — Er führt die Seele 
des Rranfen zu den Troftquellien der Offenbarung und der 
Ewigkeit, und verfagt auch feiner hinfälligen Hütte, bie 
Unterſtuͤzung nicht, die er ihn geben Fann. (e) Er 
fucht, foviel an ihm iſt, die Noth des wunfchuldig verfolg— 
ten und beleidigten Bruders zu heben — die Gefangenen 
zu befreyen oder mwenigfteng zu ermuntern; (f) allenthalben 
Licht und Seegen, Schatten und Stärfe, Freude und Les 
ben unter den Betrübten zu verbreiten. 

Einft wird ihm der barmherzige Jeſus mit aller Freunds 
lichfeit entgegen geben, und fügen : Willfommen, Ge 
fegneter meines Vaters! ererbe das Reich, das dir 
von Ewigkeit zu Ewigfeit bereitet iſt. Denn ich bin 
hungrig gewefen , und du baft mich gefpeifet — ich 
bin durftig geweien, und du haft midy getränfet — 


ih bin ein Gaft geweien, und du baft mid beher⸗ 
berget — 





' 
| 





Das Gleichniß vom barmherzigen Samariter. sos 


berget — ich bin nafend gewefen, und du baft mich 
befleidet — ich bin Franf geweien, und Du baft mich 
beſuchet — ih bin gefangen gewefen, und du bift 
su mir gekommen. — Ta, Kieber ! was du dem Ge: 
ringen, dem Armen, dem Elenden gethan haft, das 
baft du mir gethan ! Gebe nun ein zu deines Herrn 


Sreude ! 


— ———— — ———— —2—0002— 


3. 


Etwas von der wolthaͤtigen Geſellſchaft 
der Freymaurer. 


J— Freymaurer, ſind Worte, welche fchon 
lange Zeit die Neugierde einzeler Menfchen, ia ganzer Ges 
ſellſchaften und Societäten befchäftiget haben. 

Da fih die Mitglieder diefer Geſellſchaft Verſchwie— 
genheit zur erften Pflicht gemacht ; da fie alle ihre Lehren in 
ein heiliges Dunkel Hüllen ; da fie ihrem Urfprunge und ihrer 
Geſchichte, die einen groffen Theil ihres Geheimniffes auss 
zumachen fcheint , ein muftifches Gewand ummerfen; ba 
felbft nur den wenigen geprüften , erfahrenften und aͤlte⸗ 
fien ihres ausgebreiteten Drdens die Archive der Gefell 
Schaft offen fiehen ; wie konnten Profane (fo neniten bie 
Freymaurer alle dieienigen , fo auffer ihren Orden leben, 
ohne deswegen einen verächtlihen Begriff damit zu verbins 
den) mit Gewißheit alle diefe Punfte erörtern ? Es laͤſ— 
fet fich alfo von diefer Geſellſchaft nur dag anführen, wo— 
sinn fie zu allen Zeiten und an allen Orten überein ſtim— 


men; und was ſowohl die Profangeſchichte als auch ihre 
Pppz eigene 


906 Drey und viersigfte Tafel. 


eigene Schriften und gedruckte Gefezbücher dason Ichren — 
und um den gemwiffeften Weg zu gehen, ift es am beften 
fie nichts nur nad) ihren Worten und Schriften , fondern 
nach ihren Handlungen gegenwärtig zu beurtbeilen. 


So wie bie Freymaurerey iezt in England, Deutfch- 
land, Frankreich, und überhaupt in ganz Eurdpa beſteht; 
ſo iſt ſie eine geheime Geſellſchaft, welche wegen ihres 


Duldungs-Geiſtes, ihrer Menfchen - und Bruderliebe, we⸗ 


gen ihrer Wohlthätigkeit und Verbreitung einer reinen Mor, 
al die fie zum Zwecke bat, unfre Hochachtung verdienet‘; 
die ihre auch deswegen noch nicht verfant werben Fann, 
wenn fie gleich nicht in ihe Innerſtes ſchauen, fonderu 
fih, nebſt Rechtſchaffenheit, Verſchwiegenheit zur örften 
Pflicht gemacht hat. * 

Wir übergehen die verſchiedenen fabelhaften Meinum 
gen von ihrem Urſprunge, den einige von Adam, andere 
von Noah und wieder andere vom Koͤnige Salomo, den 
weißeſten Mann und groͤßten Baumeiſter feiner Zeit ableis 
ten; ſondern gehen vielmehr von dem Zeitpunkte aus, wg 
ſie zuerſt in Europa oͤffentlich bekannt worden iſt. 


Zu Ende des vorigen Jahrhundertes wurde zuerſt bie 
Gefellfchaft der Freymaurer in England Sffentlich bekannt; 
wie denn auch noch iezt alle Freymaurer-Logen ihren lrs 
fprung aus England ableiten. Im Jahre 1723, da fie 
unter dem Könige Georg I, und unter der Aufſicht bes 
Herzogs von Montagü,- ber damals ihr Großmeifter 


war, eine Conftitution oder allgemeines Geſezbuch fuͤr 
die ganze Brüderfchaft durch den Druck befannt machen: 


lieſſen, welches in allen Kogen gültig und rechtsfräf:ig 


ſeyn folfte, zeigten fie fih zum erflenmale der a Welt im. 


nähern Lichte; erregten die Neugierde der größten Männer, 
und 





Da? Gleichniß vom barmherzisen Samariter. 907 


und gaben durch diefe Sffentliche Hervortretung iedem Geles 
genheir und Anlaß fie nach MWilltühr zu beurtheilen. Sie 
wurden auch auf verfhiedenen Seiten beleuchtet, und um 
fo ungleicher, da fie alle ihre Kehren unter Bildern und 
Spmb.in vortrugen, bie fich meift auf die Baukuſſt bezo⸗ 
gen, zu benen fie fih den Schluͤſſel vorbehalten haben, 
Gie jejten fih durch diefes Benehmen fchiefer Urtheile über 
ihren Zweck und Abfihten aus. Es gab Leute, die fie 
für Atheiften verfchrien, ob fie gleich auf allen Seiten deg 
Conſtitutions Buches Die Bibel citiren; andere gaben ths 
nen Schuld, daf fie gefährliche Abfichten gegen den Staat 
hätten, ob gleich ihr Eid die ausdruͤckliche Formel enthält, 
daß ulle Brüder ihren Souverain unb dem Staate getreu 
feyn fellen. — Wieder andere wollten fie zu Goldmachern, 
und oc) andere zu Öeulerbannern ‚machen. Sie mußien 
deswegen in Dolaud, in der Schweiz, und fogar in 
Frankreich harte Bedrüfungen und Verfolgungen ausftehen. 
Nur nach und nach, obgleich langfam , verlohren fich 
diefe irrigen Meinungen und Borurtheile, fo wierman fie, 
und ihre Lehren beffer kennen lernte, und fo wie ſich die 
ebelfien und rechifchaffenften Männer in dieſen Diden bes 
gaben und eifrige Aibänger und Verfechier deffelben wurden. 


Anno 1731 wurde in dem Haag eine neue Loge erriche 
tet, um ben Herzog Sranz ven Lothringen, nachmaligen 
roͤmiſchen Kaifer zum Freymaurer aufzunehmen, welcher 
noch iin nehmlichen Jahre zu Londen in ber großen Loge 
zum Meifter: Grad befördert wurde. Durch den Schuß 
Diefes «ind anderer mächtigen Fürften , befonderg des iezi⸗ 
gen Boͤniges von Preußen, ber fich als Srenprinz den 
10 Aug. 1739, in Braunfchweig, zum Freymaurer einweihen 
ließ, erhob die Seiellfhat: , vorzuͤglich in Deutschland ihr 
Haupt empor; fo daß es in kurzer Zeit eine nothwendige 
PppPa Eigen⸗ 


98 Drey und vierzigſte Tafel. 


Eigenſchaft eines ieden rechtſchaffenen und artigen Mannes 
zu ſeyn ſchien, Freymaurer zu heiſſen. Dennoch fehlte es 
noch immer nicht an uͤbler Nachrede und thaͤtiger Verfols 
gung aller Arten, befonders in kleinen Freyfiaaten, mo 
man noch immer das Vorurtheil nährte,, Daß die Frey— 
maurerey ber Staatsverfaſſung nachtheilig wäre ; fo wie 
auch in Farholifchen Ländern, mo man fie für eine Seze— 
rey erfiärte; mie denn Anno 1738, Papſt Clemens XL 
eine Bulle ausgehen ließ, woriunen alle Sreymaurer ſamt 
und fonders als Kezer ın ben Bann geihban wurden. 


Inzwiſchen, anftatt Daß dieſe traurigen Schickſale 
ber Ausbreitung des Ordens hätten fchädlich feyn ſollen, 
fo befoͤrderten fie vielmehr biefelbe. Im Jahre 1742 ſtif⸗ 
fete der ruhmvoll regierende Margraf Friedrich zu Bay» 
seuch im feiner Mefidenz zwey neue Logen, weihete fie feibft 
mit allen Feyerlichfeiten ein, und wurde ihr eifriger Be— 
fehüzer, — Und von nım an wurde Deutfchland. der Sig 
wahrer und Achter Freymaureren, mo fie noch bis iezt 
unter dem guädigen Schuße vieler menfchenfreuntlicher 
großer Fürften, befonders des Durchlauchtigen Prinzen 
Ferdinands von Braunſchweig , der feit 1772 bie Wuͤr⸗ 
de eines Öroßmelfters angenpnimen, ohne einige Verfol 
gung blühet; ſich täglich mehr ausbreitet, und durch die 
wohlthaͤtigſten Handlungen ſich den Segen aller Unglüdlis 
chen und den Benfal der Edlen des Volks nicht nur zu 
erwerben, Sondern auch ununterbrochen zu erhalten ges 
wuſt hat, 

Aber noch werdet ihr vielleicht begierig ſeyn bie ges 
nauere Schilderung eines Achten Freymaurers zu haben — 
Das ausgemahlte Bildwig eines Maurers zu entwerfen 
möchte zu weitläuftig feyn 5, aber die Hauptzuͤge dazu find, 
nad) dem, was wir aus ihren Geſezen und ſelbſt aus ih⸗ 

ren 


Das Gleichniß vom barmherzigen Samariter, 909 


ren Thathandlungen wiſſen, _ in folgendes deal zufummen 
zu ziehen : Ein ächter Freymaurer fol ein freyer Menſch 
feyn, welcher die Verehrung und reine Anbetung des ers 
ften Urhebers der Natur, als bie erſte Pflicht eines denk⸗ 
enden Wefens erfennet — welcher Frömmigkeit , und Dxi- 
tung, wo er kann, zu befördern fuchet — welcher im 
Glück nicht übermüthig, im Unglück nicht zaghaft wird — 
ber feine Menfchenfuccht kennet — Wahrheit fudt, Vers 
dienft für feinen hoͤchſten Adel hält, und es in icdem 
Menfchen gleich fchäzet, er mag Monarch goder Bauer 
feyn— Der allee Orten, mo er fi) aufhält, feiner Ob⸗ 
rigkeit und feinem rechtmäßigen Souverain getreu ift , ſich 
den Gefezen des Landes unterwirft, Menfchenliebe gegen 
alle Menichen übt, befonderg feine Brüder liebt, und mo 
er kann, unterjlüget, ohne daß der Unterfchied der Meis 
nungen feine Wohlthaten mehrt oder mindert. — Die 
fordern die Geſeze, dieß fordert ber Eid eines Maurers. 
Alle die diefe Grundfäze nicht in Ausübung bringen, find 
unächie Glieder des Ordens. 


Eine Loge ift ein Drt, wo fich die Maurer verſamm⸗ 
len, und arbeiten; und iede hat ihr Zeichen und ihre Bes 
nennung. So beiffen 5. €. die vornehmften :Logenzzu 
Berlin : 3u den drey Weltkugeln, zur Eintracht, zum 
flammenden Sterne, Verfchwiegenheit zu den drey 
geſchloſſenen Haͤnden; die Loge zu Würnberg , Joſeph 
zur Einigkeit, u. f. w. Jeder Bruder iff verpflichtet 
ſich zu einer zu halten, fie fleiffig zu befuchen und fo, 
wie den allgemeinen Gefezen, auch befonders den Local⸗ 
Gefezen ieder Loge gebührenden Gehorfam zu leiften. Die 
Gefeze aͤchter Maurer erlauben übrigens den Logeninicht, dag 
ein anderer, als ein Ehrift in denfelben zum Maurer anges 
nommen werden darf; ob fie gleich befehlen, gegen alle Ne- 
ligionen dultfam zu feyn. ‚Die 


9Io Dreh und viersigfte Tafel. 


Die Freymaurer pflegen ihre Verſammlungen bey ders 
fchloffenen Thüren zu halten, unter der Hülle deg Geheim— 
nißes, mit vielfachen Ceremonien , welche ihnen "heilig 
find, weil biefelben von ihren Vorfahren , einer edlen 
Stachfommenfchaft Dinterlaffen wurden. So haben fie, 
zum Erempel, ihre Unſchuld und Begierde nach mögiichfter 
Vollkommenheit zu bezeichnen, eine weiffe Schuͤrze, die 
Belle, das Winkelmaaß, die Bleyſchnur, vinen Cirs 
fel, einen Compaß und dergl. zu Ordenszeichen. Sie 
laffen ihren neu aufgenommenen Gliedern einen Eib hide 
ven, ber ihnen Ehrfurcht gegen Gott, Treue gegen ıhren 
Souverain und die Geſeze des Staates, Verfchwirgenheit, 
und Kiebe gegen bie Brüder, aber nichts gegen Religion 
und Moral auferlegt. | ne 

Die Freymaurerey ift m drey Grade, nehmlich in 
den Grad der Kebrlinge, der Gerellen und des Meiſters 
abgerheilt ; weil es thörigt und unvorfihrig wäre, ale 
Kentniße auf einmal einem Menfchen anzuvertrauen, - den 
fie noch nicht genugfam zu prüfen Öel:genbeit harten, 


Die Logen entfernen das weibliche Geichlecht aus ihr 
zen Derfammlungen, um der Welt feinen Anlaß zu Ichlims 
men und fchiefen Urrheilen zu geben; und weil vin Srauens 
zimmer nie ganz frey und unabhängig if. : Denn frey 
muß der Mann feyn, den die Maurer zu ihren Bruder 
weblen ; weil nur ein folcher. aus freyem Triebe und aus 
tern Abfichten edle Ihaten thun Fann. 


Sie fennen einander an gewilfen Z’ichen und Wors 
gen; fo daß ein Maurer , ohne die Eprache des kan 
des zu kennen, fich feinen Brüdern an allen Orten Fennts 
lich machen, und fich dadurch überall Freunde und Schuz 


zu verſchaffen weiß. 
Wenn 





Das Gleichniß vom barmherzigen Samariter. 911 


Menn die Diaurer von Gott fprechen, fo nennen fie 
ihn gewöhnlih den großen Baumeifter, um fi ſtets 
feinee Schoͤpfungskraft und Allmacht zu erinnern. Die 
Freymaurer tragen überhaupt ihre Lehren und Geheimniße 
unter Bildern vor, um defio weniger in Gefahr zu. kom— 
men, daß diefelben vercathen werben koͤnnen. Diefe Ges 
beimniße aber, wornach num ſchon fd lange geſucht wor—⸗ 
den, und welche noch fletS unentdeckt geblieben find , fcheis 
nen nichts anders zu feyn, ald Wohlthätigfeit und Mens 
fchenliebe und Sitten, vielleicht auch Rellgion, Wiffene 
haften und Künfte, fo fehr unter den Menſchen auszu⸗ 
breiten , daß fich die durch Lurus und Lafter von der Na—⸗ 
tur unſrer erſten Exiſtenz entfernte Zufriedenheit und Ruhe 
de8 Gemuͤthes wieder einfinden, und bag goldne und uns 
feyuldige Alter der erfien Patriarchen, wovon die Maurer 
in allen ihren Liebern fingen, wieder einfinden moͤchte. 


Auf der Tafel ift als ein Sinnbild dieſes Ordens, 
eine Medaille abazbildet, welche der Bruder €. &. v. Br. 
ein fiebenbürgi;cher Edelmann , damaliger Meifter der Loge 
zu Halle im Magdeburgifchen 1744 prägen ließ, und auf 
weicher die Verbindung des Lehr, Wehr» und Naͤhrſtandes 
zur Ausuͤbung der maurerifchen Tugenden und Wiſſenſchaf⸗ 
ten vorgefteller ift. - Dieſe wird durch den bey einem Glo— 
bus figenden Bruder mit allen feinen Drdenszeihen, auf 
der einen Seite, und jene durch drey einander veflhals 
tende Hände auf der andern Seite abgebildet. 


Nun zum Beſchluße noch ein Kied bey der Auf 
nabme sines Maurers von & I. Grafen zu Stok 
berg: 


Wader, 











912 Drey und vierzigfte Tafel. 


MWacer , Brüder, flinimet an! 
Auf ! begrüßt den braven Mann ng 
Der in unfern freyen Drben, 
Eben aufgenommen worden ; 

Der nicht meiß, wie ihm geſchah, 
Ob der Wunder, bie er fah ! 

Lieber Bruder, freue dich ! 
Wir auch freu'n ung inniglich ! 
So du als ein Maurer handelſt, 
Und der Meisheit Pfade twandelft , 
Huͤllet mit der Zeiten Lauf 
Neue Wahrheit dir fih auf. 


Senke , Bruder, nicht den Blick 
In die Finſterniß zurück ! 
Forſche tiefer in die Wahrheit! 
Von der Daͤmmrung geb zeir Klarheit! 
Wandle ſicher, ſtrauchle nicht! 

Bis du fleuchſt von Licht zu Licht. 
Sey getroft, und achte nicht , 
Mas der Thor und Heuchler fpricht ; 
&ie , bie ung im Finftern richten , 

Ligen an die Wahrheit dichten ! 
Was gehn einen braven Mann 
Alle. Splitterrichter an ? 

Höre was die Weisheit fpricht : 
Thue Recht und zitfre nicht ! 


‚i Ob ihm tauſend Feinde dräuen, 
Wird der Redliche nichts feheuten ; 


Weichet weder links, noch rechts, 
ouolt ſich goͤttliches Geſchlechts. 


Bruder, 








Das Steihnig vom barmherzigen Samariter. 913 


Bruder , gieb ung beine Hand, 
Unfeer Freundfchaft Unterpfand ! 
Unfer Buͤndniß zu verneuen 
Sol fid) unſer Bruder freuen ! 
Maurer, ſchenkt die Gläfer voll! 
Trinkt auf unfers Bruders Wohl. 





BEREITETE En LOL ET GR 


4. 


Gute und fehlechte Sitten der Kinder bey 
Tiſche. (Elem. Tab. II. ) 


Ehige Menſchen haben alles genug — einen guten Tiſch, 
ein gutes Einkommen, Kleidung, Anſehen, Bergnis 
gen. — Andere aber leben in ſolchen Umſtaͤnden, daß ſie 
Speiſe, Kleidung und andere nothwendige Dinge nicht ers 
haiten Eönnen , wenn fie ihnen nicht von andern, umſonſt, 
aus Mitleiden gegeben werden; dieſe heiffen arme Wiens 
fben. Sie müffen zuweilen herumgehen, und bald die— 
fen , bald ienen bitten , ihnen etwas zu geben, woran 
fie Mangel leiden — oder Geld, mofür fie eg faufen Eön- 
nen. Alsdenn heiſſen fie Bettler. 


| Ein folcher Bettler fommt hier in dag Zimmer eineg 
| zechtfchaffenen Mannes , eben ba derfelbe mit feiner Fa— 
milie Mittags bey Tifche fizet. Bey diefer Gelegenheit zeis 
gen fich einige gute und fchlechte Sitten feiner Kinder. 
| Der ältefte Sohn fieht fogleih , als er den Armen er 
| blickt, auf, und giebt demfelben feine Speife, die ihm 
‚ eben recht wohl ſchmeckte — Die ältefie Tochter nimmt 
ihr Bierglag, und reicht e8 dem Bettler — Aber deſto uns 
gezo⸗ 





914 Dre und viersigfie Tafel, 


gezogener ift das übrige Gefchmwifter. Ueber den Anblick 
des armen Mannes und feiner zerlumpten Kieider fängt 
das kleinſte Kind ein Zetergefchrey an, und wirft aus laus 
ter Unruhe und Unvorfichtigfeit fein Biergias um. — Hier 
beleidigt ein Knabe feinen Bruder, und nimmt ihm etwas 
von dem Teller weg — Gegen über zwey aͤuſſerſt unges 
fchliffene Kinder — das eine greift mit der Hand in bie 
Schüffel, das andere ſtuͤzt fi) fo auf den Tiſch, als 
wenn es nicht munter feyn, ſondern fchlafen wollte. 
Bauren, welche fchwere Arbeit thun, nehmen fi) das 
einander fo übel nicht, aber bey ung ift eine ſolche Stel— 
lung mißfällig — Man nennt ein dergleichen übelgefitte- 
tes Kind gemeiniglih einen Grobian. 


Vater und Mutter , fo fehr fie über das ſchoͤne Bes 
zeigen ihrer mitleidigen Kinder entzückt find, fo fehr be, 
trüben fie fich über dag unartige Wefen der übrigen — Drey 
von ihnen werden wohl von Tifche auffiehen müffen : der 
fleine Dieb, der Grobian, und der Knabe, der im die 
Schüffel greift. 


RETTET IE FIT KERZE EHETANERENTN 35 
REIN m 


5. 


Heilfame Wurzeln und Säfte, Balfame 
und dergl. 


Va allen Produkten , welche das Pflanzenreich zur Er⸗ | 
haltung der Menfchen darreichet, verdienen dielenigen 
Wurzeln, Frücdte und Säfte den erſten Plaz, melde 
beg dem größten inmerfichen und aͤuſſerlichen Sa merze 
umd in den vornehmſten Leibes - Gefahren die beſten und 
ficherfien 





k 








Das Gleichniß dom barmbergigen Saniariter gIs 


fiherftien Dienfte leiſten. Man zehli zu denſelben haupfs 
fählih folgende : 


{ 1. Hypecacuana, indisnifche Ruhr, und Spey⸗ 
wurzel. (a) Sie ift eine lange, duͤnne, gebogene, kno⸗ 
pfichte Wurzel , die viele Eleine Eicher hat, auffen braum 
und inwendig weiß iff, ohne fonderlichen‘ Geruch , «ber 
von einem bittern und winerroärtigen Gefchmade Die 
gelbe folk die befte feyn ; man findet diefelbe auf ber Höhe 
der Goldbergwerke — alle aber werden aus Amerika, vors 
nehmlich aus Trafilien gebracht. Ihre vornehmſte Kraft 
beſteht darinn, daß fie Brechen erregiy zugleich aber auch 
etivag Anhaltendes hat, das den Magen und die Gedaͤr— 
me wieder ftärket. Man gebraucht fie wider die weite und 
rothe Ruhr ; fol auch wider das Fiber und zu Pefizeiten, 
gute Dienfte fhun. 


2. Edle Rhabarber (b). Sie ift eine dicke, groffe, 
dunfelgelbe Wurzel, die wicht gar leicht, und immer mit 
toeiffen und röthlichen Adern durchlaufen if. Ste hat 
einen ganz bejondern Geruch, und einen fehr ſchleimigen 
bittern, anziehenden Geſchmack auf der Zunge. Man 
bringet fie meiftens. aus China und Aſien, auch aus Si— 
berien und Rußland. Ihre vornehmſte Kraft befeht das 
rinn, daß fie gelinde laxirt, und zugleich etwas flärfeg 
und anhaͤlt, daß ſie die Galle ausfuͤhrt, und die Wuͤrmer 
toͤdtet. 


3. Jalappenwurzel (e). Sie iſt dick, laͤnglicht, 
zaͤhe und harzicht. Man bringt fie in Scheiben zerſchnit— 
ten aus Amerika, und vornehmlich von Madera , wo fie 
am haͤuffigſten vortommt. Sie iſt eins der gewoͤhnlichſten 
ſtarken Purgirmittel, deren ſich heut zu Tage die Aerzt 

bedienen; ſie ſoll aber auch zugleich Schmerzen ſtillen unb 
den Schlaf befoͤrdern. 4 Cd ina⸗ 


in 





916 Drey und viersigfte Tafel, 


4. China « China, Sieberrinde (d). Sie iſt die 
wirkliche Ninde eines Baums von mittelmäfiger Dicke, der 
häufig in Amerika , meiftens auf den Peruvianifchen Bers 
gen mwächfet. Sie ift raub , und etwas weißlich oder 
vielmehr graugelb, moofigt, ven innen glatt wie ein 
Zimmet ; von einem ziemlich ſtarken, bittern, widerwaͤrti—⸗ 
gen Geruche , und einem Gittern, fcharfen gemürzmäßis 
gen Geſchmacke. Sie hat ihren Namen nicht von China, 
fondern meil die Gemahlin des fpanifchen Viceroi, Grafen 
del Chinchon dadurch von dem Fieber geneſen, und bey 
diefer Gelegenheit den Furopdern befannt worden iſt. Sie 
hat etwas flärfendes, Krampf: fiilendes und balfamifcheg, 
und wird daher nicht nur wider bie falten Fieber , fondern 
auch wider die gefährlichften Entzündungen gebraucht. 


5. Maſtix (e). Es ift ein fihönes, durchſichtiges, 
gelblicht weißes und gleichfam in rundliche Tropfen zufams 
men gefloffenes Harz, von einem zaͤhen, anhaltenden und 
harzigten Gefchmade, und einem angenehmen Geruche, 
wenn es angezündet wird. Das befte wird aus Chio, eis 
ner Inſel des Agäifchen Meeres gebracht; oder auch aus 
Egypten, Syrien und Franfreih. Mean fchreibt ihm eis 
ne ermwärmende, flärfende und anhaltende Kraft zu, und 
brasicht ihn aͤuſſerlich viel unter ftärfendem Nauchwerfe, 
und innerlich zur Stärkung des Magens. 

6. Manna (f). Alfo wird ein befonderer, füffer , 
trockener und weicher Saft genennet , der in Kalabrien, 
Dftindien, Syrien, Perfien und Ceylon, von einer 
rt iunger Efchenbiume, die eine glatte Ninde haben , 
gefammlet wird. Die Materie ift etwas weiß und gelb« 
lich , nad dem Argreifen etwas fett, dabey von einem 
Honiggerucht, hund im Eeſchmacke ganz füffe. Ihre 
vornehmfte Kraft beſteht darinn „dag fie gelinde laxiert, 

erweichet 








Das Gleichniß vom barmhersigen Samariter, 917 


erweichet und auflöfet; daher es gemeiniglich bey Kinders 
Krankheiten verorönet wird. 


7. Peruvianiſcher Balfam (8). Derfelbe ift ein 
ſchweres, flüfiges, harzigtes, natürlihes Del, duns 
Eelcoth oder fehwarz, dem Geſchmacke nad) ziemlich fcharf, 
und etivag bitter, wach dem Geruche aber angenehm und ' 
ſehr ſtark, bdurchdringend. Man bekommt ihn von einem 
Baume aus Neufpanien, indem man bie Stämme und 
Zweige deffelben in ganz Fleine Theile zerfchneidet, diefels l 
ber in einen groffen Seffel wirft und wohl mit Waffer auge 
focht, und dann den überfchwimmenden Balfam zufants 
menfäft. Er ift hisig, zertbeilet und zeitiget die Gefchwis 
se, heilet zuſammen und fldrft; ein ganz vortrefflicher 
Wundbalfam, der ungemein zugleich reiniget und die grofs 
fen Wunden fehr ſchnell zu heilen im Stande if. 


8. Momordica, Balfamapfel Ch). Iſt ein bes 
fonders Gewaͤchſe, das haufig in Gaͤrten gepflanget wird, 
und fehöne, laͤnglichte oder runde, weiche, rothe oder 
pomeranzengelbe Aepfel trägt, welche, wenn fie zeitig findy 
aufipringen, und ovale, rothe Saamenkoͤrner von fich ges 
ben. Das Mark in diefen Aepfein ift Fühlend,, beilend 
und anhaltend ; wegen diefem brauht man fie hauptfächs 
lich in Apotheken, und macht davon das BalfamäpfelsDel. 
Man rühmt daffelbe als ein treffliches, heilendes, line 
derndes und Fühlesdeg Wundoͤl, und braucht ed vornehm⸗ 
lich äufferlich. 





D2gg 6, 


918 Drey und vierzigfte Tafel. En 


en — — nn DE EL a0 


6, 
Das Hofpital, 


9* 

sn iedem wohleingerichteten Staate wird nicht nur durch 
Stiftungen, Spenden, Allmofen, und allerley Töbliche 
Verordnungen für die Armen und Bettler geforgt ; fon« 


. dern vornehmlich durch Aufrichtung Öffentlicher Gebäude für 


eine ganze Menge fogenannter Hausarmen und Aranfen 
die nöthige Verpflegung veranftaltet. in folches Gebäus 
de wird Spital oder Kofpital genannt, und befteht aus 
vielen geräumigen Zimmern. Dahin gehören vornehmlich) : 
die Hoſpital⸗Kirche, welche alfo gebauet feyn muß, 
daß auch die Kranken und Bettlägerigen die Predigt mit 
anhören Finnen ; die KAranfenftube, in melder eine 
Menge kranker Perfonen zugleich beherberget und gewartet 


werden Finnen ; die Apotheke, die Zimmer, für ein 


gele, etwas bemittelte Hofpitäler, die Wohnzimmer für 
den Spitalmeifter, Prediger, Doftor , Chirurgus, Frans 
fenwärter und alle dieienigen Leute, die dem Spitale dienen. 


An manchen Drten, z. E. in £onden, Paris, Bers 
lin, Würzburg ıc. findet man viele und große Hofpitäler, 
welche mit unbefchreiblihen Koften und mit Föniglicher 
Pracht, zur Verpflegung vieler hundert’ Armen und Kran. 
fen erbauet wurden. Die größten Eöniglichen Hoſpitaͤler 
find, auffer dem nvalidenbaufe und dem Lazareth la Chas 
rite zu Berlin, bie zu Chelfes und Greenwid in Kings 
land. Das erftere ift für unvermögende und beiahrte 
Soldaten befiimmet, deren Anzahl fich auf 400 und drüber 
belauft, welche alle, nicht nur gekleidet, und gefpeifet, 

fondern 


Das Gleichniß vom barmherzigen Samatiter. 919 


fondern auch wöchentlich mit einem Solde verfehen werben, 
Das prächtige Hofpital zu Greenwich ift für Seeleute 
geftiftet, welche, wegen ihres hoben Alters, oder wegen 
Bleffuren nicht mehr zur See dienen fünnen. Auch diefe 
befommen iährlich ein gutes Gehalt an Gelde und allen Des 
dürfniffen, indem der König aus feinem eigenen Schaze, 
von Jahr zu Sahr, eine große Summe zu diefer Abficht 
beſtimmt. Die Gebäude felbft, die dazu gehören, find 
mit den prächtigften Gärten verfehen und haben durchaus 
das Anſehen koͤniglicher Paläfte. 

| Noch prächtiger ift dag Invaliden Hoſpital zu Das 
vis. Daßelbe ließ der König Ludwig X7Y7, mit großen 
Koften, 1671, am Ende der Vorſtadt St. Germain aufs 
richten. Es befieht aus einem regulairen Vierecke, mels 
es ı7 Morgen Lands einnimmt, 4 Stociwerfe hoch ift 
und fünf Höfe hat, davon der mittelffe viermal fo groß 
iſt, als die zween Höfe auf beyden Seiten. Hinten ſtehet 
eine prächtige Kirche mit den vortrefflichfien Mahlereyen 
und Statuen. Der König wollte in diefem Gebäude feine 
alten, duͤrftigen, preßhaften Soldaten verforgt wiſſen, 
und es murden beftändig über z00 Dfficierg und 3000 Ges 
meine darinnen unterhalten. Bon ienen find allezeit zwey, 
von diefen 4, 6, auch ıo in Einem Zimmer, Die Off 
ciers fpeiffen in einem Eßſaale, an verfchiedenen Tafeln ; 
die Gemeinen in etlichen fehr großen Eßſaͤlen, in welchen 
an den Wänden die vornehmfien Schlachten, Eroberungen 
und andere große Krieggbegebenheiten des Koͤniges abges 
mablet find. _ Sie werden alle zwey Jahre blau gefleider 
und befommen ihren Sold. Die Kranken und Bertlägeriz 
gen befinden fich in verfchiedenen Sälen, in welchen alleg 
fehr reinlih und fauber gehalten wird. Es wird 
allen auf das .fhärffte verbotten zu fluchen , zu faufr 
Daga fen 





920 Drey und viersigfte Tafel. 


fen und andere Thorheiten zu begehen, und merben die 
Uebertretter hart beftrafl. Die Gefunden müffen entweder 
die Kuͤnſte und Arbeiten treiben, die fie in ber Jugend ges 
lernet haben, oder Tapeten wirfen — und es wird ihnen 
alle Arbeit bezahlt, in eben dem Preiſe, als man diefelbe 
von andern Handwerkern befonmt. Kurz, die Einrichtung 
diefes erften Gebäudes in feiner Art ift fo gemeinmüzig ale 
bewundernswuͤrdig. 

In kleinen Städten muͤſſen ſich die Spitäler einkaus 
fen, und Eoftet ihnen diefe Wohlthat bald mehr, bald wes 
niger , ie nachdem ihre Verkoͤſtung und Pflege mehr oder 
weniger gut und Foftbar if. Lie müffen unter einander 
file und zufrieden leben. — Dieienigen aber, welche 
die Aufficht über das Hofpital haben, ſtrenge über gute 
Ordnung und Neinlichkeit halten, und burch Gewiffenhafe 
tigkeit, Mitleidven und Gedult fih Dank, und Segen von 
Gott erwerben. 

Hieher gehoͤren auch noch: 1) Die Kazaretbe, wel« 
ches gemeiniglich aufferhalb der Stadt angelegte Kranken, 
und Siech- Häuffer find, in welchen fowehl zu Kriegs» al® 
Sriedeng » Zeiten alle unbrauchbare.. blefjürte Soldaten, auf 
Anordnung und Koften der Stadfobrigfeit verpfleget und 
gewartet werden; 2) Die Kontumaz⸗Haͤuſſer, oder 
dieienigen Derter, die von der Dbrigkeit dazu angemiefen 
find, dag Perfonen und Waaren, melde aus Gegenden 
fommen, die anſteckender Kranfheiten halber verdächtig 
find , defelbfi Die Quarantaine halten, d. i. 40, oder 
weniger, Tage, oder überhaupt fo lange verweilen müffen, 
als e8 ver Gefundheitd.- Math oder Sanitäts: Rollegium 
des Ortes für gut und nöthig findet ; 3) Die Peſt-⸗Haͤuſ⸗ 
fer, wohin vornehmlidy zur Zeit der Peſt, oder anderer 


anftectenden Krankheiten, die ärmfien und elendeften Kran« 
fen 





Das Sleihniß vom barmherzigen Samariter. 921 


fen gebracht werden; 4) Die Sindels und Waifenhäufß 
fer, in welchen ganz arme, verlaffene Sundlinge, d. i. 
von unbekannten Eltern weggefezte Kinder, big zu dems 
ienigen Alter verforgt werden, da fie fich felbft durch eine 
Handarbeit ernehren, ein Handwerk lernen oder fonft eine 
Lebensart wehlen können. Das merfwürdigfte Waifens 
baus ift das zu Halle, welches aus vielen groffen, zum 
Theil aufferordentlich langen und hohen Gebduden befteht, 
viele Güter, Gärten, zwey Buchdrucdereyen (in deren eis 
ner lauter Bibeln gedruckt werden) einen groffen Buchla— 
den, £reffliche Apothefe, Seidenfpinnerey hat. Zweyhun⸗ 
bert Waifenfinder erhalten bier umſonſt ihre Kleidung, ihr 
Eſſen, ihren Unterricht, und alles was fie nur nöthig has 
ben. Etliche Hundert fremde Schüler wohnen bier für ihr 
Geld, und gehen in die Schule, wo fie alleriey nüzliche 
Sachen lernen koͤnnen. Endlich gehören noch bieher 
5) wolthätige Privat» Anftalten, z. €. die berühmte 
Senfenbergifhe Stiftung in Franffurt am Mayn, wos 
rinn arme Bürger der Stadt ihre Verſorgung finden. 
Senfenberg, ein Frankfurtiſcher Arzt, ſchenkte 95000 
Gulden zu Aufführung eines Hoſpitals, zu Unterhaltung 
der Armen, und zu Beſoldung der Aerzte, Aufmwärter und 
anderer Perfonen, die bey ſolchen Anftalten nöthig find. 
Diefer wolthätige Dann hatte aber nicht das Vergnügen, 
die vollfommene Einrichtung davon zu erleben ; er fiel, da 
er einft dee volldrachten Arbeit nachſehen wollte, von eis 
“ nem hoben Geruͤſte herunter; blieb, weil bazumal niemand 
im Gebäude war, etlidhe Stunden lang halb fodt in feinem 
Blute liegen, bie man ihn endlich fand, und nach Haufe 
trug, worauf er bald ſtarb. 





Q2qg3 — 


622 Drey und viersigfte Tafel. 


7: 
Eine Biene und eine Taube, 





G.. Biene fiel in einen Brunnen , bag arme Tihierchen 
arbeitete aus allen Kräften, wieder ans Land zu fommen, 
aber vergebeng! 

Noch zu rechter Zeit ward eine mitleidige Taube ih— 
rer Roth gewahr, warf ihr eilends ein Aeſtchen von 
dem Baume herunter, der an dem Brunnen fiand, und 
errettefe fie damit von dem nahen Tode. 


Nach einigen Minuten, als ihre Flügel wieder tro— 
cken waren, zielte ein Jäger hinter einem Strauche, mit 
feiner Slinte, nach diefer gutherzigen Taube. 

Das fah die Biene, fchwang ſich gefhmwind auf bie 
Hand des Jaͤgers und flach ihn, daß er vor Schmerz jähr 
lings mit dem Arme zucte. Ueber dieſes Geräufch ers 
fchrad die Taube, und flog fehnell davon. 


Niemand findef in Noth leichter einen Helfer, ad 
der, welcher felbfi den Nothleidenden gerne benfteht. 
Und wer wollte dag nicht ohnehin mit Sreuden thun ? 


EEG IER 








we u IE TI 


=. 
Gaftfrenheit der alten Griechen und Römer, 
HN, es in ben älteften Zeiten Feine öffentlichen Herbergen 


und Gaſthoͤfe gab, in welchen Fremde und Neifende, mie 
beut 








Das Sleichniß vom barmherzigen Samariter. 923 


heut zu Tage, mit aller Bequemlichfeit bedient werden 
fönnen, fo entffund gar bald unter allen Voͤlkern die 
Saſtfreyheit, das ift, ein gefälliges Beftreben, Neifende 
aufzunehmen und zu bewirthen. So verbanden fich z. €. 
unter den alten Griechen und Roͤmern, gewiſſe Perfonen, 
die an umterfchiedenen Orten wohnten, zufammen, auf 
Reiſen einander niht nur in ihre Wohnungen aufzunehs 
men , fondern auch mit Speife und Trank, und was fonft 
nöthig war, beſtens zu verforgen. Diefer Vertrag wurs 
de das Gaftrecht genennet, weil beyde Theile durch Auf: 
richtung deffelben, ein. Necht erlangten, frey bey einans 
der einzufehren, und allerley Vortheile aus diefem Buͤnd⸗ 
niße zu ziehen. 

Die Aufrichtung diefes Bundes wurde auf eine ges 
doppelte Weife gleichfam geheiliget und feyerlich gemacht; 
fowohl durch Anruffüng der höchften Gottheit, welche ihre 
Rache am demienigen ausüben follte, der die Gaſtrecht 
verlegen würde; als durch Erwehlung eines gewiſſen aͤuſ⸗ 
ferlihen. Kennzeihens, das allen Betrug in diefem Vers 
trage verhüten follte, und welches fie Tefferam bofpitas 
lem nannten... Dieß war ein Täfelchen von gebranntem 
Thon, das man zerbrach, und beffen einen Theil fodann 
ber Eine,: den andern. Theil aber der Andere nahm, bie 
Beyde mit einander eine . Gaft»-oder Herbergungs , Sreunds 
fchaft errichteten. Wenn dann der Eine z. E. zu Nom, 
der Andere aber zu Athen wohnte, und es Fam biefer, 
oder einer von feinen Leuten oder Nachkommen zu Tenem, 
oder jener zu Diefem, fo nahm ieder fein halbes Täfels 
chen, und hielten beyde Theile oder Stücde zufammen, 
welche Handlung auf der Tafel abgebildet if. Wenn nun 
der Bruch recht zufammen traf, fo wurde die Tefjera für 
süchtig erkannt, amd folglich dem Anfommenden Herberge 

2994 und 


924 Drey und vierzigfte Tafel. 


und alles gegeben, was er ald ein Fremder nöthig hafte, 
Eine ſolche Freundſchaft Texte man hernach auf. Kinder und 
Nachkommen, felbft auf Bediente, und fo lange fort, ale 
nicht von einem oder bem andern Theile wider den geirofs 
fenen Vergleich gehandelt wurde. Geſchahe dieß, fü hats 
te die gegenſeitige Freundſchaft ein Ende — Die Teſſera 
wurde zerbrochen. FERN 

Aufferdem Fam es bey diefem Gaſtrechte nicht auf bie 
bloffe Bewirthung an; die Eontrahirenden Theile verbanden 
fih) auch, einander im Fol der Noch, mit Haab und Güs 
tern, ia mit Leib und Leben beniuftehen. Und man muß 
e8 den alten Römern zum ewigen Ruhme nachfagen, daß 
fie auch in diefen ihren Verſprechungen Wort hielten, die 
Gaſtfreyheit aufs Hoͤchſte trieben, und benienigen für ben 
allerfchlehteften Drenfchen hielten, ber diefen ihnen fo hei« 
ligen Gerechtſamen entgegen handelte, 


Auch wurde dieſes Gaftreht nicht nur mit Privat⸗ 
Derfonen, ingleichen nicht nur mit einzelen Königen und 
Hrinzen, fondern felbft mit ganzen Städten und Kenigreis 
chen von ben Griechen , Römern und anderen Nationen 
aufgerichtet, welches oft weit mehr auf fich hatte, als 
die heutigen Allianzen. Könige und andere Stanbed.Pers 
fonen pflegten auch an Einem Drte mehr als Einen Gaſt⸗ 
freund zu haben — Big endlich diefe loͤbliche Gewohnheit, 
durch die Untreue ber Freunde, nad) und nah fich verlohr, 
und öffentliche Gafthäuffer angelegt wurden, in welchen 
die Keifenden, anfangs umfonft, auf Koften des Staats, 
in der Folge aber vor ihe Geld bewirthet wurben. 


5 








Das Sleichnig vom barmherzigen Samariter. 925 
en mn nn rn a 


9. 
Edles und edel belohntes Mitleiden. 


Ein Landprediger bey Verdun in Frankreich, der etwas 
abgelegen wohnte, fand im Winter 1779 am Wege eine 
reiſende Judenfamilie, die aus Mann, Frau und zwey 
Kindern beſtund, und beynahe erfroren war. Hundert 
andere hätten vielleicht gedacht, was gehen ung bie Ju—⸗ 
den an — finds doch feine Chriften — Feine Glaubensverwands» 
te — vielmehr oͤfters Feinde und Betrüger der Chriſten — 
laßt fie umfommen — und fo teiter. Allein unfer 
Geiftlicher bewies, daß er verdiene ein Jünger des groffen 
Lehrerg zu feyn, der ieden Schritt feineg Lebens mit 
Wohlthun bezeichnete. Er nahm die Ungläcklichen in fein 
Haus, und erwärmte fie wieder zum Leben. 

Anden dieß geſchahe, fo fühlte die Frau die Zeugen 
ihrer nahen Entbindung. Der Pfarser ließ fofort ein Wo, 
chenbette auffchlagen , und in furgem kam fie mit einen 
Sohn nieder, ber aber, aller vom gütigen Wirth ihm 
verfchafften Huͤlfe ohngeachtet , am britten Tage ftarb. 
Der Pfarrer ließ die Sjuden zu Mez davon benachrichtis 
gen , bie den Körper abholten, um ihn nach ihrer Weis 
fe zu beerdigen. Noch drey Wochen behielt dieſer Ehr⸗ 
würdige die arme Familie bey fih, pflegte ihrer aufs bes 
fie, und gab ihre bey ihrer Abreife, noch Geld und Les 
bengsmittel auf den Weg. Dran denfe fich felbft, mit 
welchem Strome von Freubenthrenen biefe fo unerwartet 
mit Wohlthat überhäufte , gerettete Ungluͤckliche dem 
Meunfchenfreunde beym Abfchiede dankten. — 


QDq495 Aber 





926 Drey und vierzigſte Tafel. 


Aber auch die Judenſchaft su Mez bewies , daß fie 
fähig fen das Schöne diefer That zu fühlen. Sie befchloß h 
diefen Schuzgott der Ihrigen nicht nur lebensling mit 
Kaffee und Zucker zu verforgen, fondern fchenfte ihm auch 
eine prächtige goldne Uhr, mit der auf dem einen Gehäus 
je emallirten Gefchichte des barmberzigen Samariterg. 





Vier 


927 
VETERAN TEUER TEN 
Bier und vierzigfte Tafel, 





I, 
Das Gleichnig vom verlohrnen Sphne. 


A⸗ Chriſtus einmal bie Phariſaͤer und Schriftgelehrten, 
die ſeinen oͤftern Umgang mit verderbten Menſchen 
tadelten, von der Unrichtigkeit ihrer Vorzuͤge uͤberzeugen, 
und ihnen zeigen wollte, wie angenehm ihm, und Gott 
dem himmliſchen Vater, die Buſſe eines reuenden Suͤnders 
ſey, ſo erzehlte er ihnen folgendes Gleichniß: 


Ein reicher Mann hatte zwey Soͤhne. Der iuͤngere, 
welchem die Aufſicht ſeines Vaters und die gute Ordnung 
im Hauſe nicht mehr anſtehen wollte, entſchloß ſich, ohne 
weiteres Ueberlegen, in die Fremde zu gehen. Zu dem 
Ende forderte er von feinem Vater benienigen Theil feines 
Vermögens, welcher ihm, nac) feines Vaters Todt, als 
fein Erbtheil fonft zugefallen wäre, um mit demfelben nad) 
SHerzensluft zu ſchalten und zu walten. Der gute Vater wils 
ligte, vermuthlicy nach vielen Borftellungen, in das uns 
geftümme Anhalten des Sohnes, und gab ihm feinen Ans 
theil. Nach dem der Juͤngling groffe Zuräftungen zu feis 
ner vorhabenden Neife gemacht hatte, fo zog er endlich 
weg, und begab fich in fremde Länder (c). 

Nunmehr war er fein eigner Herr und Meiſter. Bis 
dahin hatte er noch niemals fo viel Geld in feiner Gewalt 
gehabt — er glaubte alfo, er Finde damit gar nicht fers 

tig 


928 Bier und viersigfte Tafel. 


tig werben; unb fieng daher ein dufferft Iüderliches Leben 
an (a). Freßen, Saufen, Spielen, prächtige Kleider 
und befonders der Umgang mit lüderlichen Weibsperfonen 
brachten ihn in kurzer Zeit um alles, mag er hatte. Jezt 
far er ärmer als ber gemeinfte Bettler. Seine falfchen 
Freunde verlieffen ihn, ſobald fie nichts mehr zu zehren fan« 
ben; er ward von benen verachtet und verftoffen, bie ihm, 
als er noch rei war, die tiefſten Komplimente gemacht 
hatten. Diefe plöglihe Neränderung — ber Gedanke, 
wie gut er eg vormals bey feinem Water gehabt und noch 
haben Eönnte, wenn er ed nicht auf die unverantwort⸗ 
lichfte Weife verfcherzt Hätte — wie er ba unbeforgt geef- 
fen, und unter feinen Freunden ruhig und freudig gelebt 
hätte — Alles diefes zufammengenommen, machte ihm feis 
nen iegigen Zuftand noch unleidentlicher ; dazu Fam, baß 
er fich der Hülfe und Barmherzigfeit anderer durch böfe 
und ſchwere Zeiten beraubt fahe, weil eben in den Lande, 
da er ſich iezt aufbielt , eine große Hungersnoth einfiel, 
und feine Bekannten Faum Brod genug für fich feldft hats 
ten. Bol Verzweiflung , halb verhungert und ausgezehrt, 
weiß er nicht wo aus noh an. Heim zu kehren, und 
feinen Vater um Vergebung zu bitten, dazu bat er, mits 
ten in dieſer Aufferffen Noth noch zu viel falfhe Schaan ; 
und er entfchließt fich zulezt, lieber einen Einwohner bies 
ſes Landes zu bitten, daß er ihm. feine Schweine hüten 
börfe, in Hoffnung dafuͤr doch fo viel zu erhalten, daß er 
nicht für Hunger flürbe. Diefer Mann erlaubte es ihm — 
ba häfte er gerne mit Kleyen, und Speifen, bie man 
fonft nur den Thieren giebt, feinen Hunger geflilt; aber 
man gab fie lieber den Schweinen , als ihm. 





Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn. 929 


In diefen Umftänden (b) gieng endlich der elende 
Menfch in ſich felber. Da er meiftend, während bem er 
feine Heerde hütete , alleine war, fo hatte er Zeit genug 
zum Nachfinnen. Sch bin in den erbärmlichfien Unfiäns 
den, mußte er denken, aber durch meine Schub. Die 
einzigen, die e8 in der Welt recht gut mit mir meinfen, 
meinen Vater, meinen Bruder und meine Berwandte babe 
ich böchlidy beleidiget , und darf mid) nicht vor ihnen fe 
ben laffen. Doch — mein Vater ift auch ımausfprechlich 
gut, und wer weiß, menn ich nach Haufe kehre, und er 
fieht , daß mir meine gottlofe Aufführung recht von Hers 
zen leid ift — vielleicht verzeiht er mie dann, und nimmt 
mich zum wenigſten auf die Probe wieder, für einige Zeit 
in fein Haus auf. Er hat viele Taglöhner, die fih von 
ihrem Dienfte nähren, und ich verderbe vor Hunger und 
Mangel. Ih will ihm doc gerne Kuechtesdienfte thun, 
wenn er mich nur wieder zu Önaden annimmt. Dieſe gu— 
ten Gedanken ließ der arme Sohn nicht erfalten, fondern, 
nachdem er von feinem Herrn Abſchied genommen hatte, 
macht er fich fogleich auf vie Reife — Als er nun nach 
einen befchwerlichen Maͤrſch, endlich in feiner Heimath anges 
langet war, fo erblickte ihn von ohngefehr fein Vater 
fhon von ferne, und erkannte feinen Sohn, ob er gleich 
vor Hunger ganz abgezehrt, und von zersiffenen Kleidern 
vollends entfiellt war. Der Anblick eines ehemals fo lies 
ben Kindes, das er für verlohren hielt, erbarnte ihn 
inniglich, umd ließ ihn nicht Zeit, an die Vergehungen 
feines Sohnes zu denken. Er läuft ihm entgegen , fällt 
ihm um den Hals und Füffet ihn (d). Der Sohn Fann 
fo viel Güte nicht begreifen, und ruft, vol Empfindun. 
gen feiner Unwuͤrdigkeit, unter lautem Seufzen aus: Bas 
ter ! Vater ! Ich babe mich gegen Gott und bich ſchwer 

Dars 





930 Vier und vierzigfte Tafel. 


verfündiget, ich bin nicht mehr werth, bein Sohn zu heiſ— 
fen — Mad) aus mir — Der gute Vater läßt ihn nicht 
weiter reden, fondern führt ihn fogleih in das Haug, 
heißt ihn von feinen DBefchwerlichfeiten ausruhen, und 
ruft feinen Knechten, baß fie ihm SFeftkleider bringen, mie 
man nur ben aufferordentlichen freudigen und wichtigen 
Anläffen zu tragen gewohnt if. Nachher befielt er, eine 
Malzeit zu rüften. Der ehrlihe Vater läßt feiner Freude 
ungeftört den Lauf — er zeigt allen feinen Hausgenoſſen, 
wie groß biefelbe ſey. Schafft alles berbey, fagt er, 
was meinen lieben Sohn, der mir fo unverhofft aus frems 
den Landen zurück Fommt, erfreuen und erquicken fann. 
Nehmt alle an meiner Freude Theil, und macht euch an 
diefem Tage luſtig. Die Hausgenoffen laſſen ſichs nicht 
zweymal fagen. Alles war frölich und guter Dinge, als 
eben der ältere Sohn, welcher bey der Anfunft feines Bru- 
ders auf den Guͤtern feines Vaters war, nad) Haufe Fam. 
Als er nım das Singen und Frohlocken im Haufe hörte, 
fo rief er einem Hausfnechte, und fragte, mag das für 
ein Lärm fey ? Diefer fagt eg ihm! Sein Bruder fey 
wieder gefund nach Haufe gefommen ; der Vater fey dartis 
ber voller Freuden und habe eine Föftlihe Mahlzeit zube— 
reiten laffen. Als der Bruder das hörte, ward er ganz 
verdrüßlich , und mollte nicht hineingehben. Es däuchte 
ihm, daß es nicht recht wäre, mit einem durch eigne 
Schuld verdorbenen Menfchen, fo viele Umftände zu mas» 
chen, ber vermuthlich nicht aus Neue, wegen der began— 
genen Fehler, fondern vielmehr nur darum nach Haufe Fäs 
me, um von feinem Vater frifches Geld zu holen, und 
ihn, ben ältern Bruder, an feinem Antheile zu verfürzen. 


Als 














Das Gleichniß vom verfohrnen Sohn. 921 


Als nun der Water erfuhr, daß er nicht bineinffons 
men wollte, gieng er zu ihm hinaus, und ſuchte ihn zu 
befriedigen und eines Beffern zu belehren. Allein anſtatt 
den Bitten des Vaters nachzugeben, machte er ihm Vor—⸗ 
wuͤrfe, und fprach zu ihm : Sch Fann es doch auch nicht 
begreifen, mein Vater , von meiner Kindheit an bin ich 
dir gehorfam gemwefen, und habe mich immer fill und ors 
dentlich aufgeführt, und du haft mir mit meinen Freuns 
den nie ein Zreudenfef gegeben — haft mich auch fonft , 
auf feine Weiſe, im Geringflen vorzüglich betrachtet. Und 
nun kommt der Bruder heim, nach dem er fein Erbtheil 
in lüderliher Geſellſchaft verſchwendet hat — und eg ift 
eine Freude, als ob ein Engel vom Himmel fime — 
Nein, ich mag nicht hineingehen — dag nagt mir faft dag 
Herz ab. Der gute Vater aber , ben diefe unbilligen Bors 
würfe zwar ſchmerzten, aber nicht bife machten, erwies 
derte ihm : Mein Sohn, du bift ia von Kindesbeinen an 
bis auf iezt beftändig bey mir gewefen ; und alles was 
mein war, dag war auch dein. Wo habe ich iemalg etwas 
vor dir verborgen, oder dir eine Freude, um bie du mich 
gebeten haft, abgefchlagen ? Du haſt alſo Feine Urfache 
mißvergnügt zu feyn, fondern vielmehr dich zu freuen, 
daß dein Bruder, ben mir für zeitlich und ewig verlohren 
fchäzten, über fein lüderlihes Leben in fich gegangen , 
und wieder bey uns ift. Einmal mir iff, als wenn mir 
‚mein Sohn von einer Krankheit, an welcher er wahrs 
-fcheinlicher Weife hätte fterben follen, wieder genejen waͤ— 
re — Komm hinein, mein lieber Sohn! und fidre die 
Sreude diefes Tages nicht durch deinen Unmutb ! 


EATLISTERR 


Mie 





932 Vier und vierzigfte Tafel. 


Wie bey den Threnen feiner Kinder 
Kein Vaterherz verhärtet bleibt; 
Sp Ffehrt dein Herz fi gegen Sünder, 
Die wahre Demuth zu dir treibt. 
Kein Vater fieht dem Kind, wie bu, 
Dem reuevollen Sünder zu ! 
Vol Liebe, voll Barmherzigkeit, 
Biſt du ihm zu verzeih'n . bereit ! 


— GREEN 
2, 
Unbefonnene Söhne. 





— 





I bier (a) ein Saufgelag von iungen Leuten, bie 
zum Theil zu viel getrunfen haben. Bier, Wein, Kar 
ten, Tobackspfeifen und einige Stoͤcke liegen auf dem Ti-⸗ 
fche. Einer droht dem andern mit dem Stode. Diefer 
andere hat an den Erften fo viel Geld verfpielt, als ihm 
ber Vater gefendet hatte, einige Monate davon zu leben. 
Sm Werdruße und halber Trunfenheit befchuldigte er den 
‚ Gewinner, betrügerifche Künfte gebraucht zu haben. Der 
Beleibigte droht mit dem Stoce. Der Beleidiger aber mil 
fih wegen diefer Befchimpfung mit dem Degen rächen, 
und die Sache. kann bis zum Morde gehen, wenn nicht | 
Klügere in der Gefellfchaft find, die den Duell verhindern. 
Doch zwey davon fcheinen fo vernünftig zu feyn und Fries 
ben machen zu wollen. Dan hat gefagt, dieſe beyden 
waͤren gut erzogen und folgfam gewefen. Der Eine hät | 
te fih damals ſchon für einen Kandidaten eines anfehnli- 
hen Lehtamtes angeſehen, und der Andere hätte gehofft, 


Präfivent in dem Rathe einer großen Stadt zu werden; | 
und 





Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn. 933 


and diefe Hoffnung haͤtte fie beyberfeitd zum Sleiffe im Stus 
diren und zu ordentlichen Eitten angetrieben. Aber fie 
waren doc) jo unvorfichtig, fi in dieſes Gelag zur begeben. 
Echt (b) einen elenden zerlumpten Menſchen in 
die wohlgezierte Stube feines glürflichen Bruders kommen. 
Der Bettler hatte im zwey und zwanzigſten Jahre eben 
fo viel ererbtes Vermögen, als fein Bruder, Aber er 
hatte fich zur Verſchwendung und Lüberlichkeit verwöhnt. 
Und weil er bis ins vier und zwanzigſte Jahr Vormuͤnder 
hatte, benen er feine Ausgaben nicht entdecfen Fonnte, 
fo borgte er von Wucherern auf eine fo unbefonnene Weis 
fe, daß er ihnen hernach das Fuͤuffache bezahlen mußte, 
Durch fortgefezte Verfhwendung und Faulheit wurde er 
bald fo arm und fo Fränflich, daß das Elend ihn endlich 
zwang, aus entfernten Landen zu feinem Bruder zu Fonts 
men, und ihn um Hülfe zu bitten. Man ſeze nun vors 
aus, baß fein Bruder ein gütiges Herz hat, mag kann er 
dem zur Faulheit und Lüderlichfeit verwoͤhnten Bruder 
thun ?_ Er wird ihn fo gut ald möglich, von feinen Kranf- 
heiten heilen laffen, in diefer Zwiſchenzeit nothdürftig naͤh— 
ven und kleiden, und alsdann ihm Gelegenheit vers 
fchaffen, fich durch Arbeit, die ihm wegen der Ungemohtts 
heit fehr fauer werden muß, felbft zu helfen. Denn durch 
geöffere Hilfe wird ein Menfch, der lange Zeit ein Tauges 
nicht gewefen ift, gemeiniglich zur Fortjezung feiner Lafter 
veranlaffet und deſto elender. Wie wird es biefen Mens 
fchen Fränfen, durch eigene Schuld fih zu einer folchen 
Lebensart erniedriget zu fehen, welche denen, bie feldft 
Schuld daran find, fchimpflich und befchwerlich iſt, meil 
fie nicht von Jugend auf, wie bie Kinder des groffen Hau—⸗ 
fens daran gemöhnt find ! 





Nee 2. 




























934 Dier und viersigfte Tafel. 
N Tr A TELETIEER 


er 
Beruͤchtigte Straffenräuber und Betrüger, 


om hier in der Mitte Cb), an einem fehr hoben eis 
fernen Galgen den berüchtigten Juden Joſeph Süß Op— 
penbheimer, welcher 1738, d. 4. Febr. zum Frohlocken 
Vieler, in einem ſechs Schuhe hoben Käfig, vor Stutts 
gard gehangen wurde. Diefer Mann, deffen Glück und 
Unglü in wenig Jahren auf das Hoͤchſte gefliegen iſt, 
mar aug der Pfalz gebürtig, und ſchwang fich durch tau⸗ 
fend Betrügereyen immer höher, und endlich bis zum 
bochfürftlich - Würtenbergifchen fogenannten geheimen Fins 
anzrath und Kabinets. Fiffal. Er misbrauchte die Gnas 
de und das Vertrauen feines Fürften auf das fchandlich« 
fe — verurfachte durch Verſchlimmerung des Münzwefeng, 
Berkauffung der Aemter und gewinnſuͤchtige Verpachtungen 
ein allgemeines Murten, und fchweifte in allen nur ers 
dentlichen £aftern aus; bis er endlich zum Galgen reif, 
und zu demſelben, im benannten Jahre, auf- einem 
Schinderfarren geſchleppt wurde, ohne nur die geringfte 
Reue oder Anzeige der Befehrung zu Auffern. 


Lips Tullian (a) oder eigentlich Elias Erasmus 
Schoͤnknecht aus Strasburg gebürtig. Ob ihn gleich feis 
ne Eitern fieißig zue Schule fchickten , fo lernte er doch 
nichts, umd wurde ihm daher von feinem rechtfchaffenen 
Vater oft gejagt, daß er endlich, weil er ihm nicht fols 
gen wolle >dem Henker werde folgen müffen. Er nahm 
anfangs Sriegsdienfte an, mußte aber diefelben nach eis 
nem Duelle verlaffen; darauf er unter eine bife Rotte 

fan; 


Das Gleichniß dom verlohrnen Sohn. 935 


kam, und gar bald feine erjte Probe bey umterfchiedenen 
Sirchenräuden und Diebeſtaͤhlen in Prag machte. Er bes 
gieng darauf, in Einem fort, die anſehnlichſten Diebes 
reyen, vornehmlich in Sachſen; wurde etlichemal gefan« 
gen genommen, fund bie fchreeflichfien ZToriuren aus, 
machte fich aus den ficherften Gefängnißen frey, fieng feis 
ne Schandthaten allezeit wieder aufs Niue an, und wurde 
endlich dag Haupt einer großen Diebsbande. Nachdent 
er num gegen funfzig große Naubereyen, und dabey auch 
einige Mordthaten begangen hafte, wurde er enblich ers 
griffen, und nachden er fi) noch recht gut zu feinem En⸗ 
de vorbereitet hatte, 1715, vor Dresden mit dem Schwerds 
te vom Leben zum Tode gebracht. Ihm war Feine Mauer 
zu dicke, Feine Thür, feine Kette, Fein Schloß zu flark; er 
wußte überall durchzutommen und feine Befreyung zu fin 
den. 


Cartouche (c), ber feinfte Spizbube, den iemals 
die Welt geſehen bat — der, Wenn er fi von Jugend 
auf einer guten Leitung überlaffen hätte, ohne Zweifel alg 
einer der größten Geifter und der nuͤzlichſten Weltbürgee 
auf dem Erden⸗Schauplatze erichienen ware. Er zeigte eis 
nen jo ducchdeingenden Verſtand, gefchwinde Befonnenheity 
unverzagies Werfen und Höflichkeit, daß die größten Rechts⸗ 
geleheren in feinen Verbören oftmals erfiaunten — und 
viele Prinzen, Staatsmänner und Gelehrte ihn in feinem 
Gefängniße befuchten , die bewundernswuͤrdige Fertigkeit 
feines Verftandes in den Flügften Neden und Antworten 
wahrzunehmen. Seine Diebereyen waren fo feltfan, und 
er führte diefelben durchgehends mit foicher Liſt und Bes 
hendigfeit aus — und viele feiner Unternehmungen waren 
ſo vol DVermeffenbeit und Uebermuth, daß das gemeine 
Volk ihn fehr lange für einen Zauberer hielt. Denn oft 


RNrr2 hörte 


936 Vier und vierzigfte Tafel. 


hörte man an vielen Drten zugleich von ihm und feinen 
Diebereyen; und Paris , und andere groge Städte in 
Frankreich wurden durch ihn in die größte Furcht geſezt. 
Er war das Haupt einer nach und nach auf tauſend, an« 
wachſenden Bande, unter welchen er fich das Anfehen ei- 
nes Generals zu geben wußte. Er und feine Nette führe. 
ton öfters Kanonen mit fi, und fezten damit ganze Dorf⸗ 
ſchaften in Contribution. Er hatte die befte Erziehung 
von der Welt; da er aber frübzeitig fih zum Spiel gewoͤhn⸗ 
te, fo wurde ihm daßelbe bald zur Leidenfchaft, und da 
fein Geld nicht hinreichte, zur Gelegenheit zu fehlen und 
fich mit Diebggefellen zu verbinden. Er wurde bald mit 
den verfchlagenften Feuten bdiefer Art befannt, und feine 
natürliche Anlage half ihm fchnelle, fie alle zu übertreffen, 
und durch Liſt, ſchnelle Verkleidungen, unglaubliche Ges 
ſchwindigkeit und unbeweglichen Muth allgemeines Erfiaus 
nen zu erregen. Sehe oft ward fchon das Haus oder 


das Zimmer, in welchem er war, mit Wache befezt, nd 


er entkam glüclih , und fagte es daben allezeit den Um— 
fiehenden, daß er Cartouche wäre. Es wurde ein grefs 
fer Breis auf feine Gefangennehmung gefezt, und gemeis 
niglid) machte er dem das hiflichffe Kompliment, der ihn 
ſchon gewiß zu arretiren glaubte, und entfam — Standes⸗ 
perfonen entdeckten oft in Affambleen den Wunſch, Lars 
touchen fennen zu lernen, und es fund nicht lange an, 
fo war er, in irgend einer Verfleidung, in der Gefeufchaft ; ober 
er befuchte fie als ein ausiänbifcher Fürft sder Graf, er⸗ 
gehlte vieles von Cartouchens Streihen, fagte es endlich 
beym Weggehen, daß ers felbft fey, und dankte für alle 
kiebe und Zuneigung. Bo hinfergieng er felbft den dama⸗ 
figen König und die Königinn von Franfreih, und man 
fagt, daß ex oͤfters, unerkannt, bey der Föniglichen Fa 

milie 








Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn. 937 


milie Audienz hatte, und bey Hofe als ein fremder Las 
vallier fehr beliebt war. Ueberhaupt verdient fein Leben, 
das weitläuftig in einem eignen Buche befchrieden ift, geles 
fen zu werden — um den Echluß beftätiget zu finden: 
Fann es Kift und Verfiblagenbeit fo weit bringen, 
wie viel wird erit Ducdydringender DVerftand, mit Tus 
gend verbunden, s«usrichten Fönnen ! Endlich Fam 
doch feine Stunde — er wurde gefangen genommen, und 
1721 zu Paris, im as Jahre feines Lebens, gecädert. 


/ Fohann David Wagner, gemeiniglih Mauſeda⸗ 
vid genannt (d), war gleichfals einer der liftigffen und vers 
ſtockteſten Diebe und Kirchenräuber. Er war von Pro» 
feſſion ein Müller, kam aber frühzeitig unter boͤſe Gefells 
fchaft, da er fih anfangs an das Spiel, und in der Kol 
ge an Diebereyen gemöhnte. Db er gleich darüber etliche— 
mal ertappt, und gefänglid eingezagen wurde, ward er 
doch nicht anders Sinnes. Er blieb hartnaͤcktg bey feiner 
Bosheit — läugnete gemeiniglic, alles das wieder, was er 
bereit8 unter der Tortur eingeftanden hatte — lief fi , 
auch bey feiner lezten Gefangenfijung, durch Feine Vor—⸗ 
ftellung zur Reue und Befferung bewegen, und machte als 
len, die mit ihn zu thun hatten, insbefondere Nichtern, 
Prieftern und Advocaten unbefchreiblih viel zu fchaffen. 
Leztere ermahnten fegar in den Predigten die Gemeinen, für 
diefen Aufferft verflockten Sünder zu bitten, daß ihn Gott 
befehren wolle — fie gaben fih, fowohl im Gefaͤnzniße, 
als am Tage feiner Hinrichtung ale Mühe, ihn zur Ers 
fentniß feiner Sünden zu bringen — aber alles war ver« 
gebend. Er blieb in feiner Unbußfertigkeit bis auf den 
lezten Augenblick, da er noch ein paar Sprüche betete, in 
der thörigten Meinung, als wenn nun alles damit bey 
Gott vergeben und vergeffen wäre — tarauf wars er mit 

| Nrrz3 benz 


938 Vier und vierzigſte Tafel. 


dem Schmwerdte, auf zivey Diebe, getödtet ; welches 1721, 
vor Leipzig geſchahe. 

Nikel Lift (e), ein Erz: Kiechenräuber und Haupt 
der beruͤchtigten Nette, melde 1698 die ſogenannte goldes 
ne Tafel zu Lüneburg plünderien. Es iſt dieſelbe das 
berühmte Altarblatt in der Kirche zu St. Michaͤlis in Luͤne⸗ 
burg, in weichem feit etlichen Jahrhunderten eine Menge 


unſchaͤzbarer Kleinsdien, goldene Monftranzen und andere - 
ö d 


mit Diamanten reich beſezte Kiechengefäße und Reliquien 
aufbewahrt, in gebachtem Jahre aber feines meiften Schas 
zes beraubet mwurbe. Dieter Nikel Kift zeigte in feiner 
Jugend vielen Scharffinn und Gelehriateit, ward aber 
bald, wegen Armuih feiner Eitern, aus der Schule gethan, 
und mußte Herren» Dienfle annehmen. Er gieng darauf 
unter die Soldaten, wurde aber auch diefer Lebensart über: 
druͤſſig, verheirathete ih und trieb die Wirthſchaft. 
Dieß war die erſte Gelegenheit, die ihn mit boͤſen Buben 
bekannt machte, deren luͤderliches Leben ihm fo fehr gefiel, 
daß er fih allen Ausichweifungen überließ, "und einige 
Jahre hindurch faſt bey allen gewaltſamen Einbruͤchen und 
Raͤubereyen in Sachſen mit Hand anlegte. Kr kleidete 


ſich gemeiniglich vornehm, und ließ fid) Here von Moſel 


nennen; unter welchem Namen er fich vornehrilich auf der 
Leipziger Meſſe befannt machte. Endlich, nachdem er viele 


Kirchen beftoplen hatte, wurde er, nad) dem Raube zu Lines 


burg entdeckt, gefangen genommen, und weil er fich im 
Gefängniße etlihemal das Leben nehmen molte, gar enge 
gefchloffen. Er befannte darauf freywillig alle feine Rau— 
bereyen, befehrte fich zu Gott, und wurden ihm vor Zelle 
1699, nebft mehrern feiner Diebsgefellen, mit eijernen 


Keulen feine Glieder zerfchmettert, darauf enthaupter, der 


Körper verbrannt, und der Kopf auf einen Pfahl gefteckt. 


Johann 


Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn: 939 


Johann Scheppard (f), ein beruͤchtigter Spizbube 
zu Londen. Der Grund zu ſeinem Verderben war ein la— 
ſterhafter Umgang mit ſchlechten Weibsperſonen. Dieſel— 
ben zu unterhalten, wurde er bald mit pflichtvergeſſenen 
tungen Burfchen befannt, die ihm im Steblen und endern 
Ausfchweifungen Unterricht gaben. Er murde oft ergrifs 
fen, mußte fich aber aus verfchirdenem wohl verwahrten 
Gefängnißen und von den fchwerften Fefein durch allerley 
Kunftgriffe zu befreyen. Einſt faß er fihon in der Ar 
menfünder » Stube, an Händen und Füffen gefchloffen, und 
dennoch fand er Mittel von denfelben los zu Fommen, und 
durch bie ffärkften Mauren und verriegelten Thuͤren zu bres 
chen. Endlich aber Eonnte er feinen Banden nicht mehr 
entlaufen — Er wurde, ob man gleih noch im Hinauss 
führen zum Gericht ein Federmeffer in feiner Taſche fand, 
um fich damit noch in den lezten Augenblicfen zu retten, 
1724 , zu £onden gehangen. 


Sa, fo tief ift die Menfchheit herab gefunfen, daß es 
der ungerathenen Söhne und Töchter in der Welt vie 
le giebt — Daß iedes Land, iede Stadt eine Menge bey 
ihr berüchtigter Diebe und Mörder, von Jahr zu Jahr auf: 
fellen Fann ! 


4. 
Unbefonnene Töchter. 


Dis ſchoͤne Frauenzimmer von fechjchn Jahren Ca) hats 
fe fi) von einem Cavalier, in einer Geſellſchaft, von fei- 
ner Liebe und von ihrer Schönheit vorſchwazen laſſen, oh— 

Ar 4 ne 





940 Bier und vierzigfte Tafel. 


ne diefe Begebenheit ihrer erfahrnen Tante zu erzehlen, bey 
der fie im Haufe war. Der Cavalier hatte Feine erlaubte 
Abſichten auf ihre Schönheit, aber die Unerfahrne und 
Unbedach ſame glaubt eg, und ift fchon für ihn eingenoms» 
men. est hat fie von ihm den Brief gelefen, der vor 
ihr liegt. ‚Und ihre Aufwärterin, die von dieſem verfuͤhreri— 
fen Schmeichler beftochen ift, redet ihre zu, nad dem 
Wunſche dieſes DVerführers zu antivorten. Aber zum 
Gluͤcke hat die rechtfchaffene Tante in dem Nebenzimmer 
bey offener Thüre, ohne Wiffen ber Redenden, alles gehoͤ— 
ret, und wird fie vielleicht durch Nath, Belehrung und 
Anftalten ihrem Ungluͤcke entreiffen. 


Sehr unglücklich find bieienigen Frauenzimmer, die 
fich zur Unfeufchheit verführen laffen. Seht diefe Elen« 
de (b), biefe verzweiflungsuolle Perfon, welche die Stadt» 
fnechte ſchon gefangen nehmen wollen. Sie War eine 
mwohlgebildete Dienftmagd gewefen, ward aber umter allers 
ley Vorwand verführt, und gebahr heimlich. Durch den 
Tod ihres Kindes wollte fie ihre Schande verbergen. Aber 
ihre Sache ward ruchbar, und die Obrigkeit bemächfiget 
fich dieſer Unglückjeligen, um der Mörderinn einen Pros 
ceß zu machen, und ihr dag Haupt abfchlagen zu laffen. 
Was wird fie im Gefängniße von ihren eignen Vorwürfen 
auszuftehen haben ? Sie mird als eine Verurtheilte vor 
vielen faufend Menfchen zum Nichtplaz geführet werden, 
und auf eine fchimpfliche Art flerben. Welchen Kummer 
verurfacht fie ihren Eltern (ſeht bdiefelben mit ringenden 
Händen bey der Wache fiehen ) und ihren Verwandten, von 
denen fie geliebt wurde. Auch dann, warn fie ihr Sind 
nicht umgebracht hätte; fo hätte fie doch die Ehre ihrer 
Keuſchheit, und die Hoffnung zu einer glüdlichen Ehe vers 
lohren, und ihre Familie gleichfals beſchimpft. Diefes 

Ungluͤck 


Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn. 941 


Unglück ift defto größer, von ie vornehmern Stande ein 
Frauenzimmer ift, das fich verführen läffet. Eine iede 
Sungfrau aber ift in diefer faft unvermeidlichen Gefahr, 
fobald fie von Liebe, ohne Wiffen ihrer Eltern, oder derer, 
die elternmäffige Gefinnungen gegen fie haben, fih Etwas 
vorfagen läffet, eg glaubt, und durch) Worte und andere 
Handlungen fich darnad) richtet. 





WETTE SITE 





5 


Meerwirbel und Strudel. Scylla und 
Charybdis. 


— die Merkwuͤrdigkeiten der See gehoͤren auch die 
Meerwirbel, welche zuweilen die groͤßten Schiffe mit in 
die Tiefe reiſſen. Die gewoͤhnlichen Urſachen ſolcher Wir, 
bel ſind: Vertiefungen in der See, wo Ströme anju« 
treffen, Enge der Ufer, Klippen ꝛc. Der beruͤhmteſten ei— 
ner iſt der Mahlſtrom, an den Norwegiſchen Kuͤſten. 
Ein Strom, der gegen die Ebbe und Fluth laͤuft, und 
von einigen Inſeln und der Kuͤſte gedraͤnget wird, verur— 
ſachet ihn. Ein Stuͤck Holz wird in demfelben fo lange 
herum getrieben, bis ev unten, in ber Spize ganz flille 
ſteht. Die Schiffe duͤrfen fih demfelben auf eine Meile 
gegen Oſten und auf fünf Meilen gegen Weften darum 
nicht nähern, weil der Boden aleich dabey untief und vols 
ler Klippen if. Bey voller Fluth und gefallener See ift 
er fo flille, daß man darinn fifchen fann. Der Strums 
boͤmoͤnch bey den Federinſeln ſoll auch bey der größten 
Stille Schifie in ben Grund ziehen. Sein größter Ums 

Rerrs kreis 


ee ⏑⏑—— 


942 | Bier und viersigfte Tafel. 


freis ift bi8 90, und bie Tiefe bis 12 Faden (Klafter). 
Er macht vier Schnecfengänge in der Runde. 


An meiften hat man, vornehmlich in den älteften 
Zeiten, zwey gefährlihe Drte in ber Meerenge zwiſchen 
Italien und Sicilien gefürchtet, welche unter dem Namen 
Sıylis und Charybdis bekannt find (a). Scylla if 
ein felfigtes Vorgebürge gegen Sicilien über, welches ein 
wenig in die See hervorrücdt, und der ganzen Gewalt des 
Waſſers, das an bie italienifche Küfte einen geraden heftis 
gen Anlauf hat, blos gefezt if. Alles, was ber Strom, 
der gerade gegen biefen Selen feine Richtung nimmt, mit 
ſich führt, muß unfehlbar an benfelben getrieben, und obs 
ne Rettung gerfchmettert werden. Gleich dabey giebt es 
viele Fleine Selfen, die mit ihrer Spize nahe an dem Fuße 
des großen hervorragen. Der berühmte Schlund Cha: 
rybdis liegt gegen Über, nahe an dem Eingange des Has 
fens von Mieflina, und verurfacht oft eine ſolche unor- 
dentliche innere Bewegung des Waffeıs , daß dag Öteuer- 
ruder faft alle feine Macht verliert, und bie Echiffer die 
größte Mühe haben, felbft bey dem beften Winde, einzus 


laufen. Diefer Wafferwirbel entſteht wahrſcheinlich durch 


das Heine Vorgebirge oder die Erdzunge, die vom Öfllichen 
Ende der Stadt fortgehet, bie Geftalt einer Sichel hat, 
und das ſchoͤne Becken bed Hafens bildet. Da diefes Bors 
gebirge die Meerenge an dieſem Drte noch mehr verenget, 
fo muß nothmwendig die Gefchwindigfeit des Stroms wach— 


fen. Doc find ohne Zweiffel noch andere unbefannte Ur⸗ 


ſachen vorhanden. Das große, von der unordentlichen 
Bewegung des Waſſers an dieſem Orte herkommende Ge— 
toͤſe machte, daß die Alten dieſen Strom mit einem ge— 
fraͤßigen See» Ungeheuer, das beſtaͤndig mach Beute 
bruͤlle, verglichen, und ihn als den gefaͤhrlichſten Durchgang 

von 





Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn. 943 


von der Melt befchrieben haben. Eben fo dichteten fie 
vor dem felfichten Vorgebirge Scylla, und dem beftändigen 
Wellen-Getoͤſe an demfelben, daß mitten in der Klippe , 
in einer dunklen Höle, ein Ungeheuer wohne, deffen 
Stimme dem Geheule iunger Hunde gleihe — das zwoͤlf 
Füße, auch zwölf lange Haͤlſe, und eben fo viel ſchreckliche 
Koͤpfe habe, in deren, mit drey ſtarken, dichtgefchloffenen 
Reihen Zähnen vesfehenen , Rachen, der fchwarze Tod 
fi;et. 

Weil diefe zwey gefährlichen Drte nicht weit von 
einander waren, und man dem Einen fehr nahe kommen 
mußte, wenn man den Andern vermeiden wollte, aud) 
öfters, aus Furcht vor dem Einen, bey dem Andern Ges 
fahr lief, entſtund das Sprichwort: Dderienige geht 
bey Seylia zu Fruneen der den Schlund Charybdis 
vermeiden will — er kommt vom Regen unter die 
Träufe. Den, teit dem jchrecflichen Erdbeben, das am 

5 Sehr, diefes Jahrs (1783) den uniern Theil von Ita, 
— un) Meſſinag in-Sicilien verwuͤſtete, und in daſiger 
Meerenge große Se inberimas, machte, iſt daß feifigte 
Vorgebirge Scylla nicht: mehr zu faͤrchten. Die Erdſtoͤße 
haben es theils eingeflürst, theils zerriffen, und feldft 
den Fuͤrſten, der auf biefem unuͤberwindlich fcheinenden 
Felfen auf einem Schloße wohnte, zum Fliehen genoͤthiget, 
bey) weicher Gelegenheit er auf dem Meere mit allen feis 
nen Schäzen ven Untergang fand — Dft pflegte diefer 
Herr zu fagen ; Wenn aud die Welt unfergienge, fo 
koͤnnte doch fein Kaſtell keinen Schaden leiden. — — 

Eine halbe Meile unter Grein in Oberoͤſterreich, nicht 
weit von der Kapelle St. Nicolas, iſt ein Strudel (b) 
und ein Wirbel (c) in der Donau, deffen Durchfarth 
wegen der vielen Klippen, die daſelbſt unter dem Waſſer 

find, 


944 Bier und vierzigſte Tafel. 


find, und bey niedrigem Strome hervorragen, bedenklich 
it, Der Mirbel ijt gefährlich, weil daben ein unter. 
wärts gerichteter Zug if, alſo, daß kleine und große gar 
zu ſchwer beladene Schiffe unterfinfen fömen. Wenn ber 
Strom groß iſt, fo hats bey dem Strudel feine Noth, 
denn das Waffer gebt alsdann hoch über die Klippen weg, 
aber der Wirbel ift alsdenn defto ungeftümmer und gefährlis 
cher, meil er ſich flärfer unidrehet und anzieht, und fein 
Umfang gröffer it. Diefe Gefahr vermehrer alsdenn noch 
ein Gegenftrom, der rechter Hand von dem fogenannten Zoch, 
dazu fommt, welches em ſchmaler Gang iſt, der fich um 
den groffen Selfen herumfchlingt, und bey niedrigem Waſ— 
fer ganz trocken iſt; mächit aber daßelbe an, fo fönnen 
dafelbft die kleinern Schiffe durchfommen, umd bem MWirs 
bel folchergeftalt ausweichen. Auf der rechten Seite bes 
Strudelg geht auch ein folder Fleiner Arm der Donau für 
£leine Fahrzeuge herum , welcher der Heßgang genennet 
wird, und bey hohem Waſſer befahren werben Fann. 
Iſt das Waffer niedrig, fo halt ſich der Wirbel ganz rus 
hig, und man kann ohne alle Gefahr, ſewohl drüber als 
darinnen herumfahren — zu ber Zeit aber fommt man bey 
dem Strudel, wegen bes hervorragenden Zelfen, befto 
ſchwerer durch, und muß man einen. des Dris wohl er—⸗ 
fahrnen und nüchternen Schiffer haben. 


rs STELLTEN 
6. 
Das Zuchthaus, Das Tollhaus. 


Za othau oder Werkhaus iſt ein Gebaͤude, das von 
F Obrigkeit unterhalten wird, daß darinn trozige und 
unge⸗ 





Das Gleichniß vom verlshrnen Sohn. 945 


ungehorfame Kinder , ermachfene) unbändige, in den, Muͤſ⸗ 
fisgange und in der Besheit verwilderte £eute, famt den, 
durch rechtlihen Ausſprnch zur Arbeit verwicfenen Mifle- 
thätern, unter ber Aufficht eines Zuchtmeiſters und ande» 
rer hiezu beftellten Leute, bezwungen, gebejlert und firenge 
gehalten werden. Ben der Anrichtung dergleichen Haͤuſſer 
welche in iedem Lande und in ieder Stadt unvermeidlich 
nothwendig ſind, muß hauptſaͤchlich darauf geſehen werden, 
daß die Wohn» und Arbeits-Zimmer der Straͤflinge oder 
Züchtlinge wohl verwahrt find, damit fie der Strafe und 
Arbeit nicht entlanfen Finnen — daß fie gleich dabey eine 
Kirche haben, und in ihrem Gefängniffe eine Predigt oder 
Kinderlehre auhoͤren Finnen — daB auf bie, auch bier, 
hoͤchſtnoͤthige Dronung , Neinlichkeit und Stille ‚gefehen 
werde. Die Zichtlinge werden entweder auf eine beffimms 
te Zeit, ober auf lebenslang in biefe Schulen ber ſtrengſten 
Zucht und Arbeit gebracht ; die Arbeiten felbft werden ie- 
dem nach feinem Alter und Vermögen zugemeffen, und 
wenn er. fie nicht zur gefezten Zeit vollendet, oder fi. 
fonft allzu halsſtarrig und mwiderfezlich bezeiget, erfolgt durch 
den dazu beftellten Zuchtmeifter und deſſen Gehülfen, bie 
Strafe umausbleiblih, durch Berminderung der Speife, 
der durch Zächtigung am Leibe. In Holland ift das Ra: 
fpeln over Feilen und Bearbeiten des Brafilienholes die 
gewoͤhnlichſte Arbeir in den Zuchthäuffern der Männer, und 
das Spinnen in den Zuchthäuffern der Weiber; daher ie- 
ne Bafpeihäuffer CA), und diefe Spinnhäuffer genannt 
werden. Ueberhaupt laͤſſet man gerne die bärtefte und be— 
ſchwehrlichſte Arbeit von den Zuͤchtlingen verrichten, daß 
fie thaͤtig und kirre werden, z. €. Glasſchleifen, Holz⸗ 
ſpalten, auf der Chauſſee arbeiten, und dergl. 


Sieiem⸗ 


9,6 Pier und viersigfte Tafel. 


Dieierigen, welche gewöhnlicher Weife an dergleichen 


Drte gebracht werden, find: Faullenzer und Muͤſſiggaͤn— 


ger, welche nicht arbeiten wollen, da fie doch Eimifen ; 
ftarfe und gefunde Bettler, die lieber reichliches Bettels 
brod eſſen, als fich ehrlich nähren wollen ; herumlaufende 
Handwerkspurſche, bie nicht in Arbeit gehen wollen; ab- 
gedanfte herumfihmweifende Soldaten , berrenlvie Knechte, 
welche gemeiniglich an allerley Untreue und Stehlen fich 
gewoͤhnet haben ; Vagabunten, Zigeuner, Kartenfchlager, 
Taffenweiber und bergl. ungehorſame Kinder, Praſſer, 
Verfchwender, muthwillige Banferotirer, Verlaͤumder, 
weil diefe giftigen Schlangen den Nechtfchaffenen, mehr 
Schaden bringen koͤnnen, als Diebe und Mörder — end» 
lich allerley Uebertretter der göttlichen Gelege, ſelbſt Delin— 
quenten und große Verbrecher. Und wie beträchtlich find 
nicht die Bortheile, die durch dergleichen weile obrigfeitlis 
che Anjtalten dem Menfchen Geſchlechte verfchaft werden? 
In Zuchthäuffern Finnen rohe, verwilderte Gemuͤther oft 
ehe gebeffert und auf den Weg der Tugend gebracht wer— 
den, als in den Tempeln — Das Land wird von aller. 
len Iofem Gefindel, von Tagbieben und ungeftümen Ans 
läuffern gereiniget — und, obgleich die Dbrigfeit fehr viel 
auf den Unterhalt der Züchtlinge wenden muß, fo bringen 
fie e8 doch mit ihrer Arbeit, und Verfertigung allerleyr 
Haaren mehr ald doppelt wieder ein. 


In Rom ift ein eignes Zuchthaus für ungehorfane 
Rinder von 10 bis 18 Jahren. Darinnen ift unter ans 
dern ein langer Saal, den man Galeere nennet. Dieſer 
ift der Länge nach durch einen 5 bis 6 Fuß breiten Gang 
geiheilt, auf deifen beyden Seiten bis an die Mauer 
Bänfe find. Hier fizen die Kinder an einem Fuße gefchlofe 
fen, und müffen vom Morgen big zu Abend arbeiten. Eis 

nige 


sh 














Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn. 947 


nige müffen Baummolle ſpinnen, andere Strümpfe flrichen, 
und andere bergleichen Arbeiten verrichten. Indeß bes 


kommt iedes auf den Tag feine Urbeit beſtimmt, die eg am 
Abend aufmeifen muß, wenn eg nicht Strafe haben will. 
Sie fhlafen in befondern Kammern auf einem Strohſacke 
nebfi einer Dede. Die Daare werben ihnen, fobalb fie 
hinein kommen, abgefchnitten ; alles wird ihnen abgenoms 
men, und man giebt ihnen ein paar Hofen von grober Peins 
wad, und wenn es Winter if, Strümpfe, ein Hemde, 
ein Kamifol, einen Ueberrock von groben Tuch und eine 
twollene Muͤze. In diefem Aufzuge werden fie in die Gas 
leere gebracht , wo fie von den andern bewillfommt mer. 
den. Unter den Komplinienten läßt man fie den Ueber— 
rock abziehen, und auf eine Bank legen , bie dag Pferd 
genennet wird, wo fie zum guten Anfange, gut durchge» 
ſchmiert werden. Dieſe Züchtigung, die auch in andern 
Zuchthäuffern ieder Ankoͤmmling auszuftehen hat, heiſſet 
der Willkomm — D, befte Tugend, laß eg nie darauf 
ankommen, daß deine Befferung in diefen angſtvollen Treib— 
häuffern machte ! Die tanften Seile ber Liebe, des Ge- 
horfams, der Unterwerfung und der Verleugnung, find 
ia taufendmal beſſer und leichter als dieß eiferne Soc! 
Haft du Vernunft und Liebe für dein Leben und für deine 
Nube, jo folge! 


Aber nicht alle Menfchen gelangen zu den Gebrauch 
ihrer Vernunft, nicht ale behalten ihn, wenn fie ihn 
gleich erlangt haben. Einige wenige Kinder, die man an 
der Seele als Mißgeburten betrachten fann, bleiben, ob 
man fie gleich menſchlich zu erziehen trachtet, viehiſch⸗ 
dumm oder viehiſch wild, Andere verlieren im erwach⸗ 
ſenen Aiter dieienige Befugkeit und Mannigfaltigkeit der Ge— 
danken und Vorſaͤle, dieienige Abhaͤnglichkeit einiger Be⸗ 


gierden - 
/ 





948 Vier und vierzigſte Tafel. 


sierden von andern , folglich bieienige Lenfbarfeit durch 
gewoͤhnliche Bewegungsgruͤnde, welche man die Geſund— 
beit der Vernunft oder das Bewuftfeyn feiner Selbft 
nenne. Sie verfallen entweder in eine befpnbere Uns 
empfindlichFeit, oder in Wahnfinn Cin welchem ihre 
Phantafie oft ſtaͤrker iſt, als die Sinnesfraft) oder in 
fonderbare Albernheit der Wünfche und Handlungen, oder 
endlich in eine gemaltthätige Raferey und Tollbeit, wels 
che gemeiniglich mit ungewöhnlichen Leibesfräften verbun 
den ift. 

Seht bier (B) auf einem NHofplage ein Tollhaus, 
welches zur Verwahrung und Verpflegung folcher Unglück 
lichen beftimmt if. Die gänzlid) Rafenden And in Zellen 
eingefchloffen, und zumeilen, wie wilde Thiere, mit Fels 
feln belegt. Mean nimmt ihnen, fo viel als möglich iſt, 
alles, womit fie ſich oder Andern fchaden Finnen. Dies 


. fer mit der Perücke, bie er ienem vorübergehenden Manne 


abgenommen hat, und mit einem hölzernen Degen auf der 
rechten Seite, ift nur albern, oder wenigftens nur mahns 
finnig. Jezt ift feine Iuflige Laune, darum tanzt er herum; 
diefe wechfelt zumeilen mit einer traurigen ab; alsdenn 
meint und heult er beftändig, und zwar ohne erdenkliche 
Urfachen. Jener, der in das Waſſerbehaͤltniß fpringen 
will, und den der Wärter, der die Schlüffeln in der Hand 
hat, zu ergreifen ſucht, iſt aus feinem Kerker losgebro— 
chen. Der Sizende fcheint auch rafend zu werden, denn 
er reißt fich vor Wuth die Kleider vom Leibe. 

D wie glücklich) ift dag menſchliche Geſchlecht, daß 
nur fo’ wenige albern, mwahnfinnig oder vafend werden ! 
Durch diefe wenigen Exempel lernen die Uebrigen dag grof 
fe Glück ihrer gefimden Vernunft fchäzen, und werden 


‚gor den Laſtern, Affekten und Unvorfichtigfelten gewarnet, 


i1sig weiche 








Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn. 949 


welche den Verluſt derfelben nach fich ziehen koͤnnen. Kin. 
der, hütet euch vor dem erften Grade heftiger Affekten — 
laßt feinen zur Gewohnheit werden — zerfireuet eich bey 
dem Anfange berfelben durch gute Thaten, oder durch uns 
fhuldige Ergäzlichfeiten — befteht nicht eigenfinnig darauf, 
entbehrliche Wuͤnſche zu erfüllen, deren Erreichung, nach 
bem Urtheile eurer Vernunft und eurer Freunde ober Kath: 
geber, zu ſchwer oder unmöglich ift. — — Bewahret euren 
Körper fo viel ihe Fönnt, vor hizigen Krankheiten, und ſeyd 
vorfichtig in den feltnen Fällen, da ihr Hirt, daß raicade 
Thiere in der Nähe find, deren Biß alles Lebendige ra— 
fend machen fann. Mehr ift nicht in eurer Macht, um 
ber zum (Gluͤcke) fehr feltnen Gefahr des Wannfinnes 
und der Naferey zu entgehen. 


L 7 202 SR 27 Eminem „ FE SE 


wi 
Das Tullen und der Pachter, 


€. feuriges und unbändiges Füllen, welches eitel auf 
feine iugendliche Stärke und Schönheit war, steigerte fi ih, 
dem Zügel zu gehorchen. 

Umſonſt feßte der Reitknecht feine gefchäftige Wiſſen⸗ 
fchaft dem Stolge des Füllens entgegen, und ſuchte fei 
nen Willen zu brechen ; umfonft belegte es des Herrn bil. 
dende Sorgfalt mit Drohungen, oder fchmeichelte ihm mit 
Bitten. Stolz auf feine Srepheit, und vol Verachtung 
gegen den Menfchen iagte eg über die weiten Gefilde, 
und entflohe. 


Sss Wo 





y50 Vier und viersigfte Tafel. 


* 

Wo nur die verſchwenderiſche Natur ihren blumenreis 
chen Teppich über die Wiefen ausgebreitet hatte, oder 
fhäumende Stroͤme fonft vorbey fioffen, um dem, Gräfe 
Kuͤhlung und Feuchtigkeit zu verſchaffen, brach es banden⸗ 
108 die Biätier ab, und fprang muthwillig auf dem Rau—⸗ 
be herum, den e8 machte. | 

So eilte im Ueberfluße der Sommer vorüber. End» 
lic) Fam der wiederkehrende Winter; die Bäume gaben kei— 
ne Bedeckung mehr, bas ſchoͤne Grün mwelfte von den Fels 
dern weg, ein beftändiger Schnee hülete den Boden ein, 
und die Ströme wurden mit Feffeln von Eis gebunden, 
und kalte, fchneidende Winde und braufender Hagel fchlus 
gen um feine ſchlanken, unbedeckten Seiten, 


indem es nun Fläglich feine Augen umher warf, 
fah es die Strohhuͤtte von ferne liegen, die es in feiner 
Unbefonnenpeit verlaffen hafte. Der Anblick erfüllte fein 
Herz mit Freuden, und verfprad) ihm eine nahe glückliche 
Zufucht. Ein Stall, erſt feine Berachfung und fein Haß, 
war ihm iezt eine gewünfchte Sreyflatt geworben. Jezt, 
da feine Hize gefühlt, und fein Stolz vergeffen war, ſuch— 
te er den warmen Hof des Pachters. 


Der Herr ſahe feinen klaͤglichen Zuſtand, feine Glies 
der, die Faum ihre Luft ſchleppen Fonnte, führte es freund- 
fchaftlich in den Stal, ließ ihm eine Streu machen, es 
puzen und füttern. Su träger Ruhe lag es die Nacht 
durch; aber mit Anbruce des Tages ftunden die Knechte 
auf, denn der nahe Markt rief fie. Längft der Straße, muß— 
te fein Nücfen die preffende Laft tragen. Vergebens ſtraͤub⸗ 
te oder klagte es Nich ; unaufhoͤrliche Streiche belohnten 
fein Leiden. Der morgende Tag veränderte nur feine Ar 
beit. Am Pfluge gefpannt, zermalmte es ben Erdboden, 

worauf 





hr 


Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn. 951 


worauf eine duͤrftige Mablzeit des Nachts die kummervolle 
Arbeit des Tages bezahlte. 

Kon Arbeit unterdrückt und von Anaft gequält, brach 
es endlich in diefe Vorwuͤrfe aus: Ich ungluͤckſeliges Thiery 
von Stolz und Thorbeit verfäher! Harte ich in meiner erften 
Jugend den Unterricht angenommen, den mich die Natur 
lehrte, fo hätte ih, mie meine Vorfahren, den Preis bey 


manchen Wotfrennen davon getragen. Die Männer bäte 


ten mich erhoben und belohnet, und die Weider hätten 
meine lezteri Tage gekroͤnet. Jezt ift eine ewig dauernde 
Stlaverey ment Looß, meine Geburt veracdhtet, meine. 
Lebhaftigkeit v rgeſſen, und ich bin verdammt, für meinen 
Stolz; ſo lange ich lebe, Schmach und Verachtung zit 
leiden. 


| —— IRRE LEE — 
8. 
Bacchus. Bacchanalien. 


N. Kunſt, den Weinſtock, der in ben älteffen Zeifett 
wild wuchs , in Menge zu verpflanzen, ordentlich zu 
warten und ein Getränfe aus den Trauben zu machen y 
ſchrieben die alten heidnifchen Voͤlker einem gewiffen Bacs 


bus zu. Begeiſtert durch das Feuer des Weins, und 


entzückt über deffen Kräfte, vergötterte man in den dltes 
fien Zeiten bald den Urheber deffelben, und baufe ihm ums 
ter unendlichen Frohlocken Tempel und Altäre = und noch 
fnieen vor denfelben Myriaden — Juͤnglinge und Greif 
fe — vom Könige bis zum Taglöhner — vom Dichter Bid 
zum Leichenbieter, — 


Sss2 Bat 











| 
| 
{ 
- 
j 


92 Vier und biersigfte Tafel. 


Bacchus fol ein Sohn Jupiters und ber Semele, 
-einer Thebanerin gemwefen feyn ; welche aber noch vor ber 
Geburt ihres Sohnes, durch Sjupiters Blize, meiche fie 
gerne einmal in aller ihrer Stärke fehen wollte , getöbtet 
wurde. Noch ein Monat fchloß darauf Jupiter dieß Kind 
in feine Hüfte ein — und weil es hernach bey ber Ge 
burt zum zweytenmale dag Tageslicht erblickte, murde dag 
Kind auch Dithyrambus genennel. Da Bachus groß 
wurde, beirathete er die Ariadne, des Koͤnigs in Kreta, 
Minos, Tochter; welche TIhefeus anf der Inſel Naxus 
figen ließ. Nach ihrem Tode feste er fie unter die Goͤttin⸗ 
nen und ihre Krone unter die Sterne. 


Bacchus wird abgebildet als ein ſchoͤner Knabe, wel⸗ 
cher eben aus dem Lebens. Frühlinge in die Juͤnglings⸗ 
Sahre tritt — bey welchen bie Negung übermäffiger Freu⸗ 
de, tie eine zarte Spize der Pflanzen zu Feimen anfängt— 
Seine Züge find voller Süßigkeit — Sein Gewand ift 
meiß und feine Locen fließen ihm, wie bem Apoll, fanft 
auf die Schultern herab. Zuweilen erfcheint er auf einem 
Wagen von Yantherihieren oder Tiegern gezogen, unb hat 
einen Tyrfusftab in der Hand, d. i. einen mit Weinre⸗ 
den oder Epheu ummundenen Stab. Bald reitet er auf 
wilden Thieren, Panthern und Leoparden (zum Zeihen 
daß der Wein mild machen, aber auch wilde Gemüther 
zähmen kann), und ift mit Epheu oder Nebenlaube bes 
fränzt. Er hat kurze, flumpfe Hörner über der Stirne, 
welche ein Bild des Muthes feyn follen, den der Wein 
machet — kurz aber find fie, weil der vom Weine erfchafs 
fene Muth von feiner Dauer ift. 

Es wird vom Bacchus ein Zug erzehlet, den er 
durch Afien, bis in das entlegenfte Indien gethan haben 


fol. Und, weil er diefen Zug in dreyen Jahren zu Ende 


brach⸗ 








Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn. 953 


brachte, nad) deren Verlaufe er auf einem Elephanten mit 
vielem Reichthume, in Zuumphe wieder nach Haufe Fam, 

wurde ihm alle drey Fahre ein"großes Feft, das Trietes 
ris genennet wurde, gefeyert. Auf diefem Zuge führte 
er nicht Kriege, fondern lehrte die Volker den Wein» und 
Kornbau, nebſt Gottesdienft und Gerechtigkeit: Auch er⸗ 
zehlt man Vieles von allerley Wundern und Heldenthaten, 
die er auf diefer Neife verrichtet hat. Er war alfo ein 
Wohlthaͤter des menfchlichen Geſchlechtes, nur zu firenge 
gegen dieienigen , welche fid feine Anftalten, und insbes 
fondere die Einführung des Weinbaues, miderfezten ; da⸗ 
ber die Könige, Luͤkurg in Thragien und Pentheus in 
heben, welche gegen den Mißbrauch des Weins eifer⸗ 
ten, bacchiſche Wuth fühlen mußten. 

Bon dem Bezeigen derer, bie zu viel Wein trinfen 
und frunfen werden, bat man das Gefolge des Bac— 
chus gebildet. Daßelbe beftund aus dem S:len, den 
Satyren und Backhhantinnen. Silen war des Erzieher 
und beftändige Gefährde des Bacchus, und’ der Anführer 
des Chors der Satyren. Daher wird er ältlich vorges 
ſtellt, und kahl, mit einem Barte, und einer eingedrück 
ten Nafe. Er pflegte auf einem Ejel zu reiten — aber, 
weil er groößtentheilg betrunfen war, bieng er mehr von 
dem Efel herab, als daß er darauf ritte. Doc mußte er 
fchöne Geſaͤnge. Die Satyren, welche im Alter Silenen 
genennet wurden, waren Mitteldinge zmifhen Menichen 
und Ziegenboͤcken, mit einem Menfchenfopfe, einer gekruͤmm⸗ 
ten Nafe, aufgemorfenen Lippen, einem Büfchel Haare 
unter dem Finn, ſpizigen Ohren und aufrecht fiehenden 
Hoͤrnern. Der größte Theil des Leibe war rauh, und 
* endigte fich in Beine eines Ziegenbocks. Ihre Eitten mas 
| sen wild und frey. Die Backhhantinnen waren betrun. 
©3983 kene 


954 Vier und vierzigfte Tafel, 


fene und halb rajende Weiber. Sie folgten dem Bacchuss 
zuge mit Thyrfus. Sräben, die ſie ſchwungen, ſchlugen 
das Tympaeum, und ſezten fich durch Geſchrey und Wein 
in eine Art von Wuth, die fie der größten Ausſchweifun⸗ 
gen fähig machte. Sie tanzten den Zug und den Triumph 
des Bacchus, mit aller Lebhaftigkeit und Zügellofigfeit, — 
(Denn überhaupt war der Lanz der Griechen eine figuͤrli⸗ 
he Nechahmung der Handlungen und Eitten Ihrer Helden.) 
Aufferdem ſagten noch die Kabeidichter von diefen Weibern 
das fie rohes Loͤwenfleiſch affen, und wenn fie bürffete, 
bie Erve mit ihrem Stabe fchlugen, da denn ſogleich Wein, 
Honig over Milch heraus Iprang, 


Die Feſte des Baͤcchus deren eins alle drey Jahr 
re gefehert wurde un Triererifa , dag andere Dionyfiar 
Fa oder die Backanalien hieß, und in die größere und 
fleinere eingetheilt wurde, hat man mit. allen möglichen 
Ausſchweifungen der Freude und der Zügellofigreii began⸗ 
gen, Anfangs fcheinen fie nur von den Srauenzimmern 
alleine , auf abgelegenen Bergen gefenert worden zu ſeyn. 
Nach und nach aber, wurde die Feyer allgemein. Alles 
fief, mir Tyrfus. Stäben in der Hand und mit Epheu 
befrän;t, mit fliegenden Haaren, und faft halb nafend 
umher, und rief bag befannie Evoe Bacchus! Ganze 
Haufen vereinigten fich, um einen Zug bes Bacchus vor- 
zuftelen. Einige kleideten ſich als Satyren, andere ale 
Saunen, noch andere als Silenen, und bier fahe man 
oft die gemaltfamften Verzuckungen und Stellungen bes 
Körpers. Ihnen folgten Bildfäulen des Bachus und der 


Siegesgättin; auf diefe, Wägen mit Thyrſen, Waffen, 
Sonnen, Kraͤnzen, und zulezt Chöre, die der Gottheit 


Hymnen fangen. Daher famen die Dithyramben, d. t. 


iene Art der Gedichte, deren Inhalt die Gefchichte des. Got. 


tes 

















Das Gleichniß vom verfohtnen Sohn. 955 


tes, und deren Sprache und Eilbenmach raub und zügellog 
war, tie die Sänger , die nad) wilden phrygiſchen Id» 
nen beflamirfen, oder vielmehr fangen, uns bie alfo in 
allen Stücken ein Bild icner Zeiten der Wildheit und Trun— 
fenheit waren, in denen fie fi) aus der Bruft, voll ber 
Gottheit ergoffen. Eben diefe Feſte gaben auch zu den 
Schaufpielen Gelegenheit, die in den folgenden Zeiten von 
den Griechen fo fehr verfeinert wurden Es pflegten 
fi) nehmlich ganze Gefelfchaften zu vereinigen, um durch 
Aktion aus dem &tegreife irgend eine That des Bacchus 
anfchauend vorzuftellen, oder fonft Handlungen und Ge— 
berden ihrer Mitbürger nachzuahmen. Denn bey dergleis 
chen Feyerlichkeiten, die eine gänzliche Erholung von alfer 
Arbeit feyn follten, hielten fich die Alten alles erlaubt. 


Meil es aber endlich gar zu tolle bey biefen Seften 
zugieng , an welchen, unter dem Deckmantel der Religion, 
alle nur mögliche Schand » und Lafterthaten vollbracht wurs 
den, fo fahen ſich ſchon die heidnifchen Obrigkeiten gends 
thiget diefelben abzufchaffen. { 


Unter diefer Gottheit wollen einige den TToch, ans 
dere den Kimrod, wieder andere den Moſes verfteben; 
und es Fann feyn, daß vom Weinbau des erften ein grofs 
fer Theil diefer Fabeln, menigftens der Name Bacchus 
genommen wurde. 


Sss 4 | Q. 





956 Vier und vierzigfte Tafel. 
BETRETEN EEE EEE 1 GER Lan 0—o 


9. 


Ein Iüderlicher Student wird der Mörder 
feines Sreundes, 


En Student auf einer beruͤhmten Univerſitaͤt hatte ſich 
in den zwey erſtern Univerſitaͤts-Jahren fo wohl aufge⸗ 
fuͤhrt, daß ihn nicht nur ſeine Lehrer hochachteten, ſondern 
auch alle angeſehene Leute wegen ſeiner Artigkeit liebten. 
Allein zum Unglück gerieth er in eine Geſellſchaft luͤderli⸗ 
cher Leute. Er verfiel aufs Spiel, und verlohr in dem. 
felben in furger Zeit fo viel, daß er vor feinen Glaubis 
gern nirgend mehr ficher war. Er bielt fich demnach die 
meifte Zeit in den Dorffchenfen auf. 


Ein Reifender blieb einft in einer berfelben über Nacht, 
und nahm feine Schlaffammer neben dem Zimmer des 
Studenten. Che der Fremde ſich fchlafen legte, überzehlte 
er noch dag Geld, daß er bey fih führte Der Stu 
dent hörte diefeg. Dein Vater, dachte er, wird bir 
doch fein Geld mehr fchiefen, meil er dir erft neulich eis 
nen anfehnlichen Wechfel uͤbermacht hat. In — barfft 
du dich auch nicht mehr fehen laſſen. Spielen fannft du . 
auch nicht mehr. Dein lüverlicher Aufzug macht, daß 
dir niemand mehr traue. Wie, menn du das Geld die, 
fe8 Unbekannten hätteft, märe bir nicht auf einmal gehol« 
fen ? Allein du mußt ein Dieb werden — Doch, bu 
wirft weder der erfte noch ber lezte feyn. Unter diefen 
unruhigen Gebanfen verftriech endlich die Nacht, in mels 
cher er das allergrößte Bubenflück ausgedacht hatte. 


Der 


Das Gleihnig vom verlohrnen Sohn. 937 


Der Keifende begab fi beym Aufgange der Sonne 
wieder auf den Weg, um feine Anfunft in — zu befchleu. 
nigen. Der Student zog ihm nach, und ermorbete die⸗ 
fen Unfchuldigen , nachdem er vorher mit der größten Muͤ⸗ 
he alle Einwendungen feines Gewiſſens unterdruͤckt hatte. 
Der Mörder eröfnete, zitternd und bebend, in einem 
Bufche, das Felleifen des Entleibten,, der inzwifchen in feis 
nem Blute Jag , und mit dem Tode rang — und fand da⸗ 
sinn, zu feiner größten Beſtuͤrzung, einen Brief von feie 
nem Water, nebft 200 Thalern, in welchen folgende Wor⸗ 
te fin.iden. „Ich ſchicke dir hiemit das leste Geld, um 
„damit deine Schulden zu tilgen, und eine beffere Wirthe 
„ſchaft anzufangen; und ich hoffe, daß du dich durch 
„meine Guürigfeit endlich einmal gewinnen laffen, und 
„mich Unglücklihen , der ich dich ia niemals beleidiget z 
„nicht ferner bis auf den Tod fo quälen werdeſt. Deine 
„Mutter vergiefet beinefwegen viele taufend Threnen. 
oo Ihr Bruder, ber dich ale feinen Pathen, da du noch 
„ein Kind wareſt, fo oft auf feinen Armen getragen, 
„dat ung befuchet. Und weil er dich von deinem fechften 
„Jahre an nicht mehr gefehen hat, fo bat er mich ihm 
„das Geld mitzugeben, damit er dich doch einmal wieder 
„ſehen Einnte. Er ift Willens, dir und deinen Geſchwi⸗ 
„fern fein ganzes und anfehnliches Vermögen zu vermas 
„hen. Ehre ihn, als beinen andern Vater, und erzei 
„ge ihm ale nur mögliche Gefähigkeiten. Erquicke ibn 
„nach einer für fein Alter fo befchmwerlichen und weiten 
„Reiſe, die er blog deinetwegen über fich genommen hat. Les 
„be nun Ffünftig beffer, und mache mir doch einmal mie 
mer Freude. Trockne durch dein fünftiges Wohlverhals 
„in deiner frommen Mutter bie Threnen abl, bie ihr 
„beine Schlechte Aufführung bisher ausgepreſſet hat — 

©8835 „» Denn 





958 Hier und vierzigſte Tafel. 


„Denn eg ift mir fchlechterdings unmöglich zu fehen, mie 
„du dich felber auf Zeitlebens fo unglücklich machen Fön. 
„neſt, und dich als einen offenbaren Feind Gottes und 
s„ aller Tugend bezeigefl.„ — 


Hier gerieth der unglüklide Menfh in Verzmeif, 
lung — und wuͤhlte nunmehr mit mörderifchen Händen in 
feinem eigenen Dlute, nachdem er fi fur; vorher mit dem 
unfchuldigen Blute feines alten und liebreichen Vetters be> 


fleckt hatte, 


Fe 





Fuͤnf 


959 





Fuͤnf und vierzigſte Tafel. 





I, 


Das Gleichniß vom reichen und armen 
Manne. 


Rs fagte einft feinen Züngern, es fen fehr ſchwer 
—J daß ein Reicher in das Reich Gottes eingehe, weil 
die meiſten reichen Leute nicht ſo leben, wie man leben 
muß, wenn man will ſelig werden. Denn anſtatt daß 
fie mit ihren Gütern ihren armen und nothleidenden Brüs 
dern beyfeben, und fie mit Wohlthaten erfreuen und un- 
terfiügen follten, menden fie biefelben lieber zu einen ges 
mächlihen wolluͤſtigen Leben, und zu allerhand Luftbarfei- 
fen an. . Da nun der menfchenliebende Sefus wußte, daß 
folche Reiche dem lieben Gott mißfellen, ımd daß biefer 
Mißbrauch ihrer Güter fie auch nach dieſem Leben unfelig 
mache, fo konnte er nicht ohne Mitleiden und Traurigkeit 
an biefe Elenden denken, und wandte alles Mögliche zu 
ihrer Bekebrung uud Errestung an. In dieſer Abficht 
feug er auch folgendes Gleichniß vor ; 

Es war ein reicher Mann, ber fich koſtbar Fleidete, 
und täglich alles that, was feiner wolluͤſtigen Seele gelüftete. 
Ein armer Mann, mit Nomen Lazarus, der am gan⸗ 
zen Leibe Frank war, und deßwegen fein Brod mit Arbeis 
fen nicht verdienen konnte, lag vor diefes reichen Mannes 
Thöre, und hätte gern auch nur mit dem Eleinften Allmo⸗ 

fen 





960 Fuͤnf und vierzigſte Tafel. 


ſen vorlieb genommen, und Gott und Menſchen gedankt, 


wenn man ihm auch nur die Broſamen, die von des Rei— 
chen Tiſche fielen, haͤtte zukommen laſſen. Der Reiche 
blieb bey allem Elende des Armen ungeruͤhrt — er ließ 
ihn huͤlflos an feiner Thür liegen, und war nicht einmal 
fo freundlich gegen ihn, mie die Hunde, bie ihm feine 
Sefhmäre leckten (a). In kurzem aber änderte fich dies 
fer Beyden Schickfal — der arme Aazerus flarb, und 
wurde von allen feinem Elende erlöit, und, weil er aud) 
in Noth und Elend fromm und tugendhaft war, von Gott 
in die ewige Freude und Herrlichkeit aufgenommen. Der 
reihe Mann farb auch, er mußte fein Geld und Gut 
verlaffen, und wurde als ein harter , unbarmherziger und 
durchaus boͤſer Menſch in die Hoͤlle verfioßen, wo er iezt 
Dein und Marter leiden mußte. Als nun diefer reiche 
Mann einft feine Augen aufhub, ſahe er von ferne den 


vorhin von ihm verachtefen Lazarus in dem Schooße Abs | 


rahams, in dem Genuße unausſprechlicher Glückfeligfeit (b). 
Er fchmacdhtete auch nur nach der geringften Erleichterung 
feiner Pein — er wendet fi daher an Abraham, und 
zuft ihm zu : Vater Abraham, erbarm' did) meiner, unb 
fende Lazarum, daß er nur aud) das Aeuſſerſte feines Fine 
gers ins Waſſer tunke, und meine Zunge fühle, deum 
sch werde in diefer Flamme gepeiniget. — Allein zu gerech« 
ger Beftrafung feines in Woluft und Ueppigfeit zugebrach« 
ten Lebens wird ihm die Bitte abgefchlagen. Abraham- 
fprach zu ihm : Gedenfe, Sohn, def bu in beinem fe 
ben, anftatt das wahre Gute zu fuden, und di um 
dein ewiges Heil zu befümmern, bein Herz an die Güter 
der Melt gehängt, und in biefelben bein ganzes Gluͤck 
gefezt haft; Lazarus hingegen mar in feinen aͤuſſern Um⸗ 
ftänden elend, aber er hatte ein zedliches Gott ergebenes 

Herz. 








Das Gleichniß vom reichen undarmen Manne. 96x 


Herz. Nun empfangt ihr beyde nach euren Werfen, La—⸗ 
sarus wird getroͤſtet, umd du wirft gepeiniget. Und üben 
dieß find wir von dir, und du bift von ung ſo ſchrecklich 
weit entfernet, daß Lazarus eben fo menig zu dir, als 
dur zu uns fommen koͤnnteſt. Hierauf that der reihe Mann 
noch eine Bitte an Abraham, und fprad zu ihm: 
So bitte ich dich wenigſtens dafür, daß du den Lazarus 
wieder auf die Erde in dag Haus meines Vaters fchidkeft; 
ic) habe noch fünf Brüder im Leben; denen follteft du die 
Dein und Dual beichreiben, in welcher ich mich iezt zur 
gerechten Strafe meiner Lafter befinde, damit fie dadurch 
in Schreden gerathen, fich beffern, und fo dieſem Orte 
ber Pein entgehen mögen ; denn, wenn einer von den 
Todten zu ihnen Fänie, fo würden fie gewiß Buße thun. 
Abraham fchlug ihm auch diefe Bitte ab, und fprach zu 
ihm : Was du hier von mir begehrft , ift zur Seligkeit 
deiner Brüder unndthig ; fie haben die Schriften Mofis 
und der Propheten ; wenn fie biefe nicht hören, menn fie 
dieienigen Mittel, die Gott ihnen in diefen Schriften an 
die Hand giebt, nicht zu ihrer Seligfeit anwenden , fo has 
ben fie Feine Entfehuldigung ihrer Laſter, und wuͤrden fich 
auch duch Wunder nicht überzeugen und aufrichtig befehe 
ren laffen. i 


. Meberhaupt, ſprach Jeſus bey einer andern Belegen, 
heit, hütet euch vor dem Geize. Sein Menfch hat ie 
fein Leben, Gluͤck und Wohlfarth dem zu daufen, daß er 
mehr hat als er braucht ! Es lebte ein reicher Mann, 
dem feine Felder iaͤhrlich fo viel Früchte brachten, daß er 
fie nicht alle zu behalten wußte. Beine Vorrathshaͤuſſer 
waren fchon bis oben voll. Da habe ich iezt, dachte er 
einmal nach einer reichen Erndte, wieder einen ſchoͤnen 
Vorrath ; aber was fol ich damit anfangen ? Meine 


Scheuren, 








962 Fuͤnf und viersigfte Tafel. 


Scheuren, fo groß fie find, find zu Elein noch mehr zu 
faffen. Dun wolan ! Man fann aufs Künftige nicht zu 
viel fparen — ich Fönnte ia noch fo und fo viel Jahre 
leben — und dann iſts doch auch Freude, den geoffen Hau— 
fen immer noch gröffer zu machen. Ich will dieſe Maga— 
gine niederreiffen, und folhe an ihrer Statt bauen lafjen, 
die groß genug find, daß ih von Jahr zu Jahr meinen 
Vorrath darinn auffhütten Fan. Und dann — o dann 
will ich mir recht wohl feyn laffen ! Gur, ſoll es dann 
bey mir heiffen, iezt laß andere jürgen — du haft auf 
manch ſchoͤnes Jahr Nahrung beyfammen. Nun mohls 
auf! SE, trink, was gut und Fiftlih it — Aber was 
meinet ihr, daß Gott dazu gedacht habe ? Gott. dachte, 
id will den thoͤrigten Mann gleich dieſe Nach: fierben 
laffen — wo wird dann fein Vorrath Hinfommen ? Wag 
wird es ihm nüzen, auf Jahre hinaus geſammlet zu has 
ben ? Wirklich ſtarb er gleich dieſelbe Racht — So ein 
elendes Ding iſt es um das Schäze Sammlen, mern man 
dabey arm bleibt an Erkentniß Gottes, und an der Se— 
ligfeit, welche daraus enijpringt. 


Und bey eben dieſem Anlaffe fagte der Heiland zu 
feinen Juͤngern: Du meine liebe fleine Heerde, laß dich 
das Ängftliche Sorgen um zeitliche Güter nicht anfechten. 
Fuͤrchte nicht, daß Gott nicht ſelbſt für dich forgen werde. 
Euch, meinen Juͤngern, bat Gott das Neich wahrer 
Gluͤckſeligkeit beſtimmt. Entladet euch denn lieber deffen, 
mag ung beunruhiget, aber nicht glücklich macht. Vers 
faufet, mas ihr noch befizet, und theilet den Werth das 
von den Armen aus? Sammlet euch beffern Vorrath, als 
den man im Beutel herum trägt ; einen Vorrath, der fich 
nie vermindern kann, einen Schaß von Tugend und Selig. 
keit. So, vom feinen irdiſchen Sorgen gehindert, laßt _ 

euch 


Das Gleichniß dom armen undreihen Manne. 963 


euch immer bereit finden, euren Herrn, den himmlifchen 
Vater, auf dem erfien Wink zu Gebote zu ſtehen, zu als 
lem, wozu er fih euer bedienen will — Steht gleichfam 
ieden Augenblick zu feinem Empfange bereit, wie Knechte, 
die mit der brennenden Fackel in ber Hand des Nachts das 
beim warfen, bis der Herr vom Gaſtmahle heimkommt, 
um ihm, fobald er anflopft, aufzumachen und feine Bes 
fehle zu vollziehen. Gluͤckliche Knechte, die ihr Herr fo 
bey feiner Rückkunft nah Haufe, wachend und in guter 
Hereitfchaft antrift ! Wie wird er fich über fo brave Bes 
diente freuen ? Weit über ihren Stand wird er fie ch« 
ren — Er, der Herr, wird fich nicht ſchaͤmen, fie ale 
Freunde an feine Tafel fizen zu laffen, ia ihnen felbft noch 
aufzumarten. Ja, das wird er thun, wenn er auch 
fpät in der Nacht, wenn er auch erft gegen Morgen Fäs 
me. Denn ungemiß iſts, wann er kommen wird — eben 
fo, als es ungewig ift, um weldhe Stunde in der Nacht 
der Dieb einbrechen werde, Wüßte der Hausvater dag 
vorher, er würde freylich wachen, und den Einbruch ver- 
hüten. Aber da er num einmal nicht weiß, fo ift er ent 
weder immer in Öefahr, oder er muß auch auf. den bloßs - 
fen Sal bin, auf guter Hut feyn. Und dag müffer ihr 
auch, weil ihr nicht wifjet, wann der Meſſias ale Rich— 
ter wieder kommt. 


So unvermerkt kommt der Heiland, in feinen Ges 
fprächen, von einer fchönen Lehre auf die andere, von 
einer Warnung auf die andere — Die Junger und alle 
Menſchen folen fih vor Geiz und Eigennuz hüten — 

Warum ? Weil es die größte Narrheit if, Schäze auf 
Erden fammlen, da man feinen Augenblick ficher iſt, wenn 
man davon weg muß — Und dann auch darum, teil dag 
ber Seele viele Unruhe und eitle Sorgen macht, wenn fie 


immer 





964 Fünf und bierzigfte Tafel. 


immer dem Sammlen und Meichwerben nachfinnt ; und 
weil fie dann in dieſer Unruhe gar nicht aufgelegt ift, ſich 
auf dag Fünftige Leben, auf die Wiederfunft des Nichterg, 
auf dag Wichtigere, was er von ung getan haben will, 
und auf die Nechenfchaft, die wir ihm geben müffen, vor» 
zubereiten. 

EAST, 


Nicht trachten will ich, bier auf Erben, 
An Gold und Gütern reich zu werben. 
Has den Augen mohlgefällt, 

Geiz und Luft nah Gut und Geld, 
Macht daß uns die beffern Freuden, 
Gott und Himmel leicht verleiden — 
Raubt zur Tugend Luft und Kraft, 
Macht ung elend, laſterhaft. 

Drum bin id bienieden 

Immerdar zufrieden, 

Wenn ih bis and Grab, 

Nahrung nur und Dede hab. 





[7797 — — — Ne IN W 9: 


2, 
Der Wolluͤſtling. 


Su bier einen Wollüftling auf meichen Polftern. 
Seine ganze Miene fagt ung, daß er feine ernfihafte Bes 
fchäftigung fenne. Aber fobald einer feiner Sinne mit 
Ergoͤzlichkeit uͤberladen iſt, fo denft er fchon auf bie Rei— 
zung und Stillung anderer finnlicher Begierden. Lecker⸗ 
biffen umd tbeure Weine, mie ibe auf dem Tifche feht , 

müffen 


Das Sleihniß vom reichen und armen Manne. 965 


muͤſſen beffändig bey der Hand: ſeyn. Der Duft der lieb⸗ 
lichften Gerüche darf ihm nie fehlen, Hinter feinem Stuh— 
le hängt die Violine 5; denn Fertigkeit in der Mufif und 
Zanzfunft ift faft das Einzige, was er von den Lehrern 
feiner Jugend angenommen und behalten hat. Aber Ars 
muth, Verachfung, Deue werden dad Alter dieſes Wol, 
luͤſtlings verbittern, wenn die Woluft ihn nicht fung dem 
Grabe überliefert. — Geb‘ die kommenden Mahner, des 
nen er für Arbeit, für Waare, oder gelichenes Geld 
ſchuldig ift, die des Shrigen bedürfen, und denen er oft 
fein mündlich und fihriftiih) gegebenes Wort, zu gewiſſer 
Zeit zu bezahlen, gebrochen hat. Mit dem angeboinen Glaſe 
Mein wird er fie nicht befriedigen. Sie murren und dro— 
ben. Dieſes wundert und erfchreeft den hinter ihnen 
fommenden Süngling, den Mirgenoffen feiner Wolluſt, 
der eben fo verächtlich iſt, und unglücklich wird, als er. 


3 
Solon und Croͤſus. 





His mas von Solon in ber Gefchichte ſteht, belehret 
ung, daß er ein febr Eluger und guter Mann gemefen 
fen , umd daß die Alten recht gehabt, bie ihn als einen 
der berühmteften unter den fieben weifen Maͤnnern Grier 
chenlandes geachtet haben. Er lebte ohngefehr 700 Zah: 
re vor Chriſti Geburt; und fehon in feiner Jugend war 
ihm nichts -lieber, als viel Nüzliches zu lernen Blog 
deswegen foll er auch ein Kaufmann geworden ſehn, das _ 
mis ex viel herum reifen, und auf feinen Reifen mancher⸗ 
| Ss (eg 


066 Fauaͤnf und vierzigſte Tafel. 


ley Sachen ſehen und erfahren moͤchte, die er zu Hauſe 
nicht haͤtte kennen gelernt. Durch ſein ganzes Leben war 
es fein groͤßtes Vergnügen, immer noch mehr nuͤzliche 
Kenatniße, und Wilfenfchaften zu befommen. Er ſogte 
fogar noch in feinem Alter von fih : Unter beſtaͤndigem 
Lernen werde ih alt. Den Reichthum veradıteie er 
nicht, wie es wohl nad) feiner Zeit einige von den Leuten 
tbaten, die fich für weife Mäni.cr hielten. Darinn hans 
delte er aber Flüger wie fi. Denn Reichthum, welchen 
man von ehrlichen Borfahren und Eltern geerbet hat, oder 
welchen man fih durch Fleiß und Arbeit erworben, wors 
unter fein Pfennig iſt, den man andern burch Beirug 
und Unrecht genommen, ein folcher Reichthum ift Gotteg 
Segen. Wer wollte aber einen Segen Gottes verachten ? 
Das wäre große Suͤnde. Für ein foiches Geſchenk muß 
man Gott immer danfen. Der beftie Dank für irdifchen 
Reichthum aber beſteht darinn, daß man fein Geid und 
Gut nicht verfchiwende zu einem lüberlichen Leben, zur 
hoffärtigen Kleiderpracht und unverſtaͤndigen findifchen Aus— 
gaben, mworüber Fluge Leute lad;en, und bie weder ben, 
der fie macht, ned) andern Leuten Nuzen bringen. 


Aber weil Reichthum eine fehr vergängliche Sache 
ift, die man heute befizen und morgen verlieren kann; Die 
ung nichts hilft, Gottes Gnade und die Liebe guter Men— 
ſchen zu erlangen, wenn wir nicht verfländig und fromm 
dabey find : fo müffen wir auch einen reihen Menſchen 
nicht für den glüclichfien Menfhen halten. Kein Menfch 
in ver Welt muß in unfern Augen glücklicher feyn, ale 
der viel Gutes weiß, und viel Gutes thut. Wäre er auch 
noch fo arm, und von einem geringen Stande, fo muͤſ— 
fen wir ihn für mweit glückticher halten, als einen reichen 
Menichen, der dumm it, der viel Thoͤrichtes und Boͤſes 

thut. 


Das Gleichniß vom reichen und armen Manne, 997 


thut. Ach dieſer ift bey allem feinen Geld und Gut, ein 
elendes, nichtswärdiges Geſchoͤpfe. Gerade fo dachte ber 
weife Solon: 

Er ſagte: Ich wuͤnſche reih zu ſeyn, aber 
ih ſuche mir Feine Schäze mit Ungerechtigkeit zu 
famnilen,, darauf folgt Unglüdk und Strafe — Oft 
werden die Höfen reich und die Frommen leiden Man—⸗ 
gel, und doch wollte ih die Tugend nicht für alles 
Bold wegaeben. Die Tugend ift ein beiiändtges 
Sluͤck, aber der Reichthum ift eine veränderiihe 
Sache — Wer Gold und Silber, viele Aecker, Wie 
fen und große Vichbbeerden bat, der iſt reich, aber 
nicht fo reich als derienige, der geſund iſt, und mun⸗ 
tre, jböne und gute Kinder bat: 

Er kam einmal nach Sardes, zu dem reichen Könige 
dröius. Er ſahe denfelden in der groͤßten Fdniglichen 
Pracht, umgeben mit jeher vielen Hofleuten, die alle auch 
ſehr koͤſtlich gekleidet, und von vielen Bedienten begleitet 
waren. Aber alle die praͤchtigen, Die mit Gold geſtickten 
und mit Edelfteinen befeztin seleiber, Wie das anſehnliche 
Gefolge des Königes, rührten Solon utcht; er dab es 
weder mit Worten noch Mienen zu erkennen, baß er ein 
Vergnügen daran finde Darauf ließ Eröfus ihm feine 
Schazkammer oͤffnen, ihm fein vieleg vorraͤthiges Gold, 
und alle die andern Koftbarfeiten in feinem Schloffe ſehen. 
Aber auch über diefe anfchulihften Reichthuͤner und manche 
faltigfte Pracht, ließ Solon weder einiges Wohlgefallen 
noch Berwunderung merken; hingegen gab er einigen vers 
ftändigen Leuten deutlich zu verſtehen, daß er alles dieß für 
Eitelteit und unnuͤze Pracht eines Fürften hielte, ber nichtg 
Größers und Beſſers zu ſchaͤzen wife, Als Selen alles 
gefehen, fragte ber König: ob er einen gluͤckſeligern 

Ktta i Men 


de 





968 Sünf und viergigfte Tafel. 


Yienfben als ihn, gefunden habe ? Solon antworte. 
te tiemmühig ı Ja, einen atbenienfifhen Bürger mit 
Amen Eellus. Diefer war ein ſehr ehrlicher Mann; 
er hatte ſo viel, als er zu feinem Unterhalt gebrauds 
te, er binterließ woblerzogene Rinder, er flarb mit 
Ruhm, zum Beften feines Vaterlandes, 


Eröjus, der einen zu ſchwachen Verftand hatte, ald 
daß er einſahe, wie ſchoͤn und richtig diefe Antwort war, 
hielt Solon für einfältig, weil er einen geiingen ehrlichen 
Hann glücklicher ſchaͤzte, als ihn, bey feinen unausſprechli⸗ 
chen Schäzen und großem Königreihe. Dock fragte er 
ibn noch zum andernmale : wen er denn nach dem Tel: 
Ius am glückfeligfien gefunden ? dieobis und Byton 
von Argos, antwortete er, zween Brüder, die fich 
felogt unter einander, und ihre Mutter auf Das zaͤrt⸗ 
lichſte iebren. Einſt als ihre Mutter, eine Priefters 
inn, an seinem boben sefte, fid in den Tempel der 
uno begeben follte, und die Ochſen zu lange aus 
bireben, \pannten fie firh felbit vor den Wagen, und 
zogen ibn bie an den Tempel, zwey Yieilen weit. 
Alle Leute wänfbten ihr Gluͤck, zu ſolchen gehorfas 
mien guten Rindern. Sie jelbft war voll Sreude, 
und vetete für Nie, daß fie Das befte Glück der Men—⸗ 
ſchen zum Kohn ihrer Findliden Treue erlangen 
möwten. Sie ſtarben bald darauf fanft und frölich, 
und nach ibrem Tode, blieb ihr Andenfen zu Argos 
in groſſen Kuren. Wlan ſprach beftändig von ihnen 
fit Hoͤhachtung, als von liebenswürdigen frommen 
Serlen. 

Croͤſus ward zornig darüber, daß Solon ihn bey 
fernen Reichthuͤnern und feiner Pracht nicht unter die 
Gluͤckſeligen rechnete. Uber fehmeicheln Fonnte Solon 

nicht, 








Das Gleichniß vom armen und reihen Manne. 949 


nicht, denn er liebte die Wahrheit über alles. Er gab 
ihn noch mit aller Befcheidenheit einige gute Kehren, bie 
den Croͤſus zwar traurig, aber nicht Flüger und beffer 
machten. Unter andern fügte er zu ihm: das Keben 
der Menſchen ift manderley Zufällen unterworfen, 
und ihre Glück ift ſehr veränderlih. Reiner Fann 
mit Gewißbeit fagen, ob er bis an fein Ende reich 
und, glüclich bleiben werde — Gidjus verachtete zwar 
damals diefe Lehre, und glaubte nicht, daß er ie würde 
unglücklich werden Finnen. Als er aber vom Cyrus, 
dem Könige der Serfer, in einer Schlacht überwunden, 
gefangen genommen, undan einen Pfahl gebunden wurde, 
um verbrannt zu werden, da esinzerie er ſich an alle diefe 
Lehren und rief , da ihn eben die Flammen ergreifen woll« 
tn: O Solon, Solon ! Cyrus ließ fragen, mas 
das bedeute ? und befam zur Antwort : diefer weife Mann 
hätte ihm vormals gefagt, vor feinem Tode fen Fein Menfch 
glücklich zu preifen. Die machte fo viel Eindruck beym 
Eieger, daß er ihm das Leben fehenfte, und das Feuer 
auszulöfchen befahl. Allein es hatte ſchon Üüberhand ges 
nommen; daher die Lydier den Apollo, melchen Croͤſus 
allezeit fehr verehrer harte, anricfen ihren König zu erhals 
ten. Da foll denn ein pigzlicher und ſtarker Plazregen 
das Feuer ausgelsfcht haben, daß Croͤſus erreftet werden 
fonnte.e Cyprus machte ihn barauf zu feinen Raih und 
zum Herrn der Stadt Borene, 


Ttt 3 4. 





970 Fünf md viersigfte Tafel. 


RE ET EEE 


4. 
Der Geizige, CElem. Tab, XXVII, 2.) 





©. bier einen Lafterhaften und Unglücklichen , ben 
Geizhals, mitten unter feinen Schaͤzen. Er ift fo reich, 
daß er von einem Theile feines Geldes mit ben Seinigen 
hundert Sjahre, nach den guten Sitten eines Wohlhabenden 
leben fönnte, wenn er auch in aller der Zeit nichts mehr 
ermürbe, Aber ſeht, mie er lebt ! Er bat feine Freu— 
de, als in dem Andenfen an feine Geldbeutel und Kaften; 
und felbft diefe hat er nur felten, weil er feinen Begiers 
ben nie genug gewinnt und erfparf ; und meil er in beſtaͤn⸗ 
diger Angft ift, feines häufig bey ihm verwahrten Geldes 
wegen umgebracht zu werden. Diefes fürchtet er faft 
von iedem Menfchen : darum liegt eine Piftole auf dem 
Tiſche. — 

Was Könnte er mit feinem Neichthume nicht Gutes 
fchaffen, wenn er einen Theil verfchenfte, und dem uͤbri⸗ 
gen mit Sicherheit an rebliche Menſchen ausliehe, die durch 
den Gebrauch beffelben auch eimas erwerben Eönnten ? 
ber nein ! alles wird entweder ängftlich verwahrt, ober, 
ohne einen Liebesdienft zu thun, auf Zinfen verliehen. Da 
liegt die Goldwaage vor ihm, Soll er etwas ausgeben, 
fo ſucht er Geldſtuͤcke, die das rechte Gewicht nicht haben, 
und woran der Empfänger Schaden leiden Fann : ift aber 
ein Stück zufäligerweife zu ſchwer, fo legt er es zu ber 
Summe, bie er nach bem Gewichte verkaufen ober eins 
fhmelzen mil, Er ift mager, weil er ſich felten fatt iſ⸗ 
fet, und immer forget; zerlumpt und fchmugig, weil die 

Auss 


Ta ni 


Das Gleichniß vom reichen und armen Manne. 971 


Ausbeſſerung der Kleider etwas Foftet, und im Waſchen 
das Zeug zerrieben twird- Kerzenlicht mag er nicht beens 
sen , fondern bultet lieber den übelziecchenden Dunft der 
Lampe. Auch im Winter wird er lieber frieren als Holz 
Esuien wollen — Deun einen Dfen tieht man nicht in Tele 
nem Zimmer. Bequeme Stühle fann er auch nicht haben ; 
denn Stroh ift vergängliher als Holz, - und Leber viel 
theurer — Gebt das durch) feinen Geiz verurfachte Elend 
in dem Gefihte und dem ganzen Aufzuge feiner Frau. 
Sie giebt den Kindern ein paar Nepfel. Verſchwenderi— 
ſches Weib, ruft er im rafenden Zorne, du wirft mich 
noch arm und ungluͤcklich machen; aus diefen Aeps 
feln, und einem guten Stücke Brod hätte eine Abends 
malzeir werden Fönnen — Wie wird er feine unjarle 
digen Kinder erzichen ? Mit Härte und Öraufamkeit — ch» 
ne linterricht, und ohne Angewoͤhnung zu ſolchen Sitten, 
bey weldhen fie zu ihrem und anderer Vergnügen einmal 
ben Neichthun brauchen Fönnten, den er ihnen ungern zus 
rücfe läßt, nach dem er arm genug gelebt hat, um reich 
zu ſterben, und mit der Schuld eines Lafterhaften in das 
zweyte Leben uͤberzugehen. 





— — ——— ————⏑ ——“— — 


5. 
Steine, vornehmlich, koͤſtliche Steine. 
Verſteinerungen. 


den Mineralien (Tab, XXVI, 5. XXVIII, 5.) . 
machen die Steine die zweyte Hauptklaffe aus. Sie uns 
terſcheiden fich von den übrigen Mineralien dadurch, bag 

Tita ibre 





972 Fuͤnf und vierzigſte Tafel. 


ihre Theile einen flarfen Zuſammenhang haben, und fid) 
weder durch, Waffer von einander trennen, noch aud) 
buch den Hammer in eine andere Lage bringen laſſen. Sie 
entſtehen durch die Verbindung verfchtedener Erdarten; 
doch läßt fih die Urt und Weife, wie die erdicdhen Theil- 
chen burg) ihre Vereinigung die mancherley Arten von Stei- 
nen bilden koͤnnen, noch nicht völlig erflären. Nach Bes 
fhaffenheit diefer Verbindung der Erdarten unter einander, 
giebt es auch verfchiedene Steine, und man fann die ganze 
Klaſſe terfelben bequem in fünf Ordnungen eintheilen , 
nehmlich in Falchartige, alasartige, feuervefte, felor 
artige oder vermwifchte, und gebildete Steine. 


I. Durch kalchartige Steine verffeht man alle Sat, 
fungen win Steinen , welche die Eigenfchaft befizen, daß 
fie im Feuer locker werden, und hernach in einen Staub 
zerfallen, mit: Waffer vermifcht, aber micder erhärten. 
Hieher gehören: 1) Der gemeine Raldftein, aus wels 
chem der zum Bauen ndihige Kalch gebrannt wird ; der 
aber auch von den Aerzten, ingleichen von den Faͤrbern, 


Seifenfiedern und Eerbern gebraucht wird. 2) Der Miarı - 


mor (A. q.), welcher ein dichteres und vefieres Gewebe 
bat als der Kalchſtein, und eine ſchoͤne Politur annimmt. 
E8 giebt, vornehmlih in Stalien, verſchiedene Arten 
deſſelben, faft son allen erfinnlichen Farben ; und bie 
meiften haben allerley Streifen, lecken und Figuren, aus 
denen eine geübte Einbildungsfraft Schlöffer „ Städte, 
Baͤume und Landfihaften zu machen pflegt. Er wird ges 
meiniglich nur zu den praächtigften Gebäuden genonmen ; 
3) Ralchſpath, ein blättriger Stein, der hie und da 
blos zu Silberſand zerfchlagen oder gebrannt wird. Kine 
rt davon wird islaͤndiſcher Kryfiall oder Doppelftein 
genannt, weil iman die dadurch betrachteten Gegenflände 

boppelt 


Das Gleichniß vom reichen und armen Manne. 973 


doppelt ſieht; 4) Der Stinkſtein, melcher nach Kazen« 
urin riecht, wenn er gerieben wird; 5) Der Ducs ober 
Tufſtein, welcher raub, leicht und Iöchricht iſt, vielerley 
Geflalt und Farben hat, und in den Helen von den her- 
abtröpfelnden Waffertropfen entfteht, daher er auch Tropfs 
fein heiffer. In der berügmten Baumanshöle, nicht weit 
von. Halberftadt, hat diefer Stein die feltenfien Figuren 
j. €. Tiſche, Stühle, Werkzeuge, Statıren, Thiere ıc. 
gebildet ; 6) Die gypsartisen Steine, welde fich leicht 
in ein meblartiges Pulver verwandeln laſſen, und mit 
Waſſer vermifcht, ohne Erhisung wieder verhärten. Hie— 
her gebören: a) der gemeine mweiffe oder graue Gypse 
fein, deſſen fi) die Deaurer, Bildhauer und vornehmlich 
bie Stuffatur» Arbeiter bedienen; b) der Alabaſter CA. o.) 
von verfchiebenen Farben, welcher zu Statuen und allerley 
Ziguren gebraucht wird; ec) das Srauenglas oder Mari 
englas, ein ganz durchſichtiger biätteriger Stein, aus 
welchem in Rußland Fenſterſcheiben gemacht werden, befa 
fen Mehl auch als der reinſte Gyps gebraucht wird; d) 
der bononifche Stein, oder der bolognefer Spatb, 
ein halb durchſchtiger faferiger Siein. Wird er gwifchen 
Kohlen calcinirt, fo erbält er dadurch die befondere Eis 
genfhaft, daß er, nach dem er wieder erfaltet ift, bag 
Licht von audern leuchtenden Körpern an fich zieht, und 
hernad) im Finftern einen Schein wie ghiende Kohlen vor 
ſich giebt. 


H. Die glasartigen Steine find meiftens durchfichtig 
und werden im Feuer geſchwinder als andere zu Glafe, 
Man rechnet zu denfelben die Edelſteine, die Rieſelar⸗ 
ten, die Hornfieine, den Sandftein und den Schies 
fer, 


ztts5 1. Die 





974 Fuͤnf und vierzigſte Tafel. 


1. Die Edelſteine find ſehr harte, durchſichtige 
Steine, die ſich ſchleifen und ſehr gut poliren laſſen. We— 
gen ihrer vorzuͤglichen Haͤrte und vortrefflichen Glanzes 
werden fie auch fo hoch geſchaͤzet. Man rechnet zu den⸗ 
felben: a) den Diamant (A. k.). Er iſt der koſtbarſte 
unter allen Edelfieinen. Beine Schönheit wird nad) dsey- 
erley Kigenfchaften beurtheilet, dem Wafler, ober ber 
Durchfichtigfeit, der Neinigfeit, dem Glanze oder ber 
Lebhaftigkeit feines Seuers. Der grüne Diamant ift der 
zarefte und koſtbarſte. Der rofenfarbe und blaue, mie 
auch der gelbe werden nicht weniger gefchäzt. Die fchwar- 
zen Diamante find die gemeinften. Diefe Farbe wird für 
einen Fehler angefehen, welcher den Preis des Steind 
ſehr vermindert. Die Juwelirer theilen die gefchliffenen 
Diamanten in Tafelfteine, Hofenfteine und Brillanten 
ein. Die Tafelfteine, welche am menigften koſten, find 
oben und unten platt gefchliffen, und haben nur an den 
> Seiten Facetten, oder edige Flächen. Bey den Nofen» 

fteinen oder Roſetten ift der untere Theil ‚platt, der 
obere hingegen läuft fpisig zu, und bat etliche Reihen 
Facetten über einander. Die Brillanten, weldye das meis 
fie foften, find oberwärts und unterwärts eben fo, mie 
die Rofenfteine an dem obern Theile gefchliffen, Sie endis 
gen fich unten allemal in eine Spige, oben aber auch oͤf⸗ 
ters in eine ecfige horizontale Fläche. Man findet zuwei⸗ 
len Diamante, die in fchnellen Strömen unter dem Saite 
be fortgeführet, und dadurch von Natur poliref und voll 
fommen burchfichtig worden find. Die eigentlichen und 
vornehmflen Diemantgruben aber find in den Staaten 
des Öroßmogols, im Königreiche Golconda und Pifapur. 
Veberhaupt ift Indien das Vaterland der größten und koſt⸗ 
barſten Edelfteine , befonbers Peau, Bengalen, Ceylon und 
Bornep, 





Das Gleichniß vom reichen und armen Wanne. 975 


Hormeo, Die größten Dismanten in ber Melt find: 
1) der Stein des Brosmogeld, der auf 2930819 Thaler 
geſchaͤzt wird; 2) der Diumant des Großher;ogs von Tos 
fcana, 652083 Thaler am Werth; 3) der fogenannte grofs 
fe Sancy , der fih in der franzöfifchen Krone befindet, und 
150000 Thaler werth ift ; 4) ber beynahe unichäzbare 
Diamant, der in ben Gewoͤlbern der amflerdamer Banf fo 
lange vermwahrlich aufgehoben wird, big fic) jemand fins 
bet, der reich genug ift, ihm zu Faufen; 5) der Stein, 
tselcher einen Theil des Schazes des Königes von Portu⸗ 
Hell ausmacht, der auf 224 Millionen Pfund Sterling ger 
fhäzt wird, b) Der Rubin ift nad) dem Diamant der 
haͤtteſte Edelftein. Die Geile greift ihn nicht an, Er 
miderfieht dem ftärfften Feuer, Der prientalifhe Nubin 
bat entweder eine lebhafte Cochenille- oder Kirſchfarbe. 
Wenn er fchön blutroth iſt, und über 20 Karate miegt, 
fo bekommt er den Namen Rarfunfel. Cr muß aber eis 
ne brennende Nöihe haben. Der Rubin Ballas iſt hell- 
got), auch pomeranzenfärbig. Der Rubin Spinel hat 
eine fehr ſchwache helleothe Farbe. Der Rubizell ift blaß— 
roth, und fält in das Strohgelbe, c) Der Sapphir 
kommt nach dem Rubin, dem Diamant am nächiten in 
der Härte. Er bat ein vortrefflihes Himmelblau, dag 
wie der fchönfte blaue Sammt fpielt , fo daß es weder zu 
bel noch zu dunkel ausfällt, Der occidentalifche ift weis, 
mit einer bimmelblauen Mifhung, und hat fehr oft den 
Sehler, daß er weich oder frübe ift, wie derienige, wel—⸗ 
cher aus Echlefien, Böhmen und Elfaß gebracht wird 
Der waflerfarbige Seppbir , welcher aus Ceylon kommt, 
foH bey den Juwelierern sfters die Stelle des Diamanten 
vertreten, dem er fehr gleich fommt, Sin Perfien finde: 
man auch einen grünlihen Sapphir, der unter wis 

blauen 


976 Fuͤnf und vierzigfte Tafel. 


blauen Farbe, einen grünlihen Anftridy bat. d) Der 
Topas iſt goldgelb, mit einem ſehr lebhaften und wenigen 
oder mehr dunklen Gruͤn vermiſcht. Der arabiſche iſt der 
koſtbarſte, und feine Farbe faͤllt in das Citronen » oder 
Jonquillengelb. Der welcher in ben boͤhmiſchen und ſaͤch— 
ſiſchen Gebirgen gefunden wird, iſt mehr durchſichtig und 
blaßgelb. e) Der Smaragd hat den fünften Rang uns 
ter ben Edelfteinen. Der orientaliſche hat ein lebhaftes 
Grin und ein fchönes firahlendes Waſſer. Dieienigen nens 
net man occidentalifche Steine, deren Farbe mehr vers 
duͤnnt erfcheinet, die nehmlih ein. belieres und dem Yuge 
angenehmeres Grün haben. f) Der Chryſopras ifi ein 
ducchfichtiger goldgrüner Edelſtein, mit welden der Chrys 
folith ein grünlichgelber Stein eine große Aehnlichkeit hat. 
Man findet beyde Arten nicht nur in den mergerländifden 
Gegenden, fondern auch in verfchiedenen europäiichen Laͤu⸗ 
dern, z. E. in Schleſien und Böhmen. g) Der Amethyſt 
ift entiveder ganz violet, ober von einem Violet, das ins 
purpurfarbige fallt. Es giebt auch gelbliche, blaffe oder 
tveinfarbige mit einer Fleinen blauen Miſchung, röthliche 
eber violste, mit purpurroth gemifcht. bh) Der Gras 
net ift dunkelroth. Einige haben ein lebhaftes Koch, ans 
dere fallen ins Violete sder Dickblaue. i) Der Hyacinth 
hat ein ing Gelbe falicndes Neth, Einige fallen ind Vio— 
kete, andere find fafraugelb, gelblich weis, bernfteinfars 
big , honiggelb ec. K) Der Berill oder Aquamarin hat 
eine blaugrüne oder mzergrüne Farbe, die man Seladon 
nennet, 1) Der Turmalin, der erft feit ohngefehr 60 
Sahren in Eurepa befannt iſt, hat eine rothbraune Farbe, 
Er wird in Ceplon gefunden und hat die befondere Eigen» 
ſchaft, daß er durch die Wärme und vorzüglich im fieden« 
den Waſſer eleftrifch wird, Man nennet ihn baher auch 

Aſchen⸗ 


Das Sleihnig vom reichen und armen Manne. 977 


Aſchentrecker oder Afchenzieber, weil er, tvenn mar 
ihn auf glüende Kohlen legt, die Afche an fich zieht. 


2. Die Fiefelsrtigen Steine, welche fehr hart find, 
und gegen den Stahl Feuer fchlagen. Dlan rechnet dar« 
unfer a) den gemeinen Kieſel, welcher zum Pflaftern 
und Glasmachen gebraucht wird; b) den Guarz oder 
Ries; c) den Kryſtall (A. 1.); d) den Slinten: ober 
Feuerſtein; e) den Ehalcedon, ein halbburchfichtiger, 


gemeiniglih weißgrauer Stein; f) den Carneol, ein 


fleifchfarbiger oder rother, ziemlich durchfichtiger Stein ; 
g) den Onyx oder Onych, der halb durchfichtig, und 
mit allerley Adern durchlaufen iſt; h) den Opal oder Ele—⸗ 
mentitein, ber roth, gen, blau und gelb ausficht, 
nachdem er gebrehet wird, Kine Urt deffelben wird Welt⸗ 
auge genennet, welcher im Waſſer wie eine glüende Koh— 
le leuchten fol; i) den Sardonir, if eine Vermifchung 
von Onyr und Carneol; k) den Achat, von verfchiedenen 
Farben. — 

3. Die Hornfteine, welche beym Zerfchlagen mei» 
ſtentheils Eugelförmige, erbabene, faft wie Mufcheln ges 
fialtete, Brüche geben, und zu denen vornehmlich der 
Jaſpis von verſchiedenen Sarben, der Porpbyr, ein 
rothbrauner Stein, mit weiſſen, fchivarzen und andern 
Flecken, und der blaue mis gelben. Punften und Streifen 
verfcehene Kafurftein gehören. Eine Art von Porphyxr iſt 
der Granit, der in Egppten von ungebeurer Eroͤße ge 
funden wird, aus melden die meiften Obeliſken erbauet 
wurden. Diefe erfiern Arten ber glagartigen Steine wers 
den gemeiniglich entweder zierlich in Gold und Silber sin, 

gefaßt, ober etwas darauf geſchnitten. Die gefafften 
_ Steine werden insgemein Schmuck oder Seſchmeide ae 
nannt, babin z. &, Agraffen, Armbaͤnder, Bazen, Braſ— 
felettew, 


——— 


978 Fünf und vierzigſte Tafel. 


feletten, Kreuzchen (A. ©.) Dhrensehänge, Ninge und 
dergl. gehoͤren. Unter den gefchnittenen Steinen find 
vornehmlich die Antiten, aus der riechen und Roͤmer Fels 
ten befannt und beraͤhmt. Auf der Tafel ficht man einige 
folche gefchnittene Steine, z. E. einen Eolon (A, a.), 
einen Socrates (A. b.), einen Heraflitus (A. d,) der 
über alles weinen fonnte; einen Demokritus ( A, e.), der 
über alles lachte ; Bachhanalten (A, f.), die Aurora (A. 8.) 
den Kaiſer Augufius (A. h.), feine Gemaͤhlin Kivie. 
(A.i.) Endlich gehören unter die glasrtigen Steine uch 


4. Die Sandfteine (A. n.), trelche aus den Steine 
brichen gefprengt und zu Quatern schauen werden; zu 
denen auch die Muͤhlſteine, Scleifiieine, und Siltrir: 
fteine gehören. 

5. Die Schiefer ( A. p.), welche fid) durch ine blätts 
tiges Gewebe von den übrigen unterſcheiden; zu denen ber 
feine Wesftein und der Probirftein gezehlt wird, 


11], Die feuerveften Steine find dieienigen, welche 
im Feuer immer härter werden. Einige derſelben werden 
in derben Stüden gefunden, ;. E. der Serpentinftein, 
der eine grünliche Farbe, mit vielen Fleinen weißlichen und 
fchwarzen Flecken hat. Es giebt auch rothen, gelben, 
grauen, braunen und fchivarzen; und werden Moͤrſel, 
Dintenfäffer und andere Gefäffe daraus gemacht — der 
Nierenſtein ift grün und ein wenig durchfichiig; und der 
Speckſtein, der ſchluͤpfrig und ziemlich weich iſt. Andere 
feuervefte Steine find blättrig, 5. E. das Weiler + umd 
Reißbley, das Bazengold und Ziazenfilber, dag ruffie 
ſche Marienglas. Einige befichen auch aus Faben, 5. € | 
der Amiant oder Asbefi, Bergfladhs , Federweis, Bergs 
Fort — Endlich find auch einige ſchwammigt oder Iöchericht, 
j. €. der Bimſtein. IV. | 


Das Sleihniß vom reihenund armen Manne. 979 


IV. Die Selsfteine, aus welchen gemeiniglich die 
Selfen und Gebirge beftehen, welhe auch Waden und 
Bruchſteine genennf werden; von denfelben Fommen auch 
die meiſten geld s und Pflafterfieine ber. 


V. Die gebildeten Steine, dazu die Naturſpiele, 
die Aborücke und die Verfieinerungen gehören. Dur) 
Vaturfpiele werden alle bieisnigen Steine verftanden , 
welche durch einen ungefähren Zufall eine große Aehnlich— 
feit mit der Bildung eines folden Körpers, der nicht in 
das Mineralreich gehoͤret, erhalten haben; z. E. die Bes 
lemniten ober Singerfieine, (B.k.) Zungenfteine, (B.e.) 
Alapper: oder Adlerjteine von ceyfsrmiger Geftalt, in 
deren inwendigen Höhle ein anderer kleiner beweglicher 
Stein fich befindet. — Die Abdrüde find Steine, welche 
Abbildungen von Thieren und Pflanzen enthalten, ( Bas. 
b.c.£.h.i.) welche genieiniglih Dentriten heiffen , und 
baher entitehen, wenn der Schlamm oder die Erde, 10 
rinn ein dergleichen Thier oder Pflanze begraben liegt, zu 
einen veften Stein verhärtet, wovon man in Naturaliens 
Kabinerten die herrlichſten Stüde findet. Die Verfteis 
nerungen find eigentlich Körper aus dem Thiex » oder 
Pianzenreihe, welche aber durch die im Waffer enthaltes 
ne Sieinmaterie duchdrungen, und nachdem dag Waſſer 
abgedunftet, mit der Zeit in einen Stein verwandelt mors 
den find, Dabin gebören z. E. verfteinerte Knochen von 
Thieren, verfleinertes Holz, Würmer, Mufcheln, oder 
Pektiniten, Rücrade von Tieren, (B. d.) Schnecen, 
welche gemeiniglih Ammonsbörner (B. g.) genennet ver: 
ben, und dergl. Kinige bekommen nur eine fieinige Rin—⸗ 
be und werden daher incruftirte Rörper genannt. Das 
merfwürdigfte biebey ift diefer Umfiand, dag man oft auf 
febr hoben Bergen dergleichen verfleinerte Seethiere in groß 

fer 


930 Sünf und viersigfte Tafel. 


fer Menge ausgräbt, woraus fich fehlieffen laͤſſet, daß dies 
fe Berge entweder ehemals den Boden des Meeres ausges 
macht haben, oder burd) eine ſehr aroße Ueberſchwem— 
mung, dergleichen die Sündfluch geweſen iff, ganz mit Waſ—⸗ 
fer bedeckt worden find. 


Endlich werben auch Sfterd einige Körper Steine ge 
nennet, die wirklich Feine find, z. E. der Blutſtein, 
(A. i.), welches eigentlich ein röthliches figurirtes Eifens 
erzt ift, das die Kraft haben fol, das Blut zu flillen. 





6. 
Die Münze. Zurichtung der Edelfteine, 


D. Münze oder das Geld find Stüde Metall, nad 
einem von der höchften Obrigkeit verordnetem Getwichte mit 
einem gewiffen Zeichen bedrückt, und auf einen gemiffen 
Werth gefezt, damit es im Handel und Wandel gebrancht, 
und darnach der Werth aller Waaren beitimmt merden 
Fann. Um ber Bequemlichfeit willen bey Auszahlung grof- 
fer Summen, bat man bie theuerften Metalle, Gold und 
Silber zu Münzen ermehlet ; obgleich auc Kupfer und 
Zinn, Eifer, Papier und Leber fchon hin und wieder, 
theils aus Noth, theils aus andern Urfachen zu Münzen 
gebraucht murden. Es giebt, überhaupt genommen, 
verfchiedene Arten bderfelben nehmlih : Denfmünzen ober 
Schauftücde und Miedaillen, die zum Andenfen eine: 
merkwürdigen Begebenheit gefchlagen werden ; gangbare 
Muͤnze, die zum allgemeinen Handel und Wandel beftimmf 
ift, und auch hartes ober grobes, und in den Hanbeis: 

frabten; 


Das Gleichniß dom armen und reihen Manne. 981 
ſtaͤdten, Banco und Speciesgeld genennet wird; Scheis 
des oder Kandmürze, bie zum taͤglichen Handtauf unter 
beni gemeinen Volke dienet, und ſelten Meiter gilt als in 
dem Lande; wo es gefchlägen tmorden. Der innerliche 
Werth ber Münze berupet auf ihrem Zeug ünd Gewicht ; 
ober Schrot imd Korn; beit dufferlichen aber ſezet def 
Muͤnzherr nad) Gutbefinden, und wie es Bie Zeit und Um⸗ 

fände erfordern: | 
Die Verfertigung ber Muͤnzen war in den aͤtteſten 
Zeiten ſehr ungekuͤnſtelt. Man grub, aus freyer Hand; 
einen Kopf, ein Kreuz, cin Schild oder andere Fiont ; 
had) Gemohnbeit ber Zeit; mit einer kurzen Randſchrift 
us. In dei neuern Zeiten hat man mehr Fleiß auf dag 
Muͤnzpraͤgen gewandt, und eiane MWerfflärte bazu ers 
richtet, welche gemeiniglich die Muͤnze genennet Werden; 
Jede derſelben hat einen von der Obrigkeit aufgeſtellten 
und verpflichteten Muͤnzmeiſter und Geſeilen. Ihre Ars 
beit beſteht in Gold » und Silberſcheiden, Abtbeilen, 
Schmelzen, Gieffen, Schmieden, Plattenſchneiden, 
Praͤgen, Gluͤhen, Adiuſtiren, Probiren. Denn erſt— 
lich muß der Muͤnzmeiſter dem Gold oder Silber dag bes 
nöthigte Pagament ind den Zufaz aeben, bdamit es bei 
Muͤnzordnungen ‚gemäß fchret = Und kornmaͤßig werde; 
bierauf wird es in Zaine gegoſſen und probitet, ob es adj 
Fichtige Probe halte: Nach diefeni pflegten es die Alten 
mit dem Hammer in die Breite und Fänge fehr muͤhſam zü 
ſchlagen, damit es nicht ati einen Orte dicker werde, als 
an dem andern, welches aber heut zu Tage durch die neu⸗ 
erfundenen Streckwerke viel leichter und beffer geſchiehet. 
So pflegteii fie auch ſolche zu gehoͤriger Dicke gebrachte 
Schienen mit der Scheere in beſondere viereckige Stuͤckchen/ 
etwas ſchwerer, als die Münze werden ſollte, iedoch alle 
Yuu in 





| 
| 


982 Fünf und viersigfte Tafel. 


in einer Größe und Gewicht zu fchneiden, nachmals auss 
zugluͤhen, zu abiuftiren und rund zu fchlagen ; welches aber 
durch die heutigen Schneidwerfe, womit fie durch einen 
Druck in ablange Platten gar leichtlich gefchnitten werben, 
mit Erfparung obiger Mühe auf einmal zu gefchehen pfleget. 
Dann werben fie adiuſtirt, gegläht, und in geftoffenen 
MWeinftein, Salz; und Waffer gefotten und getrodnet; ale, 
denn, nach der alten Art, vermittelft be8 Stempels, 
mit dem Jammer (A. a.), ober nad heutiger Manier, 
durch befondere neu erfundene Stoß« oder Druckwerfe 
und den Anwurf (A. b.) gepräget, und bie verlangte 
Figur und Aufſchrift eingebrude.. Wenn folches gefche- 
hen, werden die unvollfommenen Stücke augsgefondert, und 
wiederum eingefchmolzen, die gar Fleine Scheidemuͤnze aber, 
wie viel Stüde derfelben auf eine Mark gehen müffen, 
ausgerechnet, und fodann ber Marf nad) abgewogen und ges 
gehlet. Darauf nimmt der NTünzwardein , ber zur Pro« 
be des ausgeprägten Geldes verpflichtet if, unter den vie 
len gemüngten Sorten ein Stüf nah Belieben heraus, 
ſchneidet folche® entzwey, ftdfet die eine Hälfte in eine ber 
fondere Büchfe , um ſolche bey den im roͤmiſchen Reiche ans 
geordneten Miinzprobations. Tagen vorzulegen, ba er 
inzwifchen die andern, ob fie Schrot und Korn halten, auf 
das fleißigfte probiret. 

Ein iedes Land hat feine eignen Muͤnzſorten, deren 
Cours oder Werth bald um etwas fleigt, bald fält. In 
Deutichland wird in den meiften Greifen nach Thalern 
und Groſchen, in andern nad Gulden und Krezern ges 
rechnet. Nach dem fächfifben Suß hält der Thaler, 
24 Grofben, der Ducate 2. Thl. 18. Gr. die Mark 
3 Gr. der Goldgulden 2. Thl. der Kouisd’or ober Pis 


ftolette 5. Ihl. der Carolin 6, Ihl. 8. Gr. der Souver⸗ 
i ain 


Das Gleichniß vom reichen und armen Manne. 983 


ain 8. Thl. der Maxd'or 4. Thl. der meißniſche Gulden 
21. Gr. der Raiſergulden 6. Gr. der fraͤnkiſche Gul⸗ 
den 60. Rreuzer, der Reichsthaler 90. Kr. der Com 
ventions: Thaler 2. Gulden und 24. Sr. der Bazen 4. 
Fr. der Kreuzer 4. Pfennige, der Pfennig 2. Heller, 
In Portugall giebt eg Lruifaden zu 1. Thl 4. Gr 
(ſaͤchſiſch), Realen zu 25. Gr. In Spanien: Stück 
“von Achten, zu 1. Thl. Maravedis zu 1. Pfennig, 
Dublonen zu 5. Thl. Kronen zu 1. Thl. 13. Gr, In 
„holland: Gulden, zu ı2. Gr. ober 20 Stüver, Stüver 
zu 7 Pfennigen, Patacon zu ı Thl. 4. Gr. FEnglund 
münzt nah Pfunden, Schillingen und Pfennigen. Kin 
Pfund Sterling hat 6. Thl. ein Schilling 6 Gr. 9. Pf. 
Roſenobel 5. Thl. 20 Gr. Guinee 5. Thl. 18. Gr, 
Eine Dänische Doppelfrone hält 2. Ihi. In Rußland 
giebt es vornehmlih Aubeln, weldhe in Gold 2. Thl. und 
im Silber ı. Thl. 6. Gr. machen; auch haben fie daſelbſt 
Ropeidfen, bavon zo einen Thaler machen. Die fchwe; 


diſchen Thaler fiehen mit ben beutfchen in einerley Werth; 


die andern Münzen find Markſtuͤcke in Silbergeld zu 4. 
Gr. und in Kupfergeld 1. Gr. 8. Pf. ein Oehr gilt z, 
Pf. In Polen wird gemeiniglih nach Tümpfen ges 
zehlt, melde wie die Sledermaufe, 5. Ör. betragen, 
Kin Brummer hält 4. Pf. In fransöfifchen Silbermün; 
zen maht der große » oder Kaubtbaler ı TIhl. ı2. Gr, 
der Fleine Thaler ı8. Gr. der Couisblanc 1. Thl. 8, 
Gr. der halbe Louisbiane 16 Gr. der Kivre 8. Gr, fünf 


Sols 2. Gr. Unterden übrigen Gelbforten beträgt ein Portins 


galeſer 10 Ducaten; in Italien eindiafter 1. Thl. 8. Gr, ein 
Sfudi ı. Thl. 8. Gr. ein Zehin 2. Thl. 18. Gr. Serner: ein 
Schilling 3. bis 6. Pf. ein Schock in Böhmen 18. Er. ein 
Ropfſtuͤck 20. Kr. Den den Türken find die Afper gebraͤuch⸗ 

uuua lich, 


. 


984 Fuͤnf und vierzigfte Tafel. 


lich, deren so, 1. Thl. machen. Auch zehlt man bdafelkft 
nach Beuteln, deren einer soo. Thl. macht. Bey ben 
Juden mar ber gemeine Seckel Goldes 4. Thl., und der 
gemeine Seel Silbers 6. Gr. (Nach dem Gewidt 
des Heiligthums galt alles doppelt); und der Silber⸗ 
ling 12. Gr. Zu den alten griechiſchen Münzen gcheren 
vornehmlich die Drachmen, deren eine obngerehr 3. Gr. 
galt. Ein Talent machte nach unfern Gelde 150. Thl. auch 
mehr. Der römifche Denar betrug auch ehngefehr 3. 
Gr. der Sefterz 9. Pf. der AK nicht gar 4.Pf. Der Obol 
einen Heller. Die alten Deutfchen yfiegten am häufigften 
Hohlmünzen oder Brafteaten zu prägen, deren eine Seis 
te hohl, die andere erhaben, dünne, aber von dem feinften 
Silber war; 

Das Gepräge auf den Münzen und Medaillen verfers 
tiget der Stempelfchneider, oder Siegelgräber. Er 
fchneidet mit dem Grabflihel in Stahl, der auf einem 
Stode von Eifen beveftiget if. Er verfertiget auf zweyen 
Stempeln, die Vorderfeite (Avers), und die Rückfeis 
te (Revers) der Münzen und Medaillen, welche hernach 
in ber Münze, in Gold, Silber ever Kupfer geprägt wer⸗ 
den, und ſich erhaben zeigen, Auf gleihe Weife macht 
er Petſchaften mit Wappen, Einnbildern und Namen, die 
in Siegellack abgedruckt werden. Leute von Vermögen 
ftellen fi) ganze Sammlungen von dergleichen Abdrücken, 
Muͤnz und Miedaillen : Rabinete an. 


Mit der Bearbeitung der Kdelfteine befchäftigen 
ſich fünf verfchiedene Künftler : 1) der Steinsober Dias 
mantſchleifer (B). Derfelbe fchleift den Ebelfteinen nicht 
nur ihren Glanz, fondern auch die verfhiedenen rautigen, 
tafligen und dreyeckigen Flächen an, wodurch ber Stein 
gezwungen wird feine firalende Sarben, unter vielerlen Win⸗ 

tel 





Das Sleihni vom reichen und armen Manne. 985 


kel gebrochen, ben ber Fleinften Wendung deſſelben, viele 
fach dem Auge, entgegen zu blizen. Er reibt zwey rohe 
Digmanten an und mit einander, und fehneidet bierdurd) 
die Anlage zu Fleinen Flächen oder Facetten, die er dieſem 
harten Steine geben will. Den Diamantflaub , der hiebey 
abgeht, flreift er, mit Baumsl vermifcht, auf bie eiferne 
Scheibe feinee Schleifmafhine (B), und fchleift dem 
Diamant zu Brillanten, Rofetten, Tafel» und Dickfteinen ; 
2) der Steinfbneiter, welcher die übrigen Edelſteine 
nach den nur gedachten Figuren bilde. Seine Schleife 
muͤhle ift faft die nehmliche, und er beftreicht die Scheibe, 
nach der Härte der Steine, mit Diamantftaub, oder mit 
Schmergel; 3) der Wappenfchneider und alle übrigen 
Kuͤnſtler, die auf der Fläche eines Edelſteines Figuren ausge 
graben. Sie legen gleichfals Diamantftaub an die Schei⸗ 
ben oder Näder einer Fleinen Drebbanf, und der Diamants 
ftaub an ben Scheiben reibt vertiefte Figuren in die Stets 
ne; 4) der Tafeljchneider, welcher aug den Halbebels 
fteinen Tafeln fchneidei, fie zu Gefäffen aushoͤhlet, und 
auf ben Steinen erhasene Figuren bilbet, Seine Mas 
fhine kommt voͤllig mit der Mafchine des Wappenfchneiders 
überein, nur daß fie, nach der Abficht feiner Arbeit gröfe 
fer it; 5) der Juwelirer, welcher die Diamantflächen, 
bie er von dem Steinfchleifer mit dem voͤlligen Glanze bee 
kommt, in fubtile Käftchen von Gold oder Silber einfaßt, 
such mit Juwelen und? Schmud handelt. 


Uuns nr 


* 
———————— 


986 Fünf und vierzigfte Tafel. 
— — 


7. 
Lama und Zenith. 


Wi weit ſtrebt unſer Stolz? Menſch, wuͤnſche dir auf 
Erden 

Nichts als der Wuͤnſche Maͤßigung. 

Wie bald kann nicht der Weiſe gluͤcklich werden! 

Wann aber hat ein Thor genug? 





Durch lange Duͤrre ward Arabien verbrannt. 
Die Fluren ſtarben bin , den Bad) fraß heiſſer Sand, 
Die Brunnen kochten ein, auf den durchgluͤhten Erden 
Verſchmachteten vor Durſt die Hirten und die Heerden. 
Don Hize, Sram und Durft, und beiffen Threnen maft, 
Bon Todesangft erflarrt, und ihres Lebens fatt, 
Stund Lama und Zenitb an ihren nahen Hütten, 
Und feammelten zu Gott der Nettuns ihre Bitten. 
Weit um fie zeichnete ihr Vieh mi, Schaum bie Bahn, 
Und bruͤllte fürchterlicd den fchwülen Himmel an. 


Schnell drang ein b:itrer Glanz durch bie entlaubten 
Heden ’ 
Und wuchs zu einen Geift — 
Ehrfurcht und heilig’ 8 Schreden 
Warf Lama und Zenith zur Erde — Goͤttlichs Licht! 
Allmaͤcht'ger! riefen fie, Erbarmer, toͤdt ung nihe! 
Gefchleht des Staubs! ſprach er, und warum folt 
ihr fterben ? 
Steht auf, was zittert ihe? Ich feßle das DVerberben. 
Der euch erfchuf und nährt, erböret euer Flehn — 
Lebt! Bitter was ihr wollt; ich kann — es fol gefchehn ! 
A 
Sprih , Lama! fprich getroſt. — 


Das Sleihniß vom reihen und armen Manne. 987 


Surcht feßelte die Glieder. 
Dreymal erhub er fih, und dreymal fanf er nieber. 
Geift! fieng er bebend an, wenn deiner Maieftät 
Der Staub fi) nahen darf, fo hoͤr' was Lama flebt ; 
Gewaͤhr' mie einen Bad, der meinem Viehe gnuͤget, 
Mir nie im Winter ſchwillt, im Sommer nie verfieget. 


Es ſey, ſprach er. Ein Blick von feiner Allmacht drang 
“in bag zerlechfie Land. Es riß — ein Bach entfprang. 
Schnell grünte Gras und Laub, es trank bie durſt'ge Tide, 
Und trank dag durſt'ge Vieh von unfers Lama Heerde. 


Und du Zenith, ſprach drauf der wunderthaͤtige Geiſt — 
„Daß fih der Euphrats Strom dem elten Strand ent⸗ 
- reißt; 
„Die Thiere feines Reichs und feine folgen Wellen. _ 
„Durch meine Wiefen gehn, an meiner Hütte fchwellen ; 
„Und wo bie Fluth fih theilt — 


Verblendeter , Halt ein! 
Mag mwillft du ? rief ber Geift, 
„Der Herr bed Euphrats ſeyn — 
So ſeys, ſprach er, fe ſeys! 


Schnell bonnerten die Wogen 
Des Euphrats. Er dringt ein. Sn feine Fluth gezogen 
Ertranf Zenit) — 

Vergnuͤgt genoß noch lange Zeit 
ein Lama feinen Bach, den Lohn ver Mäßigkeit. 


Aun 4 8. 


988 Fünf und vierzigſte Tafel, 





8. 


Maas war König in Phrygien, und ein Sohn bes 
Gordius, deſſen Knoten aus der Geſchichte des Aleranders 
befannt ifl, Er regierte ohngefehr 400 Jahre vor Chrifti 
Geburt, und fol einer der reichfien Könige geweſen feyn, 
der durch feine Klugheit und Wachfamfeit große Schäge zu 
häufen wußte, welche Faͤhigkeiten aber durch allerley 
Fabeln entftellt wurden, 


Man fagt nehmlich, daß ihm ſchon in feiner Jugend 
die Ameifen Getraide, Kerner in den Mund getragen ba« 
ben; aus welcher DBegebenheit die Wahrfager den Schluß 
machten, daß er fehr reich werben würde. Als er Koͤ⸗ 
nig ward, Fam einit Silen, melcer dem Bacchus, fer 
gen Zrunfenheit, nicht meht nachfolgen Eonnte, zu ihm, 
Da ihn nun Midas auf das Beſte bewirthete, fo wurde 
Bacchus fo ſehr dadurch gerührt, daß er ihm veriprad), 
ihm alies zu bewiligen, mas er verlangte; und Midas 
verlangte von ihm, daß alles zu Gold würde, mas er 
anruͤhrete. Bacchus gewährte ihm dieſe Bitte — aber 
bald fahe Midas ein, baß fein Wunſch thoͤrigt war; 
benn es wurde nicht nur Holz, Stein, Waller und dergl, 
zu Gold, fondern auch bie Speiffen und das Getränfe, 
Das er in den Mund nehmen wollte, verwandelte fi) in 
diefes Metal. Wie ihn nun Hunger und Durfi graufam 
plagten, fo rief er den Bacchus innigft an, ihn wieder 
von diefer Roth zu befreyen, Diefer geftund ihm foldyes 


zu, und befahl ihm, er fonte in dem Fluſſe Paktolus dem 
Warfer 





ni in 





Das Gleichniß vom reichen und armen Manne. 989 


Waſſer entgegen geben, und in befien Duelle den Kopf 
tauchen , ſich aber fodann am ganzen Leibe in dem Strome 
baden. Er that folhes, und wurde dadurch feiner Plage 
log — ber Fluß aber fieng nun an reichli Gold mit fic) 
zu führen, daher er auch ben Namen Goldfluß befam. 


Kaum war Midas aus biefer Noth errettet, fo ges 
rieth er in eine andere, da Apollo und Yan mit einander 
flritten , mer der befte Meifter in der Mufif fy. Da 
fih nun Apollo auf feiner Leyer, Pan aber auf feiner Pfeis 
fe hören ließ, fo ſprach Tmolus, König in Lybien den 
Vorzug dem Apollo zu; Midas aber meinte, er habe nicht recht 
geurtheilet, und gab den Preis dem Pan. Dieß verbroß 
ben Apollo bergeftalt , daß er ihm fiatt der Menfchenohren 
ein paar große und lange Efelgohren an den Kopf feste, 
Er ſuchte diefelben auf alle Art vor den Menfchen zu ver- 
bergen, und infonderheit durch feine Fönigliche Muͤze zu 
bedecken. Nein meil er feine Ohren doch nicht vor den 
Barbier verbergen konnte, fo wurde bie Sache durch den, 
felben gar bald allenthalben befannt, Zwar getraute fich dee 
Barbier nicht dien Geheimniß feldft auszubreiten — weil 
aber Schweigen nie feine und feiner Brüder Sache war, 
fo grub er ein Loch in die Erde, und fagte ganz ſachte in 
baßelbe ; der König Midas har Eſelsohren! und ſchar— 
. tete die Erde wieder zu. Alleine bald darauf wuchs auf 
dieſer Stätte eine Menge Schilfrohr, welches, menn eg 
von dem Winde bewegt wurde, mit feinem Geräufche eben 
‚biefe Worte hören ließ, wodurd die Sache gar bald alfente 
halben ruchbar wurde. 








Uuus 9 


999 | Fünf und vierzigfte Tafel. 
— 


9. | 
Der Ducatenregen. 


NM. träumte, ich sieng an einem angenehmen Tage im 
Malde fpazieren. Da ich aber fahe, daß fich eine fehr 
ſchwarze Wolfe aufjog, fo befürchtete ich ein Gewitter, 
und eilte daher nach Haufe. Kaum hatte ic) das Haug 
erreicht, fo fieng es entfezlich an zu regnen — aber was? 
lauter Ducaten ! In meinem Leben habe ich feinen ſolchen 
Lärm gefeben, ale ben diefem Ducatenregen entflund. 
Die Leute warfen die Gefangbüher an die Erde, melde 
fie in den Händen hatten (denn eg hatte zugleich gebonnert) 
und breiteten alle ihre Tücher und Kleider auf die Straffen, 
ohngeachtet ihnen die Ducaten das Geficht und die Haͤnde 
voller Eicher und Beulen fchlugen. Sie fuhren damit fort, 
fo lange der Regen anbielt, welches etliche Stunden daus 
erte , und fchleppten ganze Tonnen Gold zufammen. Hier⸗ 
durch wurden fie fo abgemattet, und zugleich für Freuden 
über den erhaltenen Scha; fo auffer fich gefegt, daß viele 
dahin fiurben. Die Hinterbliebenen tröfteten fich gar leicht 
durch den Befiz ihrer Schäze, welche burch das ihnen zu⸗ 
gefallene Erbtheil ihrer Verwandten anfehnlich vermehret 
wurden. 

Daß fich iedermann in den erften Tagen für vollkom⸗ 
men glücklich hielt, braucht wohl nicht gefagt zu werden. 
Allein zu allem Unglüde war diefer Ducatenregen burch 
ganz Europa gegangen, und mail iedermann am Golde 
Ueberfluß hatte, fo wurden die üb.igen Welttheile von ben 


Europäern gar nicht mehr beficht, Doch dieſes mar nur 
das 





Das Gleichniß vom reichen und armen Manne. 991 


dag Fieinfte Ungluͤck. Das größefte war, daß man für feine 
Ducaten gar nichts mehr bekommen konnte. Nur bie aller 
geizigften buchen noch Brod, und lieffen fich für eine Sem 
mel zehn Ducaten bezahlen. Doc, wo follte man endlich 
das Mehl hernegmen, da fein Bauer mehr den Acker bes 
fielen wollte, weil ein ieder die Ducaten forgfältig aufs 
elefen hatte, die auf fein Land gefallen waren. - Hier« 
ducch gefchahbe ed, daß die Theurung endlich bdergeftalt 
überhand nahm, daß man eine Kleinigkeit zu Eaufen, Pfer⸗ 
be mit Golvfäacfen beladen mußte Man fieng an dag 
Elend fo ſtark zu fühlen, daß man fich entſchlieſſen muß⸗ 
te, anflatt des Geldes, papiernes Geld einzuführen. 
Nun kam alles wieder. in den vorigen Zuftand, und iebers 
mann mußte geflehben, daß ein Ducatenregen gar Feine 
Gluͤckſeligkeit wäre, 





Sch 


— nn 


992 | 
Sechs und vierzigfte Tafel. 





I, 
Das Gleichniß von den zehn Jungfrauen. 


sy: redete ber liebe Heiland zu feinen Juͤngern von 
feinem Wiederfonmen, und daß er dann, Mie ein 
gerechter Richter thur, die bifen Menfchen firafen und die 
guten belohnen werde. Er fagt es beutlih ; der Tag 
des Gericht8 werde gewiß einbrehen — Die Herrlichkeit 
und Pracht deffelben merde groß fern — bie Menfchen 
aber dann eben am ficherften zu ſeyn glauben. — Cs 
werde dann in der Welt zugeben , mie vor der Sünbfluth, 
da man fich nicht eher in feinen efchäften und Fuftbarfeis 
ten habe ftören laffen, bis Noah in das groffe Schiff ge- 
gangen, und die Wafferfluth eingebrochen fey ; oder ie 
man in der Stadt Sobom bis auf den Tag ihres Unter« 
gangs forglog in allen Wollüften gelebet bat — Daun 
werde aber auch eine plözliche Scheidung vorgehen; Leute, 
die einander die nächften gemwefen, in Einem Haufe gewoh⸗ 
net, auf Einem Felde gearbeitet, werden dann einander 
von der Seite geriffen, die einen glücklich, die andern 
unglücklich werden. — Man habe fi) wohl in Acht zu 
nehmen, ia wie ein Wächter auf gufer Hut zu ftehen, daß 
man nicht, zu feinem unvermeidlichen Verderben, von dem 
Gerichte überfallen werde. — Man mwiffe ia nie, um wels 
che Stunde der Herr komme — Was ich euch fage, 


hieß es da, das ſage ih allen: Wachet! Y 
m 





Das Bleihnig von den sehn Sfungfrauen. 993 


Um dieß Wachen noch mehr zu empfehlen, bediente 
ſich Jeſus einer Erzehlung. Einft warteten zehn Jung: 
frauen auf die Ankunft des Bräutigams und der Braut, 
als weiche fie , nach den Hochzeitgebräuchen der vorigen 
Zeiten, in der Braufnacht abholen und nach Haufe begleis 
ten follten. Es mährte aber etwas lange, und fie ent 
fchliefen ale — Fuͤnfe davon waren aber fo vorfichtig, 
bag fie vor dem Einfchlafen ihre Lampen mit bem Dele 
verfahen, damit fie beym Aufwecken ſogleich in völliger 
Bereitfchaft feyn koͤnnten. Die andern fünfe aber waren 
nicht fo klug. Was gefchahe ? Um die Mitternacht: 
Stunde entftund ein farm: Auf, der Bräutigam 
fommt! Auf, ibm entgegen — Die Zungfrauen ers 
machten alle — aber nun merften erft die Unverftändigen, 
tie thörigt fie gemefen, daß fie fich nicht mit Dele vers 
fahen — Gebt uns doch, fagten fie. zu den Klugen , von 
euren Dele, unfre Lampen wollen verlöfhen. Die Kius 
gen aber twiefen fie ab, und fagten, mir Finnen von un 
feen Vorrathe nichts verfchenfen , fonft würde eg ung und 
euch fehlen — Gehet aber hin zu ben Kraͤmern und faufs 
fet euch welches. Dieß thaten denn die abgemiefenen 
Jungfrauen (b), aber zu fpäte. Indem fie hingiengen 
zu Faufen , fam der Bräutigam mit feiner Braut — Die 
Klugen ſtunden fchon in Bereitſchaft, giengen ihnen ent- 
gegen (dA), wurden mit Ehren empfangen und mit zum 
Hochzeitmahl genotimen. Schon läangft war die Thuͤre 
wieder verfhloffen, da bie Unverftändigen auch kamen, 
anklopften und fchrien, daß man fie doch einlaffen moͤch—⸗ 
fe (c) — Allein der Bräutigam rief, er wiffe nichts von 
ihnen — Da fie nicht bereitet waren ihn zu empfangen, 
fo koͤnnten fie iezt auch nicht mehr eingelaffen werden. — 


& 


- 


994 Sechs und vierzigſte Tafel. 


So wird es allen denen gehen, ſezt Jeſus hinzu, 
welche fich nicht auf die Wiederfunft des Richters vorbes 
reiten — nicht wachen, nicht beten, fich nicht befehren. — 


HALTET 


Drum, guter Bater ! Hilf, 
Hilf mir, zu allen Zeiten, 
Mich ieden Augenblick 
Recht mürdig zu bereiten 
Zum lezten Augenblid — 

Sa mach mich felbft bereit 
Zum Tod, zum iuͤngſten Tag 
Zu deiner Herrlichkeit ! 


—— En 
2, 
Abbildung einiger Tuaenden, 


J. Geſellſchaft dieſer Freundinen, der Sanftmuth, der 
Demuth, der Treue, der Wachſamkeit, der Sreund: 
lichFeit wird man nie die Thore der Seelenruhe, der Eh» 
re, ber ewigen Wohlfarth verfehlen. Wenn Zorn und 
Stolz die Lebenstage verkürzen, und einen nahen Sal 
gebaͤhren, fo verlängert ein fiiller, gelaffener Geift dies 
felben , und Demuth erhebt — Wenn Untreue feinen 
eignen Heren fhlägt — Sicherheit das Verderben ſchnell 
herbeyführet — und Wildbeit Engel und Menſchen ver, 
fcheucht — fo wird, im Gegentheil, ein treuer Mann 
viel gefegnet, der Wachende erreftet, und der Freund— 
liche erfreuet. 


Auch 


Das Gleichniß von den sehn Jungfrauen. 995 


Auch diefe Tugenden hat man, wie die übrigen ( Tab. 
XXXIV, a. XLIX, 2.) einigermaffen ſichtbar zu machen 
geſucht — mwenigften® haben die Kuͤnſtler bey deren Abbil- 
dung Geſchmack und ihren Wiz gezeigt. Sie gaben z. €. 
der Sanftmutbh (a) einen Oelzweig in die eine, und eine 
Taube in die andere Hand ; denn die Ausübung dieſer 
Tugend erhält das Band des Friedens unverlezt, und zeigt 
fi) allenthalben ohne Falſch. Die Demuth (b) wird 
mit gefenftem Haupte, bie Arme kreuzweiſe über die Bruſt 
gelegt, vorgeftellt ; zu ihren Füffen liegt gemeiniglich eine 
Krone — Gottes Gnade , in mir die Uebergeugung davon, 
fpricht fie, ift mir mehr als Erben Hoheit. Die Treue 
(ce) wird mit einem Schlüffel in der Hand, und mit eis 
nem Hunde neben ihr abgebildet. Dft hat fie in der eis 
nen Hand ein Siegel, und in der andern ein Horn. Zwey 
Hände in einander gefhhlungen, find auf Münzen, das ges 
wehnliche Kennzeichen der Treue. Die Wachſamkeit (d) 
erfennet man leicht an dem Hafen, den fie in ber rechten 
Hand Hält, und an ber Lampe, die fie in der linken trägt. 
Zumeilen ftellt man fie auch als eine geflügelte Weibgper- 
fon vor, die in einer Hand eine Sanduhr, und in der an« 
bern einen Hahn, und einen Sporn, als Zeichen ber 
Munterkeit halt. Oefters flellet man auch flatt des Hah⸗ 
nes einen Kranich an ihre Seite, der auf einem Fuße 
fieht, und in der andern Klaue einen Etein hal. Die 
Sreundlichkeit (e) beut mit gefälliger Miene Freunden 
und Feinden bie offne Hand an, und legt die andere auf 
ihr Herz, zum Zeugniß, daß ihr Anerbieten Wahrheit una 
nicht Verftelung it — Denn 

Ein Herz , von Eigenliebe fern, 
gern von des Stoljes eitlem Triebe; 
Geheiligt durch die Furcht bes Nesen, 
| Durch 


956 Sechs und viersigfte Tafel, 


Durch Treue, Wachſamkeit und Liebe; 
Dies iſts, was Gott von uns verlangk: 
Und wenn wir nicht dieß Herz befizen, 
Eo wird ein Leben und nichts nmuͤzen 
Das mit den größten Thäten prangt, 





NR — B— 


3. 


Beruͤhmtes Frauenzimmer der Vorwelt 
insbeſondere Penelope. 


—J ein Muſter der Treue und der Beſtaͤndigkeit, 
war des Ikarus, eines lacädemonifchen Königes Tochter. 
Ulyfies befam fie zur Gemahlin, nachdem er alle feine 
Mitwerber im Laufen überwunden hatte. Sie liebte ihn 
auch dergeftalt, daß fie in der ihr überlaffenen Wahl, ob 
fie lieber bey ihrem Water bleiben, oder mit dem Germahle 
nach Itaka ziehen wollte, das leztere wehlte. Cie ges 
bahr demfelben den Telemach. Als aber Ulyffes wegen 
bed treanifchen Krieges, zehn, und megen feiner ers 
fahrt noch zehn Fahre ausdlieb, bekam fie alle umliegende 
Prinzen und vornehme Leute zu Freyern. Allein fie wußte 
biefelben mit einer lifiigen Erfindiing aufzuhalten. Denn 
fie hatte ein Gewebe angefangen, und verfprach zu wahr 
len, wenn felbiges fertig feyn wuͤrde — aber fie Isfete 
des Nachts faft fo Viel wieder auf, als fie bey Tage ges 
webet hatte. Endlich Fam Ulyſſes wieder heim, brachte 
die meiften Freyer um, und befam von feiner Penelope 
noch einen Sohn, den Italus. 


Cueretia / 





Das Gleichniß von den zehn Jungfrauen. 997 


Lucretia, bie keuſche, war die Gemahlin eines 
rechtſchaffenen Nömers, der Collstinus hieß ; eine Frau, 
deren Schönheit ihrer Tugend vollfommen gleid) war. . Aber 
zu ihrem Unglücke verliebte fi) ein Prinz des ſtolzen roͤmi⸗ 
fchen Koͤniges Tarquin im ſie, beſuchte fie. einſt, und bes 
gegnete ihr mit unanffändigen Worten und. Handlungen. 
Cucretia fand fih dadurch ſo entehrt und innigfk gerührt, 
dag fie alle ihre Anverwandte „berief, ihnen; diefen Vorfall 
entdeckte „und fich darauf ploͤzlich erſtach — Dieß war 
nach der damaligen heidniſchen Volks » Religion. eine Heldene 
that — Nach dieſem entſtund ein Aufruhr wider das koͤnig⸗ 
lihe Haus, und die Tarquinien wurden aus Rom vers 
trieben „und die, Eönigliche Wurde auf ewig abgefchafft. 

Rleopatra, eine egppiifche, herrſchſuͤchtige, moͤrde⸗ 
riſche und verfchiwenderifche ‚Königinn. Antonius, der 
von Rom aus nach Egypten geſchickt wurde, lieg fich zu 
fehr von ihr einnehmen, daß er feine Gemahlin, . welche 
des damaligen Kaifers Auguſtus Schwejter war, von fi 
ſtieß, und daruͤber mit den Roͤmern in einen gefährlichen 
Krieg verwickelt wurde. Auch ward er in demſelben übers 
wunden und erſtach fich ſelbſt. Kleopatra aber, welche 
mit im Triumphe nach Rom gebracht werden ſollte, toͤdtete 
fih mit Schlangen, bie fie an ihre Bruſt legte, 

Dido, eine phönteifche Prinzeffin. Sie vermäßlte 
fih an den reichiten Fürften in Lande ; weil aber derſelbe 
zugleich der nechſte nach dem Könige war ,. fo ließ ihn ber 
damalige König aus Argwohn und Habfucht ermorden. 
Allein Dido! entflohe noch zu rechter Zeit mit feinen Schaͤ⸗ 
zen, im Geſellſchaft vieler Mißvergnuͤgten, und Fam gluͤck⸗ 
lich davon. Als man fie verfolgte, warf fie liffiger Weife 
etliche Saͤcke mit Sand gefüllet ind Meer, und beredete 
ea ihre Verfolger, : daß: dieß die entführten Schaͤze 

Err gewefen 


98 Sechs und vierzigfte Tafel. 


gewefen wären. Die Feinde kehrten alfo wieder um, und 
Dido fam nach Afrika. Dafelbft bauete fie die berühmte 
Stadt Karthago. Ein benachbarter König warb eifer⸗ 
füchtig über die Zunahme dieſer Stadt, und fchlug ihe ei 
ne Heyrath vor. Sie machte ihm Hoffnung dazu, wenn 
fie vorher ihren erſten Manne einen Leichendienft abges 
ftattet haben milrde. Ehe man fichs aber verfahe, ent« 
leibte fie ſich ſelbſt, und warf ſich auf ben angezündeten 
Holzſtoß. Was Virgil von ihe und bem Aeneas fchreibt, 
ift! ein bloffed Gedicht, benn fie hat soo Jahre nach die, 
fem gelebt. Gleichwohl ift bie Abbildung von ihr, uns 
die Befchreibung ihres Todes ein Meifterfiücd der Kunft. 


Semiramis, anfangs die Semahlin des Menon , 
Etadthalters in Syrien. Als einft bie Affyrer eine feind« 
lihe Veftung nicht zu erobern wußten, betrachtete fie die⸗ 
felbe genau, nahm etliche iunge Leute zu fih, und er 
oberte den Pla; glücklich. Dieß machte fie fo berähmt, daß 
der damalige afiprifche König Ninus fie heyrathete, nach⸗ 
ben er vorher ihren Gemahl gottlefer Weife aus ben Weg 
räumte. Er mußte aber bald den Lohn feiner Grauſam⸗ 
feit und Ungerechtigkeit empfangen — benn feine zur 
Herrſchſucht aufferordentlich geneigte Gemahlin bat fich einft 
von ihm das Regiment auf fünf Tage aus. Er bewil⸗ 
ligte eg ; allein am fünften Tage gab fie den Befehl ben 
Ninus umzubringen , welches denn auch geſchahe. Sie 
regierte lange in Mannsfleidern, ließ die Mauern und 
Gärten zu Babylon, nebft prächtigen Schlöffern und Waſ⸗ 
ferleitungen bauen, auc große Armeen ins Feld fielen — 
bis fie endlich, von ihrem eignen Sohne Ninyas aus dem 
Wege geraͤumet wurde. 

Die Amazonen ſollen kriegeriſche und tapfere Frau⸗ 
enzimmer geweſen ſeyn, welche theils in Aſien theils in 

Afrika 


Das Gleichniß von ben zehn Jungfrauen. 999 


Afrika und in Scythien wohnten. Sie follen ihre Soͤhne 
gleich nach deren Geburt zu Kruͤppeln gemacht, und ihren 
Töchtern die rechte Bruft meggebranndt haben, damit ih⸗ 
nen dieſelbe bey Führung des Bogens und der Schilde 
nicht hinderlich wäre. ie bedienten fich in den Schlach⸗ 
ten, berem viele von ihnen erzehlt werben, ber Pfeile, 
einer Streitart und eines Eleinen Schilde. Endlich gien« 
gen „Herkules und Tbefeus gegen fie zu Felde, fchlugen 
ihre Armee, und nahmen ihre Königinn Hippolyta gefan⸗ 
gen,- welche nachher Theſeus heyrathete. 


* 


Jahrmaͤrkte und Meſſen. 
(Elem. Tab. XXX, 3.) 


RER wird bielenige angefezte Zeit genennet, zu 
welder alle Jahre, an einem dazu befiimmten Orte, mit 
mancherley Waaren, Kauf und Verfauf angeſtellet, und 
ein Öffentlicher Handel getrieben wird. Dergleichen Sreys 
heit wird einem ſolchen Orte von bem Landesheren insbes 
fondere, iedoch in gewiſſer vorgefchriebener Ordnung vers 
lieben ; dergeftalt, daß nicht nur die Zeit, wann und wie 
lange der Handel dauern fol, beflimmet, ſondern nuch in 
Anſehung der Waaren felbft und der Perfonen gewiſſe Vers 
ordnungen. gemacht werben. Zu bdemfelben gehoͤren vor⸗ 
nehmlich alle Roßs und Vieh: MIärfte, nebft ben übrigen, 
wie folche gemeiniglich in alphabetifcher Drdnung, ben 
Drten nach, in den gemähnlichen Kalendern als ein Ara 
bang anzufreffen find, 

rp3 Die 


000. Gehe und vierzigſte Tafel. 


Die folennen und privilegieten Jahrmärkte in groffen 


Städten werben Meſſen genannt, auf welchen eine ftanfe 
Zufuhr an Gütern, und große Verkehr if. Der Name 
Meſſe wird am mahrfcheinlichften von der in der -römifchen 
Kirche gewöhnlichen Meffe hergeleitet. Daher denn auch 
die Rirhweiben kamen, und biefe darum Kirchmeſſen 


genannt worden, weil man fich bey einer fo großen Fres 


quenz der Leute, die da einer folennen Einweihung einer 
neuen Kirche beyzumohnen pflegten, nad) volbrachter Mief 
fe und Andachtshandlung, gemeiniglich Lebensmittel ans 
ſchaffte. Die berühmteften Meſſen in Deutfchland find: 
Div zu Keipsig, Frankfurt am Mayn und an der Oder, 
Braͤunſchweig, Naumburg, Breslau u. ſ. w. Auch 
in andern großen Staͤdten in und auſſer Europa werden 
iaͤhrlich dergleichen gehalten. Alle aber werden von un» 
zehlig vielen Kaufleuten und Baͤuffern, aus allen Orten 
beſucht. Jene verkaufen ihre Waaren entweder in Haͤuſ— 
ſern, in gemietheten Gewoͤlbern, oder auf freyen Plaͤzen, 


in gaſſenweiſe geſtellten Boutiquen oder Kramlaͤden, 


Zu gleicher Zeit ſtellen ſich auf den Meſſen allerley Aerzte, 
Marktſchreyer, Seiltaͤnzer, Gluͤcksbuden, Tafchenfpieler, 
Kuͤnſtler und Schauſpieler ein, ſeltene Menſchen und ſel—⸗ 
tene Thiere — welche zur Beluſtigung der anweſenden vie— 
len Fremden dienen ſollen. Die Meßfreyheit dabey beſteht 


darinnen, daß alle dieienigen, welche die Meſſe beſuchen, 


einer voͤlligen Sicherheit genieſſen, und kein Schuldner bis 
in die Zablwoche, weder an feiner Perſon, noch an feinen 
Gütern mit Arreſt belegt werden kann, mofern er fich nicht 
ſelbſt dieſer Freyheit fchriftlich begeben hat. Das ärgere 
lichite aber auf der Meffe ift die Menge Spizbuben und 
Betrüger, welche ſich gemeiniglich dabey einfinden, und 
af auf die feinfte Weiſe die importanteften Diebftähle be= 

— gehen — 


Das Gleichniß von den zehn Jungfrauen. 1001 


Gar 


geben — daher bey dem Befuche derfelden Klugheit, Lore. 


ſicht und Verſchwiegenheit vorzüglich zu empfehlen find. 








— E BINNSIRDAR 


9 
Der Oelbaum. Das Oel. 


E— giebt wilde und zahme Oelbaͤume. Der wilde oder 
boͤhmiſche Oelbaum iſt ziemlich groß, breit von Aeſten, 
mit einer glatten aſchenfarbenen Rinde, langen, ſchmalen, 
weißlichen und mit Wolle bezogenen Blättern, an deren 
Stielen ſilberfarbene, wohlriechende Blumen, und im 
Herbſte laͤnglicht weiſſe Beeren wachſen, welche iawendig 
einen geſtreiften Stein haben, aber zu nichts nmuͤzen. 
Der zahme und nuzbare Oelbaum (a) waͤchſt in wars 
men Ländern, und wird gemeiniglich nicht dicker alg eines 
Hannes Hüfte ift, aber voller Kuoten, weiche man Olis 
veneyer nennet. Die Blätter. find. länglicht, wie bie 
eidenblätter, doc) ungeferbt, ‚diefe, hart, oben ſchwarz⸗ 
grün, unten grau, falt ohne Stiel, und fallen ben. Wins 
ter über nicht ab. Die Blüthe ift weißlich , beſteht aus 
vier Blättern, amd fommt im Sulio hervor. Seine 
Srucht (b) ift Iänglicht rund, von verfchiedener Größe, 
im Anfange grün, und wenn fie zeitig iſt, fchwarzbraun, 
fleifhig, und inmwendig mit einem ſehr harten Stein. 
Wenn fie halb reif ift, wird fie abgenommen, in Waſſer 
und Lauge geweichet, in Fäfler gethan, mit Salzwaſſer 
und einer Eſſenz von Gewuͤrznaͤgeln, Zimmt, Soriander 
und dergl. beſchuͤttet, und alſo verfuͤhret. Dieß ſind die 
Oliven, die an Speiſen, vornehmlich zu den gebratenen 

DEN 3 genoſſen 


1002 Sechs und vierzigfte Tafel. 


genoſſen werden. Sie find, nach den Ländern, da fie 
wachſen, verfihieden. Die fvanifhen find bie größten, 
aber etwas bitter; die aus Provence mittelmäßig, und bie 
italienifchen die Fleinften, aber von lieblichem Geſchmacke. 
Sie ftärfen den Magen und erwecken den Appetit. 


Aus der reifen Frucht mird das fogenannte Baumöl 
gemacht, und zwar auf folgende Weife : Erftlih werden 
die Oliven gereiniget, und auch gelefen, hernach in einem 
runden Troge (c), durch Huͤlfe eines Miplfteines zer, 
fnirfchet, welcher aufrecht fichet, und an einer Welle um: 
läuft. Diefer Trog gleichet demienigen,, worinn man bie 
Nepfel zerfnirfchet, ehe man fie auf die Obſtkelter bringet, 
und den Aepfelmoft heraus preſſet. Ein Junge muß Ach» 
fung daben geben, und bie Dliven mit einer Schaufel 
vor dem Müplftein haͤuffen. Sind fie zum Brey gearbeis 
tet, fo nimmt der Delmüller einen Binſenſack, hält befs 
fen untere Defnung mit der Höhlung feiner rechten. Hanb 
zu, und füllet ben Olivenbrey mit der linken Hand hinein, 
wornach er den Sack mitten auf ben Stein leget. Auf 
diefen Sad kommt noch einer zu liegen, und fo weiter, 
ſechs bis fieben, immer einer auf ben andern, hernach 
feget man bie Scheibe und den Blod darauf, viele Ar- 
beiter greifen an bie Zugflange, bie man in ben Spins 
belfuß ſtecket, und drucken bie Diele fo weit herab, bie 


alles ausgepreffet worden, dieſes ift das Jungferndh 


Das gemeine Oel ift, wenn man die Delfäcfe mit heif- 
fem Waffer begieffet, und fodann auspreffet. Was bies 
von in das Gefäfe ablaufet, wird in eine Kufe zuſammen 
geſchuͤttet, worinn fich nach Verlauf etlicher Stunden das 
Oel vom Waſſer abſondert, und oben auf ſchwimmet, da 
man es dann mit einem blechernen Loͤffel abſchoͤpfet. Wird 
es von der Kaͤlte verhindert in die Hoͤhe zu ſteigen, ſo 

kommet 





| 








Das Gleichniß von den sehn Zungfrauen. 1003 


fommer mar ihm mit einigen Eimern heiſſen Waffers zw 
Hilfe. Der Saz aus biefen Kufen läufft in ben Keller 
ab, wo man ordentlich darnach fiehet, damit eg nicht ver 
derbe. Was man won diefem Saze befommt, nennet man 
ſchlechtes Del. 


Heberhaupt ift dad aus Stalien und Provence beffer 
als das fpanijche und liffabenifche ; und wird ſowohl das 
eine ald dag andere in großen Pipen oder Fäffern nad) 
Deutfhland gebracht, und nicht nur zum Brennen in ber 
Kampe, fondern auh an Salaten, an verichiebenen 
Speifen, Fiſchen und Backwerk, anjtatt der Butter, 
auc) zu Arzenepen in den Apotheken genommen. 


Auch aus dem fein, Hanf, und Ruͤb⸗ Saamen wird 
Del gefchlagen, und Leinoͤl, Ruͤboͤl genannt, welches 
die Mahler zu ihren Delfarben, und geringe Leute zum 
Brennen gebrauchen. Man fann auch aus Mohn, Mans 
deln, Nüfen, Muffaten, Sonnenblumen » Kernen ı. f. 
w. Del machen, und trift man in ben Apotheken eine groſ⸗ 
fe Menge Del: Arten an, 5. E Caieputoͤl, Ziegelöl, 
Canangeoͤl, Palmendl, Steinöl u. dergl. 


ng 
Der Uhrmacher, 


Ubren find Maſchinen, die zur Eintheilung ber Zeit in 
Stunden, Biertelftunden, Minuten u. f- w. gebraucht 
werben. Es giebt Stadtuhren, Wanduhren und Sack, 
uhren. Die exften find auf den Thuͤrmen, als gemeine 
Euer welche ſtuͤndlich durch gewiſſe Schläge an. 

Era zeigen, 


1004 Sechs und viersigfte Tafel. 


zeigen 7 tie wiel die Uhr ſey; auch wohl vorher, um] bie 
Leute zum Aufmerken zu präpariren, die vier Viertel fchlas 
gen, oder auch ein geiftlihes Lied fpielen ; dabey denn bie 
fünftliche Hand des Uhrmachers allerley Inventionen, alg 
etwa einen Fraähenden Hahn, den Tod mit der Genfe, eine 
Proceffion der Apofiel, die an die Stundengioce ſchlagen⸗ 
de Zeit — ingleichen an der Scheibe, den Lauf des Mon» 
des und ber Planeten, und andere aftronomifche Obſerva⸗ 
tionen mehr anzubringen wiſſen. Wand:oder Stuben 
uhren werden dieienigen genannt, die man in den Zim« 
mern, entweder an die Wand hänget, ober neben fich auf 
den Tifch feget. Der Saduhren, melde man bey fich 
trägt, find vielerlen Gattungen, unter welchen die engli- 
fchen , fonderlich die fogenannten Repetiruhren, mie auch 
die welche die Secunden, Mondsveränderungen, ber Son⸗ 
nen Auf» und Niedergang, den Monatstag u. f. m. Meir 
fen, für die Foftbarften gehalten werden. Diefe machen 
die Kleinuhrmacher, und iene die Großuhrmacher ; 
und ift unter ihrem Werkzeug, das mit dem Werkzeug ans 
derer Metallarbeiter überein kommt, bag Schneidezeug, 
womit die Zähne der Mäder eingefchnitten werden, dag 
vornehmſte. 


Unter den Uhrmaͤchern haben ſich insbeſondere bie 
ſchweizeriſchen vorzuͤglich hervorgethan, von denen man 
viele fonderbare Meiſterſtuͤcke aufzuweiſen hat. Einer ber; 
felben verfertigte einft eine Uhr, welche nicht nur bie 
Stunden, Minuten und Secunden zeigt, fondern auch 
die Stunden, Bierteiftunden und Minuten fchlägt und res 
petirt. in der Mitte des Zifferblattes fieht man dem Lauf 
ber Planeten, dee Sonne und des Mondes, den Monath 
und Tag des Jahrs, und mehrere Himmelgzeichen. Dben 
auf dem Mittelpunfte zeiget fih das Gewoͤlhe deg Him— 

weils, 


Das Gleichniß vonden zehn Sungfrauen. 1005 


meld, an welchem die Sterne erfcheinen und mieber ver- 
ſchwinden. Wenn die Stunde gefchlagen hat, fo hört 
man ein Carillon (Glocenfpiel) von neun mufifalifchen 
Stücken, von denen einige mit einem Echo fpielen. Ein 
Srauenzimmer, welches mit einem Buche in der Hand da, 
bey fist, zeigt durch ihre Bewegung den Tackt des Stücks, 
das gefpielt wird, und hat die Noten in der Hand. Sie 
nimmt unferdeffen bisweilen eine Prife Tabacf, und madıt 
auch dem Zufchauer eine Verbeugung. Nach dieſem pfeift 
ein fünftliher Canarienvogel acht mufifalifche Stüce, bie 
er mit der natürlichen Bewegung des Schnabelg, des 
Schwanzes und des ganzen Leibes eines fingenden Vogels 
begleitet. ft diefes vorbey, fo fpielt ein Schäfer einige 
Sruͤcke auf der Flöte, und maht mit dem Leibe den Takt 
dazu. Neben dem Schäfer fleht ein weidendes Schaaf, 
weldes ganz natürlich bloͤckt, und neben bdemfelben ein 
Hund, der durd) feine Bewegungen dem Schäfer zu fchmeis 
cheln ſcheint. Diefer Hund bewacht ein Körbchen mit 
Fruͤchten angefült. Sobald iemand etwas davon nehmen 
will, fo bellt er, und hört nicht auf, big man folches 
wieder hingelegt hat. Diefe Uhr ift iezt in Spanien, und 
wurde mit 450 Louisd’or bezahlt. 


Ale Uhren aber beftehen aus Fünftlich zufammenges 
fegten Rädern, durch deren wohl abgemeffenen Fortgang, 
von gemwiffen Zeigern, ander Scheibe, oder dem Ziffers 
blat, die darauf gezeichnete Stunden, Wochen» und Mes 
natstage und bergl. gewiefen werden. Etliche haben da« 
bey ein Schlagwerk, meldes die Stunden und Piertel 
durch gewiſſe Schläge an eine Glocke anmeldet, und heif- 
fen Schlaguhren. Andere haben ein Gemwerf, welches 
zu der begehrten Stunde ein flarfes Geflingel macht, wo» 
durch man aus dem Schlafe erwedet wird, und beiffen 

KErS Werker 


1006 Sechs und vierzigfte Tafel. 


Weder oder Weduhren. Die, melde nicht ordentlich 
fchlagen ‚,. fondern allein, wenn ein gewiffes Werf baran 
gerühret wird, beiſſen Repetir Uhren. Die Bewegung 
diefer Mafchinen wird durch Gewichte nder Sedern zuwe⸗ 
ge gebracht. Die erfien dienen allein bey Stadt» und 
Wanduhren, die lesten vornehmlich bey ben Sackuhren. 
Das vornehmfte Stück aber in der Uhr ift die Unruhe, 
welche durch ihr Hin» und —— die Bewegung 
abmißt. 

An dem Aeuſſerlichen einer großen Uhr iſt zu bemer- 
fen: ı) das Gewicht (A. h.) 2) die Bette ober 
Schnur, 3) das Gehaͤuſe (A. g.), mit ber Ziffer: 
ſcheibe, dem Zifferringe, dem Zeiger, dem Dber + und 
kinterboden, den Pfeilern und Säulen. Was ben in» 
niern Bau derfelben betrift, fo. bat eine vollfommene Uhr 
ein Gehwerk, Weifewerf, Viertelwerf ımb Schlag: 
wert. Zum Gebwerf gehöret: 1) das Walzenrad. 
(A. a.), daran bie Zähne, Welle, Getriebe, Gefperre und 
Sperrkegel; 2) das Mittel » oder Bogenred (A. b.), 
3) das Minutenrad (A.c.), 4) das Aronrad (A.d.), 
welches mit feiner Welle unten in der Pfanne und oben 
im Steigradfolben gehet; 5) der Perpendifel (A, f.) 
mit feiner an der Spindel hängenden Stange. 

Die inneriichen Theile einer Sackuhr, welche ges 
mieiniglich aus zwey ober drey Gehaͤuſſen beftcht, und ein 
fehöneg Zifferblat (B. a.), eine Rette mit dem Schlüßel 
(B. 0.) Petſchaft und allerley Berloquen hat, find: 
Die Seder im Federhauſe (B. b.}, die Rette (B.c.), 
die Schnecke (B. d.), das Schneckenrad (B. e.), das 
Minutenrad (B,f.), das Fleine Bodenrad (B.g.), 
das Rronrad (B.h.), das Steigrad (B. i.), die 
Spindel (B.k.), die Spiralfeder CB. 1.), der WERE 
(B. m.), 949, Betriebe. CB. n.) 2 





Das Gleichniß von den gehn Jungfrauen. 1007 


Es giebt auch Sanduhren. Man hat nehmlich eine 
Menge des trodenen, gleichförnigen Sandes fo abgemef 
fen: daß er während einer oder zwey Stunden, durch ein 
Löchlein, aus einem gläfernen Gefäffe in ein anderes läufft, 
und durch ben bemerfbaren Abgang die verfloffene Zeit an⸗ 
geist. Man fann auch Waſſeruhren von eben ber Ast 
machen. 

Weil fih aber alle Zeiteintheilung und folglich iede 
Uhr nach dem Verhaͤltniß des Erde gegen die Sonne und 
ihren Lauf um diefelbe richten muß, fo find unftreitig die 
Sonnenubren die erften und vorzuͤglichſten. Es find dies 
felben kunſtmaͤßige Verzeichniße gewiſſer Linien auf‘ einer 
gegebenen Flähe, darauf der Schatten bes eingefiecdten 
Zeigerd eine Stunde nad) ber andern anzeigt ; ober folche 
Werkzeuge, welche bey dem Sonnenfcheine durch den Schat⸗ 
ten eines Zeigers die Stunden zu erkennen geben. Es 
giebt beftändige und beweglihe Sonnenuhren. Sene 
werden twieder eingetheilt in Aequinoktial⸗Horizontal⸗ 
Dertifalsund Polar :Uhren; zu diefen gehören die "Som 
nenuhren, welche auf einer Augel, auf einem Eylinder, 
in einem Ringe, auf einem Areuze, auf einem Sterne 
und dergl. beſchrieben merben. Die Wiffenfchaft, bie 
Sonnenuhren nach gemwiffen Regeln zu verfertigen und 
biefelben nach der Mitaglinie und Polhoͤhe aufzurichten, 
wird Gnomonif genannt. 


Eine befondere Art Uhren, die aus Rädern und Fe— 
bern beſtehen, und durch diefelben allerleg menfchliche und 
thierifche Handlungen hervorbringen, find bie fogenannten 
Avtomata, oder fich felbft bewegende Kunſt⸗Stuͤcke. 
Es gab zu allen Zeiten aufferordentlich erfindfame Kuͤnſtler 
bie vergleichen verferfigten, In Londen lebt ein Kuͤnſtler, 
weicher Core heißt, und eine große Sammlung von bers 

gleichen 


1008 Sechs und vierzigſte Tafel, 


gleichen Uhrmerfen hat. Unter andern fieht man bey ihm 
einen kleinen Einfilihen Wagen, ber ungefehr einen Fin. 
ger lang, mit den daran gefpannten Pferden, der nicht 
allein für fi frey auf den Raͤdern rogt, fündern die 
Pferde heben auch im vollen Jagen die Beine mechfelsweis 
fe’ in die Höhe, und fegen fie wieder nieder — Ein 
Schwan, ber auf der Spiegelfläche fist, drehet feinen 
Kopf und Hals nach allen Gegenden, und bewegt feine 
Fluͤgel, ſtoͤßt zuweilen auch den Schnabel auf die Flaͤche. 
Eben fo merkwuͤrdig iſt ein Palmbaum, um welchen ſich 
eine Schlange herauf windet, und indem ſich dieſe im Lau— 
be des Baums verkrochen, ſo kommt unten eine andere 
zum Vorſchein, die ber erſten nachfolgt. Ein Klephante 
trägt einen Thurm, bewegt Augen, Nüffel, Kopf umd 
Schwanz, inden unterdefien Fleine Leute in den Thurm in 
voller Bewegung find. Am allerartigften ift wohl darım« 
ter einer, der auf einer goldenen mit Edelfteinen befezten 
Flöte bläft, und mit den Zingern die Löcher an der Flöte 
bald auf bald zu halt. 


Das allermerfwürdigfte unter den mechanifchen Kunſt⸗ 
ſtuͤcken ift aber das, welches Herr von Rempele, Königl. 
Math bey ber Kammer zu Presburg, verfertiget hat. Die 
Mafchine beftebt aus einem Tifche, woran eine menfcli- 
he Figur fist, welche mit iedem, der Luft hat, im Schach» 
bret fpielt, das fich darauf befindet, und welche nod) 
alle Parthien gewonnen hat. Die Figur läßt den Spie- 
ler ſo lange nachſinnen, als er will, ergreift aber einen 
ihrer Steine fobald iener gezogen hat. Wenn der Spieler 
einen Zug wider die Regeln des Schachfpield thut, hält 
fie fo lange mit Ziehen inne, bis die Ordnung wieder herges 
ſtellt iſ. In der Mafchine entdeckt man eine in ber Her 
belunſt ganz neue Erfindung, indem der Arm der Figur, 

wenn 





Das Gleihnig von den sehn Zungfrauen. 1029 


wenn fie nach gewiffen Steinen greift, "fi in einem Halb⸗ 
zirfel bewegt. Die Maſchine wirft ohne allen fremden 
Einfluß, allein duch fich felbf. Wenn man den innern 
Bau betrachtet, ſieht man eine Menge Fleiner Rollen, 109 
rüber Saiten geſpannt find. 


; 
’ 
u —— 


7» Jane — b 


Die Gelegenheit 


Er kam die Gelegenheit, Glück, Ehre und Reichthum 
zu erlangen, zu einem Landmanne — Hang, rief fie, 
fomm, geh’ mit — Um welche Zeit. rief Hand aus feinem 
Bette ? Sezt gleich, war die Antwort. — Wohin denn 
fo Burtig ? Wirſt's ſchon ſehen, komm nur — Se nun 
rief Hans, fo wartet doh, bis ich meine Stiefeln gar 
angezogen habe. Das dachte Hans nicht, daß die Geles 
genheit fobald wieder abmarfchiren würde. — Er 309: fi 


alfo ganz langfam an, und fagte: zu feiner Frau :' Hoͤre 


Weib, raum" indeſſen ale Kiften und Kalter aus, daß 
ich , wenn ich Mitags wieder Fomme, alle das Geld, das 
ich mithringe, dareim verfperren kann. — Und nım:sffnete 
er. mit Verlangen die Thüre; aber. — weg war die 6% 
legenbeit. Er gieng ums ganze Haus, buschfischte alle 
Zimmer, rief, fchrie — zerfrazte ſich iaͤmmerlich, aber— 
weg war die Gelegenheit ! Ä 





Icto Sechs und viersigfte Tafel. 
8. 
Die Veltalinnen. 


HD. Priefterinnen der Goͤttin Veſta ( Tab. XXXIL, 8.) 
waren ſechs Jungfrauen, welche von ihrer Beſtimmung veitalis 
ſche Jungfrauen genennet wurden. Ihr Amt beftund vor⸗ 
nehmlich darinn, daß fie bag heilige Feuer im Tempel der Veſta 
erhalten folten, damit es nicht verlöfchen möge ; daher man 
auch Jungfrauen zu dieſen Dienft befiimmt hat, meil man 
glaubte, daß diefe hiebey vor andern forgfältig und wachſam 
fenn wuͤrden. Sie wurden anfangs von ben Königen, 
hernach aber von ben oberften Prieflern, aus den vornehm- 


fen Familien erwehlet, unb von bemfelben bey der Hand, 


als eine Gefangene, aus der Hand und Gewalt ihres Bas 
terd unter die Gewalt der Göttin gebracht; und burften 
nicht unter ſechs und nicht über zehn Jahre feyn , auch am 
feibe kein Gebrechen haben. Ihr ganzer Dienft dauerte 
in allen dreyßig Jahre, davon fie die zehn erften mit Ler- 
nen zubrachten, die zehn folgende ben Dienft wirklich vers 
fahen, und in den zehn leztern Jahren wieder andere tms. 
terrichteten.. Wenn diefe dreyfig Jahre vorbey waren; 
konnten fie heyrathen; allein, da man bemerfen wollte, 
baß bergleihen Ehen insgemein unglücklich ausfickn, fo 
geſchahe es felten, und die meiften beharreten in dieſem 
Dienfte bis an ihr Enbe. r 


ihre Hauptforge mußte dahin gehen, daß das ewige 
euer der Veſta nicht verlöfchete. Gefchahe dieß durch 
ihre Unvorfichtigfeit, fo wurden fie von dem oberfien Prie- 
fier , durch einen Vorhang, mit Ruthen gezüchtigek, Ih: 
euer 


| 





N 
| 


| 





Das Sleihnig von den zehn Fungfrauen. zorr 


Feuer aber wurde mit beſondern Ceremonien wieder ange— 
zuͤndet. Ihe Wandel mußte tugendhaft und unſtraͤflich 
ſeyn, uf den geringften Fehltritt wurden fie gegeiflelt 5 
und ließ eine ein größeres Verbrechen zu Schulden fommen, 
z. €. Unfeufchheit, To wurde berienige, mit dem fie fündigs 
te, zu Tode gepeitfcht, fie felbft aber lebendig begraben. 
Die Beftalinn nehmlich wurde, wie eine Leiche, von ihren 
Eltern und Verwanndten, unter Zulauf einer großen Mens 
ge Velfes, mit einer großen Procefion, nach ben collinis 
fhen Thor, vor die Stadt Roms geführt, woſelbſt dee 
oberfte Priefter dis Hände gen Himmel hub, und ein Bes 
fonderes Gebet verrichtet. Hierauf wurde fie von ihrer 


Saͤnfte herab genommen, und dem Scharfrichter überge> 


ben — welcher fie auf einer Leiter in eim umnterirbifches Ges 
woͤlbe fleigen lie, und ihr eine brennende Lampe, ein 
wenig Del, eine Slafhe Waſſer ımb etwas Brod mitgab, 
damit es nicht fcheinen möchte, als ob eine fo heilige. Pers 
fon Hunger geftorben wäre. Zugleich wurde ihr auch ein 
Bette mitgegeben, darauf fie fih legen Fonnte. War 
dieß alles gefchehen, fo machte der Scharfrichter die Defa 
nung biefer Hole wieder zu, und alles eben, daß man fein. 
Merfmal von dieſer Begebenheit erfennen konnte. Die 
ganze Stadt aber bewies bey berfelben ein tiefes Trauren, 
indem alles file war, niemand etwas redete, und wer 
dem traurigen Aufzuge begegnete, entweder folchem gänz- 
lich auswied), oder mit Wehmuth nachfolgte. 


Unterdeffen hatten fie boch, bey ihrem fo fehr einge» 
fohrenften Leben, auch große Vorrechte. Sie hatten bas 
Hecht ein Teftament zu machen — wenn fie ausgiengen , 
gieng ein obrigfeiclicher Knecht vor ihnen ber, wie vor ben 
Magiftrats » Perfonen — begegnete ihnen ein Maleficante, 
den man zum Tode führte, wurde ihm fogleich bag Leben 

ge» 





1012 Sechs und viersigfte Tafel. 


gefchenft — in den Schaufpielen faffen fie oben an, und 


dergl. Sie trugen einen Schleyer und weiffe Kleider mit - 


Purpurftreifen; und erhielten fih, auch bey zunehmenden 
Ehriftenthume, bis auf die Zeiten des Kaifers Theodofius. 





9. 

Der Koͤnig auf ein Jahr. J 
E. wohlthaͤtiger Mann, der einen von ſeinen Sklaven 
gluͤcklich machen wollte, ſchenkte ihm die Freyheit, ließ 
hernach ein Schiff fuͤr ihn ausruͤſten, und gab ihm eine 
anſehnliche Summe Geldes; er ſollte nun gehen und ſein 
Gluͤck ſuchen, in welchem Lande es ihm beliebte. Der Skla— 
ve dankte ihm und ſegelte ab. Kaum war er auf das ho⸗ 
he Meer gekommen, als ſich ein fuͤrchterlicher Sturm er⸗ 
hub, der ihn an eine Inſel warf, die er fuͤr unbewohnt 
hielt. Seine Waaren hatte er verlohren, feine Kleidung 
und Geräthe waren verfunfen, er war allein, ohne Bey- 
ſtand, und der Ungewißheit einer Zufunft überlaffen, die, 
allem Anfcheine nach, nicht anders als ſchrecklich ſeyn konn⸗ 
te. Er gieng, ohne zu wiſſen wohin, ganz in Betrach— 
tungen verlohren — und endlich kam er auf eine gebahnte 
Straße. Er geht ihr mit Freuden nach, und entdeckt end⸗ 
lic) von weiten eine große Stadf. " Seine Hoffnung’ wird 
belebt — ‘er nimmt feinen Weg auf fie zu. Wie groß aber 
war fein Erſtaunen, ald er näher hinzu kam, und fahe, 
dag alle Einwohner ihm entgegen liefen und ihn Umringe⸗ 
ten. Herolde fiengen an augzurufen : Beute , febet da 
euren Monarchen! Die Zuruffe giengen vor ihm her in 

Re die 


— 


Das Gleichniß von den zehn Jungfrauen. 1013 


die Stadt, in bie er mit großen Anftalten eingeführt wird. 
"Man bringt ihn in den Pallaft, der die ordentliche Woh⸗ 
nung der Könige des Landes war ; man hängt ihn einen 
Purpurmantel um, und frönet fein Haupt mit Kleinodien. 
Die vornehmften Herren Fommen, im Namen des ganzeu 
Volkes, ihm zu huldigen. — 


Kaum Fonnte fich der neue Monarch überreden, daß 
nicht alles was vorgieng, ein Traum wäre. Endlich ale 
er durch eine lange Erfahrung von der Mirflichfeit alles 

deſſen, mag er erfährt, überzeugt wird, fragt er fi 
felbft : Was bedeutet das alles, und mas will das hoͤch⸗ 
fie Wefen von mir haben? Diefer Gedanke, der ihn ums 
aufhoͤrlich beunruhiget, noͤthigt ihm zulezt, ſich eine Erlaͤu— 
terung über dag alles zu verſchaffen. Er rufft von den 
\ Herren des Hofes denienigen, der am meiften zu ihm kam, 
der ihm feine Natbfchläge ertheilte, und den die Dorfes 
hung dazu befiimmt zu haben fcheinet, daß er die Kegies 
zung mit ihm theilen folk Vezier, fagt er, wer bat 
mich zum Rönig über euch gemacht? Woher Fommts, 
daß man mir gehorcht, und was wird aus mir wer; 
den ? Prinz, antwortete ihm der Staatsbediente, Dit 
mußt wiffen, daß die Genien, bie biefe Inſel bewohnen, 
Gott gebeten habeny ihnen alle Jahre einen Sohn Adams _ 
gu ſchicken, der über fie regiere. Der Allmächtige hat fie 
gewürdiget, ihre Bitte zu erhoͤren, und alle Jahre lange 
an dem nehmlichen Tage ein Menſch allhie an; bie gefchäfr 
tigen Leute laufen ihm entgegen, wie Du gefehen haft — 
fie erfennen ihn für ihren Oberherrn — feine Negierung 
aber kann nicht länger dauren, denn ein Jahr. Iſt diefe 
beftimmte Zeit verfloffen , fo wird er vom Throne gefloßen, 
feiner Eöniglichen Zierrathen beraubt, und mit groben Kleis 
ı dern befleidet — unbarmherzige Soldaten fohleppen ibn am 
| Vyv ba 








1014 Sechs und viersigfie Tafel. 


bad Ufer des Meeres, werfen ihn in ein Schiff, und fo 
wird er nach einer andern Inſel gebracht, die von Natur: 
wuͤſte umd dürre ift. Derienige, der vor wenigen Tagen 
noch ein mächtiger König war, findet weder einen Unter 
than, noch einen Freund, noch Troͤſter, und führet ein 
ſchmerzhaftes, trofiistes Leben. 
Haben meine Vorgänger, ſagte hierauf der König, 
gewußt, daß ein fo firenges Scickfal ihrer warter? 
Es ift Feiner unser ihnen, der es nicht gewußt hätte , 
verfezte der Vezir, fie hatten abes nicht Muth genug, ihr 
re Augen, die durch den Glaͤnz des Thrones verblendet 
waren, auf eine fo widerliche Zufunft zu richten; die 
Trunkenheit vorüber eilender Frruden hafte ihre Gedanken 
von einem bauerhbäften Gluͤcke abgewandt, und fie befaßen 
nicht die Öabe, dem Ende, dag ihnen deohete, zuvor zu 
Eommen — dag Jahr ihrer Gluͤckſeligkeit lief allemal vord, 
ber , ohne daß fie cs wären gewahr worden — endlich 
fam der entfcheidende Tag heran, und fie hatten nicht dag 
geringfte unternommen, ein umvermeibliches und unglüdlis 
ches Schickſal fih angenehmer zu machen. 


Der Prinz erfchrickt und fragt den Staatsbedienten, 
durch was für Nittel man diefem Unglüde zuvor: 
kommen Pönnte ? Cs giebt nur ein Mittel, antwortete 
diejer, Du mußt Arbeitsleute in die Inſel fchicken, in die 
du Fommen wirft, daß fie große DVorrathshäuffer bauen, 
und fie mit den noͤthigſten Beduͤrfniſſen des Lebens anfüls 
ln. Mache Dir den Augenbliet deiner Glückjeligfeit zu 
Nuze — die Zeit ift dringend, ber verfioffene Augenblick 
wird nicht wieder kommen. Bor allen Dingen erinnere 
bih, dag Du an dem Dite, Dun u fe lange Zeit bewohs 
nen wirft, nichts findeft, ald was Du in den wenigen Tagen, 
bie du übrig haſt, wirft haben hinuͤber bringen laſſen. 

Der 


Das Gleichniß von den zehn Jungfrauen. 1013 


Der Koͤnig machte fich diefe Anfchläge des Staatsbes 
dienten zu Nuze, und ließ alles auf iene Inſel Sringen , 
was feinen Aufenthalt dafelbft angenehm machen Finnte; 
Unterdeffen nahete der Augenblick heran, da er fein Neich 
verlaſſen folte — allein der Prinz war fo weit davon ents 
ferst , diefe Veränderung zu beflagen, daß er vielmehr 
ſehnlich nach dem Augenblicke feufzte, da er von feinen 
neuen Staaten follte Befig nehmen: Der enttbronte Mo— 
narch Fam glücklich dafelbft an, und lebte da noch glück 
licher, vermittelft des Beyſtandes, den feine Weisheit ſich 
bort verfchafft hatte. 

Es iſt nicht ſchwer die Deutung diefer morgenländis 
ſchen Allegorie zu finden. Der Sklave bezeichnet den Mena 
ſchen überhaupt — der Staatsbediente, der ihm vor 
dem ungluͤcklichen Schiefale Nachricht giebf, das auf ihm 
wartet, ift die Weisheit und die Offenbarung — das 
Fahr, das er regieren foH, ift der Lauf des menfchlichen 
Cebens — die Sinfel, wohin er geführt wird, iff die ans 
dere Welt. — Die Arbeiter und Güter bie er voraus 
ſchickt, find Glaube und guse were — = 


- 





Yyya Sieben 


1016 
ERTL FREE TEN 
Sieben und vierzigfte Tafel, 





IL, 


Das Fußwaſchen. Einfezung des heil. 
Abendmahls. 


ns Chriftus, der Sohn bes hochgelobten Gottes 
a) hatte einen geboppelten Auftrag von feinem Vater, 
da ihn berfelbe im fichtbarer menſchlicher Seftalt, zu den 
Menfchen auf Erden fandte. Theile follte er ald Lehrer 
der Menſchen, ihnen Tugend predigen, den Weg zum ewi⸗ 
sen Leben zeigen, auf demfelben ihnen mit einem göttlichen 
vollkommen guten Beyſpiele vorangehen, und feine Pre 
Bigten mit großen Zeichen und Wundern befräftigen und 
verberrlihen — theils follte er aud), als Krlöfer der 
Menſchen Sffentlih fterben — nicht nur als ein untabel- 
baftes Beyſpiel der Gedult ımd ber Demuth, feine Lehre 
mit feinem Tode verfiegeln, fonbern auch, als das einzige 
Dpfer für die Sünde, mit Blut und Tod, Verſoͤhnung, 
Vergebung und ewige Gerechtigkeit aufrichten. 


Nachdem er alfo gleichfam den erſten Theil feines 
großen Gefchäftes ausgerichtet, und die lejten drey Jah⸗ 
re feines Lebens auf Erden, im iüdifchen Lande umher ges 
sangen, und fein Licht allenthalben leuchten laffen, durch 
große Wunder und trefflihe Predigten, fo fam ber Zeit- 
punft immer näher herbey, daß er leiden und fterben, auf⸗ 
erfiehen, und wieder heim zu feinem Water gehen follte. 

Den 





Das Fußwaſchen. Einfezung desh. Abendmahls 1017 


Bon biefen michtigften Auftritten feines Lebens redete er im» 
mer deutlicher zu allem Volke, und vornehmlich zu feinen 
Juͤngern, ie mehr ſich fein Lebensende, und mit demfelben 
die Erfüllung aler Weiffagungen näherte. Den Jüngern 
war es freylich gar nicht recht, baß fein Neich und feine 
Herrlichkeit , und ihr Antheil an bevden meh“ im geiftlicher 
als in fichtbarer Gluͤckſeligkeit fich offenbaren folle — fie 
hätten es, wie Lie meiften Menfchen, lieber gefeben, 
wenn er ein glänzendes Königreich auf Erden gefliftet, und 
fie mit Neichthümern und Wilrden in demfelben begnadiget 
hätte — Aber feine Ubfichten giengen meiter — Er ents 
deckte ihnen diefelben auf das beutiichfte, vornehmlich in 
der lezten Woche feines Lebens, in ben lezten Abenden 
beffelben, als welche fich in feiner Lebens, und Öterbens: 
Gefchichte durch vorzüglich merkwürdige Neden und Hand⸗ 
lungen augzeichneten. 


Es war Mittwoche Abends, in der legten Oſterwo⸗ 
he Jeſu Chriffi auf Erden, als er mit feinen Juͤngern, 
vermuthlic zu Bethanien, in der gewohnten Herberge, zu 
Nacht ad. Indeſſen, daß fie fid) um ihn verfammelten, 
fielten fih ihm alle die Auftritte, die fo nahe waren, in 
ihrer ganzen Deutlichkeit vor. Er mußte, daß er bald 
aus der Welt zu feinem Vater gehen follte. Der Anblick 
feiner Schüler, die er immer fo zärtlich liebte, und von 
denen er iezt im Begriffe war abzufcheiden, gieng ihm tief 

zu Herzen. Es iſt fchwer zu fazen, mag vor einen Ein⸗ 
bruck die bisherigen Ankündigungen feines Leidens in ihren 
Gemuͤthe machten; vermuthlich Feinen fo gar tiefen, da ih⸗ 
nen die Sache immer ganz unwahrſcheinlich vorkam. Al- 
lein, über dem Nachteffen nimmt er etwas vor, das fie 
noch mehr befremden mußte. Seiner Größe wohl bewußt, 
und daß er aus einer Welt, bie feiner nicht werth war, 
9993 zu 


1018 Sieben und viersigfie Tafel. 


zu Gott, der ihn auf die hoͤchſte Stufe der Ehre erheben 
würde, zurück Fehre, thut er etwas, das er bei) aller 
feiner Herablaffung bisher nie gethan hatte. Ex fleht von 
dem Abendeſſen auf, indeffen daß die jünger zu Tifche 
fiten bleiben, zieht fein DOberfleib aus , legt eg bey Seis 
te, nimmt ein zu biefem Gebrauche baliegendes Tuch, und 
ſchlaͤgt es um den Leib; gießt dann Waſſer in ein zum Fuß. 
bade befiimmtes Gefäß, und fchickt fi an, den Schüs 
lern, fo wie fie da, um die Tafel hergelagert, ihre Füfs 
fe finfen laffen, bdiefelben, nach Art eines Bedienten oder 
Gaftwirths, zu waſchen, und mit dem Tuche, daß er um 
fih gefchlagen, wieder abzutrocknen (b). Die Schüler 
ſahen dem Lehrer mit Befremdung zu, doch fagt noch Feis 
ner nichts. Als Jeſus, der Neihe nach, zu Petrus Tam, 
molte diefer eg nicht gefchehen laflen. Herr, fagt er, 
was fol das? Du willft mir die Füfle wafchen ? — 
eins: Du weiſſeſt iezt nicht, in was Abſicht ich diefeg 
thue, du follft es aber bald erfahren. Petrus: Herr, 
das laß ich nimmer gefchehen, daß du mir die Fuͤſſe was 
{hei — Jeſus: Wirft du dich nicht von mir waſchen 
laſſen, ſo achen wir einander wenig an. Petrus: Wenn 
es ſich fo verhält, fo will ich gerne nicht nur bie Fuͤſſe, 
fordern auch Hände und Haupt von dir waschen laſſen — 
Jeſus: Es iſt genug, wenn du nur bie Fuͤſſe wafchen 
laͤſſeſt; Haͤnde und Haupt haſt du ia ſchon vor dem Eſſen 
gewaſchen; du bedarfſt alſo dermalen weiter feinen Dienſt 
als dieſen. Ich ſehe dich nicht für unrein an — Sch fee 
he euch Juͤnger, doch nicht alle, für rein an. 


Jeſus erklärte fich hierauf deutlicher — fügte, daß 
er, als ihre Lehrer und Here ſich fo tief erniedriget und 
ihnen die Füffe gewafhen habe, um ihnen ein Bepfpiel 
zu geben — baß aber ſelbſt unter ihnen einer ſey, ber all 

fein 





Das Fußwaſchen. Einfegung des h. Abendmahls. 1019 


Shun und Lehren nicht achten, fondern Aufferft feindfelig 
gegen ihn handeln werde. Judas, nehmlich, fuste den 
graufamen Borfaz, feinen Lehrer zu verrathen — für et— 
was Geld ihn in die Hände feiner Feinde zu liefern. Je— 
ſus fahe den Vorſaz in feinem Herzen lange vorher, ehe 
er ihn ausführte. Aber er fagte nichts davon bie dies 
fen Abend. Er fah feine Juͤnger um fich ber verfanmm- 
let — fah umter ihnen den Verraͤther — mit bewegten Ges 
müthe brach er in bie Worte aus: Meine Jünger! Wag 
mug ich euch ſagen? Eier von euch wird mich verrathen! 


Die Finger fahen einander voll Beſtuͤrzung an; fie 
mwußten nicht, welchen Jeſus meyne — Nädft bey Je— 


fir, gegen feine Bruſt hinlehnend, lag oder faß Johannes. 


Hetrus, der etwas enferuter faß, minfte ihm, er moͤch⸗ 
te Jeſum fragen, wer der Unſelige wäre. Geſchwind und 
leife fragte Johannes ; Herr, wer iſts? Der iſts, gab 
ihm Sefus leife zur Antwort, dem ich biefen Biffen Brod, 
ben ich iezt in die Schuͤſſel eintauche, überreichen werde. 
Jezt zog er den eingetauchten Biſſen Brod aus der Schüfe 
fel und gab ihn dem Judas Iſchariot. Judas nahm den 
Biſſen Jeſu ab, und aß ihn Er dachte nicht: Wie 
gut es Jeſus doch mit mir meint! Sch müßte der ums 
dankbarſte von alfen Menſchen feyn , wenn ich einem ſo 
guten Herrn und Meifter etwas zuleid thun wollte, — Er 
aß den Biſſen; aber was er gleich hernach dachte, mar 
fo boͤſe, als wenn ihm mit dem Biffen lauter Gift und 
Galle wäre eingegeben worden. Er dachte: Jh will 
ihn doc) verrathen ! 

Sefus fah ihm ing Innerſte. Die meiften Aünger 
gaben noch nicht auf ihn acht. Es iſt einem, der ein bis 
ſes Gemiffen haft, in der Gallſchaft dee Guten bang und 


wehe. Er fürchtet ale Augenblicke, entdecht zu werden — — 


Dy9a Judas 


En 


1020 Sieben und vierzigſte Tafel. 


Judas weiß nicht, ob er ſizen bleiben, oder fortgehen 
fol. Jeſus gab ihm iezt ſelbſt den Anlaß fortzugehen; 
er fagte zu ibm : Was bu zu thun im Sinne haft, bag 
thue ie eher ie lieber — Judas fieht geſchwind auf und 
entfernt ſich — und bie meilten Jünger glaubten, Jeſus 
hätte ihm cin Gefchäfte aufgetragen, z. E. daß er efmag 
auf das Feit einfaufen, oder aus dem Beutel, den er für 
die Gefelfchaft bey fih führte, den Armen etwas geben 
follte. Judas aber fuchte die erfte, die befte Gelegenheit 
ſich bey den Häuptern des Volkes, den Hohenprieftern, zu 
melden, für einen Jünger Jeſu darzugeben, und zugleich 
fih ihnen zum Gehülfen bey ihren Abfichten auf Jeſum, 
bie Schon lange auf feinen Untergang gerichtet waren, ae 


ubiethben. Er fand fie — und ber Lohn, den man ihn- 


fir diefe Verrätheren voraus bezahlte, mar dreyfig Silk 
berlinge, d. i. funfzehn Thaler. Nun fpähet er forgfäls 
fig die Gelegenheit aus, -feinen Herrn und Lehrer, der 
ihm heute die Fuͤſſe gewaſchen hatte, zu verratben. 


Den folgenden Tag, welches war der Tag vor feis 
nem Ende, widmete Jefus ganz feinen Juͤngern. Er mad). 
te an demfelben Anftalt, auf dem Abende das Dfterlamm 
mit ihnen zu effen, und den lezten Abend feines Lebens 
mit feinen Freunden auf das feyerlihfie zu begehen. 
Geht hin, fagt er zu zweyen feiner Jünger, in bie 
Stadt — bafelbfi wird euch iemand begegnen, der einen 
Mafferfrug trägt; dem geht nach , und wenn ihr ihn in 
ein Haus hinein gehen fehet, fo folget ihm dahin, und 
faget zu dem Hausvater : Euer Lehrer (er wird mich gleich 
kennen) laffe ihm fagen, er welle mit feinen Schülern bey 
ihm Paſſah feyern, weil die für ihn beftimmte Zeit vor⸗ 
benden fey ; er möchte euch das Zimmer weifen, worinn 


ihr die Zurüftungen machen koͤnnet. Sogleich wird er euch, 


m 





EEE 


nn — — — — — 





Das Fußwaſchen. Einfegungdesh. Abendmahle. 1021 


in ein großes Speiſegemach führen, me ſchon bie Tafel 
gedeckt iſt. Daſelbſt machet Anftalt, daß mir auf dem 
Abend das Paffah genieffen Finnen, 

Die Jünger fanden es alles fo, ieder Umſtand traf 
genau, mie Jeſus geſagt hat, ein. Nun machten fie 
Zuräftungen, fchlachteten und Eochten das Paflahlamm , 
fchafften Brod und Wein herbey; und um die beflimmte 
Stunde fand ſich Jeſus und die übrigen Jünger, auch Ju—⸗ 
das, in dem verabredefen Haufe ein, und man lagerte 
fih um die Tafel. So mil ich denn, fieng hierauf es 
ſus an, dieß Paffah mit euch, meine Sieben, noch einmal 
genieffen „ ehe ich ſtebbe. Ich habe es euch mehrmals ges 
fagt, daß der Tod auf mich warte. Nun effen mir noch 
zum lestenmale mit einander — binfort werde id) nicht 
mehr mit euch Paſſah feyern — erit muß die höhere Be 
freyung, die nicht (mie bie, deren man fich beym Paffah 
erinnert) irdifches Glück, fondern die Güter des göttlichen 
Reichs zum Zweck hat, die muß erft zu Stande gebracht 
werden , che wir wieder fo zuſammen fommen, 


Diefer Gedanke follte fie wieder mitten in bag hinein 
führen, morüber er ihnen fchon fo viel Nührendeg, ins. 
befondere Tags vorher, gefagt hatte — Man af bag 
Paſſahlamm, und was, während dem Effen, geredet wur. 
be, hatte alles feine Beziehung auf die nahen traurigen 
Schickſale Jeſu. Wenn das Paffahlamm gegeffen war, fo 
blieb man noch bey der Tafel, um, was von Brod und 
Mein übrig war, vollends zu genieffen. Dieß war nun 
bie bequenifte Gelegenheit, die Jeſus finden Fonnte, dag 
Feyerliche der Paſſahfeyer, und die Empfindungen, womit 
baffelbe von rechtfchafienen Iſraeliten genoſſen wurde, auf 
ienen neuen gröfiern Gegenftand, der künftig in den Ge⸗ 
muͤthern feiner Anhänger alles Schwache und Siunliche der 

Dyys alten 


1022 Sieben und vierziafte Tafel. 


alten Neligion verdrängen follte, gleichfam uͤberzutragen 
die bequemfte Gelegenheit ihnen fein Andenken, beion- 
ders in NRücficht auf das, mas iezt mit ihm vorgeben 
follte, unvergeßlich zu machen. — Sie ſaſſen alle bey ein. 
ander. Er, das Haupt der Gefelfchaft, follte dag leztes 
mal, 'wie gewöhnlich, das Amt des Hausvaters verrich— 
ten, das Brod austheilen und den Becher herum bieten, 
Er verrichtet alfo das gewöhnliche , aber von ihm iezt mit 
befonderer Empfindung ausgefprochene, Danfgebet über die 
noch vorhandenen Speifen ; nimmt dann das flache Brod 
in die Hand, und, indem ber Sünger Augen alle auf ihn 
gerichtet find, fpricht er mit vernehmlicher Stimme, mäh- 
rend er dag Brod entzwey briht ; Gebt da meinen 
g.eib, wie er euch zum Beſten zerbrocdhen wird, 
Nehmet, (indem ers ihnen überreicht) efiet es. So oft 
ibe Künftig fo bey einander feyd, und eflet, feyd mei— 
ner dabey eingedenk! Jezt nimmt er auch den Becher 
in die Hand, in welchen Wein gegoffen ward; und fagt: 
Seht da mein Blut, wie es für viele vergoffen 
wird! das Blut, das ic) über der neuen Bundesfliftung 
vergieffe, durch welchen den Menſchen Vergebung ber 
Einden zu Theil wird — Dieſer Becher ſey dem Anden« 
ken meiner Aufopferung geweihet! Trinket alle aus 
demſelben. Ih ſage es euch, ich werde hinfort von 
dem Gewaͤchſe des Weinſtocks nicht mehr mit euch trinken, 
bis der Tag uns wieder vereiniget, an welchem das Reich 
meines Vaters ſich in ſeiner Herrlichkeit offenbart. 


Und nun ſagte er feinen Juͤngern alles auf das beuts 
lichſte, was ſowohl an dem morgenden, als den darauf 
folgenden Tagen mit ihm vorgehen werde — ermahnt ſie, 
ſtandhaft zu ſeyn ben feinem ſchmaͤhlichen Ende — ſtand⸗ 
haft bey ihrem fünffigen Eeiden — — warnt Petrum, der 

ſich 








Das Fußwaſchen. Einfezung des h. Abendmahle. 1023 


fich vermißt ihn bis in den Tod zu begleiten, und redet 
mit fo vieler Zärtlichfeit und Wehmuth mit ihnen, daR fie 
dadurch aufferft gerührt wurden. Zulezt betete er zu ſei— 
nem Vater um Stärke und Segen zu feinem bevorfichen« 
ben Leiden — um überfchwengliche Gnade, für feine Juͤn⸗ 


ger und alle feine Freunde, und um befländige Offenbar 


rung und Ausbreitung feiner Ehre und Herrlichkeit — 
Darauf verließ er die Stadt, und gieng mit den Seinen, 
in ſtiller Nacht, nach feinem geliebten Aufenthalt, nach 
Gethſemane, einem Meyerhof am Delberge. 


a 


O liebſter Jeſu, welche Güte 
D welche Fuͤlle von Gedult! 
Wie himmliſch ſchoͤn iſt dein Gemuͤthe! 
Wie uͤberſchwenglich deine Huld! 
O hoͤrte dich, wer hoͤren Fann, 
O ſaͤhe dich, wer ſehen kann, 
Wie betete das Herz dich an! 








2. 


Das Abendmahl der Katholiken und der 
Griechen. 


m der Communion der Fatholifhen Rirche (a) 


wird es folgender Geſtalt gehalten. Wenn der Briefier 


die Meſſe halt, und zu feinen Gebrauch dag Brod conſe— 
grirt, ſo werben die Hoflien, welche vor die Communican-— 
ten befiimmt find, zugleich mit confeerirt. Es iſt nicht era 
laubt, Diefelbigen auffer der Meffe zu confecriren, «uch 

nicht 


1024 Sieben und vierzigfte Tafel. 


nicht alsdann, wenn ein Kranker dag Abendmal verlangt, 
und Feine confecrirten Hoftien mehr übrig wären. Wenn 
Eoınmunicanten da find, fo werden biefe Hoftien, nebft der 
gröffern, für den Meſſe haltenden Priefter beftimmten Ho 
fie, vor dem Dffertorium, ober der Aufopferung, in ei« 
nem Kelch, oder auch ohne denfelbigen, auf dag Corpo— 
ral gelegt. Wenn die Confecration vorbey ift, fo nimmt 
der Priefter , der die Meffe liefet, wie fonft, die Commus 
nion unter beyderley Geflalten. Die Communicanten aber 
eınpfangen biefelbe nur unter einerley Geftalt, und zwar 


entiveder gleich nach der Communion des Priefters, oder 


auch nach gänzlich geendigter Meſſe. Die Austheilung 
verrichtet entweder der Priefter, der die Meffe gelefen 
hat, oder auch ein anderer gegenmärtiger Prieſter oder 
Diaconud. Mag übrig bleibt, wird in dem Tabernafel 
zum Fünftigen Gebrauch anderer Communicanten in ber 
Kirche, oder auch der Kranken aufbewahrt. Bey der Aus. 
theilung wird der Priefter oder Diaconus, von einem firs 
chenbedienten, der meifteng ein Laye ift, begleitet. Dies 
fer jagt die Formul der allgemeinen und sffentlichen Beich— 
te (denn die geheime Beichte einer ieden einzelen Perſon 
ift bereits vorhergegangen). Jene befteht in folgenden 
Worten ; Ich befenne dem allmächtigen Gott, der 
feligen und beftändigen Jungfrau Maris, dem felis 
gen Erzengel Michgel, dem feligen Johannes dem 
Täufer, den beiligen Apofteln Petrus und Paulus, 
allen Heiligen, und dir Pater (unter welchem Namen 
er den Priefter verfieht) daß ich über die Maaſſen ge 
fündiget babe, durch meine Schuld, durch meine 
Schul’, Durch meine fehr große Schuld ; deswegen 
bitte ich die felige und beftändige Tunafrau Maria, 


den feligen Erzengel Midyael, den feligen Jobann 
ven 


Das Fußwaſchen. Einfegung des bh. Abendmahle. 1025 


den Täufer, den heiligen Apoftel Petrus und Paw 
Ius, alle Heiligen, und dich Pater, für mich zu bit 
ten bey unfern Herrn Tefu Ehrifto. Der Priefter ers 
theilt hierauf die Abfolution mit diefen Worten ; der ak 
mächtige Gott erbarme fih über euch, vergebe euch 
eure Sünden, und führe euch zum ewigen Keben. 
Der Kirchendiener antwortet : Amen! Der Priefter faͤhrt 
fort z Verzeihuna, Abfolution und Vergebung eurer 
Sünden ertheile euch der allmädıtige und barmberzis 
ge Gott, der Pater, der Sohn und der heilige Geift. 
Bey den Testen Worten macht der Priefter das Kreuz in 
der Luft, und der Kirchendiener antwortet : Amen! Der 
Nriefter nimmt hierauf eine confecriete Hoftie, und zeigt 
- biefelbe dem Volke, und fagt : Siehe, das ift Got 
tes Lamm, das der Welt Sünde trägt. Sogleich 
fügt er folgende Worte hinzu, melde er dreymal mwieder« 
bolet : Herr, ich bin nicht würdig, daß du unter 
mein Dach) geheft ; fondern fprich nur ein Wort, fo 
_ wird meine Seele geheilet werden. Wenn er diefeg 
gefagt hat, fo giebt er einem ieden Communicanten, tels 
cher auf ber fogenannten Communicanten » Bank, die ges 
nieiniglich bey dem Eintritt in das Chor ſteht, kniet, und 
das darauf liegende Tuch vorhält, die Hoftie in den Mund, 
und fpricht daben folgende Worte: Der Leib unfers 
Herrn Jeſu Chriſti bewahre deine Seele zum ewigen 
Leben, Amen ! Alsdann reichet der vorhin befchriebene 
Sirchenbebiente einem ieden Commmmnicanten etwas Wein , 
melcher aber nicht confecrirt ift, fundern blog dazu dient, 
was etwa von der Hoftie im Munde uͤbrig geblieben fepn 
möchte, befto leichter zu verfchlucfen. Wenn diefes ge 
ſchehen ift, und mit dem Ciborio, barinnen bie übrig ger - 
bliebenen Hoſtien befindlih find, das Kreuz über bas _ 

Dok 


1026 Sieben und vierzigſte Tafel: 


Volt gemacht, und die Höflien aufgehoben worden, ſo 
hat die Handlung ein Ende. Der conſecrirte Kelch, wird 
nur von dem Prieſter, der die Meſſe geleſen hat, genom⸗ 
ten : alle übrige Geiſtliche, weldye etwa zugegen find z 
und niit communiciren wollen, welchen infonderheit auf 
dem grünen Donnerftag geichieht , befommen, wenn fie 
auch gleich Priefter und Bifchöfe find , das Abendniahl 
alsdann nur unter einerlen Geſtalt, welches auch bey 
tanken Geiftlichen , um) überhaupt zu allen Zeiten gefchicht, 
wenn der Geiftliche nicht felbft Meſſe hal. In Anſehung 
ber Fayen befommen einige Monarchen bey ihrer Kıönung 
die Communion ımter beyderlen Geftalt; 


Beny ben heutigen Griechen (6) wird das Abentmal 
auf einem Altar, oder Antimenfium gehalten. Siebe 
dienen ſich dabey des gefäuerten DBrodes , welches fie mit 
mancherlen Ceremsnien zubereiten, und glauben , daß Chris 
fiug daffelbige auch gebraucht habe. Den Wein vermiſchen 
fie bey der Einſegnung zuerft mit Faltem, hernach auch mit 
warmen Waffer. Sie laffen einen ieden zum Abendmahl, 
der nicht im Bann oder in der Kirchencenſur ſtehet; und 
ein ieder ift verbunden des Jahrs viermal, infonderbeit 
auf die hohen Feſte fich daben einzufinden. Cie bereiten 
fih die Woche vorher zu, mit Befuchung der Kirchen, 
Faſten, Allmofengeben, und mit der Beichte. Wenn die 
Einfegnung geſchehen iſt, fo ruffen die Commumicanten 
sen anweſenden Bolfe zu: Wir bitten euch, lieben 
Brüder, vergebet uns, was wir mit Worten und 
Werken nefündiger haben ! Worauf das Volk anımors 
tet: Lieben Brüder, Gott wird uns vergeben! 
Den Kindern reihen fie das Abendmahl gleich nach der 
Zaufe, und hernach zum oͤftern. Sie haben das Abends 
mahl, umter beyderley Öeftalten, Wenn biefe conſecrirt 
find, 





Das Zußwaſchen. Einſezung des h. Abendmahls. 1027 


ſind, und der Prieſter und Diaconus in dem mit einem 
Vorhauge verſchloſſenen Chor von dem Brode gegeſſen, und 
aus dem Kelche getrunken haben, ſo wird das geſegnete 
Brod in den Kelch geworfen, der Vorhang aufgezogen, 
und ſolches dem Volke vorgezeigt. Der Diaconus nimmt 
hernach einen Loͤffel, mit welchem er den Communicanten 
Brod und Wein auf einmal giebt (b). Sie halten das 
Abendmahl ebenfals, wie die Katholiken, fuͤr ein wah— 
res Verſoͤhnopfer, und haben alſo auch eine Meſſe, bey 
welcher der Prieſter allein communiciret. Die Conſekration 
des Brods und Weins verrichten ſie durch ein Gebet an 
den heiligen Geiſt, worinnen derſelbe angeruffen wird, das 
Brod und den Wein zu ſegnen, und mit dem Leibe und 
Blute Chriſti zu vereinigen und zu verwandeln. Das uͤber⸗ 
gebliebene Brod wird unter das Volk ausgetheilt. Die 
Eommunicanten empfangen das Abendmahl nicht Eniend , 
fondern fliehen gebüct, und fagen: Herr, ih el:ube 
und befenne, dab du feyelt Chriſtus der Sohn des 
lebendigen Gottes, der in die Welt gekommen ift, 
die Sünder felig zu machen, unter welden ich der 
vornebmfte bin. Diefes ıft die Antwort auf die Wor— 
te, welche ber Diaconus ihnen bey der Ueberreichung zu⸗ 
ruft, und in folgendem befichen: Es wird dir mitgetheilt 
der ehrwuͤrdige, beilige, unbefleckte Leib unſers 
Herrn und Heilandes Jeſu Chrifti zur Vergebung der 
Sünden, und zum ewigen Leben. 


1028 Sieben und vierzigfte Tafel. 


3. 
Die Meſſe der Katholiken. 
Da⸗ Meßopfer wird in der roͤmiſchen Kirche fuͤr das 


wichtigſte Stuͤck der goͤttlichen Verehrung, und für bag 
fräftigfte unter allen Gebeten gehalten. Wach dem Lehr: 


begriff derfelben, bittet bey diefer Handlung die Kirche nicht 


sur für fich felbf, indem der Priefter dieß Opfer auf ei. 
ne über alle Vernunft erhabene Weife Gott barbringt ; 
fondern Jeſus Chriſtus opfert fich felbft durch ben Prie, 


fter, als feinen Diener, feinem Vater auf, und giebt der ° 


Handlung des Priefters alle Heiligkeit und göttlichen Nach- 
druck. 


Am Sonntage vor einer feyerlichen Meſſe fegnet man 
bag Weihwefler , und hält einen heiligen Umgang. 
Denn die Slaubigen follen der Meffe nicht anders als mit 
einem reinen Gewiſſen beywohnen — und zum Zeichen ber 
Nothwendigkeit diefer Neinigung, werden fie mit dem ges 
beiligten Waffer befprenget. Die Proceflion iſt eine Bor 
bereitung der Herzen auf das heil. Meßopfer. Der Prie- 
fter und die Geiftlichfeit machen biefe Vorbereitung noch 
feyerlicher durch den Gefang , und die Ausftelung des Kreu- 
zes, welches vor der Geiftlichfeit hergetragen wird, indem 
man einen Umgang um bie Kirche, oder die dazu gehörigen 
nechft gelegenen Drte macht. 


Die Meſſe felbft befieht aus zwen Haupttheilen. Der 
erfte begreift die Handlungen vom Anfange bis auf das 
Opfer, und wurde in dem lporigen Zeiten die Meſſe der 

Yreube:- 


Das Fußwaſchen. Einſezung des h. Abendmahls. 1029 


Neubekehrten genannt; ber andere erflreckt fih vom Dps 
fer bis zum Ende, und wird die Were der Glaubigen 
genennet. Den erften Handlungen durfte icdbermann bey⸗ 
wohnen , weil darunter die Leſung der heil. Schrift und 
die Predigt des Evangelii begriffen war. Nach ter Yres 
digt aber wurde niemand mehr gedulter, ale nur bie Glau— 
bigen, die im Stande waren an dem Opfer Theil zu tch» 
men ; deswegen hieß man die Neubekehrten, die Beſeſſe— 
nen und Buffenden abtretten ‚ die man nicht nur von der 
Theilnehmung, fondern auch felbft vom Zufehen gänzlich 
ausſchloß. in biefer Abſicht mufte der Diacenus über. 
laut ausruffen: die heiligen Dinge find nur vor Hei— 
lige ! Ihr Unheilige machet euch von dannen! 


Beym Meffehalten felbft muß der Prieſter alle feine 
Aufmerktjamkeit und Andacht zufammen nehmen, denn er 
bat etliche dreykig Handlungen dabey zu beobachten, insel; 
che alle gewiſſe Beziehungen auf die Feidensgefchichte Jeſu 
Chriſti haben, und erbauliche Erinnerungszeichen derſelben 
feyn follen. 3. E. er gebt nach dem Altare Cbieh fell 
den Hingang Chriſti an den Delberg bedeuten); er fängt 
die Meſſe an (Chriſtus betet in Gethſemane); er Füffet 
den Altar (Chriſtus wird vom Judas gefüffer); er deckt 
den Kelch ab (Chriſtus wird entkleidet, um gegeiſſelt zu 
werden); er deckt den Kelch zu (Chriſto wird tie Dors 
nenfrone aufgefest); er waͤſchet die Haͤnde ( Pilatus er 
'Härie durch fein Händewafchen Jeſum für unfchuldig) — — 
Er hebt den Kelch in Die Hoͤhe (das Blur Chriſti fick 
ſet vom Kreuze herab) — Kr communiciret (der Leiche 
nam Chrifti wird in ein neu Grab gelegt) u. f. to, 


Bey der Meſſe muß die Verfammlung vom Anfange 
bis auf das Ayrie fnien ; unter dem Sprengen des Weih— 


33: Wwaſſer⸗ 


1030 Eichen und viersigfte Tafel. 


waſſers ſtehen; mährend des Gebets, das darauf folge 


wieder fnien u. f. w. Mit dem Anfange ber Epiftel big 
zum Evangelium darf man ſizen; unter dem Lefen des 
Evangelium aber muß man fliehen. Das Knien fol die 
Demüthigung der Glaubigen bedeuten, dag Ötehen aber 
theils das Vertrauen, womit fie ihr Gebet zu Gott fchis 
den, theils die Freudigkeit, mit welcher fie feinen Wil 
len gu vollbringen gedenken. 


Kine feyerliche, große oder hohe Meſſe ift, wenn 
biefelbe von einem Biſchofe, Prälaten oder vom Papſte 
felbft gehalten wird. Dabey berrfchet, wie auf der Tas 
fel abgebildes if, Andacht, Fenerlichkeit, Pracht, und 
Devotion im böchften Grabe. 





RE RE — en CE 


4. 


Das Abendmahl der Reformirten 
und der Zurheraner, 


Te 
ad der reformirten Rirche, find zwar die Gebräuche 
bey Haltung des Übenbmabls (a) nicht durchgehend eis 
nerley, doch beftent das MWefentliche in folgendem. Eis 
nen oder etliche Tage vor dem Abendmahle wird eine Vors 
bereitung gehalten, in welcher , nad) der Ermahnung des 
Predigers, die Stücke vorgelefen werden, über welche 
fid) die Commumicanten zu prüfen haben. Syn biefer Bors 
lefung werden an einigen Diten etliche Fragen vorgehals 
ten , welche fi) auf die zweyte Frage des heidelbergifchen 
Katehismug beziehen, und von den Anweſenden laut mit 
a beantwortet werden. Hierauf folge eine Art einer ers 
klaͤrenden 


| 


N 


Das Zußmwafchen. Einfesung des h. Abendmahls. ro2ı 


flärenden Abfolution von Seiten des Predigerd, welche 
von der Gemeine mit Amen beantwortet wird, Wenn 
dag Abendmahl gehalten werden fol, fo wird der Gottes. 
dienft wie gewöhnlich verrichtet, und nach der Predigt 
und dem gewöhnlichen Gebete, die Commimion durch Wors 
lefung einer gewiſſen Sormul angefangen.  Diefelbige ents 
hält die Worte der Einfezung aus 1. Cor. ı1. worauf ver⸗ 
fhiedene Vermahnungen folgen. Alsdann wird ein dazu 
beſtimmtes Gebet hergelefen , welches mit dem Gebet des 
Herrn befchloffen wird. Hierauf wird ber Glaube oder 
das fogenannte apoftolifche Symbolum bergelefen , mit eis 
ner furzen Ermahnung begleitet, und unmittelbar hernach 
den Communicanten das Brod und der Wein gereicht , ale 
welche durch Herfagung des angeführten Formulars und 
durch die Werte, welche bey der Darreichung ausgelpros 
chen werden, confeceirt worden. Das Brod ſelbſt ift 
aus Weizenmehl, gemeiniglich länglich gebafen, und dee 
durchgängig gewöhnliche Name, womit e8 benennet wird, 
ift Brod, und nicht Kuchen. Dblaten oder Hoftien find 
nirgends in diefer Kirche gewöhnlich. Es gilt gleich viel, 
ob eg gefäuert oder ungefäuert Brod ift, und folcheg 
hängt von ber an jedem Orte eingeführten Gewohnheit ab, 
torinnen fein Prediger. für fih eine Yenderung vornehmen 
faun. Das Brod wird vorher von dem Prediger in feis 
nem Haufe in Iänglichte Stücke fo zerſchnitten, daß eg 
hernach bey der Austheilung gemächlich abgebrochen werden 
kann. Das Brod wird den Communicanten in die Hand 
gegeben, und nicht in den Mund geſteckt. Diefe fommen 
an den meiften Drten einzeln berbey, und empfangen eg 
fiehend , nirgends aber kniend. An einigen Orten fisen 
die Communicanter um einen Tiſch herum, ie zwölf und 
zwoͤlf; am andern Orten bleiben fie in ihren gewoͤhnlichen 

334; 2 Stühlen, 


> 


1032 Sieben und vierzigfte Tafel. 


Stüplen, und in biefen Fällen wird das Brod und ber 
ein von den meltlihen Kirchen » elteften überbracht. 
Diefes ift vorzüglich in der Schweiz , ienes aber in den 
Niederlanden gewoͤhnlich. Der Keldy wird ebenfals dem 
Communtcinten in die Hand gegeben , es fey dann, daß 
er gebrechlih wäre, mo er ihm an den Mund gehalten 
wird An den Drten, wo die Communicanten um eis 
nen Tiſch fizen, übergiebt ein icder den Kelch an feinen 
Nachbarn. Sonft aber erhält ein ieder den Kelch aus der 
Hand des Predigers, welchem er immer wieder zurück ge— 
geben wird. Ben der Darreichung des Brodes ift an vie— 
len Orten, folgende Formel, welche der Prediger aus— 
fprıht : Das Brod, Das wir breden, ift die Gemein—⸗ 
ſchat des Keibes Jeſu Chriſti. An andern Drten fagt 
dee Prediger: Vebmet bin und eflet, das ift Der 
w.bre Leib Jeſu Ebrifti, der am Stamme des Rreus 
zes gebrochen ift, zur Vergebung eurer Sünten. 
Bey der Darreichung des Kelchs fagt er entweder :; Der 
Reld der Danffagung, womit wir dankfagen, ift 
die Gemeinſchaft Des Bluts Jeſu Ebrifti, oder : Neh— 
met bin und trinfet , das ift das wahre Blut Jeſu 
Chriſti am Stamme des Rreuzes für euch vergoffen, 
zur Vergebung eurer Sünden. Die Franzofen gebrau« 
chen rolgende Sormel : Erinnert euch, daß Tefus Chris 
ftus für euch gefreuziget worden , und danft ibm 
dafuür; und: SErinnert euch daß Jeſus Chriftus fein 
Blut tür euch vergofien bat, und danft ihm dafür. 
Waͤhrend der Kommunion wird von der Gemeine gefungen, 
und wenn die Kommumicanten ale empfangen haben, fo 
wird die Handlung mit einem Danffagungsgebet befchlof 
fen. Bey der Communion der Kranken wird auf die nehme 
liche Art verfahren, die Bekentniß ber Sünden , die 

* Ab⸗ 





Das Fußwaſchen. Einfegung des h. Abendmahls. 1033 


Abſolution, eine kurze Formel zu der Communion , und 
ein Gebet verlefen, dag Abendmahl dem Kranfen gereicht, 
und die Handlung mit einer Dankfagung geendiget. 


Bey den Kutberanern (b) wird einen, oder aud) 
wohl etlihe Tage vor dem bendmahle, zumeilen auch 
wohl unmittelbar vor dem ordentlichen Gottesdienft, die 
Beichte gehalten. Wenn dag Abendmahl gehalten werden - 
fol, fe wird der Goitesdienft zwar mie ſonſt gewöhnlich) 
verrichtet; nach der Predigtaber begiebt fich der Geiftliche an 
ben Tifch, welchen man in biefer Kirche auch mir dem 
Namen des Altars belegt. Dafelbft findet er bereits das 
Brod und den Wein, welche Fur; vor dem Anfange der 
Kirche aufgeftelt worden. Das Brod beſteht in Kleinen 
Oblaten oder Hoftien, melden Namen fie auch führen. 
Der Prediger fängt die Handlung mit einen vorgefchriebes 
nen Gebet an, welches nach den Drten verfchieden , und 
länger oder Fürzer if. An manchen Orten wird bios dag 
Gebet des Herren bergefagt ; an andern eine Vermahnung 
an die Communicanten , bey welchen am Ende nocdmals 
bie Abfolution ertheilet wird. Nachdem dieß geſchehen, 
fo werden dle Einſezungsworte gelefen oder gefungen, und 
durch diefe gefchieht die Confecration, bey weicher auch an 
manchen Drten das Kreuz über dag Brod und den Weir 
gemacht , auch der Teller mit den Dbiaten und ber Kelch 
in die Höhe gehoben wird. Nun fommen die Communis 
canten an den Altar, die Maunsperfonen juerft, hernach 
die Weibsperſonen, an einigen Deien Berheirarhere und 
Ledige unter einander, an andern aber ein Theil nach dem 
andern. An Fleinen Drten wird gemeiniglich einiger Nang 
unter den Communicanten beobachtet, wach weichem fie 
hinzufreten, an andern nicht. Der Prediger reicht einem ies 
den Communicanten die Koftie in den Mund, und ſagt 

3333 ge» 


1024 Sieben und viersigfte Tafel. 


gemeiniglich Folgende Worte ; (denn nicht allenthalben ift 
einerley Formel) Nehmet bin und eflet, das ift der 


wabre Keib unfers Herrn und Heilandes Jeſu Chris 


fti, für eure Sünde in den Tod gegeben, der ftärfe 
und erhalte euch im wahren Glauben zum ewigen 
Leben, Amen! Ben der Austheilung des Keldys, wel⸗ 
chen er den Communicanten an ben Mund hält, fagt er: 
Nehmet bin und trinfet, das ift das wahre Blut 
unjers Herrn und Heilandes Jeſu Chrifti, das für 
eure Sünde vergoßen; das ftärke und erhalte euch 
im wahren Glauben zum ewigen Keben, Amen! 
Henn die Communieanten alle hinzu gegangen find, fo 
wird die Handlung mit einem kurzen Danfgebete befchlofs 
fen , und die Gemeine mit dem Segen enileffen. Was 
übrig bleibt wird als eine gemeine Sache angefehen, und 
der Wein von den Predigern oder Kirchdienern zu Haufe 
getrunken, oder auch an Kranke, iedoch nicht als cone 
fecrirter Wein , fondern als ein gemeiner Wein zur 
Erärfung ihres Körpers verfende. Denn fo oft ein 
Kranker communicren will, wird Brod und Wein von 
neuem durch die Einſezungsworte confecrit. Die Kranken 
empfangen das Abendmahl zu einer ieden felbft belichigen 
Zeit des Tages, oder des Nachts; da es, oͤffentlich, 
nur des Morgens , an Felt. Sonn-und Feyerfägen, an 
großen Drten, auch in bee Woche, vor oder nad) der 
Hredigt gehalten wird. Die übrig gebliebenen Hoftien , 
werden zwar nicht als eine ſonſtige Speife nachher gegefs 
fen, ſondern auf die naͤchſte Communion aufbehalten, aber 
olsdann mit denen neu hinzu gefommenen wieder conſecrirt. 
Die Communicanten follten bag Abendmahl fniend empfans« 
sen; Daher auch an beyden Seiten des Altars Kniebanks 
dien angebracht find, fie bleiben aber an vielen Drten ges 

Fabe 





Das Fußwaſchen. Einfegungbes h. Abendmahls. 1035 


rade ſtehen. An einigen Drten treten fie einzeln vor den 
Alter, an andern allezeit zwey oder drey zugleich. Waͤh—⸗ 
rend der Communion fingt die Gemeine ſchickliche Lieder, 
oder es wird auch wohl cine Kirchenmufik gemacht. Es 
brennen Kerzen auf dem Altare, und find zwey Knaben 
vorhanden , welche den Communicanten ein Tuch vorhals 
Sen, und Mimiſtranten vorſtellen. 





— — DOES 


5. 
Der Wein-und Hopfenbau. 


J einigen Laͤndern, welche von Natur und durch ihre 
Lage vorzuͤglich dazu geſchickt find, gehoͤret unter bie 
wichiigften Gefhäfte des Laudmannes, der Weinbau. 
Der Weinberg (A. a.) iff ein gegen die Mitags, Sonne 
gefehrter abhängiger Drt, wo viele Weinſtöcke (A.b.) 
ſtehen. Die Zweige eines Weinſtocks beiffen Renten, 
Fieinere Ranken find Reben ; an denen hängen die Traus 
ben, oder Klumpen von Weinbeeren,, melde getrod-> 
net, Roſinen beiffen. In den Weinbeeren find die Boͤrn⸗ 
lein, als der Saame des Weinſtocks. Man darf. aber 
biefelben, um iunge Weinſtoͤcke zu haben, nicht akymal 
ſaͤen. Mean kann Rebhoͤlzer, oder iunge Sprößlinge von 
den alten abjchneiden, welche, wenn fie gepfianzet wers 
den, Wurzel ſchlagen. Man fann auch ſchoͤne Nanken 
einfenFen, das ift, von dem Hauptfiamme tief niederbeus 
gen, amd mit Erde bededen. Auch diefe koͤnnen entwes 
der ftehen bleiben, nachdem fie Wurzel gefaßt baden, oder 
abgefchnitten umd verpflanzt werden. Gegen ben Fruͤh⸗ 

3334 ling 


1036 Sieben und vierzigfie Tafel. 


ling wird der Weinſtock befhnitten, dag ift, man nimmt 
die Üserfiäitigen Augen weg, aus welchen zu viel Sproͤß⸗ 
linge hervor ſchieſſen würden; damit die wenigen, melde 
ſtehen bleiven, deſto flärfer werden. Im Merz, nad) 
dem Ende ter Beſchneidung, bebadt man ben Meinberg, 
nehmlich man hackt die Erde auf, rund um den Wurzeln, 
und Lefchltter fie alsdann mit neuer Erbe. Wenn ber 
Stock anfängt zu blühen, fo binder man ihn an Pfähle 
und bezwickt ihn, das ift, man fchneidet abermals Flcis 
ve Ranken, und bie Spigen von den Eprößlingen weg, 
damit tie Trauben , die fih alstann zeigen, deſto mehr 
Nahrungsſaft behalten. Wenn nun die Trauben ım Derb» 
fie zur Deife gelangen, merden fie durch die Weinleſer 
oder Winzer von den Neben abgefchnitten, in Gefäße ges 
werfen, hinein getragen und in eine Kufe gefchüttet, 
da fie denn von Menſchen mit FZüffen getretten werden 
(A.c.) Was davon läuft, heiffet der Vorlauf; ber 
nad) kommen fie unter die Relter (A. d.). Diefe Maſchine 
ift eine Art einer mit Schrauben verjehenen Prefle, wo—⸗ 
durch der Saft der Weintrauben ausgepreßt wird. Je oͤf⸗ 
ter man dag Ueberbleibfel dir Weintrauben, woraus fhon 
Saft gepreßt iſt, von neuem preßt, deſto fehlechter wird 
der nee Saft oder Moll. Der Moft, wenn er 9% 
gohren hat, wird zu Wein, welcher anfangs iung und 
meriger gut ift, im mittlern Aiter an Güte zunimmt, 
und zulest ein alter Wein wird, ber zwar großen Werth 
hat, aber der Hize wegen nicht täglich getrunfen werden 
Eann. Jeder Wein nimmt einen befondern Geſchmack von 
ber Grgend und dem Erdftsihe an, in welchem vie Wein» 
ſtoͤcke gepflanzt find ; und bie gewöhnlichften Weine find ; 
weiſſer und rother Sranzwein, Frankenwein, Abeins 
wein, Xurgunder, Champagner, Spaniſcher, Uns 

gariſcher 





Das Fußwaſchen. Einſezung des h. Abendmahls. 1037 


gariſcher Wein und dergl. Der Wein wird in Säffern, 
welche der Boͤttcher oder Safbinder verfertigt, auf Kür 
gel virgeleg.. (Die Fäffer beflehen aud Dauben, melde 
nit Reiien verbunden find, und zweyen Böden ; haben, 
ein Spundloh zum Spund, ein Loch zum Zapfen, 
oder zu der id re mit dem Hahne.) Un bdiefe Fäffer , 
welche fleiffig aufgefüllt werden müffen, fest fich inwen⸗ 
dig der irbiſche Theil de8 Weins an, melder Weinftein 
genennet und in den Apothefen gebrauchte wird. 


Den Aopfen (B), welcher in Sächfern gelegt 
wird, vi eine Frucht, die an hoch hinauf ſich wendenden 
Ranken waͤchſet, im Herbfte reif wird, und davon ab» 
geblattet werden muß. Diefer Hopfen wird in ven Fän- 
dern, welche feinen einbau, aber zum Hopfenbau 
taugliches Erdreich haben , bäuffig in den Hopfengaͤrten 
gebaut; erfordert gute Pflege, abfonderlich fleifiges Ya» 
cken und Anbinden, und muß an hohen Stangen aufs 
gezogen merden. Es giebt, unter dem Gerfienmale, 
dem Getraͤnke, welches Bier genennet wird, eine befon. 
dere Dauerhaftigkeit; und es wird dadurch gefchickt ges 
macht, fich lange zu halten, ohne fauer zu werden. Mit 
dem Bierbrauen felbft geht es alfo zu: Man läßt Ser 
fie, oder auch Waizen und Haber, nachdem fie durch 
Anfeuchtung zum Aufquellen und Auswachfen gebracht, 
alsdenn aber über dem Dürrofen getrocknet, und in der 
Muͤhle gebrochen, alſo zu Malz gemacht worden, in ets 
nem großen Reffel fieden, und nimmt dazu Hopfen, um 
bamit die lange Erhaltung des Biers zu befördern, Algo 
denn wird es in den Küblfeffel gebracht, damit eg darin 
nen abkuͤble. Das durch foldhe Zubereitung erhaltene 
Getraͤnke beiffet braunes Bier, (und die fnlechtefie Art 
deſſelben Rofent) welches man in Keller, und, wo eg 

| 3315 ſeyn 


1038 Sieben und vierzigfte Tafel. 


feyn kann, in SelfenFeller bringt, und zum Gebrauch in 


Faͤſſern aufbehält. Gerſten und Waizen, mit wenig Hop— 
fen, geben das weiße Bier, welches nicht lange, oh. 
ne fauer zu werden, kann aufbehalten werden. Die bes 
rühmteften Biere find ; Das englifcbe Oel, die Braun: 
fhweiger Wumme, das WMierfeburger, Regensbur⸗ 
ger, Herſprucker Bier, der Breyban u. f. mw. 


Aus Wein +» oder Bierhefen, aus g:brochenem und 
auf gewiſſe Art zugerichtetem Waizen oder Korn, aus fau⸗ 
lem Obſte und Obſtſteinen, wird der Brandtewein ges 
brannt. Es werden nehmlic dergleichen Dinge in einent 
fupfernen in den Dfen eingemauerten Keffel mit Waffer ans 
gegoffen , über welchem der Brennfolbe, und unter dem 
Keſſel dag Feuer if. Durch die Hise des Ofens fleiget 
der Geift in den Kolben, und £röpfelt durch. die Roͤhre in 
ein Gefäß aus. Diefes heiffet man Diftilliren ; und fo 
wird nicht nurder gemeine Brandtewein, fondern auch, aus 
Meis, Araf, und aus Zucker, Rum gemacht. Sodann 
entſtehen durch oͤfteres Übziehen des gemeinen Brandte- 
weins, Aquavit und Weingeift, und mit einigen Zufaß 
von Zucker und Sräutern und dergl. allerley Kiquers 
und? Wundwaſſer. Der gewöhnliche Brandtewein wird 
durch biezu berechtigte Leute, welche Brandteweinbren, 
ner heiffen, gemacht. Die Verfertigung ber übrigen ift 
eine chymifche Kunft. 


Auch wird aus Wein, Bier, Birnen, Aepfeln und an. 
dern dergleichen Säften, ein Eſſig bereitet, der ſowohl in 
der Küche, alg bey manchen Berufsgefchäften und in ber 
Apotheke von unausfprechlihen Nuzen ifl. Es ‚giebt vor 
nehmlich Weineflig und Biereflig. 





6. 





a 


Das Fußwafchen. Einfezung des h. Abendmahls. 1039 
Lu EN ELLE 


’ 6, 
Der Koh. Der Wirth. 


Rise oder Koͤchinnen (A) werden dieienigen Perfonen 
genennet , welche nicht nur überhaupt eine gute Erfennt- 
nig von der Natur und den Eigenfchaften ber im Lande ges 
woͤhnlichen Speifen haben, fondern auch icde derfelben 
auf manchfaltige Art zurichten, und in gufer Drdnung zu 
Tiſche bringen Eönnen, Die Gerichte, bie fie aus ben 
vielerley Eßmwaaren zubereiten, find : 1) Suppen von 
Sleifh , Milch , einigen Fifhen und Kräutern ; von 
Mehl, Brod, Bier und Wein; 2) Mehlſpeiſen, als 
Bey, Mus, Kloͤſſer, Pudding, Kuchen, Waffeln; 


3) DPofteten; 4) Gerichte vom gefottenem Fleiſche, mit 


I 


dem Ueberguſſe, Fricaſſee, Ragout, u.f. w. 5) Ders 
fehiedene Arten von Braten, mit Salat aus Lattig, Kohl, 
Gurken, Rapunzen, Portulaf, Dragun, Boragenfraut 


’ oder Kreffe, Endivien,, rothen Rüben, Selleriemurzeln ; 


6) das Gemüfe von Erbfen, Linfen, Bohnen, Möhren, 
weiffen, gelben und rothen Rüben, Paſtinacken, Kohl, 
Kohlrüben, Spinat, Sauerampfer, Spargel, u. f. m. 
Die Speifen des Nachtifches pflegt man Faum unter die 
Gerichte zu zehlen, als Torten, Kuchen, Coufituren, Gals 
ferfe, von angenehmen Säften durchdrungenes Eid ( Ges 
lees), moblfchmedende Mufe , frifche , gedoͤrrte, und 
eingemachte Früchte, Kaͤſe und Butter, u. f. w. Das. 
Geräthe welches zum Küchenmwefen und zu den Mabkgeiten 
gebraucht wird, ift mancherley : 1) Behältniße, Spuͤhl⸗ 


keſſel, Gießfannen, Scränfe, SKaften, Tonnen, Bal- 


gen, 


1049 Sieben und vierzigfte Tafel. 


gen, Eimer, Butten, Mulden, Körbe und Side; Keffel, 
Töpfe, Näpfe, Pfannen, Waffeleifen und andere For 
men ; Cafferolen, Tiegel, Schüffeln und Teller, Scha- 
len, Becher, Glöfer, Flaſchen und Bouteillen; Büchfen 
zu Zucker und Pfeffer, und Salzfaͤſſer; Theefeffel, Thee— 
töpfe, Kaffeekannen, Milchkannen und Theefhälchen. 
2) Werkzeug : Zungen, Feuerschaufeln, Feuerfaͤſſer, 
Roſte, Bratfpieffe, Dfengabeln, Biareröhre und. Blasbäls 
ge zum Feueryeerde ; der Mörfer mit feinem Stempel, bie 
Reibe, der Durchichlag und Sieb, ver Trichter und bie 
Schaumkelle; das Hackemeffer, dag Hackebret, und der 
Haublock; die groffen und Eleinen Loͤffel, Meffer und Ga— 
beln zum Abfondern ; Beſen, Bürften, Federwiſche, 
Tücher , Löcherfchwänme, Schabeifen , Vorſchuͤrzen, 
Tifhtächer und Servietten zur Neinlihfeit. Der Hands 
lungen, welde dazu gehören, find ſehr viele, alg: 
fhlachten, rupfen, brühen, die Haaſen enthäuten, bie 
Fiſche entfchuppen, vielerley baden, zerfchneiden und zer 
fioffen ; die Speifen umrühren, daß fie nicht-anbrenuen , 
und fie abfchäumen , ihre Ueberfochen verhüten , gewiſſe 
magere Braten mit der Specknadel fpicfen, Erbſen unb 
Bohnen aushülfen, Früchte und andere Gewächfe abwa— 
(hen, auslefen, fchälen und ſchaben; Nahrungsmittel eine 
faufen, bis zur rechten Zeit erhalten und aufbewahren ; 
ihre Güte und Unfchädlichkeit, ihr Maag und Gewicht une 
terfichen, und dafür forgen, daß fein brauchbarer Lebers 
geft umfomme — jn groffen Haushaltungen find Haus— 
balterinnen, auc wohl Haushofmeiſter, um unfer ber 
Herrfchaft die allgemeine Aufſicht über dag Hausmwefen , 
befonders aber über das Küchenivefen zu haben. Gemöhns 
licher Weife aber ift die Aufſicht, und einige Beſchaͤftigung 
in der Küche, eine Pflicht der Hausmuͤtter und der fie 

nach» 


— — — ————— —— —— 











Das Fußwaſchen. Einfezung des h. Abendmahle. 1041 


nachahmenden Tochter. Büchenzettel, Rochzettel find 
fehriftliche Verzeichniße der Speifen, die dey einer Mahlzeit 
zur Tafel getragen werben follen. Kochbuch nennt man 
ein Buch, morinnen Anleitung gegeben wird, tie man« 
cherley Speifen nicht nur am gemöhnlichfien vorzubereiten, 
fondern auch wie eine iede, nach ihrer Urt, theils aufs 
befie und ſchmackhafteſte durch gute Gewuͤrze, fauern, 
Bruͤhen und dergl. zuzurichten — wie allerhand Paſteten 
und Torten zu baden, ganze Auffäge und aus mancherley 
Epeifen befichende Trachten wohl zu ordiniren, und dies 
jenigen zuſammen zu nehmen find, die fich ihren Eigen 
ſchaften nach zuſammen ſchicken. — 


Auf der Tafel ſieht man einen Koch, der einen Bra, 
ten begießt, und an dem Brutfpieffe wendet, der auf fe 
nem Bocke über der Bratpfanne ruht, in welcher die aba 
friefende Butter twieder aufgefangen wird. Der Kuchen» 
tunge, der gemeiniglih, wenn man feine Mafchine hat, 
den Braten zu wenden pflegt , ſtoͤßt bier eine Zeitlang Ges 
wuͤrz in einem Mörfer. Noch fieht man eine Magd, wel 
che Waffer herbey trägt; und vor der Thür einen Haug, 
fnecht, melcher Hoi; ſpaltet; auf der Erde einige Stuͤcke 
Holz; in dem Korbe einige Kuͤchenwaͤſche; ander Wand 
einen Küchenfchranf ; über demfelben einige Bretter und 
Leiſten, zur Hinſtellung der Schüffeln und Teller. 


Auch giebt e8 an allen Orten gemwiffe Leute, melde 
fih davon nähren, Wein und Bier, gegen Bezahlung in 
ber Maaß, in welcher es verlangt wird, auszuſchenken. 
Solche Leute, melde von der Obrigkeit. dazu berechfiget 
find, heiſſen Wein: und Bierfchenfen; und wenn fie die 
Freyheit haben Gäfte zu ſezen, auch Neifende mit Wagen 
und Pferden aufjunehmen und zu bewirthen, Gaftwirtbe, 

und 


1042 Sieben und viersigfte Tafel. 


und ihre Bewohnung Wirthshaus, Gafthof oder Hotel. 
Ein guter Wirth muß alfo nicht nur ein geräumiges Haus 
mit vielen Zimmern für alleriey Gattungen Menfchen, und 
gute Ställe und Seller haben; fondern auch mit guten 
Betten, Haus, und Tifchgeräthe, Speifen und Getränfe, 
ingleichen mit gutem Gefinde und, Aufwärtern verfehen , er 
felbft aber reinlich, höflicd und billig feyn — den Nuzen, 
die BequemlichFeit und das Vergnügen feiner Gaͤſte auf alle 
Weiſe zu befördern fuchen, und ſich dadurch eine hauffige 
Einkehr verfchaffen. Gemeiniglich haben die Gafthöfe, ia 
ſelbſt die Eleinften Schenfen, gemwiffe Zeichen und Schilde, 
dadurch fie von andern unterfchieden, und den Paffagierg 
und Fuhrleuten befannt gemacht werden Finnen. 


E8 giebt auch Kaffeehaͤuſſer, wo die Gäfte gemeis 
niglic) mit warmen Getränke, ingleichen mit Nofolis, fie 
monade und allerley Erfrifchungen bedient werden. Man 
fann über dieß in denfelben , nebft den neueften und bes 
liebteften Zeitungen, Gelegenheit zum Spiele überhaupt, 


insbefondere aber zum Billardfpiele, zu nüzlichen Gefpräs 
| 


chen und angenehmen Bekannffchaften fluden. 


ze EEBINELNILIER 


7. 
Der Mann und die Uhr. 








— EE 


PL 

— Afrika, dem Vaterland der Mohren, 
War einſtens ein Genie gebohren, 
Dag, mit der Zeit, gar viele Bücher ſchrieb; 
Sein Volk durd) feine Weisheit lehrte , 
Des Poͤbels Worurtheil zerſtoͤrte, 


Und gar gemaltiglich fein Weſen trieb. Pi 
e 





Das Fußwaſchen. Einſezung des h. Abendmahls. 1043 


Der Mann non Fam auf eines Fürften Saal , 
Erblickte da, zum erfienmahl 
' Sn feinem Leben, eine Uhr, 
Höhrt ihren Schlag — er hört das Uhrwerk geben, 
Und fonnte. doch den innern Bau micht feben. 
Ha, rief ee aus, das iſt Matur! 
Ein Toier ift in dem Kaſten da verſteckt, 
Ein Thier, das, wenn es fich beweget, 
Den Hammer an der Glocke wedt, 
Damit es, wie fihg eignet, fchläget. 

Kaum hat er dieß Syſtem erdacht, 
So ward e8 zu Papier gebracht, 
Und Alt» und Zungen gieng es ein, 
Es möß ein Thier im SKaften feyn. 

Das Scribler⸗-Volk, davon in ienen Zeiten 
Es ganze Legionen gab; 
Die ſchrieben, wie bey Werthers Leiden, 
Und bey bes armen Siegwarts Grab, 
Gar Vieles und gar Mancherley 
Vom Thier , das in dem Uhrwerk ſey — 
Und lieſſen, ohne fih bie Köpfe zu zerbrechen, 
Das arme Thier in Kupfer flechen, 

Drauf flarb der Mann, der das Spflem erfann, 
Und fam in feinem Himmel an. 
Sein Genius eilt ihm entgegen 
Um feinen fchon befaunten Freund, 
Das mas ihm bier noch dunkel feheint, 
Sm hellen Fichte auszulegen. 
Eie giengen ein’ge Schritte nur, 
So drängte ſich ſchon Frag an Frag, 
Was dich ? Was ien’d ?— Jezt hörte man ben Schlag 
Von einer großen Sirchenuhr. 

Nicht - 


1644 Sieben und vierzigſte Tafel. | 


Nicht wahr, Herr Genius , das hab ich gut gemacht, 
Ohn' es zu fehn das Thier, zu abfirahieren , 
Mie es geftalt, daß es auf allen Vieren — 
Sa, fiel dee Genius ihm ein, 
Und Hächelte. — Der Ruhm ift dein. 
Doh Form und fieh das Innre diefer ‚Uhr. 
Hier zeigte fih die glatte Keder, 
Die großen und die kleinen Räder; 
Mie, rief er, das wär nicht Natur ? Ä 
Dein, fprah fein Freund, doch iezt iſt dirg erlaubt, 
Das Inure dieſes Bars zu fehen, 
Wie alle diefe Mäder gehen, 
Und wie, mas du ein Thier geglaubt, 
Nichts mar als Künfilers Meiſterſtuͤckf — — 
Laß mich zu meinem Wolf zurück 
Daß ich dort meine falfche Lehre, 
Jezt widerruff' und mein Syſtem zerſtoͤre — 


Und wuͤrdeſt du zu deinen Bruͤdern kommen, 
Was wuͤrde dein Erſcheinen frommen? 
Auch Fein Geſpenſt halt fie vom Schreiben ab. 
Umfonft erhielt ihe nicht des Forfchens Neigung, 
Doch lerne iezt : die volle Ueberzeugung 
Beginnt erft an dem Fühlen Grab, 
Mit allem Wiffen, allem "Mühen , 
Das noch fo ſchoͤn auf eurer Erde glänzt, 
ag Feiner es den Vorhang Megsizichen, 
Der des Erfchaffnen Blick begränzt. 
Die Menfchheit legt euch Teffeln an, 
And fuͤhl's, es mar der Gottheit Wille, 
Daß Euer Blik nicht durch die Hülle, 
Die fie umfchlieffet , ſpaͤhen Fam. 








Das Zußmwafchen. Einfegung des h. Abendmahle. 1045 
REIT EEE EEE u NENNE 
8. 

Gaftmahle der Alten, 


2 
Ada ben erften fogenannten heroifchen Zeiten ber alten 
Voͤlker, insbefondere der Griechen und Nömer, herrſchte 
nicht viel Pracht und Luxus bey ihren Gaftmahlen — Aber 
nach und nach zeigte fich berfelbe auf, eine außnehmende 
Weiſe. Ueberhaupt waren fie gewohnt, mehr als einmal 
des Tages zu ipeifen, abfonderlich da ihr eigentliches Haupt⸗ 
mahl des Tages, welches Cöna bie, immer fpäter auf 
ben Abend oder in die Nacht vefigefezt wurde. Das foges 
nannte Fruͤhſtuͤck genoffen dielenigen Leute, welche ihrer 


Geſchaͤfte wegen frühe aufftehen und arbeiten mußten, wie 


aud) die Kinder, deren Wachsthum oft wiederholtes Effen 
erfordert. Die zweyte Mahlzeit hieß Prandium, und 
murde gehalten, wenn das Abendmahl etwas fpäte zuges 
Kichtet wurde. Man aß, ohne fi lange zu verweilen, nur 
etwas trockene Speifen bey ben Gefchäften. Das Veſper⸗ 


brod machte die dritte Mahlzeit aus, welche aber nur aus 


ganz Wenigem beſtund, bis endlich die Hauptmahl;eit oder 
Coͤna folgte. 

Dieſelbe beſtund bey den Griechen und Roͤmern aus 
drey Abtheilungen, aus dem Voreſſen, dem Haupteſſen 
und dem VNaͤchtiſche. Das Voreſſen, als ber erſte Gang; 
folte den Hunger nicht flillen, fondern den Appetit reizen, 
Die dabey üblichen Gerihte waren : Salat, Ey>r, Zwie⸗ 
bein, Senf, Seefiihe, u. fe w. Man trug dieſe Gerich, 
te auf bejondern dazu verferfigten Auffäzen von Silber, 
Gold und corinthifhen Erzie auf, welche auf einem Fußge, 
ftelle von getriebener Arbeit fanden. Das Getxkaͤnke dabeh 

sad war 


1046 5 Sieben und vierzigfte Tafel. 


war. Meth, oder Wein mit etwas Honig vermifcht. Die 
zweyte Tracht, oder das Hauptefien beftund aus lauter 
ausgeſuchten Speiſſen, von denen das vornehmſte Caput 
Coͤnaͤ hieß. Bey demſelben war dem griechiſchen und rd« 
miſchen Luxus nichts zu viel für die Tafel. Alles, was 
Itglien, Gallien, Aſien und Afrika nur Koſtbares hervor⸗ 
braͤchte, zierte ihre Tafeln; abſonderlich bey den großen 
Gaſterehen, melde fie auch Convivia nannten. Unter den 
vielen trefflichen Speiſen, die daben aufgetragen wurden, 
ge.chnete fich ieberzeit dag Fleifh von zahmen und milden 
Schweinen und andern Thieren, die auserlefenften Fiſche 
und das fchmackhaftefte Geflügel aus. Der Nachtiſch bes 
ſtund aus koͤſtlichen in ⸗ und ausländifhen Früchten, Cons 
fiusen, Haaſen, Krammetsvoͤgeln, Honigkuchen, Käfe 
uud dergl. Während der Mahlzeit pflegte man hoͤchſtens nur 
breymal zu trinken, über defto mehr ‚nach berfelben. Die 
Trintgefaͤſſe waren von Gold oder Kryſtall, und unter den 
Keimen, die gemeiniglich gebraucht wurden, der Cacubifche, 
der Maſſiſche, der Falerner, und die von Ehiog und Les 
bog, bie berübmteften. Da man fich oͤfters mit denſelben 
beraufchte, fo gab es ordentlihe Trinfgefeze, und einen 
Doerauffeber, oder Schmauefönig, deffen Verordnungen 
uhr Befehle genau beobachtet werden mußten. 


Ehe man zu Tifche gieng, pflegte man ſich vorher zu 


waſchen, ſowohl den ganzen feib im Babe, eine Stunde 
nor dem Übendeffen, ale auch ingbefondere die Hände kurz 
vor Tiſche. Dach dem Wafchen begoß man fich mit wohl. 
riehenten Waffern und Salben, und legte bequeme SKleis 
der an, melde Syntbefes bieffen. Der Tifh, an welchem 
die Mahlzeit gehalten wurde, mar vieredigt, an bem auf 
dreyen Seiten Bettfielen herum fiunden, bie öfters von 
dem prächtigfien Holge, von Elfenbein oder Eilber waren, 

und 


— — — 


Das Fußwaſchen. Einfegung Desh. Abendmahls. 1647 


und mit koſtbaren Decken aus Purpur mit Gold durchwirkt, 
bedeckt waren. Auf ieder diefer Bettſtellen lagen drey Pols 

er, für iede Perfon eine, damit iede ihren Elenbogen bes 
quem darauf fügen Fonnte. (Denn in den alten Zeiten faß 
man nicht, fondern man lag bey Tifche.) Die Tifchgeftelle 
hieffen Triclinia, welches Wort sfters auch den ganzen 
Speiſeſaal anzeige. So wie die Säfte gemeiniglich mit 
Eränzen von Blumen geſchmuͤckt waren, fo freute man auch 
diefelben auf den ganzen Saal, auf Tiſche und Bänke - 
Mit dergleichen Blumen» Cränzen waren auch die Kuuben ' 
und Mädchen geſchmuͤckt, die bey dem Mahle, nebft den 
Sklaven und Sflavinnen aufwarten, fingen, tanzen y 
ober etwas Angenehmes vorlefen mußten — die ganze 
Menge von Aufwärtern, deren einige den Gäften mit We— 
dela von Pfauenfedern Aofüplung verfchaffen, andere vie 
Speiffen zerlegen mußten, und dergl. 


Der Tiſch feldft wat in ben Augen ber Alten fo heilig 
als ein Dpferaltar. Daher wurde derfelbe, ehe man bie 
Speifen auftrug, eingemweihet, welchese buch Auftezen des 
Saljes und. der Bilder der Hausgs;en geſchahe. Nach 
Tiſche ergoͤzte man ſich mit Scherzen, Spielen und Tan 
zen — obwohl auch manche Roͤmer fo grauſam waren, 
daß fie nach vollendeter Mahlzeit berühmte Zechter mit, eine 
ander ringen lieffen, auch oͤfters mit allem Vergnügen 
zufahen, wie fie fih die Hälfe brachen. 

Bey manchen folchen Saftmablen herrſchte die Vers 
fhmendung im hoͤchſten Grade ; und es koſtete mancher 
Antritts -Schmaus eines vornehmen geiftlichen ober welt 
lichen Beamten, nach iesigem Gelbe, über 100000 Thaler, 

e 


mE een 


Yaagcaı 9. 





2048 Sieben und viersigfte Tafel. 
ET REES EEE EEE ETTEEEN 1 NE nie 


9. 
Auf's Wohl der Koͤniginn! 


Er bot ein Jude der Koͤniginn Elifabery in England 
eine Perle von ungemeiner Schönheit und Groͤſſe, für 
20000 Pfund Sterling an; aber für eine Sache, welche 
keinen wefentlihen Nuzen hatte, wollte die Königinn eine 
fo veträchtiihhe Summe nicht geben. Der Jude war ſchon 
im Begriffe, England wieder zu verlaffen, und fie in ans 
bern Ländern augzubieten, als ihn ein Kaufmann zu Lons 
don, Thomas Grosham, zu Gafte bat, und ihm für 
feine Perie die 20000 Pfund Sterling, welche die Koͤni⸗ 
giun nicht hatte geben wollen, bezahlte. Er ließ fich biers 
auf einen Moͤrſel bringen, flampfte die Perle klein, und 
f&uttete das Pulver in ein Glas Wein, dag er auf bie 
Geſundheit der Königinn austranf. Für Erffaunen wußte 
der Jude nicht, mas er darzu fagen folltee Aber der 
Engländer fprach zu ihm ; Nun koͤnnet Ihr fagen, daß 
die Königinn im Stande wäre, biefe Perle zu Faufen , 
wenn fie wollte, weil fie Unterthanen hat, melde fie 
auf ihre Gefundheit in einem Glaſe Wein trinfen Ein 
nen. ei 











1049 
Acht und vierzigfte Tafel. 





I. 


ZJeſu Leiden, Tod, Auferftehung und 
Himmelfarth. 


Se fanftmüthig und demuͤthig auch Jeſus Chriſtus 
die ganze 3::: ſein s Lebens auf Erden war; ſo vie⸗ 
fe Freundlichkeit und Leutſeligkeit er ın feinem Umgan⸗ 
ge, in jeinen Reden und Ihaten zeigte, da er nicht nur 
den Weg zur Seligkeit leyrte, fondern auch durch viele 
wohlthaͤtige Wunder die Herzen ber Menfchen zu gewinnen 
fuchte ; fo fehlte es ihm dody nicht an Feinden, die liſtig 
und mächtig genug waren, ihn endlid), weil ers nicht 
mehr verhindern wollte, von der Erde zu vertilgen. Eben 
dieienigen unter dem iidifhen Volke, die ihn am meiſten 
lieben und ihm anhangen folten, die Gelehrten und Unges 
fehenen, die Priefler und Schriftgelehrten, wurden ihm 
und feiner Lehre gram. Weil er nicht, wie fte immer hoff⸗ 
ten, ein irdifches, glänzendes Neich aufrichtete — weil er 
alle Heucheley und blos aͤuſſerliche Froͤmmigkeit fcharf bes 
firafte und ihnen auf alle, aud) die fpizfindigften Fragen, 
nachdrücklich antworten Fonnte, alfo, daß fie oft verftums 
men mußten — und mweil ihm viel Volk anhieng, fo mach. 
ten fie endlich ernſtliche Anftalten ihn zu flürgen und zu 

tödten — Und Gott ließ es gefhehen, um ber über 
ſchwenglich vielen, guten Früchte willen, die der Tod ſei⸗ 
nes Sohnes für den Dimmel und die Erde bringen follte. 

Aadaa 3 Eben 


1050 Acht und vierzigſte Tafel. 


Eben in der Nacht, da er das lezte Oſterlamm mit 
feinen SZüngern aß, und dad heil. Abendmahl einfegte, 
wurde der fihwarze Anſchlag feiner Feinde, ihn als einen 
Miffethäter gefänglich der Obrigkeit zu übergeben, hinaus 
geführt. Jeſus wußte es wohl — Nachdem er alfo feine 
legten Abſchiedsreden an feine Jünger gehalten, und fie feis 
nem DBater in einem herrlichen Gebete empfohlen hatte, 
gieng er mit innen aus der Stadt, an den nahe gelegenen 
Delberg, in den Meyenhof Gethſemane, mo er fic) öfters 
aufzuhalten pflegte — und fiel vor feinem Vater im Gebete 
nieder, um fi) auf fein bevorflehendes Leiden wuͤrdiglich 
vorzubereiten. ein Kampf, feine Angſt bey dem ſchau— 
ervolfen Anblicke derfelben war dabey fo groß, daß er 
während des Gebetes am ganzen Leibe zitterte und Blut 
ſchwizte (a). Seite Jünger, von denen er fich einige 
Schritte weit entfernet hatte, fchliefen ein — Er kam 
zwey ⸗ dreymal zu ihnen, und bat fie mit ihm zu wachen 
und zu beten, allein fie konnten fich nicht ermannen — 
Unterdefien fuhr Jeſus fort in feinem Gebete, ben welchem 
ihm ein Engel flärfte, und fagte zu feinem Vater : der 
Bel ift fehr bitter, den ou mir zu trinfen giebſt — 
Doc) ift es dein Wille, fo will id ihn dennoch trinfen.— 

Eben gieng Jeſus wieber zu feinen ſchlafenden Juͤn⸗ 
gern, fie zu ermuntern, da eine Echaar geiwafgeter Ges 
gichtödiener und Soldaten in ben Garten kam, die von 
den iüdifchen Herren und Prieflern aus ber Stadt gefickt 
wurden, Sefum in diefer Einfamkeit zu überfallen. She 
Anführer war Judas, ber freulofe Jünger Jeſu Ehrifti, 
der den ifraelitifhen Xelteften verfprach, Jeſum gegen 30 
Silberlinge in ihre Hände zu liefern. Dieſer eilte feis 
nem Herrn und Meifter entgegen, grüßete und kuͤſſete ihn, 
nach damaliger Gewohnheit der Jünger und ihrer Lehrer — 

aber 








Sefu Leiden, Tod, Auferftehung u. Himmelfarth. 109% 


aber eben dieß mar dag werabrebefe Zeichen, an welchem 
Judas den Soldaten feinen Weifter zu erfennen geben welite, 


Judas! fprah Jeſus vol Ernſt und Mitleiden, vers 
raͤthſt du mit einem Kuße deinen Meiſter? — lieh ih 
hierauf gutwillig gefangen nehmen und binden (b); nache 
dem er fie zuerſt durch bie Rede: ich. bins, den ihr ſuchet, 
zur Erde flürgfe, um ihnen zu zeigen, mag er thun koͤnn⸗ 
te, wenn er ſich von ihnen losmachen wollte — beilt 
gleich darauf einen vermwundeten Knecht, den Petrus in 
voller Hize beynahe den Kopf abgehauen hätte, und gab 
feinen Juͤngern die Pehre, daß fi das Schwerdt und ats 
gemaßte Gemalt nicht für fie ſchicke. 


Nun führte die Wache den gebundenen Jeſum zu dem 
damaligen Hohenpriefler Kaiphas, mofelbft fich ſchon der 
ganze iuͤdiſche Kath zu feiner Verhoͤr verfammlet hatte (c). 
Der Hoheptiefter legte Jeſu verſchiedene Fragen vor: 
Mas er für eine Lehre getrieben ? Warum er fich fo viele 
Anhänger gemacht babe? u. f. wm. Und Jeſus verantwor⸗ 
tete fih aufs Beſte, und ſagte unter andern, def many 
weil er ia sffentlich gelehret babe, nur feine Zuhörer dar 
rüber befragen follte. Ueber diefe Rede wurde einer der 
Kriegsfnechte fo erboßt und breifte, daß er dem Hetlande 
einen Backenſtreich gab — Jeſus litte alles gedultig — 
und fagte endlich, da man ſtark in ihn drang und ibn 
fragte, ober denn wirklich der verheiffene Meſſias und 
Sohn Gottes fey ? Ja, ib bins ! Dieß hielt der gan—⸗ 
ze Nath für eine Sottesläfterung, ihn feibft aber für 
todteswuͤrdig — gaben ihn den Soldaten Preiß, die ihn 
Herfpotteten, anfpien, mit Faͤuſten in das Angeſicht ſchlu⸗ 
gen und endlich zum römifchen Landpfleger Pilatus führten, 
als welcher allegeit das Todesurtheil der Iſraeliten befiätis 


gen mußte, | 
| Aaaa4 Indem 


1053 Acht und vierzigſte Tafel. 


Indem die in des Hohenpriefters Pallafte borgieng ı 
fahe Petrus zu, und befand fich unter den SKnechten ımb 
Mägben des Dberpriefters, die fich um ein Koblfeuer here 


um gefezt hatten, denn es war fall. Mann erfanhte ihn 


bald, theils am feiner Perſon und Sprache, theils an feis 
nem begierigen Horchen und Herumfehen, - daß cr ein Jän 
ger Jeſu fen — Man fagte es aud) öffentlich, dag er mit 
zu dem Anhang biefeg Gefangenen gehöre — Allein Pe 
trus, der fich vor einigen Stunden vermeffen hatie, als 
les für Jeſu zu leiden, läugnete nicht nur, daß er fein 
Sünger fen, fondern betheuerte es ſogar hoc) und theuer, 
daß er diefen Jeſum gar nicht Fenne (d). Aber ein viels 
bebeutender Blick feines Fehrers, der eben vor ihm vor 
bey geführt wurde, Brachte ihn. bald zur Neue — Er 
sieng hinaus und weinete Threnen wahrer Neue und götts 
licher Traurigkeit. 


Sinzwifchen wurde der Gefangene Sefus vor den roͤ⸗ 
mifchen Landpfleger gebracht, und bey demfelben als ein 


Aufwiegler argeflagt , der fich felbft zum König mache, 


das Volk wider den SKaifer aufheze, und bergl. Pilatus, 
ber fich darüber mit Jeſu befprach, und in feinen Auffagen 
nichts thsrichtes fand, behauptete: er, ber Beklagte häte 
te nichts Tedesmürdiges begangen — er fände ihn ums 
ſchuldig. Er fchidte ihn alfo zum galiläifchen Fürften 


Serodes, ber eben damals zu Serufalem war, und mel 


cher den Johannes im efängniße enthaupten ließ. Dies 
fer Here hoffte ein Wunder von Jeſu zu fehen, da er 
ſchon fo viel von feiner Wunderkraft gehöret hatte. Da 
er fi) aber in feiner Hoffnung betrogen fand , ließ er 
Jeſu, weil er fih einen König nannte, zum Spotte, ein 
glänzendes Staatsfleid anziehen und in diefem fandte er 
ihm Pilato zurücde. Pilatus machte hierauf dem erbite 

terten 


Jeſu Leiden, Tod, Auferfiehungu. Himmelfarth. 10573 


teten Volke alle Worfiellung, er bat für Sefum — aber 
fo oft er nur deffen Namen nannte und etwas zu feiner 
Entfchuldigung vorbrachte, rief das boshafte Volk: Krems 
ige, Freuzige ihn ! Er ließ hierauf den unfchuldigen 
Jeſum bis aufs Blut geiffeln (e), um dadurch dag 
Volk zum Mitleidven zu bewegen — Er ließ es gefchehen, 
daß die Kriegsfnechte feiner fpofteten, ihm eine Arone 
von Dornen aufs Haupt drücten (f), einen rothen 
Mantel umlegten, und ein Rohr, flatt eines Zepters in 
die Hand gaben — In dieſer bemeinenswerthen Geftalt 
zeigte er ihn dem Volke und fagte: Sehet, weld ein 
Menih! Aber alles war umfonft — das Volk beftund 
darauf, er follte Jeſum Freuzigen laffen ; und endlich, da 
fie ihn mit dem SKaifer drohten, mußte er ihrem Unges 
ſtuͤmm nachgeben. Er bezeigte aber oͤffentlich feine Uns 
fhuld an diefem Todesurtheile, wuſch die Hände, und 
übergab denn Jeſum den FKriegsfnechten zur Sreuzigung. 


Nun legten fie dem gebultigen und unfchuldig Ders 
urtheilten feine Kleider wieder an, und führten ihn durch 
die Gaffen der Stadt, gegen das Thor, durch welches 

man bie Milferhäter ausführt. Er felbft mußte den 
Breuzesftamm auf die Nichtftätte machfchleppen (2). 
Zwey Mifferhäter wurden zugleich mit ausgefuͤhrt, um auch 

- gefreuziget zu werden. Auf dem Wege tröftete er alle 
feine Freunde und Freundinnen, und fagte zu ihnen, daß 
fie nicht über ihn, fondern um fie und ihre Kinder weis 
nen follten ; meil er ſchon mußte welch ein grofes Strafe 
gericht über Jeruſalem und das ganze iüdifche Land ergehen 
wuͤrde. N 

Und nun ward Jeſus auf dem Berge Golgathe, 
wder an der Schädelftätte, mit zwey Uebelthätern, unter 

ben beftigften Qualen ans Kreuz genagelt. Doch bewieß 
Aaaa5 er 





1054 * Acht und viersigfte Tafel. 


er fih auch da als ein gedultiges Lamm, das zur 
Schlachtbank geführet wird. Er bar für feine Feinde: 
Deoter, rief er, vergieb ihnen, denn fie willen nicht, 
was fie thun ! Ueber feinem Kreuze fund bie Auffchrift; 
Jeſus von Nazareth, der Juden Boͤnig! Bey bems 
felben theilten die Sriegsfnechte durchs Loos feine Kleider 
unter fih — und Er bieng nun zum größten Epoite 
feiner Feinde, und zum empfindlichiten Schmerz feiner 
Freunde, ausgefpannt, ganz mit Blut übergoffen, zwi⸗ 
fhen Himmel und Erde da (h) — der Echspfer Himmels 
und ber Erde ! — Einer von den Mitgefreuzigien beſtraf⸗ 
te den andern, ber auch über Jeſum zu fpotten anfing — 
und bat den Heiland, voll Slauben und Ueberzeugung von 
feiner Gottheit und Unfehuld, er follte an ihn gedenken, 
wenn er m fein Neih Fommt — Heute, antwortete ihm 
Sefus fogleih, heute noch wirft du mit mir im Da 
radiefe feyn ! Er fahe feine Mutter in Threnen ſchwim⸗ 
men, und ben Sobannes, feinen £iebling bey ihr ſtehen — 
Weib,’ fagte er zu ihr, ſiehe das ift dein Sohn! und 
zu bem Sjohannes : Siehe, das ift deine Miutter! Nun 
nahm Angſt, Schmachten und Bangigfeit zu in feiner Sees 
ie — Mid dürfter! ruft ee — und fie, bie Boͤſen, reis 
chen ihm einen bittern Trauf — Mein Gott, mein 
Gott, warum balt du mich verlaffen ! Flaget feine 
Seele, aber nichts will bie Herzen feiner Feinde rühren — 
Dep iedem feiner Worte fiengen fie auf dag Neue an zu 
fpotten. Endlich fahe er dag Ende feiner Dualen kommen, 
und rief: Es ift vollbracht! Er fahe das Ende feines 
Lebens, und rief mit lauter Stimme : Vater, in deine 
Sünde befeble ich meinen Geift! Und nun neigt er fein 
Haupt und flirbt — Dieß alles gefehahe am Sreytage vor 
Diern, pon neum Uhr an des Morgens, bis Nachmitag 

um 





Jeſu Leiden, Tod, Auferfichung u. Himmelfarth. 2055 


um drey Uhr. Denn über ſechs Stunden bieng Jeſus uns 
ter den grauſamſten Schmerzen am Kreuze. Waͤhrend die 


‘fee Zeit ereigneten fich viele wunderbare Begebenheiten — 


denn die ganze Natur erbebte ob der Dualen Jeſu Chriſti — 
Schon gegen Mitag wurde es fo finfter, als in der Mitters 
nech ſeunde, daß allenthalben großes Schrecken fish verbreis« 
tere — und da Jefus ſtarb, verfpürte man in der ganzen 
Gegend ein ſehr flarfes Erdbeben, daß felbft die Felſen zer 
foraugen — Im Tempel riß ber bichte Fuͤrhang, vor dem 
Allerheuigſten, von oben bis unten aus entzwey — Und eg 
öffneten fi) die Grabhoͤlen, und Tode, die in ihren Graͤ— 
bern gelegen hatten, wurden lebendig und erfchienen Dies 
len — Selbſt der heidniſche Hauptmann fhlug bey diefen 
ſchreckhaften Auftritten, vol Beſtuͤrzung und Ueberzeugung 
an fiine Bruft — Fuͤrwaͤhr, fagfe er, der Mann wer 
ein Gerechter ! Er war Gottes Sohn! 

Weil dag DOfterfeft nahe war, fo wollte man die Ge— 
freuzigten nicht lange hängen laſſen. Dan fchlug alfo die 
beyden Uebelthäter vollends todt; Sefum aber, da fie fas 
hen, daß er ſchon geflorben war, ſtach einer der Soldaten 
fo tief in die Geite, daß er von dem Stiche hätte ſterben 
müfen, wenn noch einiges Leben in ihm gemwefen wäre. 
Durch biefe Wunde flog noch bag lezte Blut, nebft Waffer, 
aus dem ganz ausgeblutefem Leibe Jeſu Eheifti. 

Yun foßte fein Leichnam, mie gewoͤhnlich die Leichna- 
me der Mifferhäter, ſchmaͤhlich hingeworfen werden — allein 
Gottes Weisheit befihloß es anders, Ein indifcher Raths⸗ 
herr, Joſeph von Arimarbia, ber ein heimlicher Jünger 
Jeſu war, gleng zu Pilato, und bat ihn um die Erlaubs 
niß, den Leichnam Jefu vom Sreuze abnehmen und in fein 
Grab, das er fih eben ganz neu in einen Fels hatte hauen 
laffen, legen zu doͤrfen. Und Pilatus ließ es gefchehen, 

Zo ſep h 


1056 Aht und vierzigfte Tafel. 


Joſeph, zu dem fi auch Nikodemus gefellete, nahm al. 
ſo den todten Jeſum vom Kreuze herab, wuſch den Yeich- 
nam, wickelte ihn in Tücher ein, und jenfte ihn, mit Bey« 
mifchung vieler Myrrhen und Aloe in die Hoͤle, und mälze 
te vor biefelbe einen großen Stein; und die Süngerinnen 
Jeſu, indbefondere Maria Magdalena, fahen ın Joſephs 


Sarten, der nicht weit von Öolgatha war, dieſer Beftate 


tung zu (i). Der iüdifche Rath aber, ließ Wache vor dag 
Grab ftelen, und den Stein verfiegeln; meil fie befürchte 


ten, Jeſus Jünger möchten fommen, den Leichnam ihres 


Meifters wegnehmen, und alsdenn fagen, ex fen wieder 
lebendig worden. 


Aber ale Hütung und DVerfiegelung deg Grabes war 
vergeblih. Am dritten Tage nach der Begräbniß Jeſu, 
Morgens frühe, gefchahe ein großes Wunder. Ein Engel 
Bottes Fam herab — die Erde erbebte — der Engel mälzs 
te den Stein vom Grabe, und fazte fih darauf — feine 


Geftalt war mie der Bliz — die Hüter des Grabes erfchras 


den, und liefen davon — und Sjefus trat lebendig, mit 
großer Kraft und Klarheit, aus dem Grabe als der Herr, 
der dem Tode die Macht genommen, und das Leben 


an das Licht gebracht bat (k). Er erfchien hierauf feis 


ven Freunden und Freundinnen. Zuerft der Maria Mag⸗ 
dalena, bie er ehemals von einer graufamen Xeibes- und 
Seelen » Krankheit geheilet hatte; die eben am Sontage 
frühe, mit mehrern Jüngerinnen Fam, den Leichnam Sefu 
noch befjer zu balfamiren — dann der Salome, einer 
Maris und den übrigen Züngerinnen. Sie fahen zuerſt 
Engel Gottes , in heller Menichengeftalt, bey dem offnen 
Grabe — dann Sjefum feibft, mie fie ihm fonft fahen ; der 
fie grüßete und ihnen den Befehl gab, baß fie feine Auf⸗ 
esftehung feinen Brüdern und Freunden bekannt machen, 
and 


Jeſu Leiden, Tod, Auferftehung u. Himmelfarth. 1057 


und nach Galilaͤa zurück reifen ſollten, ba fie ihn wieder ſe— 
ben mwürden. Die Freude über diefe Begebenheit ward 
nun allgemein. 

An eben demfelben Tage gegen Abend giengen ein paar 
Juͤnger, ganz betrübt, nah Emmaus, einen Rleden, 
der ein paar Stunden von Sjerufalem entfernt war. In— 
dem fie mit einander redeten, kam Jeſus zu ihnen als ein 
Reiſender (1); fie Eannten ihn aber nicht. Er nahm for 
gleich Theil an ihrem Gefpräche von der Kreuzigung ihres 
Lehrers, wieß fie auf verfchiedene Stellen heil. Schrift, 
nad) denen diefes alles fo gefchehen mußte — baben es den 
Juͤngern ganz wohl ums Herz wurde — Endlich nöthigten 
fie ihn, den Abend bey ihnen in der Herberge zu bleibe, 
da er tich dann ihnen auf dag zärtlichfie zu erfennen gab: 
Er verſchwand — und erfchien an eben dem Abende den 
zu Jerufalem verfammelten Süngern, die fih aus Furcht 
in ein Zimmer eingefchloffen hatten. Er grüßte fie freunde. 
li — zeigte ihnen feine durchlöcherten Hände und Fuͤſſe, 
und verfchwand — der Apoſtel Thomas, ber bey diefer 
Erjcheinung nicht gegenwärtig mar , wollte: fie auch nicht 
für wahr halten — Es fey denn, fagte er, daß ich meis 
ne Hände in feine Wunden lege, ehe kann ichs nicht glauts 
ben. Acht Tage hernach erfchien Jeſus abermal feinen 
Süngern, da fie ale, auch Thomas, verfammelt waren. 
Diefer fahe nun, was er nicht glauben wollte — Jefus 
fagte vol Freundlichkeit zu ihm : Komm nun, und fiehe 
meine Wunden — und Thomas gang betäubt und befchämt 
gief : mein „err und mein Gott (m)! 


Und nun erfchien Jeſus, mährend ber vierzig Tage, 
als er noch auf Erden, nad) feiner Auferſtehung wandelte, 
feinen Juͤngern bey mehrern Gelegenheiten — oft etlichen 
hundert Ölaubigen auf einmal — gab ihnen noch die beiten 

Lehren, 


1058 Acht und vierzigſte Tafel. 


£ehren , ermimterte fie zur Treue und Nachfolge, und mach» 
te ſich endlich fertig wieder zu feinem Vater zu gehen. Er 
berief alfo nochmals, und zu guter Lezte, feine Juͤnger zu 
fi) auf ben Delberg, gab ihnen den Befehl, in alle Walt 
auszugehen und das Evangelium zu predigen, zu faufen 
und Wunder zu thun — hub noch einntal feine Hände über 
fie auf und ſprach: Sriede fey mit euch! — und plöy 
lich ward er wor ihren Augen empor gehoben (n) und eine 
bellglängende Wolfe ungab iin — Sie fahen ihm nah — 
ſahen ihn iezt nicht mehr — iezt auch die Wolfe nicht mehr — 
doc) ſtunden fie noch da, und fchauten gen Himmel. Aber 
iezt zeigten fich ihnen zwen Engel in Menfchengeftalt, in 
fchönen meiffen Kleidern. Ahr galiläifchen Männer, fpras 
chen fe, was ſteht ihre noch da, und fehet gen Himmel? 
diefer Jeſus der von euch weg in den Himmel erhos 
ben worden, wird wieder Fommen, eben jo, und 
noch berrlicher, als ihr ihn gefehen habt gen Himmel 
fahren. Nun verlieffen die Jünger denſelben Pla;, bete— 
ten Jefum an, und fehrten baun getsoft und freudig nach 
Serufalem zurüde, um bafelbf? Pas Evangelium von Jeſu 
gu predigen und alle bie Stärfung zu erwarten, bie ihnen 
chr Herr und Lehrer verheiffen hatte. 
IRRE 
Vollendet ift dein Werk, vollendet, 

D du, den Gott herab gefendet, 

Vollbracht der Schmerzen volle Lauf ! 

Drum nimmt dih nun der Himmel auf! 

Doch einft fieigft bu vom Himmel wieder 

In Gottes  Herrlichfeit hernieder — 

Dann ziehen die, die dir fit weyh'n, 

Mit bir in. neue Himmel ein: 1 


FETT ——v 


| geſu Leiden, Tod, Auferftehungn. Himmelfarth. 1059 


EL AMELIE 


2, 
Die Kirche zum heil. Grabe in Jeruſalem. 


— merkwuͤrdigſte in dem heutigen Jeruſalem iſt die 


Rirche des heil. Grabes, welche vor einigen Jahrhun⸗ 


derten von chriſtlichen Potentaten erbaut, und in den fol— 
genden Zeiten von den Türken, als den gegenwärtigen Be— 
fisern der Stadt an die Chriſten verpachtet wurde. Sie ijt 


eine der größten im der Welt, meil fie alle in der Leidens» . 


gefchichte Jeſu vorkommenden merkwuͤrdigen Orte, vornel m⸗ 
lich den Plaz ber Kreuzigung und ber Begraͤbniß Chriſti ent⸗ 
halten ſoll. Sie gehoͤret eigentlich den Roͤmiſchkatholiſchen, 


den Griechen, Armeniern und Copten, welchen ſaͤmtlich 


verſchiedene Theile der Kirche angewieſen ſind, und die fuͤr 
ihre Antheile an derſelben einen ſtarken Tribut entrichten 
muͤſſen. Jede Parthey hat auch Moͤnche in derſelben, die 


darinnen wohnen, und denen die Lebensmittel durch eine 


Oefnung, welche in der Kirchthuͤre iſt, hinein gereichet 


werden; und durch zwey kleine Oefnungen in eben dieſer 
Thuͤre, kann man mit ihnen ſprechen. 


Wenn man in dieſe große Kirche eintreten will, fe 
kommt man zuerſt in einen großen, mit Marmor belegten, 
unter freyem Himmel liegenden Quadrat. Saal, der drey 
Stufen niedriger als die Straße, und gegen achtzig Schi 
he breit und tief if. Es ift gegenwärtig nur eine Thuͤr an 


dem Tempel, von der Mitagfeite beffelben. Sie ift ſehr 


Eöftlich gearbeitet, fieht aber von dem vielen Kuͤſſen der 
Pilger fehr ſchmuzig aus, und wird von zwey Sanitfcharen 
und zwey Kirchenbeamten bewachet, denen ieder Fremde 


fuͤr 


1060 | Acht und vierzigfte Tafel. 


für den Eintritt vier Ducaten zahlen muß. Sobald man 
durch diefe Thür gegangen, bat man etwa dreyßig Schritte 
zu gehen, dann fieht man auf der rechten Seite gegen 
Morgen den Hügel Golgathe ; vor fih dag Schiff und ben 
Chor der Griechen, weiter vorwärts, gegen Norden, die 
vielen Hallen, welche zwifchen den groſſen Säulen find, 
auf denen der ganze Bau des Tempels ruhet. Linker Hand, 
gegen Abend, ift das heilige Grab. 


Der Selfenhügel Golgatha hat etwa die Hoͤhe eines 
Hauſes von zwey Etagen, und theilet fih alfo : Aufferhalb 


der Kirche ift ein. Klofter der Griechen darauf gebauet; in-⸗ 


nerhalb derfelben aber ift eigentlich der Ort der Kreuzigung, 


wo nıan noch die drey Löcher zeigt, in denen bie Kreitze 


follen geitanden haben. In diefer Gegend find auch bie 
fieinernen Särge der Könige Godofredi und Balduini 
welche einft mit der Eroberung des gelobten Landes befchäfr 
figet waren. Das Grab Chriſti ift ein Duadrat, 24 
Schuhe breit und eben ſo lang. Diefes Quadrat ift aus 
Marmorfteinen zuſammen gefezt und an das eigentliche hei- 
lige Grab angehängt , oder bdemfelben vorgebaut worden. 
Es hat zwey Zimmer; in das erſte geht man durch eine ors 
dentliche Thür und man fann darinn auf unb nieber gehen; 
aber in dag heilige Grab felbft (a) muß man gebückt durch⸗ 
riechen, und denn richtet man fi) auf. In der andern 
Kammer (b) zeigt man den Drt, wo der Engel gefeffen, 
den die Weiber beym Grabe fahen. An den Grundboden, 
Seitenwänden und der Oberfläche des eigentlichen heiligen 
Grabes fieht man, daß es eine Grotte ift, die im einen Fels 
fenpügel gehauen war. Rachher, da die Kaiferin Helena, 
und die beyden erften chriftlichen Könige von Sjerufalem, 
Gottfried und Balduin den Tempel und diefe heilige Stätte 
theils gebauet, theils ausgezieret haben, ift ber Huͤgel bes 

Grabes 





FJeſu Leiden, Tod, Auferfiehang u. Himmelfarth, 1067 


Grabes rund um abgehalten worden, und man hat nur fü 

viel ſtehen laffen , als zum Gedächtniß diefer heiligen Sas 
che noͤthig war. Damit nun der blofe Felſen nicht möchte 
allein gefehen werden, fo hat man ihn mit Alabafter » und 
Marmorfäulen vergieret, Um den Deldampf von dem vielen 
Lampen, die im Grabe Tag und Nacht brennen, zu vers 
treiben, find oben etliche Loͤcher durchgebrochen, über wels 
chen ein auf Aabafter» Säulen ruhendes kupfernes Dach 
angebracht if. Weber diefer heiligen Stätte ift eine Kuppel, 
der rund gewoͤlbte Thurn der Kirche, über welche eine Kas 
pelle erbauet iſt. Dieß ganze Gebäude ruht auf fehr hohen 
Säulen aus Granit, feinen Marmor und Borphyr, und 
find die Wänden mic den prächtigfien Gemaͤhlden, Infchrifs 
ten und mofaifcher Arbeit gefchmückt, 


\ 


Auſſerdem wersen in biefer Kirche hoc) gar viele Hei— 
ligthuͤner gesagt, 5 E. der Det wo Abraham geopfert 
bat — der Drt wo Maria und Johannes flunden, da 
Chriſtus gefreitiige wurde — der Ort, wo man Adams 
Haupt » gefunden hat — der Mittelpunkt der Erde — ber 
Riß in den Selfen, da Chriſtus farb — der Det, wo 
die drey Kreuze gefunden wurden — ein Stuͤck von der 
Säule, an Welcher Chriſtus gegeiffelt wurde, u. fi 1. 
Die Kirche hat ferner Unzählige Koſtbarkeilen und Schäze, 
vornehmlich einen ganz goldnen Leuchter, über fechs Ellen 
hoch, welchen eine Königinn von Neapel geftiftet hat, und 
beffen DVerfertigiing allein, ohne den Werth deg Goldeg zu 
rechnet, 72000 Ducaten gekoſtet haben fol« Auch werben 
beftändig große Wallfarthen, abfonderlich, an den hohen 
Feſten, zu dieſer Kirche gehalten, wobey denn eine iede 
ber chriſtlichen Gemeinen ihre eignen Ceremonien zu beoßs 
achten hat. Die merkwuͤrdigſte iſt, die der Griechen, 
wenn he am heil, Dfierabende das heilige Seuer aus dent 

Bbbb Grabe 


1662 Acht und viersigfte Tafel. 


Grabe Chriſti holen. Es geht nehmlich am gedachten 
Abende der griechifche Patriard) in das heil. Grab, und 
kommt nach einiger Zeit mit einer Menge brennender Lichter 
wieder heraus. Diefelben hatte er an dem heil. Feuer an« 
gezündet, welches ſich, ihrer Auflage nach, im heiligen 
Grabe von felbft entzünden fol — Nun eilen viele rau. 
fend Griechen dem Patriarchen zu, und zünden, unter grefs 
fem Freudengeſchrey ihre Lichter an feinen brennenden Lich» 
tern an; halten darauf mit benfelben eine große Proceſſton 
um dag beil. Grab , und laffen von ihren brennenden Wachs» 
kerzen, Tropfen, in Geftalt eines Kreuzes, auf hingebreites 
te Tücher falen, melde Tücher alsdenn die Pilger um 
viel Geld verkaufen, meil die Leute fich derſelben in Tod⸗ 
te8-Aengften mit vielen Ruzen zu bebienen gebenfen. Ueber. 
Haupt (ol diefes Zeuer dem Patriarchen gu Jerufalem mehr 
ale 20000 Thaler eintragen. 





— 


3. 
Codrus. Curtius. 


Mater den Helden des Alterthums, melche, ihre Vaters 
land zu zeiten, freywillig ihr Leben bahin gaben, waren 
Codrus unter ben Griechen, und Curtius unter den Rd. 
mern, die berühnteften. 

Lodrus (2) mar ein König ber Athenienfer, und leb⸗ 
te ohngefehr im Jahr der Welt 2900. Zu feiner Zeit wur⸗ 
de Athen von einem Kriegsheere anderer Griechen, bie aus 
der benachbarten Halbinfel famen, angegriffen. Nun hat 
te fidy unter ihnen die Sage ausgebreitet, daß fie gewiß 
den Sieg davon tragen würden, wenn fie fih nur in Acht 

nahmen, 








Jeſu Leiden, Tod, Auferftehungu. Himmelfarth. 106g 


nähmen, daß fie den König der Athenienfer nicht umbraͤch⸗ 


ten. Man gab diefe Vorherverfändigung gar für einen 
göttlichen Ausſpruch aus; und ſowohl die Feinde der Aches 
nienfer, als die Athenienfer felbft hielten fie für ganz uns 
trüglih, Damit alfo Codrus feinem Vaterlande den Sieg 
verfchaffen möchte, befchloß diefer großmüthige König, fein 
Leben für daffelbe hinzugeben. Er verkleidete fich in einen 


Bauer, gieng in das feindliche Lager hinaus, fieng mit eis 


nigen Soldaten, bie ihn gar nicht Fannten , einen Zanf 
an, und wurde von ihnen erfchlagen. Die Athenicnfer 
forderten darauf die Leiche ihres Koͤniges von deu Feinden 
zuruͤcke. Diefe, welche nunmehr erft erfuhren, was fie ges 
than hatten, geriethen darüber in eine ſolche Beſtuͤrzung, 
bag fie fogleih in ihre Land zurückehrten. Diele tapfre 
That aber wurde von den Arhenienfern bermaflen hoch ges 
halten, daß fie nimmermehr glauben EFonnten, einen fo 
trefflichen Fürften mehr zu befommen. Sie lieffen daher 
ihre Nepublif nicht mehr durch Könige, fondern durch ges 
wiffe obrigfeisiiche Perfonen regieren, welche fie Archonten 
nannten. 


Unter den Roͤmern machte fi ein iunger Patrizier, 
Lurtius (b) durch eine ähnliche große Vaterlands⸗Liebe 
im Jahr der Welt 3622 berühmt. Es hatte fid) nehmlich 
in demjelben Jahre auf dem Markte ;u Nom, die Erde, 


durch die Gewalt eines Erdbebens von einander geriffen, 


aus welcher Kluft ein tödtender Geflant aufflieg.  Diefe 
Begebenheit fezte die ganze Stade in die Aufferfie Defkürzs 
ung. Man war bemüht die gemachte Deffnung auszufül« 
len — die Augurs (Priefler und Wahrfager) aber fag« 
ten, daß diefe Deffnung nicht eher wieder zufallen würde, 
bis man dasienige in fie würde hinein geworfen haben, was 
eigentlich die Stärke und die Wacht des roͤmiſchen Volks 

——— waͤte — 


} 





10%4 NAcht und vierigſte Tafel. 


wäre — und daß dieß Opfer tem roͤmiſchen Reiche eine ewis 
ge Dauer verſchaffen würde. Curtius, der fein Vater—⸗ 
land liebte, und dabey glaubte, daß Rom nichts wichtigers 
haben koͤnnte, als die Waffen und die Tapferkeit, empfand 
einen ımüberwindlichen Trieb in ſich, dieß Opfer zu werden. 
Er machte fein heldenmüthiges Vorhaben bekannt, ergoͤzte 
ſich in feinen drey lezten Lebensſtagen mit feinen Freunden, 
legte dann feine ganze Waffenruͤſtung an, feste ſich auf fein 
beftes Pferd, und fpreugfe damit in vollem Kaufe, mit uners 
ſchrocknem Muthe, vor allem Volke, in tie Kluft, welche 
fogleich über ihn zufammen fiel. Man lage, daß darauf 
die Seuche aufhärte, Die bisher, Wegen des giftigen Dame | 
pfeg, der aus diefer Kluft aufflieg, in Nom wuͤtete; und 
daß auf diefer Stätte nachher ein vortrefflicher Feigenbaum 
von fich felbft heraus gewachfen fey, welcher viele Jahre 
ſtund und ſich herrlich ausbreitete. 





— —————————— 


4. 
Die Kreuzzuͤge. 


J. ſiebenten Jahrhunderte nach Chriſti Geburt hatten die 
Sarazenen, von denen die heutigen Tuͤrken abſtammen, 
daB gelobte Land eingenommen, und alfo auch Jeruſalem 
und bieienigen Derter, wo Chriſtus gefödtet und begraben - 
wurde. Nun lieffen fie zwar anfangs zu, daß diefe Derter 
von den Chriften, wie vorher, durften beſucht werden; 
als aber nach und rad; die Walfartben zu fiarf wurden, 
und die Sarazenen fich beforgten, es möchten die Chriften 
ihnen endlich überlegen feyn, fo fuchten fie derfelben Got, 
tesdienft auf alle Art und Weife zu verhindern. Die Chris 

ſten 





Jeſu Leiden, Tod, Auferſtehung u. Himmelfarth. 1055 


ſten mußten die Erlaubniß, die heiligen Oerter zu beſuchen, 
mit Geld erkaufen, litten aber doch dabey viele Drangſale, 
wurden aud) wohl unter Weges beraubt, oder ſonſt gemiß⸗ 
bandelt, Peter-, ein Einfieblee aus Amiens gebürtig, wor 
bey feiner Anweſenheit in Jeruſalein, im Sahe Chriſti j1094, 
ein Augenzeuge des unausſprechlichen Elendes, unter deſſen 
Laſt die dafigen Chriſten ſeufzten. Er faßte alfo den Ent. 
ſchluß, von dem, was er gefehen und gehoͤret hatte, zum 
Deften der Ehriften in Drient einen Gebrauch zu machen; 
und er ward, nach feiner Auſſage, in diefen Vorſaze durch 
einen Yuftrag vom Himmel, ben er auf eine aufferordent- 
liche Art empfieng, nicht wenig beftärft. Der damalige 
Papſt Urbanus, dem er dieſes alles eröfnete, unterfiüzte 
feinen Berfchlag. Er verordnete, daß alle die, melde an 
dem heiligen Kriege Iheil nehmen würden, ein vorbes 
Kreuz auf ihren Schultern fragen ſollten; umd die Dis 
ſchoͤfe wußten, auf feinen Befehl, diefen Zug nah dem ge 
lobten Rande in allen Städten, Flecken und Dirfern ihrer 
Gerichtsbarfeit, als eine Handlung, womit man Verge— 
bung der Suͤnden und die Seligfeit erlangen Fünnte , her— 
auszuftreihen, (So fieht man z. E. auf der Tafel einige 
Nriefter das Kreuz predigen, und die Nitter ermähnen, bieje 
heilige Eroberung mit ihrem Zutritt zu befördern.) Ganz 
' Europa befam dadurch ein duͤrſtendes Verlangen die Sara; 
genen und Türken zu befriegen. Es kam eine auſſerordent⸗ 
liche Menge Menfchen zufammen, darunter aber auch vie 
les Gefindel und träge, zum Krieg gar nicht aufgelegte 
Fandleute waren. Die vornehmften Befehlshaber biefer 
heiligen Armee, die menigfiens aus 600000 Koͤpfen beftund, 
waren: Hugo, Philipps, Königs in Frankreich Bruder; 
Robert, Graf von Flandern; Raymund ven Touloufe; 
‚Gottfried von Bonillon, nebſt feinen Brüdern Balduin 
Bbbb 3 und 


— 


1066 Abt und vierzigſte Tafel 


und Euſtachius; Stephan de Dalois, Graf von Char: 
tres, Peter ver Einfiedler u. f. w. Nun eroberten fie 
zwar, nachdem viele Taufende auf dem Wege flurben, end» 
lih im J. €. 1099 Serufalem, und Gottfried von Bouils 
Ion wurde zum Aönig von Terufalem erwehlt; es giens 
gen auch bon Zeit zu Zeit mehrere Kreuzfahrten, in allen 
achte, dahin; welche durch einige Nifterorden, z. E. der 
Kreusritter, der deutfeben Ritter oder Tohanniterr 
Ritter, unterflügt wurden — Allein, nichts zu gedenfen 
von den vielen Niederlagen, welche die Ehriften von Zeit 
gu Zeit erlitten, fo ift etwa 150 jahre, nah dem Anfange 
Diefer Züge, dag ganze Land wieder in die Hände der Mus 
hammedaner gefallen — und bie vornehmften Folgen dieſer 
Croiſaden waren: daß Europa entvoͤlkert, der Geſchmack 
des Religions-Haſſes veſtgeſezt, die Gewalt des Papſtes 
vermehret, und einige Sitten, Kuͤnſte und Fruͤchte der 
Morgenlaͤnder in die Abendlaͤnder gebracht wurden. 


Schoͤn und ruͤhmenswerth bleibt unterdeſſen allezeit 
dag demuͤthige Bezeugen Gottfrieds, des erſten chriſt⸗ 
lichen Koͤniges zu Jeruſalem. Wie ſollte ich, ſagte 
er, da ihm eine goldne Krone, nach ſeiner Erwehlung zum 
Koͤnige, uͤberreicht wurde, wie ſollte ich hier, in Jeru⸗ 
ſalem, in einer praͤchtigen Krone prangen — bier, 
da mein Boͤnig und Herr, Chriſtus Jeſus, eine Dor⸗ 
nenkrone trug? 


Ka 


5. 














Jeſu Leiden, Tod, Auferftehung u. Himmelfarth. 1067 
— —— — — 


5. 
Sonnen: und? Monds-Finſterniſſe. 


G, geht ganz natürlich zu, wenn fi eine Sonnenfin 
fterniß ereignet. Sie entfleßt durch den Schatten des Mon⸗ 
des, welcher von ber Sonne auf die Erde geworfen mwirb, 
Es kann dieß aber nicht anders gefchehen, als ment der 
Mond (b), als ein dunkler Körper, in gerader, ober 
doch faſt gerader, Linie zwifchen die Sonne (a) und unfre 
Erde (ec) tritt. In diefem Sale bedeckt er ung entweder 
nur einen Theil ber Sonne, oder er verdeckt fie uns ganz, 
Jenes nennt man in den Kalendern eine partiale, dieſes 
aber eine totale Sonnenfinfterniß. (So ıft ;. E. in der 
Gegend unfrer Erdfugel (d), wo der ſpizig zulauffende 
Gansfchatten des Wiondes Ch) gleichſam auffalit, eine 
totale Sonnenfinfterniß , inden fie in den meiften andern 
Gegenden entweder blog partial iſt, oder gar nicht geſehen 
wird.) Kommt zur Zeit der Mitte ber Finfternig, der Mittels 
punft des Mondes genau ver den Mittelpunkt der Sonne, fo 
heiſſet folheg eine centrale Sonnenfinfterniß. Es ift alſo 





die Sonnenfinfternig nichts anders, als derienige Zuftand 


der Erde, melden fie erfährt, menn fie in den Schatten 
des Mondes kommt. Aus diefer Urfache koͤnnte fie mit groͤſ⸗ 
ferem Rechte eine Brdfinfterniß genannt werden. Mar 
muß alfo nicht glauben, daß die Sonnenfinfterniß eine wah⸗ 


‚se Derfinfterung der Sonne ift ; fie ift vielmehr nur eine Vers 


decfung der Sonne; denn fie behält ihr voͤlliges Licht, und 
die ganze Veränderung, welche mit ihr vorgeht, befteht das 
zinn, baß die Strahlen berfelben, wegen des dazwilchen ſte⸗ 
benden Mondes, nicht auf die Erde Eommen Finnen, 

2 Aber 


1068 Acht und vierzigſte Tafel. 


Aber die Erde (ec) wirft, wegen ihrer Größe, einen 
viel breitern Gaͤnzſchatten (1), in welchem ber Mond, 
wenn er mit der Sonne und ber Erde in eine Linie tritt, 
zumeilen wohl ein paar Stunden lang fich verbirgt, und 
baher fehr großen Sonnenfinſternißen unterworfen iſt. 
Wenn er fi, ben e, in dem Schatten ber Erde befindet, 
welches fehr leicht angehet, da diefer hinlänglich breit und 
Jang iſt, um den ganzen Kleinen Mond in fich zu verbers, 
gen, fo fehen wir auf ber nächtlichen Hälfte der Erdkugel 
(1.1.1) eine totale Mondsfinſterniß, indem fie in f nur 
partial ift, Geht der Mond bey feiner Verfinſterung mite 
ten durch den Schatten ber Erde, fo heiſſet folches eine 
eentrale Miondsfinfternif. Wenn wir ung aber auf 
dem verfinfterten Theile des Mondes befänden, fo würden 
mir unter diefen Umſtaͤnden eine totale Sonnenfinferniß 
haben; meil bie Erbe vor die Sonne tritt, und nicht etwa 
nur einige Öegenden, fondern oft beni ganzen Monde daß 
Sonnenlicht entzieht, Unterdeſſen muß man fich doc) nicht 
vorſtellen, als ob es nun ganz flocfinfier daſelbſt fen; 
denn bie Erde bricht in ihrer Atmofphäre die vorbeyfahrens 
den Sonnenſtrahlen, und fehickt fie dem Monde bin, ba« 
mit fie ihn noch einigermaffen erleuchten Fönnen, ber dies 
ſes Licht ift nicht mehr weiß, wie das gewoͤhnliche Sonnen» ° 
licht, ſondern vielmehr roth ; Daher Fommt eg denn auch 
daß ber Mond, bey totalen Sinfterniffen, zumeilen ganz bluts 
roth ausfieht; denn feine Bewohner ſehen faft allemal, 
fo oft bey und totale Mondsfinfterniffe find, eine ſchwarze, 
und mit einer feuerrothen Einfaffung begränzte Scheibe (g), 
die ihnen por der Sonne zu fliehen, und fechzehnmai größer 
ſcheint, ale ung der Mond, Aber wenn ſich auf ber Erde 
eine totale Sonnenfinfterniß ereignet, dann feheinet ihnen 
blog ein Fleiner ſchwarzer Flecken (d) über bie Erde (ec) 

binzus 








Jeſu Leiden, Tod, Auferftehungu. Himmelfarth. 1069 


hinzulaufen. Denn ber Schatten bes Monds muß fich noth- 
wendig auf der Erde fortbeiwegen, da weder Mond nod) 
Erde felbit einen Augenblick ruhen, 


Die Sonnenfinfterniffe Finnen fich nicht anders als. im 
‚neuen Monde, die Mondefinfterniffe aber nicht anders 
als im pollen Monde zutragen. Daß aber nicht bey ie- 
dem Neumonde und Bollmonde Finfterniffe einfallen, fommt 
daher, meil die Laufbahn des Mondes ſchief durch Die 
faufsahn der Erde geht, und nur in gewiſſen Gegenden, 
welche man Anoten nennet, mit der Sonnenftraße eintrift; 
weiches um den Anfang des Herbſtes und des Frühlings 
gefchieht, da denn aud) die Finfterniße fich ereignen. Die- 
ienigen, welche an eisem Orte auf der Erde nicht gefehen 
werden, es fen num daß bie Sonne ober der Mond, zur 
Zeit der Finſterniß, fich nicht über dem Horizonte diefeg 
Drtes befinden, oder daß eine Sonnenfinfterniß nur in den 
Laͤndern, welche von dieſem Orte weiter abliegen, gefehen 
werden koͤnne, werden in Anſehung eines folchen Ortes 
vnfihtbere , dieienigen aber, melche dafelbft geſehen wer« 
ben Eönnen, fichtbare Sinfterniße genennet. Die Größe 
einer Finfterniß wird in den Kalendern nach Zollen beſtimmt, 
beren 12 dem fcheinbaren Durchmeffer der Sonne oder deg 
- Mondes zur Zeit ber Finſterniſt gleich find, 3. E. wenn in 
ben Kalendern geſagt wird, bie Größe einer Sonnenfiniter, 
niß werde 6 Zoll ſeyn, ſo bedeutet diefeg, daf der Mond, 
zur Zeit, warn die Finſterniß am größten iſt, den halben 
ſcheinbaren Duschmeffer der Sonne bedecken, folglich der 
Hand des Mondes vor der Sonne bis an den Mittelpunkt 
berfelben Eommen werde. 

Der Merkur und die Denus Finnen ung eben fo, 
wie der Mond, menn fie gwifchen der Sonne und Erde 
burchgeht, und in eine gerade Linie: mit beyden Weltkoͤr⸗ 

Sbbb5 pern 


1070 Acht und viersigfie Tafel. 


pern kommen, ieboch wegen ihrer größern Entfernung won 


ber Erde, nur einen Heinen Theil von der Sonne bedecken, 


da fir uns dann als kleine ſchwarze Flecken erfcheinenr 


welche fich über die Sonnenfcheibe bewegen. Diefe Er 
icheinung wird ber Durchgang der Venus ober des Mer⸗ 


Fur durch die Sonne genennet. Auch die Irabanten 
des Jupiter und Saturn werden, wenn fie in den Schats 


ten ibrer Hauptplaneten fommen , eben fo, tie der Monb 
verfinftert, wobey fie aber ganz unfichtbar werden. Diefe 
Begebenheiten werden Immerſionen und Emerſionen 
der Trabanten genennet. Singleichen werden die Fixſter— 


ne Sfrers vom Monde, oder auch von den Planeten, und 


inter diefen die entfernten bisweilen von den uns nähern 
bedeckt, wenn fie in ihrer Coniunftion einerley Breite 
baben , welches man eine ®ceultation nennet. 


Der Mugen der Sonnen, und Mondsfinfterniffe, ben 
fo viele Menfchen nicht einfehen koͤnnen und wollen, if 
ſehr beträchtlich. Sie dienten zu allen Zeiten zur ges 
gauen Beſtimmung der wahren Lage, Abtheilung und Ent 
fernung der Städte und Länder — zur Veſtſezung und Bes 
gichtigung ber Zeitrechnungen — und ben Seefahrern, zu 
einen fihern Mittel, wodurch fie bemerfen Finnen, mie 
weit fie von Morgen oder Abend entfernt find, u. fe w. 


RR ee _____— 9 DE NER 
6, 
Aufbewahrung der Reliquien. 


N ertanien oder Heiligthümer find in ber römifchen und 
arierhifchen Kirche die Gebeine, Kleider and andere Meber 
Bleibfel 








Jeſu Leiden, Tod, Auferficehung u. Himmelfarth. 1071 


bleibfel der Heiligen, tele mit großer Chrerbtefung, in 
föfilichen, goldenen, mit Eveljteinen gezierten Gefäffen aufe 
behalten, zu gemiffen Zeiten oͤffentlich ausgeſezt, mit vie 
ler Andacht verehrt, auch öfters in Proceffionen herumge⸗ 
fragen werben. Jedes Klofter, iede Kirche, und insbe 
fondere ieder Altar foll bey gedachten Religiond» Partheyen 
etwas von Aeliquien haben. Es werden auch viele berr 
felben von einzelen andächtigen Verfonen in Eoftbaren Bes 
bältniffen forgfältig verwahrt, oder gar am Leibe getragen. 


Es giebt vornehmlidy dreyerley Arten Reliquien. 
Zur eriten Klaſſe gehoͤret alles dasienige, was noch aus 
ben Zeiten des Martyrer-Todtes Jeſu aufbehalten wird — 
zur zweyten, die Ueberbleibfel der Beil. Maria und anderer 
Heiligen in dem erſten Jahrhunderte — umd zur dritten 
Klaffe, Heliquien von Heiligen aus den folgenden, Zeiten 
der altchriftlichen Kirche. 

Auf der Tafel fieht man von bergleichen Reliquien 
folgendeg : 

1) Das Heil. Schweißtudh (a), mie es in einer eig. 
nen Kapelle zu Turin aufbewahrt wird. Es ift nehmlich 
eine gemeine Sage, daß eine gemiffe Frau, Namens Vero— 
nifa, dem Herrn Chrifto, da er zur Nichtflätte geführet 
wurde, ihr Schweißtuc gegeben habe, damit er fein; An— 
geficht damit abtrocnen möchte — ber Heiland habe fol 
‚ches gethan, bey dem Abmwifchen aber fein Antliz in dem 
felben abgedruckt — Zur Zeit ber Sreuzjüge habe man es 
endlich won Jeruſalem, ba es von einem Sahrhunderte 
zum andern forgfältig verwahrt wurde, nach Turin ges 
bracht. Es wird aber auch in Beſancon, in Rom unb 
mehrern Drten das nehmliche gezeigt. 


2) Ein Stuͤck von ber Dornenfrone Jeſu Epriffi (b), 


welche in einer Kirche zu Trier gezeigt wird, 
8) Einer 


1072 Acht und bierzigſte Tafel. ! 


3) Einer von den Breusesnägeln (c) eben daſelbſt. 

4) Das Stuͤckchen eines Nagels (d), welches in 
der Kirche zu Tull zu ſehen iſt. 

5) Die Lanze, womit die Seite des Heilandes ge— 
Öffnet wurde (e), wie fie in einem Klofter, nahe bey Eris 
van in Alten gezeigt wird, 

6) Das Kifen des Speers (f), mie eg in Nuͤrn⸗ 
berg, mil den Heiligthuͤmern, dann und mann gezeigt wird. 

7) Ein ziemliches Stück des heil. Rreuzes (g), wor 
an die eine Hand Chriſti genagelt gewefen, wie folches dag 
Loch ausmeifet, worinn der Nagel geſteckt — auch in Nuͤrn⸗ 


berg. Eben dafelbft fieht man auch in koͤſtlichen Kapſeln: 


ein Stück von der Krippe, einen Zahn des heil. Johannes, 
einen Arm der heiligen Anna, der Mutter der heil, Maria, 
ein Stud vom Tiſchtuche, worauf Chriftug dag Nachtmahl 
eingefezet bat, u. ſ. w, 

8) Einige Reliquien in bee Frauenkirche zu Aachen, 
2. € 1) ein Kaſten Ch), worinn etwas von dem Manna, 
Blätter und Blumen von der Nuthe Aarons, und dergl. auf: 
bewahrt wird; 2) ein Rock (i), welchen Maria anbatte, 
da fie zu Bethlehem den Heiland gebahr; 3) in einen Kaͤſt— 
chen (k) die Haare Johannis des Täufers, des heil. Step 


aAanus Gebeine sc. 4) ein Stuͤck von einem Siride, womit 


3 


der Heiland gebunden wurde, in einer goldnen Kapſel (1); 
5) ein anſehnliches Stuͤck Holz von dem Kreuze Chriſti, reich 
eingefaßt (m); 6) ein Kaͤſtchen mit Steinen beſezt (u), 
worinn ein Stück von der, mit dem Blute des Stephanus bes 


nezten, Erde iſt; 7) ein Eleines Bildniß ber Jungfrau Mas 


zia, dag ber heil, Evangelift Lucas gemahlt hat (0); 8) 
der Kopf Kaifer Karls des Großen (pP); 9) allerley Büch« 
fen (9) mit Eleinen Ueberbleibfeln der Heiligen u. ſ. m. 


Nichts zu gedenken von lächerlichen Reliquien, bie man 
bie 





Srefu Seiden, Tod, Auferſtehung u. Himmelfarth. 1073 


bie und ba beſizen will, z. E. von ber Sproße aus der Him⸗ 
meisleiter Jacohs — von der Feder aus dem Fluͤgel des En⸗ 
gel Gabriels — von dem Bischen egyptiſcher Finſterniß 

u. dergl. 





7- 
Alceſt. 
ER Ungluͤck mehr als durch Verfehn , 


Verlor Alceft im Kandel fein Vermoͤgen. 
Er ſaß bereits der Schulden wegen. 
Kein Freund erfchien , ihm beyzuſtehn, 
So viel in London ihrer Maren. 

Sein Sohn alkin, noch in den Juͤnglings-Jahren, 
Wagts, feine Freyheit zu erflehn. SE u 
Er wagt fich „zartlih vor Valeren, 

Der dem Alceſe das meifte Geld geliehn, 

Und bittet, mit ‚den. treuften Fähren, 

Die fhanhaft von den Wangen flieht, 

Den DBater doch. das Glück der Sreyheit zu getwahren.- 
Nein, ſprach Valer, mit meinem Willen Nicht. 
Sol mid ein ieder Bofewicht 

Um fo viel taufend Pfund beirügen ? 

Bezahlet mid) dein Vater nicht, 

So fol er nie die Freyheit wieder kriegen. 
Beftürmt von Schaam, von Zärtlichfeit und Pflicht, 

Mirft fih der Sohn zu feinen Fuͤſſen. 

D Gott, was hab' ich, hoͤren muͤſſen! 

Schmaͤht meinen armen Vaͤter nicht. 

Ungluͤcklich iſt er nur; allein Fein. Boͤſewicht, 

Laßt mich an ſeiner Statt verſchließen: 





RETTET 


1074 Acht und vierzigfte Tafel, 


Ach weiche nicht von euren Füffen, 
As bis ih diefen Wunfh erreicht! 

Daler bewunderte des Juͤnglings edle Triebe, 
Empfand bie Macht bes Mitleid und der Liebe, 
» Und warb mit einemmal ermeidt. 

Er hob ihn auf mit zitterndem GErbarnen. 
Ah, fprah er, babe dich durch meine Streng’ entehrt ; 
Laß zur DVerföhnung dich umarmen , 
Dein Herz iſt deiner Bitte werth. 
Dem Vater fol des Sohnes wegen 
Die ganze Schuld erlaffen feyn ; 
Allein wer wird bas andre Geld erlegen, 
Um deinen Vater zu befzeyn ? 
Der Aüngling Meint. 

Hör an, ich babe viel Vermögen, 
Und eine Tochter nur, bie lie& ich ungemein , 
Ihr Herz ift deiner werth ; mwillft du mein Eidam fenn ? 
So habe fie und meinen ganzen Gen -:. 

Die Schöne reicht die Hand dem edlen Juͤngling bar; 
Und, o! wie glüclid mard dieß Paar ! 

Jezt aber giengen fie, ber Süngling und die Schöne, 
Aus der Gefangenfchaft den Water zu befreyn. 
Erft tritt der Sohn, und nun tritt fie berein. 
Welch freudig Schreden nimmt fie ein! 

Sch ſehe fie — — Doch dieſe Scene 

Will nur gefuͤhlt, und nicht beſchrieben ſeyn. 


u ————p0 — — 
g. 
Apollo erlegt die pythiſche Schlange. 
nter ben Ungeheuern, welche nach den Fabeln der Alten, 


die Erde, nach der Sundflutg Deufaliens, durch Hülfe der 
Sonnen. 


FJefu Leiden, Tod, Auferfiehung u. Himmelfarth. 1075 


Sonnenhize ———— und die fie ſelbſt verabſcheute, 
war die ungeheure Schlange, Python, das merkwuͤrdigſte. 
Sie full fo groß gemwefen feyn, daß fie mit ihren Kruͤmmen 
bie Berge bedeckte, mit ihrem Rachen ganze Fluͤſſe ausſoff, 
und mit ihrer Mähne ober ihrem Halfe die Sterne beruͤhrte. 
Sie hatte ihren Aurentbalt auf dem Berge Parnafius, 
und diente den Menſchen flatt eines Orakels. Wei aber 
diefer fchreclihe Drache wußte, daß er von dem Apollo 
werde hingerichtet werden, fo verfolgte er deflen Mutter, 
ehe fie ihn gebahr , auf daB beftigfte. Da fie ihm aber der 
Nordwind, auf Jupiters Geheiß entrücte, ſo fehrte er 
wieder nach dem Darnage zuruͤcke. Indeſſen fan Latona 
mit dem Apollo nieder, der hernach (einige ſagen gieich 
den vierdten Tag nach ſeiner Geburt) den Python mit 
ſeinen Pfeilen erlegte, und ſeine Gebeine in des Orakels 
Abgrund warf. Er bemaͤchtigte ſich darauf dieſes Oratels, 
erhielte von dieſem Siege den Namen Pythius, und vers 
ordnete zum Andenken dejjelben, die pythiſchen Spiele. 


Ein ähnliches Ungeheur war der gräßliche Rieſe Ty⸗ 
pbon. Derfeibe war fo groß, daß er mit dem Kobfe ‚an 
den Himmel fließ, und mit einer Hand gegen Morgen, mit 
| der andern aber bis gegen Abend reichte. Auf den Schuls 
tern ragten hundert Schlangenföpfe hervor. Sein feib 
war mit Febern bedeckt; auf dem Kopfe aber hatte ex 
häglihe Haare und einen großen Bart, ingleichen feurige 
Augen; und aus feinem Machen fpie er Feuer aus. Seine 
Kinder waren : Der Gorgon, der Lerberus, die Scyls 
Ia, die Chimära, der Sphynx, die lernäifhe Schlan— 
ge und der heſperiſche Drade. Er bat ben Jupiter 
jelbft zum Streit herausgefordert, und die fämtlichen Götter 
in die Flucht geingt. Endlich bat ihn Jupiter, nad) langen 
Kampfen, dody noch uͤberwunden, und den Berg Aetna , 
auf ihn geworfen. So oft ſich nun Typhon unter bem« 
felben bewegt, zittert gang Sicilien — und der Berg Aetna 
fpeyet alle die Flammen aus, die diefer ſchreckliche Rieſe aus 
feinem Rachen bläfet. 


Br — 
ce 








9. 
| Woltemade, 
B. dem Vorgebuͤrge der guten! Hofnung lag ein 


Schiff vor Anker, welches nach Batavia fegeln wollte, 
und 


un 


1076 | Acht und vierzigfte Tafel. 


und nur woch auf guten Wind wartete, Allein eg entſtund 
ein enffezlicher Stuürm, welcher zwen Tage und zwey Naͤch⸗ 
te in einem fort wuͤthete, die Maften zerbrach, die Segel 
und die Anferfeile zerriß und das Schi bald hoch in vie 
Luft hob, bald wieder in den tiefften Abgrund hinunter 
warf. Endlich blieb es auf einer Sandbank fizen, Und nun 
wuerde ein Stuͤck deſſelben nady dem andern von den Wellen 
losgeriſſen. 

Das ſahen die Einwohner eines Dorfs, welches nah 
an ber Kuͤſte lag. Gerne wollten fie den Ungluͤcklichen, 
melche auf dem Schiffe waren, helfen ; aber fie hatten fein 
Fahrzeug. Unter innen war Woltemade, cin alter Bauer 
von 7o Jahren — tiefer lauft, obne ein Wort zu fegen, 
nach jeinee Hirte, wirft ich auf fein Pferd, eilt nad) bet 
Kuͤſte zuruͤck und ruft um fch ber, : Menſchen, laßt uns 
Menſchen retten! Zugleich flürjt er jich mit dem Pferde 
ins ſchaͤumende Meer, ſchwimmt mitten durch die hohen Wo⸗ 
gen auf 300 Schritte weit bis an das Schiff, und ruft den 
Elenden Troſt und Huͤlfe zu. Zwey von euch, ſagt er, ſprin⸗ 
gen herab, und faſſen den Schweif meines Pferdes an. 
Gott wird uns hinuͤber helfen; dann komme ich wieder und 
hole noch Mehrere. 

Eilig haͤngen zwey ſich an des Pferdes Schweif, und 
der Greis ſchwimmt mit ihnen durch. Kaum hat er fie gluͤck⸗ 
lich ang Ufer gebracht, fo flürzt er fid, von Neuem in dag 
braufende Weltmeer, ruft abermals zwey Gefährten zur feis 
ner gefährlichen Reiſe vom Schiffe herab — Fommt aber, 
mals gluͤcklich aus Ufer, und fährt auf diefelbe Weile fort, 
bis er 14 Menſchen gerettet hat, N 

Die Geretteten beten ihn beynahe an, und ſeine Anver, 
wandte, jeine Freunde beſchwoͤren ihn mit Threnen, ſich der 


Gefahr doch nun vicht abermals auszuſezen — Aber da war 
fein Halten Woltemade hoͤrt und flieht auf mehts, als 


auf dieienigen/ Die noch in Gefahr waren; reißt ſich abers 
mals log, ſchwimmt wiederum zum Schiffe bin, um bittet 
dort wiederum, wie zuvor. Unglaͤcklicher Weiſe wirft, feis 
nem Verbote zuwier, ſich noch ein Dritter herab; ergreift 
im Salen den Zügel bes ſchon entkräfteten Pferdes, zieht 
mit bemfeiben das arme Thier in den Abgrund hinunter, und 
erfäuft fich ſelbſt, ſeine beyden Gefährten, und — 0 Jam⸗ 
mer , auch den trefliihen Woltemade! 


1077 
Neun und vierzigite Tafel, 





I, 
Die Ausgieffung des heil, Geiftes. 


Sr der Himmelfahrt Jeſu Chrifti waren feine Juͤn⸗ 
ger , feine Freunde und Freundinnen meift bey 
einander, wie es ihnen Jeſus befohlen hatte, Sie beteten 
in der Stille, und lobeten Gott über den herrlichen Auss 
gang der Sache ihres Lehrers, über die glücklich vollendete 
Erlöfung. Sie warteten in Gebult auf dag, was ihnen 
ihr Freund und Lehrer verfprochen hatte — auf ben 
Tröfter, und auf alle herrliche Gaben und Früchte feiner 
Erhöhung zur Rechten der Kraft Gottes. 


Am Pfingfifefte, das ift, am fünfzigfien Tage nach 
der Auferfiehung, oder am zehnten nach der Himmelfahrt 
Jeſu war es, da fie auf ihrem Saale bey einander maren, 
in guten Gefprächen und im Gebete. Da hörten fie 
fchnell, wie vom Himmel herab, ein fürchterliches Toben, 
gleich dem Getöfe eines Sturmmwindes , und dieß Toben 
erfüllete das ganze Haus, und den Saal, morinnen fie 
faffen. Und fie ſahen Feuerflämmchen, mie Zungen, fich 
auf ieden von ihnen niederlaffeen — fie alle befamen in 
demfelben Augenblicke viele neue Kräfte von Gott, in 
fremden Sprachen , die fie vorher nie gelernt haften, zu 
keden, tie es ihnen ber liebe Gott eingab, 


Ccec & 





1078 Neun und viersigftek Tafel. ar 


Es waren damals zu Serufalem aus allen Voͤlkern 
Leute, bie fich dafelbft des Feſtes halber aufhielten; gufe 
feute , bie den Gott des Volkes Iſrael, ben wahren 
Gott fennen gelernt hatten und wirklich an ihn glaubten, 
und von Zeit zu Zeit nad) Serufalem reißten, die Feſte ber 
Juden mit zu feyern. Da nun dies Getoͤſe gehöret wurde, 
lief alles beftürzt zufammen — und fie erffaunfen noch 
mehr, ba ein ieder feine Landesfprache reden hörte. Voll 
Bertvunderung fahen alle einander an , und fagten: 
Sind die Leute da denn nicht alle aus Galilda, to man 
ia feine von diefen Sprachen redet ! Wie kommt es denn 
nun, daß wir alle, woher wir immer find , ieder, fie in 
feiner Mutterfprahe reden hoͤret? Parther, Meder, 


- Elamiter , Syrer , Kananiter , Kappadocier , Ponter, 


Afiater , Phrngier, Pamphilier, Egypter, Afrikaner, 
Roͤmer, Kreter und Araber — mir alle hören fie in unfrer 
Sprache große Thaten Gottes verkündigen. — Was mil 
doc) dag werden? Andere aber unter den Zuhsrern, boss 
hafte, unmiffende Leute, fpotteten Über diefe Begebenheis 
fen und fagten : Diefe Männer ba, die fehr viele Spras 
chen reden, haben vermuthlich zu viel Wein getrunken. — 


Um nun diefen Spottreden ein Ende zu machen, und 
die Bewunderung aller Anweſenden auf die Hauptfache zu 
leiten, trat Petrus, mit den übrigen Juͤngern, die Chris 
ſtus zu feinen Zeugen und Geſandten beftimmt hatte, 
hervor , erhub feine Stimme und fagte : Ihr uͤuͤdiſche 
Männer, und ihr ale, die ihr euch diegmal zu Serufalem 
aufhaltet, borchet , was ich euch zu verfündigen habe, 
und behaltet wohl, was ich ſage. Es iſt nicht wahr, 
bag diefe betrunfen find , mie einige aus euch denken. 
Wer wollte betrunfen jeyn am Morgen um neun Uhr, 
zumal amı einem Sefttage ! Sondern das iſts jezt, was 

ung 


Die Ausgieffung des heil. Geiſtes. 1079 


ung Gott fhon lange durch ben Propheten Joel gefagt bat: 
In fpätern Zeiten wirds gefcheben, Gott fugts: 
Ab will aus der Sülle meiner Rräfte über alle 
Menſchen von aller Art und Geſchlecht ausgieflen — 
eure Nachkommen, Alt und Junge, Vorgejeste 
und Gemeine, Rnechte und Maͤgde, werden allerley 
görtlide Erſcheinungen und Dffenbarungen baben. 
Und ein ieder, der den Herrn aufrichtig anbeten wird, 
wird errettet werden. Nun, ihr ifraelitiihe Männer, 
hoͤret iezt dieſe Worte: Eben den Jeſum von Nazareth, 
einen Mann, den Gott unter euch genugſam Zeugniß ges 
geben hat mit den großen goͤttlichen Kraͤften, durch die 
er fo viele ſchoͤnſe Wunderthaten hat verrichten koͤnnen, 
wie ihr alle ſelbſt wiſſet; eben den Jeſum, den ihr ſo 
unſinnig zum Kreuz verurtheilet, und durch Heyden habt 
toͤdten laſſen (Gott hat aber alles fo vorgeſehen und bes 
fhloffen) — Eben den Jefum hat Bott wieder auferwedt, 
E8 war unmsglih, daß er tobt bliebe Es iſt fon 
lange vorher vom Könige David fo vorgefagt worden, 
Und wir find alle Zeugen diefer Auferwerung Dieſer 
Jeſus ift auch zu göttlider Ehre erhoben worden, und 
hat Macht empfangen , wie ers im Namen feines Vaters 
oft verheiſſen, diefe göttlichen Kräfte über ung alle gleiche 
fam augzugieffen — und eben davon fehet und hoͤret ihre 
iegt die Wirkungen. Und nun wiſſe alles Volk Iſrael 
zuverläffig , daß Gott diefen Jeſum, den ihr ang Kreuz 
gebracht , zum Heren und König gemacht hat, ber euch 
fchon lange verfprochen war, und ben ihr alle erwartet 
habet. 


Da die Juden das hoͤrten, daß der, den ſie ſo 
grauſam ermordet hatten, Herr und König fey ; gieng 
ihnen ein Stich durchs Herz — md viele aus ihnen fpras 

Cccc2 chen 


1089 Neun und vierzigfte Tafel. 


chen zum Petrus und zu den üsrigen Apoſteln, voH 
Schaam und Neue: Ach lieben Männer, fagt, mag 
follen wir anfangen ? Petrus antwortete ihnen : Merbet 
anders Sinnes, und glaubet an diefen Jeſus, daß er der 
Meßias fey, und laffet euch zum Zeichen beffen taufen; 
fo wird alle Strafe und Schaden eurer Suͤnden getilgt 
ſeyn und bleiben, und ihr werdet auch fo , mie mir, 
diefes große Gefchene Gottes empfangen. Denn euch 
und euren Nachkommen, und auch allen Heiden, die num 
Gott herzuberufen wird, allen gehört diefe fchöne Verheiſ⸗ 
fung — Und nod viel anders hat Betrug fie gelehret, 
nd fie ernftlich gemarnet , fie follen ſich doch los machen 
von den verfehrten fehlimmen Menfchen ,„ wie leider die 
meiſten waren. 


Mer feine Lehren gerne annahm, der wurde, wie es 
Jeſus befohlen hatte, getauft. Und fo fammleten fich an 
demfelbigen Tage fchon dreytauſend Menfchen, bie bekann⸗ 
ten, daß fie an Jeſus den Mefias glaubten. Diefe waren 
hernach immer einmüthiglich, in einem Saale des Tempels 
bey einander, beteten, und haften einander fo herzlich lieb, 
daß man von ihnen fagen Eonnte : Die Gemeine was 
Ein Herz und Bine Seele. 


ERST CE LIE ERLL NEN 


O Geift des Vaters und des Sohns! 
Gleicher Gott mit beyden , gleiches Throns 
Komm, zu beiner Ehre, 

Durch beine Lehre, 
Im Beſtreben nach goͤttlichen Werken 
Meinen Geiſt zu ſtaͤrken! 


Fleuß,/ 





Die Ausgieffung des heil. Seiftes. 1081 


Fieuß , Than ded Herrn, anf mich! 
Wie ein gang erflorbener Baum bin id; 
Ohne Kraft und Leben — 

Du Fannft es geben! 
Echaffe, daß es fi in mir ergieffe, 
Und ich grünen muͤſſe. 


6 
& 
Abbildung einiger Tugenden. 


— Tiranney und Ungerechtigkeit, nicht Zorn und 
Streit und Traurigkeit herrſcht in Jeſu Chriſti ſchoͤnem 
Reiche, ſondern Gerechtigkeit, Friede und Freude, 
and aller Ueberfſiuß. Gottes Geiſt, der ein Geiſt des 
Herrn, ein Geift der Weisheit, des Verſtandes, 088 
Baths, der Stärke, der Krfentniß, der Gottes 
furcht und der Wohrbeit iſt, führt ieben, ber nur will, 
in dieſes Koͤnigrcich — uͤberhaͤuft ieden Unterthan mit 
alien Gottes , Sütern , und macht aus ben Erben des 
Himmelreih8 Bäume der Gerechtigkeit, und ihre und 
- feine Frucht iſt: Kiebe, Freude, Friede, Gedult, 
SFreundlichkeit, Gütigfeit , Glaube, Sanftmuth, 
Keuſchheit, Gerechtigkeit und Wabrbeit, 


Auf der Tafel prangen einige biefer Tugenden in 
ihrem feftlichen Anzuge, fo tie fich ihre Bildung der 
ideenreiche Geift des Dichters und bes Künftlers fchuf. 
(©. die übrigen : Tab. XXXIV, 2. XLIX, 2. XLVI, 2.) 
Die Gerechtigkeit (a), melde einem ieden das Seine 
aägt und giebt , und mit größter Genauigkeit Lohn und 

Sec Strafe 


1082 Penn und viersigfte Tafel. 


Strafe, Ruhm und Tadel, kurz, das aanze Verhalten 
gegen andere und ihre Verbienfte, gleihfam abwaͤget, 
wird gemeiniglich mit einer maieftätifchen Miene , mit 
einer Waage in der einen, und einem Schwerdte in ber 
andern Hand vorgeftelll. Der Sriede (b) hat ein fanftes 
Weſen im Ungefiht; er trägt in der einen Hand ein Horn 
des Ueberfluſſes, und in ber andern einen Deljweig. 
Die Sreude Ce) ſpringt und finge, und hat eine Trink— 
fchale in der Hand — mird aud) alg eine iunge Bacchan⸗ 
tin gemahlt , die in der einen Hand Saftagneiten (Klap⸗ 
pern) und in der andern eine biegayifhe Trommel haͤlt — 
neben ihe ſizt die Liebe und fpielt auf einem Inſtrumente; 
fie theilt auch verfthiedene Kraͤnze von Blumen aug, 
Die Barmherzigkeit (d) mird gemeiniglih durch ein 
brennendes Herz, das fie in der Hand halt, vorgeftellt. 
Defters ſigt fie, und bat Kinder auf dem Schsoſe — 
oder wirft iungem Geflügel Körmer vor. — Die Wahr 
beit (Ce) wird faſt ganz nackend, mit einer Sonne auf 
dem Haupte, oder auf der Bruſt, auch öfters mit einem 
Spiegel oder einem Buche abgebildet. 





3 


Die allgemeine Kirchenverſammlung zu 
Nicea. 








En merkwuͤrdiger Theil der Geſchichte der Chriſten ſind 
die, in den erſten fünf Jahrhunderten von ihnen gehaltene 
Roncilien oder Rirdhenverfammiungen. Unter biefer 
Benennung werben alle dieienige Zufammenfünfte verſtan⸗ 

bey _ 


Die Ausgieffung des heil, Geiſtes. 1083 


ben, melche mehrere mit einander verbundene Kirchen 
durch Abgeordnete hielten, in denen man fich über wichtige 
firchliche Angelegenheiten berathfchlagte , und dag alg eine 
Tegel vefifezte, was entweder allen oder doch dem größten 
Theile der Abgeordneten das Belle und Vortheilpaftefte zu 
feyn fihien. Dieienigen Zoncilien , denen die Bifchsffe 
und Lehrer aus allen, oder doch den meiften chriftlichen 
Ländern beymohnten, auch gemeiniglich von den Kaifern 
berufen wurden, werden allgemeine oder oͤkumeniſche 
genennt. 

In den erflen drey Jahrhunderten ber chriftlichen 
Zeitrechnung gab es Feine dergleichen allgemeine Kirchen: 
Derfanmlungen. War auch etwas auszumachen und zu 
berichtigen, fo gefchahe es nur von den Lehrern einer oder 
der andern Provinz ; und man häfte niemals dergleichen 
Koncilien gebraucht, wenn bieiChriften alezeit der Lehre 
Chriſti treu geblieben wären. So fanden fich aber von 
Zeit zu Zeit, inSsbefonbere vom vierten Sahrhundert an, 
allerley Irrlehrer, die enttveber aus Unsiffenheit oder 
aus Bosheit, oder aus blofer Difputirfucht, Lehren 
aufbrachten , die den Örunblehren , und der Behaupfung 
der meiften zuwieder waren. So batte 3. €. um dag 
Jahr 315, ein gelehrier Mann, mit Namen Arius, aller: 
ley Meinungen von Chrifti Perfon ausgeftreuet , bie von 
vielen unrichtig befunden, doch aber von andern ange- 
nommen wurden. Er lehrte nehmlih, der Sohn Gottes 
fey nicht von Emigfeit geweſen, auch nicht der hoͤchſte 
‚Gott, fondern vom Vater, vor Erfchaffung der Welt 
hervorgebracht — dann babe der Vater durch den Sohn 
ale Dinge erfchaffen, und ihn zum Heren über ale 
Kreaturen gefeget — ber heil. Geift ſey nicht gleiches 
Weſens mit dem Vater und dem Sohne, und dergl. 

Ecce4 Dieſes 





1084 Neun und vierzigfte Tafel. 


Diefes gab denn Anlaß zu ungemein vielen und langmieri- 
gen Streitigkeiten unter den Chriften. Dieſelbe beyzulegen 
berief der erfte chriftlihe Kaifer, Ronftantin der Große, 
im 3. €. 325, eine allgemeine SKirchenverfammlung zu 
Nicea in Sleinafien, auf welcher 318 Biſchoͤffe, bie 
vielen Presbyters, Diaconen und andere FKirchendiener 
nicht mitgerechnet, ih verfammleten, die arianifchen 
Irrlehren unterfuchten und widerlegten und ein allgemeis 
nee Glaubensbefentnig aufſezten, melces das nice 
niſche genennet wird. In eben diefer Kirchenverſamm⸗ 
lung , welche überhaupt zo Ranones oder allgemeine 
Regeln verfaffete , wurde auch die Feyer des Oſterfeſtes, 
über welche damals geftritten wurde , beftimmt, und 
veftgefest , daß daßelbe allemal am erftien Sonntage nad) 
dem erften Bolmonde, wenn Tag und Nacht im Frühlahre 
gleich geweſen, gefeyert werden follte. 


Auſſer dieſem Boncilio waren die berühmteften‘; 
I) bie drey zu Ronftantinopel, im 3. €. 381, 553, 681: 
2) dag zu Epheſus 431, 3) zu Chalcedon 451, 4) noch 
drey zu Ronftantinopel, 86i, 869, 879. 5) dag zu 
Frankfurth 794 , 6) vier Kateranifche zu Nom, 1122, 
1139, 1179, I215 , 7) ;twey Kionnifche 1245 und 1274, 
3) das Viennifbe 1311, 9) das Pifanifche 1409, 
10) das zu Rofiniz, 1414, auf welchen Joh. Huß, 
und Hieronimus von Prag verbrannt wurden, 11) bag 
zu Trident, von 1545 bis 1563 , welches die eigentlichen 
Unterfcheidungs - Lehren der Fatholifhen Kirche beſtimmte 


BRUNEI 


Die Ausgieffung des heil. Geiftes. 1085 
4. 


Die Liebergabe der Augsburgiſchen 
Konfeffion. 





Miss die Meligiongftreitigkeiten in Deutfchland, 
von 1517 an, da Lutber anfieng wider den Ablaß zu 
predigen, fehr überhand nahnıen , fo ſtellte der damalige 
raifer Karl der fünfte, im Jahre 1530, einen Neichstag 
zu Augsburg an, um auf bemfelben , unter andern, 
auch die Religions » Sache gütlicy abzuhandlen. Der das 
malige Churfürft zu Sachſen Johannes befahl daher dem 
Doctor Luther, Melanchthon, Pommer und Jonas, 
fie möchten einen kurzen Inhalt ihrer Lehre zur Derants 
wortung auffesen. Luther legte hierauf dieienigen ſieben⸗ 
zehn Artifel zum Grunde , welche 1529, von einigen pros 
teftantifhen Gottesgelehrten, zu Schwabach, aufgefegt 
tourden ; er fezte noch einiges hinzu und übergab es fo, 
daun dem Melanchtbon, der dad fogenannte Augsbur. 
sifhe Glaubensbefenntniß oder Ronfeffion daraus 
verfertigte. Luther begleitete den Churfürften bie nach 
Koburg, und blieb allda im Verborgenen. Die übrigen 
oben genannten Theologen giengen, nebft noch einigen 
andern, mit nad) Augsburg, Die Konfeffion wurde da- 
felbft vom Melanchthon nochmals durchgearbeitet, dann, 
nachdem fie Luther gefehen hatte, von Johann, Chun 
fürft zu Sachſen, von Georg , Marggrafen zu 
Brandenburg, Ernſt, Herzogen zu Lüneburg, 
VPhilipp, Landgrafen zu Heſſen, Job. Friedrich, 
Herxzogen zu Bamfen , Franciſcus, Herzogen zu 

Ccccs⸗ CLuͤne⸗ 





1056 Neun und vierzigfte Tafel. 


Lüneburg , Wolfaeng, Sürften zu Zinbalt , von 
dem Rathe zu Nürnberg und zu Keutlingen, unter 
fchrieben ; am ısten Junius aber , auf dem Biſchoffshofe 
zu Augsburg, in Gegenwart des Kaiſers und aller Fuͤrſten 
und Stände des Reichs, in einer groffen Kapelle, in 
deutſcher Eprache, mit lauter Stimme verlefen, Nah 
wenig Wochen ward diefes Bekentniß in die ätalienifche, 
fpanifehe , franzsfifche, auch viele andere Sprachen überjezt 
und in ganz!Europa befannt gemacht. 


Es befteht daßelbe aus acht und zwanzig Artifeln, 
baven ein und zwanzig bie vornehmſten Glaubensichren 
und fieben, einige unter den Katholifen gewöhnliche Cere— 
monien und Kirchenanftalten betreffen. Ueberhaupt wird 
in dieſen Artifeln gehandelt: 1) von der heil. Dreyeinigfeit, 
2) von ber Erbfünde, 3) von Chriſto, 4) von der Rechi- 
fertigung , 5) vom heil. Predigtamte, 6) von guten 
Werken, 7) von der chriftlichen Kirche, 8) von Heuchlern 
und boͤſen Kirchendienern , 9) von der Taufe, Io) vom 
heil. Abendmahle, 11) von ber Beichte, 12) von ber 
Buße, 13) vom Gebrauch der Saframente, 14) vom 
Kirchenregimente, 15) von ber Kirchenorduung, 16) vom 
weltlichen Regimente, 17) vom iuͤngſten Gerichte, 18) 
vom freyen Willen, 19) von der Urſache der Sünden, 
20) vom Glauben und guten Werfen, 21) vom Dienft der 
Heiligen , 22) von beyberley Geftalt des Abendmahls, 
23) vom Eheftande der Prieſter, 24) von der Meffe, 
25) von der Beichte, 26) vom linterfchiede bee Speifen, 
27) von Kloftergelübden, 28) von ber Bifchöffe Gewalt. 





Die Ausgieffung deg heil. Geiles. 1087 


NT en u 5 (GE TZELERÄLAEN 


5, 
Sturmmwinde. Waſſerhoſen. 


SF). Sturmwind (a) ift die heftigfte Hemegung ber 
£uft , welche fowohl zu Lande, mit Ausreiffung ber 
Bäume und Verlegung ber Gebäude, als vornehmlich auf 
dem Meere unter den Schiffen große Verwuͤſtung anrichtet. 
Einer der gemwaltigften ift der fogenannfe Orkan, ber 
gemeiniglich ducch eine vorhergehende ungemeine Windſtille 
angefündiget wird. Es brechen nehmlich ploͤzlich bie 
Winde mit einem donnernden Getoͤſe von allen Gegenden 
ber Welt aus, und flürmen gegen einander mit folcher 
Gewalt, daß fie, gleih als vom Himmel herabfallend, 
die Wellen bergeftalt nmiederdrücen , daB die See ganz 
eben wird, wie bey einer Stille. Cie halten feinen Strich, 
fondern lauffen um den ganzen Kompaß herum, bie fie 
endlich) an einem Orte durchreiffen , welches die Seeleute 
ben Schwanz des Orkans nennen. Dann teben fie fo 
erſchrecklich, daß fie nicht nur die Seegel, fondern auch 
das ſtaͤrkſte Tauwerk am Schiffe zerreiffen , die Maſten und 
Seegelftangen zerbrechen , bie Willen wie Berge aufthüre 
men und Mieter nieberfiürzen, und die Schiffe wie Staubs 
federn auf denfelsen herumſchleudern. 


Ein Wirbelwind befteht aus zwey ffarfen Winden, 
welche einander entgegen biafen, und daher da, mo fie 
zufammenfoffen , die Luft in einem Kreiſe berumtreiben, 
Die Tromben oder Waflerhofen, Woafferfäulen ( b) 
find groſſe Waſſerſaͤcke, die der Wirbelwind aus der See 
in bie Höhe hebt, und bie Geſtalt einer Fegelförmigen 

Säule 


1088 Heun und viersigfte Tafel. 


Säule haben ; sder Wolken , welche von zwey flarfen 
Minden, die einander entgegen blafen, jufammen gebrinkt, 
und in einem Kreife herum getrieben werden. Der in 
einem Wirbel bewegte Theil der Wolfe fenft fih, vermit- 
gelft feiner Schwere , herunter auf das Meer, und bie 
ganze Wafferfäule beivegt fid) gemeiniglich mit großer 
Geſchwindigkeit, fowohl uber dag Meer, als auch bie. 
weilen über das Land, mo fie erſchreckliche Verwuͤſtungen 
aurichtet ; Denn ihre Gewalt ift fo groß, daß fie die groͤß— 
ten Baume, ganze Häuffer und Schiffe niederzeiffen kann. 
Doch pflegt fie felten länger al8 eine Stunde zu wuͤten. 
Sie zieht ſich zulegt entweder wieder in die Höhe, worauf 
ein ſtarker Plazregen erfolgt, oder fie ſtuͤrzt ganz herunter, 
in welchem Falle fie eine fchrecdliche Ueberfchwenmung 
verurfacht, wodurch oft die größten Schiffe verfenft wor. 
- den find. Um ihren gefährlihen Wirfungen zu enfgehen, 
ziehen die Schiffer, wenn fie dergleichen Wafferfäulen in 
einiger Entfernung erbliden, fofort alle Seegel ein, und 
thun einige Kanonenfchüße auf diefe Säulen, die, wenn 
fie getroffen werden , ihr Wafler mit lautem Srachen 
fallen laffen. 


Tr AED 


6. 
Schulen und Akademien. 


Die. öffentlichen Derter, ba die Jugend in aller« 
ey guten Kentuiffen unterrichtet wird , werden Schulen 
genannt. in einigen derfelben werben bie Kinder bios im 
Schreiben und Rechnen und in den Nnfanasgrüuben deg 

Chriſten⸗ 








Die Ausgieffung des heil. Geiſtes. 1089 


Chriſtenthums untermiefen, welche gemeiniglih deutfche 
Schulen (b) genannt werden, und aus Einer Klaffe 
beftehen , wie z. E. die Dorffchulen ze. In Städten hat 
man Schulen von mehrern Klaffen, welche Trivialfchulen 
und Gymnafien heiffen, in welchen, auffer dem Ehriften« 
thume, auch die Anfangsgründe der vornehmfien Sprachen 
und Miffenfchaften gelchret werden. Wird in denſelben 
auch Anweiſſung zu den hoͤhern Wilfenfchaften gegeben, 
die man gewöhnlih nur auf Akademien treibt, fo wird 
eine folhe Schule Gymnafium illuftte, Lyceum oder 
Seminarium genennet ; von welcher Art 5 E. Das 
Gymnsfium su Roburg, dag zu ARlofterbergen, das 
Rerolisum zu Braunfhweig , die MilitairaFademie 
sa Stuttgard , Das Iherefianum in Wienn , die 
Schulpforte md übrigen fächfifhen Sürftenf&hulen find, 
Hicher gehören auch die feit einigen Jahren aufgefommenen 
Philanthropine, Penſionen, und Krziehunasinftitute, 
in welchen unter der Aufficht eines oder mehrerer Lehrer, 
vornehmlich dieienigen iungen Leute, die fich nicht eben ber 
Gelehrfamfeit widmen , zu allerhand MWiffenfchaften anae 
füpret werden, wodurch fie entweder bey Hofe, oder im 
Kriege oder in der Defonomie ihr Glück machen Finnen, 
Die Lehrer in deutfihen Schulen heiffen Schulmeifter, 
Schreib ‚, und Rechenmeiſter; die lateinifchen aber haben 
gemeiniglih einen Rektor, Konrektor, Rantor und 
mehrere Aollegen. Ueber die Schulen find gefezt : 
Inſpektoren, Scholarchen, Paͤdagogiarchen und dergl. 


Hohe Schulen, Akademien, Univerſitaͤten wer—⸗ 
den dieienigen Geſellſchaften der Gelehrten genannt, in 
welchen Lehrer aus den ſogenannten vier Fakultaͤten ſind, 
wohin Juͤnglinge der Erlernung der Wiſſenſchaften wegen 
kommen, und welche die Gewalt haben, bie hoͤchſten 

Wuͤrden 


1090 Neun und vierzigfte Tafel. 


Mürden in den Wiffenfihaften zu ertheilen. Die vir 
Safultäten find: Die pbilofopbifhe, medicinifche, 
inriftifche und theologiſche, und iede hat ihre eigenen 
Lehrer — daher giebt es auf Univerfitäten Lehrer oder 
ordentlihe und aufferordentlihe Profefforem und 
Doktoren der Philologie, Philofophie, Phyſik, Mathe: 
matif, Geſchichte — ber Medicin, ber Jurisprudenz und 
der Theologie. Dieienigen Jünglinge , melche auf Afas 
demien diefe Wiffenfchaften erlernen , heiſſen überhaupt 
Studenten ‚, und insbefondbere Theologen, Turiften und 
Mediciner, Die Lehrfiunden ſelbſt, in denen die Lehrer 
über die Rompendien oder Lehrbücher , lefen , heiffen 
Kollegia; und die Dite, wo dergleichen Vorlefungen 
gemeiniglih gehalten werden, Hörfäle (a). Es hat 
daher iede Afademi eihre Öffentlichen Gebäude, welche gleich» 
falls Kollegia heiſſen, und in welchen iede Fafultät ihre 
großen Hörfäle oder Auditoria hat, auch Wohnungen für 
Profeſſoren, Magifters und Studenten begreiffen — Sin 
denfelben findet man auch, bie und da, einen botanifcben 
Garten, die Univerfitätsbibliothef , das Thestrum 
anstomifum , das Kaboratorium chymifum , die 
Sternwarte , oder das Obſervatorium, das Konvikt 
oder die Rommunität, in welchem arme Studenten oder 
Stipendiaten an Sreytifchen gefpeifet werden — und das 
Rarcer, für ungezogene Studenten, melde der Pedell 
zuerft für den Neftor magnifitus, oder ben ganzen afas 
demiſchen Senat citiren und dann, auf Erfordern der 
Umftände, in den Karcer verſchlieſſen muß. Auſſerdem barf 
es einer wohl eingerichteten Afademie aud) nicht an allerley 
Spread ; und Kpercitien« Meiftern, nid an Kaffee⸗ 
bäuffern und andern anfländigen Divertiſſements fehlen. 


Die 


Die Ausgieffung des heil. Geiftes. 1091 


Die böhften Würden in ben Wiffenfchaften find 
gewoͤhnlich Die Magiſter und Doftorwürde, wiewohl 
einige Untverfitäten auch Kicentisten in allen Fakultäten 
und Baccalaureos in der Theologie creiren , ingleichen 
Poeten frönen. Die Erlangung afademifcher Würden 
heißt Promotion, melde, mie die Rektorswahl, tähr- 
lic) mit groſſen Solennitäten gehalten wird ; wenn fich die 
Sandidaten vorher int Eramen und bey der Insugurals 
Diſputation wacker gehalten haben. 

Die berähmteflen Univerfitäten find, nad ber 
Zeitordnung ihrer Errichtung, folgende : Aambridge, 
Orford, Paris, Wienn, Erfurt, Keipzig, Noftock, 
Greipbswalde, Bafel, Ingolitsdt, Upfal, Tübingen, 
Maynz, Ropenhagen, Wittenberg, Sranffurt an der 
Oder, Geneve, Marpurg, Strasburg , Königsberg, 
Jena, Leiden, Helmſtaͤdt, Altdorf, Gieffen, Rinteln, 
Utrebt , Duisburg , Riel, Halle, Göttingen, 
Erlangen, Buͤzow, Stuttgard. Auf den meiften diefer 
Univerfitäten, und in andern Hauptftädten, giebt es auch 
gelehrte Societäten oder Akademien der Wifjenfehaf 
ten, unter welchen bieienigen Geſellſchaften von Gelehrten 
verftanden werden, welche fich zu gewiſſen Zeiten vers 
famnılen , die Vervollkommnung der Wiffenfchaften , der 
Künfte und Sprachen zu befördern. Die vornehmften 
derfelben find : Die Akademie der Wiffenfchaften zu 
London, Paris, Berlin, Petersburg, Stockholm, 
Bologna, Göttingen, Erfurt, Muͤnchen zc. Die 
Akademie der Naturforſcher, Handlungs » Erzie 
Hungs + deutfebe » lateiniſche⸗Geſellſchaften, u. f.w. | 

Die Gelebrfamfeit oder die Wiſſenſchaften ſelbſt, 
‚ welche auf Akademien gelehret und getrieben merden, 
machen ein faſt unendlihes Zeld aus. Um dafelde nur 

einigera 


| 


1092 Neun und vierzigſte Tafel. 


einigesmaffen zu überfhauen, kann folgende Tabelle dies 
nen: (Sie ift nad) Sulzers JEncyElopädie entworfen, 
aus welchem Buche der Lehrer die Begriffe aller bier, nur 
dem Namen nach ankseigten , Wiffenfchaften und ihrer 
Theile beym DVortrage erklären kann) . 


Alles nemlich, was zur Gelehrfamfeit gehoͤret, kann 
unter folgende acht Klaſſen gebracht werden: 


T, Die Philologie. Sie begreift 
1. die Sprachenfentniß. 
2. die Lerifograpbie. 
3. bie Srammatif. 
4. die Alterthümer, 
5. die Workkritik. 


N. Die Hiftorie, begreift 
1. die förmliche oder eigentliche Hiftorie, welche iſt 
a. in Anfehung des Inhaltes: | 
&., die bürgerliche Hiflorie, 
2. die alte, 
2. bie mittlere, 
3. die neue. 
b. Die Kirchenhiſtorie iſt: 
n. die Hiftorie der Religionen, 
=, die Hiftorie der Glaubenslehren, 
2. die Hiftorie der Kirche, 
+. Die Hiftorie der Gelehrfamfeit. | 
g. bie eigentliche, allgemeine, 
3. die Hifforie der einzelen Lehren und Det 
nungen. 
». in Anfehung ihres Umfangeg: 
&. die allgemeine NHiftorie, 
ß. die befondere NHiftorie. 
9 Die 





Die Auspieffung des heil, Seiftes, 1093 


2. Die Beyträge zur Hiſtorie, ale 
a. die Memoiren, Ä 
b. die Sffentlichen Aften, 
ce. einzele Erzehlungen von Begebenheiten, 
d. fritifche Beyträge. 


. Die nothwendigen Hülfgmittel der Hifforie, als 
die Chronologie, 

die Gengraphie, mit den Neifebefchreisungen, 
die Erforſchung der alten Denfmale, 

. die Öencalogie, 


Ill. Die Rünfte, find 
‚ mechanifche Künfte, und zwar 
a. ber Feldbau, 
b. die Handlung, 
. die Kameral » und Finanz» Wiffenfchaft, 
d. das Muͤnzweſen, 
e. die Kriegskunſt. 
freye oder ſchoͤne Kuͤnſte, 
a. deren allgemeine Theorie, die Aeſthetik; 
b. die vornehmften derfelben ſelbſt 
a. die Baufunft, 
ß. die Malerkunft, 
Y% die Tanzfunft, 
I. die Mufit oder Tonkunſt, 
RK. die Harmonik, 
2 die Melodif, 
e. die Redekunſt, 
. die Dichtkunſt. 


IV. Die Mathematik, und zwar 
I. bie reine Mathtatik: 


a bie Rechenkunſt, 
Dodd b. bie 


. 


epre 


> 


1094 


Mreun und viersigfte Tafel. 


b. die Analyfis 
a. der endlichen Bröffen, 
ß. der unenblichen ; 
c. bie Geometrie, 
a. bie gemeine, 
ß. die höhere. 


2. Die vermifchte Mathematik; 


a. die Mechanik, 
se. vie Statik, 
L. die Dynamik. 
b. die Hydrodynamik, 
a. bie Hydroſtatik, 
8. die Hydraulif. 
e. die Aerometrie. 
d. die DOptif: 
&. die Diopfrif, 
ß. bie Katoptrif, 
Y. die Perſpektiv, 
e. die Pyrometrie, 
f. die Pyrotechnie, 
g. die Aſtronomie, 
a. bie ſphaͤriſche, 
6. die mechanifehe. 
ı. die mathematifche Geographie. 
i. die mathematifche Chronslogie. 
k. die Gnomonik. 


1. die allgemeine, wozu auch gehöret 


a. die Stoicheivlogie, 
b: die Meteorologie. 


2 


bie 


Die Ausgieffung des heil. Geiſtes. 1095 


#, die befondere, 
a. die Betrachtung ber in und auf der Erde liegen⸗ 
den unlebenvigen Körper : 
a, bie Mineralvgie, 
4. die Chymie oder Metallurgie, 
Y. die Alchymie, 
I. die phyſiſche EN 
b. die Betrachtung des Pflanzenreichs;: 
e. die Botanik, 
6. die Phyfiologie der Pflanzen, 
y. die Kentniß von den Kräften der Pflanzen in 
der Materia medifa, und Defonomie, 
c. die Betrachtung des Thierreiches: 
«. die. Zoologie, 
R. die Anatomie und Phnyfiolegie der Thiere. 
7. die befondere Betrachtung des menjchlichen 
Körpers in der Mebicin, zu welcher gehoͤret 
n. dis Unatomie, \ 
2. die Phyſiologie, 
2. die Patholegie, 
+, die Therapevtik. 
3. die phyſiſche Teleologie: 


VI. Die Philofopbie, 
1, bie theoretifche: 
a. die Logik, 
b. die Metaphyſik: 
«. die Ontologie, 
R. die Kosmologie, 
Y. die Pnevmatologie und Pſychologie, 
I. die philefophifche Theologie: 
2. die praftiiche, 
Odedds a, Die 


096 Neun und vierzigſte Tafel. 


a. die allgemeine', 
b. die Theorie der allgemeinen menſchlichen Pflichten 
&. die Moral, ° ⸗ 
. das Recht der Natur, 
>. dag Voͤlkerrecht. 
ce. die Theorie der ‚moralifchen PVerbeßerung des 
Derftandes und Willens, oder die Erhik, 
d. die Theorie der befondern menfchlichen Pflichten 
in befondern Verbindungen : 
«, bie Haushaltungs» Wiffenfchaft, 
ß, die Staatsrwiffenfchaft : 
2. die Politik, 
2. die Nomologie, 
2 die Policeywiſſenſchaft. 
Y. die Paͤdagogik. 


VI. Die Rechtsgelehrſamkeit, 
1. die allgemeine Theorie der Nechte und Befeze, 
2. daß befondere Recht gewiſſer Staaten ; 
a. das bürgerliche Recht: 
a. das Staatsrecht: 
x. das natürliche , 
3. dag millfürliche. 
ß. das Privatrecht; 
x. das peinliche Recht : 
aa. das allgemeine, 
bb. das williührliche 
2. das Eigenthumsrecht: 
aa. das allgemeine, 
bb. das willtuͤhrliche, unb zwar in 
Deutschland: | 
«we. das Fraͤnkiſche, 
AB. bag 


Die Ausgieffung des heil. Geiſtes. 1097 


BB. das Sächfifche, 
37. das Roͤmiſchiuſtinianiſche, 
SS. dag Päpftliche. 
3. daB Proceßrecht. 
=, befondere Arten der Nechte: 
aa. dag Wechſelrecht, 
bb. dag Handlimgsrecht , 
ec. dag Lehnrecht, 
ac, bag Longobardiſche, 
PR. das Deutfdre. 
b. das Kirchenrecht , und zwar in Deutfchland , 
a. das Paͤbſtliche oder Kanonifche,, 
B. das Proteftantifche. 


VIII. Die Theologie: 
I. bie exegetiſche, welche begreift 
a. die Hermenentif, 
b. die eigentl. fogenante Exegetif. 
2, die ſyſtematiſche, 
a, die theoretifche, 
«, in Abficht auf ihre Quelle s 
8. die Dogmatif, dazu gehört 
aa. bie afroamatifche Theologie; 
bb. die ſymboliſche, 
ec. die patriftifche. 
3. die Polemik. 
6. in Abficht auf den Vortrag: 
x. die Homiletif, 
3. bie Katechetik. 
b. die praftifche Theologie : i 
&. die Moral: Theolegie, | 
R. die aſcetiſche, 
Dded 3— *. die 





1098 Neun und viersigfie Tafel. 


Y% bie Fafuiftifche , 3 
x. die Daftoral» Theologie, 
2. die parakletiſche Theologie. 


Tr 
Der Wanderer und die Meilenfaufe, 


I; bleidft du denn immer fo auf einem Slecke fiehen, 
ſprach einfl ein Manderer zu einer Meilenfäule , die rich» 
tig den Weg zur Hauptftadt anzeigte — So oft ich diefe 
Straße wandele, fehe ich dich noch immer auf der alten 
Stelle — Masft du denn nicht mit in bie Stabt 
fommen ? 


Sch bin an die Erde beveſtiget, fprach die Säule — 
ich zeige den rechten Weg an, Fomme aber feldft nicht in 
die Stadt — 

Serade fo mancher Moralifte — mancher Lehrer — 











8. 
Apollo und die Muſen. 


N oo oder Phöbus, ein Sohn Jupiterd und ber 
Latona, war ber Gott des Gefanges und der Muſik, 
Vorſteher des Mufenhors, und Schuzherr der Dichter, 
Er wird inggemein als ein ſchoͤner Jüngling ohne Bart 
gemahlt, 


Die Ausgieffung des heil, Seiftes, 1039 


gemahlt, der in der rechten Hand Pfeil und Bogen, in 
der Finfen aber eine Leyer hält; denn durch Beydes machte 
er fich vorzüglich berühmt. , Schon in feiner Jugend ers 
legte er die pythiſche Schlange (Tab. XLVIII, 8.) — 
Er erfhoß die Cyrlopen, welde bie Donnerfeule ges 
fehmieder hatten, mit denen fein Vater den Aeſculap toͤdtete. 
Darüber wurde er aus dem Himmel verfloffen, und auf 
die Erde ins Elend verwielen. Er Fam bierauf in das 
Haus des Kiniges Admetus in Arfadien, und hütete 
feine Heerden. Um fich daben die Zeit zu verfürzen, ers 
fand er die Cyther, und lehrte die Menfchen Gefänge, 
welche die Wildheit und Barbarey der Bitten vertrieben — 
Durch den Klang diefer feiner Leyer foll er die Mauern zu 
Troia erbauet haben — Deu Marſias, der ihn zu einen 
MWettfireit in der Muſik berausgefordert hatte, zog er, 
nachdem er ihn Überwand, die Haut ab — Dem Könige 
Midas machte er Efelsohren (Tab. XLV, 8) Bor 
nehmlich aber machte er fein Anfehen groß und feine Vers 
ehrung allgemein durch die Orafeln, mit denen er alle 
Melt erfüllete , und insbefondere Delphi berühmt machte. 
(Tab. XVII, 8.) 


Er war Borficher der Muſen oder Pierinnen, 
welche für die Göttinnen aller freyen Künfte und Bilfens 
fhaften gehalten wurden. Sie waren Toͤchter Jupiters 
und der Mnemoſine, an der Zahl neune, und wurden 
ais ſchoͤne muntere Frauenzimmer, mit Kraͤnzen auf dem 
Haupte , und mit allerley mufifalifchen und geometrifchen 
Werkzeugen abgebildet. jede hatte ihren Namen und ihr 
Amt im Meiche der Wiffenfchaften. Uranie forgte für die 
Himme'stunde, Balliope für das Heldengedicht, Wiek 
pomene für das Trauerfpiel, Thalia für das Luſtſpiel, 
Polybymnis für den Gefang , Erato für Tanz und 

Dddd 4 Muſik, 


1108 Neun und vierzigfte Tafel. 


Muſik, Wlio für die Gefchichte, Euterpe für das Floͤ— 
tenfpiel, und Terpfichore für die Either. Ihr gewoͤhn— 
licher Aufenthalt waren die Berge Helikon, Parnaflus, 
Olympus, das pierifhe und aoniſche Gebürge, melde 
Berge alle nicht weit von einander in Theffalten liegen. 
Eine Duelle am Helifon hieß Hippokrene, und wurde von 
dem geflügelten Pferde Degafus eröfnet — Diefe Quelle 
fol die Kraft gehabt haben, ieder der davon tranf, eine 
poetifche Fertigkeit mitzutheilen. 


⏑⏑⏑ 


9 


Die Huldigung der Wiſſenſchaften bey dem 
Altare des Jeſus Meſſias. 


Es freue ſich die gute Jugend, dag frohe Chor der Mu— 
ſen-Lieblinge des güldnen Traums eines frommen Sehers! 
Hingeriſſen durch mehr als eine unabſehbare Reihe 

himmliſcher Betrachtungen uͤber Gottes Maieſtaͤt und Ehre, 


über Jeſus Chriſtus Herrlichkeit und Liebe, ſtrebte 


meine Seele auch im Traume fort, Freuden auszuſpaͤhen 
an der Gottheit Stuhle. Ich ſahe — plözlich hingeruͤckt 
in Zeiten der Vorwelt, auf Gefilde, die mit allen Reizen 
der Natur prangten, das Heiligthum der Wiſſenſchaften, 
den Tempel der Gelehrſamkeit — Seine Zinne reichte 
bis an die Wolken, und laute Lobgeſaͤnge erfuͤlleten die 
Luͤfte — Eben waren Gottes Herolde, Jeſu Juͤnger, 
ausgegangen, durch Gottes Geiſt und Evangelium geſtaͤrkt, 
aller Welt zu predigen: Jeſus Chriſtus iſt der erhoͤhete 
mir Preis und Ehre gekroͤnte Here der Herrlichkeit, ein 

Koͤnig 


Die Ausgieffung des heil. Geiſtes. 1101 


Koͤnig aller Könige, die Sonne der Welt! — und fchnell 
eröfneten fih die Thore bed Tempels — Alle Wiffenfchafr 
ten, mit Stärke und Anmuth der Jugend gefhmüct, 
hatten fich in demfelben verſammlet, vor dem Altare des 
Jeſus Meſſias,, ihn, dem Herrlichen , dem Urfprunge 
aller Weisheit , den Eid der Huldigung , der ewigen 
Treue zu ſchwoͤren. Mit einer Ehrfurcht, mit welcher bie 
Seraphim ihren Schöpfer anbeten, ſtunden fie vor dem 
Altare , und wiederholten mit göftliher Harmonie dag 


Engellid : Ehre ſey Gott in der Hoͤhe! Drauf Eniete 


mit maieſtaͤtiſchem Anſtande dre Theologie vor dem Altare 
nieder — Sie hatte fieben Sterne um ihr Haupt, und 
einen Ebelftein auf der Bruft, und rief : Allerbeiligfter ! 
Du bit würdig zu nehmen Kraft und Neichtbum und 
Meisheit und Stärfe ! Sey mir willfommen, dur, den alle 
Propheten und Apoſtel befangen ! Du bift der Inbegriff 
allee meiner Lehren, meiner Auslegung, meiner Ermabs 
nung. An deine Sonnenquelle will ich mich lagern, und 
beine Kinder um mich fammlen und fagen : Sehet, bier 
iſt eure Weisheit, eure Gerechtigfeit und Stärfe, eure 
Heiligung und Erlöfung! 


dit brennender Sehnſucht erwartete die Rechtsge— 
lehrſamkeit die Gelegenheit, auch ihre Empfindungen dem 
Sottmenfchen darzulegen — Herr, meine Gerechtigkeit! 
ſprach fie, ich ſchwoͤre bey deinen heiligen Gefegen, beine 
Rechte der Welt anzupreifen. Deine Kirche, die du ers 
loͤſeſt, fol den Schuz meines Schwerdtes und die Gerech- 
tigkeit meiner Wege erfahren. Sie Eegte die Buͤcher der 
Geſeze auf den Alter, und ſprach mit beiliger Demuth: 
Heilige dieſe Rechte, o Michter der Melt, oe Buͤrge der 

Schuldigen, himmliſcher Fuͤrſprecher 
Odde Auf 


N. — 


1102 Neun und vierzigfte Tafel. 


Auf fie folgte die ArzneyFunft — ganz Mitleiden 
war ihre Miene, mit welcher fie auf ihre Werkzeuge fahe, 
die fie in den Händen trug. Allmaͤchtiger Arzt! fo fprach 
fie, deine Dienerinn thut vor dir den Fußfal der Anbe— 
tung. Du bift vom Himmel herabgefommen , ein Helfer 
der Elenden zu feyn. Deinen fegnenden Händen empfehle 
ich meine Kunſt, und die Nothleidenden , die dich fuchen 
und lieben. Ich will zu deinem Kreuze die Lahmen, die 
Blinden, die Schwachen, die Kranfen , die Sterbenden 
berbeyruffen — Aug deiner Fülle follen fie Stärke, Licht, 
Gefundheit und Leben nehmen ! 


Mit einem Blumenfrang auf dem Haupte näherte fich 
nun die Weltweißheit dem Altare. Ein Strom von 
Threnen fiel auf ihr weiſſes Gewand, durch welche ihre 
Worte lange unterbrochen wurden, Endlich öffnete fie 
ihren Mund — Sohn der ewigen Weigheit, rief fie, fey 
mir mwillfommen ! Du breitet Licht und Wahrheit über die 
Melt der Finfterniß und des Irrthums aus — Sch will 
es nicht wagen die Geheimniffe der Weisheit zu durch— 
fchauen — undurdhdringlich find fie mie — aber bewundern, 
pretigen will ich fie — 


Nah) diefer Fam die Aftronomie — D meine 
Sonne, mein heller Morgenftern, rief fie, wie verdunkelſt 
du Sonnen und Sterne ! Dein Ölanz iſt reiner und macht 
unendlich mehr Freude als das Kacheln der Morgenröthe! 
Deine Anmuth ift reizender als der Fruͤhlingsmorgen! 
Sp göftlich leuchtet Fein Geftirn, wie du ! Sie erſtaunte, 
verhüllete ihr Angeſicht, Eniete nieder und fezte eine Krone 
von Sternen auf den Altar, Mein Schöpfer , redete 
hierauf die Phyfif den Meffias an, du Werfmeifter der 
veriängten Natur! Wie blühet die ganze Schöpfung vor 

Dir! 


Die Ausgieffung des heil. Geiſtes. 1103 


Dir ! Wie lange firchte ich dich in deinen Staaten ! Jezt, 
iezt habe ich dich gefunden. Du Schönfter! ih will did auf 
ber Erde loben, deinen Namen der ganzen Natur predigen 
und alle Gefchöpfe um deinen Thron verfammlen. Nun ift 
der Himmel auf der Erde, und in der Wuͤſte ein blumen⸗ 
reiches Eden. 


Welche Tiefen der Gottheit rief die Mathematik — 
wie unbegreifih find feine Wege ! Unermeßlicher ! ich 
bete dich un — Bol Erſtaunen verfenfe ich mich in bie 
Tiefe , Länge, Breite und Höhe deiner Liebe ! Ich 
durchdenke fie, und weine für Freuden , daß fie unere 
meßlich ift. 


Nun kam die Geſchichte. Diefe Verehrungswuͤr⸗ 
bige oͤffnete das Buch, in welchem die Geſchichte der 
Welt aufgezeichnet war, und ſchwur mit aufgehabenen 
Fingern: O Meßias! Die denkwuͤrdige Nacht deiner 
Geburt, den denkwuͤrdigen Tag deines Todes will ich mit 
guͤldnen Buchſtaben dieſem Buche einverleiben! Dein er— 
ſtes holdes Laͤcheln, deine Threnen, deine Bloͤße, deine 
Majeſtaͤt und dein Seegen ſollen der ſpaͤteſten Nachwelt 
verkuͤndiget werden — Du biſt die Seele dieſes RER 
und dieß Bud) ift ein Herold von dir — 


Die Mahlerey war bey biefer ganzen Scene vom 
Entzuͤcken ergriffen worden. Mit einem neuen Pinfel 
mahlte fie den Schönften unter den Menfchenfindern — 
fein Ungefiht, und in demfelben Klarheit Gottes — feine 
menfchenfreunbliche , fanfte Miene — und die hülfreichen 
Hände, die er nach) feinen Fiebhabern ausſtrecket. Siehe 
bier , fprach fie, ift ein ſchwacher Schattenriß son dir, 
Holdfeligfter unter Engeln und Menfchen ! Biel fiir, 
fee und lebhafter fol dein games Bild in meiner 

Seele 


1104 Neun und viersigfte Tafel. 


Seele abgedruckt feyn , und emig berfelben eingegraben 
bleiben ! 


Die Redekunſt trauerfe, da fie e8 verfuchte mit ber 
feurigften Beredfamfeit von dem Erlöfer der Welt zu re 
den, und es umfonft verſuchte — Sie ſprach nur bie 
Sorte des Pfalmiften: Dies ift der Tag , Den der 
Herr mader ! Kaflet uns freuen und frölich darin. 
sen feyn ! © Herr hilf, o Herr, laß wohl gelingen! 
Hier ſchwieg fie ſtille, noch ſtatr gen Himmel blickend — 
Immanuel! fprach fie von neuem, Immanuel, du bift der 
Schmuck meiner Berebfamfeit , die Seele meiner Gedan— 
Een, der Gegenſtand meines Feuers, der Preid der Engel — 
und ich, ich Jehovah, bin dein. 


Sie ſchwieg, und winkte ihrer Schweſter der Dicht: 
kunſt. Sie trat näher zu dem Altare, und beugte fich 
mit heiliger Ehrfurcht zur Erde, melde fie mit Roſen, 
Lorbeeren und Palmen beftreut hatte. Sie blieb lange 
Zeit in biefer demüthigen Stellung — endlich wurde fie 
Fauter Feuer , und fieng in der Gefelfchaft ihrer Schwe- 
fier, der Miufif , ein Lied an, auf den Gottmenſchen. 
Sie fangen, und die Engel ſchlugen ihre Harfen beein: 


Der Here ift König ! Sagts der Erde! 
Sagt, daß die Voͤlker ihn erhoͤhn; 
Sein Reich in feinen Welten werde, 
Bon ihm gegründet, ewig flehn. 
Groß iſt ſein Heil — O fagt mit Freuden 
Sein Lob der Erde Voͤlkern an! 
Verkuͤndigt unter allen Heiden 
Die Wunder die der Herr gethan. 


@ 


Die Ausgieffung des heil. Geiſtes. 1108 


Es iauchze dir, o Gott, dein Himmel! 
Die ganze Erde freue fih! 

Der Oceane froh Getümmel, 

Und fein Bewohner preife dich! 

Laßt alle Felder „ laßt die Heerde 

Mit Zauchzen, Huͤpfen, freilich feyn ! 
Merftärft die Jubel auf der Erde — 
Sein müffe fih der Sunder freun ! 


Und nun mar der Auftritt vollendel, Alle, mit 
einer Stimme , fangen mit englifhen Entzücken ihrem 
Herrn und Koͤnige ein Lied bed erhabenften Jubels; 
Amen ! Lob und Ehre, und Weisheit und Danf, 
und Preis und Rraft und Stärke fey unſern Gott 
von Ewigkeit zu Kwigfeit ! Amen! 








H — — = 
U ART — — 


Fuͤnf 


1186 
a er 
Sunfzigfte Tafer. | 





I, 


Die ‚heiligen Evangeliften und Apoſtel 
Jeſu Chriſti. 


N iieisen unter den Freunden und Nachfolgern Jeſu 
Chrifti , die ihn allenthalben begleiteten , feine 
Lehren annahmen , und von ihm felbft, nach Art der 
Lehrer in den vorigen Zeiten, zu feinen Schülern ermäblt 
wurden, bieffen Jünger Jeſu. Gar bald fonderte er, 
während feines Lehramtes, fiebenzig Jünger aug, benen 
. er fein Amt, feine Wunder und Lehren befannt machte, 
und die er ausſandte, allenthalben im iuͤdiſchen Lande, 
abfenderlich in den Städten und Dertern , wo er felbft 
binfommen wollte , feine Ankunft und fein Evangelium zu 
verfündigen. Auffer diefen hatte er fich noch , unter ben 
Vielen, die mit ihm giengen , 3wölf Apoſtel, das ift, 
folhe Männer augerlefen , die immer bey ihm ſeyn, und 
alles , mag er redete, hoͤren, und alles, was er that, 
fehen follten, damit fie es hernach andern Menfchen , als 
Yugenzeugen , erzehlen Fönnten. (Die zwoͤlffache Zahl 
derfelben fcheint ſich auf die zwoͤlf Erzuäter und Stämme 
des ifraelitifchen Volkes zu beziehen.) Sie waren alle 
aus Galilda, Juden, die meiften Fiſcher, ungelehrte, 
aber ehrliche und freymuͤthige Leute, bie Jeſus nach feiner 
Allwiſſenheit für nichtig erfannfe, bie Vertrauten feiner, 

auch 


Die heil, Evangelifien und Apoſtel Jeſuꝛc. 1107 


auch der verborgenften , Geheimniffe, und die vornehmfien 
» Diener feiner Religion zu feyn. Zwey von biefen Apoſteln 
und zwey von den übrigen Juͤngern hieſſen zugleich auch) 
Evangeliften , weil fie bie tröfilihe evangelifche Ges 
fhichte von der Geburt und dem Leben, Lehren und 
Wundern Jeſu Chriſti in vier Büchern befchreiben follten. 
Diefe Evangeliften bieffen : Matthaͤus, Markus, Lu 
Fas und Johannes. Wiattbäus , ein Anverwandter 
Jeſu, war zuvor ein Zolbedienter, machte fich aber fo« 
gleih auf dag Machtwort feines Lehrets : folge mirı 
von feinen Gefhäften los, und begleitete Jeſum auf 
feinen Wegen. Er fchrieb fein Evangelium unter den uͤbri— 
gen Evangeliften zuerft, etwa zwifhen den Jahren, nad) 
Chriſti Geburt, 40 bis 50. Seine Hauptabſicht ift, in 
demfelben zu beweifen , daß In Jeſu alles erfüller ſey, 
was die Propheten von dem Meßias gemeifjager haben, 
Markus befehrte fi durch die Predigten Petri, aug den 
Sudenthume zum Chriftenthum, begleitete auch zu verfchies 
denen Zeiten den Paulus und Petrus auf ihren Reifen, 
Sein Evangelium hat er wahrſcheinlicher Weife zu Kom 
gefchrieben. Kufas, zuerſt ein Heide hernach ein ge⸗ 
lehrter griechiſcher Jude, ehe er ein Chriſt ward, ſchrieb 
ſein Evangelium wohl etwas eher als Markus, zwiſchen 
ben Jahren 40 und so nad) Chriſti Geburt; nach der Zeit 
aber die Apoftelgefchichte zu Nom, als Paulus dag 
zweytemal dafelbf gefangen faß. Johannes, der Bruder 
des Jakobus, etwas iünger als Jeſus, der ihn zu feinen 
Freund erwehlte. Er fchrieb fein Evangelium theils in 
der Abficht, das zu ergänzen, was die übrigen Esangelis 
fien, nad) ihrer Abfiht, weggelaffen haften; theils gegen 
einige Srrlehree zu beweifen , dag Jeſus nicht nur ein 
wahrer Menſch, fonbern auch der Sohn des Allerhoͤchſten 


J fen, 


1108 Funfzigſte Tafel, 


fey. Er ſchrieb auch drey Brife, und das Buch der 
Offenbarung, in welchem verfciebene fünftige Schickfale 
der chriftlihen Kirche vworgeftelet werden. Alle diefe 
Scyriften find vor ber Zerfiörung Jeruſalems, dag ift, 
vor dem Jahre nah Chriſti Geburt 70 , gefchrieben; 
ob es gleich ſehr wahrfcheinlid if, daß Johannes diefe 
Zerfiörung erlebt hat. Er foil von dem Kaifer Domitian 
in die Inſel Patmus vermwiefen , hernach aber in Afien, 
unter allen Apoſteln olleine , eines natürlichen Todtes 
geſtorben ſeyn. Was die Abbildung dieſer Evangeliften 
betrift, fo haben ihnen die alten Kirchenvdter (nad 
Ezech. 1, 5. 10. und Öffenb. Job. 4, 6.7.) vier Thiere 
oder Figuren beygelege : Tatthäus (a. 3.) hat dag 
Bild eines Menſchen, weil er den Anfang feines Evans 
gelii von dem menfchlichen Gefchlechtäregifter Chrifti mat; 
Markus (a. 2.) hat einen Löwen, weil er von Johanne 
dem Täufer‘, als einen drülenden Löwen in der Wüffe, 
feine Geſchichte anfängt ; Lukas (a. 3.) hat einen Ddys 
fen , meil er den Eingaug von dem Priefter Zacharias 
macht, melcher mit DOpferung folcher Thiere umgegangen 
ift; Johannes (a. 4.) hat einen Adler , weil er im 
Anfang feines Evangelii , gleich einem Adler hoch fliegetz. 
und die ewige Gottheit Chrifti befchreibet. 


Von biefen Evangeliften waren zwey, nehmlich 
Wiettbäus und Johannes auch zugleid Apoſtel. Die 
übrigen zehn waren : Petrus (b), Andreas (c), Tas 
Fobus der größere (d), Dbilippus (e), Bartholos 
mäus (f); Thomas (g), Jakobus der iüngere (h), 
Judas Thadddus (i), Simon (k), Judas Iſcha, 
rioth (1), zu denen nach der Zeit noch Matthias (m} 
und Paulus (n) kamen. Petrus war ber erſte Apoftel, 
und cohngefähr zehn Jahre älter als fein Lehrer. Er 

währe 





Die heil. Evangeliften und Apoftel Sefurc. 1109 


nährte fich von der Fifcherey , und war ſchon ein Jünger 
Johannis des Täufers, ehe er von Jeſu berufen wurde. 
Seine Gemüthsart war ungemein heftig — Daher Fam eB, 
daß er unter den übrigen Apofteln faft immer das Wort 
führte, aber auch, daß er durch allzugroße Kühnheit fo weit 
verleitet wurde, in ber Anfechtung feinen Heren und Meis 
fter zu verläugnen. Nachdem er aber diefen großen Fall 
fogleich bemweinte,, gab ihm Gott die Gnade, daß er dag 
vornehmfte Werkzeug zur Defehrung ber Juden ward. 
Er fchrieb zwey Briefe an die hin und wieder zerffreuten 
Ehriften, vornehmlich an die, welche aus Heiden , Chris 
ften worden find. Er fol zu Rom, unter dem Kaifer 
Nero gefreuziget worden feyn. Jakobus der größere, 
ein Bruder des Johannes, und beyde Soͤhne des Zebedäug 
und der Salome. Er wurde, nebft diefem feinen Bruder 
und Petro einer befondern Gnade und Vertraulichkeit ges 
mwürdiget , indem Jeſus vornehmlich diefe drey, ale 
Zeugen feiner Herrlichkeit, bey allen Gelegenheiten um fich 
hatte. Er war ber erſte Märtyrer unter den Apofteln, denn 
Herodes ließ ihn mit dem Schmwerbte tödten. Andreas 
der Bruder Petri, wurde gleichfal® ans Kreuz gefchlagen, 
welches wie ein lateinifches X geflaltet war , und an 
welchem er noch zwey Tage lebte und predigte. Philips 
pus fol aufgehängt, Thomas erfiohen, und Bartbos 
lomaͤus mit dem Haupte nad) der Erde gefreuziget worden 
ſeyn. Jakobus der iüngere war ein naher Anvers 
mandter Jefu. Ohne Zweifel hat er den Brief gefchries 
ben, den wir im neuen Teftamente haben. Er war lange 
in Serufalem eine angefehene Perfon , ward aber doch ends 
lich daſelbſt gefteiniget und erfchlagen. Don dem Judas, 
des Jakobus Bruder , der fonft auch Thaddaͤus oder 
Kebbäus heißt , ſteht ebenfals ein Fleiner Brief in den 

——— Schrifs 


1110  Sunfsigfte Tafel. 


Schriften des neuen Teſtamentes. Er foll von perfianis 
ſchen Gdzendienern graufam zu Tode gemartert morden 
feyn. Simon Zelotes mar gleichfals ein Anverwandter 
Jeſu, und fol in England gefreuzigt worden feyn. Des 
Judas Iſcharioth fchredklicher Untergang ift befannt — 
Matthias wurde an feine Statt durchs Loos zum Apoftel 
erwehlt, aber zulezt enthauptel. Paulus, oder Saulus, 
lernte in feiner jugend das Teppichmachen , und fiudierte 
hernach zu Sjerufalem unter dem Gamaliel, einem vors 
nehmen Lehrer und Mitglied des hohen Rathes zu Serufas 
lem. Diefer Erziehung gemäß ward er ein Pharifäer. Lange 
Zeit verfolgte er die Jünger und Anhänger Jeſu, bis er 
endlich , im Fahre nach Ehrifti Geburt 36, duch ein 
goͤttliches Geficht vom Himmel befehret und zu einen Apos 
ftel berufen wurde. Er hat mehr als die übrigen Apoftel 
für Chriſtum und die Ausbreitung des Evangelii gearbeitet 
und gelitten. Er reiſete zweymal nach Nom, das erftes 
mal im 3. €. 59 oder 6o, als ein Gefangener. Nach 
zwey Jahren erlangte er feine Sreyheit wieder. Das 
anderemal gieng er aus freyem Antrieb hin, und da wurde 
er ing Gefängnis gefezt und enthauptet. Die mag um 
das J. €. 65 oder 66 gefchehen feyn. Er fchrieb vierzehn 
Driefe , und zwar in folgender Ordnung ; Zwey an bie 
Theffalonicher, einen au die Öalater, zwey an die Korin⸗ 
ther , einen an die Roͤmer, an bie Ephefer, an die Phi- 
lipper, an die Koloffer, an den Philemon, an die Ebräer, 
zwey an den Timotheum und einen an den Titum, welche 
beyde Mitarbeiter Pauli und vorzüglich treue Lehrer 
waren. 


Durch diefe von Bott eingegebenen Schriften fowohl, 
als durch die nachdrüdlichften Predigten gründeten die 
Apoftel Jeſu Ehriffi, als Pfeiler in dem Zempel Gottes, 

die 


Die heil. Evangeliften und Apoftel Jeſuee. 1111 


die Kirche des neuen Teſtamentes. Sie giengen, nachdem 
fie ducch die Ausgieffung des heil. Geiftes überfchmengliche 
Gaben und Kräfte, insbefondere bie Kraft Wunder zu 
thun empfangen haften, nachdem fie Sferufalem mit dem 
Evangelio : Tefus lebt ! erfülleten, aus in alle Welt 
als. Herolde des gröften Koͤniges — und ruffen gleichfam 
noch in ihren Schriften und durch ihre Nachfolger, allen 
Menfchen zu : 
Jeſus Chrift , mit Preis gefröner, 

erließ dag Grab — Gott war verfühner; 

Der Fluch vom Berge Horeb ſchwieg. 

Dein Triumph, o Top! o Hölle! 

Wo ift dein Sieg, 0 Tod! vo Höfe} 

Ihr ſeyd verfchlungen in dem Sieg! 

Er hat's, er hars vollbracht, 

Durch feine Gottesmacht! 

Halleluiah ! 

Nun fürchten wie 

Den Tod niht — Die 

Dir, Jeſu Chriſte, felgen wir! 








2. 
Mönche, 


De roͤmiſchkatholiſche Kleriſey beſteht theils aus dem 
Papſte und den Kardinaͤlen, theils aus Geiſtlichen und 
Ordensleuten. Die Geiftliben find entweder große oder 
kleine. Zu ben erſtern gehoͤren: Patriarchen, Erzbi— 
ſchoͤffe, Biſchoͤffe, Archidiakonen, Erzprieſter, Prieſter, 
Eeeea Diafos 


1112 Funßzigſte Tafel. 


Diafonen und Subdiakonen. Zur Fleinern Geiftlichkeit 
gehören :, Kerzenverwahrer oder Kadelteäger , Beſchwoͤ— 
ver , Lefer , Thuͤrſchließer, Sänger und Haushaͤlter. 
Ordensleute find die Domherren, Mönche, Geiftliche 
Mitter und Sefuiten. Die Domberren oder Kanonici find: 
der Domprobfi, der Dechant, die Kanonici mit ihren 
Vikarien und Subflituten. Die geiftlichen Ritter find: 
die Diden ber Tempelherren, der Marianer und der 
Sohanniter » Ritter, melche fämtlich die drey Gelübde der 
SKeufchheit, des Gehorfams und der Armuth haben. Die 
Jeſuiten (6), melde fih mie die roͤmiſchen Priefter 
Heiden, haben über diefe drey Gelübde noch tag vierdte, 
nehmlich das Gelübde der Fortpflanzung der chriftlichen 
Religion. Es wurde diefer fonft berühmte Drden von 
Ignatius Koyola geftiftet, welcher ein fpanifcher Edels 
mann war, aber im Sahre 1534. die weltlichen Kriegs— 
dienffe mit dem geiftlichen Stande vermechfelte. Ueber 
200 Fahre genoß dieſer merfwärdige Orden die herrliche 
fien Vorzüge von Päpften, Kaifern und Königen — Er 
befchäftigte fich vornehmlich mit Unterweifung der Jugend — 
hatte die gelehrteften Männer aufzumeifen — wurde aber 
fehon 1761 aus Franfreih, 1767 aus Spanien, 1768 aus 
Neapel vertrieben, und endlich 1773, auf Veranlagung 
der hohen Mächte, vom Papfte Alemens XIV ganzlid 
aufgehoben. 

Mönche oder Religiofen find Perſonen, fo die drey 
Gelübde, des Gehorfamg , der Keufchheit und der Armuth 
haben , und entweder durch eigne Profeßion oder Widmung 
der Eltern dazu gebracht wurden, und in iedem Klofter 
ihren Abt oder Prälaten haben. Anfangs waren Moͤn— 
che und Einfiedler oder Eremiten (4) einerley, nehm⸗ 
lich folche Leute, die aus Furcht der Verfolgung, oder 

aus 





Die heil. Evangeliften und Apoftel Jeſuꝛc. 1113 


aus genommenen Xergerniß an ber Bosheit der Menfchen 
fih in eıne Eindde begaben, dafelbft einfam in Hoͤlen und 
Klüften gelebet, und der Andacht, und dem Gebete obge⸗ 
legen haben. Mit der Zeit begaben fir fich in die Zrädte, 
blieben beyfammen in einem Haufe, beteten und näyrten 
fid) ihrer Hände Arbeit, und wurden Lönobiten genennef. 
Nachdem aber die gottfeligen Väter Hieronymus , Bafis 
lius, Benediftus und andere, innen gewiſſe Regeln vor— 
gefchrieben, nahmen fie nach und, nach ben Priefterorden an, 
bezogen bie Klöfter, und widmeten fih dem Studieren, 
der genauen Abwartung des Gottesdienftes und der Untere 
mweifung der jugend, In der Folge famen, insbefondere 
feit dem fechften Sahrhunderte, eine Menge Orden auf, 
deren ieder feine eigene Ordensregel und Kleidung hat. 
Folgende merfen wir als die vornehmften : 1) Die de 
nediftiner (2); fie wurden vom beil. Benediftus im 
fehlien Jahrhunderte aeftiftet , und tragen eine ſchwarze 
‚ weite Rutte, mit großen und meiten Aermeln, nebft 
einer Kappe, die dag Haupt bedeft, aber zugeipist ift, und 
ihnen auf den Rüden hängt. 2) Die Rartbeufer (3), 
fic haben den Namen von dem Drte Cartreufe oder Cars 
tbaufe in Sranfreich , und wurden von Bruno 1086 ges 
ftiftet. Sie find weis gefleidet, werben ſelten auffer dem 
Klofter geſehen, eſſen niemals Fleiſch, und tragen das 
Eilicium, ober härene Tuch flets auf bem bloffen Leibe. 
3) Die Rarmeliter (8) ; fie wurden 1160 im gelobten 
Lande auf dem Berge Karmel geſtiftet, breiteten ſich aber 
hernach auch in ganz Europa aus. Sie tragen einen 
fhwarzen Hut, nebft einem meiffen Mantel, und unter 
demfeiben einen Francifaner » Habit. 4) Die Srancifkas 
ner (5); fie wurden 1205 vom heil. SrancifFus in Jtas 
lien geftifter, und tragen einen langen grauen Rock son 

Eeee 3 groben 


1114 Bunfzigfte Tafel. 


‚groben Tuche , nebft einer kleinen Kappe , und gehen in 
Holzſchuhen ohne Strümpfe. Ueber den Rock binden fie 


einen dicken Strick mit Kndten. 5) Die Dominikaner 


(10); fie wurden ebenfalg 1205, vom beil. Dominikus 
geftiftet, und find weig gekleidet, twenn fie aber ausgehen, 
legen fie noch einen ſchwarzen Mantel und ſchwarze Kappe 
an. Weil fie fih vornehmlicd aufs Prebigen legen, fo 
nennt man diefen Drten gemeiniglich den Predigerorden. 
Sie birigiren in Spanier die Inquiſition, und haben mit 
ben Sranciffanern , wegen der unbeflecdten Empfängniß 
der heil. Maria große Streitigkeiten. 6) Die Auguftiner 
(9); ihnen wurde, feit 1256, bie dem heil, Auguftinus 
zugefchriebene Negel zu halten auferlegt. Cie find weis 
gekleidet , nebft einem Ueberrocfe von Tuch, und über 
denfelben einen fchwarzen Mantel, welchen fie mit einem 
ledernen Gürtel binden. 7) Die Auguftiner  Bremiten 
(4), welche ſchwarz gefleivet find, und in Frankreich 
fchon 1200 ihren Anfang genommen haben. 8) Die Cös 
leftiner (3) wurden vom heil. Cöleftinus 1274 geftiftet, 
und folgen der Negel des heil. Benedikt. Sie tragen 
einen weiffen Unterroc und ein (hivarzes SFapularium 
oder Schulterrocf mit großen und weiten Ermeln. 9) Die 
Pauliner (11); fie wurden um das Jahr 1435 von 
Sranciftus aus Paula in Kalabrien geftiftet, heiſſen auch 
Minimi, und fragen eine dunkelbraune Kleidung mit einer 
zunden Kapuze, beren Aeuſſerſtes vornen und hinten über 
die Senden berabhanget , welche fie neben dem Rocke mit 
einem woͤllenen Striche von gleicher Farbe gürten. 10) 
Die Rapuciner (7); fie find Mönche des Drdens des 
beil. Franciſtus, welche unter allen andern bie firengfie 
Megel haben und große fpisige Kappen tragen , daher fie 
den Namen führen. Sie haben um bag Jahr 1525 ihren 

Anfang 





Die heil. Epangeliften und Apoftel Iefuzc. 1315 


Anfang genommen und Fleiden fich in grobes braunes Tuch, 
nebft einen Mantel von gleicher Farbe ; fie tragen Feine 
Henden, gehen auf Holsfchuhen, und haben einen härenen 
Gürtel über ihren Roͤcken. 


Auferdem giebt e8 noch eine fehr große Menge 
regulirter Chorberren, regulirter Geiftliben, Moͤnche 
und Kinfiedler, 3. &, die Chorherren des heil. Srabeg, 
des h:il. Antonius ıc. die Theatiner , die Brüder des heil. 
Ambroſius, der Kreuzträger , der Sefuaten,, der heil. 
Drenfaltigkeit , des heil. Baſilius, die Kamalduenfer, 
Eiftercienfer , Prämonftrafenfer und dergl. Aber eben iezt 
ift der Zeitpunkt, da bie meiften Orden reformirt, redur 
eirt, und einige ganz aufgehoben werben. 





DE NEN —————— — 


3. 


Beruͤhmte Weltweiſe und Gelehrte 
Roms und Griechenlandes. 


U den vielen Gelehrten, melde das alte Griechen: 
land und Latien , in allen Theilen der Gelehrfamfeit , in 
großer Menge aufzumeifen hatte, waren folgende die be> 
rühmteften. 


1. Lyfurgus (a), ein weifer Fürft und Gefesgeber 
der Lacedämonier , welcher ohngefähr 1000 fahre vor 
Ehrifti Geburt lebte. Er nahm niemals die Krone an, 
welche ihm sfters angeboten wurde ; ſondern ſuchte fein 
einziges Glück darinn , fein Volck durch eine weiſe Regie— 
rungsart glücklich zu machen. Er forgte inghefondere fuͤr 
eine gute Erziehung der jugend — und bewies fich unge- 

Eeee 4 mein 


1116 Sunfsigfte Tafel. 


mein flandhaft und fanftmüthig bey Verfolgungen — Wie. 
er denn einft einen ZJüngling , ber ihm im Tumulte ein 

Auge ausgefchlagen hatte, zu ſich nahm, ihm beflere Sit, 

ten lehrte, und ihn dadurch auf bie heilfamfte Weife beftrafte, 

daß es ihm zeitlebens fhmerzen mußte einen fo guten 

ann beleidiget zu haben. 


3. Pytbagoras (b) der fih zuerft ben Namen 
eines Philofopben gab , und ohngefehr 600 Jahre vor 
Chriſti Geburt lebte. Er mar ein gebohrner Grieche, 
that aus Liebe zur Weisheit große Neifen, machte fich 
mit allen damals berühmten Gelehrten bekannt, und begab 
fi endlich nach Stalien, wo er eine berühmte Schule er- 
richtete. Seine Schüler mußten in den erfien Jahren ein 
befiändiges Stillfchweigen beobachten, bis fie es in der 
Natur » und Sittenlehre , welche beyde Wilfenfchaften er 
vornehmlich lehrte, zu einer Fertigkeit gebracht hatten. 
Auch er hatte wegen feiner Weisheit viele Verfolgungen 
zu dulten , bis er endlich aus feinem Haufe, dag feine 
Feinde in Brand fleckten, geiagt und, tie einige fagen, 
ermorbet wurde. 

3. Plato (se), ein gebohtner Athenienfer, welcher 
ohngefehr 500 Jahre vor Chrifti Geburt lebte. Er wid—⸗ 
mete fich anfangs der Mahlerey und Dichtkunft , mehlte 
aber in der Folge die Weltweisheit, und brachte eg in 
derfelben, als ein Schüler des Sokrates, und durch feine 
vielen gelehrten Neifen fehr weit; foll auch Mofis Schrife 
ten gelefen, und baraus viele8 von feiner Gelehrfamfeit 
gefchöpft haben. Das Altertbum nannte ihn den Götts 
liben , und auch den Neuern find feine Schriften und 
Verdienſte ſehr verehrungsmärbig , vornehmlich feine 
vielen fchriftlich hinterlaffenen philefopbifihen und politifchen 


Dialogen. 
4 Ari 





Die heil. Evangeliften und Apoftel Jeſuꝛc. 1117 


4. Ariftoteles (d), des Plato vornehmfter Schüler 
und Stifter der peripatetifchen Philofopbie in Sriechen. 
land, aus Stagira in TIhracien gebürtig. Er hatte bag 
große Verdienft , die meilten bisher vorgetragenen menſch— 
lichen Kentnüfe in einen Zuſammenhang zu bringen , und 
dadurch die meiften philoſophiſchen Syſteme zu gründen, 
Auch Irch Me humanifiifchen Difeiplmen bat er fich durch 
feine Rhetorik fehr berühmt gemaht. Er mar fünf Jahre 
der lehrer des großen Aleranderg , ber ihn mit gtoßen 
Geldſummen bey Ausarbeitung feiner Schriften unterſiuͤzte, 
zulest aber bis auf ben Tod haffete, 


5 Diogenes le), ein Philoſoph ohne alle Lebensart 
und Konduite, welcher ebenfals zu Alexanders Zeiten, in 
Griechenland fich berühmt machte, und eine eigne Sekte, 
die eyniſche, ſtiftete. Er beſaß nichts als einen Mantel, 
den er bey Lage ftatt eines Kleides und bey der Nacht ale 
ein Bette gebrauchte — fchlug feinen gewoͤhnlichen Aufent, 
halt in einem großen Weinfaße auf , lebte äufferft unges 
mungen und unflätig, und machte fich durch allerley fel. 
tene Auftritte lächerlich, wenn er z. E. bey Tage mit einem 
Lichte ausgieng, Menfchen zu ſuchen, u. vergl. 


6. Demoftbenes (f), ein berühmter griechifcher 
Medner, welcher obngefehr 400 Jahre vor €, ©, lebte. 
Er hielt und hinterließ viele Neden von bemundernswiürdi. 
ger Stärke, Erhabenheit, Feuer und Eindringlichfeit, 
durch welche er bey dem Wolfe alleg augrichten, Eonnte. 
Er hatte anfangs eine harte Ausſprache, die er aber durch 
unermüdete Uebungen nach, und, nach zu verbeffern und ſehr 
angenehm zu machen wußte. 


7. Theopbraftus (g), ein Schüler des Ariſtoteleg, 
ein berühmter Weltweifer der vornehmlich glücklich, war. in 
Eeee 5 Schil⸗ 


1118 Funfzigſte Tafel. 


Schilderung der verſchiedenen menſchlichen Karaktere. 
Er hatte immer gegen 4000 Schuͤler, war ungemein fleißig, 
freygebig , und in netter Kleidung und Lebensart, des 
Diogenes Antipobe. 


8. Cicero (h), der berühmtefte römifche Staatsmann 
und Mebner , lebte ohngefehr 70 Fahre vor C. G. Er 
bildere fich in Griechenland nach den beften Philofophen und 
Rednern, wurde darauf in Nom zu den hoͤchſten Würden 
erhoben , that mit feinen Sffentlich gehaltenen Neden Wun- 
der der Beredbfamfeit und Ueberredbung , und hinterließ, 
im beften Latein , eine Menge Schriften al® Lehrer und 
Beyſpiel der beften Nedefunft und Moral. Gegen das 
Ende feine® Lebens trachfeten ihm feine Feinde nach dem 
Leben — Er flüchtete auf eines feiner Landgüter, ward 
aber auf bem Mege von feinen Verfolgern eingeholt, nnd, 
nachdem er felbft ſtandhaft feinen Kopf zur Sänfte heraus 
fireckte, im 64 Jahre feines Alters, hingerichtet. 


9. Thales (i), ber erfte unter ben berühmten fieben 
Weiſen Griechenlandes, machte fi vornehmlich durch 
feine Meß - und Sternkunde berühmt. Er fol zuerft die 
eigentliche Befchaffenbeit ber Sonnen - und Mondgfinfter 
niffe entdeckt, auch das Jahr in 365 Tage eingetheilt Haben, 
Sein Wahlfprudy war: Erkenne dich felbft! (Die übri- 
gen Weifen waren : Solon, Ehilon, Pittafus, Aleo: 
bulus, Bias und Periander.) 


10. Sofrates (k), ber größte Weltweiſe Briechen« 
tandes, Siehe von ihm in der folgenden Tafel, n. 3. 


tr. Rato (1), ein ernfihafter und reicher Roͤmer, 

der fich von Jugend auf übte, eine harte Lebendart zu 
führen , Groß und Hize, Hunger und Durft und alle 
Beſchwer⸗ 


Die heil. Evangeliften und Apoftel Jeſu ec. | a LG 


Befchwerlichfeiten de8 Lebens gelaffen zu ertragen. Er 
“ belleidete eine der vornehmfien Würben im römifchen Staate, 
und hielt viel auf fein Vaterland — ia, er frieb es in 
tiefer Vaterlandsliebe fo meit, daß er fich felbit dag Leben 
nehm, da er den Verfall deffelben und Caͤſars Herfchfucht 
nicht mehr aufhalten Eonnte. 


12. Antoninus (m.), römifcher Kaifer im zweyten 
Jahrhundert nach Chrifti Geburt. Er befam, ſowohl 
wegen feiner Weisheit und Gelehrfamfeit, als auch wegen 
feiner Iehrreichen , pbilofopbifcben Betrachtungen, bie 
er in griechifcher Sprache herausgab , den Beynamen: 
der Pbhilofopb. 


1 








4. 
Tonnen. 


en oder Rlofterfrauen werden in der roͤmiſchka— 
tholifchen Kirche dieienigen Frauen oder Jungfrauen ges 
nannt, bie fi aus Andacht der weltlichen Eitelfeit, unter 
dem abgelegten, gewöhnlichen, dreyfachen Geluͤbde, bes 
geben, ein Klofter beziehen, und fich den Regeln deffelben 
unterwerfen. Insgemein wird die heil. Marcella, eine 
Schülerinn des heil. Hieronymus, welche 409 flash, für 
die Stifterin der weiblichen Kloftersifeiplin gehalten. Und 
nun bat das Frauenzimmer , feit etlichen Jahrhunderten, 
fo gut, wie das männliche Geſchlecht, feine geiftlichen 
und weltlihen Orden, unter denen folgende die merkwuͤr— 
digften find: 1) Die Eiftercienferinnen (1), welche 
einen weiffen Habit , nebft einem ſchwarzen Sfapulier und 
Weihel tragen (Skapulier beißt dag Schulterkleid, 

dag 


1120 Faunfzigſte Tafel. 


das die Nonnen an feibenen Fäden und Schnüren umhan- 
gen. Es befteht aus zwey Fleinen Breiten, oder vier 
edigten Stückchen oder Fleckchen Tuch, wovon die eine die 
Bruft und die andere den Nücken bedeckt. Weihel nennet 
man ein son Schleier oder Flor gemachtes langes Tuch, 
welches fi) die Nonnen, flatt einer Haube , über dag . 
Haupt, um das Geſicht herum , zu ſtecken pflegen.) 
2) Die Benediftinerinnen (2), deren Drden von ber 
Scholaſtika, des heil. Benediktus Schweſter, 530 geftiftet 
wurde. Sie Fleiden fih ganz ſchwarz, und haben über 
ihren Habit einen fogenannten Mettenmantel mit weiten 
Ermeln. 3) Die Rapucinerinnen (3) führen eine über; 
mäßig firenge und faft unerträgliche Febengart, und geben 
in grauer Kleidung , welche in einem mit einem Stricke 
gegürteten Node, und einem kurzen Maͤntelchen von fehr 
fchlechtem Zeuge befteht. Sie geben barfuß, und bedienen 
fih feines Sfapulierd. 4) Die Urfulinerinnen (4), 
welche eine italienifhe Jungfrau Angela von Brescia 
1540 ftiftete, geben ganz weis, ‚und fird mit cinem ſchwar—⸗ 
gen Mantel umgethan. 5) Die Karmeliterinnen (5) 
gehen in einem weißen Mantel und in einem grauen oc 
gekleidet. 6) Die Wiskarinerinnen oder eoyptifche 
Rlofierfrauen (6), welcher Drden von der beil Syn: 
Zletifa fchon 318 geftiftet worden. Sie giengen auf 
Einfiedler Art, im grauen Habit , mit einem fchwarzen 
Mantel betleidvet. 7) Die Dominifanerinnen (7); ihre 
Habit und Sfapulier ift weis, das Haupt aber mit einem 
ſchwarzen Weihel bedeckt. 8) Die Philippinerinnen (8) 
in Rom. Sie tragen einen fchwarzen , wöllenen Noc, 
über welchem fie ein weiß leinenes Chorhemd tragen. Sie 
guͤrten fich mit einem weiffen Stricke, haben auf der Bruft 
ein ſchwarzes Kreug, auf dem Haupte einen ſchwarz und 

weiſſen 





Die heil. Evangeliften und Apoſtel Jeſuꝛrc. 11 


weiffen Weihel, und bebecken ihre Angeficht mit einem 
weiffen Tuche. 9) Die Sranciffanerinnen (9) haben 
einen grauen Noch, den fie mit einem Stricke umgürten; 
dabey gehen fie barfuß, und bedienen fich großer hölzerner 
Schuhe. 10) Die Auguftinerinnen (10): Sm Jahre 
390 foll diefen Drden bes heil. Auguflinus Schweſter, die 
beil. Perpetua geftifter haben: Ihre Kleidung ift ein 
fchwarzer Unterrock und ein weiſſer leinener Oberrock, 
nebft einem weiffen vom Haupte bis auf die Füffe reichenden 
Mantel , der mit lauter rothen Kreuschen geftickt ift. 
11) Die Rartbeuferinnen (11). Sie Fleiden fih in 
einen ſchwarzen Weihel, einen weiffen Roc, eine Patience 
(Leibrock) und ein Sfapulier. Diefer Drden iſt der aller 
firengite , denn die Nonnen tragen ein hären Kleid, effen 
fein Fleiſch und leben fo enge eingeſchloſſen, daß ihnen 
nicht einmal vergönnet wird, mit ihren Blutsfreunden zu 
fprechen. 

Veberhaupt werden die Nonnen, welche in iebeiti 
Klofter unter einer Aebtiffin oder Priorin ftehen, unter 
größerer Aufficht gehalten als die Mönche. Es darf nie 
mand zu ihnen Eommen, und die fie fprechen wollen, müfs 
fen diefes, in Gegenwart anderer, am Spraͤchgitter thun. 
Ehe fie in das Klofter aufgenommen werben , müffen fie 
zuerfi, wie die Mönche, das Probeiahr oder Noviziat 


. aushalten, binnen welcher Zeit man die Novizen (melde 


im Klofter aufgenommen zu werben begehren) zuerft pro, 
birt , ob fie auch zur Ordensregel anhaltende Luft, Ernſt 
und Fähigfeit Haben ; nach welcher Zeit eg ihnen frey ſteht, 
entweder völlig Profeß zu thbun, oder das Konvent 

wieder zu verlaffen. 
Die Einfleidung einer Nonne ift mit vielen Feyer⸗ 
lichfeiten verbunden. Zuvoͤrderſt werden Kleidung, Schleyer 
und 


7 a = 
7 : BE 
SS ER 


1122 Funfzigſte Tafel. 


und Ring ber eingufleidenden Frauensperſon auf den Altar 
gelegt, und fie felbft, unter der Begleitung ihrer nächften 
Verwandten , vor ben Bifchof geführe. Zwey ehrmür« 
dige Matronen bedienen fie als Brautmütter. Hierauf 
folgt die Haltung dee Meffe und die Ermahnungs-Rede 
an die einzufleidende Perfon, welche folche Eniend anhoͤret, 
mwoben der Chor die gewöhnlichen Litaneyen anſtimmt. 
Nun fpricht der Bifchof den Segen , meihet die neuen 
Klofterkleider mit Weihwaſſer, und nachdem foldye von 
der neuen Nonne angezogen worden, fingt lestere auf ben 
Knien: Ih bin Ehrifti Magd zc. Hierauf empfängt 
fie den Schleyer , den Ring (als ein Zeichen ber Ber» 
maͤhlung mit Chriſto) und den Kranz ber Sungfraufchaft. 
Endlich wird allen denen der Unfegen angefündiget, welche 
die neueingefleidete Perfon zu Brechung ihrer Geluͤbde 
verleiten wollen , und nach der Kommunion erfolgt die 
Uebergabe unter die Aufficht der Aebtiffin. 


Der RofenEranz oder Paternofter , den die Mönche 
und Nonnen bier am Arme haben, ift eine lange Schnur, 
die aus lauter runden Küchelhen und Kernern von wohls 
riechenden Holz , Knochen, Korallen, Achat, Gold oder 
Silber gedreht und gefchnitten find, und deren man fich im 
Beten bedient, um die Vater unfer und Ave Maris 
barnach zu zeblen (Das Ave Maria befteht in einer 
Gebets » Formel, welche aus dem Gruße des Engeld 
Gabriel an die Jungfrau Maria, und einigen angehängten 
Bitten befteht.) Ueberhaupt hält der Roſenkranz funfs 
zehnmal gehn Ave Maria in ſich, und ift iedes zehnte mit 
einem Paternofter unterfchieden. Es bedeutet ſolches dag 
Gedaͤchtniß der fünf freudenreichen , fünf fehmerzlichen, 
und fünf glorwürdigen Geheimniße. Die fünf freudens 
reiche Gebeimniße find ; Die Verkündigung und Beſu— 

Kung 





Die heil, Evangeliften und Apofiel Jeſurc. 1123 


hung Maria, die Geburt Chriſti, die Reinigung Maris, 
und die Lehre Chriſti im Tempel, wo ihn feine Eltern 
wieder fanden. Die fünf ſchmerzlichen Gcheinmiffe find: 
Die TIodesangft unfers Heilandes im Delgarten , feine 
Geiſſelung, feine Krönung mit Dornen , feine Laſt dig 
Kreuzes, weiches er an den Nichtplaz trug, und feine 
Kreuzigung. Die fünf glorwärdigen Gebeimniffe find: 
Die Auferftehung und Himmelfahrt Chrifli , die Sendung 
bes heil. Geiſtes, die in ber Fatholifchen Kirche geglaubte 
Auffahrt Marid, und ihre Krönung im Himmel. 


5. 


Zwoͤlf der beruͤhmteſten ausländifchen + 
Baͤume. 





N der Haupfeintheilung der Bäume ( Tab. I, 8.) find 
unter ben ausländifchen Bäumen bie berühmteften: 


3, Die Leder von Kibanon (a). Sie hat diefen 
Namen daher, weil man fie auffer dem Gebirge Libanon 
nicht häufig antrift; ob man gleich einigen, mehr. fichter: 
ähnlichen Bäumen in Siberien und auf den Aipen den 
Namen Ceder zu geben pflegt. Diefer Baum, welcher 
vornehmlich durch die Gebäude des Königes Salomo be» 
ruͤhmt worden ift, bat fleife, fpizige Nadeln, eine graus 
braune Rinde, welche lange Zeit glatt und glänzend bleibt. 
Er ift Höher und dicker als Tannen und Fichten , doch 
trift man iezt auf dem Berge Libanon nicht über zwanzig 
alte Eedern mehr an. Die größten darunter follen ſechs 
und dreyßig Fuß im Umfange halten. Das Holz, welches 

eine 


b 


ER 
* 


2124 Funfzigſte Tafel. 


eine rothe Farbe hat, ift hart, wohlriechend und fehr 
dauerhaft. 


2. Der Granatbaum (b). Er wächft in Stalien, 
Spanien und Frankreich hauffin, und trägt eine rımde 
roͤthlichbraune Frucht oder Apfel, der fo arof als eine 
Pomeranze ift ; ein röthliches , ſuͤßes Fleiſch, Saft und 
Kerne hat, Und geeffen werden Fann, 


3. Dei Raftenienbaum (c) waͤchſt ziemlich hoc) 
und breit, und bat breite Blätter und ein fehr veſtes 
Hol, das auh im Waſſer nicht faul. Seine Blüthe 
fit an einem langen Style, daran jich vier big acht, und 
oft mehrere runde fluchlichte Nüffe anfegen. Die vom 
füffen Raftanienbaume, der in groͤßer Menge in Spa: 
sien, Portugall und Italien waͤchſt, ift man mit Vergnü- 
gen, aber bie bittere Frucht dee wilden Aaftanienbaus 
nies, der häuffig in Deutfchland wächft, wird gewöhnlich 
den Schweinen vorgegeben, 


4. Der Korbeerbaum (d), waͤchſt in Stalien wild, 
dag heift , in Menge auf freyem Felde und in Wäldern. 
Er ift immer grün, und feine Blätter werben in der Küche 
gebraucht. Es giebt verfchiedete Gattungen deffelden, 
davon einige Firfchenähnliche Früchte tragen. 


5. Der Muskatnußbaum (e), melder am häufig. 
ften auf der oftindifchen Inſel Banda waͤchſt, ift fo groß als 
unſre Apfelbäume, und trägt gewöhnlich dreymal des Jahre 
Fruͤchte, die von auffen den Pfirihen ähnlich fehen. 
Wenn die Frucht reif ift, plazt die aufferfie Schaale auf, 
und fällt entweder allsin, oder famt der Nuß und ber 
fogenannten Muskatbluͤthe ab. 

6. Der 





1 


Die heil. Evangeliſten und Apoſtel Jeſurc. 1125 


6. Der Palmbaum (f), unter denen, auſſer dem 
Dattel : und Rofusbaum, der Areka oder Pinang ber 
vornehmſte iſt, waͤchſt in Oſtindien, und hat einen gera- 
den , ohngefehr 20 Ellen hohen, mit erhabenen Eirfeln 
befesten Stammy deſſen Gipfel nur Blätter von einem fas 
ferigten Gemebe ohne Zweige trägt. Der Stamm enthält 
ein weiches, weiſſes Mark, umd die Frucht bat eine läng- 
licht runde, gelbroͤthlichte Geſtalt. Die Palmen erreichen 
bisweilen ein Alter von zwey bis dreyhundert Sahren. 


7. Der Dattelbaum (8) gehoͤret unfer die Palnıen, 
und iſt vornehmlich wegen feiner Frucht berühmt, welche 
fo groß als eine Pflaume if, und einen fleifchernen 
Umfchlag hat, den man eflen kann. Aus den Blättern 
machen ſich die Indianer alles was fie brauchen, 


3. Der Seigenbaum fh), wird in Portugal, 
Spanien, Stalien und mehrern warnen Laͤndern, wo er 
haͤuffig auf fregem Felde waͤchſt, viel größer als bey ung, 
Die Frucht wird getrocknet, und in Menge verſchickt. 


9. Der Litronenbaum (i) wählt ebenfals bäuffig 
in Portugal, Spanien und Stalien, und iſt fo groß alg 
ein Zwetfchenbaum , immer grün , und bat faſt immer, 
zu gleicher Zeit, Blüthe, halb - und ganz reife Früchte, 


Io. Der Pomeranzenbsum (k) Fam: urſpruͤnglich 
aus Sina, und wurde allenthalben verpflanzt. Er ſieht faſt 
ganz dem Eitronenbaum gleich, Er hat bittre und ſuͤſſe 
Fruͤchte; und ſind noch immer die aus Sina, welche daher 
auch Appel de Sina heiſſen, die beſten. 


ı1. Det Mandelbaum (1) waͤchſt bäuffig ir Sraffon 
und Frankreich, und Fommt dem Pferſichbaum beynahe in 


Sfff allen 


ı126 FFunfßigſte Tafel. 


allen gleich. Bine Frucht it ein länglichter platter 
Kern, und dem Gefchmade nach füge odır bitter. Es 
giebt auch Krackmandeln oder bünnchalige, und bark 
fhälige Mandeln. 


i2. Der Rofosbaum (m) ift ein Dalmbaum, und 
vornehmlich wegen feiner Frucht befannt. Diefelbe iſt eine 
große faft dreyedigte Nuß, welche oft fo groß ald eim 
Kindsfopf wird. Sie hat einen mandelfüffen Kern und 
füße Milch, daher in Afien und Amerika viele faufend 
Menfchen davon leben. Aus dem Eafte biefes und der 
übrigen Palmbäume wird ein füller Wein gemacht. 





6. 
Der Schloßer. 


N. Schloßer oder Kleinſchmied verfertigt aus Eifen 
und Stahl, Schlöffer und andere Befchläge an Thüren 
und Zenftern , allerley Arten Bänder , Riegel, Ringe 
und Handhaben, eiferne Thüren, Geldkiſten, Gitter» und 
Eprengwerfe, Bratenwender und Uhren, ingleichen aller 
ley grobe Arbeit an Stüden, Pöllern und berg. Er 
gebraucht dazu eine Eſſe, Zangen, Umboffe, Meiffel, 
Blechfcheeren, Schraubftöce, Geſenke Formen) Kluppen, 
Seilbogen, Feilen, Bohrer, und dergl. 


Ein Schloß , als womit fich der Schloßer am meis 
fen befchäftigen muß , befteht aus einem Bleche, moran 
Bag Uebrige haftet, in einem ober mehr Riegeln, fo 
burch das Gefieder Hefperret werben , einem einfachen 
oder doppelten Eingerichte, Dorn, worauf der Schlüßel 

einge. 


vage 


Die heil. Evangeliften und Apoftel Jeſuec. 1127 & J 


X 
* 
F 


eingeſteckt wird, und zugehoͤrigem Schluͤßel. Es giebt 
deutſche und franzoͤſiſche Schloͤſſer. Kin Blindſchloß 
heiſſet, das uͤberdeckt, und anders nicht, als mit dem 
Schluͤßel, es ſey von innen oder von auſſen kann geoͤffnet 
werden. Ein Vorhaͤngſchloß, das nicht an der Thür 
veſt iſt, ſondern von einem Anwurf in bie Krampe ges 
haͤngt, und alſo verſchloſſen wird. Der Schluͤßel wird 
insgemein von Eiſen gemacht, und beſteht aus einem 
Ringe, an welchem er angehaͤngt und aufgedrehet wird, 
aus einer Roͤhre, welche uͤber den Dorn, durch das 
Schluͤſſelloch in dag Schloß hineingeſtoſſen wird, und 
aus einem Barte, der an dem andern Ende der Roͤhre 
angenietet , den Riegel inmwendig im Schloße faßt, und 
durch das Umdrehen oͤffnet. Diefer ift durchbrochen, 
wenn das Schloß inwendig ein Gewinde hat. 


Auf der Tafel fieht man : 1) im ekſten Fache (A), 
die Werfitstt des Schloßers mit allem nothwendigen 
Werkzeuge — 2) im zweyten Fache (B) folgendes: ein 
englijhes Thüren: Schloß (a), ein Vorleafchloß (b), 
eine Schloßpkstte (c), einen deutſchen Schlüffel (d), 
einen franzoͤſiſchen Schlüßel (e), eine Cochſcheibe (f), 
eine Kloppe zu den Holsfchrauben (g), ein Sperrhorn, 
Sachen zu biegen (h) die Bogenfeile (i), den Schraus 
beſtock (k) mit feinem Schlüßel (l), das Sperrzeug 
(m) Schlöffer zu eröfnen. 


——en CE 


Sfffe 7» 





ı123 Funfzigfte Tafel. | 
m YENLTERELER 











J 
Der Nordwind und die Sonne. 


Eon forderte , mit ſtarkem Braußen, 
Yuf gute Renomiften » Art, 
Wind Boreas von Sturm und Sauffen 
Ganz aufgebläht, die Sonne aus. 
Laß fehn, rief er, der Falte Mann, 
er unter ung am meiften kann! 
Du fiehft dort ienen Wandersmann, 
Der einen Negenmantel trägt? 
Laß fehn, mer ihn zuerft bewegt 
Daß er den Mantel von fich legt. 

Der Nordwind nahm nun beyde Backen voH. 
Je mehr er aber blies und pfiff 
Se mehr der Wanderer nach feinem Mantel griff, 
So, daß er ihn nicht fahren liefle, 
Und wenn fich diefer rafend blieffe — 

Nun fam der warme Sonnenfchein 
Und ließ von feinen beften Strahlen 
Nur wenige auf unfern Pilger fallen — 
Gleich) ward der Mantel abgenommen, 
Um defto leichter fortzufommen. 


Durch Sanftmuth und Gelindigfeit 
gäßt fi) der Menfchen Herz viel eher noch bewegen 
Die böfen Sitten abzulegen, 
Als durch Gepolter , Sturm und Streis — 





8. 


Die heil. Evangeliften und Apoſtel Jeſuꝛc.  zıar 
8. 


a und Gottheiten der alten 
Deutfchen, 





©. viel man von der nod) fehr dunfeln Gätterlehre und 
Religion der alten Deutfchen oder Scythen weiß und 
fagen kann, fo war diefelbe, wie überhaupt ihre Sitten 
fehr einfach und ungefünftelt. Sie waren unter den üÜbris 
sen Heiden in fo ferne die vernünftigften , weil fie lange 
Zeit nur einen Gott anbeteten,, der wegen feiner linend« 
lichEett in Feine Tempel eingefchloffen fey , vielweniger in 
einem Bilde wohnen koͤnne. Sie hatten alfo anfangs 
weder Untergötter , noch Goͤtter und Halbgötter — bie 
endlich ihre Kolonien in Europa den Begriff von dem hoͤch— 
ſten Wefen durch Zufäze änderten, und gleich den Römern 
und Griechen, mehrere Gstter anbeteten, 


Die berühmteften Gottheiten der alten Deutſchen 
waren folgendes 1) Tuiffo (a), mwelder für ben 
älteften Goͤzen und Stammvater ber Deutfhen gehalten, 
auch  Theuth , Thotb genannt wird. Er murbe 
‚ als ein alter König abgebildet, mit einem grauen, gro⸗ 
großen Barfe, mit der rauhen und haarichten Haut 
eines milden Thiere® umgeben — in der rechten 
Hand hält er einen Zepter , und die linfe fireckt er aus, 
als ob er feinem Volke etwas wichtiges vorzufragen hätte. 
Bon ihm fol der Thustag oder Dienitag feinen Namen 
haben, 2) Wodan oder Bdin (b), gleichfalg einer der 
erften und älteften fenthifchen Götter. - Er fol anfangs 
ein großer Kriegsheld und Schwarzkuͤnſtler geweſen ſeyn, 

öfffs und 


1130 Sunfzisfte Tafel, 


und fich durch feine Berrügereyen ein großes Unfehen er. 
worben haben. Er führte in feiner rechten Hand ein ent 
bloͤßtes Schwerdt, und in der linfen ein kleines Schild. 
Seine Schuhe waren länglicht zugefpizt , und fein Haupt 
ſchmuͤckte eine fchöne Krone. Er war vornehmlid der 
Gott deg Krieges, und fol von ihm ber MWodens 
tag (Mittewoche) feinen Namen haben. 3) Frya, 
Friga, Sreya (ce), Wodans Gemahlin , eine ber vor 
nehmften Göttinnen ber alten Sadıfen. Sie wird halb 
Mann und halb Weib abgebildet; der obere Leib war wie 
eines gemaffneten Soldaten , der untere Leib als eines 
Meibes mit einem langen Node. Sin der Rechten hält fie 
ein entblößtes Schwerbt, und in der Linken einen Streits 
bogen. Sie twurde vornehmlid am Sreytage, ber von 
ihr den Namen hatte, angebetet. 4) Thor, Thur oder 
Donnergott (d), Wodans Sohn, wurde ale ber All⸗ 
mächtige in prächtig vergoldeten Tempeln verehret. Auf 
feinem Haupte trug er eine goldene Krone , und um bie 
felbe waren zwoͤlf goldene Sterne angeheftet. In ber 
rechten Hand hielt er einen Zepter. Er bewieß feine 
Herrſchaft vornehmlich in der Luft, über Wind und Wols 
fen, und gab, wenn er erzürnet war, Ungewitter; nach 
feiner Berföhnung aber gutes Wetter und fruchtbare Zeiten. 
Don ihm befam der Donnerftag feinen Namen. Auffer 
biefen vier Haupt» Gottheiten war auch der Krodo oder 
Satar (von welchem der Samſtag benennet wurde) und 
die Irmenſul bekannt. (Tab. XVII, 3.) Die übrigen 
aber, 3. E. Radegaſt, Flyns, Schwantovis, Siva, 
Triglas , und Prono , find mehr ausländifhe , meift 
felasifche oder wendifche Goͤtter gemefen. 


Die Verehrung und Anbetung der Götter wurde won 


den alten Deutfchen night in Tempeln fondern in Haynen 
verrich⸗ 





Die heil. Evangeliften und Apoftel Jeſuec. 1131 


verzichtet, dazu fie fih vornehmlich die Kichhayne vou 
großen alten Eichen erwehlten. Die maieftätifche , ehr. 
wuͤrdige Stille derfelben flößte ihnen heiligen Schauer und 
Ehrfurcht vor der Gottheit ein. N Ihre Prieſter waren die 
Druiden und Barden, und ihre Priefterinnen die Alvaus 
nen, welche fämtlich von gutem Gefchlechte ſeyn mußten, 
weil fie viel im Negimente zu fprehen hatten. Ste opfers 
ten Thiere, Pflanzen, auch dann und wann Menfchen, 
vornehmlich Miffethäter und Gefangene. 


Ueberhaupt waren die alten Deutſchen ein gang 


a rohes Volk, welches noch ziemlich) nahe an den Stand ber 


MWildheit gränzte, und foiglih ale Tugenden und alle 
Lafter eines ungefitteten Zuftandes hatte. Wenn fie bes 
Morgens auffiunden , welches gemeiniglid lange nach 
Anbruch des Tages gefchahe , fo babeten fie fih. Nach 
bem Bade afen fi. Bey dem Effen Hatte ieder feinen 
Pla; und feinen Tisch befonderd. Drauf gieng man bes 
mwafnet zur Arbeit oder zum Schmauße. Tag und Nacht 
mit Trinken zujubringen, mar bey ihnen Feine Schande. 
Die häufig beym Trunke vorgefallenen Zwiftigkeiten wurden 
mit den Degen , und nit mit Wortfireit abgethan- 
Bey Gaſtmaͤhlern ſoͤhnten fic) Feinde aus, wurden Heys 
rathen gefchloffen , Fürften gewählt ,„, über Krieg unb 
Frieden beratbichlagt ; als ob zu Eeiner andern Zeit ihre 
Gemüther zu ganz gemeinen Gedanken offen , und zu gro⸗ 
fen Gedanken warm genug wären. Ein Volk, baszohnes 
dem zu feiner Arglift aufgelegt war, eröfnete die Geheims 
niffe feines Herzens noch mehr an einem Drte, wo 
Freyheit und Frölichkeit herrſchte. Wenn auf diefe Weife 
die unverftellte Gefinnung eines ieglichen befannt war, fo 
nahm man den andern Tag die Sache noch einmal vor? 
und dieſe Behandlung ber Gefchäfte in fo verfchiedenen 

Sifs Zeits 


* 


— 


1132 | | Funfßzigſte Tafel. 


Zeitumftänden war von großem Nuzen. Man Beraths 
fhlagte ſich, wenn man zur Verftellung unfüchtig war, 
und faßte einen Entfchluß bey nüchternem Muthe, wenn 
man feinen Irrthum zu beforgen hatte. Zum Gerträufe 
diente ihnen das Bier, wiewohl bieienigen , welche an 
ben Ufern des Rheins wohnten , fih aud Wein zu ver⸗ 
fchaffen füchten. pre Speifen waren ganz fchlecht und 
wenig Eoftbar ; Nepfel, Wildpret, genommene Milch, 
das war alleg, Sie befriedigten ihren Hunger ohne gene 
Zubereitungen , ohne erfünftelten Wohlgeſchmack. In 
Vergnuͤgung des Durſtes waren fie nicht fo mäßig. Sie 
haften nur eine Art vom Schaufpiele, welche bey allen 
Verſammlungen wiederholt wurde. Nackte Sünglinge, 
die fich daraus ein Vergnügen machten, fprangen zwiſchen 
bloßen Schwerdtern , und den Spizen der Spiſſe herum. 
Das mar erft eine bloffe Uebung, nachher machte man 
eine Kunſt daraus, und vie Kunft lehrte e8 mit einem ge» 
wiſſen Anftande verrichten. Unterdeffen gefchahe es nie um 
eines Gewinftes willen, es fey denn, daß man dag Vers 
gnuͤgen, welches die Zufchauer an biefem tolfühnen Muth« 
willen fanden, für eine Belohnung anfehen weilte, 


Das Spiel war bey ihnen , felbft wenn fie nüchtern 
waren ; und mitten unter ernfthaften Geichäften , ſehr 
gewoͤhnlich. Sie wagten auf Gewinn und Berluft fo viel, 
daß wenn fie alles verfpielt haften, fie endlich ihre Frey— 
“beit und ihre Perfonen aufs Epiel festen. Wer verlohr, 
begab fi) ohne Widerrede in die Knechtſchaft. Er mochte 
noch fo iung, noch fo ſtark feyn, fo ließ er fich gutwillig 
binden und verkauffen. 


EEE TE ET SEE, 


Die heil. Evangeliften und Apoftel Jeſurc. 1133 


9. 
Eine Bekehrungs-Geſchichte. 


En frommer Biſchof hatte eine ſehr boͤſe Mutter, welche 
ſich auch in ihrem hohen Alter noch nicht beſſern wollte. 
Sie hoffte immer auf ein langes Krankenlager — und 
dann , glaubte fie, mar’ es noch Zeit genug, ſich zu 
bekehren. 


She frommer Sohn gab ſich von Zeit zu Zeit alle 
Mühe ihr biefen gefährlihen Wahn zu benehmen, und fie, 
durch die beften Vorſtellungen, auf andere Gedanfen und 
auf den Weg des Lebens zu bringen. Aber al fein Bitten, 
al fern Predigen war vergebens. 


Endlich ſuchte er feine guten Abfichten durch andere 
Mittel zu erreichen, und eg gelang feiner Klugheit, durch 
folgende weiſe Veranftaltung feine Mutter zu retten; Er 
bat fie, bey einem prachtvollen Mahle zu erfcheinen, das 
er am nächften Abend anftellen wollte, und gieng, da die 
Zeit herbey Fam, und es ſchon etwas finjter wurde, feiner 
Mutter , mit einigen Bebienten entgegen ; aber feiner 
durfte Licht anzuͤnden, oder Fadeln und Laternen mitneh- 
men. Er bolte fie bald ein, und gieng immer , da eg 
nun fehr dunkel wurde, neben feiner Mutter her. Diefe 
verrounderte fich fehr darüber , daß ihr Sohn in biefer 
Dunkelheit noc keine Lichter anzünden lieg — der Meg 
war auch nicht der beſte, amd die Alte ſtieß fich faft alle 
Augenblicke an die vielen Steine, die in demfelben lagen, 
Sie wußte noch übertieß , daß fie einen weiten Graben 
paßisen mußte, über welchen nur ein ganz fihmaler Steg 

Seffs gieng — 


2134 Sunfsigfie Tafel. 


sing — Sie bat alfo ihren Sohn dringend, ex möchte 
doch Lichter anzuͤnden laſſen — ber Weg waͤre ia gar zu 
ſchlimm, und leicht koͤnnte fie den ſchmalen Steg verfehlen, 
und unverſehens in den Graben flürjen — 


Es Hat ſchon noch Zeit, fagte der fromme Sohn — 
fobaldb wir aber an den Graben kommen, will ich Fichter 
anzünden laffen — Wie tounderbar , flel ihm bie Mutter 
vol Angft und Xerger in die Nede, mir fehen ia nichts, 
und Finnen alfo auch nicht wiffen, mann wir an den 
fhmalen Steg fommen — wir koͤnnen unglüdlich werden, 
und benfelben serfehlen , ehe noch die Lichter angezündet 
werden — 


Da fie num file flund, und nicht weiter gehen wollte, 
ftellte ihr der fromme Sohn unter dieſem Bilde ihr unbe 
hutfames Verhalten in Unfehung der Emigfeit recht lebhaft 
vor die Augen — Macht Ihrs doch, rief er, mit Eurem 
Gange über die Bäche des Todes gleich alfo — Ihr wollt 
das Licht der Vernunft und dee Offenbarung nicht annch. 
men — She boffet auf bie legten Augenblite — aber 
werdet She da, wenn Eure Simmen dunfel werden, und 
Eure Kräfte verfchtvinden, ben Weg zum Himmel finden 
koͤnnen? 

Und nun erkannte das bisher unbeugſame Herz der 
ſichern Mutter ſeine Thorheit — Vollkommen uͤberzeugt 
von derſelben und von dem Werthe der Religion fiel ſie 
ihrem Sohne um ben Hals, dankte ihm für feine unermuͤ⸗ 
Bete Treue und Liebe, gelobte Beflerung , und nüzte noch 
Bie angenehme Zeit, zur Buße, und zur guten Vorberei⸗ 
tung auf die Ewigkeit. 


——— —— — 


Ein 


1185 
TER TREFFER at 
Ein und funfzigfte Tafel, 





I. 


Die Steiniaung des heil. Stephanus. 
Chriſten⸗ Berfolgungen. 


W— Chriſtus ſeinen Juͤngern geweiſſaget hatte, daß 
er fie ſende wie Schaafe unter bie reiſſenden Wölfe, 
daß fie von allen Menfchen würden gehaffet und verfolet 
werden — dieß traf alles ein. Die Apoftel hatten faum 
angefangen zus bezeugen, Chriflus fey vom Tode erfianden, 
fo murden fe ſchon von dem hohen Rathe zu Serufalem 
besiegen mit Schlägen beftrafe. Sa, es währte nicht 
lange , fo fieng man an, die glaubigen Befenner Jeſu 
Chriſti zu tödten. Stephanus, ein Mann soll Geiftes 
und Rechtfchaffenheit , war der erſte, der des Märtyrer, 
Todes flerben mußte. Er war einer von ben heiligen 
Männern, welche über bie Güter der erfien chriftlichen 
Gemeinen gefezt waren , und für die Armen unter ihnen, 
für die Wittven und Waifen zu forgen hatten. Derfelbe 
predigte dag Evangelium mit großer Kraft und Freubdigkeit, 
und beftätigte daßelbe mit herrlihen Wunbdern. Dieß 
verdroß dem größten Theile Fer Juden, insbefondere die 
Schriftgelehrten und Phariſaͤer. Mean führte ihn alfo mit 
Ungeftümm vor die iüdifche Obrigfeit. Stephanus fagte 
ihnen , eg fey nicht recht gemwefen , baß fie den guten, 
frommen , son Gast gefandten Jeſum, ber in feinem 

Leben 


1136 Ein und funfjigfie Tafel. 


Leben nichts ald Gutes gethan hatte, haben umbringen 
laſſen. Ueber diefe Reden wurden fie noch mehr gegen 
ihn aufgebraht — allein Stephanus achtete ihres Grims 
mes niht — Gott, fein Helfer, erquickte ihn mitten in 
feiner Verantiwortung auf eine aufferordentliche Weife — 
Er fahe den Himmel offen, und Jeſum heller als die Sonne 
im Himmel fieben — Gebet, rief er, ich erblicfe ben 
Jeſum, an den-ihr nicht glauben wollt, mit unbefchreib» 
licher Herrlichfeit umgeben — Zugleich gab ihm Gott eine 
übernatürliche Schönheit, daß er als ein Engel Gottes in 
der Verfammlung leuchtete. Uber feine Feinde achteten 
dieſes alleg für nichts — fie waren einmal verblendet und 
befchloffen feinen Tor. Einftimmig fielen fie alle über ihn 
ber, ftieffen ihn zur Stadt hinaus , riffen ihm die Kleider 
ab , ſtellten fidy um ihn herum, und warfen mit ſchweren 
und fpizigen Steinen auf ihn (a). So ſchmerzlich es ihm 
war , litte er es doc mit Gedult. Er gab feinen Peini« 
gern Fein böfes Wort , fondern befete vielmehr für fie — 
Er £niete nieder und rief : Herr Jeſu! Laß meine 
seinde ſich von ihrer Gottlofigkeit befehren ! Kerr 
Jeſu, nimm meinen Geift auf ! So rief er, und farb. 
Die gefhahe ohngefehr im fünf und dreyßigſten Sabre 
nad) Ehrifti Geburt. 

Demohngeachtet hörten die Apoftel und Sänger Jeſu 
Chriſti nicht auf, das Evangelium zu predigen. Sie res 
deten unaufhoͤrlich von der Herrlichkeit ihres erhöheten 
Lehrers, wurden aber darüber, nebft allen Ehriffen, fo 
fehr verfolge „ daß fie fich größtentheils von Serufalem 
entfernten , durd Judaͤa und Samaria fich zerfireueten 
und allenthalben das Evangelium predigten. Aber ie mehr 
hie Gemeine der Chriften zunahm , deſto heftiger wuͤthete 
der heidnifche und indifche DVerfolgungg « Geift gegen fie. 

Man 


Die Steinigung des heil. Stephanus.zc. 1137 


Man zehlt insbefondere zehn Hauptverfolgungen , welche 
in den erften dreyhundert Jahren über bie Chriſten ergan- 
gen find. Die erſte erhub fich unter dem ohnehin grau. 
famen Raifer Nero , im J. E. 63. Derfelbe hatte einen 
Theil der Stadt Nom anzünden laffen. Um nun die Rache 
des darüber aufgebrachten Volkes von fich abzumenden, 
ließ er vorgeben, es müßte dieß Feuer von den Ehriffen 
angelegt worden feyn. Hierauf ergieng über die, ohne— 
dem fchon verhaßten , Ölaubigen eine ber blutigften Wer. 
folgungen. Die zweyte veranftaltere Kaiſer Domitianug, 
im J. €. 90. Die dritte, SKaifer Traianug 107. Die 
vierdte , Kaifer Hadrianus 124. Die fünfte, Kaifer 
M. Aurelius Anteninug 170. , Die fehhfte, Kaifer Seve— 
tus 200. Die jiebente , Kaifer Mariminus Thrar 236. 
Die achte, Kaifer Decius 249. Die neunte , Kaifer 
Valerianus 254. Die zehnte und graufamfte, Kaifer 
Diofletianus 303. 


Die Martern, welche bie Chriffen zu dieſer Zeit der 
Derfolgungen auszuftehen hatten , find beynahe unbe, 
fehreiblih. Sie wurden an den Füßen aufgehängt und 
thre Köpfe mit Haͤmmern zerfhlagen (b). Man warf 
fie in einen glüenden Ofen (c). Man brier fie auf 
einem Roſte (d), ober in einem Oelkeſſel (e), Man 
feste fie auf einen glüenden Stuhl, und feste ihnen eine 
eiferne glüende Haube auf (F). Man ftürzte fie, an 
Räder gebunden, von fleilen Selfen herab (g). Man 
legte fie unter eine Preße, und zermalmte auch ihre Ge 
beine (Ch). Man fchnitte fie ait einer Säge entimey (i), 
Man zerfchlug ihre Gebeine mit eifernen Reulen CK 
oder ließ fie von Bäumen zerreiffen (1). Sie wurden 
in Thierhaͤute eingenähet und den wilden Thieren por. 
geworfen (m). Man fledte fie in Säcke, that in die, 


ſelben 


> 


1138 Ein und funfzigfte Tafel. 


felben auch einen Hahn, Affen und Schlangen, und warf 
fie alfo in dag Meer (n). Man übergoß ihren Leib mit 
Pech und zündete fie bey ber Nacht als Fackeln an. — 
Man beſtriech fie mit Honig, damit die Fliegen und 
Dienen fie langfam zerftechen und verzehren möchten — 
und wer kann alle die Martern erzehlen, welche ein raſen⸗ 
ber Aberglaube erbacht , und bie Graufamfeit vollbracht 
hatte, um bieienigen von ber Erbe zu vertilgen , welche 
Gottes Freunde , gute, fanftmüäthige Bürger , und der 
Segen bed menfchlichen Geſchlechts geweſen find. 


Aber eben diefe Wuth der Verfolgung ;» melche dag 
Chriftentbum ausrotten wollte, hatte das meifte zur 
ſchnellen Ausbreitung deſſelben beygetragen. Man ers 
kannte immer mehr, ſowohl aus der wunderbaren Erhal« 
fung der Kirche auch unter den größten Ungewittern, als 
aus der bewundernswuͤrdigen Standhaftigfeit, Gedult und 
Sreudigfeit "der Chriften, auch unfer ben beftigften Mars 
tern, den überfchmenglichen Werth des Glaubens und des 
Evangeli — bie Gottegfraft der chriftlihen Neligion — 
Und endlich Fam bie Zeit, dba Gott feinen Slaubigen, mes 
nigſtens in einem grofen Theile der Welt, nach fo vielen 
ſchweren Verfolgungen, Friede und Ruhe verfchaffte. Inter 
Kaiſer Ronftantin dem Großen , ber im Sabre Chrifti 
306 den Thron beftieg , nahm diefer glückliche Zeitpunkt 
feinen gefegneten Anfang — und noch ſteht bie Kirche Jeſu 
Chriſti unerfchüttert auf ihren Felfengrund — ob fie gleich 
in dieſer Welt eine ftreitende Kirche ift, und immer 
Feinde hat, und immer kämpfen muß — denn alle die 
gottfelig leben wollen, in Chrifto Jeſu, muͤſſen 
Verfolgung leiden, um immer mehr gereiniget, geprüft, 
bewährt, und ihrem Könige ahnlich zu werben — 


Einft 


Einſt aber ſchweigen alle ihre Klagen — 
Da bringe, mit frohem Lobgefang, 

Selbſt für die ausgeſtandnen Plagen 

Dir ihre Seele Preis und Dan. 

Dann iauchzet fie: es ift vollbracht! 

Der Herr bat alles wohlgemacht! 


Die Steinigung des heil. Stephanus.zc. 1139 ; 
| 


Forthin erwartet fie Fein Leiden, 
Kein Schmerz und feine Schwachheit mehr. 
- Gott führt fie zu vollkommnen Freuden, ' 
Und kroͤnet fie mit Preis und Chr. 
O unaustprehlih füße Ruh! 
Wie herrlich, Hoͤchſter, fegneft Du! 





Te — —— ADLER 


2 
Die Toleranz. 


N. Toleranz (Dultung), von welcher in den neueſten 
Zeiten fo vieles geredet und gehandelt wird, beſteht 
überhaupt darinn, dag man niemand, der einer andern 
Neligion zugethan iſt, zur Nenderung berfelben auf irgend 
eine Art zwingt, fondern ieden bey feiner Religion läßt, 
und ihm um berentwillen feine Rechte verfagt. Insbe—⸗ 
fondere giebt e8 eine menſchliche, chriftlibe, Firchliche 
und bürgerlihe Dultung oder Toleranz. Die menſch⸗ 
liche läßt einen ieden bey feinen Meinungen, fo lange 
Eeine Beleidigungen damit verfnüpft find. Sie fchließt 
Math und Belehrung der Irrenden nicht aus, aber fie 
verabfcheuet allen Zwang, der mit diefer Belehrung vers 
bunden feyn möchte. Die chriftiche Dultung fezt biefe 

Soraug, 


1140 Ein und funfzigſte Tafel. 


voraus, geht aber noch einen Schritt weiter, und erweiſet 
iedem Chriſten, er mag ſich zu dieſem oder ienem Syſtem 
bekennen, alle die Pflichten, die ein Chriſt dem andern 
ſchuldig iſt, alle Liebe und Freundlichkeit, die das Band 
bes Friedens unter ben Chriſten fordert. Die kirchliche 
Dultung befteht darinn, daß, wenn iemand in Ahficht 
getiffer Lehren und Gebräuche und Anordnungen , die in 
ber Neligionsparthen eingeführt find , andere Gefinnungen 
äuffert, man ihn dennoch , noch ferner, ald Mitglied der 
Gefellfchaft Hultet, und ihn an allen Rechten, die derfelben 
zufommen, Theil nehmen läffe. Die bürgerlihe Dul 
tung, als welche eigentlih unter bem Worte Toleranz 
verftanden wird, beſteht darinn, daß niemand wegen fei« 
nen Religionsmeinungen von den echten eines fonfiigen 
Einwohners in einem Staate ausgefhloffen if. Sie er 
ſtreckt fih auf einzele Perfonen und Familien ſowohl, als 
auf ganze Gefelfchaften, und erlaubt iedem Ehriften, freye 
Uebung feiner Xeligion und feines Gottesdienfles im 
Staate zu haben — Sie ift eine Tochter des Himmeld 
und der gefinden Vernunft, und eine Mutter unzehliger 
Sreuden, Gegnungen und Neihthümer — das Eben, 
bild Gottes — Denn, wo berrfht mehr Toleranz; ale 
vor feinem Throne ? in feinem ganzen Reiche auf Erde :? 
Mie wenig Esdenbürger würden wir zchlen, wem nur 
dieienigen vor Gott, gleichfam in feiner Stadt, leben 
dürften , die mit ihm Eines Sinnes find? 


Nun ift die Zeit erfchienen, baß bie Aufrlärung in 
diefem für einen Staat fo wefentlihen Punfte, von Tag 
zu Tage immer mehr zunimmt, und endlich auch zu allen 
Randesheren, und allen denen, die mit an ber geſezgeben— 
den Gewalt und der Regierung der Staaten Theil haben, 


durchdringen mirb. 
Seht 





Die Steinigung des heil. Stephanus.zc, 1141 


Seht bier (a) einen Fatholifchen Sürften. Er iſt 
überzeugt, daß zur Bevoͤlkerung, Aufklärung und Bereis 
cherung des Staats, Dultung fchlechterdings noͤthig iſt — 
und will alfo haben, daß ieder Rechtſchaffene und Fleißige 
in feinen Staaten gebultet und geſchuͤzet werde, er ſey von 
diefer oder von iener Neligionsparthey. Er läßt desiwegen 
Toleranz s Edifte augfertigen,, und in alle feine Laͤnder 
und Städte verfenden , dag iſt, ſolche Derorbnungen; 
welhe ieder Relisionsparthen erlauben , das Burgerrecht 
zu füchen , Öffentliche Verfammlungen und Schulunterricht 
zu halten, Kirchen, Kollegien » und Schulhäuffer zu bauen, 
Bücher, nach ihren Grundfäzen herauszugeben, u. f. w. 
nur follen fie nicht die herrſchende Religion herabwuͤrdigen, 
oder die Schranken der Ehrfurcht, der Ehrbarfeit und des 
Gehorſams übertreten — 


Seht hier (b) einen pröteftantifhen Sürften = 
Er Hat Leute von allerley Neligion und Meinung vor fich, 
und er nennet fie fämtlich feine lieben, getreuen Unterthas 
nen — Wie liebreich unterredet er fich mit einem Priefter 
der Fatholifchen Kirche — Baut euch Kirchen und, Schus 
len, fagt er zw ihm und dem gegen über fiehenden refor— 
mirten und englifchen Prediger — Kommt, und wohnet 
in meinen Staaten, id) will euer Vater feyn ! Selbſt ver 
Mennonite, der Herenhuter, der Duafer, der Jude, die 
bier den gufen Sürften um Schuz bitten, erhalten ihn — 
und des Fürften Staaten blühen wie eine Rofe, und 
feine Wurzeln ſchlagen aus wie Libanon — Denn 
ihre Grundveſten find Weisheit, Liebe und Dultung, Mils 
lionen Bitten aus dem Herzen Vieler, die in denfelben 
Brod und Schatten finden — Freudengefchrey, Dank und 
Lobgefang ! 


rn en 


999 3: 


1142 Ein und funfzigſte Tafel. 











3 
Sokrates. Seneka. Aeſopus. 


As unter den heibnifchen Voͤlkern gab es Märtyrer, 
dag ift, Fromme rechtfchaffene Männer , bie um der Wahr» 
heit und um ber Tugend willen angefeindet, verfolgt, 
verfpoftet oder gar getödtet wurden. Ein ſolches Edjick 
fal erfuhren , unter andern, Sokrates, Seneka und 
Aeſopus. 


Sokrates (a) war zu ſeiner Zeit der weiſſeſte Mann 
unter den Griechen. Er machte ſeine Hauptbeſchaͤftigung 
daraus, feine Mitbürger zu belehren, mie fie von Gott, 
von andern Menfchen und von fich felbft richtig denfen, 
und darnach ihre ganze Aufführung einrichten müßten, 
wenn fie glüclid und ruhig leben wollten. Er {rieb dieß 
Gefchäfte defto eiftiger, ie mehr er fabe, daß feine Mite 
bürger fi) von Gott unanfiändige Begriffe machten, eg 
- zur bey äufferlichen gottesdienftlichen Ceremonien bewenden 
licffen , und fi) ben größten Ausfchweifungen ergaben: 
Ze wandte alle feine, meift fanfte und reisende, Beredſam⸗ 
eit dazu an, fie auf beffere Wege zu leiten, und leuchtefe 
ihnen auf benfelben mit feinem eigenen herrlichen Tugend» 
wandel vor. Anfangs fand er allgemeinen Beyfall , und 
men legte ihm den Ruhm bey, baß er zuerjt unter dem 
"riechen die Philofophie vom Himmel herab gerufen und 
unkr dem Wolfe eingeführt hatte. ber mit feinem Nuhme 
rs auch der Neid, die Verläumdung und Bogheit feiner 
Feinde. Eben weil er weifer mar ald alle feine Witbürger, 
ımd weil er viele, die weiſe feyn wollten, beichämte, 

ver ei 





Die Steinigung des heil. Stephanus ꝛc. 1143 


vereinigte fich eine Menge feichter Köpfe wider ihn. Are 
fangs machten fie ihn in den oͤffentlichen Schaufpielen laͤ⸗ 
herlich ; da er ſich aber aus diefem nieberträchtigen Ans 
geiffe nichts machte, fo wurde er von feinen Feinden vor 
Gerichte als ein Mann verklagt, der bie Religion verfäls 
fche und die Jugend verführe. Unerfchroden, und feinee 
Unfchuld gewiß , vertheidigte fih Sofrates auf dag 
Befte — Demohngeachtet wurde er in das Gefängnig 
geworfen und zum Tode verurtheilt. Uber auch in Ketten 
und Banden verließ ihn fein ruhiger, zufriedener Geiſt 
nicht. Er verfertigte Loblieder auf die Goͤtter, troͤſtete 
unterrichtete feine Freunde. — Un feinem Sterbetage 
unterhielt er fich mit denjelben vornehmlich von der Unfterbs 
Jihfeit dee Seele, wovon er vollfommen überzeugt mar — 
Mein lieber Rriton, fagte er zu einem feiner Freunde, 
fobald ich geitorben bin, Fommt mein Geift in die 
Wobnungen der Glückfeligen ; und alsdann beerdiget 
ihr nicht den Sofrates , fondern nur des Sofrates- 
S.eihnam. Hierauf nahm er von den Seinigen Abfchied, 
leerte getroft den Becher mit dem giftigen Schierlingskraut 
aus, und bat Bott um einen glücklichen Ausgang aus ber 
Melt, Er flarb ohngefehr 400 Jahre vor Chrifti Geburt. 
Wenn ein Heide fo freudig flerben Fonnte, blog weil er 
mit einem guten Gewißen auf Gott trauete, und ein befs 
fers Leben hoffte; fo muß ein Chriſt, der Gott und feine 
Pflichten weit heller erfennen kann, auch mit einer ungleich 
größern Ruhe, feinen Geift dem Water über Alles zuruͤck 
geben können! 


Senefa (b), ein wegen feiner Berebfanifeit, Tu⸗ 
gend und Klugheit fehr berühmter Römer, war eigentlic) 
ein gebohener Spanier, fam aber bereits in feiner Kindheit 
nach Rom, und. hatte Beredſamkeit, Philofophie nnd 

Sg999 2 Rechts⸗ 


1144 Ein und funfßzigſte Tafel. 


Rechtsgelehrſamkeit gluͤcklich mit einander vereiniget. Er 
verwaltete oͤffentliche Aemter, und wurde endlich Lehrer 
des nachmaligen Kaiſers Nero. Als dieſer iunge Herr 
auf den Thron gekommen mar , folgte er einige Zeit den 
vortreflichen Ermahnungen feines Lehrerd. Allein nad) 
und nach wurde er, bey feinen lafterhaften Ausſchweifungen, 
eines folhen Nathgebers überdrüßig. Seneka murde 
befchuldigt , daß er fich in eine Verſchwoͤrung wider den 
Kaifer eingelaffen hätte — Daher fchickte ihm Nero den 
Befehl zu, er folle felbft feinem Leben, auf welche Art ex 
wolle , ein Ende machen. Standhaft und freudig ließ er 
fich hierauf die Adern oͤfnen, und blutete alfo, nachdem er 
fih zulegt noch in ein warmes Bad begab, zu Tode. Er 
fagte in der Furzen Zeit, bie er noch durchlebte, feinem 
Schreiber Berfchiedenes in die Feder, und fiarb, ohne 
daß fih die Ruhe feines Gemütheg verändert hätte, ohn— 
gefähr 65 Jahre nad) Chrifti Geburt. 


Aefopus (ec), iener berühmte, ältefte , griechifche 
Fabeldichter , der megen feines trefflichen Fabeln ſowohl, 
als wegen feines ungeftalten Körpers befannt iſt, biente 
als Sklave bald diefem bald ienem Herrn , vornehmlich 
einem gewiffen Kanthus. Endlich verlangte ihn der Ks 
nig Kroͤſus, der von feiner großen Weisheit hörte, an 
feinen Hof, woſelbſt er einige Zeit blieb, und mit den 
fogenannten fieben Weifen befannt wurde. Der König 
gebrauchte ihm oͤfters zu Verſchickungen, und fandfe ihn 
endlih nach) Delphi, an das Drafel. Allein dafelbft 
hatte er das Unglück den Einwohnern , deren fchlechte 
Eitten er in feinen Sabeln angrief, zu migfalen, und von 
ihnen von einem Felſen herab gefiürzt zu werben. Er 
hatte ohngefehr 570 Jahre vor Chrifti Geburt gelebt; 

und man fagt Sofrates babe feine Fabeln ſo werth 
° gehal 





Die Steinigung des heil, Stephanus. ac. 1145 


gehalten , daß er noch in feinem Gefängniße einige ber 
felben in Berfe überfeste. 


4. 
Die Inquiſition. 


G; giebt Ränder und Städte, mo Feine andere alg die 
herrfchende Religion gedultet wird — proteftantifche Län« 
der, die den Katholifen bürgerlihe Vorrechte verfagen, 
und Fatholifche Känder , melche Feine Protefianten, wenig⸗ 
fiend feine freye Religions - Lebungen derfelben bulten. 
So mußten ih z. E. in Portugal, Spanien und einigen 
andern Orten, in den vorigen Zeiten Lie Lutheraner, 
Meformirten und andere nicht Fatpolifche Chriften fehr ſtille 
halten, und den vorfihtigffen Wandel führen. Man if 
an diefen Drten nicht nur in Leibes - und Febeng - Sefahr, 
wenn man wider bie Lehrfäze der Fatholifchen Neligion et— 
was redet — man Ffann auch unfhuldiger Weife, duch 
böje Leute, oder aus bloffen Argwohn, um feine Sreyheit 
und Güter, ia gar um fein Leben Fonmen. 


Sie haben cin eigenes Gericht, welches in Religie 
ons » Sachen und großen Verbrechen fehr firenge richtet, 
und die Inquifition oder das heil. Officium genennet 
wird. Wer bey diefer geiftlichen Gerichtsbarfeit angerlagt 
wird, er fey num fehulbig oder unfchuldig, Kezer oder eis 
ner Kezerey verbächtig , ber wird fogleich in Verhaft ges 
nommen , von allen feinen Freunden verlaffen,, und auf 
das fchärffte befragt. Geſteht der Inquiſite fein Verbre— 
chen, fo bat er vom Glüce zu fagen, wenn er mit einer 
Leibesfirafe und Konfiffation feiner Güter davon kommt. 

6999 3 Will 


116 Ein und funfigfte Tafel. 


Wil er nichts geftehen , fo wird er in einer bunfeln 
Marterkammer auf das graufamfte gefoltert — und fährt 
er fort zu leugnen, oder auf ſeinem Glauben zu bleiben, 
lebendig verbrannt. Es wird daher alle zwey oder drey 
Jahre ein oͤffentliches Gerichte über die Inquiſition gehals 
ten, und gefchieht die Erefution der Verurtheilten mit 
großem Geprange , gemeinigiich im December um die Zeit 
bes andern Advents, damit dag iüngfie Bericht einigers 
maffen vorgefiellte werben möge. Ein foldes öffentliches 
Gericht wird Aptodafee genannt, und mit einer großen 
DProceffion gehalten, bey welcher dicienigen, bie zum Feuer 
verdammt werden, ein Gemwandt und eine Müze haben, 
auf welcher Feuerflammen und Teufel gemahlt find — 
Auch bat Sie Inguifition die Eenfur der Bücher, und 
werden von berfelben alle von fremden Drten dahin ge« 
brachte Echriften egaminirt. Die berühmteften Inquiſi— 
tions » Gerichte find die zu Liſſabon, Madrit und zu 
Boa, einer periugiefifchen Stasr in Oſtindien. 

Seht hier (a) eisen ſolchen Ungluͤcklichen, welcher 
bey anbächtigen Wuͤnſchen vieler Zufchauer lebendig vers 
brannt wird, Sein Verbrechen befiund barinn, daß er 
die Ausfprüche einiger Kirchenvaͤter getadelt hatte — 
Seht bier (b) einen andern Unglücfihen auf einem Was 
gen angefchlofien, begleitet von zwey Neufern mit gezoges 
nem Pallaſche — Er wurde zu einer langwierigen Ges 
fangenfchaft verurtheilt, weil er behauptete, daß bie 
Sakramente, welche ein unbekehrter Prieſter austheilt, 
von keiner Kraft und Wirkung ſeyen — Statt daß thn 
Das Konſiſtorium hätte mit Gedult und Sanftmuth zus 
sechtmweifen folen, begegnete ihm daßelbe fogleich mit äufs 
ferfier Verbitterung, und beffund, ohne ihn vorher feines 
Unrechts zu überführen, auf Widerruf ‘oder ewiger Ge 

fongen 


Die Steinigung des heil. Stiphanus. 2c. 1147 


fangenfhaft — ſchnurgerade ber heil. Schrift entgegen, 
die mehr als einmal fagt : man folle mit dem ivrenden 
Bruder Gedult haben, und ibn mit fanftmütbigen 
Geift wieder auf den rechten Weg bringen. 


ee LT nt BONES ET 


5. 


Kreislauf des Blutes. Pulsadern und 
Blutadern. 


Pr ift derienige merfiwürbige rothe Saft, melcher fich 
in den fogenannten Blutgefäffen lebendiger Körper befin« 
bet, und von beffen Befchaffenheit und Bewegung bie 
Gefundheit und dag Leben abhängt. Er ift aus verfchie- 
denen Materien zufammengefezt, um vielerley andere 
Söfte daraus zu bereiten, teil wir deren vielerley 
bedürfen. Die beyden vornehmſten beſtehen in einen 
gelblihen Waffer (Serum), und in Eleinen rothen Ads 
gelchen (d.e.), die mit bloffen Augen nicht, fondern 
nur durch Vergrößerungg » Gläfer deutlich gefeben werden 
£önnen. Ueberhaupt fommt dag Blut aus den Speifen; 
die der Menfch zu fich nimmt, welche durch ben Magen 
in einen weiffen Wiildhfaft verwandelt werden, melcher in 
dem Herzen eine rothe Farbe annimmt, und alsdenn Blut 
genennet wird. Bey feinem Uimlaufe führt es allen 
Theilen des Leibes die nöthige Nahrung zu , fo dag von 
bemfelben die Speicheldrüfen den Speichel, die Leber die 
Galle, die Magendrüfen den Berbauunnsieft u. f. m. ab» 
fordern. Ein erwachfener Menfch has ohngefehs 25 Prund 

69994 Blut; 


1148 Ein und funfzigfte Tafel. 


Blut, welche Menge in einer Stunde vier und zwanzigmal 
durch das Herz läuft. 


Die Gefäße, im welchen das Blut feinen Umlauf 
Berrichtet, werben Adern (c.) genennet , und find ent 
weder Pulsadern , Arterien (b.) oder Nlutadern, 
Denen (a). Jene find viel flärfer von Haut, als biefe; 
iene fehen weis, biefe aber, meil fie diinne find, von dem 
durchfeheinenden Blute, blau. In ienem fieht das Blut 
röther, in diefen dunkler, weil ienes noch mit Iympbatis 
ſchen Säften vermehrt if. Die Arterien nehmen ihren 
Anfang am Herzen, und vertheilen fid) von demfelben durch 
elle Glieder des Leibes in unzehlbare Nöhrlein; Die 
Blutadern hingegen nehmen ihren Anfang in ben Gliedern 
bes Leibes, mit ungehlbaren Fleinen Aederchen, tie fich 
ein Baum mit umzehlichen Eleinen Säferchen im Erbreiche 
anhaͤngt, und enden ſich an einer geofen Haupfader am 
Herzen. Durch die Arterien wird das Geblüt aug dem 
Herzen in alle Theile des Leibes eingeführt, burch die 
Venen aber aus allen Theilen mwieber gefammlet, und ing 
Herz zuruͤckgefuͤhrt. Weil nun ſolches einen fieten Ab = 
und Zufluß des Geblütes verurſachet, und die Bewegung 
bes Blutes immer mieder da anfängt, mo fie aufhoͤret, 
fo wird folheg der Kreislauf des Blutes genannt. 


Die Arterien (b) innen gefühlt, auch bey man. 
chen geſehen werben , wenn fie fehlagen , fonberlich an 
Drten, da fie nicht tief liegen, melches man den Puls 
nennet; und dieß Schlagen entfteht daher, daß dag Blut 
aus der Herzkammer nad) und nach, mit Abwechflung, gleich» 
fam ſtoßweiſe in diefelben gebracht, und fie alfo wechſels⸗ 
weiſe angefüllt und auggeleeret werben. Aus dem Schla« 
genühat man gelernt die innere Bewegung des Geblütes 

Au 


Die Steinigung des heil. Stephanus.rc. 1149 


zu erkennen, und burch Begreifung des Pulfes die Kranks 
beit zu beurtheilen. Es find vornehmlich zwey Arterien — 
die Zungenpulsader und. die große Pulssder. Jene 
hängt an der rechten Herzkammer und führt das Geblät in 
bie Lunge, und durch biefelbe in dag linfe Herzohr; dieſe 
iſt an die linke Herzkammer beveftiget , und bringt dag 
Geblüt in alle andere aus » und inwendige Theile. Diefe 
große Pulsader fleigt vom Herzen, in einen Bogen, etwas 
in die Höhe und giebt vier beträchtliche Aeſte ab, die theilg 
zu den Aermen gehen dann fleigt fie längft dem Ruͤckgrate 
berunfer, wo fie wieder viele Yefle zu den Nibben, zur 
Bruft und andern Theilen von fich giebt. | 


Don den Denen oder Blutadern (a) befinden fich 
im Leibe drey Stämme, ald : die Kungenblutader, 
welche das Blut aus der Funge empfängt, und zuräc in 
bie linfe Herzkammer führet; Die hohle Blutader, 
welche das Geblüt in großer Menge durch ihren offnen 
Mund in die rechte Herzfammer ausſtoͤßt, welher Stamm 
an ber rechten Herzkammer hängt, und wenn er ein wenig 
vom Herzen abgeftiegen, theilet er fi in zwey Stämme, 
davon einer aufwärts ind Haupt, der andere den Mücken 
hinunter fleigt ; endlich die Pfortader, welche unten im 
Bauche, gegen dem Ruͤcken zu, die Qurere liegt, Sie 
empfängt das Blut aus den Eingeweiden, aus dem Mas 
gen, Milz, Gebärmen u. f. w. und führet es in die Leber, 
durch welche eg hindurch gehet, und hernach über bie 
Leber und die hohle Blutader fließt. Dieienigen Blutadern 
die aus dieſer hohlen Ader entſpringen, ſind inwendig mit 
Fallthuͤrchen verſehen, welche verhindern, daß das in die 
Blutadern gekommene Gebluͤt nicht wieder zurück kann. 
Die Pfortader hat dergleichen nicht. 


69995 Uebri⸗ 


1150 Ein und funfzisfte Tafel. 


Uebrigens hat man, megen ber Aehnlichkeit, allerley 
Zuͤge in leblofen Körpern, welche aus » umd in einander 
laufen, ale im Marmor, im Hole, in den Blättern ber 
Pflanzen — ingleihen auch bie Gange des Waffers und 
der Metalle unter ber Erde mit dem Namen Adern 
belegt. 


— nn GENE 


6. 
Die Anatomie, 


be ber Anatomie oder Zergliederung überhaupt 
verfteht man die Wiffenfchaft organifirte Körper in ihre 
Theile Eiinftli zu zerlegen. Da man num zwey Arten 
von organifirten Körpern hat, nehmlich Thiere und Pflan- 
zen, fo theilt man auch) bie Anatomie in bie thierifche » und 
Pflanzen » Anatomie ein; und die thierifche wieder in Die 
Anatomie des Menfchen , und in die Anatomie der Thiere, 
welche leztere auch Zootomie genennet wird. 


Die Anatomie des Mienfcben befchäftiget fi) alfo 
mit Zergliederung des menfchlichen Körpers, und ſucht alle 
Theile, woraus diefe unendlich kuͤnſtliche Mafchine zufam- 
men gefezt ift, nach ihrer Zahl, eigentlichen Geftalt und 
BHefchaffenheit , Lage und Verbindung mit ben übrigen 
Theilen, deutlich zu erfennen und zu lehren. Durch diefe 
Unterfuchungen lernt man den Siz, ben eigentlichen Urs 
fprung und die Befchaffenheit der meiften Krankheiten ken— 
nen — Daher ift die Anatomie der Grund ven der ganzen 
Arzneywiſſenſchaft, und nicht nur in der eigentlichen Dies 
dicin ; fondern auch befonders in der Wundarzneyfunft, 
in der gerichtlichen Arzney-Gelehrſamkeit, u. f. w. vom 

dem 





Die Steinigung des heil. Stephanus.2c. 1151 


dem größten Nuzen; und dienet noch überdieß zur Erfentniß, 
Bewunderung und Anbetung des großen, guten und weißen 
Schöpfers. 


Da die Theile des menfchlichen Körpers gar verfchies 
ben find, fo bat man die mandhfaltige Unterſuchung ders 
felben von einander gefrennet ; und daraus find verfchies 
dene Theile der Anatomie entftanden. Man nennet die 
Betrachtung der Knochen Ofteologie , die Unterfuchung 
der Muffeln Myologie, und der Bänder, wodurch die 
Knochen und einige andere Theile zuſammen gehalten und 
verbunden werden, Syndesmologie 53 die Unterfuchung 
und Befchreibung ber Eingemweide und innern Theile des 
Körpers, Splanchnologie; der Nerven, Neurologie; 
der Puls» und Blut » Adern, Angiologie, und‘ der 
Druͤſen, Adenologie. Die Eünftlihe Zerlegung des 
Kopfes Heißt Cephalotomie. Dies Gefchicklichkeit getrock— 
nete Knochen gehörig zufammen zu fügen, und ein SFelet 
(Gerippe) daraug zu machen, wird SFeletopöia genannt. 
Hieher gehoͤret auch die Kunft, die Gefäße mit einer ges 
wiſſen Kompofition zu iniiziren , oder augzufprigen, die 
Körper zu balfamiren , und entweder ganze Körper oder 
Theile deßelben vor der Fäulniß zu bewahren ; daher die 
Pollinftur und die Gefchicklichkeit anatomifhe Praͤpa— 
rata zu verfertigen und vor dem Verderben zu bewahren, 
entftanden if. Die allgemeinen Kentniffe diefer Wilfen« 
fhaften find iedem Menfchen heilfam und ndthig, weil wir 
daraus die innerliche Befchaffenheit unfers Körpers kennen, 
und wie beffelben lange Erhaltung zu befördern iſt, lernen 
koͤnnen. 

Derienige Ort, mo gemeiniglich die Anatomie prak— 
tiſch gelehret, oder demonſtrirt wird, heißt: Theatrum 
anatomikum, ein Zimmer (ſ. die Tafel.) in deſſen Mitte 


der 


1152 Ein und funfziafte Tafel. 


der große Drehe» Tifch ſteht, auf welchem die Körper 
(Badavers) zergliedert werden. Um diefen Tifch herum 
find in einem ganzen oder halben Kreiſe mehrere Neihen 
von Standplaͤzen oder Sizen hinter » und übereinander 
angebracht, damit die Menge Zufchauer darinn ihre Unters 
£unft finden, und immer eine über die andere wegfehen 
fönnen. An den Wänden herum pflegen Sfelete und 
Schränke mit allerley Präparaten, anatomifche Inſtrumente 
und andere Geräthfhaften aufgeftellet zu werben. Ferner 
gehöret biezu ein Keller, um bie Körper im Sommer das 
rinn aufsubewahren, und eine Küche um warmes Waſſer 
darinn zu machen, die Knochen auszufochen, und bergl. 
Sin diefem Zimmer werden die anatomifchen Vorlefungen 
gehalten, entweder über den ganzen Radaver (a), nad) 
allen feinen Theilen, oder über einzele Theile des menſch— 
lihen Körpers, worüber den Zuhörern auf eignen Tifchen 
demonfirirt wird, 3. E. das Herz (b), der Magen (c), 
das Gebirn (d), die Wiuffeln des Ropfes (Ce), und 
dergl. Die. vornehmftien Werkzeuge, welche man beym 
Zergliedern braucht, find : Tiſche, Bretter, verfchiedene 
Mefler, gerade und Frumme Scheeren, Pincetten, Zangen, 
Blagröhren von Silber oder Mefing, Sprizen, Hacken, 
Dadeln, Sägen, Schwänme, Vergroͤſſerungs-Glaͤſer, 
Waſſerſchaalen, Töpfe, Schüffeln, Servieten, Bürffen 
und bergl. 


7% 
Der Tod der Turteltaube, 
M einem ſehr kalten Herbſtabende war eine Familie alter 


und iunger Affen in großer Verlegenheit, wie ſie ſich gegen 
ben, 








EATLEULER 





Die Steinigung des heil. Stephanus. ıc. 1153 


den , ihnen fo fürchterlichen Froft ſchuͤzen koͤnnten — 
der eine rieth dieß, der andere das — ie bedeckten 
ſich mit Laub und Blättern, allein Nordwind und Regen 
nahmen bald diefe leichte Decke mit fih fort — Endlich 
fahen einige in der Ferne etwas fihimmern — Kommt 
Brüder, riefen fie, feht mie erwänfcht ! dort glimmt ein 
Funke — ben dörfen wir nur anblafen, und dürres Reiß 
zur Unterhaltung des Feuers zutragen, fo mwird ung bald 
marm werden — und dann — angenehme Ruh! 


Wirklich liefen die Affen alle auf den Schimmer zu, 
brachten Blätter, Holz und Stroh in Menge zuſammen — 
legten alles über und neben den vermeinten Funken, und 
bließen, was fie blafen Eonnten — Die Baden wollten 
plagen — die Augen aus ihren Angeln dringen und Nez 
und Lunge zerberften — aber der Funke ward nicht größer — 
es kam Fein Rauch, feine Flamme — 


Dieß fahe eine Turtelfaube, die ganz einfam in dem 
nahen Laube faß, und von bem Lärm der Affen aus ihrem 
Schlafe gewecdt wurde — Boll Mitleiden über der Affen 
vergeblihe Anftrengung , voll Wahrheitgliebe, rief fie: 
Spahrt, Lieben, euren Athem ! Das was ihr anblafen 
wollt, ift fein Funke, fondern ein Fleiner Wurm, ber im 
Dunfeln leuchtet — 


Was Wurm, ſchrien die Affen ganz aufgebracht — 
du wirft ung wollen Feuer Fennen lernen — dag Holzift 
feucht, drum will es noch nicht brennen — ber Wurm, 
von bem du und erzehlfi, fleckt gewiß in deinem Kopfe — 
Und nun gieng es über die arme Turteltaube her , melde 
ihren guten Rath, und dag Bekentniß der Wahrheit mie 
dem grauſamſten Tode büffen mußte — 


Und 


1154 Ein und funfigfte Tafel 


Und noch blafen die Affen fort — und mwürgen ieben, 
der fie mit gutem Rathe Flüger machen will. 





— — 


8. 
Pentheus. 


WRITER 





3. der Zeit, da Bacchus nach Theben in Griechenland 
kam, und daſelbſt von dem Volke als ein Gott, unter 
den groͤßten Ausſchweifungen verehret wurde, regierte 
Pentheus, ein Enkel des Kadmus. Weil es nun bey 
den Bachus-Feſten gar unordentlich zugieng, ſo wollte 
derſelbe, als ein weiſer, rechtfchaffener König, nach 
dem Exempel einiger andern griechiſchen Fuͤrſten, dieſem 
Unweſen Einhalt thun. Obgleich Bacchus ſeiner Mutter 
Schweſter Sohn mar, fo verbot er doc) bie Vergoͤtte— 
zung beffelben in feinem Lande , und machte fih auf, 
ihn gefangen zu nehmen , und den Haufen ber Bacchan⸗ 
tinnen von dem Berge Cithaͤron herab zu vertreiben. 
Allein fein Eifer für Tugend und Ehrbarfeit foftete ihm dag 
geben — Bacchus mußte bed Pentheus Mutter, und 
die übrigen bacchifchen Weiber dergeflalt zu verblenden, 
baß fie ihn in ihrer Naferey für ein wildes Schwein an⸗ 
fahen. Sie ſtuͤrmten alfo auf ihm ein, fchlugen ihn mit 
ihren Thyrfusſtaͤben tobt, zerriffen ihn in Stüde, und 
trugen feinen Kopf im Triumphe nach Theben. 


gen „5 





Ye 


Die Steinigung des heil. Stephanus.tc. Irss 


— — TE LTE 


0. 
Gott und Abraham, 


A, einem heitern Abende faß Abraham vor feiner Huͤtte, 
und ergsste fi) an dem Prachte der unfergehenden Sonne. 
Ploͤzlich kam aus dem nahen Walde ein alter Greig, 
deffen weißes Haar Ehrerbietung gebot, Auf feinen 
Wanderſtab geſtuͤzt, wollte er eben neue Kräfte fammlen, 
um feine Reiſe fortfezen zu Finnen. Kaum aber erblickte 
ihn Abraham , fo lief er auf ihn zu, und bat ihn, 
in feiner Hütte zu übernachten , und am folgenden 
Tage feine Reife fortzufezen. Der Fremde weigerte ſich 
lange ; doch gab er enblich dem immer dringender bittenben 
Abraham Gehoͤr, und gieng mit ihm in die Hütte. 





Der Hausvater ließ fogleih feinem Bafte Waller 
und dicke Mildy vorfegen , und er felbft bolte von ber 
Heerde das beſte famm zu einen Ubendeffen. Unter ber 
Mahlzeit merkte Abraham, daß der Fremde Gott nicht 
anbete. Voll Verwunderung fragte er iin: Warum 
\eteft du denn Bott nicht an? Sch Fenne beinen Gott 
nicht , fagte der Fremde, und bete ihn auch nicht an. 
Ich machte mir einen Gott, und ſtellte ihm in meiner 
Hütte auf. Diefen bete ich an, umd er verforgt mich mit 
allem, was ich bedarf — 


Bol Grimm iagte ihn Abraham fonleich aus feiner 
Hütte, und trieb ihn in den Wald, Schnell aber rief 
Sort : Abraham wo ift der Fremde, der zu dir Fam? 
Kerr , antwortete er , ich iagte ibn aus meiner Hütte 


in 


1156 Ein und funfzigfie Tafel. 


in den Wald, weil er dich nicht Fannte und nicht ver. 
ehrte — Gh, fagte Gott darauf, ich trug dieſen 
Mann 198 Jahre mit Gebult beſchuͤzte ihn, und gab 
ihm alle Tage Speife und Kleidung , ob er mich gleich 
nicht verehrte — Und dur fonnteft nicht mit ihm , ba 
er bein Druber if, eine Nacht in deiner Hütte 


fchlafen ? 














DE wre 
Zwey und funfzigfte Tafel. 





I, 


Das Ende der Welt. 


Se Jeſus Chriftus felbft, der unumfchränfte 
Herr und Herrfcher Über Tod und Leben, als auch 
feine Apoftel und Bothen verfündigten in ihren Reden und 
Schriften die lezten Schiekfale unfrer Erde und ihrer 
Bewohner , eine allgemeine Auferftehung der Todten, 
ein iüngftes Gericht, ein ewiges Keben , eine ewige 
Verdammniß — Und, obgleich, vieles von biefen lezten 
Begebenheiten in ein heiligeg , prophetifches Dunfel ein« 
gehuͤllet ift, fo willen wir doc) auf eine hoͤchſt suverläßige, 
unumftößliche Weife von denfelben Folgendes: 


Es ift allen irdifden Dingen, in Anfehung ihrer 
Dauer ein Ziel geſezt — Sobald fie dafelbe erreichen, 
fo vergehen ſie — Ale Gewaͤchſe hören nach und nach 
auf zu feyn — alle Thiere, alle Wienfchen müffen ſter⸗ 
ben, einige bald, andere foäte — Die Verbindung ihrer 
Seele mit dem Leibe heret auf — der feib verfault, und 
wird zu Staub — die Seele aber ift unfterbli , und 
wird, nach ihrer Trennung vom Leibe entweder glücklicher 
oder unglüclicher, als fie in diefem Leben war, Es 
fommt aber eine Zeit, da die Seelen der Menfchen wieder 
mit ihren feibern vereiniget werden — daß die Toten 
rebendig werden und auferftehen — aber freilich mit ans 

Hhhh dern 


1158 Zwey und funfsigfte Tafel. 


dern Leibern, als fie hier auf Erden hatten. Es wird 
geſaͤet verweßlich, fagt ein Apoftel Jeſu Chriſti, und 
wird auferfieben unverweßlich, in Herrlichkeit , in 
Braft, ein geifiliher Leib — Die Frommen werben 
leuchten wie des Himmels Glanz — wie die Sterne — 


Zu dieſer Aufersiehung der Todten fowohl als dem 
darauf folgenden Gerichte, bat Goft einen Tag gefest, 
welcher. der legte, oder der iuͤngſte Tag der Welt genen, 
nei wird. An demſelben werden mit unferer Erde und 
allenfals den Übrigen Mlaneten unfers Sonnenreichs große 
Veraͤnderungen vorgeben — es wird dieß ganze Syſtem 
entweder umgeſchaffen oder vernichtet werden. Die Zeit, 
wann dieß geſchieht iſt unbekannt, doch ſoviel glaubt man 
mir vieler Wahrſcheinlichkeit, daß zur Dauer unfrer Erbe 
nur eintge Jahrtauſende, (vielleicht fieben , nach ben 
Schoͤpfungstagen) beftimmt find, und bag biefer este 
ſchreckliche Tag ſchyell arbreden werde, Er wird in der 
heil. Schrift der Tag der lezten Dofaune genennet, 
weil ſowohl vom Himmel herab, als durch das Einſtuͤrzen 
der Erdveſten ein ſchauervolles Getoͤne ſich allenthalben 
verbreiten wird. Auf dieſen Schul erwachen alsdenn die 
Todten, und gehen aus ihren Gräbern herfür — Der 
Richter der Lebendigen und der Todten, Jeſus Chriftusy 
erfcheint fichtbarlich in verflärter Menfchengeftalt , in den 
Wolken, mit großer Kraft und Herrlichkeit, mit allen 
Engeln und Auserwaͤhlten. Die Frommen ftehen zu feiner 
Rechten ; werben öffentlich gelobt und der bimmlifchen 
Herrlichkeit immer näher gerückt — Die Bottlofen , zu 
feiner Linfen , vernehmen ihr Todesurtheil, und werden 
auf ewig von Gottes Angeficht verſtoſſen — in ſchreckliche 
Kelten — Und num zerfisren Feuer und Erdbeben alle 
Herrlichkeit , alle Schäze und Reichthümer der Erde — 

fie 








Das Ende der Welt. 1159 


fie ift nicht mehr — und ein neuer Himmel und eine neue 
Erde fliehen da — 


Das Glück der Frommen zu befchreiben, das fie in 
den Wohnungen Gottes , in der ewigen Durchwans 
derung von einer Million Welten zur andern, geniefe 
fen follen, dazu hat Feine Sprache der Erde Worte. Die 
Schrift bedient ſich der lebhafteften Ausdrücke und Bilder, 
um nur einigermaßen dag Glück der Seligen zu ſchildern — 
Sie redet von einer prächtigen Stadt, von Haͤuſſern und 
Wohnungen des Sriedens , von einem großen Abends 
mable, von einer unverwelklichen Arone des Lebens, 
die der Herr den Seinen geben wird, von einer ewigen 
und über alle Maaß wıdtigen HerrlicFeit, von 
Dreis und Ehre und unveraänglihem Weſen - vor 
einer Herrlichkeit, die Fein Auge gefeben, Fein Ohr 
geböret hat, und in Feines Mienfchen Herz kommen 
ift — in welchen den Erlößien alle Threnen abgetrocknet, 
und ihre Herzen von Sreude und Wonne ergriffen mwer- 
den — 

Aber Ungnade und Zorn , Trübfal und Angft 

wird über die Boͤſen fommen , die zur aͤuſſerſten Finſter⸗ 
niß, zum Heulen und Zäbnflappen verdammt werden — 
zu einem Feuer, Das nicht verlifcht — bey melcer 
Dualen Annäherung fie ruren werben : Ihe Berge, fals 
let über uns, und ihr Hügel bedecet uns! — Denn 
Gott wird geben einem Teglihen nad feinen Wers 
«en — Gutes den Guten, und Böfes den Boͤſen — 


Ehe aber diefe lesten Begebenheiten eintreffen werten, 
folen fich große Veränderungen auf Erden, als Zeichen 
der lezten Zeit , zufragen — fchreckliche und angenehme 
Keränderungen. Wenn Mord, Aufruhr, Erdbeben, Krieg, 

Hbbb 2 Irrthuͤ⸗ 


1160 Zwey und funfjigfte Tafel. 


Serthümer und traurige Verwuͤſtungen die Erbe größten- 
theild werden gerrüttet haben — fo fol noch auf eine 
von Gott beftimmte Zeit, vor dem Ende der Welt, auffer- 
ordentliche Ruhe und Gluͤckſeligkeit fich allenthalben aus. 
breiten — alle Welt fol einerley Glauben haben, und 
felbft das Volk Iſrael wieder in fein Land und zum Befz 
feiner erften Würde und Glückfeligfeit gebracht werden — 


wenn aber diefes anfähet zu geſchehen, fpricht 
der befte Lehrer und Herr Himmeld und der Erden, fo 
fehet auf, und hebet eure Häupter auf, darum daß 
ſich eure Erlöfung nahet — und huͤtet euch, daß eure 
Herzen nicht befehweret werden mit Unmäßigfeit und 
Sorgen, und Fomme diefer Tag ſchnell über euch! 
Wachet ftets und betet, daß ihr würdig werden mdı 
get zu fteben vor des Menſchen Sohn! 


REIT E LIDWELRNEL ER 


Erd, und Meer und Mille beben; 
Die Frommen ſtehen auf zum Leben, 
Zum neuen Leben ftehn fie auf. 
Sr Verföhner kommt, vol Klarheit; 
Vor ihm ift Gnade, Treue, Wahrheit. 
Der Tugend Lohn Erdnt ihren Lauf — 
Licht ift um deinen Thron, 

Und Leben, Gottes Sohn! 
Hofianna ! 

Eridfer ! Dir, 

Dir folgen wir 

Zu deines Vaters Herrlichkeit! 


9% 


Das Ende der Welt. 1161 
zz GLEN 





2, 
Menfchenfönfe. 


DH. vornehmſte Verfchiedenheit der menfchlichen Geftalt 
findet man an den Köpfen, ſowohl in Anfehung ihres 
äufferlidyen Anfebene , ald ihres innern Baues. Mit 
ienem befchäftiget fi) die Phyfiognomif , mit diefem bie 
Anatomie. 

Auf der Tafel find die Röpfe von viererley Lies 
tionen nach ber Natur gezeichnet. (Was einerley Num— 
mern hat, flelt einen und eben denfelben Kopf vor; einmal 
von vornen, und einmal im Profile.) Gebt 1) einen 
Schädel, der in Deutfchland gewachfen ift; und fo mie 
diefer, find, einige geringe Abweichungen ausgenommen, 
auch alle andere Köpfe der Europäer gebildet. Er un 
terfcheidet fich von den Köpfen anderer Voͤlker durch feinen 
länglichten Hirnſchaͤdel, der wie ein Ey ausſieht, deffen 
dickere Hälfte das Hinterhaupt, die dünnere hingegen den 
Vordertheil worftellet. Die ſchoͤne Wilbung der Stirn, 
wie auch die geraden Nafenbeine, welche ziemlich meit 
bervorfichen, und enblich die hübfche Kinnlade, zeichnen 
fi) in unfern Augen an Schönheit, vor den nehmlichen 
Theilen ber drey übrigen Abbildungen ebenfalg beträchtlich 
aus. Man fagt daher auch, am dieſer fchönen Woͤlbung 
des Hirnfchädels feyen die großen Fähigkeiten des Geiſtes 
der Europäer zu erfennen. Kuren. 


Aber in Ofiindien haben bie Köpfe fchon eine ganz 
andere Geftalt, ale bey ung (2). Sie unterfcheiden fich 
son ben Köpfen der Europder, erfllich durch die fpizige 

2bb5 3 Wiloung 


1162 Zwey und funfsigfte Tafel. 


Woͤlbung des Hirnſchaͤdels, ferner durd) dag kurze Hinter, 
haupt, und endlich durch die ungemein ſtarken Knochen der 
Kinniade fomohl als des ganzen Angefikts. Der Afrts 
Faner (3), untericheidet fih von ben beyden erſten Kb, 
pfen nicht nur durch fein enges Hinterhaupt und breite 
Baſis ſelben, die aus einem fehr ftarfen Knochen beftes 
bet, der den Nacken vorfirler; ſondern auch durch bie 
furzen Nafenbeine und weit hervorragenden Zabnhoͤlen, 
welche die kurzen dickplaͤtſchigen Naſen und aufgeworfenen 
Maͤuler dieſes Volkes verurfachen. An dem fafpiichen 
See, und von ba yeiter gegen Norden hinauf wandern, 
Ste nomadiſchen Tararen und Ralmücen umber, die 
fit aroßentheils vom Pferdefleiſch und Müch nahren, und 
in Auſehung ber Geftalt ihrer Angefihts von andern Nas 
tioues ebenfals merklich verfchteden find (4). Bie haben 
einen müzenfsrmigen Hirnſchaͤdel, eine niedrige Stirn, 
wie die Affen, tiefe Augenhoͤlen und überaus Furze und 
flache Nafenbeine,, die faſt gar nicht über die daneben bes 
findiichen Knochen bervorragen — Defto weiter fichet ihr 
fpizigeg Kinn hervor , welches aber aus einem ziemlich 
fhwachen Beine beſtehet, und in dem Profile des ganzen 
Angefihts einen unangenehmen einmärts gebogenen Umrig 
verurfachet, da doch die Profile der drey übrigen Ange— 
fihter vielmehr auswaͤrts gebogene Krümmungen vorftel: 
fen — Die niedrige Stirn und tiefliegenden Affenaugen, 
nebft dem eingebogenen Profile find, mwie man fagt, Merk— 
male der Poltronnerie und Naubbegierbe ; die Eleine einges 
drücte Nafe hingegen fol, mit dem fpizigen Kinne zu— 
gleich , die Falfchheit und Untreue gedachter Völker ans 

zeigen. 
Die Geftalt der übrigen Glieder des menfchlichen 
Lelbes ift nicht ſonderlich verichieden, wenigſtens find ba bie 
Abwei⸗ 


Das Ende der Welt. 116 


Abweichungen nicht fo national, wie an den Köpfen, weil 
oft Perfonen von ſchoͤner und häflicher Bildung, oder von 
fhlanfen und plumpen Gliedern, fogar in einer und eben 
berfelben Familie zugleich gefunden werden. Aber wa? die 
Statur anbelangt, fo fcheint fich diefe ebenfals wieder 
nad) ganzen Nationen zu richten, indem die Menfchen in 
einigen Gegenden faft alle fehr Fein, im andern hingegen 
mittelmäßig groß , und in noch andern fehr groß find — 
ivie denn auch in Anſehung der Gefichtsbildung , iedes 
Land feine ihm eigne Phyfiognomien hat. 


——— ee 





— — 


2. 
Die Zerfiörung der Stadt Jeruſalem. 


IB ,; Chriſtus der Stadt Terufalem und dem ganzen 
iüdifhen Volke vorher verfündigte , daß fie nehmlich aus 
ihrem Lande vertrieben werden ſollten, wenn fie nicht bes 
denken würden, was zu ihren Frieden dient — das wurde, 
auf dag genauefte, ohngefehr 30 aöehre nach feiner Kreu⸗ 
zigung erfüllet. 
Immer berrfchte unter ben Juden Misvergnügen 

und Verdruß über die Gewalt der Römer. und oͤfters gab 
bas graufame Verfahren der römifchen Kandpfleger Aplaß 
dazu. Se mehr fie fich aber weigerten denſeiben zu gehor⸗ 
chen , befto mehr Drangfalen batten fie von den Roͤwern 
aussuftehen. Unter ihnen felbft wurden vermilderte Site 
ten, Raubereyen und Mordtäaten zur Gewohnheit; fogar 
die iüdifchen Priefter, unter welchen allerley Unordnungen 
eingerifien waren, theilten fih endlich in feinsielige Data 
Hhhh 4 theyen 


1104 Zwey und funfzigſte Tafel. 


theyen, und fuͤlleten Jeruſalem, manchmal ſogar den Ten; 
pel, mit Blutvergießen an. Nach und nach kam es zu 
oͤffentlichen Unruhen, und die Juden ergriefen, im Jahre 
Chriſti 66, die Waffen gegen die Roͤmer, toͤdteten viele 
Tauſende derſelben, und vertrieben bie Übrigen aus Pas 
läftina, 

Yun fehickte der damals regierende Kaiſer Nero ben 
Seldherrn Veipafianus, mit einem großen Heere nad 
Judaͤa, die Rebellion der Juden zu flilen. Sie fiengen 
fon an die Stadt Jerufalem zu belagern; aber der bald 
darauf erfolgte Tod des Kaifers Nero verzsgerte die Erobe— 
zung des Landes. Indeſſen verfammleten fich alle misver, 
gnügte Juden zu Jeruſalem, und die ganze Stadt wurde 
mit Meuchelmördern dergeſtalt angefült, daß fich fein 
Menſch mehr fiher fahe. Diefe Zeit aber machten fich Lie 
Chriften, welche noch in Serufalem waren, ſehr wohl zu 
nuze; verliefen, nach dem Befehle Jefu die Stadt, und 
flohen groͤßtentheils in dag Städtlein Pella , über ben 
Jordan. 

Unterdeſſen war Veſpaſianus ſelbſt zum Kaiſer er. 
wehlet worden. Er übergab daher feinem Sohne Titus 
dag Kriegshcer , und gieng nad Kom. Titus , ein fehr 
menfchenfreundlicher Felbherr, bot den Belagerten zweymal 
den Frieden an. Die Juden aber fchlugen diefe Gnade 
fol; und hartnaͤckig aus. ie verließen ſich theilg auf 
ihre fehr wohl bevefligte Stadt, theils auf ihre Unerfchros 
ckenheit und Entfchloffenheit, und tröfteten ſich vornehm⸗ 
lich mit dem eitlen Wahne, bag Gott fein Volk, feine 
Stadt und feinen Tempel unmsglich mit feinem Beyftande 
verlaffen koͤnue. Insbeſondere wiegelten die Eifrigſten 
unter ihnen, welche fih Zeloten nannten, das Volk immer 
mehr auf, daß fie ſich ſaͤmtlich entfchloffen hatten „ die 

Stadt 





Das Ende der Welt. ı1ds 


Stadt gegen bie ee bis zur Verzweiflung su vertheis 
digen. 


Hierauf fuchte Titus die Stadt durch Sturm zu ge 
mwinnen. Da er die erfie Mauer fehr bald erobert hatte, 
fo entſtund, in der fehr eingefchloffenen und mit fo viel ta 
fend Dienfchen erfüllten Stadt, ein ganz unbefchreiblich 
großer Hunger. Auf der Zafel fieht man davon einen 
Beweiß, wie nehmlich ein Weib ihr Kind, das ſie getoͤdtet 
hatte, and Feuer ſezt, um es zur Speiſe zuzurichten — 
Ein römifher Soldat fahre diefen Greuel , und erfchrad 
auf bag heftigfie — So murden bie Juden durch ihre 
Hungersnoth zu den unnatärlichften Speifen gezwungen — 
Beydes erzeugte anfiecfende Krankheiten; und fie waren 
nicht mehr im Stande die Leichname der in ungehlicher 
Menge täglich verfiorbenen Einwohner in der Stadt zu 
begraben. Sie warfen daher folhe über die Mauer; über 
welchen Anblict der mitleidige Titus dermaffen gerührt 
wurde , daß er feufjfe und Gott zum Zeugen antief, 
dag er feine Schuld an einem folchen entfezlichen Elende 
habe — 

Aber die Aufrährer wurden durch feinen diefer fchauts 
ervollen Auftritte gerührt. Die Rotten rieben einander 
felber auf, andere ermordeten fid) aus Verzweiflung — 
end das Elend wurde fo groß und allgemein, daß in ber 
ganzen Gefchichte Fein ähnliches Beyſpiel zu finden iſt. 
Endlich machte Titus demfelben ein Ende; er eroberte den 
wohlbeveſtigten Tempel, fleckte die übrigen Theile der 
Stadt in Brand, ließ die Mauern fchleiffen, einen grofien 
Theil der Juden niederhauen, viele taufende an dag Kreuz 
ſchlagen, und was wicht getödtet wurde, in die Gefan— 
genſchaft weaführen. Gerne hätte der gute Feldherr deg 
prächtigen Tempels gefchont — er eilte felbft, da er an 

9hbh5 fieng 


1166 Zwey und funfßigſte Tafel. 


fieng in Brand zu gerathen, herbey ihn zu loͤſchen — 
aber das Getuͤmmel war zu ſtark, als daß er es haͤtte 
verhindern koͤnnen. Die Stadt wurde am achten Sep; 
temb:r im 3. €. 70. gänzlich gerftört, und der iuͤdiſchen 
Herrlichkeit, und vornehmlich dem levitifchen Gottesdienfte, 
was die Dpfer und andere Ceremonien anlangte , ein 
Ende gemacht — zugleich aber auch, durch genaue Erfüls 
Jung fo vieler Weißagungen Chrifti und der Propheten im 
alten Teftamente , die Wahrheit der chriftlichen Religion 
augenfcheinlich beftätiger. 


Und fo mußte ein Land , eine Stadt, verwuͤſtet 


werden — fo ein Volk zertrefen und wie Staub in alle 


Melt zerftreuet werden, das fich entfchliefen fonnte, ben 
Heren der Herrlichkeit, feinen König und Meßias zu toͤd— 
ten — zum warnenden Zeugniße der gewißen fchrecklichen 
Zufunft aller derer, die nit an Jeſum Chriſtum glauben 
wollen. 


4. 


Verſchiedenes Verhalten der Menſchen 
bey der Erkentniß Gottes. 
Eiementarw. Tab. XLVI. 


DS eier mit mir, geliebte Fefer , auf der Grabftätte 
vieler Menfchen ! Seht dafelbft (a) verfammlet die Lebens 
digen , deren Feichen auch einmal daliegen und vermefen 
werden — von beyderley Gefchleht, von allerley Stand 
und Alter. Menſchen! Diefe Stätte fann euch) begierig 
und ernfihaft genug machen, nad dem Lichte, nach ben 

Erfent- 


| 
| 


Das Ende der Welt. 1167 


Erfentnißmittelm zu fehen , woburd ihr Gott, als die 
erfte Urſache aller Dinge, die von Ewigfeit war, 
als mächtig und gütig in Kwigfeit, und als den 
Pater feiner unfterbliden Rinder Fönnt glauben lernen. 
Seht ienen Nachdenfenden auf dem Leichenfleine, und eis 
nen Andern nachdentend bey feinem Sohne ftehen. Dag 
Nachdenken, dag fortgefezte Nachdenken ift eins der beiten 
Mittel in diefem Glauben gewiß zu werden. Aber ohne 
Beranlaßung durch andere Mittel, mürde vielleicht Fein 
einziger Menfch ſich big zur Unterfuchung einer fo hoben 


Erfentniß erheben. Geht, wie einige Menfchen, welchen 


dieſes Licht ſchon fcheint, ihre Freunde, und ihre geliebten 
Kinder aufmerffam auf die Strahlen deßelben machen. 
Dieſes fehlt den wilden Voͤlkern! darum find fie ohne die 
felige Erfentniß Gottes ganz in Finfterniß , oder in ben 
urgereimteften Sjerthlümern. In diefem Zuftande waren 
auch die Vorfahren der meiften Voͤlker, die Vorfahren 
von uns, die wir iezt Gott erfennen. Aber es famen 
weiſe und mohlthätige Männer Chier ftehen fie auf der 
einen Seite), melde ihre Mitbrüder belehrten und ihnen 
die Lehren von dem einzigen Gott und feinen Eigenfchaften 
als ſolche, welche ihnen oder ihren Vorgängern auf eine 
aufferordentliche Weife geoffenbaret wären , vorftellten. 
Da ward nad und nach kicht in den Seelen diefer Volker, 
und fie lernten den einzigen, ben allmächtigen, ben allgü- 
tigen Gott, den Vater unfterblicher Seelen erkennen. 


Man lehrte fie aber auch, daß feine Weisheit zwi⸗ 
fchen den Guten und dem Boͤſen einen Unterfchied machen, 
und als Richter ihnen das Necht und Unrecht vergelten 
würde. Gott richtet ! Gott richtet ! Seht (b) biefe 
Verſammlung von Menfchen bey diefem neuen Lichte von 

ber Gerechtigkeit des allwiſſenden, allmächtigen und allgüs 
tigen 


1168 Zwey und funfsigfte Tafel. 


tigen Botted. Einige find vol Verwunderung über bag, 
was ſie vormals nicht gehört, oder doch nicht lebhaft ges 
glaubt hatten. Wie, dachten fie, ein allwıflender, ein 
allguͤtiger Gott, wird der Menſchen Thun und Kaf 
fen rihten? O, weld eine für uns unausſprechlich 
wichtige Sache, wenn fie auch nur möglich, wenn fie 
auch nur wahriceinlich wäre! So dachten fie, und 
verfanfen auf eine Zeitlang (wie man an der Stellung eis 
niger andern fieht) in Tieffinn. Da lernten fie bey andern 
Beweiſen, die ihnen vorgehalten waren, bie Pflicht eines 
vernünftigen Glaubens bedenken, und Gottes Vorſehung 
und Gerechtigkeit eine Zeitlang glauben. Einige zweifelten 
wieder — da rief die Glaubengpflicht fie zuruͤcke. Sie 
glaubten von neuen und beftändiger , der Eine mit größe 
rer, der Andere mit Eleinerer Lebhaftigkeit dieſes Glaubens. 
Jener erinnerte fich deſſelben bey allen wichtigen Borfäzen, 
diefer nur zumeilen ; iener handelte faft immer gemwiffenhaft, 
diefer aber faßte zuweilen gute Vorſaͤze, erfüllte fie felten, 
und mußte aledann die abfcheulichfte Gewiſſensangſt leiden. 
Einige diefer Art, wenn ber oft wiederholte Vorſaz, ſich 
zu beffern, ihnen eine Zeitlang mislungen iſt, wollen ber 
Gerechtigkeit Gottes vergeffen, entfernen fih von dieſem 
Gedanken, (feht einige Exempel vorgeſtellt) laſſen fih von 
den Freunden ihrer Seelen nicht zurücke halten ; vergeffen 
der Gerechtigkeit Gottes wirklich, müffen fich ihrer doch 
wieder erinnern, verabfcheuen bie Erinnerung, fangen an 
zu zweifeln an der Wahrheit derfelben , verfäumen die 
Ausuͤbung der Glaubengpflicht, verneinen die göttliche 
Gerechtigkeit, läftern fie, und verführen auch andere ein 
Gfeicheg zu thun — aber frühe ober fpät beklemmt fie 
wieder Neue und Gewiſſensangſt, woraus nach vielem 
Iberftandenen Seelenleiden entweder Beſſerung folgt, oder 

safende 








Das Ende der Walt. 1169 


raſende Verzweiflung — wie man hier, zur Seite, an 
dem Ungluͤcklichen mit dem geſtraͤubten Haare ſieht, welcher 
an ſich ſelbſt, als an einem Ungeheur, Gewalt auszuuͤben 
ſucht — 
O Kinder, fliehet ſchon von ferne dieſes entſezliche 
Schickſal! Wandelt tugendhaft! Folgt auch der leiſeſten 
Stimme des Gewiſſens! Eine iede Reue uͤber Suͤnden 
werde Befferung ! So werdet ihr niemals verzweifeln, 
niemals den veſten Glauben an die Gerechtigkeit Gottes 
verlieren — und in der Uebung dieſes Glaubens auch ſei— 
ner Macht, ſeiner Liebe und Weisheit froh werden! 


5. 
Raupen und Schmetterlinge. 


Di Raupen ſind, wie z. E. die Seidenwuͤrmer ( Tab. 
XVI, 5.), aus verſchiedenen Ningen zufammengefezt, 
womit fie ihren Körper überall hin bewegen, wohin fie 
ihre Bebürfniffe rufen, meil fich diefe Minge durch das 
Verlängern und Verkuͤrzen, unter einander verfchieben 
laffen. Sie haben eine gemwiffe Anzahl von Füffen, ges 
meiniglich acht bis ſechzehn, die mit Hacken verfeben find, 
um ſich damit an den Bäumen anzuflammern. Sie ziehen, 
wie die Seidenwürmer , aus ihrer Kehle, Fäden, beren 
Materie ein flüffigeg Gummi ift, das fie aus den Blättern 
faugen , von denen fie leben. Es giebt fehr viele Arten 
derfelben, welche fich durch ihre Länge, Dide, Farbe 
und übrige Geftalt , von einander unterfcheiden. Einige 
werden über vier Zoll lang, bie meiften aber erreichen nur 

bie 


1170 Zwey und funfzigfte Tafel. 


die Länge eines Zoles. Einige find einfärbig, z. €. roth, 
geld, grün, blau, ſchwarz ıc. andere hingegen ſind mit 
©treifen, Flecken und Punkten von verichiedener Farbe 
beſezt. Bey vielen hat der Körper einerley Dicke, audere 
laufen in eine gerade Spige hinaus, wie z. €, der Pfeil; 
ſchwanz. Einige find ganz glatt, bey andern ift der Leib 
mit Haaren, Stacheln oder Borften befezt , daher die 
Benennungen : Bärenraupen , Dornraupen, Sta 
&elraupen und Büritenraupen. 


Gegen das Ende des Sommers hören fie auf zu effen. 
&ie weben fich einen Zufluchtsort, um darinnen den Raus 
peitörper abzulegen. Sie flreifen ihre Haut, wie ein 
altes Yergament ab , und es bleibt ven ihnen eine tleine 
Puppe, oder eine länglichte braune Bohne übrig, welche 
fi) in beweglichen Ringen, die immer dünner werden, 
endigt. In dieſer Hülle befindet fih der Schmetterling 
eingemwicelt. Sobald berfelbe feine voͤllige Ausbilbung 
befommen hat, fo Friegt er am runden Eude feines Futes 
rals aus, und fliege nunmehr von Blume zu Blume, Ges 
gen dag Ende des Herbfteg legt er feine Eier, gemeiniglich 
auf Blätter, und ſtirbt. Wenn nun die Sonne diefe 
Eier erwärmet, fo Friegt eine Menge Fleiner Raupen hers 
aus, welche ſich mit einer Art von Gewebe ein Dad mas 
en, morunter fie den Winter über, in einer Art von 
Starrfucht, zubringen. 


Die Schmetterlinge , melde auch Papillonen, 
Sommervögel, Butternögel und Zweyfalter heiſſen, 
haben einen Körper mit vier Flügen, welche mit einem 
feinen, mehlartigen Staube bedect find. Wenn man dies 
fen Staub durch ein Vergrößerungsglas betrachtet, fo ſieht 
many bag berfelbe nichts anders iſt, als eine große Menge 

febe 


Das Ende der Welt, 1171 


ſehr feiner Foͤderchen oder Schuppen von mancherley Farbe. 
Man theilt fie ein in Tagvogel, Daͤmmerungevoͤgel 
und Nachtvogel. Die Tagvögel fliegen nur bey Zagı, 
haben keulfoͤrmige Fuͤhlhoͤrner, und ihre Fluͤgel Itchn 
fenfrecht in die Höhe, menn fie fizen. Won dieſem Ge— 
fchlehte giebt es über 270 Arten, melde zum Theile, abs 
fonderlid) die amerikaniſchen, ſo ſchoͤn gezeichnet find, Faß 
auch ber gefchieftefte Mahler nicht im Stande iſt, abe 
Farben volfommen aus zu zeichnen. Die Fuͤnlhoͤrger ver 
Dämmerungspvögel find in der Mitte dicker als un beyben 
Enden , und die Flügel fteif. Es giebt ohngefebr 50 Ar— 
ten berfelben, und der größte iſt der ſogenannte Tocen: 

vogel , welcher vielen Namen deswegen erhalten bar, 
weil der auf dem Bruft- Stücke oberwärts befindliche les 
den fo ziemlih einen Zodtenfopf ähnlich ficht. Die 
Nachtvoͤgel haben bürftenartige Fuͤhlhoͤrner, und im &is 
gen niedergebogene Flügel. Man zehit über 460 Arten 
berfeiben, zu denen auc der Papillon. des Seidenwurms 
gehöret. Unter den Fleinern Nachtodgeln wovon die mei⸗ 
fien Arten Motten genennet werben, find einige vorzüge 
lich wegen des großen Schadeng merkwürdig, den fie ung 
zufügen, tie z. E. der weiße Rornwurm, die Bienens 
motte und die Pelzmotte. 


Auf der Tafel fieht man einige Raupen , mit ihren 
Puppen, Schmetterlingen und Eiern, nehmlich: Den 
blaßgelben Obfibaum » Schmetterling (d) mit feinen 
Kiern (v), aus welhen Raupen werden (k), bie off 
in etlichen Tagen ganze Bäume kahl freffen; den gelb⸗ 
grauen Rohlſchmetterling (e), der feine koͤgelfoͤrmigen 
Kier (q) auf die untere Seite der Kohlblätter fegt, daraus 
grasgruͤne, geldgeftreifte Raupen werden (0); die! 
Zirfhbaumraupe (2), aus welcher der ſchoͤne braune, 

ſchwarz 


1172 Zwey und funfzigfte Tafel. 


ſchwarz und blau geflecdte Schmetterling (c) wird, ber 
fich faft gleich zu Anfang bes Frühlings fehen läffet; den 
Apfel » und Birnbaum: Schmetterling (t) , ber feine 
Eier in Aepfel und Birne legt, aus denen hernah Wür: 
mer werden (£), bie die Yepfel und Birne zerfreffen; 
die fchädliche Pelsmade (u), deren Karve (i) die Pelz 
werfe und viele andere Dinge befchädiget ; die Infekten: 
made (h), deren CLarve (b) die Sinfeftenfammlungen - 
fo fehr zerfrißt; einige Puppen oder Yiympben (I. m. p.); 
ven Schwalbenfhwanz (n), den Todtenvogel (5) ꝛc⸗ 


6, 
Allgemeines Berufsgefchäfte aller Menſchen. 


Far theilen fih die Menſchen, in Anſehung ihrer 
äuflern Berufsgefchäfte, ihres Standes, Amtes und 
Gewerbes , in gar viele Klaffeen. Ihr Beruf, ihre 
Befhäftigung, ihre Arbeit, fich Unterhalt zu verfchaffen, 
iſt gar verfchieden — Doc, müffen fie alle, von der erfien 
big zur lezten Menſchenklaße, vom hoͤchſten Herrſcher bis 
zum geringften Diener, in Einem Hauptgefchäfte, in Einer 
Arbeit und Sorge überein kommen, wenn fie wahrhaftig 
olüskfelig feyn wollen. Dieß ift das allgemeine Bes 
zufogefcbäfte aller Wienfchen, zu trachten und zu ar 
beiten, dag man immer vollfommener, immer befjer, 
immer frömmer werde — daß man es in diefer 
und in der zukünftigen Welt, immer und ewig, 
aut babe, 


Vernunft 


Das Ende der Welt. 1173 


- Vernunft und Religion ermuntern zu. biefem allges 
meinen Berufsgefbäfte, und zeigen die Mittel und 
Mege an, baßelbe recht zu treiben, und dadurch glitcklich 
zu merden. Laut ruffen beyde : Du bift ein Menſch! 
Gefchäffen von einem unendlid guten Vater, beflimmt zu 
unendlichen Glückfeligkeiten , und in diefe Welt, eine der 
Wohnungen, deren der Emige viele Millionen hat, einges 
führt — Eine gemwiße Anzahl Fahre ſollſt vu dich in der⸗ 
felben aufhalten , dann in noch fchönere Welten, als auf 
immer höhere Stufen der Gottes: Erfentniß und der himm« 
liſchen Wolluft gebracht werden — Nach deinen Bezeigen 
in diefer Welt wird fich dein Ffünftiger Zuftand richten — 
derfelbe wird unaugfprechlich vortheilhaft feygn, wenn du 
bier gut wareft, aber Aufferft ungiückielig, wenn du deiner 
Beftimmung nicht gemäg lebeſt. Nuze alfo dein Dafeyn, 
deine Gaben, deine Zeit, deine Güter ! Du haft 
Beibesfräfte, dich und deinen Nächften glüklih zu mas 
hen — Seelenfräfte, Vieles zu erfennen, zu erforfcheny, 
zu wählen, zu verwerfen — Wahrheit, Bollfommenheif 
und Freude in immer größern Maaße zu faſſen — Du haft 
Sinnen , die eben fo viel Quellen find, aus denen du 
Kentniße , bimmlifhe Empfindungen, und Wonne eines 
Engels fhöpfen Eanft — Sie fleht vor dir da, in Ei 
niglicher Pracht, die ganze Natur — fchaue, umarme figz 
fo wirft du bald ein Freund ihres Vaters , und feines 
Willens, und feiner Wege werden. 


Du bift ein Chriſt! Gefchaffen in Chriſto Jeſu zu 
guten Werfen und zu einen ewigen Erbtheil— Bor bie 
liegen die Gefeze und Offenbarungen beines Gottes — fie 
find dein Licht, dein Seelenbrod , deine Rathsleute! 
Lerne von ihnen dag Verderben deines Herzens und deine 
unzeblichen Abweichungen erfennen — Sep befrübt über 

| Jiii dieſel⸗ 


1174 Zwey und funfzigfte Tafel. 


biefelben und fey auf deiner Hut! Du haft Feinde die 
dich verführen wollen, Fleiſch und Blut, das dich unzeh- 
lich oft täufchet — Aber du haft einen Freund, der dich 
gu Gort führen, heilig, ſtark und glücklich machen will — 
Jeſus Ehriftus iſt dein Bruder worden, bein Verföhner, 
dein Ales — Glaube an ihn, halte dich zu ihm, richte 
dich nad) feinen Vorſchriften — Sey nur recht begierig 
nach deiner Heiligung , und bitte ihn um ein frommeg 
Herz, um feine Gnade und Leitung, fo wird er bir Vers 
fand und Tugend,” und feinen Geift geben, der dich in alle 
Wahrheit leitet. Ueberwinde dich felbfi, fo wirft dur alles 
andere überwinden Fönnen ! 


Und dann wird eg bir leicht werden alle Befehle 
beines Gottes zu beobachten — ihn über alles zu lieben, 
zu ehren, zu fürchten, zu vertrauen, zu erhöhen — dich 
und deinen Bruder , auch Feinde zu lieben — auch bie 
größten Widermärtigfeiten mit Gedult zu ertragen — 
Dann mirft du Friede haben mit Gott, Freude des Herzens, 
überfhmengliche Freude und Ruhe, Heiterkeit bey allen 
Abmwechflungen des Lebens — alles genug, alles in 
Einem , alles in Allen — Getroft wirft du felbft in 
beiner Testen Lebensftunde feyn „ und im Derlieren aller 

nnen und Kräfte, dein wahres Leben und die Hoffnung 
wicht verlieren, in einer beffern Welt ein über alles Denfen 
wichtige Herrlichkeit zu finden! 


Froh über alle diefe Ausfichten wendet der Ehrift 
allen feinen Sleiß daran, feinen himmlifchen wahren Beruf 
- immer ernftlicher zu treiben. Entzuͤckt über das große 
Heil Gottes und feiner Gnade fiebt feine Seele (f. die 
Vorſtellung auf der Tafel) mit Scraphsblick in das Aller 
beiligftie — Strahlen der bimmlifchen Erleuchtung machen 

fie 


F 





Das Ende der Welt. 1195 


fie weife und froh — Gottes Ofienbarungen find ihr 
lieber als Gold und Silber — Der Gekreuzigte ift ihr 
göttliche Kraft und göttliche Weisheit — ein Blick auf den 
Tod und auf die feeligfte Verwandelung geben ihr Abends 
mahls » Freuden — Ein frommes Herz ift ihr einziger , 
Wunſch, ihr unaufhörliches Beten ; 


Ein Herz das dih , o Vater ! Jiebt, 
Und deines Sohns fich freuet; 
Das in dem Glauben Tugend übt, 
Und fi) vor Sünden fcheuet; 
Ein folhes Herz, das wird allein 
Eich ewig beiner Güte freun, 
Und einft bein Antliz fchauen. 


Und fol ein Herze wollſt du mir, 
Gott ! aus Erbarmen geben, 
Damit ich möge auch fchon bier 
Nady den Gefegen leben, 

Die felbft im Himmel gültig find; 
Dis ih, ale dein bewährtes Kind, 
Zu beiner Freude gebe ! 





[| u  ULDNELEZLLIEN 


T» 
Die Welten, 


(CA Schmetterling flog in die Some, dann feste er 
fih auf eine Lilie, und fahe mit großen Augen um ſich 
ber. Was fiehft bu fo erflaunt, Kleiner Freund rief 
ihm eine Taube von der Dachrinne zu. Der Schmetters 
ling antwortete ; Sich febe eine Welt von Blumen um 

Siiia mid 


1176 Zwey und funfziafte Tafel. 


mich her, von taufend Farben, taufendfacher Bildung und 
Anlage — Die Taube verfezte : wuͤrdeſt du mein Auge 
haben, fo wuͤrdeſt du noch eine Welt fehen, lange Korn» 
Zelder, Auen, Berge und Thäler, und dagwifchen fchlän. 
gelnde Bäche, fruchtbare Baume, Wohnungen ber Mens 
Then und der Thiere — 


Pin Rnabe hörte fie fo reden und rief : Haͤtteſt du 
mein Auge, Taube, fo mürdeft du die aufgehende Sonne, 
die befchneiten Alpen , das unabfehbare Meer, fegelnde 
Häuffer , ſehen — 


Ein artiger Herr ſagte: Auch bein Auge ift noch 
ſchwach fiehe mit meinem, und betrachte eine Affemblee 
von Damen, die von ihrem Throne, einem Sopha, Ges 
fege geben — von Herren, die fih um fie herum trillen, 
von Spieltifhen, von Büfets — das iſt bie artige, die 
große Welt. | 


- Ein Philofopb rief : Ich meine noch mehr von 
der Welt zu ſehen — ich febe fie nicht blos mit dem leid» 
lichen Auge, ich fehe fie mit dem innern Auge des Plato, 
das Myriaden von £örperlichen Augen übertrift, und und 
die Gedanken, den Entwurf und die Abfichten des Schoͤ⸗ 
pfers entdecket, das ganze Syſtem der Wahrheiten — 
die Nichtfehnur aller Bewegungen unfter Seele , aller 
Handlusgen des ganzen Menfchen, die Grundgefeze, durch 
welche das ganze Wohl und Uebel des Menfchen , bie 
Thaten und das Schickjal der Könige und der Bürger, ber 
Nationen und der Privatperfonen beftimmet wird — 


8. 





Das Ende der Welt. 1177 
NE ANLEGER 


8. 


a Rei der Todten, nach den Begriffen 
der Alten. 


ie gehe von der UnfterblichEeit der Seele fand zu 
Hen, auch in den älteften Zeiten, auch unter beidnuchen 
Voͤlkern vielen Beifall ; allein fie ward jederzeit (die Vils 
fer ausgenommen, melche die göttliche Offenbarung haften ) 
durch viele Vorurtheile und Zufäze Aufferft entfiellt. So 
glaubten 5. E. die Egyptier, mit der immermährenden 
Dauer der Seele, eine beftändige Wanderung berfelben, 
und lieffen fie, nach ihrer Trennung vom feibe, in vers 
fchiedene Thiere fahren , und erft nach 3000 fahren in 
einen menfchlichen Körper, und endlid in Gott oder in bie 
Seele der Welt wieder zurüce kehren, 


Nach) der Fehre der alten Griechen und Römer, 
gelangte die Seele, wenn fie von Leibe abgefchteden war, 
oder wenn die Parce Atropos den Kebensfaden abge 
ſchnitten batte (Tab. IV, 8.), an emen gemiljen Dre 
ihres Fünftigen Aufenthaltes. Diefen ftellten fie fih als 
ein fehr geräumiges, fuͤrchterliches, tief unter der Erde 
liegendeg, Behältniß vor, welches fie überhaups Tartarus 
nannten , obgleich eigentlich der fürchterlihe Aufenthalt 
für die Böfen alfo genannt wurde, Ehe aber die Seele 
in das Reich der Todten Fam, mußte fie über etliche fürchs 
terliche Flüffe wandern , über den braufenden Acheron, 
ben fchlammigten Rocytus, den von Pech und Schwefel 
zauchenden Styr und über deu Feuerfirom Pblegeton. 
Ein alter verbrüßliher Mann , welcher Eharon 5b y 

Jiii 3 mugte 


1178 Zwey und funfzigfte Tafel. 


mußte bie Seele über diefe Slüffe , vornehmlich über den 
Acheron, in einem Kahne führen. _ Dafür befam er von 
iedem Schatten ein Fäbrgeb — Doch Fonnte ihn die 
reichlidyfte Bezahlung nicht bewegen, foldye Seelen in fein 
Schiff zu nehmen, deren Leiber noch nicht begraben waren; 
fie mußten hundert Sjahre warten, dann erft nahm er fie 
- in feinen Kahn auf. Den Eingang in den Tartarus bes 
macht der breyköpfichte Hoͤllenhund Cerberus, der zwar 
die anfommenden Seelen mit freundlichen Geberden ein. 
treten läßt , aber mit voller Wuth dieienigen anfällt, 
welche ihr angewiefenes Behaͤltniß wieder verlaffen wollen. 
Das Urtheil über die abgeichiedenen Seelen fällten brey 
unterirdifhe Richter : Minos, Aeakus und Ahadas 
mantbus , nady aller Gerechtigkeit und Wahrheit. Die 
Buten wurden bierauf in äufferit angenehme Begenden ge» 


wiefen , welche elifäifhe Selder genennet murden — 


Da tranfen die Glükflihen aus dem Fluß Lethe, und 
vergaßen alle ihre Mühe und Plage, die fie auf der Welt 
hatten — Sie wohnten an fchattigten Haynen, an fühs 
len Bähen, auf blumenreihen Sluren — ba berrfchte 
goldne Zeit, ohne Kafter, ohne Uebel, ohne Befchwehr- 
lichfeit, vol Vergnügen und Wonne — 
Verurtheilten aber die Hoͤllenrichter eine Seele zur 
Dein und Strafe, fo wurde biefelbe ſogleich, von 
den Furien, in ben eigentlih fogenannten Tartarus 
verfioßen , welches ein dunkler , falter Ort war, mit 
ehernen Mauern und Thoren , und von einer dreyfachen 
Tracht umgeben. In demſelben gab es, auffer den Zus 
tien noch mehrere Ungeheur, melche bie Verdammten in 
der Hoͤlle unaufhoͤrlich quälten, nehmlich: die Chimären 
mit einem feuerfpeyenden Loͤwenkopfe, Drachenſchwanze 
und Ziegenbauh — Harpyen mit Weibergefihtern, aber 
mit 


ee RE FE 


Das Ende der Welt. 1179 


mit feibern und Klauen eines Geyerd — fcheugliche 
Gorgonen oder Medufen, Weiber mit Schlangen flatt 
der Haare — Welche Miffethäter ihre Strafe in biefem 
Leben nicht empfiengen, wurden der Rache biefer Plage» 
geifter übergeben , welche fich daher immer bey dem Rich— 
terfluhle des Minos in Bereitfchaft finden liefen. Aufs 
ferdem benannten die Alten noch mehrere Strafen, welche 
ben Verdammten auferlegt wurden, da muß z. €. Syfl 
phus, meil er einft den Tod angefeftet hafte, ohne Aufe 
hören, Steine bergan wälzen, bie allezeit wieder herunter 
rolen — Da muß eine Anzahl Danaiden , weil fie 
fämtlich ihre Männer in der Brautnacht ermordeten, durchs 
loͤcherte Fäffer , die niemals vol werden, mit Waſſer 
füllen — Da muß Tantalus , welcher bey einem Goͤtter— 
befuche, lieder feines Sohnes aufgetifcht hatte, bis an 
den Mund im klarſten Waſſer ſizen, und unaufhoͤrlich 
Durft leiden — Da ift Ixion, der die Göttinn Juno 
beleibigfe , an ein beftändig fich umdrehendes und mit 
Schlangen umwundenes Rad gefeſſelt — 


Aehnliche Strafen diktirten die Goͤtter oͤfters, noch bey 
Lebzeiten, den Verbrechern, z. E. Prometheus hatte die 
Menſchen gebildet, und entwendete, zu ihrem Beſten, 
das Feuer aus dem Himmel. Dafuͤr ward er an das 
Gebuͤrge Kaukaſus, auf Jupiters Befehl, angeſchmiedet, 
wo ein Geyer ihm immer die Leber ausfraß, die alsdenn 
von Neuem wieder anwuchs — Andromeda, welche 
ſchoͤner ſeyn wollte, als Juno, wurde an einen Fels mit 
Ketten angeſchloſſen, und von einem Ungeheur geaͤngſtiget, 
u. f. mw. 

Die oberften Sottheiten im Reiche der Todten waren 
Pluto, und feine Gemahlinn Proferpina, eine Tochter 
ber Ceres, melde er mit Gewalt raubte, umd mit fich 

Jiii 4 in 


1186 Zwey und funfzigfie Tafel. 


in die Hölle führte, Er felbft fizet, ihr zur Nechten, auf 
einem Throne von Schwefel, und hat eine Krone von 
Ebenholz auf dem Haupte, ober eine Sturmhaube, welche 
ihn unfichtbar macht , und flatt des Zeyrerd, eine Nuthe 
in der Hand. Er wurde auch als der Gott aller unter 
irdifchen Schäze und Neichthümer verehret ; dem zugleich 
die nächtlichen DBlize, und die Einführung der Begräbniffe 
und Leichenbegänaniffe zugefchrieben wurden. 





9. 
Brief eines vwerftorbenen frommen Sohnes 
an feine Schweſter. Eine Fiktion. 


Se, der mohlerzogene Sohn einen rechtihaffenen 
Landgeiſtlichen, befam in feinem zwölften Jahre die Blat— 
tern. Seine guten Eltern brauchten alle nur mögliche 
Mittel, ibren Liebling zu retten ; und Tag und Nacht 
famen fie nicht ven feiner Seite. Selbſt feine einzige 
Schweſter Wilhelmine, wendete alle ihre Kräfte an, ib. 
rem liebften Ferdinand , two möglich, feine großen Schmer- 
zen zu erleichtern. Sie unterhielt ihn mit angenehmen 
Erzehlungen , zeigte ihm Kupferſtiche und Stüde aug ih» 
red Daters Naturalienfabinet, und mifchte ihm felbft die 
Urzneyen , die er gebrauchen mußte. Aber die Vorſe— 
bung, bie ihre weifen Abfichten den Furzfichtigen Menſchen 
nicht allezeit befannt macht, nahm ben beften Eltern biefe 
vortrefflihe Pflanze, um fie in berrlichere Gegenden zu 
verfezgen. Niemand fühlte diefen Verluſt ftärfer als Wil. 
belminhen. Sie war untröftlih. Wo fie ſich nur aufhielt, 
da empfand fle, daß die Hälfte ihres Gluͤckes entflohen 

war, 





Das Ende der Welt. iier 


war, da rief fie ihren Ferdinand; und felbft im Traume 
befchäftigte fie fich mit ihrem zu den Engeln hinüber ges 
gangenen Bruder. Wie fehr groß muß alfo ihre Freude 
geweſen feyn, als fie einft den Morgen noch bem ſuͤſſeſten 
Traume, folgenden Brief von ihrem verherrlichten Ferdi« 
vond auf ihrer Bibel liegend fand : 


Meine vortrefflihe Schmwefter ! 


Da du mich, mie ich noch bey dir war, mit der 
größten Zärtlichkeit liebteſt, fo bin ich überzeugt, daß dich 
meine Trennung in die tieflte Traurigfeit verfeset hat. 
Aber traure nicht, gutes Mädchen. Diefer Brief wird 
bir fagen, mie fehr di deine Liebe zu mir beleidigeft, wenn 
bu nur noch eine Zähre um mich vergieffen toollteft. 
Gleich nach jenem lesten Kuße, den ich von bir auf mei— 
nen Lippen fühlte, empfand ich den fanfteften Schlummer; 
den ich in meinem kurzen Leben gehabt habe. Er dauerte 
nur einige Augenblide — ich erwachte und mein Geift 
entiwallte dem Körper, dem du iezt, in Threnen ſchwim⸗ 
mend, bie Augen zudruͤkteſt. Und nun empfand ich, was 
etwa, aber in unausfprechlich Fleinern Grabe, ein Ge» 
fangener empfinden mag, ber mach einem zehniährigen 
Aufenthalte im fchrecflichften Kerfer , und endlich am heis 
terften Srählingsmorgen die Feffeln abwirft, und im 
fhönften Kreife der lächelnden Natur die -erfle gefunde 
Luft einathmet. Sch fahe mich auf einmal auf einer hell 
blauen, gewoͤlbten Fläche, die fi) in weite Grenzen ver 
lohr. Ueber der Luft, ber ich entgegen manbelte, ſchwebte 
eine unausſprechlich reizende, purpurfarbene Dede, au 
welcher Milionen Goldſtrahlen fpielten.  Dft beſtes 
Wilhelminchen, freuten wir ung des Glanzes der Morgen « 
Sonne, und nannten bie Klarheit bed Morgenhimmels 

Jill eine 


1182 Zwey und funfzigfie Tafel. 


eine bimmlifhe Morgenroͤthe — Aber ich fage bir, 
Ecmefter, daß wir ung fehr irrfen. Es war das Mor 
genroth ber Sterblichen , in ben dickſten Nebel gehuͤllet, 
und viel zu weit von ung , als daß wir dag Entzüden, 
bag in feiner Fülle wohnt, hätten fühlen Finnen. Nun 
fab ichs, obne Hülle, in der Nähe, und mein Körper 
erhielt einen neuen, für dich nod) namenlofen Sinn, ba 
er fi) in dem purpurnen Meere beffelben badete. 


Anfänglich herrſchte um mid) eine feyerliche Stille, 
die aber faufendmal reizender war, als die Mitternachte. 
file im Fruͤhlingshaͤhne, die der volle Mond beleuchtet. 
In diefer füffen , reizenden Gegend verfuchte ich meine 
Gefchwindigfeit, und ich erftaunte über mich feibff. Denn 
es dünfte mir, als ob bisher taufend Feffeln an meinem 
Körper gefchmiedet geweſen wären. ch fchmebte bald 
taufend Meilen empor, bald flog ich feitwärte, bald drang 
ich durch die Morgenröthe hindurch mit einer £eichtigkeit, 
die dein eingeförperter Verftand noch nicht faffen kann — 
Märe dag Bild eines Schmetterlingg, bey euch Sterblichen 
nicht mit gewiſſen Nebenbegriffen verbunden , fo möchte 
ich dir wohl fagen, daß ich taufendmal leichter wie er, 
taufenbmal fchneller, durch dieſen goldgeftreiften, purpure 
nen Aether flog, bald langfamer ſchwebte, im niegefühlten 
Taumel die neue, fanfte Luft einzuathmen — bald mwieber 
ſeitwaͤrts eilte, in das große, blaue, fi mölbende 
Meer zu blicken — bald wieder im ftärfften Fluge durch die 
Purpurfluthen raufchte, um ienes für dich namenlofe Ent: 
zücen zu fühlen, das ich empfand , wenn meinem neuen 
Körper das fühle Gewoͤlke der Morgenröthe badete, und 
fo immer höher empor ſchwebte — So füße, o Schwefter, 
war diefer erfte himmlifche Morgen, den ic; nach meinem 
Echlummer erblickte. 

Auf 





Das Ende der Welt. 1183 


Auf einmal ſtroͤmte ein Leben in biefe Gegend, bag 
die Ankunft eines neuen Entzückens verfündigte. Und nun 
fahe ich eine große Schaar unausfprechlich fchöner , froͤlich 
zu mir herunter ſchwebender Geftalten um mich her. Es 
waren Nerherrlichte meines Alters. Gefegner feyft du 
uns , geläuterter Sohn der Erde, gefegnet feyft du 
uns , deinen Gefpielen , den feligen Knechten des 
Ewisgen ! fo thönte eg im hellen, freudigen, taufendftims 
migen Silberton durch die ganze weite Fläche hin — Sich 
verſuchte meine Wonne dur eine Sprache auszudruͤcken; 
und, o Schmwefler, bisher hemmten Zentnerfteine den 
Yurgang meiner fterblihen Bruft — iezt aber entfirdmte 
meinen Lippen die Sprache mit einer Leichtigkeit und in 
einer Fülle, die mich in Erfiaunen feste. Heil euch, rief 
ih, Rinder des Ewigen ! Heil euch in diefen Gefil; 
den des Friedens! Und nun drängten fie fich mit holdem 
Laͤcheln zu mir heran, führten mich durch den purpurnen 
Aether hindurch, und brachten mich in dieienige Sonne, 
deren ſanfte Strahlen die ganze bisherige Gegend ſo un— 
beſchreiblich ſchoͤn bemahlt hatten. Allenthalben begegne, 
ten mir Verherrlichte, die fi) nach einer ber ungeblichen 
Sonnen, ober in eine von ben Welten Gottes ſchwangen, 
um bdafelbft die Wunder des Emigen zu betrachten. 


Kaum hatte ich mit meinen Begleitern bie fchöne 
Sonne betreten, als ich neue Seeligfeiten erblickte. Ein 
reines tauſendfaches meifferes Licht als der Schnee, firalte 
duch bie ganze Welt, und ic) fahe Myriaden von himm, 
lichen Geftalten in einer Fläche von vielen faufend Meilen, 
wovon mid) das helle Licht die entfernteften eben fo deutlich 
erkennen ließ, als die nächften. Auch biefe Himmelsve, 
wohner waren fämtlich von meinem Alter; und der erſte 
der ſich mit mir unterhielt, war Heinrich, unfer Coufin, 

der 


1184 Zwey und funfzigfte Tafel. 


ber mir vor einem Jahre in dieſe entzückenden Gegender 
vorangieng. Du meift es, Wilhelmine, er mar nod) ale 
Sterblicher dag Mufter eines fhönen Knaben. Aber wie 
ſehr erftaunte ich iest über feiner verherrlichten Geftalt! 
In feinen Augen ſtrahlte Himmlifche Weisheit ; fein Mund 
lächelte mir mit einer Huld , mogegen die Freundlichkeit 
unfrer Mutter nichts mehr ale matter Ernft it — auf 
feiner Stirne wohnte eine Heiterkeit und Unfhuld, wovon 
etwa derienige Sterbliche einen Theil befizen koͤnnte, ber 
noch nie eine truͤbe Minute erlebt hat. Seine Wange 
glühte von einem Feuer, bag mich fogleid) an ihn zog, 
um mein Herz in dem feinigen zerfchmelzen zu laffen. 
Seine ganze Geftalt war zwar nod) die vorige, denn ich 
fannte ihn gleih; fie war aber taufendmal fchöner, ale 
bie tunge, auffeimende Roſe — dag Anfühlen feines 
Leibes war fo fanft, ale bag Eühle, feidne Gewand, 
wenns vom Weſtwinde befächelt wird. Seine Schnellig- 
feit war taufenbmal ftärfer , als die Bewegungen des iun⸗ 
gen fehlanfen Rehes. Seine Stellung verfündigte himm⸗ 
liſche Freyheit — fein Gang war edel und mit einer 
Maieftät verbunden, die du nie an einem flerbfichen Könige 
gefehen haft. Seine Stimme — ad) was foll ich fagen — 
die herrlichfte Stimme eines irrdiſchen Sängers ift dagegen 
wie Ton des Blechs gegen Silberton — 


Noch ſprach er mit mir von ben Wundern des Ewr⸗ 
gen, bie feine Gefpielen heute in einer Sonne erblicen 
würden, als eine tiefe Stille fi) in der ganzen unabfehs 
lichen Schaar von himmlifhen Knaben verbreitete. Auf 
einmal lag bie ganze Menge auf ihren Gefichtern, und 
auf einer blauen, mit Purpur und Gold geftrahlten Wolfe 
fuhr einer vorüber, deſſen Maieflät in alle meine Glieder 
don heiligften „ entzuͤckendſten Schauder ergoß. Seine 

Augen 





Das Ende der Welt. 1185 


Augen ſtroͤmten himmliſche Wonne tief in iede meiner Adern 
hinab, und ieder ſeiner Blicke war eine Sonne, die einſt 
die Todten beleben wird. Bein Lächeln war wie dag 
Lächeln der Morgenrsthe nach einem fiebentägigen Donner: 
furm — Gh hörte ihm mit unbefchreiblicher Huld die 
Worte fprechen : Seyd mir gefegnet, ihr alle meine 
Erlöfeten ! Und plözlich erfchallte im hellen, filber£lin. 
genden, taufendflimmigen, gemaltig hinraufchenden Jubel, 
ton von Millionen Lippen : Heilig ift Jeſus Chriftüst 
“eilig iſt Jeſus Ehriftus ! Heilig ift Jeſus Chrifius! 
und die entfernteften Sphären tönteng eben fo mächtig laut 
wieder : Heilig ift Jeſus Chriftus ! Und nun alles 
ihm nach im Triumphe — Die güldnen Thore einer neuen 
Sonne ‚ der wir entgegen eilten, oͤffneten fih — und ich 
fabe, # Wilhelminden — — | 





Ber: 


, 1186 


Verzeichniß 
J. der bibliſchen Erzehlungen: 


* 


Erſchaffung der Welt. 
. Adam und Eva. 
. Der Sünbenfall. 
. Kain und Abel. 
. Die Sündfluth. 
. Der Thurnbau zu Babel. 
Abraham. 
. Sodom und Gomorrha. 
Iſaack. 
10. Jakob. 
11. Erſter Theil der Geſchichte 
Joſephs. 
Zweyter Theil derſelben. 
Moſes. 
Die egyptiſchen Plag'n. 
Iſraels Ausgang aus 
Egypten. 
Reiſe der Iſraeliten. 
Stiftshuͤtte und Lager 
der Iſraeliten. 
Suͤnden ber Iſtraeliten. 
Ende der Reiſe der Iſ⸗ 
raeliten. 
20. Simſon. 
21. Eli und Samuel. 
Saul. 


v.onaunı» wo % 


12. 
13. 
14. 
15. 


23. 


. Zwepter Theil derfelben. 
. Dritter Theil. 

. Salomo, 

. Elia, 

. Elifa. 

Jonas. 

. Hisfiaß. 
.Nebucadnezar. 

. Daniel. 

. Eftber, 

. Hivb, 

. Ehrifti Geburt. 

. Chrifti Jugend. 

. Ehrifti Taufe. 

. Ehrifti Wunder, I. Klaffe. 
. EHrifti Wunder, II.Klafe. 
Chriſtus und Nifodemus. 
. Ehrifti Kinderliebe. 

. Des Siemann. 

. Der barnıh. Samariter. 
. Der verlohrne Sohn. 

. Der reihe Mann. 

46. 
. Das Abendmahl. 


Erfter Theil der Gefchichte 
Davids, 





Die zehn Jungfrauen. 


48. 


Verzeichniß. 1187 


48. Chriſti Leiden u. Sterben. 51. Martyrer. 
49. Sendung des h. Geiſtes. 52. Ende der Welt. 
so. Evangeliſten und Apoſtel. 


II. Der Vorſtellungen aus dem gemeinen Lehen: 


1. (Das Zedervieh.) 27. Das Luftſchiffec. 

2. Der Akteur. 23. Begraͤbniße ꝛc. 

3. Irrlichter. 29. Das Schiff, von auſſen. 
4. Der beſtrafte Wolf. 30. Die Affekten. 

5. Ein unfruchtbarer Baum. 31. Verwilderte Menfchen. 


6. Das Pflanzen und Ge 32. Die Menagerie. 
deihen. 33. Die Schminfe. 
7. Folgſamkeit und Eigenmwille, 34. Glaube, Liebe, Hofnung:e. 
8, Leichtfinn und Sicherheit. 35. £oretto. 
9. Gehorſam, Häflichfeitze, 39. Tempel der Tugend. 


20. Das Reiſen. 37. Taufe der Katholiken und 
11. Dee Sklavenhandel. Griechen. 

12. Inſignien, Wappenıc 38. Die Elektricitaͤt. 

13. Lebensgefahren. 39. Wunder der Heiligen. 
14. Taſchenſpieler ꝛc. 40. Frauenzimmer⸗-Arbeiten. 
15. Der Pharos. 41. Kinderſpiele. 

16. Die Schlacht zu Lande. 42. Schlechte Andacht. 

17. Priefter , Trachten. 43. Werfe der Barmherzigkeit. 
18. Indianiſche Goͤzenbilder. 44. Ungerathene Söhne. 

19. Der Wafferfall. 45. Der Wollüftling. 

20, Starfe Leute sc. 46. Sanftmuth, Demuth c. 
31. Spartanifche Erziehung. 47. Abendmahl der Kathol:x. 
22, Amuleten ꝛc. 48. Kirche zum h. Grab. 
23. Das Turnier ꝛc. 49. Gerechtigkeit, Friede ꝛc 
24. Pferde, Eſelꝛc. 50. Mönche. 


35. Mufikalifche Inſtrumente. 51. Toleranz. 


26, Der Porcellaintburn. 52, Zodtenföpfe. er 


2188 


Verzeichniß. 


II. Aus der Profangefchichte: 


. (Die vierfüßigen Thiere. ) 


a. Die verfchiedenen Natio— 


son av B u 


nei. 


. Das Labyrinth zu Kreta. 
. Romulus und Remus. 

. Das Erdbeben zu Liffabon. 
. Die Pyramiden. 

. Kaifer Sjofeph II. 

. Zroianifcher Krieg. 

. Mexikanifches Menfchen- 


opfer. 


10. Artabazanes und Kerxes. 
11. Saͤchſiſcher Pringenraub. 
12. Kaiſer⸗Kroͤnung. 

13. Cyrus. 


14. 
15. 
16, 
17; 
18. 
19. 
20. 
21. 
22. 
22. 
24. 
25. 
26, 
27, 


Hatto. 

MWalfarth nach Mecca. 
Gefeze der 12. Tafeln. 
Ehinefifche Pagode, 
Karl der Große. 
Columb. 

Weiber zu Weinsberg. 
Brutus. 

Nero. 

Das Stiergefedhte. 
König von Pohlen. 
Berühmte Dichter. 
Alexander der Große. 
Roͤmiſcher Triumph. 


28. 
29. 
30. 
31. 
32. 
33. 
34. 
35- 
36, 
37. 
38. 


47. 


Das Maufoleum. 
Der Doge zu Benebig. 
Die donnernde Legion. 
Perillus. 

Beliſar. 

Das Roſenfeſt. 
Calas. 

Roͤmiſche Geſchichte. 
Juͤdiſche Geſchichte. 

Chriſtliche Geſchichte. 

Mahomedaniſche Ges 
ſchichte. 


. Heidnifche Geſchichte. 


Chineſiſche Gefdichte. 


. Pädagogen. 

. Gärten zu Babilon, 

» Die Freymaurer. 

. Straffenrauber. 

. Solon und Eröfus. 

. Berühmtes Frauenzim⸗ 


mer, 
Die hohe Meße. 


Codrus und Curtius. 
. Kirchenverfammlung. 
, Gelehrte , Noms und 


Griechenlands. 


. ESofrates, Senefa x. 


Zerſtoͤrung Serufalem. 


IV. 


* 


Verzeichniß. 


1193 


VHI. Mythologie und Alterthünter, 


1. (Das PMlanzenreich. ) 28. Abag. 

2. Prometheus, 29. Die Argonauten. 

3. Alcideg, 30. Telephus. 

4. Die Parzen. 31. Wald , und Feldgötter. 

5. Deufalion und Pyrrha. 32. Das Amphitheater. 

6. Der Riefenfteeit, 33. Göttinnen der Griechen 

7. Philemon und Paucis. und Römer. 

8. Vulkan und die Cyklopen. 34. Die Grazien. Die Fur 

9. Iphigenia. rien. 

10, Hochzeiten dee Römer, 35. Phaeton. 

11. Das Glück, der Neidic. 36, Der Dianentempel. 

ı2. Flora, Cered, Pomona, 37, Neptum. 

13. Oedipus. 38. Aeſkulap. 

14. Egyptifche Gottheiten, 49. Memnong Bildfäule. 

15, Des Ulyſſes Reifen, 40. Bäder der Niten. 

16. Die Sibylien. 41, Vermandlungen, 

17. Das Drafel. 42. Epimenideg, 

18. Götter der Griechen und 43, Gaftfrenheit der Alten. 
Römer, 44. Bacchus. 

ı9. Mars, 45. Midas. 

20. Herkules. 46, Die Veftalinnen, 

21 Dpfergebräuche ber Örie- ,,, Gaftmahle der Alten. 
chen und Roͤmer. 48. Die pythiſche Schlange. 

22. Medea und Lirce. 49. Die Muſen. 

23. Spiele der Griechen und Deutſche Setchgn 
Römer. 51. Pentheus. 

a4. Einige alte Ungeheuer. 52. Himmel unb He bex 

25. Orpheus. Alten. 

25. Der olympifche Jupiter. 

27. Ikarus. Däbalus. Ga—⸗ 


nymed. 


Krret 


IX. 


1194 


3; 


Verzeichniß. 


IR, Moraliſche Erzehlungen: 


(Die vier Elemente.) 


. Die Weifen: 
. Nicht beffer ‚denn Adam 30. Die drey Warnungen. 


un: Eva. 


. Kür dem Form. 

. Robinfon. 

. Entwürfe, - 

. Der Lügnek, 

. Kabeiciug, 

. Das verlohrne Rind. 

. Ein Traum. 

. Die Schickfale. 
Chineſiſche Anekdote, 
Das errettete Kind, 

. Dag Wahrfagen. 

. Sanut. 

. Die Rörigs- Rinder, 

. Der belehnte Kirchgang, 
. Der Fiucher. : | 

. Der Bach. 

. Befferung einer boͤſen 


Frau. 


. Der beitrafte Water, 

. Der beftraffe Abgstter, 
Verdienſt bringt Achtung.‘ 
. Die Sreundfchafts- Probe, 
. Milltam Crotch. 

. Der Nichterfprud. 

. Taric und Thirza. 

. Der Einfiebler. 


29 


31. 
32, 
33. 


46. 


47. 


48. 


ran kann nicht allen ge—⸗ 
fallen. 


Der Weiſe und der Narr. 
Der unfchuldige Minifter. 
Klugheit erreffet vom 
Tode, 


. Reichtgläubigfeit. 
: Der Exldfete. 
. Dag unverhofte Wieders 


feben. 


Das Kind am Rheine. 

. Dlindes Frauenzimmer. 
. Der wohlihätige Mann. 
. Der wohlthätige Befud). 
. Gefpräche. 

. Der Nachtwanderer. 

. Edles Mitleiden. 

. Der bife Studente. 

45. 


Der Ducascnregen, 

Der König auf ein Fahr. 
Koſtbare Gefundheit. 
Moltemade. 


. Eid der Miffenfchaffen. 
‚ Eine Befehrungsgefchich- 


te. 


. Gott und Abraham. 
. Ein Brief aus dem Him⸗ 


mel, 





Regiſter. 








Kegiiter 
der merkwuͤrdigſten Sachen und Perſonen. 
A. 


Alkoran N 


1195 


Abas, 1 52. IL 781. 
Abendmahl, Alraun, 388. 
Einſezung deſſelben, Alter dee Menſchen, I. 30. 
11. 1016, Amazenen, I. 998. 
— ber Katholifen, I. 1023. Ameifenldwe, I. 436, 
— ber Griechen, II. 1026. Amerifa, 1.1.5064 
— der Reformirten, Il. 1030, Amphitheater, 11. 621. 
— der Lutheraner, Il. 1033. Amputation, 1]... 784. 
bel, 1... 572 Amuleten, 1, ‚387% 
Aberglaube, I. 302. Ananas, 1... 334% 
Abgerichtete Thiere, J. 415. Anakreon, 1. 453% 
Abraham, J. 103. Anatomie, 11. ı1so, 
— und Gott, U. 1155. Anton sy I. ‚1219, 
Ackteur / 1. 25. polo, D. 1074: 
Adam und Eva, I. 23. Apollo und Mi- 
Aeneas, der jurin, I. 374. merva, I. 793. 
Aeſkulap II. 794. Apollo und Muſen, IL 1098. 
Aeſop, II. 1144. Apoſtel, II. 1106. 
Affen, 1. 415; V. 590. Apotheker, — 5 
Affekten, I. 563. Argonauten, J— 
Akademien, ‚II. 1088.. Argus, 1. 442 
Alceſt, II. 1073. Ariadne, — u48 
Alcides, I. 52 Ariſtoteles, LEER 
Alexander, I, 475, Armee, I. 266, 
| Kkkt4 Armuth, 


1196 

Armuth, I, 
Artabazanes, F 
Arzt, II. 
Aſtrologie, J. 
Athos, I. 
Auge, ID. 


Augẽb. Ronfeffion, I. 
Ausgang der Iſrae⸗ 


liten , I, 
Ausgieffung des b, 
Geiſtes, II. 
Avtomata, IL, 
B. 
Babyloniſche Gaͤr⸗ 
ten, II. 
— Thurn, J. 
Bach, J. 
Bacchus, 1I. 
B.ıder und Barbier, 1. 
Bäder / TI. 
— ber Alten, I. 
Bär, J. 
Baͤumchen und der 
Landmann, 1. 
Balanziren, J. 
Ballhaus, 1. 
Balfam, II, 
Barometer, II. 
Barmh. Samariter, I. 
Barmherzigkeit, II. 
Vaſedow, J. B. U, 


Regiſter. 


78. Bauch und Glieder, J. 
159. Bauchredner, J. 
790. Bauern, I, 
112.  — bie fich über Me 
272, erſten Menfchen 
785.  befchweren, J. 
1085. Bauern, zwey auf 

der Siraße, T, 

244, — unterber@ihe, 1. 
— mit den Früch» 

1077, fen, II. 

100%, — der abgebrannte, II. 

Paufunji, J. 

Baum,unfruchtbarer, I. 

Baumwolle, J. 

895, Bed, I. 

87, Bearäbniffe der Alten, J. 
342, Bekehrungsgeſchich⸗ 
951. te, ARE 

64. Belagerung, J. 
842. Belehrung, I. 
848: Belifar, u. 
415, Berge, feuerſpeyende, I. 

— — / J. 

378. Bergwerke, J. 
232, Berill, II. 
438. Berufsgeſchaͤfte, J 
917. Beruf, aller Mens 
818, ſchen, 1. 
901, Beſuch, ber wohl- 
903, tbätige } II, 
862, Bentetbir, , TI. 


185, 
554- 


619, 
672, 
289, 

73: 
334. 
199 
517, 


1133, 
329, 
49, 
608. 
79% 
271, 
483, 
645, 
34: 


1172, 


851, 


573, 


Biber, 


Verzeichniß. 


11683 


IV. Aus des Herrn Baſedows Elementarwerke. 


I. 


. Filinen 


; Belehrung. 
. Trieb zum Leben. 

. Die Pet, Theurung ie. 

. Das Haus. 

. Die Wohnungen: 

.Die Feuersbrunſt. 

.Das Sterbebette. 

. Die gute Fanulie— 

. Die Birfe in Londen. 

. Der Monarch. 

. Die Geburt des Menſchen. 
. Düs Balanziren- 

. Das Fagef. 

. Das Seetreffen. 

. Die Säulenordnungen. 
. Die Strafen. 

. Die Belagekung. 

. Unartiges Frauenzimmet. 
. Kinderzüchr. 

. Das Meerweib , 


. Der Riefe 
. Sefahren zu Pferde. 

. Das Koncert. 

‚ Die Petersfirche. 

. Die Todteserinnerung: 
. (Das Klofter.) 


(Die Fiſche.) 
und 
Menſchen—. 


Alter der 


Marnung; 


die 
Hereikc. 
Der Zwerg. 


29. 
30. 
PEE 
32. 


33 


46: 


Nee 


Das Schiff, inivendig 
Allerley Krüppel: 

Der Stolze. 

Der fromme Keaente; 
Die gute Haugfran. 


Freude und Traurigfeit; 
. Die Wiederkunft des 


Geliebten. 


.Der Lehrmeiſter. 


Die Taufe der Reformit⸗ 
ten und Lutheraner. 


. (Chirurgifche Operatio⸗ 


niert. ) 


. Ein falfcher Meßias. 
. Die Wilke 

. Rinderfpiete; 

. Wahre Andacht. 

. Kinder bey Tiſche. 

. Ungebhorfame Töchter: 
. Der Geisige, 


Die Meffe; 


. Das Abendmahl der Ken 


formirten und Lutheraner. 


Die Kreuz;uͤge. 
. Die Augsburgifche Kon⸗ 


feffion. 


.. (Nonnen. ) 
. Die Inquiſition. 
. Gottes + Exfentniß. 


Ve 


1190 Verzʒeichniß. 
V. Aus dem Naturreiche: 

1. Das kopernikaniſche Ey. 28. Sale, Erdharze. 

ſtem. 29. Der Waͤllfiſch. Det 
2. Der Menſch. Herina. 
3. Ein Garten. 30. Krankheiten, 
4. Das Krokodil. 31. Affen. 
s. Der Vefup. 32.: Der fowe, 
6. Vogelnefter. Der Biber. 33. Ülachs und Hanf, 
7. Das DObfervatorium. 34. Der Elephant. Das 
8 Das Herkulanum. Nafeborn, 
9. Das Holz. 35. Die Sonne. 
10. Kühe und "chra’e, 36. Der Mond, 
11. Saba. Thee. Kaffee. 37. Perlen. Korallen. 
12. Getraide. Hülfenfrüchte. 38. Das Auge. Das Ohr: 
13. Der -Nilfteom. 39. Das Mifrofcop. 
14. Die Inſekten. 40. Öefundbrunnen. Bäder, 
15. Daß Meer. Mufcheln. 41. Das Zucerrohr, 
16. Die Berge. Athos. 42. Feine Theile der Pflans 
17. Der ©: denwurm. zen. 
18. Schlangen ıc. 43. Deilfame Kräuter. 
19. Morgenländifhe Ges _ 44. Wirbel. Strubel, 

wächfe. 45, Steine. 
20, Die Bienen. 46. Der Delbaum. 
21. Die Gluckhenne ıc. 47. Weinbau. Hopfenbau, 
22, Naubtbhiere. 48. Sonnen » und Mondes 
23. Abgerichtete Thiere, Finſterniſſe. 
24. Liſtige Thiere. 49. Winde. 
26. Singvoͤgel. so, Ausiändifche Bäume. 
26. Das Bergwerf. Metalle. sı. Blut us lauf. 
27. Lufterſcheinungen. ” 52. Raupen. Schmetterlinge, 


BZ 


ao 


Verzeichniß. 1191 
VI. Berufsgeſchaͤfte. 


1. Kuͤnſtliche Weltkugeln ꝛc. 27. Der Feuerwerker. 
2. Der Töpfer, 28. Chymikus ꝛc. 
3. Der Bauer. 29. Der Schiffs zimmermann. 


4. Der Wundarzt. 30. Der Apotheker. 
5. Der Scharfrichter. 31. Die Glashuͤtte. 
6. Der Mäurerıc, 32. Der Fleiſcher. | 
7. Der Tifchler. 33. Der Weber, Der Schneis 
8. Der Schmied. der, 
9. Der Jäger. ıc. 34. Det Drechfler ic. 
10, Der Gerber ic, 35. Der Salender, 
11. Der Kaufmann. 36. Der Zimmermann, 
12. Der Miller. Der Beck, 37. Der Brunnenmeiſter. 
13. Der Papiermacher. 38. Der Arzt. 
14. Das Naturalienkabinet. 39. Experimental, Phyſik, 
15. Der Wagner ꝛc. 40. Der Färber ıc, 
16, Der Buchdrucker ꝛ c. 41. Der Zuckerbäcker:c, 
17. Seidenzurichtung. 42. Der Gärtner, 
18. Der Bildhauer. Der. 48. Das Hoſpital. 

Maler. 44 Das Zucht » und Tol⸗ 
19. Der Rupferftecher c. Haus, 
20. Der Wachgmacher :c, 45. Die Münze ꝛc. 
21. Die Ordination. 46. Der Uhrmacher, 


22, 
23, 


24. 


25. 
ö 26, 


Der Schmwerdtfeger ic. 47. Der Koch. Der Wietp, 
Das Fechten. Das 43. Die Reliquien, 


Tanzen. 49. Akademien. Schulen, 
Das Reiten. Das Balls 50. Der Schlöffer. 

haus, 5I. Die Anatomie, 

Die Mufif. 52. Algemeineg Berufsge— 


‚Der Goldſchmied ic ſchaͤfte. 


8Sitta vu 


1192 


3 
4 
5 
6. 
7 
8 


9. 


10. 


Vi. 


. (Die vier Jahrszeiten. ) 
‚ Jupiter , die Thiere und 


der Menfch. 


3; Der Hund mit dem Sleifche. 
. Der Wolf und dag Lamm. 
. Die iunge Fliege. 


Die Milhfrau. 


. Die Reife. 
. Der Beleidiger der Mas 


ieftät. 

Das Teftament. 

Das Vergnügen unb der 
Schmerz. 


. Zwey Bauern. 
. DerPauch und dieGlieder. 


. DieSröfche und bie Kinder. 
. Dee Mörder und ©e- 
rapis. 


. Die Lafter und die Strafe, 
Die Froͤſche 


und die 
Stiere. 


Der beſtrafte Verſucher. 

Die unzufriednen Thiere. 
Der Juͤngling. 

Der Hirſch und der Hund. 
, Die iungen Baunıchen. 

. Der Metbiofe. 

. Der grüne und der dürre 


Perg. 


. Der Hafe und ber Löwe. 
05, Die Brenneffel. 


26. 
27% 
28. 
29, 
30. 
31, 


32. 
33. 
34. 


35. 


36, 


37. 
38. 
39. 
40. 
41. 


42. 
43. 


4. 


45. 
46. 
47. 
48. 


49. 
80. 


51J. 
ES 


Verzʒeichniß. 
Fabeln. 


Der Kaͤſe. 

Die Diſtel und die Roſen. 
Stephan Lau. 

Der Bauer und die Eiche. 
Das einfallende Haug. 
Zufriedenheit der Dumfe. 
Der perſiſche Bauer. 
Berill und Fortima. 
Der abgebrannte Bauer. 
Der Mond und bie 
Sonne. 

Das Kind und die Rofen. 
Der blinde Glaube. 
Apollo und Minerve, 
Der Eber und dag Rebe. 
Phoͤbus und fein Sohn. 
Der alte und ber iurge 
Löwe. 

Die Grille und die Ameife, 
Die Biene und die Taube. 
Das Füllen und ber 
Pachter. 

Lam und Zenith. 

Die Gelegenheit. 

Der Mann und die Uhr. 
Ulcef. 

Die Weogfäule. 

Der Nordwind und bie 
Some. 

Der Tod ber Turteltaube. 
Die Welten. 


J. 
Jaad, 
Jahrmaͤrkte, 
Jaberszeiten, 
Jakob, 
Jalappenwurzel, 
Jaſon, 
Jericho, 
Ikarus N 
Illumination, 
Ingenteur, 
Ingwer, 
Inquiſition, 
Inſekten, 
Inſignien, 
Sonag, 
Joſeph/ 1. 
Joſeph, Kaifer, 
Iphigenia, 
Irrlichter, 
Irmenſaͤule, 
Iſaack, 
Iſmael, 
Jud Süß, 
Juͤdiſche Gefchichte,, 
Süngling y der / 
Jungfrauen, zehn, 
Jupiter, Thiere und 

der Menſch. 


K. 
Kaͤſe und Kazen, 
Kaffee, 
Kain und Abel, 


bi 


I 


—— 
— 


— 
+ — a) 


— — 


— 
— Da 


— —— — — 
—S— 


— 


Pe u ou 
: m» a 


[en — — 
— — 5 
* 0 


— 


Regiſter. 1201 
Kafıo, 1. 334, 
Kalender, I, 697, 

146. Kaͤmmacher, IE? TE 

Pe? Karl der Große, I. 365. 

— Kaſtanienbaum, U, \r122, 

150 Kaufmann, 1.’ 188, 

hin Kazen, J. 395. 

55 Kind, dasverettete, Ro 22. 

373. —;, das verlodine, 1. 151. 

> — und die Kofen, Ix. 725, 

599. — am Rbeinftro, 

337. Me, U. 7606. 

— Kinder, geſittete 

1145. und ungefittere. U. 313 

224. Sinderipiele, II 858. 664. 

a Kinderzucht , de a 

Er — ber Spartaner, 1. 368. 

Kirchenverſammlun— 
F gen, IE, 1082; 
150. Kirchgang, der 
49. belohnte, l, .297; 

300. Kleopatra, I. 997. 

— Kleppeln, ı. 834. 

105. Kloſter, IL, 521. 

* Klugheit, rettet 

715. vom Tode, U. 649. 
338. Koch, U, 1093. 
de König, von Polen, I. 430. 
„ — aufein Jahr, U. 1012, 
2° Königskinder, 1. 280. 
Kofosbaum , II. 1126, 
Koloſſus, J. 542. 

490. Kometen, I. 111. 

179. Koncert, I. 456, 

57. Kopernik. Spflem, I. 12. 


Koral⸗ 


1203 

Korallen, 8 
Korn, T. 
SKranfheiten, I. 
Kreuzzuͤge, it. 
Krieg N 1. 
Kriegskunſt, J. 
— der Alten, I. 


Kroͤnung eines rim. 
Koͤniges, J. 
Krokodill, 1. 
Kubeben, I 
Kühe y TI. 
Künfte f U. 
Kürfchner, I. 
Kupferfihmied, I. 
Kupferfiecher, I 


F 

Labyrinth, 
Laͤuffer, I. 
Lager, 
Lama und Zenith, I. 
Landcharten, 
Laſter und Strafe, 
Lau 1 
Legion, die donnerns 

de, Fr 
Leib des Menfchen, I 
Reichtglaubigfeit, U. 
geichtfinn,, 


— — — 
Gr 


” 


Leopard, J. 
Lichterzieher, 
Liebe zum Leben, 1. 
Lips Tullian, U, 
Liſſabon, I, 


Regiſter. 


758. 
197. 
569. 
1064. 
79. 
267. 
340, 


193. 
63. 
334 
163. 
1095 
165. 
488. 
535» 


47» 
347. 
252, 
936. 

16, 
258, 
529. 


566, 
31. 
674. 
125, 
394. 
357. 
61, 
934: 
7% 


Liſtige Thiere, 
Loͤwe r 
forbeerbaum , 
Loretto, 

Loth, 
Lukrezia, 
Lufterſcheinungen, 
Luftpumpe, 
Luftſchiff, 
fügner, 
Lykurgus, 


Maͤrtyrer ! 

Maurer, 

Magnet, 

Mahomed, 

Maieſtaͤts Belei— 
diger, 

Maler/, 

ann und die Uhr, 

Manna, 

Mandelbaum, 

Maria und Martha, 

Mars j) 

Maſtix j) 

Materialifte , 

Mathematik, 

Maulthier , 

Maufedavid; 

Maufoleum, 

Mecca, 

Medea, 

Medina, 

Meer, 


Meerkazen, 

Meilenſaͤule, 

Memnon, 

Menagerie, 

Menſchen, 

— Leib und Seele, 

— Anzahl, 

— wilde / 

Menichenopfer , 

Meilen, 

Meße der Katho— 
liken / 

Meßias, falſche, 

Metalle, 

Midas, 

Mifroffop, 

Milhfrau, 

Miller, 5. P. 

Mitleiden 

_ belohnteg, 

Moͤnche, 

Moͤrder und Sera⸗ 
pis, 

Momordika 

Monarch, 

— der Fromme, 

Mond, 

Mondsveränderun. 
gen, 

Mond und Sonne, 

Mondefinfterniffe, 

Moſes, 

Müller, 

Münze, 

Mumie N 


Regiſter. 1203 
I. 594. Murmelthier, L "416 
I. 1098 Mufıheln, L,14254 
11. 824. Mufen, II. 1098, 
1. 607. Mufikalifche In— 
I. 26. -firumente,: I. 450, 461, 
1. 312 — Wunderfind, : "1: 467: 
I. 214. Muffatnußbaum,: II. 1124. 
1. 585 Muthloſigkeit, 1.399) 
T. "Ta 
IL, 999, N. 
II, 1028, Vachtigau, Te, ‚460 
RIESE Nachtwanderer, II. 898. 
ag, ben, IL... 832, 
1 o8R, Ragelfchmied, I, ‚130; 
I. 810, Nafenhorn, Il. 668, 
— Naturalien, I. 236. 
11.8 Rebucadnezar, IL. 383, 
ill 0 ED, U 183. 
In Neptun, u. 764. 
; " Nero, 1. 300 
Il. 1111, Nefter, — 
1. 238. Nicea, II. 1082, 
I. 917, Nikel Liſt, U. 938. 
—T8 — U. 828. 

Ril/ IE, 
ie a Noah, - : * 
A 22, Nonnen, ır. — 7* 
rag Noerdſchein, —A—— 
rei Nordwind und | 
I, 1067, ‚Söhne; 1. ar 
1. * 208, 
1. 198, O. 
. 980. Obſervatorium, IL1609. 
L. 318, Ochſe, eberner, 1, 597, 


Oedi⸗ 


1204 Degiftet‘ 





Dedipud, J. 221, Peterskicche, 1, 479. 
Del, II. 1001, Pfeffer, 333%, 
Ohr, U. 788: Pferd; i., 428, 
Olympiſche Spiele, I. 422. Pflanzen, TR 
— Jupiter, 1. 492. Pflanzentheile, II. 888. 
DOpfergebräuce, 1. . 379% Phaͤdrus, TE 
Orakel, 1. 295. Phaeton, it- . 702. 
Drden, I. 192. Pharus, 1. 247. 
Ordination, I. 375. Philemon und 
Oreſtes, 1. 151. Baucis, 1. ıi5, 
Drgel, 1. 452, Philologie, 1. 1092. 
Defan; 14. 1087. Philoſophie, II. 1095. 
Orpheus, 1. 466. Phoͤbus und fein 
Ovidius, 1. 454. Sohn, rl... 847. 
Phyſik, IL. 1094. 
P. Pindarus, 1.4536 
Pädagogen, 1. 860. * AR. AR 
autuß, 1 453% 
Magode, 1. 288, Pluto, 1 
Palmbaum / II. 1125. Moehie, vn. 
Dan, Ei 522. polypen, 1. 236. 
e— 49° Pomeranzenbaum, AT. 1125. 
Papagepen, | 47. Pomona, 1. 201, 
Papiermacher, J 217. Porcellain⸗ Thurn, 1. 474 
Papierſtaude/ He Drieftertrachten , %: „287, 
Paris, —— Prieſterweihe, N. A 
Parzen, ı 67: Nrinzenzaub, 1. BZ 
Pelikan, I. 374 Prometheus, 1.39. 
Penelope, U. 996. Hulvermuͤhle, l 398. 
Pentheus/ —— Pyramiden, 1. 89. 
Perilus, — — Pythagoras/ II. 1116. 
Perlen, 2. 129. Pythia , 1. 296, 
—— Porbifche Schlan · 
Balfam, N. 917. 9, 11. 1074 
Dei, I, 77. 


Biber, 
Dienen, 
Biene und Taub', 
Bildhauer , 
Binder Glaube, 
Blindes Frauenz. 
Bliz, 
Bilut⸗Umlauf, 
Boͤrſe in Londen, 
Braun, H. 
Breaneſſel, 
Breunſpiegel, 
Brief eines Ver⸗ 
ſtorbenen, 
Brunnen; 
Brutus, 
Buchbinder, 
Buchdrucker, 
Buchhändler, 
Büchfenmad)er, 


C. 


Calas, 

Campe, J. H. 
Canut, 
Carrouſel, 
Carteſ. Teufel, 
Gartoudhe, 
Gato, 

Ceder, 

Gereg, 
Charybdis 


Regiſter 


3a,,.98: 
I, 351. 
II. 922. 
1.:"339, 
ll. 763. 
II. 796. 
1307; 
II. 1147. 
T. "176. 
I. 861. 
I, 464. 
II. 820. 
IL 1180. 
3.76% 
1.- 369. 
1,20% 
1073, 
1.7978, 
I. 398. 
II. 657, 
Il. 863, 
I. 261, 
I. 407. 
II, 819. 
I. 935. 
I. 1118. 
Ih, II23. 
J. 058 
I. 941. 


1197 
Chimära , IL 4. 
China - China , II 9ı6, 
Shineifhe Aneft, I. 202, 
— Pagode, I. 288, 
— Geſchichte, ll. 833. 
Shirurgifche Operat. 1. 783. 
Chriſti Geburt, ll. 677, 
— jugend , ll. 709: 
— Taufe, il. 73% 
— Wunder, 1. 767. 799% 
— Rinderliebe, II, 856. 
— feiden x. II. 1049. 


Chriſtliche Geſchichte, II. 740. 
Chriſtenverfolgung, Il. 1137. 


Chymiſches Labora⸗ 


torium, 
Cicero, 
Circe, 
Gtronenbaum/ 
Codrus, 
Columb , 
Gonfuciug , 
Crotch in Englanb, 
Croͤſus N 
Gurtiug, 
Eyflopen, 
Cypus/ 


D: 
Häpalug , 
Daniel, 
Dattelbaum, 


Kkkhz— 


IJ. 526. 
Il. 1118, 
J. 401, 
Il, 1125, 
il. 1062, 
I. 326, 
ll. 835. 
I. 467. 

965. 
. 1063, 
]l. 133. 
1. 209, 


I. sm, 
II, 603, 
11, 1125, 


David, 


Regiſter. 


1193 
David, 1 403. 425. 447. Entwürfe, vergeb⸗ 
Demoſthenes, Il. ııız. liche, uni 
Deukalion, J. 83. Epimenides, 
Deutſche Goͤtter, IL 1129. Erdbeben, 
Diamant, II. 974. Erde, 
Dianentempel, II. 726. — £aufbahn ber, 
Dichier der Alten, J. 452. Erbharze, 
Dichrfunft, J. 454. Erfentniß Öotteg, 
Dido, I. 997. Erloͤſete, 
Diogenes, U. 1117, Erſtickte, Rettung 
Diſtel und Rofen, J. 310.  berfelben, 
Dockennacher, 1. 871. Eifel, 
Doge zu Venedig, I. 343. Eſther, 
Drechfler, II. 670, Etna, 
Ducatenregen, II. 990. Evangeliſten, 
Experimental⸗ 
E. Phyſik, 
Ebbe und Fluth, . 254. 
Eber und Rehe/, Il. 822 F. 
Er chfteine, U, 974. Fabricius, 
Egpbüifche Mertw. J. 216, Faͤrber, 
— Plagen * I. 226. Familie, die gute, 
—Goͤtter, J. 239, Farben, 
Eigenmille, I. 106, Faunen, 
Einſiedler, I. 533. Fechten, 
Elektricitaͤt, II. 771. Feder, J. G. H. 
Elemente, I. 21. Fedderſen J. J. F. 
Elephant, Il. 665. Feigenbaum, 
ei, I. 365. Selbbau, 
Eliaß, T. 497. Feſte, 
Elifa, I. 515. Seuerfreffer, 
Ende der Welt, II. 1157.) Feuerordnung, 


I. 
I. 


525. 
1166, 


270 · 


784. 
428. 
627. 

8% 


. II0o6, 


816, 


135. 
844 
161, 
845. 
600, 
418. 
862. 
864. 


1, 


50. 
698. 
229. 
107. 


Feuers, 





Seuersbrunft , I. 
Seuerfp. Berge, J. 
Feuerwerk, J. 
Fieberrinde, II. 
Finſterniſſe, I. 
Suche, I. 
Fifherey, I. 
Flache, Il. 
Fleiſcher, II, 
Sliege, die iunge, 1. 
Slora N I. 
Flucher J. 
Folgſamkeit, 1 
Frauenzimmer, 
unartiges, J. 
Srauenzimmer» Des 


fchäftigungen, LI. 931, 


beruͤhmtes, II. 
Sreßer , Bar 
Freude und Trau— 

rigkeit, II. 
Freun ſchaft, 
Freundſchaftsprobe, J. 
Freymaurer, II. 


Froͤſche und Kinder, 1. 


— — Btiere, I; 
ums; J. 
Fuͤllen und der 
Paͤchter, II. 
Furien, 


Fußwaſchen, Il, 


Kegifter. 


2:5) 
125. G. 
79% 
508. Galeeren, J. 308, 
916, Ganymed, 1. 5ı2, 
1067. Garten, L. 5. 
10. Gaͤrtten zu Babylon, II. 885. 
148. Gartner, II. 892. 
639. Gaſtfreyheit, 1l. 922. 
616. Saftmahle der 
82, Alten, Tl. 1045, 
201, Gebote Gottes, I. 263, 
318, Gebrechen. des 
“ 106. feibeg, 1... 567, 
Gebunt des Mens | 
349. fen, I. 212; 
Gedeihen Gottes, J. 88, 
840, Gefahren, 1. 207, 
— im Reiten, I. 432. 
995. Gehorfam, I. 139. 
348. Geizige, II. 970. 
Geldforten, dl. 982. 
663. Gelegenheit, Il. 1009, 
213 Gelehrſamkeit, I. 1092, 
443. VBerber, 1. 164. 
905. Geſchoͤpfe, —J 
220. Geſeze der zwoͤlf 
278. Tafeln, I. 268. 
433. Beſpraͤche eines Va⸗ 
ters und Sohns, II. 878. 
949. Geſundheit ı die i 
673, theure, I, 1048, 
1016. Geſundbaͤder, 14: 842. 


Geſund⸗ 


1200 
Befundbrunnen, II. 
Getraide, I. 
Gewicht, J. 
Gewurznelken, T. 
Geyer, I. 
Giganten, J. 
Glashuͤtte, II. 
Globus, J. 
Gluckhenne, J. 
Gluͤck, 1, 
Goͤtter der Griechen 
und Roͤmer, 1 
— ber Deutfhen, IT. 
Gsttinnen der Gries 
chen und Römer, I. 
Goͤzenbilder, J. 
Goltfchlager, I. 
Goͤldſchmied N J. 
Gorgonn, 
Grab Coriſti, u. 
Granatbaum, II, 
Grazien, IF, 
Gyille und Anteife, 1, 
N. 
Haafe und Live, 1, 
Hagar, —J 
Hammerwerke, 1. 
Handwerke, T. 
nf, II. 
Haͤrniſchmacher, ] 
Hepyen, J. 
Nie, I. 
Kir- ; 1 


Regiſter. 


841. 
197. 
181. 
333. 
395. 

99. 
594. 

15. 
373: 
183. 


317. 
1129. 


647. 
304. 
439, 
488. 
441. 
10:9. 
1124. 
673. 
895. 


439. 
105, 
487. 

3 
640. 
TIT, 


442. 


an 


r 


SE, 


21. 


* 


— einſtuͤrzendes, 1, 
Hausfrau, die gute, I], 
Hecht, % 
Heering, J. 
Heidniſche Geſchich⸗ 

te, 11. 
Herkfulanum, J. 
Herkules, I. 
— — — auf dem 

Sceitemwege, I. 
Heſiodus, I. 
Himmel der Alten, 1, 
Himmelsfugeln, 1. 
Diob, U. 
Hrfh und ber 

Hund, I, 
Hiefiag, 
Hiltorie, Il. 
Hochzeiten der RE. 

mer, 1, 
Höflichkeit, I. 
Hoͤlle der Alten, I 
Holz, I. 
Homerus, ], 
Hopfenbau, it. 
Horatiug, I; 
Hofpital, I. 
Huͤgel und Berg, 1. 
Hunde, I. 416. 
Hund mit dem 

Fleiſche, I, 
Hyäne, I, 
Hyperacuang , u, 


575. 
638. 
396, 
549, 


807, 
128. 
359. 


52. 
452. 
11775 
16, 
651, 


358. 
561, 
1092. 


167, 
140, 


Ta 


143. 
452. 
1037. 
454. 
918, 
434. 


52. 
395. 
915. 





Regiſter. 

R. Salze, 1 
Raubthiere, I. 394. Samuel, L. 
Raupen, it, 1169. Satprens nt. 
Recht machen, fann Saul, I. 

mans nichtallen, I. 559 Schafe, I. 
Nechtögelehrfamteit, ir. zogs. Shrrfeichter, ME 
Reich der Todten, I. 1177. Scheiterbaufe , 1. 
Reicher Mann, IL 959. Scheppard/, I. 
Reigerbeize, 1. 147. Schickal, 1. 68. 
Reis, J Schieſſen/ T- 
Reiſen, der vorigen Schiffe, I. 

und iezigen Zeit, 1. 158. 7 auswendig, I. 
— berSjfraeliten, 1. 262. 321. —! inwendig, I. 
Keitfchule, 1. ag7. Schiffs zimmermann , 1. 
Reliquien , It. 1070. — Pumpenmacher, I. 
Rhabarbar, I, 915, Schlacht zu ande, I. 
Rheinfall, 1 325. — zu Waſſer, 1. 
Richterſpruch, 1. 494. Schlaf, I, 
Riemer, 1. 166. Schlangen, 1. 
Rieſen, I, Schleuber, I- 
Niefenftreit; 1799 Schleffer , | I 
Ningrennen, I. 407. Schmelzwerke, 1. 
Robinſon Cruſoe, 1 885. Schmetterlinge, 
Kombis Remus, 1. 39. Schmied, * 
Roͤmiſche Geſchichte, II. 682. Schminke, Ile 
Roſenfeſt, In 654. Schneider, II. 
Nofenkrang , I, ra, Schoͤpfung, 1. 

Schulen, II. 

S. Schuſter, 1. 
Saame, 11. . 888. Schwerdtfeger, 1. 
Saͤemann, 1. 880. Schwunmer, 1. 
Säugtbiere, 1. 1.2, Genlla, 1. 
Säulenordnung, 1. 290. Seegelmacher, ä 
Safran, 1. 334. Seele des Menfhen, I 
Sago, 1. 333. Seidenhandlung I 
Salome, 3. en L. 


Us I 


291. 


Seife/ 


1206 Regiſter. 


Seife, Me 846. Sternbilder, Bio, 
Geiler, ır- 644. Sternwarte, 1. 109, 
Seiler, ©. Fr. ”*: U. 863. Stiergefechte, I- 408. 
Semiramis, II. 998. Stiftshuͤtte, J. 234, 
Genefa, II. I143. Stolz, 1I- 588. „ 
Sibyllen, ı 278. Strafen, Li: 302, 
Eicherheit , I. 122. Stricken, bad, TI 838. 
Siebenfhläfer, TE 897. Strudel, 11. 941. 
Simfon, 1. 343. Student, ein Mörder, IL 956. 
Singvoͤgel, J. 459. Sturmwinde, lg. 1087. 
SinnenderMenfh. J. 28. Sünden ber Sfrael 1. zor. 
Sirenen, :  L 443. GSündenfall, 1. 42. 
Sklavenhandel, 1. 173. Suͤndfluth, —— 
Sodom u. Gomorrha, J. 119. Sylvanus, 11. 600. 
Sofrateg, U. 1118. 1142. Syſtem, Ffopern. I 1% 
Solon, U. 965. T 
Sonne, II. 688. Tabak, en : ) 
— ber Alten, I 702. Taͤucherglocke, 1. 501. 
— und Nordwind, II. 1128. Tageszeiten, 11. 692, 
Somnenfinfterniffe, II. 1067. Talisman, 1.' 387. 
Sophokles, 1. 463. Tanzen, I. 420. 
Spartanifche Kinder Tarif und Thirza, I. sı2, 
sucht, 1. 368. Tafchenfpieler , I. 229. 
Sphynx/ I. 122. Taufe der Katholik. IL. 736. 
Spiele der Alten, I. 422. _ Griechen, 1. 738, 
Spinnen, bie, I 435. — Reformirten, 1. 753. 
— das, I. 640. — Lutheraner, IL. 753. 
Sprachrohr, U, 820, Telephus, 1, 576, 
Staarflechen, ı. 783. Terentiug, 1, 452. 
Starke Menfhen, J. 347. Teftament , I. 199. 
Steine, M. 971. Thales, U, 1118, 
Steinmez, I. 96, Thee, 198 
Steinfchneider, II- 984. Theofritug, 1 453. 
Stephanus, U. 1135. Theologie, II. 1097, 
Sterbebette, I 1499, Theophraftug, I, 1117, 


» Theſe⸗ 





Theſeus / — 
Theurung, I, 
Thiere, vierfüßige, 1- 
— Raub» I. 
— liſtige, I: 
— abgerichtete, I. 
Thurn zu Babel, I, 
— von Porcellain,. 1. 
Tieger, I, 
Tifchler, I, 
Titanen, J. 
Tod, derTurteltaube, IT 
Todtenföpfe, IL, 
Todeserinnerung, 8 
Töpfer, 1. 
Toleranz, I. 
Tollhaus, JI- 
Tournier, J. 
Traͤume, J. 
Transport, 1. 
Trepaniren, N, 
Trieb zum £eben, 1. 
Triumph , 1. 
Teota, 1. 
Tugenden, Il. 655. 994. 
Zugendtempel, IL, 
Tuͤncher, ERCH, © 
Türkifhe Gefchichte, I. 
% 
Uhrmacher, II. 
Ulyſſes, J. 
Ungeheuer, 1. 392. 
Ungehoͤrſam, I, 


— macht unglücklich, IL. 
Ungerathene Söhne, II. 


Regiſter. 120; 
48. — Töchter, I 939. 
78. Univerfitäten, IL. 1091, 
7. Unfchuld. Minifter, 1. 623. 

394. Unterricht, Il. 720, 

433. Unzufriebne Thiere, ı1- 316 

415. 

87. Vanille, I- 324. 

474. Vater, ber beftrafte, 1. 382. 

394. Berdienft ,e bringt 

113 Achtung, 17 3438, 

100, Verfolgungen, I. 1137. 

1152. Vergnuͤg. u. Schmerz. 1. 166. 

1161. Perlohrner Sohn, I, 927 

504. Verlaͤumdung, 1... ı183 
34: Verfailleg, II. 762 

1159. Verfleinerungen, IT 979. 

944. Berfucher, beflrafter, I. 294. 

406. Verwandlungen, IL 874. 

169. Beftalinnen , lj. ro1o. 

257. Veftungen , I. 329. 

734. Birgiliug, I., 454. 
61. Voͤgel, Ta 

501. Bogelfang , 1 447. 

122. Dogelnefter, 1.93. 

1081. Vulkan, 8.039. 

733 W. 

2 Wachgmacher, I. 356, 

775. Waͤſche, il. 840. 

Wagner, I 

1003. Wahrſager, NR SAT. 

259. Waizenu.Unfraut, II 881. 

441. Waldgötter, II. 509, 
49. Wallfarth nach Mecca, J. 248. 

873. Wallfiſch, J— 

932. Wanderer u. Meilenſ. I. 1098. 
£llla ap. 


1208 Regiſter. 
191. Wolluͤſtling, HM. 94. 


Mappen, T. 
Warnungen, 1. 49. Woltemade, II. 1075. 
— drey, 1. 578. Wohlthaͤtiger 
MWaflerfall, 1. 5325. Mann, Il. 826. 
Mafferhofen, II. 087. Münfchelruthe, \. : 388, 
Waſſerſpeyer, I. 230. Würmer, 1." 235. 
Weber, m. 641. Wundarzt, 1. 64. 
Meiber zu Weins⸗ Wunder der Heilig. IL. 802. 
berg, . 1348 Wunderwerfe, der 
— böfe , gut zu Welt, I 90, 
machen, #206, 
Weinbau, If. 1035. 3. 
Meife, und Rare, IL 601. Zebra, X: 429, 
— die inden Mond Zeit, Eintheilung | 
reifen, 1. 41 derſelben, II. 694. 
Meiffe, Ch. F. 11. 862. Zerfisrung Jerus. 
Welten, 1. 1175. falemg, Il. 1163, 
Meltfugeln, I. 13. Zeurig, 1.35%, 
Merfe ver Barm. II. 903. Zigeuner, 1. 242. 
Welpen, I, 94, Zimmermann, ıI. 724. 
Miederfehen, 11. 728. Zimmet, I. 338. 
Winde, 1. 16. Zirfelfchmieb, 5 131. 
. Wirbel, 11: 941. Zorn, Mittel wider 
Mirth, T. 1041. denſelben, 1. 6. 
MWiffenfchaften, IL. 1092. Zuchthaus, II: 944, 
— NHuldigung ber, It. 1100. Zucerrohr, II. 868. 
Wohnungen, I, 108. Zuckerbäcer, I. 870, 
Wolf, 1. 394. Zufriedenheit der 
— wird erlegf, 1. 58 Dunſe, II. 588, 
— undfamm, 1. 66. Zwerge, L 411. 


—— — 1223 

















2355655 


Author&höy, Theoder 8. (@d.)....... in Te 


| 


Titie Bilderakademie für die Jugend. Vol.R. u. 











DO NOT 
REMOVE 
THE 
CARD 
FROM 
THIS 
POCKET 


Acme Library Card Pocket 


Under Pat. ‘Ref. Index File’ 
Made by LIERARY BUREAU